der gelbe marienkäfer.

der gelbe marienkäfer.

ein windstoß der mir den duft gebrannter erdnüsse und mandeln unter die nase legt.
dort das hohe lachen der kinder in der schaukel und hier mit mir auf der rauhen holzbank mara, meine beste freundin,
die mich auf diesen bunttönenden marktrummel mitgenommen hat.

wido mein blindenhund liegt laut hechelnd neben mir und versprüht feuchtkühle tropfen.
irgendwo rechts von mir brüllt der marktschreier und preist seine ware an.
Viele flache fußschritte die kommen und gehen. manche stolpern, schlürfen oder hacken auf hohen absätzen.
dazwischen das schnurrende gleichmäßig hohe geratter einer blechklirrmaschine.
ein ping und dong trifft mit einem hellem plop an glas.
” möchtest du auch popkorn ” lacht mara. dann wird es verlassen kühl. sie ist weg.

eine kleine leichte hand die sich auf meinen arm legt und muntere finger die an meiner blindenbinde zupfen.
wieder nähe . ” bist du ein gelber marienkäfer ? ” und
”dein hund ist toll !“

ich spüre die freundliche wärme  ” ja” sage ich

” und du – du auch.”© Chr.v.M.

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Auszug aus: „Verwehte Zeit …“

Auszug aus: „Verwehte Zeit …“

 

 

Völlig anders ging es dagegen August Hopf als der Nachfolgeklassenlehrer an. Seine Art mit den ihm anvertrauten Heranwachsenden (denn irgendwie waren wir das ja, auch wenn wir noch halbe Kinder waren) umzugehen, war genau das Gegenteil von dem, was unser alter Halbgott Loki über die Jahre praktiziert hatte. Loki wollte uns mit Druck und Drang am liebsten alles Wissen der Welt eintrichtern, und schaffte es nicht, dafür die passenden Einlässe zu finden – August Hopf betrachtete uns als trockene Schwämme, wie er es einmal nannte, die man nur in ein Meer von Wissen tauchen müsse – vollsaugen täten sie sich dann von ganz alleine.

Wir waren bis zuletzt der festen Überzeugung, den guten Schulmeister in der Hand zu haben, und ihn nach unseren eigenen Vorstellungen beliebig manipulieren zu können. Wir meinten doch tatsächlich, zu bestimmen wo es im Schulunterricht längs ging. In Wahrheit aber waren WIR wie Wachs in seinen Händen. Wenn wir zum Beispiel meinten, ihn mit einer List unsererseits von einer Abfrage unseres Kenntnisstandes auf einem von uns nicht so sehr geschätzten Wissensgebiet abgehalten zu haben, hatte er die Zeit unseres Triumphes genutzt, um unsere Kinderhirne auf seine Art mit all dem zu füllen, was uns später einmal zu intakten Gliedern der menschlichen Gesellschaft werden lassen sollte. August Hopf war ein Schulmeister, ein Pädagoge und Lehrer, wie ich ihn allen Kindern dieser Welt wünsche.

Sein Platz im Klassenzimmer war nicht das Katheder, das erhöhte Lehrerpult – sein Platz war stets die erste Bank in der mittleren Reihe inmitten seiner Schüler. Da saß er, zumeist mit dem Hintern auf der Tischplatte und den rechten Fuß auf die Sitzfläche gestellt, uns alle überblickend.

Zwischen den Fingern seiner Linken rotierte der einmeterfünfzig lange Zeige- oder Rohrstock wie ein rotierender Propeller. Gerade diese Fähigkeit war es, die uns an ihm immer wieder aufs Neue faszinierte und an ihn fesselte. Hatte er doch im Kriegsafrika infolge eines tragischen Missgeschicks durch eine Panzerkette die vorderen Fingerglieder seiner linken Hand verloren. Apropos Afrika – wenn wir das Thema „schwarzer Kontinent“ durch irgendeine Bemerkung oder eine Zwischenfrage ins Spiel brachten, war jede Gefahr eines unliebsamen Unterrichtsthemas für die nächste Stunde gebannt, denn Lehrer August konnte unerschöpflich von seinen Erlebnissen, von seinem Erleben erzählen. Unter General Erwin Rommel hatte er – im „Afrika-Corps“ in den nordafrikanischen Wüstengebieten – als dessen ‘Erster Stabsoffizier’ gedient.

Wir erwähnten „Afrika“ sehr oft, denn es war ein unerschöpflich großes Thema, der Größe und der Bedeutung des Kontinents angepasst – und es gab ja auch eine Reihe unliebsamer Unterrichtsstoffe in unserer Beliebtheitsskala schulischer Notwendigkeiten.

August Hopf hat neben allen seinem anderen Wohltun noch etwas Großartiges getan – er hat nicht, wie andere Pädagogen es gemacht haben, die Landkarte der deutschen Geschichte für die Jahre von 1933 bis 1945 mit einem weißen Fleck versehen. Die meisten unserer Eltern haben es durch ihr Schweigen übrigens nicht anders, nicht besser gemacht, als es die schulischen Weißfärber taten. Dieser grandiose Schulmeister hat uns dieses Stück von ihm miterlebter Geschichte so plastisch nahegebracht, dass wir oft das Gefühl hatten, selber mittendrin gewesen zu sein.

Nicht dass jetzt gleich jemand laut aufschreit „Naziunterricht“ … DAS war es beileibe nicht, denn wenn ich mich so zurückerinnere – wenn nur die Hälfte aller deutschen Wehrmachtsoffiziere – oder auch der deutschen Schwer-Industriellen – so unverblendet und kritisch gewesen wären, der Massenbeschwörer aus Braunau hätte nur halb soviel Unheil anrichten können – obwohl das sicherlich auch noch in der Gänze zu viel gewesen wäre. Auf jeden Fall hat er uns nicht den Blick auf die gerade überstandenen zwölf Blutjahre verwehrt.

Ich muß über diesen Abschnitt Zeit noch einige Worte hier fallen lassen. Es treibt mich einfach um.

Ein erheblicher Teil der Bevölkerung waren keine überzeugten Nationalsozialisten, waren keine Nazis – überzeugte Nationalisten trifft es da schon eher. Wie groß nun welcher Teil war, darüber vermag ich nicht zu spekulieren. An dem Thema haben andere sich schon oft genug vergeblich versucht. Das aber der Teil der deutschen Bevölkerung, der von Nichts eine Ahnung gehabt haben will, so groß war, wie es nach dem Zusammenbruch 1945 immer wieder zu hören war, das hat mir zu keiner Zeit jemand weismachen können. Wenn mir irgendwer von jenen aus der Zeit auch heute noch sagt, ich habe nichts davon mitbekommen, dem kann ich auch jetzt noch immer nur wieder entgegenhalten, doch einmal Mut zu beweisen, zumal diese Art von Mut heute keinem mehr schaden würde. Natürlich kann nicht jeder alles gewusst haben – dafür waren die Kommunikationsmöglichkeiten damals zu sehr gestern. Sagt doch einfach mal, dass ihr Angst hattet, Angst um euer und Angst um das Leben eurer Familien. Sagt doch einfach, dass ihr euch gefürchtet habt, vor den Verbrechern aus dem eigenen Volk, und dass ihr deshalb geschwiegen habt. Das, so denke ich, würde in aller Welt auf Verstehen treffen und den Boden für ein besseres Miteinander bereiten.

DAS wäre die Vorsorge, so etwas nicht so schnell wieder geschehen zu lassen. Meine Mutter, als unpolitische Frau, hat so viel gesehen und miterlebt, dass sie heute noch oft verstummt, wenn sie davon berichtet. Selbst in unserem kleinen örtlich begrenzten Raum in Voslapp war an Charakteren und Machenschaften alles vorhanden.

Am schlimmsten waren die Parteigenossen, die an der sog. Heimatfront kämpften, die dann zuhause stets aufs Neue die eigenen Leute in Angst und Schrecken versetzten. Einige ganz ausgefallene Exemplare gab es darunter. Die Spitze machte der NSDAP Kreisleiter Plenter, der in 1945 von einem alliierten Gericht zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. 1955 nach Hause entlassen, spielte er im öffentlichen Leben der Gemeinde ersichtlich keine Rolle mehr. Einige andere Glanzlichter in der Parteienhierarchie möchte ich auch nicht unerwähnt lassen. Da wäre zuvorderst der Ortsgruppenleiter der NSDAP R. Klees zu nennen. Im beruflichen Leben Kriminaler. Einer seiner öffentlichen Auftritte ist es wert, hier seinen Niederschlag zu finden. Ein Teil der Voslapper Frauen waren mitsamt ihrer Kinder im 44er Kriegsjahr aus der unmittelbaren Frontlinie, als die Wilhelmshaven ja galt, in weniger gefährdete dahinterliegende bäuerliche Landstriche evakuiert worden.

