Heimat!

Die Heimatdichterin Martha Müller-Grählert. FOTO : bei RUDI Witzke

 

Heimat!

Heimat??

Ein Ausruf.

Zwei Fragezeichen…

 

Ich lese, was ich liebe.

 

Ich liebe das Rauschen der See, das Plätschern des Haffs, von uns Bodden genannt, ich liebe den Ort, wo die Weiden kuscheln und uns im Badetrog Schippernden am Rie-Graben einen Rastplatz lassen.

Dort ist Platz für die Stärkung mit Stickelnbeeren-Saft und Smaltbrot-Stull, ich liebe die kleinen Buttscher, diese kindlichen Mannsleut und ihr „Boot“, das sie in ihre weite Welt trägt.

Ich liebe den Mövenschrei im Dünenland, ich liebe das Land, das Heimat war, ist und bleibt. Die Lebensgeschichten kamen und vergingen im Flug. Und in der kurzen Spanne Zeit soll das geboren sein, soll diese Verwurzelung erfolgt sein, die Heimatland, Heimatsprache, Heimatworte, Lieder und Gedichte überschrieben sind?

Dagegen steht das doch lebenslange Schaffen in einem Tätigsein für kleine und grosse Menschen, kleine und grosse Sorgen. Hat diese Zuwendung keinen tiefen Gefühlsgund in dir gehabt?

Man findet heute leicht Menschen, die allem, was ihnen begegnet, Ziffern geben können. Die aus den Aufstellungen herausströmenden Ergebnisse sind logisch. Jede Sache, und alles kann man zur Sache machen, wird damit aber auch teurer und komplizierter. So kann das Heimatsein, das Heimathaben verdrängen. Ein Pflegedienst-Schwester wendet sich ihren Pfleglingen der Pflegegrade 3 und 4 und all den anderen nicht mit „Mutterwort“ und „Muttersang“ zu, sie evaluiert mit Zahlen, Tabellen und dokumentiert.

 

Ich werde von ein paar „Sachen“ der Heimat erzählen. Im grossen Badeort Zingst gibt es ein Museum, ich denke, es ist ein Heimatmuseum. Nach der Wende oder in der frühen Zeit unserer deutschen Einheit (lieber schriebe ich unserer Deutschen Einheit) gab es viele kleine und grössere Ereignisse, die mit Heimat etwas zu tun haben.

Auf dem Zingst im Badeort Zingst sammelten die Zingster Dinge, die ihre Vorväter und Mütter durch das Leben begleiteten.

Frieda trug ihre Wiege mit Luren und Binden hin zum Museum. Dort können nun Menschen sehen, wie Vorvätergenerationen gepflegt, gewiegt, besungen werden konnten. Ich berichtete Frieda und ihrem Mann Heinz, daß ich von meinem Urgroßvater noch eine wohl fast drei Meter lange Nabelbinde habe. Den Vorfahren war die Stätte, wo jeder Nachfahre zum Kontakt mit der Draussenwelt kommt, geheimnisvoll. So wurde der Nabel denn auch gepflegt.

Uropas Binde! Er hatte sie selbst gewebt. Das feine Leinen begann schmal, erweiterte sich zur Mitte hin und verengte sich wieder. So sicherten die Altmütter das neue Leben. Frieda war begeistert. Wir brachten zu viert unsere Nabelbinde ins Museum. Frieda und Inge erkärten, Heinz zeigte mir Friedas Wiege mit dem wichtigen Drum und Dran.–

Wohl dann zwei Jahr später. Wir sind dort im Museum, und ein kecker Geist flüstert es uns ein: Die bemalte Wiege, welch ein Prachtstück! O ja, sehen Sie hier! Ich habe von gewebten Nabelbinden gehört, schmal beginnend, dann breit? – Das ist mir nicht bekannt. Niemand kennt die Geschichte dieses Stücks Leinen. Wo mag es nun sein?

Der Ostzingst ist ein schmale, von West nach Ost verlaufende Landzunge, die im Süden das Haff, den Bodden einschliesst. Die schmale Landzunge wird im, Norden von einem Gürtel hoher, weisser Dünern geschützt. Dann folgt die Landzone, die , entwässert, Land bot für weidendes Vieh. In von Dornbüschen vor Windverwehungen geschützten „Gärten“ gediehen Hackfrüchte, auch Hafer und Gerste. Man fand artefacte und bewies so, dass dieses Land wohl 5000 Jahre besiedelt gewesen sein dürfte. Das Jahrhundert der Menschen vertilgenden Kriege hinterließ auch auf der Sundischen Wiese, so nannte man das Land der 26 Bauern, ihre Spuren. Nach militärischer Sperrsone wurde renaturiert. Da Meer soll sich das Land wieder holen, was eigentlich unmöglich ist. Denn es war nie da. Zu den letzten Häuser, die nach den Kriegen noch standen, gehörte auch mein Geburtshaus. Meeresgrund soll dort nun sein. Man baggerte das Haus fort. Doch bevor die Bagger ihr fröhliches Baggerlied über das Land tragen, holt mir ein Freund aus meinem Haus den Treppenpfosten, der ein Symbol des Lebens und meiner Erziehung wurde. Heute steht er in meinem Haus.

Das war die zweite Heimat- Geschichte.

Kurz noch die Letze. Ich schrieb nach der Deutschen Einheit Geschichten meiner Kinderzeit auf dem Ostzingst. Es fanden sich Interessierte, denen schickte ich die „Lebendigen Erinnerungen“, im Westen erinnerte ich, der beinahe ein Ossi, als Vorleser an diese Kinderzeit. Für das Zuhören oder Lesenkönnen, natürlich in der Muddersprache der „Kinnertiet up de Sunsche Wisch“ , sammelte sich in der Dankeschön-Kiepe im Museum ein schönes Sümmchen.

Die Chefinnen und Chefs des Zingster Museums beschlossen, dass für das Martha-Müller-Grählert-Zimmer noch ein größeres Ölbild-Porträt unserer Heimatdichterin eine Bereicherung wäre. Das hängt nun dort. Ich bekam ein besonderes Foto.

Niemand weiß, wer das denn sein mag, der an der Schlafzimmerwand bei mir einen Platz erhalten hat.

Und nun wird das viegelisch, verwirrend. Ich erzähle von meiner Mutter und dem „Urenkelsong“, den ich zitiere:

Un mien Mudder findt de velen Steden wo de Ostseewellen vun Martha Müller Grählert born sünd.. Dor is Borth, liek gegenöver Zingst un hier ünnen liggt Franzboorg. Un se höört se singen nu ok vun de Insel Helgoland. Martha Müller is de Leder-Urgrootmudder, de al vele Leder-Kinner un Kinnskinner begröten kunn, de vun ehr Oostseewellen stammen. Maat Edens Leed is denn villicht al een Urenkel-Song.

Wo de Ostseewellen trecken an den Strand,
wo de gäle Ginster bleught in’ Dünensand,
wo de Möwen schriegen grell in’t Stormgebrus,
dor is mine Heimat, dor bün ick tau Hus.

(weiter bis strophe 4

Und dann zitiere ich das Holtfakkhuus von Erich Eden als ein „Enkellied“)

 

 

 

 

Un mien Mudder findt de velen Steden, wo de „Ostseewellen“ vun Martha Müller Grählert born sünd..

 

Dor is Borth, liek gegenöver Zingst un hier ünnen liggt Franzboorg. Un se höört se singen nu ok vun de Insel Helgoland. Martha Müller is de Leder-Urgrootmudder, de al vele Leder-Kinner un Kinnskinner begröten kunn, de vun ehr Oostseewellen afstammen. Maat Edens Leed is denn villicht al een Urenkel-Song.

So pleegt Ewald Eden unse Heimat un uns Singen. Kunn angahn, dat dor ennerwornns een Urur-Enkel dorbi is up de Welt to kamen.

„Wo de Ostseewellen trecken an den Strand,
wo de gäle Ginster bleught in’ Dünensand,
wo de Möwen schriegen grell in’t Stormgebrus,
dor is mine Heimat, dor bün ick tau Hus.

Well- un Wogenruschen wiern min Weigenlied,
un de hogen Dünen seg’n min Kinnertied,
seg’n uck mine Sähnsucht un min heit Begehr,
in de Welt tau fleigen öwer Land un Meer.

Woll hett mi dat Läwen dit Verlangen stillt,
hett mi allens gäwen, wat min Hart erfüllt,
allens is verschwunden, wat mi quält un drew,
häw nu Fräden funden, doch de Sähnsucht blew.

Sähnsucht nah dat lütte, stille Inselland,
wo de Wellen trecken an den witten Strand
wo de Möwen schriegen gell in’t Stormgebrus;
denn dor is min Heimat, dor bün ickt tau Hus!“

 

 

Un so singt Ewald Eden dortau:

In dat ole Holtfakkhuus

(Melodie: Wo die Nordseewellen / Ostseewellen …)

In dat ole Holtfakkhuus dor stuuv an d’ Diek
mit dat Reitdakk, kolkengröön un riek
dor bün ikk geboren – is d’ ok laang all her
dat wee mien Tohuus – un liekers noch veel mehr.

Up de gröönen Wischen, dor in d’ Marschenland
wor dat Wullgras bleut bit an Woaterskant
dor hett mi all domoals all’ns interesseert
will vandoach noch weeten, wat dor so geböört.

Peer un Woagen trukken dör de stuure Grund
un de Kaarktoornklokk mook de Tied us rund
dat is all laang Güstern – een büld ok nich mehr dor
wat dat Haart mi angung un mi hillich wor.

Foaken denk ich trüch, an disse moie Tied
an dat Holtfakkhuus in dat de Welt so wiet
dor wass ikk gewoahr, wat mien Läävens Sinn
un woarüm ikk blossich hier up Eerden bün.© ee“

 

Erinnerungen von von : ©Rudi Witzke

 

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Irma und die Ernährungsfrage…

 

Irma und die Ernährungsfrage…

 

Viel denken die Menschen heute über Essen und Trinken nach. Da kommen  dann Wörter wie Cholesterin, Triglyceride, LDL, HDL, Omega-Fett in Fisch, Ballaststoffe, Konservierungsmittel, Farbstoffe, Geschmacksverstärker und viele andere vor. Auf jeder Packung steht alles kleingedruckt auf der Rückseite. Dann sind aber noch die tödlich wirkenden Gifte, die —  Cide zu beachten, die Herbi- und Fungi- und Insekticide.

Das ist nun mal der Preis für eine neumodische Ernährung. Da gibt es Kiwis aus Neuseeland mitten im Winter, Kartoffeln aus Cypern, Spargel aus Spanien, Blumen aus Columbien, Erdbeeren  fast zu jeder Jahreszeit. Lastenflugzeuge fliegen um die ganze Welt und bringen die Sachen zu uns und lassen ihre Auspuffgase in der Luft, jede Nacht sind sie unterwegs. Tausende von großen Flugzeugen.

Und durch die Meere pflügen große Frachter, mit Kühl-und Begasungsmaschinen ausgestattet, vollgestaut mit Lasten. Sie bringen Bananen, Apfelsinen, Nektarinen, lebende gequälte Rinder und auch Sachen, die ich partu nicht kenne. Es ist kaum zu glauben, aber wahr: „Die 15 größten Seeschiffe der Welt stoßen jährlich mehr schädliche Schwefeloxide aus als alle 760 Millionen Autos weltweit.“ (Wikipedia). Die Rede ist von den Luxusliner, die auch in einer Papenburger Werft gebaut werden. Die Container-Frachter und Öltanker hat noch niemand gezählt.

Luft und Wasser werden durch diese Massen-Transporte  weiter verschmutzt. Auf den Autobahnen gibt es keine Pause, Tag und Nacht nicht: Laster an Laster brummt und öselt Dieselrauch mit Stickoxiden und Feinstaub. Sie bringen ihre Last bis zu den letzten Supermärkten. Bei uns brummt es die Nächte hindurch auf der A 1. Es hört sich wie das unheimliche Brausen  des Meeres an. Motorradfahrer geben Gas und ihre Maschinen heulen auf. Es gibt auch eine Umweltverschmutzung durch Krach und Dauerlärm.

Mich regt am Meisten bei all diesem auf, daß morgen der Fischmann kommt und Viktoria-See-Barsche, die heute gefangen werden, auf seinem Eis liegen hat. Der Viktoria-See liegt mitten in Afrika. Der Viktoria-Barsch frißt alles, was schwimmt, nach Blut oder Verwesendem „riecht“. Es dauert nicht mehr lange, bis dieser dort ausgesetzte Fisch die heimischen Fische ausgerottet hat. Bis dahin aber bringt er den Fischereiflotten, den Transportunternehmen und Fischhändlern Gewinn. Für diesen Gewinn wird eine gewachsene Lebensgemeinschaft von Pflanzen und Tieren zerstört, mitten in Afrika, wo der Hunger sich mehr und mehr ausbreitet.

Sauermilch heißt heute Yogurth und Cephir, mit Früchten oder ohne, Magerstufe oder mit ein klein bißchen Fett drin. In großen Kesselwagen wird die Milch zu den großen Molkereien, die auch Michwerke genannt werden, gebracht.Wieder brummt, braust und qualmt der Riesen-LKW auf der Autobahn. Wir kaufen Sauermilch aus Bayern und die Bayern dann wohl  Milch aus unserer riesigen Hansa-Meierei. Hier die Anschrift: Hansa-Milch AG Meiereiweg 1 23936 Upahl Mecklenburg-Vorpommern. Bis dahin lieferten die holsteinischen Milch-Bauern nach Lübeck, auch schon eine Zentralisierung, jetzt nach Upahl in das Nachbarland Mecklenburg-Vorpommern. Früher hatte jeder Flecken (größeres Dorf) seine Molkerei. Und seine eigenen Käsesorten. Wir aßen gern Käse aus Gnissau. Dort stand eine kleine Molkerei.

Am Käsestand im Supermarkt kommt man völlig in’s Schleudern. So viele Sorten liegen da im Kühltresen mit ganz kuriosen Namen. Uhd wohl hundert Sorten Brot sind im Angebot, hin bis zu Vinschgauer und Südtiroler.  Im Supermarkt quellen alle Regale über, auch in den Abteilungen für Babynahrung oder Katzen- und Hundefutter – auch dort.

Da muß man mit Geduld und Verstand „Einkaufen“ üben. Ältere Mitbürger schaffen das oft nicht mehr. Sie finden unter den fast tausend Angeboten nicht die Produkte, die sie benötigen. Als ich auch pensioniert war, hat meine Frau mich richtig angelernt, daß ich bei ALDI dieses, das bei PENNY und das nicht bei FAMILA kaufen müßte. Es ist schon eine besondere Siruation, daß es die kleinen Tante-Emma-Läden nicht mehr gibt.

Das Hauptproblem liegt aber noch wo anders: Viele Menschen reagieren auf die chemischen „Zutaten“ allergisch, sie werden schwer krank Die Ärzte bekommen viel zu tun. Genaue Ernährungs- uznd Diätpläne müssen aufgestellt werden und diese besonderen Lebensmittel müssen dann in Reformhäusern gekauft werden. Das kann teuer werden. Die Bio-Bauernhöfe mit Hofläden nehmen zu. Hier sind dann die Äpfel wieder richtig schrumpelig. Sie haben Flecke. Die Kartoffeln keimen schon ein bißchen. Der Freilaufhahn hat kräftige Muskeln. Es ist nicht so einfach, die Schenkel zu braten. Sie sind stramm und bleiben immer ein bißchen zäh.

Und wenn man sich in dem ganzen Durcheinander notdürftig eingerichtet hat, kommt eine Hiobsbotschaft nach der Anderen über das Fernsehen oder über die Tageszeitung  ins Haus. Hier haben sie einen „Biobauern“ erwischt.  Er hat bei seinen  Grünwaren doch Unkraut- und Raupengifte angewendet. Und der Eierfabrikant hat die Legebatterien  mit Nikotin besprüht, weil die Hühner Milben hatten. Die Eier waren nun auch vergiftet.

Und es brechen Seuchen aus, neue Seuchen, die auch auf den Menschen überspringen können. BSE und Hühnergrippee fallen mir da ein. Demnächst bekommt unser Federvieh wieder Hausarrest. Man wird verwirrt und weiß nicht mehr, was man essen und trinken darf und was nicht.

Hat eben alles seinen Preis! Wenn unsere Nahrung aus der ganzen Welt zusammengebracht wird, wenn Fleisch und Eier und Milch nicht mehr von Bauern geliefert werden, dann gibt es Kalamitäten mit Giften, Hormonen und Seuchen. Zurück drehen kannst da nichts mehr, einmal, weil die Wirtschaft so organisiert ist, dann  aber auch, weil wir krüsche Leckerzähne geworden sind.

Oder könnten Sie sich vorstellen, daß es nur einmal im Jahr so richtig satt Frischfleisch gibt?

Der Tag hatte einen besonderen Namen. Schlachtfest wurde er genannt. Und das war der Tag um Weihnachten herum, an dem unser fett gemachtes Schwein „umgestoßen“ wurde. An dem Abend gab es dann Wellfleisch satt. Man lud auch den Pastor zu diesem Schmaus.

Am nächsten Tag schon kamen alles Suppenfleisch und die Eisbeinstücke in die „Peek“. Sie wissen nicht, was eine „Peek“ ist?

Dann werde ich das aufklären. Alles Fleisch, das später im Jahr in die Erbsen- , Frühlings- oder Bohnensuppe kam, wurde mit Salz, Zucker und bißchen  Salpeter und Pfefferkörnern und fein gemahlenem Thymian und Majoran eingerieben und in eine große Holztonne gepackt. In ein paar Tagen bildet sich eine Lake. Und in dieser „Peek“ konnte sich das Fleisch das ganze Jahr „frisch“ halten. Bevor es in die Suppe kam, mußte das Stück Fleisch über Nacht ordentlich gewässert werden. Ich vermute, daß heute niemand solch doch durch und durch salziges Etwas essen würde.

Und Gänse hat meine Mutter bis in ihr hohes Alter von 88 Jahren im Jahr 1990 aufgezogen und auch gemästet. Alle in der Sippe  mußten an einem festgelegten Tag  zum Gänse-Schlachttag kommen und die geschlachteten Gänse vorsichtig und sorgfältig rupfen. Jede Familie erhielt dann ihren Anteil. Eine Gans wurde niemals als Ganzes verspeist. Es wurde Weißsauer und Schwarzsauer gemacht, Brust und Oberschenkel wurden in Gardinen genäht und zur Spickbrust geräuchert. Das Gänseklein kam in einen Wrucken- oder Weißkohl-Eintopf. Ich scheue mich, auch vom Gänse-Weißsauer zu schreiben, aber ich will ehrlich bleiben: Die Gänsebeine wurden überbrüht, das Hornige abgezogen, der Schnabel vom Schädel getrennt, die äußersten Flügelspitzen dazugelegt. Der lange Darm wurde wieder und wieder gespült. Dann wässerte man das Gedärm mit Herzen und Mägen eine Nacht. Die Beine wurden mit dem Darm, umwickelt, die Flügelspitzen auch. — Das Weißsauer aßen wir zu gestampften Kartoffeln.

Wenn nun im Sommer Frühlingssuppe gekocht wurde, dann hatten wir aus dem Garten frische Erbsenschoten, Wurzeln, Kartoffeln, junge Zwiebeln. Ein Bund Suppenkraut aus Würzkräutern wurde mitgekocht.  Ein Stück Fleisch aus der Peek mußte sein, obwohl niemand das recht essen mochte. Es ist richtig: Wir hätten dann doch in Zingst oder Stralsund beim Schlachter uns frisches Suppenfleisch kaufen können.  Das war aber ein Luxus, den wir uns nicht leisten konnten.

Bedauern müssen Sie uns wegen dürftiger Kost nicht. Wir hatten auch unsere Leckereien. Wenn wir nach dem langen Winter gern  was Grünes haben wollten, dann „delektierten“ wir uns an den Knospen des Weißdorns oder den Blütenknospen des Löwenzahns. Man briet die Löwenzahnknospen ganz kurz in Butter an oder gab sie in Sauermilch. Zucker dazu, fertig war eine Leckerei. Vater sagte dazu: Hilft besser als jede Medizin!

Genauso  gesund ist immer noch Salat aus Vogelmiere. Spinat kochten wir aus zarter junger Melde. Den ganzen Sommer konnte man zusätzlich zu dem Essen aus dem Garten oder von angrenzenden Feldern eine „Beikost“ holen. Das waren kleine Mörchen, alle Sorten Beeren, halb reife Körner des Roggens, später im Jahr dann die heruntergefallenen Äpfel und Birnen, besonders Birnen. Jeder war so auf ganz individuelle Weise ein Vegetarier mit einem ganz persönlichen Speiseplan.

Nun aber: Die allerbeste Leckerei war süße, warme Milch von Irma. Daran kam ich auf folgende Weise: Ich angelte mir vom Regal in der Küche eine große Tasse. Ich passte genau auf, wann Mutter sich das Melkgeschirr  holte Sie ging dann zu unserer Kuh Irma, die auf einer Wiese angepflockt war. Und wenn Mutter sich dann unter unsere Kuh Irma setzte, hockte ich mich daneben und hielt meine Tasse unter Irmas Euter. Mutter konnte gut melken. Der Strahl landete sicher in meiner Tasse. Die Milch in der Tasse schäumte auf.

Was schmeckte die warme Milch süß und auch nach Mandeln und Blumen und  Gras!

So bekam ich ein, zwei Tassen  frischestes Milchprodukt ohne Pasteurisieren oder durch feinste Siebe gepreßt und nicht vermanscht mit irgendeiner Chemikalie. Irma wiederkäute und brummte „kommodig“  vor sich hin.

Bestimmt ist beim Melken ein Haar der Kuh in meine Tasse gekommen und sicher auch Staub aus dem Fell. Und etwas Melkefett kam auch noch dazu. Die Frage nach der „Hygiene“ oder Allergie stellt sich aber nicht. Wir waren immun. Wir wurden durch unsere Lebensweise immunisiert. Und das ist gesund…

Unsere Art und Weise der  Auswahl unserer Nahrung, das ist  Teil unserer Kultur. Kultur, die der Mensch nötig hat und uns zu Menschen unserer Zeit macht. Ob das alles gut und richtig ist, das ist eine andere Frage.

Wenn Menschen bei der Aufzucht und dem Schneiden, dem Ernten von Blumen und Gemüse und Obst Insektizide und Pestizide einatmen, kränkeln und krank werden und sterben, da haben wir, meine ich, doch alle ein Problem.

Wenn Tiere in zu engen Stallungen und auf langen Transporten in Lastwagen und Frachtern geschunden werden, so ist das ebenso ein Problem, das uns angeht.

Wenn Flugzeuge, Schiffe und Lastwagen die Luft und das Wasser verpesten und unsere Bäume umbringen, haben wir noch ein großes Problem.

Und wenn die Erde immer wärmer wird und Stürme und Regen das Land verwüsten, Hunderttausende umkommen, dann ist das mehr als ein Problem. Wird eines Tags jemand sagen, daß die Verursacher kriminell gehandelt haben?

Wer fragt so etwas? Viele quält der Gedanke an all die, die durch Not, Armut und Gewalt umkommen. Wir sind mitschuldig an dem Tod derjenigen, die durch Hunger und Durst umkommen.

Ich denke an unsere Enkelkinder. Wie wird deren Welt aussehen?

Es ist mir nicht peinlich, daß ich nicht viel von französischem Rotwein verstehe. Was kostet die Herstellung von 0,7 l  Wein an Energie bei Anbau, Kelterung und Transport? Wieviel Gift wird für eine Flasche in die Natur geblasen, gesprayt? Der angerichtete Schaden kann nur mühsam berechnet werden.

Auch das soll geschehen sein:

Sitzen Politiker einer naturverbundenen Partei nach einem Parteitag zusammen und prosten einander auf den Erfolg der letzten Tage zu. Mit französischem Rotwein, die Flasche für 100 Euro. Und man trinkt mehr als drei.

Die Welt ist aus dem Gleichgewicht. ©R.W.

Rudi Witzke

 

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Mit unserem Dampfer in die weite Welt…

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Mit  unserem Dampfer in die weite Welt

Vor 17 Jahren habe ich zum ersten Mal von unseren Seereisen erzählt. Damals schrieb ich:

Die vergangenen Sommer werden wir nicht  vergessen. Die Hitze kroch bis in die letzten Winkel. Nirgenwo bekam man recht Luft, auch in den Nächten nicht. „Klimakatastrophe“ titelte man in den Zeitungen.  Wenn ich so zurückerinnere, waren damals um 1932 herum die Sommer auch heiß. Die Sonne brannte Woche für Woche auf stöhnende Natur und Menschen nieder. Unser Zuhause, die (Halb-) Insel Zingst ist rundherum von Wasser umgeben, vom Bodden im Süden und der Ostsee im Norden. Dünen und Deiche schützen das Land.  Und dennoch litten die Menschen unter der anhaltenden Wassernot. Das Wasser steht unter der Erde hoch an, zwei Spatenstiche tief und man stößt auf Grundwasser. Aber dieses Wasser ist brackig. Es war noch ein Glück, daß Pferde und Kühe, eigentlich alle Tiere dieses Wasser saufen konnten. Menschen mit  ihrem feinfühligen Gedärm bekamen heftige Bauchschmerzen und die Lauferei. Da mußte so viel Regenwasser wie möglich aufgefangen werden. Das Wasser wurde in Zisternen gesammelt.  Mein Vater  pflegte die Wassersammelstelle mit großer Sorgfalt. Er hatte ein wachsames Auge darauf, daß wir Kinder nicht in die Nähe unserer Zisterne kamen.

Zu dieser Wassernot paßte nun überhaupt nicht, daß es in dem Haushalt des Dorfschullehrers eine Zink-Badewanne gab. Das war ein Trog mit einem hochgezogenen Kopfende. Ich mich auch nicht erinnern, daß diese Badewanne jemals zum Baden genutzt wurde. Dennoch hatte sie für uns Kinder große Bedeutung. Davon erzähle ich gleich.

Vorher ist dieses aber noch wichtig. Auf der Feldmark hatten Vorfahren kreuz und quer Entwässerungsgräben, Wettern oder Riegräben  angelegt. Wettern sind in der Feldmark angelegte große  Vorfluter, Rie-Gräben alle Wasserkanäle eines Entwässerungssystems.

Auf einer sehr alten Landkarte stehen auf der Sundischen Wiese nur zwei Häuser. Sie haben den Namen „bey den hollännern“. Wahrscheinlich werden der oder die Besitzer/in  die in Entwässerungen besonders kundigen Holländer ins Land geholt haben. Dieses vor mehreren Hundert  Jahren angelegte Grabensystem mußte immer sorgfältig gepflegt werden. Es transportierte das überschüssige Wasser zum Deich am südlichen Bodden. Hier standen anfangs Windmühlen, dann Windturbinen, die das Wasser über den Deich pumpten. Später dann wurden Pumpen mit elektrischem Antrieb eingesetzt. Diese Gräben waren bis vier Meter breit und bis zu zwei Metern tief. Kleine Kinder konnten darin ertrinken. Vor und an der Seite des Grundstücks meines Elternhauses verliefen solche Rie-Gräben.