Willkommen waren sie als Hungerleider, wie ein Ortsbauernführer es einmal nannte, in keinem Ort des norddeutschen Plattlandes. Zumal die meisten von ihnen ja auch noch aus den Ostfriesen fernen und fremden Stammesgebieten stammten. Fremdes Volk hatte man allenfalls während der Hochzeit des braunen Wahnsinns als Arbeitstiere willkommengeheißen wäre übertrieben gesagt – geduldet, ausgebeutet, misshandelt und missbraucht, das beschreibt es treffender. Wohlgemerkt, NICHT in allen Bauernschaften war es so – aber in erschreckend vielen bäuerlichen Betrieben und Familien wurden die sog. „Fremdarbeiter“ als, na wie eben dem offiziellen Sprachduktus entsprechend – als Untermenschen behandelt. Wobei die deportierten, aus ihrer Heimat zwangsentführten Mädchen und Frauen oft genug herhalten mussten, um die Schwanzläufigkeit des Hofherrn zu befriedigen. Dazu waren sie den Rassenfanatikern dann doch gut genug. Wobei dann oftmals die biologischen Folgen dieser Vergewaltigungen auf grausamste Weise getötet, ermordet wurden.

Aber zurück zu den aus der Schusslinie gebrachten Frontgebietseinwohnern. Die Mütter brachten ja ausser der Angst vor Fliegerangriffen und hungrige Kinder nichts mit als wertlose Lebensmittelkarten, mit denen die Bauern allerhöchstens ihre Kuhstallwände hätten behängen können. Viele der Mütter hatten deshalb nach kurzer Zeit des Ausharrens inmitten der Feinde im eigenen Lande, kehrtgemacht und waren an ihre Wohnorte zurückgekehrt. Dort konnten sie wenigstens in den eigenen Betten ruhen oder auch sterben, denn die Schiffsgeschütze der feindlichen Armada belegten auch das Hinterland bis zu 50 Kilometer weit landeinwärts mit ihren Tod und Verderben bringenden Kalibern.

Nur, die Heimkehr in die Wohnorte bzw. in die eigenen Wohnungen war die Zuwiderhandlung gegen einen Führerbefehl und gleichzusetzen mit Desertion, also Fahnenflucht oder gar Sabotage. Die Frauen wussten das, und kehrten trotzdem heim. Der Ortsgruppenleiter K. wusste es auch – und tat es ihnen auf unserem Straßenplatz auch öffentlich kund, nachdem er alle Einwohner zusammenbefohlen hatte, um volksschädlichen „Gerüchten“, nach denen Männer in schwarzen und braunen Uniformen aus den Fenstern der oberen Stockwerke eines Krankenhauses im Ostfriesischen neugeborene Kinder von nichtarischen Müttern mit Hurra auf die Strasse geschmissen hätten, entgegenzutreten, die eine gewisse Frau H. nach ihrer Rückkehr aus einer ostfriesischen Kleinstadt „verbreitet“ hatte.

Diese tapfere Frau hat, trotz der Drohung des K. die Verbreiter solcher Gerüchte künftig eigenhändig am nächsten Laternenpfahl aufzuhängen, die „Gerüchte“ als ihr und ihrer Kinder eigenes Erleben an dem besagten Abend vor aller Ohren dann wiederholt. Wenn der besagte Ortsgruppenführer nicht selber vom geschwind nahenden Ende der braunen Schreckensherrschaft überzeugt gewesen wäre – er hätte seine Drohungen mit dem eigenhändigen Aufhängen unzweifelhaft wahr gemacht.

Einige Monate nach des Krieges Ende bekleidete besagter Richard dann schon wieder die Position eines „Ortsgruppenführers“ – fast übergangslos und völlig reibungslos war er vom NSDAP Ortsgruppenleiter zum Gemeinschaftsleiter des wiedererstandenen Deutschen Siedlerbundes mutiert. Und kein Mensch aus der Siedlung hatte anscheinend etwas dagegen einzuwenden gewagt.

Ein anderes Exemplar der Gattung wandelbarer PG möchte ich nicht vergessen zu erwähnen, Elektromeister Curt H. aus der Nähe von Pirna

Zugezogener Sachse, erster Einwohner der aus dem Schlick des Baugrodens gestampften Werftarbeitersiedlung Voslapp, Parteigänger der ersten Stunde und als stellvertretender NSDAP Ortsgruppenleiter auch Kämpfer an der Heimatfront. Außerdem ein Maulfechter ersten Ranges und im Nachkriegsdeutschland auch gleich wieder der Stellvertreter des schon erwähnten Gemeinschaftsleiters K. Auch ein in der Farbe des Pelzes gewendeter Wolf.

Elektriker Curt war in 38 dem Werben der Reichsführung erlegen und mit seiner Familie aus den elbsandsteinischen Sachsenbergen in die Kriegshafenstadt gezogen, um dort beim Erstarken der Kampfkraft der Marine zu helfen. Er half dann aber wohl eher beim Unterdrücken der Bevölkerung.

In der Hänsel-Saga gab es noch eine pikante oder doch bemerkenswerte Variante der gesellschaftlichen Querordnung.

Elly, was die Angetraute des Sachsenimportes Curt war, war unter anderem sehr gebärfreudig. Zwei Exemplare des Familiennachwuchses waren schon in der Pirnaer Zeit der jungen Ehe in die Welt gesetzt worden. Fünf weitere wurden dann noch in der salzigen Nordseeluft gezeugt. Gezeugt und teilausgetragen, wohlgemerkt. Das Licht der Welt erblickten sie stets im sächsischen Pirna, damit sie dort die heilige Taufe empfangen konnten.

In Schlicktau, im Bannkreis der parteilichen Amtsmacht des Vaters war das Bekennen zu einer der christlichen Glaubensgemeinschaften in dieser Art schlecht möglich.

Bei den drei letzten Lebendgeburten war das Versteckspiel nicht mehr möglich – sie wurden letztendlich der Jugendweihe anheim gegeben.

Frau Ellys überdimensionierte Brüste zierte übrigens ein wohl ebenso überdimensioniertes goldenes Mutterkreuz der NS-Frauenschaft.

Ebenso groß und mächtig wie ihre Brüste und ihr Hintern war auch ihre Hinterhältigkeit und ihre Rachsucht. Ich hätte damals gerne liebenswertere Sachsen, so wie sie mir immer wieder auf meinem späteren Weg begegnet sind, kennengelernt.

Von den Elbsandsteinkindern scheint sich heute keines mehr an die Zuhause Leidenszeit erinnern zu wollen.

Ich kann viele Bilder der hungersüchtigen Nachkriegstage nicht aus meinem Erinnern tilgen. Eines davon zeigt mir Vater und Mutter Hänsel regelmäßig des Abends in ihrer Wohn-Küche sitzend, die feinsten Delikatessen (soweit sie in den Geschäften am Ort zu kaufen waren) genüsslich in sich reinschaufelnd, während die Kinder oben in nur einer Kammer in den klammen Betten lagen – jedes mit einem harten Kanten Brot in der Faust, der von der fürsorglichen Mutter zuvor mit Spitzbohnenkaffee, dem sog. Muckefuck, angefeuchtet und spärlich mit Zucker überrieselt worden war. Dieses Zurschaustellen von Kindesmissachtung war auch eine Art von Kindesmisshandlung. Sie taten es öffentlich, weil es ja immer für alle Vorübergehenden durch die unverhangenen Fenster sichtbar, geschah – und kein Mensch sagte oder tat etwas dagegen. Auch in der Beziehung hat sich in unserer Gesellschaft nicht sichtbar viel geändert.

Eine Begebenheit in Albert Heerens Laden in der Flutstrasse macht diese elterliche Handlungsweise noch deutlicher. Albert Heeren residierte damals als gerade selbstständiger Kaufmann im ausgebauten Kleinviehstall seines Schwiegervaters Knuth. In diesem beschränkten Geviert gab es praktisch auch alles das käuflich zu erwerben, was für die Menschen damals in Gemischtwarenläden, in Einzelhandelsgeschäften feilgeboten wurde. Bei Heerens gab es in den Anfangsjahren nur keine Frischmilch – so weit war Albert noch nicht konzessioniert worden.

Bedingt oder gefördert durch die wachsende Zahl von Badegästen in unserem Ort, bekam er aber dann aber doch die Berechtigung zum Milchverkauf und somit zog etwas verspätet die ersehnte Milchpumpe als Statussymbol in sein Geschäft ein.