Nach dieser landwirtschtlichen und lebenskundlichen Beschreibung komme ich zurück zu uns Kindern auf der Sundischen Wiese und der Badewanne. Wir Kinder ordneten die Gräben in unserer Weise in unsere Welt ein. Wir hatten keine Skate-Bahn und keinen Hansa-Park. Es wurde auch kein Sozialpädagoge befragt, wie wir unsere Freizeit gestalten könnten.

Auf dem Bodden fuhren viele Schiffe.  Die Bauern hatten Spezialboote, auf denen sie das Jungvieh auf die im Bodden liegenden Inseln transportieren konnten.  Die Fischer hatten flachgängige Segelboote, die Zeesboote. Im Sommer kam regelmäßig am Wochenende der Dampfer „Liebe“ mit Ausflüglern.  Der legte an unserer kleinen Landungsbrücke bei der „Ablage“ an. Abends holte er seine Gäste wieder ab.

Der Fährmann Otholt brachte die Milch zur Meierei nach Barth. Er nahm auch die Einheimischen zu ihren Einkaufsfahrten mit.

All diese Schiffe waren zu groß für uns.  Wir träumten uns unsere Welt.   Wir durften nicht auf den Bodden hinaus. Das recht flache Gewässer konnte sehr gefährlich werden. Wassermassen wurden gegen die Südküste gedrückt  Bei einem Sturm wurde von dem aufgewühlten Wasser  ein Pferdefuhrwerk mit Pferden und Kutscher von der Landungsbrücke gerissen.

Wir aber hatten Phantasie. Wir erklärten unsere Badewanne zu unserem Dampfer. Wir, das waren mein acht Jahre älterer Bruder, unser Hund Männe und ich. Und die Riegräben mit den Wettern waren unsere große See.

Die Badewanne wurde vorsichtig  im Graben zu Wasser gelassen. Wir nahmen vorsichtig unsere Plätze ein. Männe stand vorne, die Vorderpfoten auf dem Fußende der Wanne. Dann kam mein Bruder und hinten unter dem Dach des Kopfendes saß ich. Änne bellte und ich war die Dampfer-Tute. Ab ging die Fahrt in unsere weite Welt. Mein Bruder paddelte mit den Händen und hielt unseren Dampfer im Gleichgewicht. Der Kurs war Richtung Osten.  Zuerst kamen wir an Barhöft“ vorbei. Ich mußte laut tuten. Mein Bruder gab die Kommandos.  Wieder mußte ich laut tuten, damit wir freie Fahrt in den Strelasund nach Norden bekamen.  Wir durften nicht mit dem Dampfer „Liebe“ zusammenstoßen. Ich tutete so laut ich konnte. Bald kam Neuendorf auf Hiddensee in Sicht.  Nach einiger Zeit gab ich das Signal, daß wir in Neuendorf anlegen wollten. Wir machten fest und gingen an Land. Wir hatten für unsere Stärkung beschmierte Brote und verdünnten Stachelbeersaft mitgenommen.

Für uns hätte  unsere Raststätte, ein vertäumter Platz an einem der Wettern, auch in Dänemark oder Schweden sein können. Unser Träumen und kindliches Spintisieren hatten uns weit weg von der Sundischen Wiese getragen. Unsere kleinen Seelen bekamen Flügel. Und Phantasie kannte keine Grenzen.- Wir legten uns auf den Rücken und sahen den Wolken über uns nach. Wir träumten weiter. Von dem großen Zeppelin, der bei uns vorüberschweben sollte. Von den Flugzeugen, die gegenüber der Sundischen Wiese in Barth ihren Fluglatz hatten. Ich phantasierte dazu, daß mein Vater der Zeppelinfahrer wäre und Benjamin Treppe hieße.

Dann wurde es Zeit für die Heimfahrt. Wir legten sicher hinter unserem Garten  in einem Riegraben an. So sind wir oft unterwegs gewesen. Für uns waren es Seereisen in die weite Welt, von denen mein Bruder spannend erzählen konnte. Ich kann mir keine schönere Weise denken, die Welt zu entdecken.

Wir wurden von den anderen Kindern in unserem Dorf auch mächtig um diese Erlebnisreisen beneidet. Arthur, der älteste Sohn meines Patenonkels Johann Schütt, bettelte und bettelte. Er wollte auch mal auf Fahrt gehen. „Abgemacht“, sagte mein Bruder, „aber halte Gleichgewicht!“ Arthur machte sich für seine erste Fahrt fertig. Er stellte seine Holzpantoffel ins Gras, er krempelte seine halblangen Hosen höher und kletterte vorsichtig in den Dampfer. Mein Bruder war der „Fastholler“, der Festhalter. „Leinen los!“ gab Arthur das Kommando. Und es platsche und spritze. Arthur ruderte wild darauf los. Aber denn war Arthur nicht mehr zu sehen, er war unter der gekenterten Badewanne verschwunden.

Und dann kam er hervor , prustete und spuckte und kroch klatternaß  an Land. „So ein Schiet, so ein Schiet auch! Das ist ja gar kein Dampfer, das ist ein Schietding. Fahrt ihr man mit dem Trog in der Welt bei den Schwarzen und den Indianern umher. Ich bleibe zu Hause bei Vadding, meinem Vater.“ Das blieb er denn auch, sein ganzes Leben lang, er wohnte zuletzt in einem der Waldarbeiterhäuser am Rande des Osterholzes.

Und wir? Wir sind wahrhaftig in die weite Welt geflogen. sind viel herum gekommen. und haben Freuden und Traurigkeiten erlebt. Immer blieb und bleibt „die Sehnsucht „na dat lütte, stille Inselland“, nach den Dünen und der ungestümen Ostsee, nach den Rie-Gräben mit ihren verträumten Plätzen, nach der Ablage und Otholts Fährhaus, nach unserem Dorf Sundische Wiese. –

So war es vor 17 Jahren. Dann lernte ich, was Renaturierung bedeutet.

Die klugen Leute des Naturschutzes  von Zingst, Schwerin und Berlin und Brüssel baggern in Übereinstimmung mit dem Europäischen Naturschutz  den Boddendeich im Süden der Sundischen Wiese weg, den unsere Vorfahren nach und nach gebaut haben. Mein Vater war auch 11 Jahr Deichgraf. Er konnte neue Pump-Turbinen mit in Berlin eingeworbenem Geld aufbauen lassen.

Wenn der Deich weg ist, läuft die Ostsee bei Hochwasser über unser Land.  Die Zingster haben Bundesgeld bekommen, um Ostsee-Deiche zu erhöhen und die Deichstrecke insgesamt zu verkürzen. Also muß der Boddendeich weg.

Dann liegen nicht nur Vineta und Rungholt unter Wasser, sondern auch mein Dorf Sundische Wiese mit meinem Geburtshaus, der Schule des Dorfes Sundische Wiese.

Entwässerungsgräben, gepflegt und gehegt, weil sie das Land entwässerten und Landwirtschaft auf der Sundischen Wiese zuließen, braucht man nicht mehr. Bald sind sie überflüssig und hier wird „Meeresgrund“ sein oder bei trockenen Sommern sich riesige Rethfelder ausdehnen, eine lebensfeindliche Monokultur, kein Bruchwald für Kraniche. Oder doch Erlen-Moorwald?

Seit 5000 Jahren haben die Menschen die Sundische Wiese genutzt. Nun wird sie renaturiert, also auf die Zeit vor 5000 Jahren zurückgebracht.

Und ich lese über Ziele des Naturschutzes: “ Naturnahe Fließgewässer sind selten geworden. Ein Großteil der Bäche und Flüsse ist mehr oder weniger stark ausgebaut. Verrohrungen, Begradigungen und Betongerinne machen Fließgewässer zu monotonen Lebensräumen. Durch Renaturierungen sollen aus eingezwängten Kanälen wieder lebendige Gewässer mit vielfältigen ökologischen Funktionen werden.“

Ich habe mal Biologie studiert. Ich muß  aber noch viel lernen, dafür bin ich aber denn doch zu alt.© R.W.

  Rudi Witzke

Verwehte Zeit…

Teilauszug aus dem entstehenden Buch

* Verwehte Zeiten *

 

 

 

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Solcherart Ausfälle gibt es in der Rückschau über meiner Mutter Mann nicht zu berichten.

Er war vom Wesen her einfach ein anderer Typ Mensch. Er war absoluter Herrscher – ja, so in der Art werde ich ihm gerecht. Er war ein absoluter Herrscher, ein riesengroßes Arschloch und ein Feigling ohne gleichen, der diese Eigenschaften blendend gut durch seine norddeutsch seemännische Erscheinung und durch eine an den Tag gelegte Jovialität Nachbarn, Freunden und Bekannten gegenüber hervorragend zu kaschieren, ja zu verbergen verstand.

Alle Behördengänge, alle Arbeiten in Haus und Hof, alle mit der Erziehung der Kinder vertünzelten Pflichten zu erfüllen – all das lastete auf meiner Mutters Schultern.

Sein jeweiliges „Lieblingskind“ dann „vorziehen“ und „verziehen“ … DAS ließ er sich nicht nehmen – das machte er persönlich. Bruder Hinrich war als Erstgeborener und Stammhalter natürlich über Jahre der ganze Stolz des Vaters. Er wurde von der Stunde seiner Geburt an vom Papa mit allem, was der Markt und die Vaterideen hergaben, überhäuft. Es musste für ihn immer alles größer, besser und teurer sein, als es dasjenige war, was die anderen Eltern im Dorf ihren Kindern zukommen lassen konnten. Das schaffte von Anbeginn an böses Blut – zuerst zwischen den Kindern und dann zwischen den Familien. Ein typisches, ein bezeichnendes Beispiel dafür ist ein Geschehnis aus 1938 – damals noch in Ostfriesland, in Eversmeer. Bruder Hinrich besuchte die erste Klasse der Dorfschule – in Punkto Kleidung und Ausstattung mit Schulmitteln und diversen anderen Sachen war er aber auch erster Klasse angesiedelt. Wenn ich das mal an der Einordnung der Eisenbahnabteile festmache, dann reiste er gutgepolstert 1. Klasse während sich die anderen Kinder mit den Bänken der 3. oder auch der Holzklasse begnügen mussten.

Er trug nur Anzüge aus feinstem englischem Tuch, die meine Mutter auf Weisung des Erzeugers für ihn, den Sohnemann, nach Maß schneiderte (die Tuche brachte Vater Saylord von seinen Reisen aus Britannien mit), die Schultasche, oder der Ranzen, wie es Anno dunnemals noch geheißen hat, war vom Kürschner aus bestem Rindleder handgefertigt – die Schuhe stammten allesamt aus der Werkstatt der Firma Bockstiegel in Aurich, dem renommierten und damals in Ostfriesland bekanntestem Schuhhaus. Wer bei Bockstiegel schustern ließ, dem tat in der Regel im Alltag kein Zahn weh.

Hinrich Martin Eden fuhr, schon als 5jähriger Stepke, täglich als Graf Koks mit dem eigenen Fahrrad zur Schule, während die Nachbarskinder in ärmlicher Kleidung, und mit an den Füßen höchstens Klumpen, zur Schule klabastern mussten. Ihre Schultaschen waren aus Pappmachĕ und ihre Bäuche füllte der Hunger.

Dies alles rief bei den anderen natürlich Neid hervor. Die Nachbareltern redeten und tuschelten nur darüber – die Nachbarskinder handelten. So wie Kinder eben sind. Manchmal grausam, aber meist grausam gerecht. Eines Mittags auf dem Nachhauseweg kam unser Hinrich mitsamt seines Fahrrades, mitsamt der Boxcalf Schultasche und mitsamt seiner schnieken Staffage ein wenig vom sandigen Wege ab und landete in seiner ganzen Herrlichkeit im angrenzenden Moorgraben. Das war dann erstmal eine besondere Herrlichkeit – diesmal aber für die feixenden Schulkameraden, denn sie waren es, die mittels eines Stöckchens zwischen die Speichen des Gritznerschen Knabenrades dieses kleine Malheur herbeigeführt hatten. Als der feine Pinkel dann wieder aus dem Schlot heraus auf dem Padd, dem Sandweg, erschien, da war er gar kein feiner Pinkel mehr. Zu Hause war es dann dementsprechend – der Papa war tief betroffen und hocherzürnt ob dieser grässlichen Schandtat an seinem Goldstück. Er sprach drauf zur Mama – in gewohnter Manier: „Sofi – du geist futt na de Öllern, un sörchst dorföör, dat Jungs van hör Ollen een örnlich Pakk Hau kriecht.“ (Sophie – du gehst sofort zu den Eltern, und sorgst dafür, dass die Bengels von ihren Eltern dafür eine gehörige Tracht Prügel verabreicht bekommen.)

Mama widersprach diesmal dem Herrn überraschenderweise spontan: „Nee, Hermann … dat mutts du all sülven beschikken. Denn ikk weet, wat in de Kinner vöörgeit, wenn see use Jung, utstaffeert as so een Heiopei, jümmers to Gesicht kriecht.“ (Nein, Hermann – DAS musst du schon selber erledigen, denn ich weiß, was in den Kindern vorgeht, wenn sie unseren Jungen wie ein Stenz ausstaffiert zu Gesicht bekommen.)

Der Papa machte sich tatsächlich auf den Weg zu den Eltern der Schulkameraden seines Filius – er wollte wohl nicht total sein Gesicht verlieren – und kehrte als ein begossener Pudel an den heimischen Herd zurück. Die Zurechtweisung der Kindereltern hatte es bewirkt.

Sie hatten dem Beschwerdeführer ganz klipp und klar gesagt: „Kiek moal, Noaber – du moakst ut dien Jung een Stenz und staffeerst hüm ut as een Grootmannssöähn. Bi us in d’ Dörp sünd liekers blods aal Aarmlüü Kinner – un du wunnerst di, wenn see dien Jung in d’ Schloot schmieten? Dor sinneer moal över her.“ (Sieh mal, Nachbar – du machst aus deinem jungen einen Angeber und staffierst ihn aus wie einen Großmanns-Sohn. Bei uns im Dorf gibt es aber nur armer Leute Kinder – da wunderst du dich, wenn sie deinen Sohn in den Graben stoßen? Da denk mal drüber nach.)

Diese für einen ostfriesischen Landarbeiter lange Rede hat meinen Vater denn auch davon abgehalten, auch noch bei anderen Kameradeneltern in der Sache vorstellig zu werden.

Ein anderes Erleben von einige Jährchen weiter – schon in der Voslapper Zeit – ist mir gut in Erinnerung geblieben und gibt einen Wandel in unseres Vaters Sinn wieder. Das vierte Kind unserer Eltern – mein Bruder Hermann – war seinem Erzeuger von seinem ersten Kräher an wie aus dem Gesicht geschnitten und nachgemacht. Wie „geklont“ habe ich später häufig gedacht. Der Vater war unsagbar stolz auf ‚seine“ grandiose Leistung, ein solches Ebenbild von sich gezeugt zu haben. So verlagerte sich seine Lieblingskindbehandlung merklich auf den Nachgeboren Sprössling gleichen Namens. Zumal der Erstgeborene ja auch unaufhaltsam seinem Einfluß entzog, weil er älter wurde, schon in die Tischlerlehre ging und auch sonst seinen eigenen Weg suchte. Die jungen Mädchen im Sprengel, und auch etliche Weiblichkeiten schon älterer Semesterjahrgänge, umschwirrten ihn ständig wie die Motten den Docht einer brennenden Kerze – und haben sich oft an der unsteten Flamme gehörig die Flügel versengt.

Unser Vater hatte von Bord des Schiffes, auf dem er seine Fahrenszeit verbrachte, für ‘seinen’ Hermann ein Schiff mitgebracht. Das Ganze war ein Pracht- und Prunkstück, wie es für ein Jungenherz nicht herrlicher hätte sein können. Angesichts eines solchen Geschenkes würden noch heute alle Sohnemannaugen leuchten.

Es war ein Modell des legendären Schlachtschiffes „Bismarck“. Es war komplett aus Holz bebaut, einen Meter fünfzig lang und dem Original original nachempfunden. Es war in vielen Freiwachen in der Zimmermannswerkstatt unter den Händen des Schiffszimmermanns an Bord des Kriegsversor-gungstankers entstanden, auf dem der Vater seine kriegerische Fahrenszeit verbrachte. Als Gegen-leistung für diese Arbeit war während der Bauzeit zweifellos so manche Buddel Genever und unge-zählte Tuten Tabak im Spind des fleißigen Bord-holzwurmes verschwunden.

Eines schönen Sommerabends – Bruder Hinrich tischlerte schon sehr viel für seine „privaten“ Kunden in der seiner ‚häuslichen Schreinerwerkstatt – gab es lautstarken Zoff in der Bude. Hermann, der seinem älteren Bruder bei der Möbelherstellung schon häufig ein wenig zur Hand ging, (oder gehen musste) wollte mal wieder nicht so, wie der „Werkstattchef“ es von ihm erwartete. Ein Hitzkopfwort gab daraufhin das andere, und am Ende gab es eine zweigeteilte Bismarck.

Es war eine ausgewachsene Schiffskatastrophe auf dem Trockenen, sozusagen. Hinrich hatte als letztes Argument seiner Stärke das hölzerne Schlachtschiff kurzerhand mit einer Spannsäge zerlegt. Sägen das konnte er. Au weia! An diesem Abend habe ich zum ersten und einzigen mal gesehen, dass Vater Hermann einem Exemplar seines Nachwuchses mit seinem Hosenriemen eine Tracht Prügel verabreichte. Dieses Jackstückvoll hatte es aber auch in sich, wenn man bedenkt, wie viel Kattun in einem jeden Riemenschlag, der den Achtersten des Halbwüch-sigen traf, steckte.

Für des Vaters einstigem Liebling muß es der Zu-sammenbruch einer Welt gewesen sein, dem dann auch noch ein vierwöchiger Hausarrest angehangen wurde. Auf dessen Einhaltung wurde äußerst rigoros geachtet. Der Missetäter durfte sich zwar in Haus und Hof frei und ungezwungen bewegen, zur Arbeit musste er ja auch – darüber hinaus durfte er aber nicht auch nur einen Schritt das Grundstück verlassen. DAS denke man sich einmal heute.

Ein anderer wohl ebenso einmaliger Vorfall ereignete sich drei Jahre später, eingangs meiner Schulzeit. Ich hatte gerade die ersten Schritte im Bildungsalltag eines Schulanfängers erfolgreich hinter mich gebracht. Es war allgemein so Usus in deutschen Familienhaushalten, das nach dem Schulunterricht zu Mittag gegessen wurde, und daran anschließend die Hausaufgaben zu erledigen waren. In den meisten Familien wurde es jedenfalls so gehandhabt. An diesem Tage war die Schule zeitig aus, das Mittagessen war gelaufen und es drängte mich nach draußen an die Sommerluft. Wir Jungens aus unserer Ecke, die wir gemeinsam in eine Klase gingen, wir hatten uns zu irgendeinem wichtigen Vorhaben für gleich nach dem Mittag verabredet. Wir hatten etwas vor, dass in unserer Vorstellung wohl ungeheuer wichtig für uns war. Jedenfalls duldete dessen Ausführung keinen Aufschub. Da war keine Zeit für erst die Hausaufgaben. Der Danachtag war ja noch genügend lang. So meinte ich.

Nach dem letzten hastigen Bissen schob ich den Teller von mir und rutschte mit meinem kleinen Hintern vom Sofa herunter, um unter dem Tisch hindurch schnell nach draußen zu verschwinden.

Wenn mein Vater nicht zu Hause gewesen wäre, dann wäre es mir mit Sicherheit auch geglückt. Er war aber ja nicht ausser Hause – un so har dor furs een Uul sääten (und so hatte da schnell eine Eule gesessen)– ich hatte die Haustür noch gar nicht in Griffweite, da holte mich die Stimme des Mannes meiner Mutter ein: Häst du dien Upgoaven all kloar? (Hast du deine Schulaufgaben fertig?) Meine kleinlaute Antwort konnte ich gar nicht ganz an den großen Mann bringen, denn nach meinem kläglichen: Nee Papa, aber ich …. Ansatz hatte mich ein langer Arm schon wieder in die Wohnküche zurückgeholt. „Eerst ward föör de School läärt, un denn dröffst du villicht noa buten to speelen.“ (erst wird für die Schule gelernt – und dann darfst du vielleicht nach draußen, um zu spielen)

Widerrede war bei uns völlig unmöglich – zumindest die hörbare. Die Faust in der Tasche geballt und in der Seele geflucht, das kannten wir auch wohl – das zog ja keine Strafe nach sich.

Also habe ich mich an den Tisch gesetzt, die Tafel aus der Schultasche gezogen – den Griffel gespitzt, fein säuberlich die holzgerahmte Schieferplatte bemalt – und mich damit vom Zwang des Drinnen-bleibenmüssen zu befreien. Der Unmut in meiner verletzten Kinderseele war indes nicht so leicht zu besänftigen. Zudem blieb ein Teil dieses Grollens an der Stubentür hängen und verursachte beim ins Schloß fallen des Türblattes einen deutlich vernehmbaren Knaller.

Die Haustür war nur knapp einen Meter von der Kammertür entfernt – sie war leider trotz der Nähe unerreichbar für mich. Die Erlösung handbreit vor den Augen, erfasste mich eine große Männerhand am Kragen und zog mich unerbittlich an den Ort der Folter zurück.

Die Tafel kam erneut auf den Tisch, und nachdem der an ihrem Rahmen baumelnde feuchte Schwamm sein Vernichtungswerk auf der Schreib-fläche vollbracht hatte, landete mit spitzem Griffel geschrieben einhundert Mal der Satz: „Ich muß die Türen leise schließen!“ auf dem eintönigen Tafel-schwarz. Zehnmal passte der Satz auf das Schieferrechteck – zehnmal musste ich das Feld wieder fein säuberlich säubern, um das verhängte Strafmaß vollzumachen, denn die Hausaufgaben mussten da ja anschließend auch wieder in Schönschrift erscheinen.

Meine Hoffnung, danach durch die Tür nach draußen der Folter entrinnen zu können, die wurde eine lange Hoffnung. Als krönenden Abschluß der väterlichen Erziehungsmaßnahme bekam ich noch ein hundertmaliges geräuschloses öffnen und schließen der Stubentür auferlegt. Seit diesem Tage fällt es mir oft leicht, meinen Groll über irgendetwas im Zaum zu halten – und im Türen fast unhörbar schließen bin ich seitdem unangefochtener Weltmeister. So einfach kann man(n) Kindern etwas beibringen.

Wenn das Familienoberhaupt (das er ja im Grunde gar nicht war – er verkörperte es ja nur scheinbar) sich hin und wieder in die Erziehung des Nach-wuchses einbrachte, dann geschah es jedes Mal mit einer unerbittlichen Strenge. Unsere Mutter (und nicht die Mutter) war stets nur froh, wenn sich ihr Mann an Bord und auf See und später dann in den diversen Heilstätten befand.

Eine andere Atmosphäre war in diesen Zeiten im Hause spürbar, fühlbar. Wenn mein Vater im Hause war, dann lag eine undefinierbare Beklemmung über allem was geschah, und über allen Personen die mit ihm den Raum teilten. Ich habe diese Beklemmung immer als Angst empfunden. Ich passte stets höllisch auf, dass ich ja nichts falsch machte, um nicht die Aufmerksamkeit des Vaters auf mich zu ziehen. Heute wünsche ich mir manchmal, es wäre alles nur ein schlechter Traum gewesen, das Damals.

Meine Schwester Meta – die älteste meiner drei Schwestern – die war von Kindesbeinen an etwas leichtflütterig geartet. Als „große“ Tochter hatte sie, wenn Mutter aus dem Hause war, natürlich einige Aufgaben zu übernehmen. Diese Pflichten reichte sie aber liebend gern an ihre jüngeren Schwestern weiter. Darin war sie äußerst freigiebig. Meistens klappte es ja mit dem delegieren – hin und wieder aber auch mal nicht. Wenn sie dann die Mutter sich nähern sah, rannte sie ihr stets mit fliegenden Flechten entgegen, um dann atemlos ihr Erstaunen, dass die Mutter schon wieder zurück und dass sie gerade im Begriff sei, die ihr aufgetragenen Hausarbeiten zu erledigen, kundzutun.

Zuhause verspürte sie für die Hausarbeit auch nicht die geringste Lust – wenn es aber darum ging, dass eine der Nachbarsfrauen meine Mutter um die Haushaltshilfe einer ihrer Töchter bat, dann war diese Bitte in der Regel mit dem Nachsatz verbunden, aber doch bitte nur Meta zu schicken, weil sie das fleißigste Mädchen sei, das sie sich nur vorstellen könnten.

Bei fremden Leuten war sie in der Tat die bereitwilligste Hilfe – wenn, ja wenn sich dieses Tun nicht auf das tun müssen erstreckte.

Eine kleine Episode dazu.

Meta war als Magd bei Bauer Friedrichs in Wehlens verdungen worden. Sie war gerade 16 Jahre alt geworden und nutzte jede Minute ihrer knapp bemessenen freien Zeit zum fluttern. Jedes Tanzvergnügen, jeden der seltenen Bälle in der Einöde der norddeutschen Marschen nahm sie mit, sofern der Dienst es ihr erlaubte.

Das war natürlich nicht im Sinne ihrer Eltern und bestimmt auch nicht im Sinne ihres Brotherrn, denn wenn sie des Abends auf Rutt gewesen war, dann war sie des Morgens nicht ausgeschlafen. Welche Dienstherrschaft schätzt das schon besonders.

Meta hatte einmal mehr ihren dienstfreien Sonntag zu Hause verbracht, und musste des Abends wieder in ihrer Stellung beim Bauern sein.

Um sicher zu gehen, dass sie auch auf direktem und ohne Umwege dort hingelangte, geleitete Vater Hermann sie mit dem Fahrrad bis auf den Hof im Nachbardorf. Meta Töchterlein wurde sogleich in ihre Kammer geschickt, da der nächste Arbeits-morgen ja nicht mehr weit entfernt auf sie wartete. Es war schließlich schon Bettgehenszeit. Unser Vater hielt mit dem Hausherrn noch ein wenig Klönschnack, wechselte auf dem Rückweg durchs Dorf noch hier und da ein paar Worte über die Gartenhecken hinweg, um dann letztendlich in Voslapp auf dem Festplatz an der Geniusbank-strasse noch auf einen Köhm und einen Schwoof mit irgendeiner seiner außerehelichen Herzensdamen ins Festzelt einzukehren. Sexuell ausgehungerte und libid unbefriedigte Weiblichkeit infolge des männerverzehrenden Krieges gab es ja reichlich. In Voslapp war nämlich gerade das alljährliche Siedlerfest auf seinem Höhepunkt angelangt. Er betritt durch den Hintereingang das Festzelt … und sieht seine Tochter Meta, die er wohlbehütet im bäuerlichen Wehlens, in ihrer Kammer schlafend, glaubte, über die Bretter des Tanzbodens schweben. Sie hatte sich, während ihr Vater auf dem Hof noch ein kleines Schwätzchen hielt, aus dem Fenster ihrer Kammer heraus gleich wieder aus dem Staub bzw. aus der bäuerlichen Einöde davon gemacht. Auch wohl getrieben von unbefriedigter Weiblichkeit. Insofern hatte der Vater wohl ein begründetes Verständnis für ihre Verhaltensweise.