Doch zurück zu Elly und Co. Mutter Hänsel stand mit ihrer Lieblingstochter in der schummrigen Gemüseecke des mit Kunden gefüllten Heerenschen Ladens. Ungeachtet der vielen Nachbarsfrauen und –kinder standen sie da und verzehrten in aller Seelenruhe eine komplette Hand Bananen – so von der Faust weg in den Mund. Es schien sie nicht im Mindesten zu stören, dass jeder, der sie beobachtete wusste, dass ihre anderen Kinder wie Hungerhaken durch die Zeit liefen, als sie mit vollem Munde kundtat, dass sie sich ja sonst nichts gönnen würde.

Den Hänselkindern – den Jüngeren zumindest, weil die Älteren mit Hilfsdiensten in der Nachbarschaft schon weitgehend für sich selber sorgten – konnte man salopp gesagt, das Vaterunser durch die Backen blasen. So hohlwangig kamen sie daher, wenn ihr Nachhauseweg von der Schule sie in aller Regel durch die Küche von Mutter Eden führte, in der es für jeden, der durch sie hindurchzog, immer etwas gegen den Hunger und den Durst gab.

Die einzige Nachbarschaftsverbindung, die Elly und ihr Mann gemeinsam pflegten, war die zu den Wünnenbergs in der Fedderwarderstrasse. Wilhelm W. und Curt H. waren Kumpaneros noch aus ihrer Bonzenzeit bei der NSDAP. Die Ehefrauen trugen sinnigerweise auch noch den gleichen Vornamen, nämlich Elly. Ein unbefangener Beobachter konnte sie ohne weiteres für Zwillingsschwestern halten, wenn er sie bei ihren Hin- und Herwegen gemeinsam die Strasse blockieren sah. Wenn sie nebeneinander liefen, dann nahmen sie in der Tat die ganze Schmalbreite der Strasse ein. Ein Nachbar in der Strasse schätzte die beiden Grazien einmal scherzhaft aber durchaus zutreffend auf 1 Meter 60 nach drei Seiten. Ich hätte zu gerne doch mal nachgemessen. Auf den ausladenden Hinterteilen konnten bei den beiden Frauen gut zwei Kinder Platz finden. Mindestens zehn mal am Tage schuffelte das Gespann bei uns durch die Hohewegstrasse, in jeweils wechselnder Richtung – und jedes Mal war für die Zeit der Passage die schmale Strasse für jeden anderen Verkehr blockiert.

 

Wenn ich mich an so manche Begebenheit aus der frühen Zeit der Verbindung meiner ältesten Schwester Meta mit Siegfried, dem ältesten Hänselsproß, erinnere, dann spüre ich auch heute noch nur Verachtung für diese Frau, für diese Eltern. Meta und Jungsiegfried trugen sich mit Heiratsabsichten, weil sie sich vorzeits schon etwas ‘bestellt hatten’, wie man bei uns in bäuerlicher Gegend zu sagen pflegt, wenn eine Niederkunft ins Haus steht. Meta war im Kindaustragen ja nicht mehr so gänzlich ungeübt – ein ‘Butenbeenskind’, eine uneheliche Geburt, hatte sie ja schon im Alter von 17 Jahren hinter sich gebracht. Es gab da nur ein Problem – beide Eheaspiranten waren noch nicht volljährig. Meine Schwester eh noch nicht, und der werdende Papa war auch noch keine 21.

Das war aber augenscheinlich nicht das größte Problem – die Kacke war richtig am dampfen, weil des Beschälers Eltern nicht an den Bocksprung ihres Sohnes glaubten – oder wohl dran glaubten, es aber nicht gelten lassen wollten, weil Sohnemann sich offensichtlich das falsche Pferd zum Reiten ausgesucht hatte. Zwischen den Familien bestand nun überhaupt keine Annäherungschance. Meine Mutter unterstützte die Brautleute zwar nach Kräften, denn der Braten schmorte ja in der Röhre, und noch ein Butenbeenskind sollte ihre Tochter doch nicht bekommen. DAS störte den Drachen Elly und ihren Bändiger aber nicht im Geringsten – sie ließen es drauf ankommen. Letztendlich erteilte das Vormundschaftsgericht die Eheschließungserlaubnis für die beiden minderjährigen Verlobten, sodass es am 28. September 1954 doch noch mit der Heiraterei klappte, und KEIN zweites uneheliches Kind das Licht der Welt erblicken mußte.

Heute schon können das vielleicht nur noch wenige und später wohl niemand mehr verstehen, aber unehelich geborene Kinder waren für die Mädchen und Frauen durch die Zeit ein ewiger Makel, der sie „entwertete“. Wohl gemerkt traf der Bannstrahl der Moral NUR die Mütter – die Väter, die es ja natürlicherweise auch gab, die brauchten da keine Ächtung der Gesellschaft zu fürchten. Deren Samen konnte so häufig und wann immer es möglich war auf fruchtbaren un- oder außerehelichen Boden fallen. Es schaute sie NIEMAND deswegen auch nur im Mindesten schräg an.

Bis zur Entscheidung des Vormundschaftsrichters pro Hochzeit musste jung Siegfried des Abends um 22 Uhr zuhause sein – SO wollten es seine Eltern. Ansonsten blieb die Türe verschlossen, und der arme Kerl konnte sehen, wo er die Nacht dann verbrachte. Meist war es die Werkstatt von E-Meister Curt, in der Siegfried ja auch einen Teil seiner Lehrzeit zugebracht hatte. Die Werkbank kannte er also, und erfuhr auf diese Weise, dass man auf Werkbänken auch schlafen kann. Eine solche Erfahrung haben sich in den ersten Jahren nach dem Kriege übrigens viele junge Männer auf der Suche nach Arbeit und Unterkunft in ganz Deutschland sozusagen „erschlafen“.

Eines Abends – er kam von seiner Arbeitsstelle nach Feierabend stets erst zu uns nach Hause – auch wohl wegen der doppelten „Befriedigung“. Zum einen gab es bei uns ständig genügend Nahrung für den „Bauch“, und zum anderen fand sich garantiert immer ausreichend und toll Amüsement für den „Schlauch“. Jung Siegfried ließ sich auch gerne von meiner Schwester führen, in seinem Sinnen sie zu verführen. Kleinen, wissbegierigen Brüdern kann man ja so leicht nüscht verheimlichen.

Eines Abends hatte er sich entweder nicht früh genug von den Fleischtöpfen seiner Schwiegermama in spe, oder aber von der fleischlichen Versuchung seiner geliebten Zukünftigen trennen können – jedenfalls zeigte die Klock, die Uhr, zwei Minuten nach Zapfenstreich, als er vor der elterlichen Türe stand und nicht eingelassen wurde. Auch das Notquartier väterliche Werkstatt war ihm an diesem Abend verwehrt, weil die Tür zu der Kaschemme verschlossen – was sonst nie der Fall war. Seine Mutter Elly wollte provozieren, warum sonst hätte sie ihn aus dem Oberfenster heraus auffordern sollen, wieder dahin zu gehen, wo er sich die ganzen Abende herumtreiben würde.

Er tat es, und fand nach längerem Umherirren für den Rest der Nacht ein Lager im Zimmer eines meiner älteren Brüder, den er durch Steinwürfe ans Fenster aus dem Schlaf geweckt hatte. Meine Mutter saß währenddessen in Peines Uniformwerkwerk im Wilhelmshavener Textilhof an der Ulmenstrasse am Schiebeband vor ihrer Nähmaschine zu güddern, zu nähen, um den Akkord zu schaffen. Noch bevor sie am nächsten Tag davon erfuhr, dass ihr zukünftiger Schwiegersohn aus einer Notlage heraus unter unserem Familiendach genächtigt hatte, hielt sie schon eine Vorladung in ihren Händen, mittels der man sie aufforderte, umgehend auf dem 4. Polizeirevier in der Posener Strasse zu erscheinen. Gegen sie, meine Mutter, läge eine Anzeige wegen Kuppelei vor. Eine gewisse Elly Hänsel würde sie eines oder mehrerer Vergehen gegen den Kuppeleiparagraphen bezichtigen.

DAS war Elly Hänsel. Wie ich schon erwähnte, ich hätte damals schon gerne andere Sachsen kennengelernt.

Ab da nächtigte jung Siegfried in ähnlichen Notsituationen im elterlichen Hause seines Schulfreundes Fritz Poppen, das schräg gegenüber der Hänselsiedlung stand. Das war denn keine Kuppelei und nicht sittenwidrig.

Und wieder einmal zeigte sich die menschliche Neigung, Peinigern gleich welcher Art bei ihrem schändlichen Tun nachzugeben. Besser wäre es für alle Beteiligten gewesen, habe ich manches mal gedacht, dem Weibsbild die Zunge herauszuschneiden. Dann hätte sie in ihrem noch recht langen Leben viele Verleumdungen und auch sonst recht hässliche Verlautbarungen nicht mehr unter die Leute bringen können.

Nach der Entbindung meiner Schwester, die bei uns zuhause stattfand, ließ Frau Elly siedlungsweit verbreiten, dass, wenn sie wüsste, dass das Kind ihrer Schwiegertochter von ihrem Sohn stamme, sie sich dazu herablassen und die Schwelle zu unserem Hause überschreiten würde. Da ihr die Gewißheit aber fehle …

Gott sei Dank ist es nie dazu gekommen, obwohl die von ihr angezweifelte Vaterschaft für Jedermann an der Gesichtsgleiche des Kindes erkenntlich war. Denn wenn sie bei uns im Hause aufgetaucht wäre, dann wäre es für mich so gewesen, als hätte der Teufel eine Kirche geschändet.

Diesem Kind folgten noch drei Sprösslinge aus unverkennbar der gleichen Pfeife (die Anzahl der Abtreibungen während der Ehe schwankt selbst im Wissen der direkt Beteiligten, darum nenne ich hier keine rechnerische Größe). Wenn die Enkel im Nachbarstadtteil – in dem sie Anfangs wohnten – sich auf den Weg machten, um ihre Papa-Oma zu besuchen, dann war deren Tür entweder verschlossen, oder die Oma forderte sie durch die spaltweit geöffnete Tür auf, zu ihrer anderen Oma, die eine Straßenecke entfernt von ihr wohnte, weiterzugehen. Zur Begründung führte sie stets Zeitmangel an, was nicht einmal von der Hand zu weisen war.

Seit dem Unfalltod ihres Mannes, der sich, in seinem Goggomobil sitzend, frontal mit einem Großraumfahrzeug der städtischen Verkehrsbetriebe angelegt hatte, war sie nämlich sehr mit der Pflege zwischenmenschlicher europäischer Beziehungen beschäftigt.

Die Leere in ihrem Hause hatte sie mit der ersten Generation griechischer Gastarbeiter aufgefüllt. Bei den Gastarbeitern der ersten Stunden handelte es sich in der Regel um potente Mannsbilder, die alleine ihre Heimatländer, und meist auch ihre dortigen Familien, verlassen hatten, um in der goldenen Bundesrepublik am verheißenen wirtschaftlichen Wohlstand teilzuhaben.

Solange das Gespenst des Familiennachzuges von ausländischen Arbeitskräften noch nicht greifbare Wirklichkeit geworden war, gelang ihnen das auch vorzüglich. Und nicht nur das – man ließ sie auch teilhaben am Reichtum der, wegen der Nochkriegsfolgen an Männermangel in großer Zahl vorhanden, unbemannten Weiblichkeit in mittlerem und reiferem Alter.

Es wurden in Gastarbeiterkreisen damals tatsächlich Vergleiche darüber angestellt, wer von ihnen wohl das Glückslos der „besseren Matratze“ gezogen hatte. Auch das störte niemanden in der Gesellschaft, obwohl alle darum wussten. Nahmen die potenten und unbefriedigten Südländer der Gesellschaft doch ein Stückweit die Verpflichtung ab, sich um diese zum Teil vereinsamten und auch gefühlsvernachlässigten Frauen zu kümmern, denn zum Trümmerräumen in den zerstörten Städten brauchte man sie ja nicht mehr, und eine Flut von Mischlingskindern hatte man, wegen der zum größten Teil schon ausgedienten Gebärmuttern der lusteshungrigen Witwen, auch nicht mehr zu fürchten. Das war die Realität – aber die war wiederum zu real, um sie den kleinen vor der Tür stehenden Enkelkindern begreiflich zu erklären. So ist sie durch die Jahre mit (fast) allen Kindern und Enkeln umgegangen. Irgendwann wird alles Andauernde eben auch zur Normalität.

So kam es denn, dass Altsohn Siegfried und Schwiegertochter Meta Ende der Neunzehnachtziger Jahre die Siedlung von Mutter Elly übernahmen, das heißt, sie kauften die Immobilie. Mit Sicherheit waren da auch ein paar juristische Tricks mit im Spiel, denn genügend Moos, um alle Geschwister, das heißt alle Erbberechtigten regulär in ihren Ansprüchen befriedigen zu können, soviel Moos hat mein Schwager niemals im Leben besessen. Im Schulden anhäufen – etwas auf „Auge“ kaufen, darin hatte er sein Lebtag aber schon wiederholt eine gewisse Fertigkeit bewiesen. Das „Siedler spielen“ geschah nicht etwa aus Siedlungslust oder Spaß am Gärtnern – DAS war ganz einfach noch eine Trotzreaktion meiner Schwester auf die Geschehnisse in ihrer Frühehezeit, in deren Folge meine Mutter der Tochter und dem Schwiegersohn die Siedlerfähigkeit auf der eigenen Scholle abgesprochen hatte – ja, absprechen musste.

Andernfalls wäre ihr der Anspruch auf die eigene Siedlerstelle, den sie mit fast unmenschlicher Anstrengung erworben hatte, verlustig gegangen.

1996 nahmen meine Schwester und ihr Mann dann die ach so geliebte Frau Elly zu sich in Pflege. Vorgeblich geschah es aus „Kindespflicht“ – um aber der Wahrheit die Ehre zu geben – Geldgier, und die aus der Leichtlebigkeit heraus entstandene permanente Geldnot der beiden, war wohl die Triebfeder ihres Handelns, denn als es darum ging, unserer, ihrer von Demenz betroffenen Mutter im hohen Alter im Alltag ein wenig nur zur Seite zu stehen, formulierte meine Schwester Meta ihre Haltung dazu mit dem Satz, so wörtlich: „Den Scheiß muß ich mir nicht antun.“ Bei unserer Mutter war nämlich – im Gegensatz zu Frau Elly – nichts abzusahnen. Mama Sophie hatte ihre „Güter“ und die ihr zur Verfügung stehenden Geldmittel stets mit warmen Händen, wie sie es immer nannte, unter ALLE ihre Kinder und Kindeskinder verteilt. In deren Augen waren es wohl keine hohen Güter, denn Dinge, kleine aber feine Geschenke, für die Sophie, um sie ihren Enkeln zu besonderen Anlässen schenken zu können, noch bis ins hohe Alter regelmäßig einer bezahlten Tätigkeit als Hauswirtschafterin in einem Düsseldorfer Industriellenhaushalt nachging, wurden von den meisten der Beschenkten nur am Rande oder gar nicht gewürdigt.

Ich habe oft beobachten können, dass sie die von der Oma mühsam erarbeitete und liebevoll ausgewählte Kostbarkeit mit nichtssagender Miene mit der rechten Hand in Empfang nahmen, und im folgenden Moment das Teil mit der gleichen Gleichgültigkeit mit der linken Hand für immer beiseite legten. Das hat mich eines Tages dazu bewogen, meine Mutter darum zu bitten, ihre Verpflichtung zum Schenken einmal grundsätzlich zu überdenken. Sie hat es getan.

Jedenfalls hat Schwager Siegfried dem, auf dem Konto seiner Mutter ruhenden Batzen Geld Bewegung verschafft, indem er ihn in die Räder eines neuen Autos umformte – dieses Automobil war denn auch das erste in der siegfriedschen Autobesitzergeschichte, das nicht auf Wechseln durch den wechselvollen Alltag rollte.

Die nahe oder nächste Zukunft war damit erst einmal gesichert, denn Ellys Witwenrente aus des Curtes Unfalltod und ein gleichermaßen erkleckliches Sümmchen aus der Pflegeversicherung waren ja Monat für Monat gesicherte Einkünfte. Da ließ sich dann schon ein wenig mit herumpupsen und auf noch größeren Füßen leben.

Die wahren Beweggründe der Inpflegenahme offenbarten sich dem aufmerksamen Beobachter in der Verhaltensänderung der „geliebten“ Mutter und Schwiegermutter gegenüber, als deren Konten leergeräumt und gelöscht waren. Um das turnusmäßige Pflegegeld und die Rentenbeträge zu erhalten, darum brauchte man ja nicht mehr zu buhlen. Ich muß es einfach einmal so direkt schreiben – wenn es um einen geldwerten Vorteil ging oder geht, dann tanzt meine Schwester Meta notfalls sogar mit dem Teufel – und der ihr hündisch ergebene Siegfried macht die Musik dazu.