Es war immer so ähnlich, wie im Märchen der Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel geschildert wird. Kaum nähert sich der Hase mit keuchenden Lungen dem Ziel, dann taucht aus der Ackerfurche auch schon der Igel auf, und ruft Meister Lampe vergnügt entgegen: „Ikk bün all dor“. Die Geschichte war nur nicht so vergnüglich, wie die im Märchen – zumindest nicht für Vater und Tochter Eden. Der Leser kann es sicher nachempfinden.

Die frühen Früchte ihres Tun zeigten sich, als Meta gerade siebzehn Lenze zählte. Am 25sten Sommer-monat in 1952 kam ihre Tochter Brigitte zur Welt. Brigitte war ein so liebenswertes Geschöpf, das man auf das erste Sehen ins Herz schließen musste. Von der Geburt bis zum ersten Sehen zog allerdings eine geraume Weile Zeit durch die Zeit. Brigitte fand gleich nach der Geburt in einer Pflegefamilie ein Unterkommen. Ein Zuhause möchte ich es im Nachhinein nicht nennen, denn was dem kleinen Menschenkind da an seelischem Leid verabreicht worden ist – die Menge wäre wahrscheinlich selbst für ein Pferd zuviel gewesen. Es war eine verdammt schiete Zeit für das Würmlein – drei Monate zuvor war Vater Hermann ein Opfer seiner Tuberkulose geworden. Er hatte allerdings selber kräftig an der Entwicklung in diese Richtung mitgewirkt. Irgendwann in 53 war denn unser Zuhause auch Brigittens Zuhause – nur die Verbiegungen der Seele, die haben sie bis zu ihrem frühen Sterben in Folge einer Gehirnhautentzündung im Alter von 7 Jahren beständig gequält. Unsere Mutter hat es im Kern bis zu ihrem Tode als ihr persönliches Versagen empfunden, ihrer ersten Enkeltochter dieses Leiden ihrer ersten Lebensmonate nicht erspart zu haben. Ich habe es immer gespürt, wenn gegenüber den in großer Zahl nachgefolgten Kindskindern das Helfersyndrom bei ihr mal wieder übermächtig wurde.©ee

Ewald Eden

 

Verwehte Zeit…

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Teilauszug aus dem Buch * Verwehte Zeiten *

 

Ein anderes bezeichnendes Ereignis für jene Nachkriegsära war die Hochzeit bzw. der einer jeden Eheschließung vorausgehende Polterabend im Hause der Brauteltern. Der Polterabend von Ursel Dettmann und Fietje Petrak. Die Familie Dettmann wohnte in unmittelbarer Nachbarschaft zu uns. Die heutigen Polterabende – Junggesellenabschiede werden sie ja wohl genannt – sind ja mehr der betroffenen Brautpaaraltersklasse vorbehalten und enden in der Regel in einem aus dem Ruder gelaufenem Besuff mit oft ungeahnten Folgen und sehr viel zerschlagenem Porzellan für die Hochzeiter.

Die Polterabende der Damalszeit waren, was das ‚Porzellan zerschlagen’ und den aushäusigen Teil der Feierei angeht, uns Kindern und Jugendlichen aus der Nachbarschaft vorbehalten. Für das Poltern und das Glückwünschen erwarteten wir dann allesamt vom Brautpaar ein paar Leckereien und Zuc-kerwerk.

Im Falle der Hochzeit im Hause Dettmann war das Poltern aber nicht erwünscht. Der Bräutigam wollte es nicht – er konnte es nervlich nicht vertragen. So verbreitete es die Brautmutter als Information in der Nachbarschaft, um frühzeitig die Kinderfreude am Vorabend der Hochzeit abzubiegen. Ich habe mich trotz meines damals noch Kinderverstandes ernst-haft gefragt, warum ein schon in jungen Jahren offensichtlich nervenschwaches Mannsbild denn überhaupt zu heiraten gedachte. Wer heiratete, der musste doch schon über strapazierfähige Nerven verfügen – gleich ob Jung oder Deern. Wir erlebten doch immer wieder hautnah die täglichen Graben-kämpfe zwischen Vätern und Müttern, zwischen verheirateten Paaren. Dass diese Reibereien zumeist in der täglichen Alltagsnot ihren Ursprung hatten, das konnten wir als Nachkriegskinder doch gar nicht verstehen – wir kannten ja noch keine Zeit ohne alltägliche Not um das zum Leben Notwendigste. Die allermeisten von uns jedenfalls nicht.

Es war des Bräutigams persönliches Pech, dass wir für seine Befindlichkeiten kein Verstehen übrig hatten. Für das uns entgehende Zuckerwerk sannen wir auf Vergeltung und suchten nach einem angemessenen Mittel dafür.

Und wir wurden in unserer Köpfe Ideenschmiede fündig. Ruckzuck gab es einen Plan.

Die dafür zur Durchführung benötigten Eimer waren schnell zur Hand, und Jauchegruben für die menschlichen Exkremente hatte es ja hinter jedem Hause. Zwei mit dem Inhalt dieser Gruben gut gefüllte blecherne Marmeladeneimer auf die Treppe vor der besagten Haustür gestellt – dann mittels Segelband an der Klinke befestigt und gehörig losskandalt. Wir wussten, dass wir nicht lange zu warten brauchten, bis dass der entnervte Bräutigam wütend die Türe öffnen würde, DAS war das todsichere Rezept. Nachdem der erste Polterteller auf den Stufen vor der Haustür zu Bruch gegangen war, währte es nämlich keine ganze Minute, bis die Haustür von zwei wütenden Brautleuten aufgerissen wurde, um den unverschämten Störenfrieden von Nachbarschaftsgören dieses Spektakel zu verbieten.

Die Hochzeiter hatten ihre Münder noch gar nicht recht zum Protest geöffnet, da standen sie auch schon bis zu den Knöcheln in der stinkenden Jauche, die sich, mit der sich nach innen öffnenden Türe, in den Hausflur ergossen hatte. Auf unserem sicheren Beobachtungsposten hörten wir dann aus der zweiten Reihe der Polterabendgäste irgendjemand furchtbar laut ‚ach du dicke Scheiße’ fluchen. Dem Ausspruch konnten wir nur von Herzen beipflichten. Im Ganzen betrachtet war es für uns denn doch noch ein gelungener Polterabend geworden. Zumal wir zu vorgerückter Zeit allesamt ein wenig angeschickert in unsere Betten krabbelten. Erfahren durfte natürlich von den Erwachsenen im Hause und in der Nachbarschaft niemand von den Anflügen unseres leichten Rausches. Aus zweierlei Grund nicht. Erstens wegen des Schnapsgenußes, der ja für uns Kinder und Halbwüchsige sowas von tabu und von den Eltern unter Strafe gestellt war, wie es sich die junge Generation heute gar nicht mehr vorzustellen in der Lage ist.

 

Das Ersinnen von „Vergeltungsschlägen“ oder besser das Stillen von Rachedurst fiel uns eigentlich nie sonderlich schwer. Ich möchte das, was wir alles so ausheckten, und dann auch ausführten, beileibe nicht alles gutheißen oder Kindernvon heute zur Nachahmung empfehlen (denen fällt mit Sicherheit selber etwas ein, wenn es denn einmal vonnöten sein sollte). Wir hatten ja die „Bestrafung“ die ja oftmals und in handfester Form direkt auf dem Fuße oder treffender auf dem Hintern folgte, bereits mit einkalkuliert. Aber wenn ich es ehrlich sagen soll (und Ehrlichkeit ist mir bei dieser Erinnerungsabfolge schon ein Anliegen) trotz vieler Strafarbeiten oder Klassenbucheinträge, trotz etlicher Backpfeifen oder Kopfnüsse, trotz so manchen versohlten Hosenbodens – was wir auch angestellt haben, es hat uns oft höllische Freude bereitet. Zumal (fast) nie jemandem durch unser Tun ein körperlicher Schaden zugefügt worden ist.

 

Leiblichen Schaden zugefügt haben sich zu der Zeit leider viele, zu viele Erwachsene. Viele waren wohl auch noch zu sehr in der Gewalt der eben erst vergangenen Tausend Jahre Blutherrschaft verstrickt – auch mehr oder weniger. Wobei dies mehr oder weniger zumeist auch eine mehr oder minder irreführende Aussage ist, denn es war schon ein Paradoxum der Gesellschaft, dass, wer von den Alten mehr Schuld auf sich geladen hatte, sich seltsamerweise am wenigstens schuldbeladen fühlte – und wer von den erwachsenen Bürgern dagegen nur wenig oder gar nicht erkennbar Schuld auf sich geladen hatte, diejenigen trugen oft am schwersten an der Bürde des geschehenen Unrechts.

Voslapp war ja nun eine Siedlung, in der Menschen ein Heim gefunden hatten, nachdem sie von der Reichsführung zum Zwecke des Kriegsschiffbaus, zum Zwecke der Aufrüstung, auf der Kriegsmarine-werft aus allen Ecken und Gauen des Großdeut-schen Reiches zusammengekarrt worden waren. Ohne dicke Pötte konnte man als Arier ja schlecht gegen Engeland ziehen, um dort die Tommis standesgemäß und mit Aussicht auf Erfolg zu vertobacken.

Die uniformierten Teile der Kriegsmarine kamen noch hinzu und machten das Bild noch bunter und verwirrender. Ich habe in Kindertagen anlässlich dieses landsmannschaftlichen Durcheinanders oft gedacht, das es gar nicht alles Deutsche sein könnten, die sich da zankten und stritten, sich gegenseitig bestahlen und denunzierten, sich dann wieder vertrugen und sich auch oft verpaarten.

Nach der bedingungslosen Dönhoffschen Kapitulation im Mai 45 standen die meisten von ihnen plötzlich ohne Arbeit, ohne Erwerbseinkommen da. (Die Männer meist nur, sofern sie überhaupt noch oder schon wieder aus dem Felde oder der Gefangenschaft heimgekehrt waren)

Bei den Männer/Vätern die denn zuhause waren, da gab es überhäufig oft mehr Frust als Lust.

Sicherlich hat es zu einem großen Teil mit an dem durchlebten Gemetzel in allen Ecken Europas gelegen – dieser Umstand schmälert aber in keiner Weise das Verdienstvolle der damaligen Frauengeneration. Es waren nämlich unbestreitbar überwiegend die deutschen Frauen, die aus einem rauchenden und blutigen Trümmerhaufen in einer relativ kurzen Spanne Zeit wieder einen blühenden Garten gezaubert haben.

Es sind nicht Adenauer, nicht Erhardt, Schumacher, Ollenhauer oder andere Politiker, es sind nicht Krupp, nicht Wagner oder Axel Springer, denen Lob und uneingeschränkter Dank gebührt – die meisten dieser Herren haben den Opferwillen und die Durchhaltekraft dieser Frauen und Mütter nur auf oftmals auch schändliche Weise für sich genutzt, und es ihnen nicht auch nur mit einer Silbe gedankt.

Die Heerscharen der zusammengewürfelten Volks-stämme hatten jedenfalls über Gebühr Zeit und Muße, sich gegenseitig in den Haaren zu liegen und sich zu bekriegen. Das Kriegmachen war ihnen ja noch geläufig Wir empfanden unseren Strassenzug immer als besonders davon betroffen. Im Nachhinein zeigte es sich aber, dass es wohl überall das gleiche Geschehen war, und man es nur nicht so mitbekommen hat. Die Medienwelt war ja nicht mit der von Heute zu vergleichen. In unserer Ecke war der Flickenteppich der Nationen und der verschiedenen Kulturzugehörigkeiten recht bunt gewebt. Wenn man in die Runde schaute, dann sah man ganz Europa auf einem kleinen Fleckchen Erde versammelt. Ostfriesland, Ober- und Niederschlesien, Warthegau, Memelland, Ost- und Westpreußen, Vor- und Hinterpommern, Mecklenburg, Tschechien, Österreich-Ungarn, die Niederlande, Franzmänner und Tommis …. es ging total um uns herum – und jeder parlierte mit sich und den Seinen in seiner heimatlichen Schnacke. Folglich verstand keiner Keinen und jeder hielt den oder die anderen für den oder die schlechteren Menschen.

Bei den Zugehörigkeiten zu den Religionen, zu den Glaubensgemeinschaften, da ging es genauso kun-terbunt zu. Da war nun wirklich alles vertreten, was sich so unter irgendwelchen Kreuzen, Halbmonden oder sonstigen Geisterzeichen auf dem Erdkreis tummelte. Und das in einem, bis Anfang des Hakenkreuzspektakels, fast reinem reformiertem Landstrich. Möge Gott es mir verzeihen, aber es war einfach oftmals Glaubenschaotisch was da abging.

Unsere Nachbarn zur Rechten sorgten stets wieder aufs Neue dafür, dass uns gar nicht bewusst wurde, dass es die heutigen Kommunikationsmittel noch gar nicht gab. Bei unseren Nachbarn war ständig Kurzweil angesagt. Kurzweil mit manchmal langwierigen Folgen. Es war aber alles nicht so tragisch, denn das, was sie sich des Abends aufs Kerbholz laden wollten, das beichteten sie schon des Morgens während der Frühmesse in der Barackenkirche ihrem Pater. So einfach ist das scheinbar unter rechten Katholen. Aufrechte Katholen verkneife ich mir zu sagen.

Irgendetwas machen die Evangelen bei der Glau-bensinterpretation offenbar falsch – oder dem Herr-gott hat seinerzeit Luthers Aufbegehren gegen die bestechliche Kirchenfürsterei doch nicht so gut gefallen.

 

Eine Begebenheit mit einer unserer Nachbarinnen möchte ich nicht verschweigen. Was sich da an einem eisfrostigen Wintertag zwischen unseren Hofgrundstücken abspielte, das lockt heute wohl keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervor – Anno Nachkriegsjahre war es aber für die Umstehenden Erwachsenen noch äußerst schinant und für uns Halbgewachsenen ebenso pikant.

Wir Gören spielten in Hof und Garten mit irgendwelchen Gerätschaften – überall wo man anfasste oder wo man hintrat klirrte und knisterte es vor Kälte. Uns juckte es aber überhaupt nicht – wir waren ja warm eingepackt. Der Blick über die Heimstätten-Grundstücksgrenzen war zu der Zeit noch nicht verbaut oder zugewachsen, so wie es heute in der Siedlung ist, sondern man konnte noch ungehindert von A bis nach Z schauen. Zumal die Anlage der Hausreihen geradlinig auf einem Baldur von Schirachschen Reißbrett entstanden war.

Kahler Frost beherrschte die Szene. Auf unserer Seite des trennenden Grabens breitete meine Mutter Wäsche auf der Bleiche aus, damit sie bis zum Einbruch der frühen Dunkelheit knackig durchfror. (Nach der Tageshelle tat jede Hausfrau gut daran, ihre Wäschestücke innerhalb des Hauses in sicher-em Verwahr zu halten, denn auch die nächtlichen Besitzwechsel solcher Dinge wurden oft schon in der Frühmesse gebeichtet und absolutiert.) Auf der anderen Seite stand unsere Nachbarin mit dem Rücken zu uns her vor einer Waschballi, einer Zinkwanne, und rubbelte auf dem Waschbrett die Leibwäsche ihrer Lieben. Man stelle sich das vor: Draußen in der offenen Wanne waschen – und das im Winter bei zweistelligen Minusgraden. Als meine Mutter sah, dass unsere Nachbarin zudem auch noch barfuß am Wirken war, da konnte sie sich doch nicht enthalten, über den Graben hinweg zu fragen: Frau Nachbarin, ist ihnen DAS nicht zu kalt? So ohne Schuhe und Strümpfe. Sie holen sich ja den Tod an den Hals.

Frau Ü. schien die Frage meiner Mutter gar nicht realisiert zu haben – so schien es zumindest, bis … ja bis sie verhalten den Nacken ein wenig drehte und mit einem Griff nach unten ihre Röcke lüftete. Kalt, Frau Eden … es ist doch nicht kalt – sehnsemal – ich hab auch nix drunter an – und bot uns Zuschauenden damit ihre ganze weiblich ausladende Hinterpracht mit allen intimen Nebengelassen zum Blick dar. Wir Kinder haben wohl alle noch eine Zeit gehofft, es möge noch einmal so ein kalter „heißer“ Waschtag sein. Wenn es auch Winter war – unseren Augen war es wie das schauen einer Sommerweide.

 

Noch ein anderes …

Frau Ü. war ein Drachen. Das darf ich so sagen – diese Einschätzung stammt nicht ursprünglich von mir, fast ausnahmslos ALLE Nachbarn sagten es – auch diejenigen, die sonst weichgespült und gut genießbar waren. Ihr Gatterich Rudolf war eine Seele von Mensch, aber eine von den Pantoffeln seiner Frau ziemlich plattgetrampelte Seele. Der gute Rudolf stand nämlich total unter denselben seiner Angetrauten. Mit Ausnahme der seltenen Abende oder Nächte, in denen er einen über den Durst getrunken hatte – wenn Rudi mal dunig war. So etwas kam nicht häufig vor, für uns Kinder geschah es aber eh viel zu selten, weil uns mit jedem Mal „nicht dunig sein“ ein aufregendes Erleben vorenthalten wurde. Egoistisch wie wir Jungen nun einmal waren. Wir durften egoistisch sein. Es war einfach immer wieder herrlich zu erleben, mitzufiebern, mitzuzittern wenn im Nachbarhause die Teller flogen, die Scheiben splitterten oder die Türen krachten. Von den herrlichen Zotigkeiten aus männlichem und weiblichem Munde, die dann jedes Mal krachend und kreischend durch die Nachtluft flogen, ganz zu schweigen.

Eines Abends – wir lagen schon im ersten tiefen Schlummer – weckten uns nachtesfremde Geräusche. Fernes Singen kündigte des betrunkenen Rudolfs Heimkehr an. Es war so deutlich und so weittragend zu hören, weil die einzige natürliche Lärmquelle der damaligen Zeit ja schlief – nämlich die Kinder. Autos gab es ja fast keine, Fluglärm gab es auch nur in bescheidenen Anfängen, denn es brummerten ja nur ab und zu die in Upjever stationierten dicknackigen Propellermaschinen der Tommys über unsere Köpfe hinweg. Der heutige Flugverkehr war ja noch Zukunftsmusik – oder sollte ich besser sagen, ein Zukunftsalptraum? Großvolumige Musikanlagen gab es nur zu besonderen Anlässen, wenn aus Anlass einer der wenigen öffentlichen Veranstaltungen Hänsels Kurt an den Lichtmasten längs der Wohnstrassen seine aus der Nazizeit herübergeretteten riesigen Druckkammerlautsprecher befestigte. Wenn die Dinger losbrüllten, dann war es noch 5 Kilometer weiter im Nachbardorf zu hören.

Fernsehen gab es nur erst im Laboratoriumsstadium – was blieb denn in den stillen Abend- und noch stilleren Nachtstunden? Manchmal streitende oder auch trunkene Erwachsene. Und davon durften wir doch nichts versäumen, wenn die kleinen Leute ihren großen Auftritt hatten.

Aber zurück zu besagtem Abend mit Rudi Rednos.

Der ferne Gesang wurde langsam lauter und deutlich schräger. Wir hatten uns schon Gedanken darüber gemacht, warum das Näherkommen wohl so ungewöhnlich sinnig vor sich ging.

Die Spannung löste sich, als Rudolf Ü. in unsere Strasse einbog – er trug sein Fahrrad auf dem Buckel. Das Laufen ging noch – wenn auch im zickzackigen Breitgang – das Radfahren wohl offenbar nicht mehr. Dafür waren die Strassen anscheinend nicht breit genug. All die Unbill, die sich wohl in den Wochen seit seinem letzten Rausch in Kopf und Bauch und Seele so bei ihm gesammelt hatte, die ließ er in einem sich ständig wiederholenden Singsang in ein oder zwei Sätzen artikuliert in die Nachtluft wehen. „Ich bin der Herr im Hause – ich werd dir zeigen, wer hier zu sagen hat.“ Immer und immer wieder grölte er diesen Text in die Dunkelheit. Es war so, wie wenn er sich immer wieder selbst ermutigte. Bei seinem Zuhause angekommen, scheiterte sein Versuchen, eingelassen zu werden an der Abwesenheit seines Hausdrachens. Seine Angetraute war nämlich im Wissen und Ahnen dessen, was da mit Gesang im Zickzackkurs auf sie zugestolpert kam, vorsorglich durch die Hintertür bei einer couragierten Nachbarin vis á vis des Straßenplatzes in Deckung gegangen. Mit dieser, mit ihrem Sohn alleinlebenden Wittfrau, lag sie ansonsten in schöner Regelmäßigkeit in heftigem Streit, in Situationen wie dieser hielten die beiden so oder im Grunde vielleicht gar nicht so sehr verschiedenen Frauen zusammen wie die Flintenweiber vergangener Epochen. Die Türen der Heimstatt hatte Frau Ü. vor ihrem strategischen Rückzug hinter die Frontlinie des Sonstgegners allesamt verriegelt und verrammelt, und sich dann klammheimlich mit den Kindern aus dem Staub gemacht. DAS hätte sie dieses Mal besser unterlassen, denn im Gegensatz zu früheren oder gewohnten Bränden hatte ihr Rudolf während des abendlichen Gelages wohl die letzten Hemmungen in Alkohol ertränkt. Und er fand die Ursache all seines Verdrusses auch noch ausgeflogen.

Was würde er tun? Wir alle warteten gespannt auf den nächsten Akt des Dramas von Gegenüber und verfolgten das Geschehen natürlich mit äußerster Neugier von unserem, direkt dem Nachbarhause zugewandten Dachfenster aus. Ob der verschlossenen Türen wurde Rudolfo immer missgestimmter. Wir hörten es an seinen kurzatmiger werdenden Gesängen. Er holte sich seine langstielige Axt aus dem Kleinviehstall – die Axt, mit der er mit seinen Söhnen sonst in den Nächten den Chausseebäumen den Garaus machte, um sie anschließend daheim zu verfeuern – und öffnete mit ein paar mehr oder minder gezielten Hieben die beiden Außentüren der Heimstatt. Ich nehme an, die Schläge waren minder gezielt, denn zur Reparatur derselben benötigte er am nächsten Tag meines Bruders sachkundige Tischlerhilfe.

Nachdem er mit seinem Universalschlüssel Marke Holzfäller grobschlächtig die Türen seines Hauses geöffnet und sich ungehinderten Einlaß in sein Heim verschafft hatte, begann er im Hause akribisch und gründlich Ordnung zu schaffen. Die nächste Stunde entwickelte sich denn auch zu seiner Sternstunde. Mit wütender Kraft ging er trotz seines Dunas planvoll vor – er vollzog sozusagen einen geordneten Feldzug gegen einen Pseudo- oder Ersatzgegner. Jeder Schlag, zu dem er ausholte, und der irgendwo und irgendwie einen toten Gegenstand traf, der galt wohl im Grunde seiner herrischen und oft heimtückischen ‘besseren’ Hälfte. Ganz gewiß war ein solches Vorgehen keine gute Art des miteinander Abrechnens – vor allem war es in der Folge ein sehr kostspieliges Vergnügen, das sich der Herr des Hauses da gerade leistete, denn nichts, rein gar nichts war am Ende heile und unbeschädigt geblieben. Angefangen bei den hölzernen Läden vor den Fenstern über sämtliche Scheiben derselben bis hin zu den letzten Kleinmöbeln in den Wohnräumen. Alles das hatte durch die zerdepperten Fenster und die zersplitterten Türen hindurch, den Weg nach draußen, in das Grün rings um das Haus herum, gefunden. Mit Rudolfs Hilfe natürlich. Und da ging er auch nicht im Zickzackkurs vor – wenn auch immer noch lauthals singend.

Gesungen hat der wieder nüchterne Familienvater am nächsten Morgen und auch einige Zeit danach nicht mehr. Sicherlich waren ihm dazu angesichts des Schlachtfeldes, das sich aller Augen am Morgen bot, auf längere Sicht die Noten abhanden gekommen.

Der hellende Morgen bot den Betrachtern (und dazu zählten wohl ALLE Nachbarn – auch die angeblich desinteressierten) ein Bild wie nach einem Bombenangriff der alliierten Kriegsgegner (an diese Bilder konnten sich diejenigen in der Strasse, die schon laufen konnten, zumeist noch gut erinnern)

Zerborstene Fensterscheiben, ringsherum Trümmer und inmitten der – rauchende Trümmer will ich nun nicht sagen – aber inmitten der demolierten Reste herrschte Friede, Freude, Eierkuchen …. Neeeeeeee …Eierkuchen stimmt ja nun auch wieder nicht. Wenn es die man noch manken der Einöde gegeben hätte. Dafür war aber ja im Hause und in der Speisekammer nun absolut nichts an Zutaten mehr vorhanden.

Rudolf hatte sich am Morgen danach wieder bereitwillig unter die Pantoffeln seines Ehegesponstes begeben und schaffte in den darauf folgenden Monaten täglich immer noch ein paar Stunden zusätzlich, um die Pinunsen für die Beseitigung der Schäden der Sturmnacht zu verdienen. Materialien waren zu der Zeit nämlich noch verdammt rar und teuer. Verglasung für ein komplettes Einfamilienhaus konnte sich kein Malerbetrieb man so einfach aus dem Ärmel schütteln – obwohl Malermeister Hinni Westerholt wegen der nahen Nachbarschaft mit Sicherheit alles daran setzte, um das Heim derer von Ü. wieder regendicht und wetterfest zu machen.

Wir Kinder in der Strasse waren jedenfalls dankbar für solche Begebenheiten und warteten meist schon ungeduldig auf die nächste Aufführung in irgendeinem Zimmertheater irgendwo in unserer unmittelbaren Umgebung. ©ee

 

Ewald Eden

 

Weißt du noch . . .

 

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Weißt du noch . . .??? Verwehte Zeiten …

Sophie hatte bis zum Auftauchen der Fahnderbrigade in unserem Zuhause alle Spuren ihrer ungesetzlichen Tätigkeit beseitigt. Riechen, so wie in anderen Brennereien, konnte man bei uns wegen der ausgewählten Rohstoffe eh nichts – weder während des Betriebes der Apparate noch jetzt, wo alle Gerätschaften bombensicher im Urgrund verstaut waren. Bei uns zu Hause wurden die Zöllner auf jeden Fall nicht fündig, aber dafür fanden sie bei Frau Burmester umso mehr an Informationen. Alles was die Gute wusste, das offenbarte sie den Staatsbütteln in Grün. Von den Internas wusste sie zum Glück nur die Notizen vom Rande. Die aktuellen Kundenadressen reichten aber schon, um einen respektablen Schaden anzurichten. Es waren nämlich nicht nur die der Abnehmer der letzten Tour – nein, die Empfänger der früheren Lieferungen gab sie auch bereitwillig preis, soweit sie ihr bekannt waren.

Einige Zöllner hat es gefreut, die Menschen auf der anderen Seite weniger. Es wurde untersucht, es wurde nachgeforscht, die Ermittlungen liefen hin und her – aus der Notzeiten-Schwarzbrennerei Eden & Co. war nun ein Fall geworden, sozusagen ein Fall von „Staatsbeschiß – ein Aktenvorgang.

Aus unerfindlichen Gründen beschränkte sich das Prozedere aber insgesamt nur auf die Vorgänge um die Letztlieferung.

Ich vermute, die Ermittlungen wurden damals von den zuständigen Personen bewusst so kleingehalten geführt, denn die Äußerung eines Zöllners gegen-über meiner Mutter, hätten wir am Bus auch nur geahnt, dass der Genever von ihnen ist – es wäre ja gar nichts weiter passiert, ließ auch einfach keinen anderen Schluß zu. Besagter Zöllner hatte sich nämlich ein paar Tage zuvor, mit meinem Vater zusammen, die köstlichen Tropfen in unserem Wohnzimmer noch ausgiebig schmecken lassen. Die beiden Mannsleut hatten sich das verführerische Nass so sehr schmecken lassen, dass mein ältester Bruder den Freund Grünrock nach Anbruch der Dunkelheit in der Messelkarre als Decksladung nach Hause transportieren musste.

Auch Zöllner sind bloß Menschen. Na ja – hin und her – Ermittlung – Anklage, Gerichtstermin, Ver-urteilung wegen Verstoßes gegen das Staatsmonopol Spritherstellung, Steuerhinterziehung, unerlaubten Handel treiben, und, und, und …

Schicksalhaft oder verschärfend an der ganzen Misere war nur der Zeitpunkt des entdeckt werden – die Tatausführung zu Billiggeldzeiten – der Urteilsspruch zur neuen D-Markzeit. Dreihundert Reichs-Mark Geldstrafe vor der Währungsreform wären gar nicht erwähnenswert gewesen – ein Fliegenschiss auf einem Fußballfeld sozusagen.

Dreihundert D-Mark nach der Währungsreform, die waren schon ein Knaller. Einige Wochen zuvor hatte jeder Deutsche Staatsbürger ja seine 40 DM Kopfgeld erhalten. Weit springen konnten die Menschen damit wahrlich nicht. Den beiden verurteilten Frauen wurde aber großzügigerweise Ratenzahlung eingeräumt: 5,- DM betrug der monatliche Abtrag an die Staatskasse.

Ein paar Tage nach Zustellung des Strafbefehls wurde meine Mutter ins Zollhaus, in die uns nächste Zolldienststelle, nach Rüstersiel einbestellt. Wir Kinder waren voller Angst, dass unsere Mutter nun eingesperrt werden würde. Bevor sie zum Amt ging kam ihr Versprechen, mit dem sie uns unsere Angst nahm. Es hat die Zeit überdauert. „Wenn man mich einsperrt, dann nehme ich euch alle mit. Dann müssen die da auch für euch alle sorgen.“ Danach ging sie zum Amt – und nahm uns alle mit. Im Gänsemarsch zogen wir die mit Klinkern gepflasterte Strasse von Voslapp nach Rüstersiel. Im Zollamt durften wir zwar nicht mit ihr zusammen in das „Allerheiligste“ vordringen, mit uns beschäftigte sich währenddessen ein älterer Zollsekretär in der Wachstube – aber wir waren der Mutter nahe. Als sie das Büro des Leiters verließ, da schwebte sie förmlich über den geölten Steinholzfußboden der Zollrevierwache nur so dahin. Der Amtsvorsteher hatte die Akte meiner Mutter vor ihren Augen zerrissen und die Fetzen mit einem Lächeln ins Nirwana geschickt. Da irren sie jetzt, nach so vielen Jahrzehnten, wahrscheinlich immer noch umher. Ihrer Verpflichtung, 300,- D-Mark als „Bußgeld“in die Staatskasse einzuzahlen, war sie damit entledigt worden.

Frau Burmester hat von diesem „Schuldenerlaß auf dem kleinen Dienstwege“ natürlich erst erfahren, nachdem sie treu und brav 60 Monate lang 5 Mark gezahlt hatte. Das war meine Mutter sich selber schuldig, als kleine späte Genugtuung sozusagen.

Ja ja, die Frau Burmester … von ihr gäbe es so manche Begebenheit zu erzählen. Hier ist schon mal eine davon.

Edens hatten immer Haus- und Nutztiere. In Notzeiten ist es eine sichere Gewähr gegen den familieren Hunger. Eine Milchkuh war bei einem befreundeten Bauern im Nachbardorf Sengwarden aufgestallt, zwei Schweine bevölkerten das Jahr über den Hausstall, Karnickel mümmelten sich in den Stallungen an der Hinterhauswand durch ihr Kaninchendasein, eine Koppel Schafe und eine Ziege ließen es sich auf den gepachteten Deichabschnitten zwischen dem Geniusbankdeich und dem Knyphauser Siel, und ein gutes Dutzend Eierleger im Hühnerauslauf gut gehen. Hühner waren es später, in den Middelsfährer Obstgartenjahren, erheblich mehr von der Anzahl her. Von Middelsfähr und dem Obstgarten berichte ich an anderer Stelle ausführlicher.

Hund und Katze und Meerschweinchen zählten zwar auch zur Familie, sie spielten aber ja in Punkto den menschlichen Hunger stillen für uns keine Rolle.

Und wie es denn so war, wir hatten Hühner, Burmester hatten kein Federvieh im Stall. – also wanderten eines Tages zwei Hühner im Korbe als Hungerhilfe von Eden nach Burmester, um auch in deren Haushalt die tägliche Eierversorgung sicherzustellen. Gratis natürlich.

Wie es sich dann eines Tages so ergab – unsere Hühner waren gerade in der Mauser. Eier auf Vorrat gab es bei uns eh nicht, weil irgendwie immer Menschen da waren, die um Mutters Großherzigkeit wussten und die Eier benötigten. Kurz und gut – wir hatten keine Eier im Hause, als meine Schwester Tilde sich mit kochendem Wasser den Arm verbrühte. Um das Entstehen einer Riesen Brandblase zu verhindern musste da rohes Eigelb drauf. Da Frau Burmester wegen ihrer „Sparsamkeit“ bekannt war, hegte Mutti die Hoffnung von ihr ein Ei aus ihrem Vorrat zu bekommen – obwohl für Burmesters 6 Personenhaushalt ja nur zwei Hühner Eier produzierten.

Mathilde wurde mit der Bitte um ein Ei geschickt. Frau Burmester hatte Vorrat – ein Ei wurd’ gegeben und ein wesensbezeichnender Satz gleich dazu: Mama soll mir das Ei aber schnellstmöglich wieder zurückbringen lassen. Dazu erübrigt sich doch jeder Kommentar.

Noch eine Begebenheit möchte ich als Beleg für Frau Burmesters „Sparsamkeit“ anfügen.

Zweimal im Jahr war bei uns im Hause Schlachtfest – jedes Frühjahr und jeden Herbst sprang ein Schwein über die Klinge. Geschlachtet wurde nur in Monaten die ein „Rudolf“ im Namen führen. In den Monaten ohne dieses „r“ war es einfach zu warm.

Die Hausschlachter gingen in den warmen Monaten anderen Tätigkeiten nach – meist in ihren erlernten Berufen, denn Schlachter hatte in der Regel keiner von den mir bekannten Hausschlachtern gelernt. Beim „gelernten“ Schlachter wird das Ergebnis seiner Bemühungen meist vom Profitdenken bestimmt. Beim „Hausschlachter“ alter Prägung dagegen weitgehend von der Geschicklichkeit und dem Geschmack der ihm assistierenden Hausfrau. Das alles aber hat mit Frau Burmester nun nicht das Geringste zu schaffen, obwohl es sich hier auch um die Wurst dreht.

Bei unseren Schlachtfesten bekam jedes der anwesenden Kinder einen Kringel geschenkt. Ein Kringel das ist gut 200 Gramm Mettwurst im Ring. Dieser Kringel gehörte dann jeweils dem Kind, das ihn bekommen hatte. Mettwurst soll allgemein an der Luft trocknen, bevor sie zum Verzehr angeschnitten wird. Für den Trockenvorgang werden die Würste unter der Decke – de Böän – am Schornstein oder auf dem Dachboden aufgehängt zum Reifen. Unsere Kringel hatten meist gar keine Zeit zum Reifen oder Trocknen – wir verzimmerten sie schon meist, kaum dass die Pelle, der Wurstdarm, nach dem Füllen trocken war. Wir brauchten ja nicht sparsam damit umgehen, denn bei uns hingen das ganze Jahr über Mettwürste und Speck- oder Schinkenseiten an der Decke und warteten darauf, den Weg alles Vergänglichen gehen zu können.

Burmesters Kinder Gertrud, Herbert, Hans-Georg und Otto hatten ja schnell gespitzt, dass bei Edens wieder ein Schlachtfest bevorstand und zogen am Abend mit ihren Kringeln beglückt nach Hause.

Als das nächste Schlachtfest angesagt war, da hingen die Kringel der Kinder noch immer in Burmesters Küche an der Decke. Soviel zu Frau Burmesters Sparsamkeit.

Eine andere Geschichte aus dieser Zeit, die auch mit Torf und Schwein zusammenhängt, spielt zwischen Eversmeer, Sengwarden und Voslapp. Mutti konnte sich wegen ihrer Aktivitäten im Moor auch zu den Torfproduzenten und -händlern zählen. Wir besaßen in Ostfriesland Land und Rechte um im Moor Torf abzubauen. Zumeist sollte es für den Eigenbedarf sein – in gewissem Rahmen wurde der Torf aber auch verhandelt. In diesem besagten Fall hieß es Torf gegen fettes Schlachtschwein. Schweineanbieter war der Bauer L. bei Sengwarden. Meine Mutter und der Bauer waren sich schnell handelseinig – und sowieso, man kannte sich ja von diversen anderen Alltags-Geschäften her. Ein Fuder Torf stand gegen ein schlachtreifes Borstenvieh.

Den Torf von Ostfriesland nach Wehlens transportieren, das war kein Problem. Fuhrmann Karl Buntkiel aus Alt-Voslapp war für solcherart Unternehmungen stets der richtige Mann. .Sein alter Frachtwagen mit Holzgasmotor erledigte einfach alles. Der Torf kam vormittags zum Bauern auf den Hof und das Schwein sollte dann im Gegenzug des Abends im Schutze der Dunkelheit über die Besat-zungsgrenze an den Kontrolleuren vorbei nach Voslapp geschafft werden. Von wegen der gesetzwidrigen Schwarzschlachterei. So war es zwischen Mutter Sophie und Bauer L. abgesprochen und mit Handschlag besiegelt worden. Als das Fuder Torf aber des Mittags auf dem Hof lag, da bestand Bauer L. plötzlich darauf, dass das Schwein sofort und in der Tageshelle abtransportiert werden sollte.

Wie meiner Mutter gesteckt worden war, warteten am Kontrollpunkt schon die Besatzer aus der benachbarten Kaserne, um die Sau zu beschlagnahmen. Die Serben hatten auch wohl gewaltig Appetit auf Schweinebraten, der ihnen hier aus der Nachbarschaft angekündigt worden war.

Des Bauern Schlitzohrigkeit hatte ihm vielleicht auch eingegeben, das Schwein über den Grenzposten wiederzubekommen. Frei nach dem Motto, eine Hand wäscht die andere. Er wollte wohl Torf haben und Schwein behalten. Wahrscheins hatte er sich gute Chancen dafür ausgerechnet, denn Mutter Eden war ja mit dem Fuhrmann allein in fremdem Revier, und der Torf lag im großen Haufen auf dem Hof. Solch einen dicken Strich hatte Bauer L. sein Lebtag noch nicht zu Gesicht bekommen, als wie Sophie ihm jetzt einen durch seine Rechnung machte. Er meinte vielleicht Sophie Eden gut und lange genug zu kennen – er kannte sie nicht. Nicht gut und nicht lange genug.

Fuhrmann B. bewachte also nach strikter Weisung den Torf und Mutter trommelte derweil in Voslapp alle Kringelempfängerkinder zusammen und beor-derte sie umgehend ins Nachbardorf. wer von den Nachwuchsvoslappern irgendwie und irgendwo einen Drahtesel auftreiben konnte, der schloß sich spontan diesem Kreuzzug in das zu der Zeit noch jeverländische Kirchdorf an.

Im Nullkommanichts waren die Torfstücke von vielen flinken Kinderhänden wieder aufgeladen und nahmen anschließend, an den sichtlich enttäuschten Besatzerkontolleuren vorbei, den Weg nach Voslapp. Für unseren eigenen Bedarf blieb dann von dem Fuder nicht viel übrig, weil ja die vielen freiwilligen Helfer auch belohnt werden mussten. Die hinterlistige Rechnung des Bauern aus Wehlens war aber jedenfalls nicht aufgegangen. Das war meiner Mutter der Einsatz wert gewesen.

Das man besser erst gar nicht versuchte mit Sophie Eden solcherart Spielchen zu spielen hatte meine Mutter ihm aufgezeigt.

Zumindest das hatte er wohl begriffen, wie er es später einmal sagte, der Bauer L. aus W.. Und am Ende die Freude, dem reichen Landmann die Suppe versalzen und eine Reihe armer Kinder und deren Familien zu einer warmen Küche verholfen zu haben, hat sie, so glaube ich, mehr gewärmt, als wie das größte Fuder Torf es hätte tun können.

Unsere Mutter setzte sich des Abends, wenn wir Kinder zu Bett waren und alles andere versorgt war, auf einem Stuhl vor den Küchenherd. Die Füße steckte sie in den noch warmen Backofen, weil des Nachts der Herd nur eingelegt war, und der sonstige Raum doch zumeist sehr abkühlte. Dann strickte sie, und wenn wir Kinder denn des Morgens zu Potte kommen mussten, weil die Schule uns rief, dann konnte wieder eines von uns ein Paar in der Nacht von ihr gestrickte lange Wollstrümpfe anziehen. Sie reichten uns stets bis hinauf in die Leisten. Wenn dies hier später vielleicht einmal jemand lesen wird, dann mag er wohl staunend sagen, so etwas gibt es nicht. Und doch war es so.

Eine andere Begebenheit möchte ich erzählen, die manch einer auch ins Reich der Fabel abtun würde.

Meine Schwester Meta war nach ihrer Schulzeit in Stellung gegangen. Das heißt, sie war als Magd bei einem Bauern im Jeverland in Arbeit gekommen. Im ersten Winter kam sie am Abend vor ihrem freien Tag spät mit dem Fahrrad nach Hause. Jede zweite Woche gab es in der bäuerlichen Landwirtschaft am Sonntag frei – aber nur immer die Zeit zwischen dem morgendlichen und dem abendlichen Melken. Ihre Kleidung, ihre Wäsche und alles was sonst dazugehörte, das musste zuhause von der Mutter in Ordnung gebracht werden. Erbärmlich war der Zustand meiner Schwester. Völlig durchnässt, völlig durchgefroren und mit Erfrierungen an den Füßen – auch wegen des dünnen Schuhzeugs. Sie war fast unfähig noch laufen zu können. Unten in der Nähstube auf dem Chaiselongue, unserem französischen Prachtmöbel, machte Mama ihr eine Schlafstatt zurecht, auf der sie dann auch sogleich in einen todesähnlichen Schlaf fiel. Sie war total erschöpft. Mutter blieb die ganze Nacht auf und umsorgte ihre Tochter. Sie nutzte die Zeit, um zu nähen und zu stricken. Als meine Schwester des Morgens erwachte, konnte sie ein Paar neue Wollstrümpfe anziehen, die unsere Mutter in der Nacht für sie gestrickt hatte – und sie hatte in den Füßen keinen Frost mehr. Sie war vollkommen beschwerdefrei. Was war geschehen? Mutter hatte die ganze Nacht hindurch mit Urin getränkte Umschläge um die frostgepeinigten Füße ihrer Tochter gewickelt. Sie hatte uns Geschwister deswegen ein paar Mal aus dem Schlaf geholt, wenn ihr für die Behandlung der Urin ausging, damit wir unsere Pipi in einen Topf pinkelten. Ein Wunder war geschehen – so schien es.

Mutter konnte aber auch anders sein. Manches mal grenzten ihre erzieherischen Maßnahmen auch fast an Wunder. Meine jüngste Schwester Helene war ja ihrem Gebaren nach schon eher ein Junge. Sie war unangefochten die Anführerin aller in der Nachbarschaft wohnenden Jungen. Die der Mädchen natürlich auch. Unser Schulweg in Voslapp war eigentlich ein kurzer Weg über eine gute Strasse. Helene mitsamt ihrer Clique benutzte aber einen anderen Schulweg – die Verbindung zwischen und hinter den Siedlungen – den Weg durch die Entwässerungsgräben, die ‘Gubbelschlöte’. Dementsprechend sahen sie natürlich auch alle aus, wenn sie aus der Schule durch den Garten nach Hause gestiefelt kamen. Für unsere Mutter war das immer wieder eine riesige Freude, denn nicht nur Helene stand stets zur Reinigung an – nein, auch ihre Gefährten wurden geschrubbt und die Kleidung gewaschen und geflickt. Ansonsten hätte es nämlich bei den meisten von ihnen zuhause ein Riesendonnerwetter gegeben. Eines Tages nun hatte Mama Sophie einen großartigen Einfall – eine grandiose Idee.

Helene wurde ernsthaft von ihr klargemacht, dass, würde sie noch einmal mit den Kameraden durch die Gräben ziehen, meine Mutter ihr eine Stricknadel in den Hintern stechen würde. Wobei Mama ihr zeigte, bis wie tief der Stich beim ersten und um wie viel tiefer der Stich beim zweiten Mal ausfallen würde. Und da unsere Mutter ja allgemein als eine ernsthaftige Person galt, ging Klein-Helene fortan ganz gesittet den normalen Schulweg über die befestigte Strasse. Dadurch war Helene nun keineswegs zu einer Musterknäbin geworden – aber ein kleines Stückchen mehr Mädchen war sie von da an doch.

So reiht sich ein Kindheitserleben an das andere. Es gibt noch viel zu berichten.

Wenn unsere Mutter von zuhause fort war, was ja nahezu täglich der Fall war, blieben wir Geschwister natürlich allein im Hause bis sie von ihren Geschäften zurückkehrte. Wo sechs Kinder sind, da sind naturgemäß auch viele Freunde. Mutters Leitsatz, wenn sie ging, der war stets: Geht nicht mit euren Schulkameraden nach Hause – ich will, wenn ich wiederkomme, von den Eltern der anderen keine Klagen über euch zu hören bekommen. Ich weiß, ihr seid vernünftig – bringt eure Freunde mit nach Hause – wenn dann mal etwas kaputtgeht, dann habe ich wenigstens keinen Streit mit den anderen Eltern. Diese Regel wurde von uns Geschwistern auch eisern befolgt. Dadurch war bei Edens natürlich immer was los. Langeweile war ein Wort, das uns völlig fremd war. Wir kannten Spiele, von denen heute die Kinder keine blasse Ahnung mehr haben. Sie sind zum größten Teil aus dem Wissen der Menschen verschwunden.

Einige Spielchen und ihre Abfolge möchte ich hier festhalten. Vielleicht leben sie eines Tages wieder auf, und erfreuen die Kinder erneut.

Ganz raffiniert war der „Besuch beim Zahnarzt“. Der Patient setzte sich auf den, mit einer bis zum Fußboden reichenden Decke versehenen und mit Löchern in der Sitzfläche präparierten, Behand-lungsstuhl. Ihm wurde ein Umhang umgelegt – der Kusendoktor schaute ihm mit einem zu einem Spiegel umfunktionierten Tee- oder Kaffeelöffel in den Mund. Es wurde mit dem Löffel geklopft und geguckt – und immer wieder kam die besorgte Frage des Doktors: Spürst Du schon etwas? Die Frage wurde solange mit einem Nein beantwortet, bis der unter dem Stuhl versteckte Mitspieler mit Hilfe einer Stricknadel beim Patienten für mehr oder weniger heftige „Zahnschmerzen“ im Podex sorgte.

Als Patienten konnten natürlich nur immer wieder Neulinge angeworben werden, was die Sache manchmal allerdings etwas schwierig gestaltete.

Der Besuch auf der Sternwarte war ein ebenso beliebtes Neulingsspiel.

Der Besucher durfte auf den Beobachtungsstuhl Platz nehmen. Da Sterne ja nur bei Dunkelheit beobachtet werden können, bekam der Sterngucker zuerst einmal einen blickdichten Militärmantel über den Kopf gehängt. Durch einen Ärmel dieses Mantels sollte dann wie durch ein Fernrohr der Sternenhimmel betrachtet werden. Von außen wurde anschließend immer wieder die Frage gestellt, ob denn schon etwas zu sehen sei. Es war solange ein Nein zu vernehmen, bis einer von uns Außenstehenden einen Topf kalten Wassers in den Mantelärmel entleerte. Keiner der Eingeweihten verriet etwas, damit uns die unwissenden Besucher nicht von der Fahne gingen. Jeder von uns war ja einmal auf der Schadensseite gewesen und alle wollten naturgemäß auch mal auf der Seite der Schadenfreude stehen. Diese Genugtuung wollte sich doch niemand entgehen lassen.

Ein ganz vergessenes Vergnügen war das Spiel, das wir „Schlittenfahren“ nannten. Schlittenfahren im Sommer und ohne Schnee. Irgendwie waren wir die Erfinder der späteren Sommerrodelbahnen.

Für dieses Vergnügen benutzten wir die Matratzen unserer Betten aus den Schlafzimmern im ersten Obergeschoß. Es waren die für diese Zwecke hervorragend geeigneten und ein wenig hartleibigen dreigeteilten Seegrasmatratzen, die zu der Zeit ausserhalb der ländlichen Gebiete schon die Strohsäcke oder –schütten ersetzten, die noch in den Alkoven oder Butzen unserer Großeltern zu finden waren. Die einzelnen Teile dienten uns als Schlitten, auf denen wir immer wieder die Treppe ins Erdgeschoß hinunter „rodelten“. In der Breite füllten sie exakt den Treppenlauf aus. Von dieser Zweckentfremdung der Matratzen durfte unsere Mutter ganz gewiß nichts wissen, das wussten wir. Irgendwann hat sie dann davon erfahren – aber wie gesagt, das war irgendwann – und irgendwann hat sie mir auch einmal erzählt, dass sie davon immer gewusst hat, und dass uns nur nie die Freude am Zuhausebleiben nehmen wollte. Unsere Mutter war schon eine kluge Mutter.

Äußerst beliebt war unter uns Kindern – und da waren es vornehmlich wir Bengels – zur Vorweih-nachtszeit das „Einrauchen“ der Tonpfeifen der Stutenkerle vom Nikolaustag. In Ermangelung originalen Tabaks rollten wir die wintertrockenen Blätter der Hainbuchenhecken und stopften damit die tönernen weißen Pfeifenköpfe, um sie dann mit mehr oder minder großem Erfolg zu schmöken. Mehr oder minder heißt, bei einem „mehr“ war der Erfolg in die Hosen gegangen – bei einem „minder“ beschränkten sich die Folgen auf einen verkorksten Magen und ein grünes Gesicht.

Ein Erleben dieser Art von Häuptlingswürde ist mir besonders lebhaft in der Erinnerung haften geblieben. Unser Stall auf dem Hof hatte über dem Hühnerrefugium einen kleinen Spitzboden unter dem Dachgebälk, auf den wir Kinder uns mit Vorliebe zurückzogen, wenn es etwas zu beschicken oder zu bereden galt, was nicht für die Augen und die Ohren der Großen bestimmt war. In diesem Rückzug von der Alltagswelt fanden auch die ersten Erkundungsstreifzüge in die Gebiete der noch mädchenhaften Weiblichkeiten des anderen Geschlechtes statt. Es waren für uns alle alles prägende Erlebnisse und Erfahrungen – diese noch zaghaften, aber im Nachhinein wunderbaren ersten Schritte in die Erwachsenenwelt hinein.©ee

 

Weißt du noch . . .

 

Die Sommerrosen aus der Zeit –

weißt du noch wie sie rochen?

Die Jugend – sie liegt lang schon weit –

als wir in Hecken uns verkrochen.

 

Ob wir was ausgefressen hatten –

oder weil es bloß so schön,

manchmal war es kühler Schatten –

der uns ließ den Himmel seh’n.

 

Süßgeahnte fremde Welten –

noch nicht gefühltes dunkles Glück,

wie oft begann man uns zu schelten –

zog uns in Unschulds Welt zurück.

 

Doch jedes Riechen prägte Male –

mit jedem Fühlen loderte – zuerst der Kern,

und dann die Schale –

jeder Blick rückte die Kindheit fern.

 

Bis sie in tausend kleinen Stücken

füllte der Jugend engen Raum –

der Kindheitswelt mußt’ man entrücken,

es blieb uns immer nur der Traum.

 

Drum lebe, wenn du Kinder findest –

egal auch wo auf dieser Welt,

den Traum zurück – indem du bindest

die Seele nicht an’s große Geld

 

Ich sehe Feuermale streichen,

der Geist entweichet aus der Flasche –

wenn wir uns nicht die Hände reichen

liegt Unschuld bald in Schutt und Asche.©ee

 

 

Eines schönen Sommertages kam meine schon etwas sehr ältere Kusine Rinelde, die bei uns in der Strasse uns schräg gegenüber wohnte, aufgeregt rufend zu unserer Mutter in die Küche gelaufen. Tant’ Sophie … Tant’ Sophie … euer Hühnerstall brennt. Und tatsächlich – zwischen den roten Dachziegeln stieg intensiver grauer Rauch aus dem Inneren des Stalles auf. Was war die Ursache dieser beängstigenden Rauchentwicklung? Auf dem Hühnerstallboden hockten mein Bruder Hermann mit Gerd Buse und einigen anderen Kriegern – sie rauchten, was das Zeug hielt. So brannte zwar nicht unser Hühnerstall, aber eine überaus kurze Weile später (das jetzt bitte nicht mit dem Begriff ‚kurzweilig’ verwechseln) brannten in den heißesten Lohen die Hintern einiger tapferer Krieger und Friedenspfeifeschmökern. Der böse Zufall wollte es nämlich, dass Gerd Buses Vater Karl das Geschehen ob der Aufgeregtheit meiner Kusine aus erster Hand mitbekommen hatte, weil er gerade auf einen lütten Köhm bei Edens in der Küche weilte. Vater Karl war in seiner Art der Knabenzüchtigung nämlich nicht gerade zimperlich, und seine Pranken waren breiter, als mancher Übeltäter Hintern groß war. Daran konnte dann auch der heftigste Einspruch meiner Mutter nichts ändern. Dieses „Pack Haue“ war aber meines Wissens und nach meiner Erinnerung bei uns damaligen Welterkundlern von vorneherein mit einkalkuliert. Es hat uns auf jeden Fall nicht merklich vom Kurs abgebracht – geschmökt haben wir nach wie vor, eben nur an anderen, an nicht so augenfälligen und gefahrvollen Orten.©ee

 

ewaldeden

kleiner Teilauszug von verwehte Zeiten…

 

Traumausflüge…

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Traumausflüge…

Eine wasserblase unter dem dunkelgrünen bug des wippenden bootes
lupenhafte einblicke vergrößern wasserwelten

sattblitzende fischbäuche bodenseefelchen schwimmen in familiengruppen schmetterlingsgleich im einbiegen
unter dem auge kreisförmiges entzücken

der freie himmel wassergrau öffnet den mund zum anblasen und trocknet meine ertrunkene kleidung
augenschwer die sonne in pastell
über tanzenden tauchenten schwappen die wellen

das stahlblau der brücke zieht kaltgriffelig aufgeblasene gummischwäne am hals
und bringt sie zum nicken. es klopft der motor am boot und über mir kreischt die möve in weiß

erholsamer sonntagsausflug

ich falte den tag und die segelboote
die fische mit ihren grünschuppigen sonntagsgewandt
den blassblauen himmel und die ruhigliegende see

 

wickel einen seemannsknoten kunstvoll um die sanft gleitenden stunden
und liege auf der bootsbank
mit geschlossenem blick und träume…© Chr.v.M

Verwehte Zeit.