Das Verhalten meiner Schwester gegenüber ihrer Schwiegermutter ist ja kein Einzelfall und nicht mit „später Rache“ oder „wie du mir, so ich dir“ zu erklären. Bei „Martha“ als dem vorhergehenden Betreuungsfall waren es nämlich frappierend ähnlich gestaltete Abläufe in der Behandlungsweise. Martha wurde nach dem Dahinscheiden ihres Ehemannes zwecks Betreuung in den Metaschen Haushalt aufgenommen. Der verstorbene Schorsch hatte nämlich zugunsten seiner Angetrauten eine Anzahl Kapitalverträge, mit teils erklecklichen Sümmchen dahinter, hinterlassen. Irgendwann wurden diese Verträge fällig und die Summen fielen in den Schoß meiner Schwester. Nach der Wahrung einer (un)angemessenen „Anstandsfrist“ verschwand Frau Martha dann plötzlich aus dem häuslichen Kreis und tauchte in einem Pflegeheim unter. Nicht ein einziges Mal hat meine Schwester sie dort noch besucht.

Den „Scheiß“ wollte sie sich dann auch nicht mehr antun, denn es gab ja nichts, im Verhältnis sich lohnendes, mehr abzuräumen. Es hatte sich ja „plötzlich und unerwartet“ der fettere Brocken ‚Schwiegermutter Elly’ im Netz verfangen, den man an Bord zu holen sich doch nicht versagen durfte.

Meine Mutter wiederholte sich nur immer, wenn sie ein übers andere Mal entschlossen kundtat, um nichts in der Welt bei ihrer Tochter Meta wohnen zu wollen. Ich habe ihr nur immer darin beipflichten können – und das nicht, um ihr Recht zu geben oder sie in ihrer Meinung zu bestärken – sooooo nicht. Es war schon meine eigene Erfahrung, auf der meine Zustimmung basierte. Eine Zeitlang logierten mein Bruder und ich nämlich im Kreise der Metaschen Großfamilie in einer weiträumigen zweigeschossigen Wohnung in Mariensiel. Es war eine Wohnung, die wir Brüder meiner Schwester und meinem Schwager für ihre Familie angemietet hatten und über Jahre finanzierten, weil der Sohn meines Bruders aufgrund seiner eigenen zerrütteten familiären Verhältnisse bei unserer Schwester sozusagen als Pflegesohn untergebracht war.

Es war eine verdammt teure Pflegestelle, denn außer den Wohnungskosten beinhaltete das Pflegegeld auch noch das Haushaltsgeld für alle im Haushalt lebenden Leute (zeitweilig waren es zehn Personen) und die Bereitstellung eines Autos für unsere Schwester, bzw. für den Familienbedarf. Einige Tausend Märker Wechselschulden aus Schwager Siegfrieds Automobileskapaden, die wir übernommen hatten, waren auch noch zu begleichen, da Schwager Blitz sonst wegen etlicher geplatzter Wechsel in den Kahn gewandert wäre.

Das war ganz schön viel Moos, kann ich nur sagen. Es war für meinen Chefbruder aber ja ein Klacks, denn erstens verdienten wir gut, weil wir wie die Irren malochten (wenn mein Bruder seinen Rausch von den Gelagen mit seinen Saufkumpanen auspennte, dann war ich ja stets von Beginn der Tageshelle bis zum Dunkelwerden auf der jeweiligen Baustelle am werkeln). Unser gemeinsamer Verdienst reichte für die Bedürfnisse meines Bruders und die meiner Schwester Familie. Den Weg in meine Tasche hat über die Jahre nie auch nur eine Mark gefunden. Aber wie gesagt – ICH hätte es ändern können.

Mit meinem Neffen Uwe war es eh ein Drama ohne Ende. Was dem Menschenkind in seinem Leben an Tragik widerfahren ist, das ist schon ein gehörig’ Maß über das allgemein erträgliche Geschehen hinaus. Obwohl ihm sein Vater in der Früh-Kinderzeit ohne Zweifel ein Stück seiner Seele zerschlagen hatte, ist er – solange sein Vater unter den Lebenden weilte – nach väterlicher Anerkennung hungernd, hinter ihm hergelaufen. Bekommen hat er sie nie.

In 1970 – wir waren nach München und Rosenheim, nach Neckarsulm und dem Abstecher nach Saudi-Arabien auf einer Baustelle der pädagogischen Hochschule Köln am Lindenthal Gürtel gelandet – direkt neben einem katholischen Mädchenpensionat gelegen. Diese Baustelle, dieser Standort hat uns so manches erzählenswerte Erleben beschert, zumal der verantwortliche Bauleiter gleich uns ein Nordlicht war – Günther S. aus der gleichnamigen Oldenburger Unternehmer Dynastie.

Wegen familiärer „nicht so ganz Päßlichkeiten“ hatte er irgendwann der väterlichen Firma den Rücken gekehrt und war als Bauingenieur zum Baukonzern ‚inbau’ in Leverkusen (einer Tochter der Phillip Holzmann AG) gewechselt. Die Firma ‚inbau’ war in den Jahren auf dem Gebiet des großindustriellen Fertigbaus in Europa führend. Gefördert hatte diesen enormen Aufschwung auf dem Fertigteilsektor mit Sicherheit der in den Mittsechzigerjahren enorme Nachholbedarf hinsichtlich der Errichtung öffentlicher Großbauten – in Nord-Rhein-Westfalen vor allen Dingen im Bereich der Erweiterung von Universitäten und Hochschulen. In den südlichen Bundesländern waren es dagegen überwiegend die wie Pilze aus der Erde emporschießende Einkaufszentren, mit für die Damalszeit ungewohnten Ausmaßen. Heute wären solcherart Bauten für viele Größenwahnler der Immobilienbranche gewiß nichts anderes mehr als Kleckerkram, wenn man die heutigen, selbst in magersüchtigen Dünnbrettkommunen in die Ortsbilder gewuchteten Konsumklötze, die dann nach ihrer Fertigstellung häufig selber jeden Leerstandsrekord an Verkaufsflächen brechen, oder aber die, sich in ihrem Umkreis befindliche, bis dahin zumeist intakte urbane Groß- und Einzelhandelsstruktur mit Brachialgewalt zerstören. Es hat in der Wirtschaftsgeschichte unseres Landes wohl noch keinen Zeitabschnitt gegeben, in dem Klein- und Mittelgeschäfte in Handwerk und Handel in einer solchen Menge so rasend schnell den Bach hinunter gegangen sind, als in Deutschland im ersten Jahrzehnt nach der rücksichtslosen “Entsorgung“ der DDR.

Und immer noch hat der Wahnsinn kein Ende. Einige wenige Profiteure – bei einer Gesamtzahl von ca. 80 Millionen Einwohnern sind es nur einige, obwohl ihre Anzahl schon ganz erklecklich scheint – haben unser Land mit allem Drum und Dran bedingungs- und skrupellos an wirklich wenige mächtige und gierige Hintermänner der Finanz(unter)welt verkauft. Frei nach dem Motto: „ Nichts ist unmöglich – man kann alles (ver)kaufen – es kommt, wie immer, auch dabei nur auf den Preis an.

Auf den Preis kam es bei uns, bei den „Malochern“, bei den „Handarbeitern“, in den sechziger und eingangssiebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts auch an. Wir mussten auf unserem Gebiet ganz heftig hinter den Groschen herkriechen.

Hinterherkriechen deshalb, weil unser Werk zuvorderst der Fußboden war, auf dem nach seiner Fertigstellung durch uns die Massen fröhlich herumtrampelten. Ich bin davon überzeugt davon, in meinem Arbeitsleben auf den Knien kriechend einmal den Globus umrundet zu haben, wenn nicht noch mehr.

Es war ein hartes Geschäft um Massen und Moneten.

Wer in dem Kampf nicht mithalten konnte, der wurde meist gnadenlos abgehängt, und musste sich mit den Krumen, die von den Tischen der Großkopferten fielen, bescheiden. So war es in den Jahren damals – es war aber ein Kampf unter Heroen auf beiden Seiten.

In der Jetztzeit sind es auf der einen Seite fast ausschließlich geldgeile gewissenlose Manager- und Abzockertypen, denen auf der Arbeitnehmerseite in der Regel rechtlose, machtlose Habenichtse, die von den Regierenden jedweder Farbe den globalen Finanzhaien ausgeliefert, oder zutreffender skrupellos zum Fraß vorgeworfen werden, während sie ihren Gewerkschaftsführen, von denen sie schnöde im Stich gelassen oder gar heimtückisch hintergangen und verraten werden, ohnmächtig gegenüberstehen.

Heute wird öffentlich und viel schwadroniert von den strukturellen Unterschieden zwischen den einzelnen Bundesländern. Hier finanzschwache und dort finanzstarke Länder – der arme Norden steht dem reicheren Süden gegenüber – die einstigen Perlen deutscher Wirtschaftsmacht, wie Nordrhein-Westfalen, Hamburg oder Bremen am ständigen Tropf der einst als hinterwäldlerisch angesehenen „Südstaaten“ der Republik. Ich habe mich zu meiner aktiven Malocherzeit angesichts der zwischen Nord/West und Süd oftmals gravierenden Unterschiede in der Lohnstruktur und dem so sehr verschiedenen Umgang mit den werktätigen „Ressourcen“ in diesen Landstrichen des Öfteren gefragt, worin diese Verhaltensweisen wohl begründet waren (oder immer noch sind, obwohl da ein großer Umbruch stattgefunden hat).

Während unserer Arbeits-Einsätze für Nordrheinische Unternehmen im Vorfeld der olympischen Spiele München 1972 ist uns immer wieder greifbar der Unterschied in der Wertschätzung von Arbeitskraft Süd und Arbeitskraft Nord/West klargeworden. Das Auseinanderklaffen der Schere im Lohnniveau war schlichtweg unbegreiflich. © ee

 

ein wundersamer Richter.

Der 27. November 2014 – ein vertaner Tag …

und ein wundersamer Richter.

 

Eine Berufungsverhandlung vor dem Bremer Landgericht.

 

Gestern war für mich wiedereinmal solch ein Tag, den ich am Abend am liebsten aus dem Kalender gestrichen hätte. Wer kennt es nicht, dieses gefühlte Erleben der nutzlosen Verschwendung kostbaren Lebensvolumens.

Es war ein Tag auf der Beobachterbank in einem kaufherrenzeitlichen hanseatischen Gerichtshaus. Ein über dem Eingangsportal in Gold geletterter Schriftzug „Gerichtshaus“ empfing mich denn auch in der diesigen Kühle des novembrigen norddeutschen Innenstadtmorgens, als ich die Stufen zum Palast der bremischen Justitia erklomm.

„Bremische Justitia“ deswegen, weil laut Bekunden des wackeren Vorsitzenden Richters der 51. Strafkammer die stadtbremischen Justiz- bzw. Ordnungsgesetze gegenüber den gesamtföderalen Bundesgesetzen mit einigen Besonderheiten, um nicht zu sagen Merkwürdigkeiten, ausgestattet seien.

Der Vorsitzende Richter meinte sogar, den Angeklagten (einen niedersächsischen Polizeiamtsrat a. D.) dahingehend belehren zu müssen, dass Polizisten am Ort des Geschehen immer „Herr des selbigen“ seien und anordnen bzw. machen könnten was sie wollten – der beteiligte Bürger hätte sich immer dem zu fügen und unterzuordnen.

Eventuelle Unrechts- oder Gesetzwidrigkeiten in den Handlungen und Anordnungen der Staatsdiener wären stets NUR im nachhinein zu betrachten bzw. zu bewerten oder mit Beschwerde zu belegen.

Prima, habe ich da nur gedacht – wenn ich nun durch eine solche „unrechte oder gesetzwidrige Handlung“ eines Ordnungshüters mein Leben verlieren würde, dann hätte ich danach theoretisch zumindest noch die Möglichkeit, mich bei der landesbremischen Justitia zu beschweren.

Äußerst generös geregelt das Ganze.

Sieben lange Stunden wurde nun im Gerichtssaale mit Worten gefochten, die mal scharfes Florett und auch wohl mal rustikales Schwert waren – abgelöst von Wortstrecken in denen von einzelnen Beteiligten nur leeres Stroh gedroschen wurde. Auffallend war der mehrmalige Hinweis des Saalherren von hinter der Galerie, an die als Zeugen vernommenen Polizeibeamten, daß sie bestimmte dezidierte Fragen des Angeklagten an sie nicht zu beantworten bräuchten.

Was die Zeugen dann auch tunlichst nicht taten. DAS hätte ich an deren Stelle denn auch gemacht.

So ganz geheuer oder gesetzeskonform erschienen die „Regieanweisungen“ von oberhalb der Richtergalerie dem Angeklagten auf seinem Armesünderbänkchen offenbar auch nicht, denn warum sonst hätte er sich – wie geschehen – beim Vorsitzenden Richter für dessen emsiges Bemühen, den als Zeugen auftretetenden Polizeibeamten die von ihm offenbar gewünschten Antworten in den Mund zu legen, in humoriger Weise bedankten sollen.

 

Während der, sich über weite Strecken wie Kaugummi hinziehenden, langen Verhandlungsrunden habe ich mich wiederholt gefragt, welche Funktion ´die den Vorsitzenden Richter flankierenden und permanent schweigenden Randfiguren hinter der Galerie wohl haben.

Ich weiß, daß sie als Vertreter der Staatsanwaltschaft respektive als Schöffen bezeichnet werden, natürlich. Doch drängte sich mir in langen Abschnitten des Geschehen ob des wort- und reglosen Dahockens der Eindruck auf, es mit Marionetten zu tun zu haben. Nach Einvernahme des letzten Zeugen zog sich das Gericht zur Urteilsberatung und -findung zurück.

Die Anmerkung des Richters: „Um fünf vor halb fünf ist die Urteilsverkündung“ gewährte den Personen im Saale von vor der Galerie exakt 13 Minuten Zeit um sich die Beine zu vertreten oder sich irgendwie zu erleichtern. Wie gesagt 13 Minuten.

Punkt 5 min vor halb 5 ertönte aus des Richters Munde die Verkündung des Urteil, das da lautete:

„Die Berufung gegen das Urteil des Amtsgerichtes Bremen vom soundsovielten in der Strafsache so und so wird abgewiesen.“

Das war kurz, korrekt und präzise ausgedrückt.

Doch dann folgte aus des Richters Munde bis Schlag 17 Uhr als Monolog eine 34 Minuten währende Urteilsbegründung .

Und da habe ich mich gefragt, wie ein Richter – und mag er noch so wacker sein – es in nur 13 Minuten Zeit zuwege bringt, mit den beteiligten Schöffen eine 7 Stunden dauernde Verhandlung in der Sache zu bewerten – zu einem einvernehmlichen Urteil zu gelangen UND eine 34 Minuten Vorlesezeit währende Urteilsbegründung zu verfassen.

Das hat bei mir die Ehrfurcht vor einem wundersamen Richter hervorgerufen.

Oder war es doch ganz anders, und Richter Alleingang hatte diese „Urteilsbegründung“ schon fertigverfasst in der Lade liegen?

Irgendwie überkamen mich dabei Erinnerungen an Roland Freisler und den Deutschen Volksgerichtshof.© ee

 

ewaldeden-2014-11-28

Watt’n Meer ….

Watt’n Meer ….

 

Diese zwei Worte meines alten Freundes Sepp aus dem süddeutschen Überlingen fielen mir so spontan wieder ein, als wir vor ein paar Tagen erneut nebeneinander an derselben Stelle auf dem Deich unweit der Voslapper Schule standen, an der vor einem halben Jahrhundert der staunende Ausruf: „Watt’n Meer“ aus seinem Munde in den Wind über den Andelgroden geweht war. Jetzt sagte er gar nichts. Wohl nicht, weil ihn ein Gebrechen am Sprechen hinderte, sondern weil er für den Anblick, der sich ihm bot, einfach keine Worte fand.

Ich bemerkte, wie seine Augen etwas suchten – nach wenigen Augenblicken wusste ich, was es war. Wo ist denn der Zinnsoldat geblieben, kam die zögerliche Frage. Und wo ist das Watt mit den Prielen, in denen wir immer so herrlich schlickrutschten, und die Gräben zwischen den Andelwiesen, in denen es von Stichlingen nur so wimmelte, schickte er gleich hinterher. Wo ist der herrliche lange Sandstrand, mit den vielen ebenso langen Mädchenbeinen die ihn des Sommers bevölkerten? Ein bisschen viel Fragen stürmten da auf einmal auf mich ein, fand ich.

In seiner Erinnerung hatte er sich ein völlig anderes Bild von dem Fleckchen Erde jenseits unseres Schuldeiches bewahrt.

Vor fünfzig Jahren konnten wir von der Stelle, an der der Sommerdeich zum Voslapper Hafen hin abzweigte, noch an Enno Janssens Maadesiel vorbei zum gerade in Betrieb genommenen Ölhafen, querab des Heppenser Berges gelegen, schauen. Der Bau der Tankerlöschbrücke Ende der 50er Jahre war für uns eine Großtat der Industrie und eine Glanzleistung der Stadtoberen. Es sollte wieder Leben in den Hafen kommen, und damit Geld in die Kasse der Stadt und in die Taschen ihrer Bürger.