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Verwehte Zeit

am 01. Januar 1999 – 0.45 Uhr

 

Die ersten Minuten des neuen Jahres sind gerade verstrichen. Was mag wohl kommen – helle Zeit? Dunkle Stunden?

Der Bauch gibt auch keine Antwort. Sonst be-stimmt er schon mal die Richtung. Heute Nacht muß er sich vielleicht erst einmal umschauen.

Wenn ich so die Entwicklung des Miteinander der Menschen nicht nur mit ihresgleichen, sondern auch mit anderen Geschöpfen vergleiche, dann wird es mir doch – na – ein wenig mulmig oder so zu Mute.

Siehste, ich muß nur die Gedanken der Realität zuwenden, und schon spricht der Bauch auch wie-der ein Wörtchen mit.

Die Kompressorphase ist für ein Jahr wieder vorbei. Wenn heute, am späten Neujahrstag, die Köpfe wieder klarer werden, dann ist mit dem Rausch der Silvesternacht auch das Gefühl, Mensch – Mitmensch sein zu müssen bis zum nächsten Weihnachtsfest vorüber. Gerade in der Silvester-nacht von kurz vor Mitternacht, diese hirnlosen Gestalten mit ihren Böllern und Krachern – die Angst der Tiere vor etwas Unbekanntem, Bösem.

Auf einmal verspüre ich das Bedürfen, nach irgend-wo auf dem nördlichen Erdkreis – in eine einsame Hütte und sonst nur Natur.

 

Jetzt sitze ich schon wieder hier, mit Schreiber und Papier. 5 Uhr 45 min zeigt die Uhr. Ich war schon unterwegs ins Nachbardorf. Um einem lieben Mitmenschen, der heute Geburtstag hat, einen Gruß und Glückwünsche in seinen Briefkasten zu füllen. Es wäre eigentlich ein wunderschöner Morgen – man ahnt es. Was man aber sieht und fühlt und riecht hat mehr Ähnlichkeit mit Krieges Schlachten und Vernichtung. Pulvergeruch, Natur voller Müll und torkelnde Gestalten, die meist im Moment nicht einmal wissen, wo sie denn hingehören.

Ich komme mir fast vor wie ein Schwarzseher, aber wer mit wachen Sinnen und ohne Spritnebel im Kopf die zweite Dezemberhälfte rückbetrachtet, der sieht nichts anderes. Das soll für heute Nacht genug sein. Ich werde jetzt ein gutes Frühstück zubereiten, auf das sich alle freuen – und der Bauch kommt dann auch auf andere Gedanken.

 

 

Gerade haben ich den Innenhof und die Strassenfläche vor unserem und des Nachbarn Grundstück von der Hinterlassenschaft der Silvesterknallerei befreit. Dabei hat keiner aus unserem Hause so ein Spektakelding in der Hand gehabt – und der Nachbar ist überhaupt nicht am Orte. Was die Feiernden sich da geleistet haben, dafür gibt es nur eine Bezeichnung: Es ist unter aller Sau.

Bei uns im speziellen Fall waren es jüngere bis ganz junge Menschen. Zum größten Teil auch noch ohne Anstellung, arbeitslos und von öffentlicher Sozialleistung lebend und dabei Unmengen Geldes für Feuerwerkskörper und Alkoholika ausgebend. Woher haben sie es nur, frage ich mich des Öfteren?

Und das alles geschieht völlig ohne auch nur ein bißchen Ordnungsgefühl. Rücksichtnahme auf An-dere ist unter den unbekannten Fremdwörtern angesiedelt.

Das gängige Motto lautet immer öfter und immer lauter: Ich will Spaß !!!

Wobei ich wohl sehe, dass die Ursache nicht bei den jungen Menschen, die sich so verhalten, zu suchen ist. Da muß man den Faden nach rückwärts verfolgen – aber trotzdem, Grenzen müssen gezogen und Pflöcke müssen eingeschlagen werden. Ganz konsequent. Auch wenn sich die jungen Menschen daran mal Beulen und Schrammen holen. Meist geschieht es dann sowieso nur einmal.

Jetzt bin ich ein wenig ins philosophieren geraten, was ich so gar nicht wollte.

Die Sonne scheint, die Mücken tanzen … nein, soweit ist es noch nicht. Aber Plus-Temperaturen, die haben wir doch schon – und im Blumengarten stecken Stauden-, Knollen- und Zwiebelpflanzen die Köpfe und Triebspitzen durch die Erdkrume. Es ist ein sehr bißchen früh im Jahreslauf. Wehe, wehe es kommt der Papa Frost plötzlich angestiefelt, und die Natur hat kein Flöckchen Schnee als schützende Haut!

Jetzt muß das restliche Laub des vergangenen Herbstes zusammengeharkt werden, damit alles Sprießende bei einem Kälteeinbruch nicht einen zu heftigen Knacks bekommt.

In der Küche wird Chikoree geputzt – das erste Mittagsgemüse im neuen Jahr. Damit wären wir wieder beim Bauch angelangt – und der muß auch die Richtung gezeigt bekommen.

 

Soeben läutet das Telefon. Neujahrsgeläute.

Brigitte aus Solingen ist am anderen Ende des Drahtes. Alles Gute zum Neuen Jahr hin und her – und sie fährt am Nachmittag nach Düsseldorf. Sie will zu ihrer „Omi“, zu meiner Mutter. Brigitte sorgt sich um die Omi. Ich verspüre große Erleichterung. Ich sorge mich auch um meine Mama – ich wohne aber 15mal soweit von ihr entfernt, und so ist Brigitte ein wenig mein verlängerter Arm des Sorgens. So etwas ist tröstlich zu wissen.

Meine Geschwister wohnen zum Teil in greifbarer Nähe um die Mutter herum – es besteht aber kein Drang, sich ein wenig um sie zu kümmern. Sie ziehen es vor, sich gegenseitig zu hassen und sich immer wieder in die Haare zu geraten – um das dann als Vorwand herauszustellen, sich ja gar nicht um die Mutter kümmern zu können, weil – oh, wie praktisch – einer der Streithähne oder Hasser ja bei der Mutter im Hause wohnt. Es ist gerade auch noch derjenige, der die Welt um sich herum nur akzeptiert, wenn sie zu seinen Füßen kriecht, und der sich sonst einen Scheißdreck um irgendetwas kümmert. Vom Charakter und von der Courage und von der Gebrauchsfähigkeit her ist er mit Hut so groß wie ein abgebranntes Zündholz. Schwächeren und Unterlegenen gegenüber erweist er sich aber zunehmend als ein Tyrann.

Ich darf es so sagen, denn ich habe selber Jahre unter ihm – wie kann ich es sagen – zugebracht? Jaaa … zugebracht ist wohl das rechte Benennen. Gelitten habe ich auch, natürlich, aber so will ich es nicht bezeichnen. Ich will darüber ja auch keine Klage führen – ich war ja alt genug. Ich war erwachsen, wie es in der Erwachsenensprache lapidar heißt.

Ich habe lange dafür gebraucht, um mir das alles selber verständlich zu machen. Ich muß es jetzt einfach zu Papier bringen. Vielleicht um ein wenig von der Last des Geschehenen auf diese Blätter abzuladen – vielleicht, um anderen Menschen, die Opfer wurden und heute und bis an ihr Ende Opfer sein werden, irgendwann einmal Hilfe zu leisten bei ihrer Suche nach den Ursachen ihrer Verletzungen, nach dem Beginn ihrer Irritationen.

Eigentlich sollte es am Anfang – in den ersten Minuten des neuen Jahres – nur ein Brief, sollten es nur ein paar Zeilen an einige liebe und vertraute Mitmenschen werden.

Auf einmal war es der Vorsatz fürs neue Jahr die Geschichte, meine Geschichte, Revue passieren zu lassen – nicht der Reihe nach geordnet, sondern so, wie mir das Vergangene gerade in den Sinn kommt. Wer und wessen Tun aus der Erinnerung heraus mir gerade so einfällt, denn irgendwie ist doch alles miteinander verwoben.

 

Brigitte hat ihre Omi gestern Abend mit nach Solingen genommen. In Düsseldorf hat sie einen Zettel auf den Küchentisch gelegt: „komme morgen Abend zurück. Mutter“.

Damit dort keine Suchaktion gestartet wird. Vermißt wird sie von Hermann eh nicht. Solange die Mutter nur buchmäßig in Grafenberg geführt wird, solange braucht er nicht um sein preiswertes warmes Nest zu bangen.

Sobald die Mutter in anderer Umgebung ist, spürt man greifbar, wie sie auftaut.

Brigitte hat für das Düsseldorfer Domizil Schlüssel nachmachen lassen. Damit wir nicht immer hilflos am äußeren Zaun stehen – als Zaungäste in des Wortes Sinn.

Wenn jemand die Mutter besuchen will, dann mußte er bislang nämlich vorher telefonieren, damit das äußere Tor geöffnet wird. Das hinterhältige Denken an der Sache ist nur, der liebe Sohnemann Hermann stellt die Läute des Telefons so leise, dass selbst ein junger Mensch mit Gutgehör die Töne nicht wahrnimmt. Das ist auch eine Taktik, um Kontakte der Mutter mit der Außen- und Mitwelt zu verhindern oder zumindest stark einzuschränken bzw. sie zu kontrollieren.

Diese Verhaltensweise ruft bei mir Erinnerungen wach, die sich weitgehend mit den jetzigen Abläufen decken.

Ja … die Erinnerungen. Mein Bruder Hermann und ich haben jahrelang Tag für Tag gemeinsam gewer-kelt. Aber so in der Rückschau betrachtet war er immer der Reiter und ich immer der Esel. Nie hat uns jemand in vertauschten Positionen gesehen. Wie sollte es denn auch, ein Esel als Reiter – das ist doch sowieso unmöglich.

So war es bis zu dem Zeitpunkt, als der Esel seinen Reiter abgeworfen hat und selbständig anfing die Richtung zu finden. Von der Stunde an war etwas zwischen uns Brüdern zerbrochen. Gott sei Dank.

Um auf die teuflische Taktik zurückzukommen – wenn sich zwischen mir und einem anderen Menschen eine Beziehung anbahnte, dann wurde sie vordergründig von meinem lieben Bruder tatkräftig unterstützt – und, wenn es keiner sah, mit den fiesesten Tricks wieder zum Zerbrechen gebracht. Das Arbeitspferd musste ihm ja erhalten bleiben.

Nach vielen, vielen Erniedrigungen wollte ich dann eines Tages wenigstens einen Minimallohn für die tägliche Schinderei haben. Seine Antwort auf meine Forderung nach einem kleinen Pauschallohn steht noch heute wie ein Feuerzeichen über unserem jahrelangen Zusammenleben: Ich brauche jemand, der für mich arbeitet – Geld kassieren, das kann ich selber.

Das war dann der Moment, in dem ich auf zwei Beinen zu stehen kam.

1972 war es – ich war inzwischen wieder nach Düsseldorf gezogen. Mein Stiefvater Paul (Michel) war Mitte des Jahres verstorben, da holte meine Mutter meinen Bruder aus dem Säufersumpf, in den er nach meiner Trennung von ihm völlig abgesackt war (es fehlte ihm ja das Geld, das ich über die Jahre täglich für ihn und seine Saufkumpane erarbeitet hatte) zu sich nach Düsseldorf. Es sollte wieder ein schicksalhafter Punkt in ihrem Leben und ein großer Fehler sein – wie es sich später als nächste Leidensetappe ihres Lebens erwies.

Ich glaube, all dieses Geschehen ist auf unserem Weg, den wir über diese Erde gehen, von Anbeginn vorgezeichnet.

In ihrem jungen Leben, von ihrer Heirat an, war unsere Mutter Sklavin ihres Ehemannes, des See-manns Hermann Eduard Meino Eden, aus Friederikensiel in der alten Schule gebürtig. Sie musste immer nur arbeiten, Kinder kriegen, schuften, Kinder kriegen, zusätzlich fremder Leuts Kinder großziehen, arbeiten, schuften – DAS war ihr junges Leben!

6 Kinder hat sie selber geboren. Ein Haus im Moor, in Eversmeer/Ostfriesland, mit ihren eigenen Händen (mit Unterstützung der Nachbarn) gebaut – immer für ALLES gesorgt. Wohlgemerkt, unsere Mutter. Unser Vater war ja „Saylord“ – immer auf See und immer weit weg. Wenn sein Schiff zum Löschen des Fanges im Emder Hafen lag, wurde die kurze Stippvisite ins Familienheim dazu genutzt, um mit der Ehefrau ein neues Kind zu zeugen, und gleich darauf wieder in See zu stechen. In den nordeuropäischen Häfen vergnügte er sich dann mit den vielen diversen Hafenbräuten und stach auch fleißig woanders hin. Das Geld dafür stand ihm ja in Fülle zur Verfügung. Den Unterhalt der Zuhausefamilie bestritt nämlich komplett die angetraute Ehefrau – unsere Mutter. Sie hat von der Heuer ihres Mannes nie auch nur einen Pfennig zu Gesicht bekommen.

Übermenschliches hat Sophie Eden in ihrem Leben geleistet. Wenn man es schreibt, beschreibt, weiter-erzählt … man muß immer wieder nur ungläubig staunen. Wenn ich nicht wüsste, es ist wahr, und ich würde es von anderen nur hören – ich würde es wohl ins Reich der Fabeln einordnen.

Das Moor und der Wald haben meine Mutter geformt. Der Handel mit allen möglichen Gütern – der Umgang mit Menschen aller Gesellschafts-schichten – das alles hat sie geschliffen und ihren Witz und ihre Weltläufigkeit geprägt.

Ihre Fähigkeit mit Belastungen fertig zu werden und das Leid anderer Menschen zu tragen, die war wohl gottgewollt. Unsere Mutter ging mit den Kindern morgens ins Moor, stets nachdem die Tiere, die Kinder und der Haushalt versorgt waren (immer in dieser Reihenfolge geschah es).

Wenn sie ins Moor zum Torfhocken ging, dann erbrachte sie eine Tagesleistung von 26 tausend Stück Torf. Das war damals eine Inflation von Ziffern, auf die Arbeitsleistung eines Menschen bezogen.

Das Mittagsmahl für die Kinder und sich gab es stets auf dem Feld. Des Abends hieß es dann wieder Vieh, Kinder, Haushalt. Und dann?

Feierabend, Muße? Denkste!

Ran an die Nähmaschine – schneidern und nähen für fremde Leute, damit der Lebensunterhalt bestrit-ten werden konnte. Für die eigenen Kinder nähen, stopfen und stricken war für sie die selbstverständlichste Nebenbeipflicht der Welt.

Ihr Schlafbedürfnis befriedigte sie mal eben so zwischendurch – in Viertelstundenintervallen, an der Nähmaschine sitzend, mit dem Kopf in der Armbeuge. Es war schier unglaublich – meine Mutter konnte einfach ALLES – nichts schien für sie unmöglich zu sein.

Das läuft mir immer wieder durch den Kopf, wenn sie noch Heute – 86jährig – mit mir auf die Baustel-len geht, und – was macht? Arbeiten natürlich.

Selbst der Umgang mit den neuesten Techniken bereitet ihr keine Probleme. Von meiner Mutter habe ich – ich sage es mal einfach so – ALLES. Alles geerbt oder gelernt, oder zumindest die Befähigung vieles zu lernen. Ihre geistigen, sinn- und auch übersinnlichen Fähigkeiten, ihr handwerkliches Geschick, ihre Gabe mit Menschen umzugehen, und nicht zuletzt das ‚sich für Andere bei Anderen einzusetzen’.

Den Sinn, Ereignisse vorauszuspüren, die Gabe, selbst in den trockensten Wüsten Wasser zu finden – einfach alles.

Sie hat an mich aber auch zugleich die Unfähigkeit weitergegeben, das eigne Wohl gegenüber anderen durchzusetzen. Aber was soll ich machen – auch damit lebe ich. Und ich habe von ihr das Gespür für und die Liebe zur Natur mitbekommen – dafür bin ich besonders dankbar, und werde es immer sein.

Ich verspüre Magenschmerzen – Muttis Anrufe las-sen immer mehr ihre seelische Not erkennen. Sie leidet unendlich unter Bruder Hermann. Nicht, dass er sie schlägt oder anderswie verbal Gewalt antut – das ist vor einigen Jahren nur einmal geschehen (natürlich war das einmal zuviel)

Des Nachts und betrunken hat er sie geschlagen. Noch in der Nacht bin ich nach Düsseldorf gefahren und habe ihn in seiner Stammkneipe aufgesucht, seine vordergründigen Freundschaftsbezeugungen abgewehrt und ihn öffentlich zur Rede gestellt. Obwohl er da schon wieder unter Strom stand, hat er es begriffen. Er hatte begriffen, dass ich es ernst meinte mit meiner Drohung ihn umzubringen, wenn er sich noch einmal dazu hinreißen lassen würde, meine Mutter zu schlagen.

Jetzt hat er die Kassette mit Mutters persönlichen Papieren in seinem Zimmer eingeschlossen. Sie kommt nicht an ihre Papiere und Erinnerungen heran. Dabei sitzt sie in den langen Stunden des Alleinseins oft in ihrem Zimmer und lebt in ihren Erinnerungen.

Ich fühle es – sie kommt mir entmündigt und geknebelt vor. Ein unhaltbarer Zustand. Obendrein haben Hermann und seine Freundin sich erdreistet, das Testament, die letztwillige Verfügung der Mut-ter zu öffnen. Ungeheuerlich. Ich muß in den näch-sten Tagen etwas unternehmen. Ich muß meinen Bruder bremsen, bevor er noch ein weiteres Leben mutwillig zerstört.

Und immer wieder kriecht in mir die Erinnerung an mein Nichteinmischen vor langen Jahren ins Bewusstsein – besonders eine Begebenheit in der damaligen Wohnung in Mittelhöhscheid.

Hermann und ich kamen nachmittags nach Hause – natürlich nicht auf direktem Wege von der Baustelle, sondern aus Fischers Kneipe, der „Kohlsberger Höhe“.

In der Kneipe war die Stimmung gut gewesen. Die meines Bruders zumindest. Ab und an mein leises Begehren, doch endlich nach Hause zu fahren, ließ bei ihm schon Unmut aufkommen. Und noch ein mehr erahnen. Zuhause angekommen – meine Schwägerin verlor vielleicht ein Wort des Bedauerns über das mittlerweile kalt gewordene Essen – und schon krachte es. An dem Nachmittag hat mein Bruder seine Frau verprügelt, ja misshandelt.

Einfache Schläge reichten ihm offenbar nicht mehr. Seine Frau hatte sich in ihrer Not unter dem Wohnzimmertisch verkrochen – doch der Tisch bot ihr nur eine scheinbare Sicherheit – unter dem Tisch wurde sie nämlich von ihrem Mann – meinem Bruder – weiterhin mit den Füßen traktiert.

Ich war unfähig, etwas dagegen zu tun. Es mag niemand glauben, ich hätte mich daran erfreut oder es gar gutgeheißen – wahrlich nicht.

Mein damaliges „Nichtstun“ kostet mich dagegen bis heute einen Teil meines seelischen Friedens.

Die Kinder der beiden – Uwe, damals 4 und Dag-mar, gut 2 Jahre alt – haben all das mit ansehen müssen. Die beiden Kleinen haben damals instink-tiv mehr Mut bewiesen, als ich als ihr großer Onkel es in der Lage war zu tun. Sie schrieen und weinten ganz erbärmlich, weil die Mutter geprügelt wurde. Ihr Mut wurde grausam bestraft. Der Vater versetzte seinem 4 jährigen Sohn einen solchen Schlag – das kleine Menschlein wurde von einer Ecke in der Küche quer durch den Raum in eine Wohnzimmerecke geschleudert. Wie hat der kleine Kerl seinen Mut teuer bezahlt. Und wieder hatte mein Bruder eine Seele auf Dauer beschädigt. Dieser Nachmittag war nur ein Punkt in einer langen Kette von Misshandlungen. Ich träume oft davon.

Eines Tages hat Renate, seine Frau und Mutter der Kinder, dann etwas getan – ob sie es hätte anders anfangen sollen, wer weiß es schon. Sie tat etwas, was ihr wohl als einzige Notwehr blieb: Sie verschwand mit ihren Kindern nach irgendwohin. Ihr Leben wurde dadurch in den ersten Jahren danach bestimmt nicht leichter – aber sie lebte um einiges ungefährlicher, denke ich.

Ich weiß nicht, ob und wie Renate mit den Trümmern ihrer Seele fertig geworden ist. Ich weiß nicht, ob es ihr gelungen ist, die Scherben wieder gebrauchsfähig zu kitten. Wie es Uwe auf seinem Weg bis heute ergangen ist weiß ich so ziemlich – bei Dagmar hingegen tappe ich im Dunkeln. Ich stelle mir die Dagmar immer als eine Pflanze vor, der es gut geht, die relativ normal lebt, die alles, was Menschen und Familien heute so haben, hat. Nur eines hat sie nicht – eine gute Erinnerung an die Kindheit. Sie gehört zu den Geschöpfen Gottes, die ihrer Wurzeln beraubt worden sind.

Wer nicht aus dem Schatz der Erinnerungen an seine Kinderzeit schöpfen kann, der kann von diesem Schatz auch nie etwas an seine Kinder weitergeben. Was sind es nur für betrogenen Menschen. Mir geht es Gott sei Dank ein wenig anders – auch wenn meine Kinderzeit nicht unbedingt und durchgängig süß wie eine gedrehte Kirmes-Zuckerstange war. Ich brauche bloß an irgendein Ereignis zu denken, und – als wenn ich mit dem Denken einen simplen Schalter betätige – ist der Zeitraum um dieses Erleben herum wieder gegenwärtig. Ganz so, als wäre es alles erst gestern geschehen.

„Ich habe an meinen Vater keine gute Erinnerung.“ Wenn ich das im engeren Freundeskreis schon einmal sage, dann heißt es gleich, na ja, du warst ja auch noch klein, als er seiner Krankheit, der Tuberkulose, erlegen ist. Ich versuche meine Freunde dann stets zu korrigieren. Ich kann mich an meinen Vater sehr gut erinnern – nur habe ich an ihn keine ‚gute’ Erinnerung. Ich habe es nicht erleben dürfen, dass er mir nur einmal in meinem kleinen Leben mit der Hand über den Kopf gestrichen hat – ich kann mich weder an eine einzige zärtliche Berührung noch ein einziges liebes Wort von ihm erinnern. Meine Mutter hat diese Ablehnung durch ihren Mann an mir immer wieder gutzumachen versucht. Bis auf so einiges gründlich danebengegangene Geschehen ist es ihr auch gelungen. Ich habe sie einmal vor Jahren gefragt: Mama, du hattest schon 5 Kinder – dann kam 6 Jahre nach dem fünften noch ein sechstes in deine Welt – noch dazu von einem ungeliebten Mann gezeugt – hast du dir in vielen Situationen nicht manches mal gewünscht, du wärest nicht schwanger? Ihre Antwort darauf hat mich auf’s Neue dazu gebracht zu sagen, der liebe Gott richtet’s schon.

Meine Mutter sagte mir: Ach, weißt du – sie sagt oft einfach, ach weißt du, und dann weiß ich, sie teilt mir wieder etwas mit aus ihrem unerschöpflichen Reichtum an Erfahrung und Lebensweisheit. Und das nicht, um mich zu belehren, sondern um mir etwas zu schenken.

Ach weißt Du – als ich in 44 schwanger mit dir war, und ich durch die Schwangerschaft soviel schwere Krankheit hab’ durchleiden müssen, dass ich oft gefragt habe, lieber Gott – warum ich? Ich hab’ doch mein Soll erfüllt. Aber als du dann da warst, da habe ich bald begriffen, warum. Der Schöpfer hatte dich mir zum Trost geschenkt. Du wurdest etwas mehr als 24 Stunden geboren, bevor der heilige Abend anbrach. Du warst wie alle Kaiserschnittkinder faltenlos und schier – dazu hattest du schon lange lockige schwarze Haare. Auf die Welt gekommen bist du in einem schrecklichen Krieg, von dem niemand zu der Zeit wusste, wie lange es noch dauern würde mit dem Schlamassel. Die Nonnen im katholischen St. Willehad-Hospital haben dich wohl als Zeichen des Himmels betrachtet – jedenfalls lagst du in der Christnacht in ihrer Krippe, als sie damit von Bett zu Bett durch den Luftschutz-Bunker zogen. In den schweren Jahren nach dem Krieg warst du der einzige Mensch, dem ich alles erzählen konnte, der mir immer still zuhörte.

Mama musste ja auch nach dem Krieg weiterhin für alle sorgen – und der Kreis war ja nicht kleiner und das „Sorgen“ nicht leichter geworden. Jetzt waren es 6 Kinder UND der Ehemann. Der ach so stolze Seemann kam krank von Bord und aus dem Krieg und nach Deutschland zurück. Tuberkulose brachte er in seinem Körper mit – die damalige Volkskrankheit Nummer eins.

Grosse Teile der Besatzung ‚seines’ Schiffes waren davon betroffen. Seine Kameraden haben zumeist noch lange, zum Teil sehr lange damit und danach gelebt – nur der Stiesel von meinem ‘Vater’ machte immer genau das Gegenteil von dem, was ihm in seiner Situation gut getan hätte. Er war einfach keinem Rat zugänglich, gleich von welcher Seite auch immer er kam. So hat er z.B. bis zu seiner letzten Stunde am 29. Februar 1952 geraucht. Und zwar geraucht wie ein Schlot, trotz fast keiner Lunge mehr. Ein viertel Pfund Tabak – Steinbömer Gelb – ging täglich in blauen Dunst auf. Und DEN mußte meine Mutter auch noch täglich besorgen.

Die schwerste Zeit für meine Mutter war immer die, wenn ihr Ehemann einmal wieder für eine Weile im Wilhelmshavener Marine-Lazarett lag. Sie arbeitete seit der Währungsreform vorwiegend in jadestädtischen Bekleidungswerken, wechselweise im Textilhof an der Ulmenstrasse oder in den ehemaligen Kommandatur-Kasernen zwischen Rhein- und Ebertstrasse als Näherin. Sie machte zeitweise täglich 2 Schichten an zwei ‚Schiebebändern’ gleichzeitig. Alle 45 Sekunden, sich auf dem Stuhl drehend, die Nähmaschine wechselnd. An der einen Maschine die Passĕ und auf der anderen die Knopflöcher nähen. ‚Schiebebänder’ als ‚Vorfließbänder’ waren zu der Zeit DAS produktionssteigernde Mittel in den Wilhelmshavener Uniformschneidereien.

Statt ‚Uniformschneidereien’ drängt es mich, einfach ‚Frauenschindereien’ zu schreiben, denn die Vorgehensweisen der angestellten Bandleiter zur Steigerung der Produktionszahlen waren alles andere als menschenwürdig. Die Herren verstanden ihr Handwerk, das sie ja nicht selten in der Hitlerschen SS gelernt hatten. Wenn meine Mutter von den Widerwärtigkeiten der Bandleiter wie etwa eines Kubitza erzählte, dann habe ich mich als kleiner Steppke schon immer gefragt, warum so grundböse Menschen in einer Fabrik mit einem erzkatholischen Besitzer so viel ‚Gutes’ tun durften.

Zwischen den Schichten in der Näherei schwang meine Mutter sich dann aufs Fahrrad und peeste zum Krankenhaus, um dort den Ehemann zu beköstigen.

In den Krankenhäusern der Jadestadt gab es damals nur die jeweils mögliche (nicht nötige) medizinische Versorgung. Wenn Angehörige der Patienten am Ort wohnten, dann oblag denen die Versorgung mit Essen und Trinken.

Meiner Mutters „dritte Schicht“ beschränkte sich aber ja nicht auf den Lazarettpart. Im Stadtnorden – in Voslapp da gab es ja noch sechs Kinder, die darauf warteten, von der Mutter versorgt zu werden. Also hieß es nach der Klinik in die Pedale zu treten und das Zuhause ansteuern, um da nach dem Rechten zu schauen – zu schauen, ob diejenigen Kinder die schon tatkräftig mithalfen, auch nicht überfordert waren.

Die (relativ) leichteste Zeit war für meine Mutter jedes Mal dann, wenn sich ihr Mann entweder in Wildeshausen oder in Blankenburg in den dortigen sog. ‚Lungenheilstätten’ aufhielt. Dann konnte meine Mutter unbeschwerter ihren vielen Pflichten und ihren vielen, vielen schlecht entlohnten Beschäftigungsverhältnissen nachgehen. Auf die Hungerlohnarbeiten bei einigen jeverländischen Bauern werde ich später noch näher eingehen.

Ich hatte immer das Gefühl, Arbeit, noch mehr Arbeit würde meine Mutter zu noch mehr Tun anspornen. Sie war bei aller Arbeit, die auf ihr lastete, stets fröhlich (zumindest haben wir Kinder sie meist so erlebt) – sie hatte immer ein offenes Ohr für die Belange der Kinder (und da beileibe nicht nur für uns, ihre eigenen Kinder – auch unsere Freunde und Schulkameraden genossen ihr „zuhörenkönnen“, dem dann in der Regel gleich das „helfenkönnen“ folgte.

Bei Tant’ Eden war allgemein Treffpunkt vor, aber zumeist nach jeder Aktion, wenn dabei etwas „schiefgelaufen“ war. Ob es zerrissene oder vom Schlötegubbel (Grabendreck) versaute oder durch-nässte Klamotten waren, ob es war, daß wir in des Nachbarn Garten erwischt worden waren, oder irgendwo bei einem Nachbarn eine zerdepperte Scheibe ersetzt werden musste. Bei Eden’s gab es kein Tabuthema. Bei Eden’s war es immer warm – bei Eden’s gab es immer Hilfe – bei Eden’s gab es immer zu essen und trinken – bei Eden lag ständig Nadel und Faden parat, um Löcher in den Strümp-fen zu stopfen – und vor allem anderen, bei Eden’s gab es wegen solcher Kindermalöre keine Dresche, sowie es in so vielen anderen Zuhausen gang und gäbe war.

Oftmals gab es obendrein noch Torf als Heizmaterial, etwas vom letzten Schlachten oder Früchte aus dem Eden Garten mit nach Hause.

So hat meine Mutter mit ihrer Art viele Kindergesichter zum Strahlen und viele Kinderpopos vor schmerzhaften Schlägen bewahrt. Die Kinder konnten doch gar nichts dafür, dass sie in diesem schrecklich armen Nachkriegsdeutschland nur eine Hose oder ein Paar Strümpfe zum anziehen besas-sen. (Obschon es auch nach dem grandios verlorenen Weltkriegsgetümmel auch in Deutschland noch viele Menschen gab, die sich in Sattheit und im Überfluß tummelten. Da soll mir niemand etwas anderes erzählen wollen.)

Zugegeben – aus damaliger Sicht war „ein Hintern voll“ manchmal durchaus angebracht – wir waren ganz gewiß nicht immer Engel bei unserem Tun. (Wir nannten es ja unverblümt „Arschvoll kriegen“, wenn wir das Für und Wider irgendeiner von uns geplanten Aktion gegeneinander „abwogen“. Manche Taten waren ein anschließendes „Jackstück voll“ einfach wert.)

Bis 1948 – bis nach der Währungsreform, bis zum neuen Geld – war „Hamstern“ ja für viele Fami-lienvorstände die einzige Möglichkeit, um sich und die Seinen über Wasser zu halten. Es war einfach der nackte Selbsterhaltungstrieb. Viele Menschen tauschten alles, aber wirklich alles, was sich noch an Wertsachen in ihrem Besitz befand, gegen irgendwie Essbares für die Familie ein. Durch diesen Umstand ist so mancher Bäcker, Bauer oder Schlachter – eben alle, die mit der Herstellung von Nahrungsmitteln befasst waren, zu einem Spott-preis in den Besitz von Dingen gelangt, von denen sie bis dato nicht einmal zu träumen gewagt hatten.

Meine Mutter brauchte nicht um Essbares hamstern gehen (unser Vater wäre eh nicht dazu befähigt gewesen, auch ohne Tuberkuloseerkrankung nicht) – dank ihrer vielen Talente hat sie diese Notzeiten vollkommen anders bewältigt. Mama war ständig im Lande unterwegs – vornehmlich mit dem Fahrrad – für bestimmte Touren benutzte sie den Dampfer nach Bremerhaven, der zu der Zeit noch „Linie“ fuhr. Es war sozusagen schon ein „Butterdampfer“, wenn auch natürlich wegen völlig anderer Voraussetzungen, als die späteren Vergnügungs-Butterschiffe.

Wenn meiner Mutters Fahrrad einmal streikte – zumeist waren diverse Plattfüße der Bereifung der Anlaß für diese Streikwellen, dann bedurfte es eines „Flickens“ für den Schlauch. Da aber Fahrradflickzeug ebenso knapp war wie alles andere zum Leben Notwendige, erforderte eine Reifenpanne in der Regel einen längeren Fußmarsch. Da konnten es dann schon mal leicht 20 Kilometer sein, die auf Schusters Rappen abgelaufen werden mussten, denn Ostfriesland ist zu Fuß verdammt weitläufig und dünn besiedelt.

Tee war eines der Hauptgüter im „Handelshaus Sophie Eden.“ Mutter war in Ostfriesland unter der Bezeichnung ‘radelnder Handelsdampfer’ in fast jedem Hause ein Begriff, zumal sie ja von Kindes-beinen an durch ihre Eltern mit sämtlichen Handelsaktivitäten und mit den Menschen im Lande vertraut war.

Der Tee gelangte auf recht abenteuerlichen Wegen in meiner Mutter Besitz. In Altengroden, im Flücht-lingslager an der Maade, wohnte eine Frau Ziolek. Sie war aus der polnischen Ecke Deutschlands gegen Kriegesende vor den Rotarmisten geflüchtet. Frau Ziolek hatte einen Sohn, der Mitte der 20er Jahre in die neue Welt ausgewandert war, um in den USA zum US-Bürger zu werden. Schicksalhaft wie so vieles andere auch, kam dieser Sohn 1945 als Angehöriger der amerikanischen Besatzungs-truppen nach Deutschland zurück. Als Offizier in einer Versorgungskompanie der NAAVI.

Der Seehafen Bremerhaven wurde sein Standort als Basis für der Amis Logistik im besetzten Germany. Bremerhaven und Wilhelmshaven sind ja durch die Luft nur einen Katzensprung weit voneinander entfernt, aber in 45 waren es Welten, oder konkret gesagt, es trennten diese beiden Nachbarhafenstädte die verschiedenen Besatzungszonen.

In Bremerhaven waren es vom 8. Mai 45 an gleich die US-Amerikaner – in Wilhelmshaven, als des Reiches Kriegshafen Nummer 1, da war es völlig anders. Wilhelmshaven und der Nordteil des Kreises Friesland wurden von der, von den britischen Inseln aus operierenden, polnischen Exilarmee eingenommen, nachdem diese, von Holland kommend, Ostfriesland durchquert hatte.

Die polnischen Erstbesatzer nutzten natürlich die Gunst der Stunde und rechneten mit den Teilen der Zivilbevölkerung ab, die während des Tausendjährigen Reiches so manche Schandtat an polnischen Zwangsarbeitern (Deportierten und Kriegsgefangenen) begangen hatten. Innerhalb der Grenzen der Jadestadt machten sich nach einer gewissen Übergangszeit die Tommys daran, sich häuslich einzurichten. Solange die britische Churchill-Regierung den Plan verfolgte Wilhelmshaven als des Teufels Küche dem Meer zurückzugeben, solange hatten sie den Polen das Feld überlassen. Nachdem dieser Plan auf Druck von Uncle Sam aufgegeben worden war, übernahm die britische Rheinarmee selber das Gebiet. Und damit jede Kriegspartei auf der Seite der Sieger ein Stück Sieg auskosten konnte, wurden Teile der serbischen Armee ins Jeverland gesetzt. Das Herzstück der serbischen Besatzung waren die Kasernenanlagen im Wilhelmshaven benachbarten Wehlens – einem Ortsteil der Landgemeinde Sengwarden.

Zwischen jeder Besatzungszone bestanden ja Grenzen, und an diesen Grenzen wurde natürlich kontrolliert, um die Hoheitsrechte der Besatzer herauszustellen.

So wurde denn des Nachts der Tee aus den Beständen der US-Armee durch andere Besatzungszonen hindurch illegal nach Altengroden verbracht. Es war Schmuggelei reinster Art.

Ein amerikanischer Soldat sorgte sich um seine Nazideutsche Mutter. Er gehörte zwar zu den Siegern nach diesem furchtbaren Krieg, aber auch Sieger haben ihre Gesetze.

Morgens, noch vor Tag und Tau, holte unsere Mutter den Tee von Altengroden ab. Zuhause dann den Tee in Portionen gut verpackt, ging es in aller Frühe weiter. Und wieder über Zonengrenzen hinweg, nach Ostfriesland hinein. War die Zeit auch noch so schlecht – Ostfriesen brauchten ihren Tee. Tee war geldes– ach was sage ich, Tee war goldeswert. Der Tee wurde von meiner Mutter in ganz Ostfriesland gegen Fettigkeiten eingetauscht. Fettigkeiten bedeuteten zu der Zeit nicht Staucherfett oder Schmieröle – Fettigkeiten das waren Butter, Speck, Wurst und Schinken. Diese Fracht musste des Abends wieder, unter oftmals Schweiß und Blut treibenden Umständen nach Voslapp zurück, und von da aus – nachdem 10% davon als Courtage abgezweigt worden waren – dann weiter nach Altengroden-Lager, um dort dann wieder gegen Tee aus Bremerhaven eingetauscht zu werden.

Immer auf’s Neue. Das war auch eine funktionierende Weltwirtschaft.

Eine andere Quelle zur Deckung dessen, was wir so zum Überleben benötigten (es gab einfach keine unnützen Sachen) war Mutters Schnapsbrennerei. Das war natürlich ein Kapitel für sich. Wenn Mutter etwas machte – und es gab fast nichts, was sie nicht machte – machte sie es den Umständen nach immer professionell.

Alle Welt brannte Schnaps – und alle Welt wusste, dass alle Welt Schnaps brannte. Es machten die, die es konnten, und auch die, die es meinten zu können versuchten es mit mehr oder minder großem Erfolg. Die Ergebnisse und Erzeugnisse der Destillier-künstler sprachen Bände. Es wurde Fusel aus allen möglichen und unmöglichen Grundstoffen ge-brannt. Der Wohlstandslaie von heute würde sich wundern, wenn er erführe, aus was man alles Fusel machen kann. Aus Rüben, aus Kartoffeln, aus Obst aller Sorten, aus Getreide, ja sogar aus Kartoffel- oder Rübenschalen wurde Sprit gebrannt. Das was dann aus den Kühlschlangen in die Gläser tropfte und nach dem Genuß die Hirne der Trinker vernebelte oder lähmte, das war auch häufig danach. Die Grünröcke – so nannten wir damals die Zöllner – brauchten nur immer ihren Nasen nachzugehen, um Schwarzbrennern bei ihrem ungesetzlichen Tun auf die Schliche zu kommen.

Nicht so war es bei Mutter Eden. Ihrer Devise, ein Schuß Professionalität ist selbst beim in der Nase bohren vonnöten, blieb sie auch bei der Genever- Herstellung treu. In diesem Sinne führte sie übri-gens alle ihre Unternehmungen durch. Gute Pla-nung und gute Vorbereitung bringt gute Erfolge. Als Basisrohstoff kam bei unserer Mutter nur feinster weißer Zucker in Frage. Nichts anderes.

Dieser Rohstoffeinsatz wurde möglich durch den Fettigkeiten-Anteil aus der Teehandelei.

1 kg Zucker ergab am Ende des Brannt-Prozesses ¾ Liter feinstes Destillat. Zweimaliger Brannt war in meiner Mutters Destillerie obligatorisch. Unter dem lief gar nichts – die Spitzenbrände mit hohem Ver-edelungscharakter wurden gar dreimal gebrannt. Dadurch verringerte sich zwar die „Endmasse“ um ein paar Pinnchen, aber die Resttröpfchen die hatten es dann umso mehr in sich. Sophies Spirituosen waren frei von jeglichen Fuselölen. Selbst nach reichhaltigstem Zuspruch gab es am Morgen danach keine Kopfschmerzen, das heißt, war auch der Dunas noch so dick – der Klarverstand kehrt’ stets zurück.

Das 95 %ige Destillat war astrein – sozusagen Apotheken-Qualität.

Der Zusatz von destilliertem Wasser machte letzt-endlich aus jedem Kilogramm Zucker 3 Nullsiebener Flaschen besten 32 %igen Korn bzw. fünf 1/1 Flaschen edelsten Likörs vielfältiger Richtung. Die Damenwelt in der elenden Nachkriegszeit wollte schließlich auch ab und an zum „Genuß“ kommen. Sie wusste einen edlen Tropfen ebenso zu schätzen, wie die Mannsleuthorden.

Und wie das alles hervorragend funktionierte. Für den Rohstoff Zucker sorgten die Umsätze im Fett- und Teehandel. Flaschen mit Original-Etiketten und -verschlüssen lieferte Kaufmann Georg Coldewey jun., während die fertigen Eszenzen von zwei erfahrenen F’grodener „Alchimisten“ (Ernst Lück und Fritz Grabner) hergestellt und geliefert wurden. Das Ganze Prozedere war einfach perfekt.

Der Vertrieb dieser hochprozentigen Kostbarkeiten funktionierte ebenfalls wie geschmiert – na ja, zumeist zumindest. Es gab wohl keine Schankwirtschaft und keinen Krug im damaligen Amt Wittmund bzw. im Kreis Aurich, in der oder dem zu besonderen Anlässen den Gästen NICHT Schnaps von Sophie Eden kredenzt wurde. Wie gesagt, zu besonderen Anlässen, denn die geistigen Getränke von Sophie Eden waren für den alltäglichen Besuff viel zu kostbar.

Tjaaa … und diese besonderen Anlässe, die hatten es zumeist in sich.

Es waren die wieder regelmäßig stattfindenden Feuerwehrfeste, die Betriebsfeste der Zollinspek-tionen, die Polizeijahresfeiern, diverse Behörden-Weihnachtsfeiern und so weiter (in vielen Amtsleiter-Schreibtischschubladen befanden sich natürlich auch etliche dieser Art Tröster).

Die große Mehrheit der Konsumenten wusste übrigens, aus welcher Quelle der Saft sprudelte. Im Nachhinein kann ich sagen, meine Mutter hat so manches Mal mit dem Teufel getanzt – und ihm dabei meistens ein Stückchen seines Schwanzes beraubt.

Es ging immer gut – bis eines Tages in der Logistik ein Teilchen ausfiel und in der Eile durch ein Rädchen ersetzt wurde, welches keine Zähne hatte. Ein Kurier – es war auch noch gerade ein Zollinspektor – war ausgefallen, es hatte ihn der Schlag getroffen. WAS sollte man nun tun? Aus dem Visiterkreis meiner Eltern bot sich so schnell nur Frau Burmester an. Sie war schon einige Male mit kleineren Kurierfahrten betraut worden, denn Nahrung und Feuerung, die es mindestens einbrachte, die brauchte selbst der Dümmste – und Frau Burmester war nicht gerade eine der Hellsten. Dieses Mal handelte es sich um eine größere Warensendung und außerdem um eine ‘Terminsache’.

Es musste Stoff von der feinsten Art für diverse offizielle Veranstaltungen ins Ostfriesenland transportiert werden. Wenn meine Mutter wegen der größeren Mengen den Transport nicht mit dem Fahrrad besorgen konnte, dann wurde die Fracht über Jan Peters, dem Holzgasungetüm, das zweimal am Tage die Strecke Fedderwardergroden – Aurich Pferdemarkt via Jever- Wittmund und Plaggenburg bediente. abgewickelt.

Für diese Sendung nun hieß das Ziel Gasthof und Saalbetrieb Emil Götz in Plaggenburg. Eine für damalige Verhältnisse Riesensause stand dort ins Haus – der Kreisfeuerwehrball – der erste nach dem Kriege. Die Mutter begleitete Frau Burmester von der Voslapper Brennstätte zum Bus an der Endhaltestelle vor der F’grodener Schule Warthestrasse.

Die Begleitung eines Kuriers war sonst nicht üblich, bei dieser Notlösung hielt meine Mutter es aber wohl für angebracht. Wie gesagt, Sophie konnte um die Ecke der Zeit schauen, und 3 Kilometer mit der Fracht waren ja für eine in dem Metier nicht so erfahrene Frau auch eine ganz schöne Puckelei.

Die Mutter begleitet Frau Burmester also zum Bushalt. Den Koffer und die Taschen hatte sie auf dem Drahtesel vertäut. Als sie um die letzte Straßen-ecke bei Fritz Buschers Fahrradschusterei und Gasolintankstelle in die Elbingerstrasse einbiegen, sehen sie auf den letzten hundert Metern bis zum Omnibus nur noch Grün. Um den Omnibus herum wuselte ein ganzes Geschwader von Zollkontrolleuren. Meine Mutter hat späterhin vermutet, dass sie einer ihrer Mitbewerber aus der Schwarzbrennerszene in Oldenburg angeschwärzt hatte, denn es waren durchweg Zollbeamte aus der Huntestadt, die da an diesem Morgen ihrem Schnüfflerhandwerk nachgingen. Von den Wasserkanten-Grünröcken war so etwas nämlich nicht zu erwarten, weil, die gesamte hiesige Schwadron zählte ja mit zu ihren besten Kunden.

So gab es auf offener Strasse also eine Blitzverabschiedung – Frau B. musste notgedrungen alleine mit dem schweren Gepäck die Reststrecke hinter sich bringen. Sophie wusste in dem Augenblick, dass die Sache schief ausgehen würde, und sie hatte nur einen Gedanken – nämlich den, so schnell wie möglich nach Hause zu britschen, um die Produktionsanlage vor dem amtlichen Zugriff zu bewahren. Auch in einer solchen Brandsituation bewies sich wieder einmal mehr der kühle Kopf, die klare Linie – und die weise Vorausschau, die sie für solche Eventualitäten die geeigneten Vorkehrungen treffen lassen hatte.

Zuhause, unter dem elterlichen Schlafzimmerfuß-boden, befand sich ein bombensicheres Versteck. Die Voslapper Siedlungshäuser waren nämlich im Vorkriegsgalopp hochgezogen worden. Es waren in den Grodenschlick einfach Ringmauern mit darü-berliegenden Balken und Dielen gesetzt worden. Unter den Fußböden der Häuser war nach wie vor der Naturboden auszumachen. Unter unserem Hau-se konnte man noch den ehemaligen Verlauf eines Prieles erkennen. In die Dielen des Holzfußbodens im Schlafzimmer hatte mein ältester Bruder Hinrich ein Viereck geschnitten – perfekt und für ein ungeübtes Auge nicht zu erkennen – aber Klappe. Na ja, bei einem solchen Lehrherrn wie mein Bruder ihn hatte, war diese Art der Qualitätsarbeit natürlich kein Wunder. In der Werkstätten Fritz A. Adenas auf dem Heppenser Berg erlernte er zu der Zeit das Handwerk eines Möbeltischlers unter Obhut des legendären Tischlermeisters Karl Egts.©ee

 

Ewald Eden

 

 

 

 

Siebzehn auf einen Streich …

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Erinnerungen an schöne Tage …

 

Siebzehn auf einen Streich …

 

 Es war die Zeit der Herbstzeitlosen – das wäre eine schöne Überschrift. Dieser Satz fiel mir so spontan ein, als mir – ebenso spontan während eines Gesprächs – der Anlaß für diese kleine Geschichte einfiel. Es war aber nicht die Zeit der Herbstzeitlosen – man könnte wohl eher sagen, es war die Zeit der Vaterlosen.

Die Zeit der vaterlosen Kinder, weil die Väter entweder im Krieg gefallen waren, oder sich noch irgendwo in den sibirischen Weiten in irgendeinem Kriegsgefangenlager befanden. Die westlichen Siegermächte des zweiten Weltenbrandes hatten ihre Kriegsgefangenen zu dieser Zeit schon längst wieder in die Heimat – in eine zerstörte Heimat entlassen. Aber das war nur eine Minderzahl der Väter, die im Kriege an den Fronten gekämpft hatten.

 

  Es war die Zeit der Mittellosen – und es war auch die Zeit der Arbeitslosen. Konjunktur hatten nur die Gasthöfe und Kneipen, die in der Nähe einer Stempelstelle angesiedelt waren. Stempeln gehen mag heute in den Ohren vieler junger Menschen unbekannt und exotisch klingen, für die Generation nach dem Kriege – eigentlich nach beiden Weltkriegen – war es ganz sicher eines der schrecklichsten Wörter im Sprachgebrauch. Es wurde in seinem Negativwert nur noch übertroffen von dem Wort Schwindsucht.

 

  In eben diesen Kneipen blieb häufig schon ein erklecklicher Teil des wenigen Geldes, das vom Sinn her für den Lebensunterhalt der Familie bestimmt war. Die Wirtinnen und Wirte freute es, die Mütter und Kinder daheim wohl weniger.

In unserer Siedlung hatten eine Handvoll umsichtiger Männer einen Verein gegründet. Ich höre jetzt garantiert aus einer Ecke den bekannten Spruch: Wenn drei Deutsche zusammenkommen, dann gründen sie gleich einen Verein.

Das mag manchmal so sein.

Doch in diesem Fall lagen die Dinge ein wenig anders. Eine handvoll Männer rief einen Verein ins Leben, um den Kindern in unserer Siedlung – den Kindern an unserer Schule – ein wenig den kargen Nachkriegsalltag erträglicher zu gestalten. Mögen die Gründe dafür auch vielfältig und verschieden gewesen sein.

Ein, als Lehrlingsheim ausgedientes, Gebäude der ehemaligen Kriegsmarinewerft wurde angemietet, und in mühsamer, aber liebevoller Eigenarbeit so hergerichtet, dass wir Schulkinder einmal im Jahr, während der regulären Schulzeit, eine Woche verreisen konnten.

Alle Kinder – ohne Ausnahme !

Nach meiner Erinnerung ist es nicht vorgekommen, dass auch nur einmal ein Kind zu Hause bleiben mußte, weil die Eltern kein Geld hatten, um die Reise zu bezahlen.

Die monatlichen Beiträge waren niedrig angesetzt – so niedrig, dass auch den Familien mit geringstem Einkommen die Mitgliedschaft möglich war. Eine Mark musste jede Familie an jedem Monatsersten in die Vereinskasse einzahlen.

Unabhängig von der Zahl der Kinderköpfe im Hause. Es wurde kein Unterschied gemacht, zwischen kinderreich und kinderarm. Nicht selten wurde sogar Familien, in denen kein Vater, dafür aber noch größere Not zuhause war, der Beitrag ganz erlassen. Heute denke ich so manches Mal, irgendwie war trotz häufig fehlender Feuerung damals die Welt um einiges wärmer.

Mag sein, ich täusche mich.

 

  Wenn es dann endlich Montagmorgen hieß: „Leinen los“ und der altersschwache Omnibus röhrte und stampfte mit keuchender Maschine Kurs Schweinebrück – dann fuhren wir mit Hurra und Gejuchze sieben Tagen Glück entgegen. Allein die Fahrt dahin – durch die wunderschöne friesische Wehde und längs des Neuenburger Urwaldes – trieb unseren Adrenalinspiegel – wenn wir denn so was schon hatten – in himmelhohe Höhen. Es war aber auch zu schön, in einem Omnibus durch die Lande kutschiert zu werden, der nicht nur röchelte und keuchte, wie der altersschwache Gaul von Kohlenhändler Pieper, wenn er einmal die Woche durch die Siedlung zog, um den Leuten, die es sich leisten konnten Kohlen zu kaufen, Kohlen zu verkaufen. Die Bezeichnung Kohlen war bei dem, was die meisten ins Haus gebracht bekamen, wohl nur der Deckname.

Die Zeit der Tarnbezeichnungen war ja noch nicht allzulange Vergangenheit. Die meisten konnten sich nämlich nur Schlammkohle leisten. Das war angefeuchteter Kohlenstaub. Heute würde man wohl sagen, igittigitt – wat’n Schietkram. Wie gesagt heute. Damals war es schwarzes Gold. Bloß Goldstaub eben.

Für den Kohlenhändler war es, trotz des niedrigen Preises, sicherlich noch ein gutes Geschäft.

 Nur bei uns, in unserem Hause, konnte er kein Geschäft damit machen. Wir waren Königs – wir brannten Torf. Wir brannten Torf aus dem eigenen Moor. Wer konnte das schon in unserer Armeleutesiedlung von sich sagen.

Für uns Kinder hatte sich auf jeden Fall plötzlich das Paradies aufgetan. Für die allermeisten von uns jedenfalls. Schulferien hatten wir natürlich, wie heute auch – aber verreisen? Und gar irgendwohin in fremde Lande – das gab es noch nicht.

Wir verbrachten die schulfreien Wochen zu Hause – in den Weiten des Groden vor dem Deich und in den Trümmerbergen der nach dem Kriege zerstörten Seeschleusen. Wir angelten auf Abessinien unserem Inselparadies, und wühlten uns durch den Schlick des alten Voslapper Hafen.

Das weiteste Ferienziel war unser alter Leuchtturm. Unser Leuchtturm war es, weil er einmalig war in seiner Bauweise. Er stand wie ein unerschrockener einsamer Zinnsoldat mitten im Wattenmeer – anderthalb Kilometer vom Deich entfernt, am Rande des tiefen Fahrwassers. Manchmal schien er mir wie auf verlorenem Posten zu stehen – der einsame Wächter da im Watt.