Das anfangs schwachbrüstige Wiedererstehen der militärischen Marine nahmen wir damals gar nicht so recht wahr. Die dem Militär von den US-Freunden aufs Auge gedrückten Schrottkähne, zum Neustart einer Seestreitmacht Deutschland, die im Inneren Hafen vor sich hindümpelten, die wurden doch überhaupt nicht recht wahrgenommen. Das Weltkriegs-Szenario war noch nicht weit genug in die Vergangenheit gerutscht.

 Was waren die Menschen in der Stadt verblendet von den falschen Hoffnungen auf „Weltstadt werden“, die als Trugbilder von den Verantwortlichen vor Ort unablässig in ihre Köpfe projiziert wurden.

Das nach dem Ende des Kriegsgeschehens von den Siedlern in Voslapp aus kleinsten Anfängen heraus aufgebaute und ohne große Ahnung von „Marketing in der Tourismuswirtschaft“ wie es heute genannt wird zu haben, zum bescheidenen Erfolg geführte Kur- und Badeleben längs und rings um den Geniusstrand herum, wurde aus einer falschen Euphorie heraus den Industriealisierungsträumen geopfert. Wie schnell sind daraus doch Alpträume geworden.

Christian Eisbein – der vielen sicher in guter Erinnerung gebliebene Wattführer – sagte einmal in einem unserer viel zu seltenen Gespräche, man muß wohl zugewandert sein, um die Schönheit und den Wert dessen erkennen zu können, was die Natur uns Menschen bietet. Er war durch die Nachkriegswirren aus seiner Heimat Ostpreussen nach Ostfriesland verschlagen worden.

Dass das „nach hierher zugewandert sein“ aber kein Garant für das Erkennen und die Wertschätzung all der Kostbarkeiten des Wattenmeeres sein muß, das hat er an anderer Stelle einmal mehr als deutlich gemacht – denn was sollte er sonst damit gemeint haben, als er die diversen Marschen- und Meeresorientierten Institutionen und Institute – und da hob er besonders die in der Jadestadt angesiedelten hervor – als geistige „Mausoleen“ bezeichnete.

Mag man ihm im Nachhinein auch nicht in jedem seiner Denkzüge zu folgen vermögen – in dieser Einschätzung kann ich ihm aus eigenem negativem Erleben durch die Jahre hindurch nur beipflichten. Wie hat er vorausschauend die zu der Zeit anlaufende und für die Zukunft zu erwartende Steigerung des Großschifffahrtsaufkommens in unmittelbarer Nachbarschaft und sogar mitten hinein in die einmalige Natur des Wattenmeeres und deren immense Negativfolgen für alle Kreatur an, vor und hinter Küste und Deichen benannt.

Ein Hellseher war Christian Eisbein bestimmt nicht, aber ein die Realitäten erkennender Mahner und Visionär war er gewiß. Auch in seinen kritischen Bemerkungen, zum Beispiel an die Adresse vieler Experten in Naturschutzbünden und –verbänden, denn wo sind die Wächter unter dem Label Nabu, B.U.N.D. oder Greenpace als Aufrüttler, wenn es um die Verwendung hochgiftiger Substanzen als Brennstoff für die Antriebe der Irrsinnsfrachter auf ihren Wasserwegen rund um den Globus bis hinein in das Herz des jetzt „Naturerbe Wattenmeer“ geht? Sind sie allesamt unwissend, oder halten sie sich aus der Angst um den Verlust ihrer Pfründe so bedeckt?

Ich verspüre eine ganz andere Art von Angst, wenn ich mir den deutschlandinternen Wettlauf um die größten Anlauftiefen zu den jeweiligen Küsten- oder Flusshäfen zwischen Ems und Elbe betrachte.

Auf der einen Seite mutiert ein sich mit der Zeit zur Stadt gemausertes „Moordorf“ am Mittellauf der Ems zur Geburtsstätte der weltweit größten Kreuzfahrtschiffe – auf der anderen Seite versucht eine Flusshafenstadt mit aller Gewalt, und der sträflichen Missachtung jeglicher Naturgesetze, das Tiefwasser der Deutschen Bucht um über hundert Kilometer näher an seine Stadtgrenzen zu bringen, während in der Jademündung, mit dem hineinpressen der ausufernden Massen riesiger Schiffsleibe in ein viel zu enges Korsett, mit den Katastrophen Vabanque gespielt wird. Welch ein Wahnsinn offenbart sich da.

Meinem alten Freund Sepp hat sich angesichts dieser Gegebenheiten und Entwicklungen kein Begreifen erschlossen.

Seine Aufforderung an mich, da auf dem Voslapper Schuldeich, doch einfach mal die Verantwortlichen nach dem Grund ihrer schweigenden Akzeptanz zu fragen, hat sich in mir nahtlos an seinen ein halbes Jahrhundert zuvor getanen Erstaunensruf

„Watt ’n Meer …“ angefügt. © ee

 

ewaldeden2012

das Problem mit der Aussprache …

Ein Hin und Her zwischen Jannes und seiner Oma –

oder das Problem mit der Aussprache …

 

Gottseidank hat Jannes seine Oma noch. Die Oma die ist aus seiner Zehnjahressicht wohl schon ganz schön alt, aber sie ist noch so was von plietsch – und das besonders, wenn sie ihm wieder einmal gegen seinen altmodisch strengen Papa zur Seite steht, wenn der mal wieder sagt, dass früher, zu seiner Zeit, doch alles gaaanz anders gewesen sei. Denn guckt Jannes seine Oma nur immer mit einem Blick an, in dem ganz groß die Aufforderung zu lesen ist: Omaaaaaaa … nun sag Du doch mal was – DUUU als seine Mama, Duuuu bist doch schließlich dabeigewesen! Komischerweise kann seine Oma denn auch in ihrem eigenen Gesicht lesen – gerade so, als würde sie vor einem Spiegel stehen … und denn MUSS sie einfach die Sicht von Jannes Papa, die manchmal wirklich ein büschen verbogen ist, wieder ein wenig geraderücken.

Genauso deutlich wie Jannes Oma in solchen Momenten in ihrem Gesicht lesen kann, genauso so deutlich liest sie Jannes oft vor. Seine Oma Plüsch, die kann das Vorlesen aber auch … Sogar in Jannes Schule traut sie sich Geschichten vorzulesen – sie sagt, sie kommt sich dann immer so vor wie in den Jahren, in denen sie auf der großen Theaterbühne mucksmäuschenstill in der Muschel hockte und flüsternd den Schauspielern vor ihr auf der Bühne über ihre Hänger hinweghalf. Jannes seine Oma hatte nämlich ganz ganz viele Spielzeiten als Souffleuse am Schauspielhaus gearbeitet.

Jannes kann daher auch schon verdammt gut lesen. Sein Lehrer, der Herr Blindfisch – nun lacht nicht so, er heißt wirklich so – hatte das letzte Woche vor der ganzen Klasse gesagt. Oma Plüsch übt aber auch regelmäßig mit ihm. Die beiden machen denn ein richtiges Rollenspiel aus den Übungen.

Jannes Papa hat auf der großen Kopiermaschine in seinem Büro extra dafür ganz viele Geschichten vervielfältigt, so dass sie immer beide den gleichen Text vor sich haben, wenn Oma und Enkel in die Leseschlacht ziehen. Wie beim Fußballspielen – oder neeee … Oma Plüsch spielt ja kein Fußball – wie beim Schachspielen geht es dann meistens Unentschieden zwischen den beiden aus.

Nur manchmal macht Jannes sich einen Spaß und bringt Oma Plüsch beim vorlesen ins wackeln. Und zwar immer dann, wenn Oma beim vorlesen ihre Stirn kraust – dann weiß Jannes, dass gleich wieder etwas kommt, bei dem er eingreifen muß. Dann liest Oma Plüsch nämlich wieder „Neu Jork“ oder „Bubbelgum“ und wenn Jannes sie dann mit „aber Oma, das heißt doch „Nju York“ und „Babbelgam“ unterbricht, dann murmelt sie auch schon mal – für Jannes Ohren nicht bestimmt – was von „ach wat, dat olle Pitschginenglisch“ vor sich hin, um gleich darauf – wieder für seine Ohren bestimmt – korrekt weiter zu lesen. Jannes Freude darüber, seine Oma in Punkto Wörter lesen nun endlich schlau gemacht zu haben, sollte aber nicht von langer Dauer sein, denn jetzt geschah etwas, was Jannes sich die Haare raufen ließ –. Oma Plüsch las ihm aus ihrem Tageblatt aus dem Bericht über die Neueröffnung einer Wurstbraterei den folgenden Satz vor: In dem rollenden Imbiß am Kartoffelacker kann der hangreigi Kandi neben anderem auch leckere Hämbörger und knackige Fränkforter gegen den Hangir bekommen. Jannes konnte nicht an sich halten – Omaaaaaaaaaa, da steht doch der hungrige Kunde und Hamburger und Frankfurter und Hunger geschrieben.