Und jetzt so etwas – während der regulären Schulzeit verreisen.

 

  Wir fühlten uns, als wenn wir in einen Feldzug fuhren – na ja, das sollte ich wohl nicht sagen – aber die überlieferten Bilder waren uns noch zu nah. Auch die von freudigem Auszug der Truppen in Feindesland. Wir sangen laut und fröhlich im Chor – und ebenso wie auf den noch zu frischen Erinnerungsbildern, wurden die Lieder von Knattern und Knallen begleitet.

Wenn der Motor unter der langen Kühlerhaube nämlich nicht röchelte und keuchte, dann knallte und knatterte und furzte er lustig in der Gegend herum. Es machte ihm wahrscheinlich riesigen Spaß, mit seinen lauten Spätzündungen die Menschen auf den Strassen zu erschrecken.

 

  Das Schullandheim in Fuhrenkamp war wohl keine Weltreise von unserem Ort entfernt, eine gutgenährte Stunde brauchte der alte Veteran über den gewaltigen Gummirädern aber doch, bis er unser Ziel erreichte – unser Schullandheim. Es lag direkt am Rand des Schweinewaldes.

Die meisten von uns wussten zwar schon, wie Wald geschrieben wurde, und was in einem Wald alles so herumstand. Aber einen Wald in natura gesehen – oder gar angefasst – nee, das Glück war den meisten von uns noch nicht vergönnt gewesen.

 

  Auf alle Fälle waren wir glücklich – wir, die wir anreisten. Empfangen wurden wir regelmäßig von den geschäftigen Heimeltern – lange Jahre waren es Mutter und Vater Kalmuszak. Freudig begrüßten uns die Bewohner des benachbarten Altenheims – und weniger freudig die Kinder aus der Abreiseklasse. Für sie war die Glückswoche zu Ende.

Während wir Ankommenden übermütig aus dem Ungetüm von Omnibus herauspolterten, nahmen sie anschließend auffallend schweigsam die, von unseren aufgeregt hin- und herrutschenden Hintern, noch warmen Plätze ein.

 

  Unser Abenteuerglück nahm nun Gestalt an. Waren wir in der letzten Stunde nur erwartungsvoll darauf zugeflogen, befanden wir uns jetzt am Ziel – inmitten des Reiches von Feen, Elfen und Schlaraffia.

Wir wurden sogleich „lehrerschonend“ auf die Zimmer verteilt, wie unser weiser, alter Schulmeister es nannte. Er kannte ja seine Rasselbande aus den Schulalltagen zur Genüge. Als ehemaliger Offizier des Afrikacorps setzte er für Rasselbande allerdings stets die Bezeichnung Pappenheimer. Das lag ihm wohl mehr. Wir wussten aber alle, was er damit meinte.

Alles, was zum pinkeln nicht die Hosen runterziehen musste, wurde zwei Treppen hoch, im Dachjuchhee, einquartiert. Die erste Etage war den Röcken vorbehalten. Das war seine Referenz an die Weiblichkeit, so nannte es Papa Hopf .

  Auf jeden Fall lag seine Wohnstube, wie ein unüberwindliches Bollwerk, zwischen Mädchen- und Jungenrevier. Direkt am Fuße der knarrenden Treppe ins Obergeschoß. Warum das wohl?

Die älteren unter uns haben gewiß nächtens hin- und wieder versucht, dass Gebiet jenseits der Frontlinie zu erkunden.

Dagegen hatte der alte Stratege in seinem Bunker aber noch eine zusätzliche Sicherung eingebaut – die Wachstube. Das erste Zimmer, das – zum Mädchentrakt hin – an seines grenzte, wurde stets mit sechs von uns Jungens belegt, von denen es ein jeder als Auszeichnung empfand, zum Wachpersonal zu gehören.

Papa Hopf konnte sich beruhigt aufs Ohr legen, und schlafen – zwölf andere Ohren hörten für ihn jedes noch so feine Geräusch, dass über die imaginäre Grenze schlich. Der alte Haudegen kannte wirklich seine Pappenheimer.

Er hielt die streunenden Hunde mit anderen Hunden vom Gehege der ihm anvertrauten Hühner fern.

Immer hat das ganz sicher nicht vollkommen funktioniert – aber nie hat ein gackerndes Hühnchen den nächtlichen Frieden im Hause gestört, und die Federkleider waren morgens auch alle wieder in Ordnung.

So war er – unser alter Papa Hopf.

 

  Der erste Tag war immer viel zu schnell zum Abend geworden. Wir hatten ja nicht die Menge zum einräumen – unser Besitz an Kleidern war in der Zeit noch äußerst beschränkt. Aber wir hatten jede Menge zu erkunden, um unsere Neugier zufrieden zu stellen.

Was hatte sich nicht alles in dem Jahr seit unserem letzten Aufenthalt verändert. Jede Kleinigkeit war uns wichtig – erschien uns riesengroß, und wenn es nur der länger gewordene rotweiss geringelte Schwanz von Nelly, der Hauskatze war.

 

  Nach dem Bettenbauen, und der ersten Vesper, zog es uns stets in die Nachbarschaft – der einzigen übrigens in weitem Umkreis. Wir mussten unsere Omas und Opas im hundert Meter weiter im Wald liegenden Altenheim besuchen.

Jedes von uns Kindern hatte nämlich ‚seine’ Oma, oder ‚seinen’ Opa da gefunden – zumindest für die sieben Tage Aufenthalt.

Für die alten Menschen in dem Gemäuer war der Tag der ersten Kindereinquartierung im lange verwaisten Lehrlingsheim der Kriegsmarinewerft so etwas wie ein Lotteriegewinn gewesen.

Und sie ließen uns an ihrem Glück teilhaben.

Obwohl sie selber wahrlich nicht mit irdischen Gütern gesegnet waren, ging doch niemand von uns bei der Begrüßung leer aus.

Kleine, selbst gebastelte Geschenke mit Leckereien, wenn auch meist nur winzigen, versüßt, landeten in unseren – nein, nein, nicht in den Hosentaschen – sie landeten gleich in unseren Mündern.

Es kam ja nicht so häufig vor, dass Schlickersachen auf uns niederfielen, wo doch zu Hause bei vielen noch das Brot fehlte.

 

  Am ersten Abend unseres Aufenthaltes hatten wir stets rechtschaffen müde zu sein. So sagte man es uns zumindest immer schon vorher. Die aufregende Erwartung des bevorstehenden Ereignisses, die ungewohnte ferne Fahrt mit dem großen Omnibus, die neue Umgebung, die andere Luft – Luftveränderung macht müde, davon waren alle Großen, die zu Hause zurückblieben überzeugt – unsere Sachen ordentlich einrichten, und, und, und …!

Das traf augenscheinlich auf uns alles nicht zu. Nie waren wir so munter und aufgekratzt wie am ersten Abend im Landschulheim.

Wir waren doch wohl etwas Besonderes.

 

  Es gab doch auch soviel zu bedenken. Was sollten wir an diesen sieben Tagen ohne einen gut ausgeklügelten Schlachtplan auch tun. Wie sollten wir uns unseren Klassenkameraden gegenüber verhalten, wenn sie im Schutze der Nacht den Versuch unternahmen, die Front zu den Mädchen zu durchbrechen? Und wie sollten wir, umgekehrt, den Angriffen der Versucherinnen standhalten, zu deren Schutz wir eigentlich aufgeboten waren?

  Es war schon ein Kreuz – denn, mich hatte es wieder einmal in die Wachstube verschlagen – mit fünf meiner Schulkameraden. Papa Hopf hatte Wochen zuvor – noch lange vor der Zeit – schon festgelegt, wer wann, wohin und wieso. Seine Witwe, die wir noch lange nach seinem plötzlichen Tode regelmäßig besuchten, hat es uns irgendwann erzählt.

Und irgendwann in der Nacht erwischte uns doch der Schlaf, und es war Ruhe im Schiff.

 

  Der folgende – also der erste ‚richtige’ Tag in der Glücksfreiheit war für jede Schulklasse oder Gruppe Arbeitstag.

  Arbeitstag hört sich schlimm an, war es aber nicht. Arbeitstag – dass hieß, alle Mann raus in den Wald – raus in den Wald, und Kienäppel sammeln. Wer nicht weiß was Kienäppel sind – Kienäppel sind Kiefernzapfen. Wir sammelten natürlich nicht nur Kiefernzapfen.

Die Fruchtstände aller Nadelbäume waren uns willkommen – oder besser gesagt, sie waren unserem Herbergsvater hochwill-kommen.

Ihm waren sie Brennmaterial für den großen Kessel, der dafür sorgte, dass wir zum Waschen warmes Wasser und in kühlen Nächten ebenso warme Hintern hatten. Das große Haus wurde schlicht und einfach mit Kiefern- und Tannenzapfen beheizt. Auf diese Weise schonte man die Vereinskasse in löblicher Manier.

Auch dadurch konnte allen Kindern unserer Schule der alljährliche Aufenthalt ermöglicht werden. Es war aber nicht allein das preiswerte Kesselfutter, das dazu beitrug. Wir Kinder trugen auch sonst noch einen gehörigen Teil dazu bei.

 

  Innerhalb unseres Schulgrundes befand sich ein riesiger Garten. Nicht etwa in der Art der öffentlichen botanischen Gärten, wie sie in vielen Städten zu finden sind. Auch nicht dem englischen Garten in München, oder gar den Gärten von Versailles nachempfunden – iwo, unser Schulgarten war ein profaner und sehr ertragreicher Essgarten, in dem alles wuchs und gedieh, was Mensch verzehren konnte. In dem alles wuchs und gedieh, was wir Kinder unter fach- und sachkundiger Anleitung unserer Lehrer in ihm säten und pflanzten. Wir gruben die Äcker, wir arbeiteten fuhrenweise den Mist ein, den Fuhrmann Janssen aus dem sieben Kilometer entfernten Hooksiel mit seinem alten Dieselross von Fendt regelmäßig im Herbst für geringen Lohn herantuckerte.

Es wohnten ein paar vornehme Leute im Umfeld der Schule – zumindest hielten sie sich dafür – die sagten wohl Stalldung, wenn sie von der bevorstehenden Düngeraktion sprachen. Ihre Vornehmheit war aber nicht sehr standhaft, denn kaum waren die Treckeranhänger entladen, und der warme Haufen duftete stillzufrieden vor sich hin, hörte man ganz unvornehm von diesen vornehmen Leuten: „Hier stinkt es aber gewaltig nach Mist.“ Solche Aussprüche berührten uns aber nicht im Mindesten – wir hatten doch sonst genügend reine Luft zur Verfügung. Und die auch noch kostenlos.

 

  All das, was in unserem Schulgarten geerntet wurde, ging den Weg nach Schweinebrück. Es wurde in die Küche und den Keller unseres Schullandheimes verfrachtet. Und es war nicht gerade wenig, was wir Freizeitgärtner so produzierten.

Und das alles beschickten wir außerhalb unserer Unterrichtszeit. Es war schon ein beeindruckendes Bild, wenn wir nachmittags nach der Schulzeit aus allen Richtungen kommend, als Miniackerbauern mit Spaten und Hacken ausgerüstet, den Schulgarten ansteuerten.

Saatgut und Pflanzen brachten wir Kinder von zu Hause mit. Das eine mehr – das andere weniger. Wie es die häuslichen Umstände gerade zuließen. Es wurde niemand gering geachtet, nur weil er weniger beisteuerte, als die anderen. Papa Hopf war es sehr wichtig, Solidarität in uns zu wecken. Er war nicht nur bei den Pflanzen im Garten ein hervorragender Gärtner – er verstand es auch meisterlich, die Pflänzchen in unserem Bewusstsein heranwachsen zu lassen.

 

  Zu allen Siedlungen gehörten Gemüsegärten zur Selbst-verpflegung – und in jedem Garten wurde ein wenig Saatgut abgezweigt. Auf diese Art war unser Schulgarten wohl der sortenreichste Garten in der ganzen Umgebung. Es gab kein heimisches Obst oder Gemüse, dass nicht in unserem Garten zu finden war. Sogar Blumen waren auf kleinen Rabatten überall zwischen den Äckern zu entdecken. Papa Hopf legte sehr großen Wert auf Tischkultur. Und dazu gehörten für ihn unumstößlich Blumen. Auf diese Weise pflanzte er Verhaltensweisen in unsere kleinen Köpfe, die unser ganzes Leben prägen sollten.

 

  Den zweiten Tag unserer Glückswoche durften wir in der Regel selber gestalten. Nur die Tischzeiten mussten wir einhalten. Ich kann mich nicht erinnern, dass mal eines von uns Kindern zu spät an der Tafel erschienen wäre – obwohl nicht einer von uns eine Uhr besaß. Kaum waren die letzten Töne der großen alten Schiffsglocke zwischen den Baumwipfeln verschwunden, saßen wir auch schon alle in langer Reihe an den Tischen. Mit sauberen Händen – das muß ich betonen. Darauf richtete Papa Hopf stets sein besonderes Augenmerk. Tadel in dieser Richtung war aber nur anfangs unserer gemeinsamen Aufenthalte aus seinem Munde zu hören gewesen. Für uns waren reinliche Hände bei den Mahlzeiten schnell zur Selbstverständlichkeit geworden. Im ersten Jahr hatte er hier und da schon mal mit leichten Maßnahmen nachhelfen müssen – besonders bei Jonny, Heini und Herbert. Die drei nahmen innerhalb unserer kleinen verschworenen Gemeinschaft aufgrund ihres höheren Alters eine Art Sonder-stellung ein. Natürlich nur auf der Schülerseite. Mit der Lehrer-seite taten sie sich des Öfteren schon etwas schwerer. Die drei Spezies waren nämlich dreimal „backen“ geblieben. Herbert, der Anführer, tat immer lauthals kund, ihre Nichtversetzung hätten sie schließlich nur ihrer Beliebtheit bei den Lehrern zu verdanken.

Papa Hopf nickte nur immer verständnisvoll, wenn einer der drei diesen Spruch mal wieder zum Besten gab.

 

  Während einer unserer ersten Busfahrten ins Paradies erzählte Papa Hopf mal wieder eine seiner Afrikageschichten. Er gehörte im Kriege zu Feldmarschall Rommels Wüstenfüchsen, und wusste faszinierend davon zu berichten. Es drehte sich hauptsächlich darum, wie sie sich in bestimmten Lebenssituationen mit gegenseitigen kleinen Gefälligkeiten durch die Zeit geschlagen hatten. Hier ging es im Besonderen um das Verhältnis zwischen deutschen Soldaten und einheimischen Nordafrikanern.

  Jonny, Heini und Herbert hatten gut aufgepasst – sie hatten wieder etwas dazugelernt. Und sie brachten ihr neues Wissen am Abend desselben Tages auch noch an den Mann.

Am Abendbrottisch erschienen die drei mit einer blitzsauberen rechten, und mit einer ziemlich scheddrigen linken Hand.

Papa Hopfs fragend hochgezogene Augenbrauen wussten sie elegant zu parieren: „Sie haben uns heute im Bus erzählt, in bestimmten Situationen wäscht eine Hand die andere.“ So schlaue Kerlchen muß doch jeder Lehrer lieben.

 

  Um acht Uhr abends – ein mittelalter Vertretungslehrer wollte uns einmal partout beibringen 20 Uhr zu sagen, vergeblich allerdings – also um acht Uhr hieß es allgemein. „Bettklar machen.“ Dagegen gab es auch kein Aufmucken – in unserer Klasse zumindest nicht. Wussten wir doch allesamt Papa Hopfs Bücherkiste zu schätzen. Er schleppte in unser Siebentageglück jedesmal einen riesigen Überseekoffer mit. Zum bersten gefüllt mit Lesestoff. Nur für uns. Wir durften stets über die obligatorische Zehnuhrlichtausschlafenszeit hinaus unsere Nasen in Bücher und Heftchen stecken. Um Himmelswillen – nein, keine Pflichtlektüre. Auf Schulbücher wären wir auch wohl schwerlich angesprungen.

Micky Maus, Jimmy das Gummipferd, Nick Knatterton, Tarzan, Tom Prox, Zorro, Billy Jenkins — und wie unsere Helden alle hießen. Die bezopften zarten Geschöpfe in unserer Klasse bevorzugten in der Regel natürlich andere Titel und Geschichten – da ging es dann mehr um Heidi, um das doppelte Lottchen, oder um Ferien auf Immenhof. Jeder durfte nach Lust und Laune schmökern. Vielen von uns hat Papa Hopf dadurch den Weg in die Welt der Bücher geöffnet – denn wer hatte von uns zu Hause schon mal in einem Buch gelesen, das kein trockenes Schulbuch war. Einmal ganz davon abgesehen, dass in den meisten Zuhausen gar keine anderen Bücher vorhanden waren.

 

  Das war aber immer erst nach dem gemeinschaftlichen Abräumen der Abendbrottische. Nach den Mahlzeiten die Tische ordentlich abräumen war stets unser gemeinsames Werk – genauso wie das schälen der Kartoffeln. Der größte Berg Kartoffeln musste immer Mittwochs von der Schale befreit werden. Mittwochs gab es zu Mittag Kartoffelpuffer – oder sollte ich Reibeplätzchen sagen?

Stapelweise Kartoffelpuffer – mit Apfelmus, mit Marmelade, mit Sirup oder Zucker .… grad so wie es jeder mochte. Unser Paule – Paul Schroeder – der schoß bei den Kartoffelpuffern regelmäßig den Vogel ab. Nicht nur, daß er am meisten davon verdrückte – nicht nur das – er bestrich sie sich auch noch alle mit scharfem Mostrich. Naja – er hatte auch wohl schon einen Erwachsen-engeschmack. War er doch vier Jahre älter als die meisten von uns. Nach viermal sitzen bleiben durfte er das auch sein. Es nahm ihm keiner übel – im Gegenteil, hatte er uns allen doch manches voraus. Zum Beispiel schon richtige Haare an seinem Schniedel-wurz.

Paule war obendrein auch ein richtiges kluges Bürschchen. Turnen stand noch auf unserem Stundenplan – nicht Sport, so wie heute. Schwarze Turnhose, weißes Achselhemd – das war allgemein unser Sportdress.

Paule wusste seine natürliche körperliche Voraushaftigkeit in bare Münze umzusetzen. Er ließ uns, die wir noch nicht soweit gediehen waren, während der Turnstunden einen Blick in seine Turnhose werfen. Gegen eine Gebühr von fünf Pfennig.

Auf diese Art sahen wir Jungen, wie auch wir demnächst aussehen würden. Er war für uns oft das Guckloch in eine noch fremde Halberwachsenenwelt. Waren doch für uns Fernsehen, und so wie heute die zahlreichen freizügig illustrierten Magazine noch unbekannte Größen. Heute prangen auf den Titelseiten der Illustrierten die freizügigsten Nixen im Evakostüm – wir bekamen in der Werbung in den Jahren unserer Kinderzeit immer nur züchtig verpackte Frauenkörper zu Gesicht. Heute kullern von jeder Plakatwand die tollsten Brüste – und die jungen Leute schauen gar nicht mehr hin. Wenn ich da an die Werbephotos für die Korsagen unserer Mütter und Großmütter denke, die wir zu sehen kriegten. Nachträglich graust es mich. Die Schnürkorsetts mit den Fischbeinstangen besaßen mehr Ähnlichkeit mit den Panzerspähwagen der Wehrmacht, als mit der modischen Unter-kleidung von heute.

  Jedenfalls war unser Kartoffelpuffertag immer ein Festtag. Wir durften nach Herzenslust schlemmen. An diesem Tag ersetzten unsere Finger Messer und Gabel, bis unsere Bäuche zu platzen drohten – und Papa Hopf schaute vergnügt lächelnd zu. Er bereitete uns diese Freude auch wohl zu seiner eigenen Freude. Er durfte nämlich keine Riefplätzker essen – seine Galle, die mit einem gehörigen Stückchen seines Magens in Ägypten, in der Wüste geblieben war, nahm ihm solche einfachen Feste einfach übel. Ich hab manchmal gedacht, Gallen können ganz schön gallig sein – selbst wenn sie gar nicht mehr da sind.

Oft sind sie auch noch nachtragend bis hintengegen.

 

  Papa Hopf saß während des Essens immer mitten unter uns. Immer mit in der Reihe an den blankgescheuerten Tischen, über die nur des Sonntags wunderschöne Tischdecken gebreitet wurden. Das war dann schon äußerlich ein Festtag. Auch die anderen Lehrer, die uns begleiteten, saßen mit an den großen Tischen. Papa Hopf hätte es nicht anders geduldet. Sicher – es gab einen kleinen Extratisch für das ‚Lehrpersonal’ – so hatte es einmal irgendein Begleitlehrer bezeichnet, als er sich daran niederließ, und seine Mahlzeit standesgemäß und unbehelligt von den Blagen, wie er sich ausdrückte, einnehmen wollte. Er mußte ganz was anderes einnehmen. Er bekam zwar sein Menü an den Extratisch serviert, an dem er übrigens ganz alleine saß. Er hätte sich in punkto Tischsitten und -gebräuche besser am Verhalten seiner Kollegen orientieren sollen, denn während der sich anschließenden Mittagsruhe verpasste Papa Hopf dem jungen Kollegen in seinem Bunker als Nachtisch einen Einlauf, der ihm wohl, nach seinem Gesicht zu urteilen, sehr schwer im Magen lag.

Oh Gott, was tat es uns gut – und wir hatten nicht einmal ein schlechtes Gewissen, weil wir mit dem Ohr an der Wand gelauscht hatten. Der Vertretungslehrer hat sich nie wieder an den Tisch für das Lehrpersonal gesetzt.

 

  So einen Papa Hopf – den hatte ich mir einige Jahre zuvor sehnlichst gewünscht. Einige Jahre zuvor war mir nämlich ein scheinbares Glück widerfahren. Es war noch die Zeit der Care – Pakete. Die Zeit der Hilfsgütersendungen aus den USA für die darbende deutsche Bevölkerung. Landepunkte dieser Paket-transporte waren in der Regel die gemeindlichen Pfarrämter, oder hier bei uns im Norden verständlicher die Pastoreien – weil hier im plattdüütschen Norden reformiert dominiert. Der Pastor in unserer Gemeinde war an sich schon eine Marke für sich. Im Umgang mit jungen Menschen war er eine Null mit drei Nullen vor dem Komma. Wenn man die Gemeindegröße an der Verteilung der Wohltaten maß, dann zählte sie nicht mehr wie ein paar Dutzend Häupter. Aus einem unerfindlichen Grund war dem guten Gottesmann plötzlich eingefallen, dass unsere Familie ja auch dazugehörte. Es wäre ihm besser nicht eingefallen, habe ich wenig später gedacht. Mein Name stand auf seiner Liste der erholungsbedürftigen Kinder, die auf Kosten, und im Namen der Kirche, in ein Heim verschickt wurden. Sie sollten auf diese Weise ein wenig aufgepäppelt werden.

Die Größe meiner Freude, als ich davon erfuhr, war unermeßlich klein. An mir fehlte kein Pfund – mich konnte man schon eher als Musterbeispiel dafür betrachten, wie gutgenährte Kinder auszusehen hatten. Mama meinte aber, wenn der Pastor mich schon mal ausgeguckt hätte …, und sowieso wäre die Gegend, in der das Heim läge, sehr schön. An einem großen See gelegen, mit vielen Fischen darin – und das auch noch mitten im Wald. Und wir müssten uns dem Pastor doch dankbar zeigen, wenn er schon so großzügig …!

 Genau das hat der Pastor auch wohl gedacht, als er meiner Mutter die freudige Botschaft überbrachte. Ich hatte nämlich genau gesehen, wie er mit anderthalb Augen verzehrend zu den Speckseiten und den Mettwürsten an der Küchendecke schielte. Von denen er denn auch gleich eine gehörige Portion mit auf den Weg nach Hause nahm. Er wollte im nächsten Gottesdienst für uns beten, sagte er zum Abschied. Was er denn auch getan hat. Ich habe genau mitgezählt – drei Worte pro Mettwurst und Schinkenstück. Verdammt teuer, so ein Gebet, fiel mir in meinem kleinen Kinderverstand nur dazu ein.

Mir war das ganze sowieso nicht recht verständlich. Was sollte ich in diesem ‚Erholungsheim’? Bäume standen bei uns im Garten – und Wasser mit Fischen drin hatten wir doch vor dem Deich reichlich genug. Naja – es blieben fruchtlose Kinderargumente. Das kennt man ja zur Genüge.

 

  Und dann war ich da. Nach drei Stunden Fahrt im Bummelzug, der unterwegs auch noch an jeder Milchkanne anhielt – und fünf Kilometer Gänsemarsch, taten sich für uns die Türen des Paradieses auf. Mein erster Gedanke angesichts der niedrigen, braunroten Überbleibsel aus tausendjähriger Geschichte, war: Ich bin doch nicht lungenkrank.

Denn das Bild kannte ich zur Genüge – hatte ich doch schon einige male mit meiner Mutter unseren an TBC dahinsiechenden Vater in der Lungenheilstätte im benachbarten Wildeshausen besucht. Hier sah es nun genauso einladend aus. Und gemustert wurden wir von den draussen wartenden Kindertanten auf die gleiche Weise. Ich fühlte deutlich, dass unser Anblick ihnen riesige Freude bereitete.

Bevor wir eingelassen wurden, inspizierte und instruierte eine handvoll weißer, steifgestärkter Schürzen die Schar der Neuan-kömmlinge gründlich. Ich wartete eigentlich nur noch darauf, dass wir in eine Desinfektionskammer gesteckt wurden. Das Prozedere kannte ich auch. Auf diese Idee war hier aber allem Anschein noch niemand gekommen.

Etwas übten wir aber, bevor wir im Inneren des Erholungsheimes verstaut wurden. Gegenüber der Hauptbaracke, in der sich der Speisesaal befand, stand am Seeufer über dem Wasser ein überdachter dreiseitiger Windschutz. Mein kleiner Kinderver-stand, der ja bei uns im alten Seglerhafen zu Hause war, vermutete Boote unter dem Wetterdach. Diese Vorstellung weckte in mir die Hoffnung auf rudern und angeln. Mit dieser Hoffnung lag ich aber soweit daneben, wie Grönland von Dänemark entfernt ist. Und das ist ganz schön viel weit – und ganz schön viel naß. Dieses Gebilde aus der Zeit der Straflagerfunktion diente einem völlig anderen Zweck. Es war die Latrine – unsere Toilette für die Tage unseres Aufenthalts im Kindererholungsheim Ahlhorner Heide.

  „Das ist euer Abtritt“ – richtig schön melodisch sang die Oberschürze es in den Nachmittagshimmel. Sie klang wie die Vorsängerin bei uns zu Hause im Kirchenchor.

„Jetzt wollen wir gemeinsam üben, wie wir uns zu verhalten haben, wenn wir zur Toilette gehen müssen. Alles in Zweierreihe antreten.“ Das klang schon nicht mehr so kirchenchormäßig.

Links und rechts führte ein Brettersteg auf die Plattform des Pfahlbaues.

Unter dem Dach waren in langer Reihe, nach vorne offene Nischen abgeteilt. In den Nischen mußten wir uns auf ein Brett setzen, das in der Mitte mit einem Loch versehen war. Es war gerade so groß, wie unsere Kinderpopos rund waren. Jedesmal wenn etwas aus unseren Hintern ins Wasser plumpste, streichelten die Spritzer unsere Sitzflächen. Irgendwie war das doch schon ganz modern. Als Toilettenpapier dienten auf Größe geschnittene Zeitungsseiten. Ganz praktisch – und preiswert. Nur einen Nachteil hatte diese Art der Altpapierverwertung – unsere vom Seewasser besprenkelten Pobacken waren oft anschließend kohlrabenschwarz von den gedruckten Nachrichten der Weltpresse.

 

  Und dann geschah etwas, bei dem ich mir ganz bestimmt einen Papa Hopf gewünscht hätte – aber ich kannte ihn ja noch nicht.

Der Speisesaal, und das was uns in den nächsten Wochen in ihm erwartete. An langen, schlichten Holzbänken saßen wir auf ebensolchen Bänken ohne Rückenlehne. Soweit war es überhaupt kein Beinbruch – wir waren ja jung. Porzellan oder Steingut schien in den Speisesaal noch keinen Einzug gehalten zu haben. Alles war aus Metall. Messer, Gabeln, Löffel, Teller, Becher und Kannen – alles war aus Blech. Richtig schön laut und verbeult. Wie dachte ich an den mit Liebe gedeckten Tisch bei uns zu Hause. Besonders, wenn ich in die gegenüberliegende Ecke schaute – von meinem Platz aus ging mein Blick immer wieder dahin. Ich brauchte nur den Kopf zu heben, und schon sah ich es wieder. Meine Augen landeten jedes Mal auf einen wunderschön gedeckten Tisch, auf dem es an nichts fehlte. Goldgelbe Butter, leuchtender Käse, Wurst und Schinken, feinste Konfitüre und Brot in mehreren Sorten – und das alles auf blendend weißem Tischtuch, inmitten bunten Porzellans. Es war der Tisch der weißgestärkten Schürzen. Das Wort Kirche hat damals in der Ahlhorner Heide in meiner Kinderseele eine ganz dicke Beule abbekommen. Heute, nach so langen Jahren, kann ich sie noch deutlich fühlen.

 

  Während unserer Aufenthalte in Fuhrenkamp hat sich meine – und auch die der anderen Kinder Seele – keine Beulen und blauen Flecken gestoßen. Selbst an den Donnerstagen nicht, denn donnerstags war Unterrichtstag. Unterrichtstag war eigentlich jeden Tag, denn wir lernten ja ständig dazu. Nur donnerstags ging es im großen Speisesaal richtig mit Tafel und Kreide zur Sache. Nicht das kleine oder das große 1×1 – auch nicht um Brüche, oder Teiler und Nenner – nein, es ging um die Tiere und Pflanzen des Waldes in unserer Umgebung. ‚Lernen dort, wo die Tiere und Pflanzen zu Hause sind. Wasser ist immer am reinsten an der Quelle’ – das war einer der Lieblingssprüche unseres weisen Lehrers. Alles das, was er uns lehrte, betrachtete er als ein Wasser, das unseren Wissensdurst stillte.

 

  Donnerstagabend wurde Theater gemacht. Kein Krach und Klamauk mit streiten und hauen und stechen. Rüpeleien und Zank waren uns seltsamerweise fremd. Wir spielten donnerstags Theater. Richtig mit Rollen für jeden, und üben. Was wir spielten, war immer uns selbst überlassen. Papa Hopf ließ sich jedes Mal überraschen. Dankbares Publikum war uns immer gewiß. Unsere Aufzeitomas und unsere Aufzeitopas aus dem Altenheim bildeten unser Stammpublikum. Sie alle waren darüber genauso glücklich wie wir, denn Besuch aus ihrem Leben vor der Altenheimzeit war selten – allzu selten in ihrem Alltag. Sie hatten uns – und wir hatten sie. Das war doch auch was.

Eine meiner Rollen sehe ich heute noch so wirklich vor mir, als wenn es gestern war. Es war eigentlich nur eine Rolle am Rande – ohne wirkliche Funktion, aber ohne sie schien nichts zu funktionieren.

Ich spielte in einem königlichen Stück den Oberhofzere-monienmeister Frettsack van Wölterbuuk. Wirklich eine tragende Rolle – ich musste nämlich nahezu alle Kissen, die es im Heim gab, unter meinem weiten Umhang mit mir herumtragen. Und das eine ganze Stunde lang. Ich durfte alles anstellen – ein Oberhof-zeremonienmeister hat ja am Hof das Sagen – nur stolpern und umfallen durfte ich nicht. Dann mussten mich nämlich zwei andere Jungs erst wieder mühsam auf die Beine stellen. Ich weiß gar nicht, wie oft ich umgefallen wurde. Denn jedes Mal, wenn ein Schauspieler mit seinem Text hängen blieb, war mein ‚Umfaller’ dran. Die Dielen in unserem Speisesaal brauchten am nächsten Morgen nicht gebohnert zu werden.

 

  Der nächste Morgen. Am nächsten Morgen hieß es in aller Herrgottsfrühe raus aus den Federn. Der Freitag war unser Wandertag. Per Pedes waren wir ja sowieso ständig unterwegs, aber nur immer in der näheren Umgebung. Es gab soviel zu erkunden.

Nur freitags – Freitags war alles anders. Die Küchenfeen waren seit Sonnenaufgang damit beschäftigt, unsere Marschverpflegung transportfertig zu verpacken. Ein zweites Frühstück, Mittagessen, Vesperbrot – alles wurde in Pergament eingetütet. Zu Mittag hieß es auf unserer Wanderung kalte Küche. Wir litten aber keinen Hunger, und mußten nichts entbehren. Alles war reichlich und schmackhaft vorhanden. Bis wir wieder glücklich, aber todmüde in Fuhrenkamp eintrudelten waren viele Stunden vergangen, viele Kilometer unter unseren Füßen dahin gelaufen, und viel neues Erleben hatte sich in unsere Köpfe eingenistet. Im Schullandheim war dann nur noch umfallen angesagt. Die folgende Nacht brauchte niemand auf leise schleichende Sohlen zu horchen.

 

  Samstags war der Tag des Sports. Die große Sandkuhle zwischen unserem Domizil und dem benachbarten Altenheim war die Sportarena. Herrgottnochmal – ich bin nie ein Vorzeige-sportler gewesen, aber in unserer Sandkuhle war Sport etwas Wunderbares.

Ohne Druck von oben leisteten wir manchmal erstaunliches. Regelmäßig durch unsere ‚Sportskanonen’ angestachelt, kam oftmals schon was Sehenswertes dabei heraus.

Wenn das Wetter es einmal nicht zuließ, unter freiem Himmel zu ‚sporten’, dann kam unsere Boxbude zu ihrem Recht. Unsere Boxbude war eine reetgedeckte Halle mit Naturfußboden – gleich hinter dem Altenheim gelegen. Für uns waren diese Tage mit nichts zu vergleichen, denn Turnunterricht, zu Hause in der Schule, hieß mit Schlacke bedeckter Schulhof und draußen. In unserer Siedlung gab es noch keine Turnhalle.

 

  Der Sporttag war der zweite Tag, der uns während unseres Aufenthaltes immer ein wenig abschlaffte. Das heißt, der Wander- und der Sporttag machten uns rechtschaffen bettmüde. Es gab nach dem Lichtaus keine Streifzüge in verbotenen Revieren. Eine wirkungsvolle Taktik der Erwachsenen, denn freitagabends war der Lehrer- und Heimelternabend. Es war ein privater Abend der Betreuer mit Gesprächen, mit Erfahrungen austauschen, und wohl auch mit einem Gläschen Wein.

  Samstagmorgen hieß es vor den sportlichen Aktivitäten für uns alle erst einmal Reinschiff machen – aufklaren – unsere Spuren beseitigen, damit die nachfolgende Gruppe alles pikobello vorfand. Am Spätnachmittag – nachdem wir uns körperlich ertüchtigt hatten (körperliche Ertüchtigung war die offizielle Bezeichnung für Sport, in Wirklichkeit hatten wir uns ausgetobt) – hieß es dann schreiben. Furchtbar hört es sich an – ich weiß, aber das hört sich auch nur so an. Wir mußten die Erlebnisse der hinter uns liegenden Tage zu Papier bringen. Wir mußten einen Aufsatz schreiben. Nicht das er benotet wurde, aber einen guten Eindruck sollte er doch schon hinterlassen. Der frühe Abend stand uns dafür zur Verfügung. Es gab kein Limit – und wann, und wie, und mit was wir den Aufsatz zu Papier brachten, das spielte auch keine Rolle. Er mußte nur leserlich geschrieben sein, und Sonntag-morgen vor dem Frühstück abgegeben werden. Papa Hopf ließ uns sozusagen gewisse künstlerische Freiheiten. Ich hatte meinen Erlebnisbericht gleich nach der Vesper eilig auf dem Balkon zurechtgeschustert. Wofür hatten wir schließlich dieses Ding vor unserem Zimmer außen an der Wand hängen.

Der Nachtkasten an meinem Bett mußte mein schriftstellerisches Werk bis zum nächsten Morgen für mich verwahren. Ich hatte nachmittags geschrieben, weil ich mich noch vor dem Abendessen bei meiner Aufzeitoma sehen lassen wollte.

  Normalerweise ging es am Samstagabend immer etwas bewegter im Hause zu. Und es dauerte wohl auch länger, bis Ruhe im Schiff herrschte. An diesem Samstagabend herrschte eine ungewöhnliche Ruhe. Na ja – alle waren wohl etwas kaputt nach den anstrengenden Tagen. Die Jungs aus dem Dachjuhee ließen sich schon früh nicht mehr blicken. In unserer Wachstube würde es auch eine ruhige Nacht werden. Wurde es auch.

 

  Sonntagmorgen – runter zum Frühstück – den Aufsatz nicht vergessen. Mein Aufsatz lag seltsamerweise nicht in der Schublade, sondern oben auf dem Nachtschrank. Egal – ich hatte ihn wohl selbst dahingelegt. Nach dem Frühstück nahm Papa Hopf den Stapel Aufsätze mit in seinen Bunker – das kannten wir nicht anders.

Nachmittags bei Kakao und Kuchen bekam jeder sein Kunstwerk, mit ein paar passenden Bemerkungen versehen, zurück. An diesem Sonntagvormittag hörten wir unseren Lehrer in seiner Studierstube ein paar mal schallend lachen. Da mußte ihm jemand herrliche Witze erzählt haben. Die Zeit bis zum Nachmittag flog in Windeseile durch den Sonntag – als wenn der Abschied am Montagmorgen nach Kräften daran zog. Es war vier Uhr. Der große Speisesaal füllte sich mit gespannten Gesichtern. Aus hohen Kannen duftete Kakao – verlockender Kuchen lag auf den Tellern – und wir warteten, wer gleich das Sternchen für den besten Aufsatz bekommen würde. Einige waren hoffnungsvoller als andere, weil man ja schon mal – und es könnte ja wieder so sein …

Ein kräftiges Papahopfräuspern ließ auf einen Schlag alle schnatternden Geräusche aus dem Speisesaal flüchten. In die anschließende Stille fiel statt eines Sternchens ein Sternenregen. Papa Hopf verteilte ihn mit seinem kräftigen Bass.

Siebzehn Aufsätze hatten ein Sternchen für Fleißarbeit verdient – als Belohnung kam abends für alle noch einmal Kakao und Kuchen auf den Tisch. Darüber, dass die siebzehn Aufsätze alle gleich lauteten – darüber hat der alte Fuchs nicht ein Sterbenswörtchen verloren. Hatten doch sechzehn meiner Klassenkameraden aus dem Dachjuche meinen Aufsatz wortwörtlich abgeschrieben.©ee

 

ewaldeden

vielleicht doch

 

.

 

Hatte mein Großvater vielleicht doch recht damit, wenn er sagte,

dass aus Hannover noch nie etwas Gutes zu uns gekommen sei …?

 

Hannover rief – oder besser doch, man hatte mich dort hingeschickt. Ich bin gestartet, als so mancher hier noch schlief, damit mir dort ein Arzt ins Leben blickt.

Es hätte eine so schöne Geschichte werden können – in Anknüpfung an all das Positive, dem ich seit Beginn meiner Erkrankung in meiner Umgebung begegnet bin.

Der Tag begann gut und damit, dass mir zwei Ordnungshüter jüngeren Jahrgangs im Mehrzweckbau Nordseepassage im Wilhelmshavener Zentrum bereitwillig durch die reichlich mit Fallstricken versehenen Niederungen der Fahrkartenautomatenwelt halfen. Mit Fahrkartenschalter, mit sachkundiger Bedienung besetzt, ist auch hier am Ort schon lange nichts mehr. Immer getreu der Devise der Bundesbahn seit Hartmut Mehdorns Zeiten: Der Fahrgast wird sich schon irgendwie selber helfen – zur Not fährt er sogar ohne Fahrschein, dann schnappen wir ihn bei einer Schwarzfahrt, kassieren gleich doppelt und können die Böswilligkeit der Bevölkerung an den Pranger stellen. So oder so ähnlich ist wahrscheinlich die Denke in den Wasserkopftürmen der Bahnverwalter. Beispiele dafür gibt es in Masse.

Nach dem Seekrankheit hervorrufendem Geschaukel im Zug der Nordwestbahn konnte ich mich in Oldenburg entspannt in einen Sitz des DB Regional-Express mit Zielbahnhof Hannover nieder-, meinen kreiselnden Magen sich beruhigen und dem Treiben der Fahrgäste im Zug seinen Lauf lassen.

Mit den vielen Ebenen innerhalb der Zugtypen für das gemeine Volk mag ich mich allerdings überhaupt nicht anfreunden. Die Bahnreisen vergangener Tage waren für mich immer wunderbar – nicht zuletzt wegen der ‚unbegrenzten’ Auslaufmöglichkeiten während der Fahrt, so ganz ohne Hürden und Stolperfallen. Hürden und Stolperfallen schaffen nun vermehrt aber auch die Fahrgäste selber durch ihr mitgeführtes Gepäck. Die Hälfte der Bahnreisenden von Heute scheint mir – selbst auf Kurzstrecken – ihren halben Hausstand mit sich schleppend, unterwegs zu gehen. Oftmals sind es von der Größe her kleine Überseekoffer, die natürlich wegen ihrer Angebermaße nicht mehr in die Handgepäckablagen früherer Norm über den Sitzreihen passen und zusätzlich die verwinkelten Gänge verstopfen.

Zu Fahrtbeginn in Oldenburg reichte mir der Zufall ein besonderes Bonbon – zwei Sitze neben mir führten zwei junge Männer eine angeregte Unterhaltung über die alltäglichen Dinge des Lebens – nur dann und wann unterbrochen von irgendwen in der Außerhalbdeszugeswelt, der über ein mobiles Telefon irgendetwas wissen wollte – und alles geschah im reinsten Auricher Platt.

Wahrscheinlich glaubten die Akteure, auf diese Weise von anderen unverstanden und deshalb ungehindert plaudern zu können.

Für mich war es wie die Aufführung in einem niederdeutschen Zimmertheater. Ich habe es ebenso genossen. Nur leider fiel in Bremen schon der Vorhang – die jungen Männer verließen in der Hansestadt den Zug und ich schickte mich an, jetzt ohne diese Exklusivvorstellung, der Ankunft in der Welfenstadt entgegenzudösen.  Zwei Stationen weiter – in Achim – schwirrten unversehens andere Töne durch die obere Etage des Regionalexpress. Das Kabinett füllte sich erneut mit jungem Leben – es war allerdings noch etwas sehr jünger, als es meine Plattdeutschunterhalter gewesen waren. Deerns und Jungs  – alle im Alter grad soeben über die Tischkante des Lebens hinausgewachsen – nahmen die Plätze um mich herum ein. Zwei Atemzüge später gesellte sich dann ein holdes, aber ziemlich atemloses weibliches Wesen dazu, das leise zählend die Häupter der Halbgewachsenen überflog und danach erleichtert murmelte: „Alle Flöhe sind schon da.“.

Mit ‚Flöhe’ meinte das entzückende Wesen inmitten der Kinderschar die Drittklässler der Auricher Finkenburgschule, die sich um sie scharten wie die Küken um die Henne, wenn sie ihnen die Welt außerhalb ihres Nestes zeigt.

Des Zimmertheaters zweiter Akt begann – nix war mit ‚dösend auf die Landeshauptstadt zurattern’ – der Vorhang der Bühne Zugabteil hob sich erneut zur nächsten Vorstellung. Diesmal waren die Akteure nur keine ‚plattschnakkenden’ Jungmanager aus meiner heimlichen Herzbluthauptstadt, sondern kräftig sprießende Schachgenies – vielleicht kommende Großmeister der Zunft – die in ihrem noch wahrlich jungen Alter schon  beachtliche Ehren im königlichen Spiel errungen hatten.

Das wohltuende aufgeweckte Verhalten der Nachwuchsostfriesen um mich herum hatte mich plötzlich um 58 Jahre in meiner Erinnerung zurückbefördert – direktemang in den Zug der damaligen ‚Wilhelmshavener Vorortbahn’ auf dem ersten und wahrscheinlich auch einzigen gemeinsamen Ausflug aller Kinder und Eltern unserer Schule im Wilhelmshavener Stadtnorden – in einem ellenlangen Zug, bestehend aus 19 Eisenbahnwagen und zwei fauchenden Dampflokomotiven – vom Bahnhof Voslapp aus über Sande und Varel nach Neuenburg in die unmittelbare Nähe des gleichnamigen Urwaldes. Ich weiß nicht, wie viele Köpfe es insgesamt waren – ich weiß nur, das ‚zählen der Flöhe’  hat den Betreuenden damals mit Sicherheit sehr viel mehr Zeit abgefordert.

Als die Stimme aus den Innenlautsprechern des Zuges „Hannover – der Zug endet  hier“ verkündete, befand ich mich gedanklich noch im schnaufenden Werftblitz der Vorortbahn der 50er Jahre irgendwo in der friesischen Wehde.

Da stand ich nach dem verlassen des Zuges auf  Bahnsteig elf des Hauptbahnhofes der Niedersachsenmetropole mit dem Kleeblatt im Wappen – und war, ob der trotz der Menschenmassen mich umgebenden Kühle, ein wenig enttäuscht. Auf den Bahnhöfen vergleichbarer Städte hatte ich bei aller Fremdheit immer gleich die Wärme des Miteinanders gespürt. Das Gefühl vermisste ich diesmal völlig. Selbst die Bilder aus der Vergangenheit, die ich aus meinem Gedächtnis kramte und zu Rate zog, halfen mir nicht – ich war trotz eigentlicher Wiederkehr an einem mir fremden Ort gelandet. Nichts war mehr so wie es einst gewesen – nur die abweisende Kühle und Reserviertheit der Bevölkerung war geblieben, war über die Jahrzehnte noch intensiver geworden.

Der mir aus der Erinnerung heraus vertraute Bahnhofsvorplatz, der Kröpke, der Äegi … so wie ich diese Orte kannte – nichts war mehr so wie es einmal war. Es war alles kalt und unnahbar – einfach steril und ohne Leben – ohne wirkliches Leben. Menschen wuselten zwar zwischen Prunk und Protz in großer Zahl hin und her, es spielten zwar Straßenmusikanten in den Passagen, Obdachlose füllten sich und den Tag um sich herum mit Fusel und Wermut, Schickimickitanten waren auf ‚Shoppingtour’, geschniegelte Manager eilten durch die Frühlingsluft … es war all das vorhanden, was Metropole ausmacht – es hätten aber ebenso gut Puppen sein können, die oftmals emotionaler und ausdrucksstärker in den Tag blicken. Da sich das Bild gegenüber dem aus meiner Erinnerung  völlig verändert hatte, sah ich mich genötigt, vorübereilende ortskundige Passanten um Auskunft zu bitten. Die Erfahrung, die ich damit machte, die hätte ich mir besser erspart. Von sieben von mir angesprochenen Personen sagten mir zwei, es täte ihnen leid, sie wären nicht ortskundig. Fünf mal wurde ich auf meine Frage hin von dem jeweiligen Gegenüber bloß angeschaut, als ob ich ihm gerade eine faule Aktie von den Lehmann Brüdern unterjubeln wollte – man würdigte mich nicht einmal eines zweiten Blickes.

Hoffnung keimte in mir auf, als ich im weiten Rund der belebten Öde  des Bahnhofsvorplatzes einen grauen Klotz entdeckte, an dem in großen Lettern der Schriftzug ‚TICKET-POINT Üstra’ prangte.

Die Bezeichnung einer Fahrkartenverkaufsstelle als Ticket-Point fand ich zwar befremdlich in einer norddeutschen Provinzhauptstadt, sah es den Hannoveraner Verkehrsfürsten aber irgendwie nach. Auf diese Weise wollte man vielleicht versuchen, die Thronfolgerechte des adeligen Rüpels Ernst August auf die britische Krone öffentlichkeitswirksam kundzutun. Obwohl Platz 451 auf der Liste der potentiellen Thronanwärter ja wohl mehr unter ferner liefen einzuordnen ist.

Der Zusatz ‚ÜSTRA’ sagte mir immerhin noch etwas – Üstra hießen die Hannoveraner Verkehrsbetriebe schon vor Jahrzehnten, als die Busse noch holzgasbetrieben und hartgummibereift waren.

Vor dem Kubus Fahrkartenschalter hatte sich eine lange Menschenschlange gebildet – alle standen um Billets an. Da hatte ich mit meinem Wunsch nach ‚nur Auskunft’ natürlich schlechte Karten. Bis ich da an der Reihe sein würde, wäre mein Termin beim Gutachter schon gestern – weil, Leute mit Kartenwunsch hatten Vorrang.

Ein auch gerade aus der Provinz hereingeschneiter junger Mann, der wohl meine Verzweiflung ahnte – vielleicht war sie mir auch ins Gesicht geschrieben, gab mir dann den Hinweis auf einen Service-Punkt der Deutschen Bahn in der Bahnhofshalle, der mit Bahnpersonal besetzt sei, und wo man mir sicher weiterhelfen würde.

Ich hätte diesen Engel als meinen Retter in der Not am liebsten geküsst, aber das hätte auch wohl wieder die Missbilligung der Hannoveraner erfahren. In Berlin und Hamburg ist man da ja offensichtlich toleranter, was brüderliche Wärme anbelangt. Das war aber ja in diesem Augenblick überhaupt nicht mein Problem – mein Problem war, wie gelange ich in der nächsten halben Stunde zu meinem Termin, ohne vorher noch eine gepfefferte Droschkenrechnung begleichen zu müssen. Diese Hoffnung hoffte ich nun bald in Erfüllung gehen zu sehen. Also wieder zurück in die Bahnhofshalle – eine gute altdeutsche Landmeile hatte ich in der Zeit seit meiner Ankunft auf Gleis elf in dem begrenzten Karree wohl schon zurückgelegt.

Der Service-Punkt der Deutschen Bahn gleich Eingangs der weitläufigen Halle war nicht zu übersehen. Hoch gebaut ähnelte es dem Podium eines höhergestellten Gerichts – und genauso thronten auch die uniformierten Mitarbeiter der Bahn über den Köpfen der rat- und hilfesuchenden Passanten. Vor der Barriere aus edlem Holz  war Gott sei dank nichts los – die blauen Männer auf dem Podium hinter dem Tresen nutzen die Leerzeit um mit ihren Kolleginnen herumzuschäkern. Der in der Mitte thronende Auskunftsbeamte schien mir kompetent und tonangebend zu sein (so wie bei Gericht auch), deshalb viel meine Wahl eines Ansprechpartners auf ihn.

Mein freundlicher Gruß und meine einfach und präzis formulierte Bitte um Hilfe hatten gerade seine Gehörgänge durcheilt, da vergaß der von mir angesprochene Bahnbedienstete die Tändelei mit der Kollegin und stürzte sich wie Bussard auf mich, den Störenfried, der sich erdreistete seine Spielchen zu stören.

Mein Auskunftsbegehren sollte ich gefälligst in der Touristeninformation da hinten irgendwo außerhalb des Bahnhofes vortragen, die Leute von der Stadt wären dafür da sich um Touris zu kümmern –  und ob ich nicht wüsste, dass die Besetzung des Service-Punktes nur Auskunft in Bundesbahnangelegenheiten erteilen würde.

Den Kollegen des so unwirsch reagierenden Auskünftlers und den umstehenden Passanten hatte es, nach deren Mienen zu urteilen, wohl irgendwie die Sprache verschlagen. Nachdem ich ihn als erste Reaktion in eine wenig schmeichelhafte Kategorie von Körperteilen eingeordnet hatte, konnte ich mir eine zweite Frage denn nicht verkneifen. Ich musste den liebenswerten Bahnmitarbeiter doch noch fragen, ob er die Antwort auf meine Frage nicht wissee, oder ob er mir nur nicht antworten wolle. Auf diese meine Frage bekam ich bezeichnenderweise als spontane Antwort: „Ich will es nicht.“

Nach weiteren Irrungen und Wirrungen und vergeblicher Ausschau nach einem Angehörigen der guten alten Bahnpolizei erbarmte sich meiner eine junge Frau in meinem Alter und geleitete mich durch einen unterirdischen Irrgarten einige Etagen in die Tiefe zu den U-Bahnsteigen. Zumindest konnte sie mir den Aussteigepunkt für mein Ziel benennen, verbunden mit dem Rat, in der nahe liegenden Geibel-Apotheke nachzufragen. Dieser Rat war goldeswert und richtig. Obwohl ich kein zahlender Kunde, schenkte mir der Apotheker seine ungeteilte Aufmerksamkeit und erklärte mir bereitwillig und äußerst freundlich den weiteren Weg zu besagtem Gutachter.

Nachdem der Sachverständige mich entlassen hatte, benötigte ich für den Weg zurück zum Bahnhof keine Hilfe mehr.

Am Bahnhof angekommen hatte ich dann die Wahl einen sofort abfahrenden Intercityexpress für die Rückfahrt zu nehmen, oder aber eineinhalb Stunden auf die Abfahrt des nächsten Regionalexpress nach Oldenburg zu warten. Das heißt – ich hatte im Grunde keine Wahl, weil ich mich am Morgen ja für einen Normalbürgerfahrschein entschieden hatte. Ich beschloss blitzschnell nicht zu warten, sondern stattdessen in den sauren Apfel ‚Zuschlagzahlung’ zu beissen, und enterte den wesentlich schnelleren ICE. Insgeheim trauerte ich allerdings mit einem weinenden Auge schon den zehn Euro hinterher, die mich der Spaß kosten würde. Aber, dachte ich sogleich – abgehakt. Zwischen Wulmstorf und Nienburg nahte der Fahrkartenkontrolleur um die Fahrscheine der zugestiegenen Reisenden zu entwerten. Ich reichte dem freundlich Herrn in Blau mein Billett mit der Anmerkung, den ICE-Zuschlag bei ihm nachlösen zu müssen. Mit einem Lächeln um die Augen und mit der Bemerkung: „Lass’ man stecken“ reichte er mir meine entwertete Fahrkarte zurück.

Diese kleine Geste eines einfachen Schaffners des Moloches Bahn hat bewirkt, dass mir der Glaube an die Fähigkeit zu menschlichem Umgang in unserem Lande nicht völlig verloren gegangen ist.© ee