Kannst Du denn immer noch nicht richtig lesen …©ee 

Wie war das noch …

Erzählen

daß man mit den Händen
die Gedanken greifen kann.

© ee

Wie war das noch …

 

 

zum Beispiel mit Franz Högemann und seinen vielen Geschäften?

Kürzlich brachte meine Schwester mir von einem Bummel durch die Innenstadt eine neue Hose mit – so eine für alle Tage, eine Jeans. Ich saß gerade hochkant am Schreibtisch und plagte mich mit dem Text für eine neue Geschichte ab, in der auch der Name Högemann vorkam. Er wurde so nebenbei erwähnt, und nur als einzelne Blume in einem großen Strauß anderer Namen.

Mich hatte der Name inwendig aber wohl so richtig zu fassen, denn sie hatte die Hose noch gar nicht ausgepackt, da fragte ich schon wider mein Wissen: Hast du die Hose bei Högemann gekauft? Denn ich wußte ja, bei Högemann sind 1985 die Lichter im letzten Geschäft für alle Zeiten erloschen.

Franz Högemann selber hat diesem Moment noch 16 Jahre hinterher trauern können, denn 2001 stand schon im Kalender, als er im biblischen Alter von 101 Jahren seiner Stadt, seinem Wilhelmshaven endgültig Adschüß gesagt hat.

Er war in Seele und Herz mit den Menschen – die zumeist ein ungewisses Schicksal hierher getrieben hatte – verwachsen. So ein bisschen schimmerte wohl sein Leben lang die Charakterfarbe seines Vaters bei ihm durch, der zu der Zeit in Heppens als ‚Ehrenamtlicher Bürgervorsteher’ fungierte.

Als Franz 1900 den ersten Schrei seines Lebens in die Wilhelmshavener Luft schickte, da hat sich vielleicht das ausklingende Jahrhundert ein wenig ob der Lautstärke erschrocken, es konnte von des Kaisers Untertanen noch niemand ahnen, dass dieser Schreihals 27 Jahre später an der Ecke Göker- Bismarckstrasse im Hause seiner Eltern ein Licht anzünden würde, das als eine helle Leuchte 68 Jahre die Menschen hier an der Küste durch die Zeit begleiten sollte. Auch der größte Schicksalssturm hat es in den fast sieben Jahrzehnten nicht geschafft, das Licht auszublasen. Die Högemanns lebten den festen Glauben, Gott hielte seine schützenden Hände um die Flamme ihres Lichts. Wilhelmshaven hatte nun sein Modezentrum bekommen.

Ganz gleich von welcher Seite die Menschen das Wilhelmshavener Herz auch an steuerten – dem Bekleidungs-geschäft Högemann konnte niemand aus dem Wege gehen.

 

 

„Högemann zieht alle an“ war plötzlich als Werbespruch überall in der Region zu lesen.Die Einwohner der Stadt, unddie Bevölkerung von weitum zu wurden von Franz Högemanns Modehaus magisch angezogen und waren, wenn sie das Haus wieder verließen, von bestens ausgebildeten Verkäuferinnen und Verkäufern modisch angezogen. Als Modistin oder Schneider bei Högemann in Wilhelmshaven angestellt zu sein, das war fast gleichzusetzen mit einer Anstellung als Kammerzofe oder Hofschneider in einem Adelshaus. Franz Högemann legte nämlich nicht nur bei sich, sondern auch bei seinen Bediensteten allergrößten Wert auf Gediegenheit und fundierten Sachverstand.

Das hatte sein Lehrmeister Leffers mit Sicherheit schon erkannt, als er Franz bat, nach Abschluß seiner Ausbildung in seinem Geschäft zu bleiben. Der alte Baas aus der Textilwelt hatte wohl gespürt, dass, wenn er diesen jungen Kerl von der Leine ließe, ihm eine große Konkurrenz in der Stadt erwachsen würde. Wie richtig er mit seinem in wendigen Fühlen lag konnte bald jeder sehen. Sogar in der Residenz – in Oldenburg – fasste Franz Högemann mit einem eigenen Modehaus Fuß. Im Denken einiger Leute von damals grenzte ein solches Tun schon fast an ‚Majestätsbeleidigung’.

Das hat er zu spüren bekommen, trotzdem oder vielleicht gerade, weil sogar der Kapellmeister in de Hardes Strandhalle am Südstrand das laufende Musikstück unterbrach, wenn er Franz Högemann bemerkte, und stattdessen den Högemann Walzer spielen ließ – zu dem die anwesenden Gäste dann kräftig mitsangen: „Högemann geht mit der Zeit – das weiß doch Jeder weit und breit.“

Franz Högemann umwehte zeitlebens ein wenig der Duft der großen weiten Welt womit ein großer Tabakwarenkonzern später einmal die ‚Peter Stuyvesant’ bewarb.Der gleiche große Konzern hat übrigens Jahre später unbedenklich – und kostenlos natürlich – Franz Högemanns „Let’s go to Högemann“ der frühen Jahre als „Let`s go West“ in sein Programm übernommen.

Auf jeden Fall spielte es keine Rolle, was in dem jeweiligen Saal oder Etablissement gerade abging – wenn Franz Högemann das Parkett betrat, dann hatten die Menschen das Gefühl, der König ist da – oder das Licht scheint plötzlich heller.

Franz Högemann war ein Aristokrat vom Scheitel bis zur Sohle. Wenn ich so an der Vergangenheit vorbeischaue – soweit ich Franz Högemann kennen gelernt habe – sehe ich eine farbige Mischung aus Genialität, in dem was die Menschen wollten, und Aufrichtigkeit und Mitfühlen wenn es einem anderen schlecht und bedauernswert ging.

 

Der Schalk saß ihm zudem ständig im Nacken und hat unablässig dafür gesorgt, dass sich niemand die Seele verbiegen mußte, um zu ihm aufzuschauen. Obwohl er ja ein stattlicher Kerl war. So etwas kann auf diese Art keinem beigebracht werden – Mensch ist so, oder er ist es nicht. Franz Högemann war so.

Die globalen Völkerstreitigkeiten bis Mitte der vierziger Jahre hatten zur Folge, dass Franz Högemanns Werk zu Beginn der Nachkriegszeit in Trümmern lag. Wer nun denkt, Franz Högemann lag genauso in Stücke zerschlagen am Grunde seiner Stadt, der denkt die falsche Seite entlang.

1940 hatte Franz nämlich das persönliche Glück, seine Rosel kennenzulernen, die ihm noch im selben Jahr das Jawort gab, und ihm bis zu seinem Tode in hohem Alter stets eine feste Stütze war.

Seine Rosel hat das Ruder von Högemanns Schiff immer fest in ihren Händen gehalten, auch wenn der Sturm des Alltags wieder mal sämtliche Segel fortgerissen hatte. Dabei hat sie ihm noch 5 Kinder geschenkt, die ihren Eltern das Durchkommen durch die Zeit gewiß nicht erleichtert haben – trotz aller Dankbarkeit für diese Gottesgeschenke.

Weil Franz oft die Notwendigkeit erkannte, einem Menschen zu helfen, wechselte so manche Hose oder Jacke den Besitzer, ohne dass das dafür eigentlich notwendige Geld in die Ladenkasse floss,

In geschäftlich kritischen Zeiten konnte Franz immer wieder zu Hause bei seiner Rosel Kraft für den nächsten Tag schöpfen. Die beiden haben nach dem Desaster der Zerstörung im 2ten Weltkrieg wieder gemeinsam die Ärmel hochgekrempelt, in die Hände gespuckt und auf einem Trümmergrundstück in der Marktstrasse ein neues Modehaus errichtet.

‚Michael & Hannelore’ stand nach dem Weggang Högemanns aus der Marktstrasse noch eine geraume Weile dort an der Fassade zu lesen. Zu dem Ereignis hätte Welt auch laut singen können: „Aus Ruinen neu erstanden“. Das hat hier wahrscheinlich damals niemand getan, obwohl die Menschen froh waren, wieder ein ‚Högemann’ zu haben, in dem sie kaufen konnten und nicht nur das Schild mit dem Namen drauf, an der Stelle, an der das alte Högemann gestanden hatte.

„Feldgrau ist passé – Khaki kommt, juchhee …“ Gesagt hat es damals wohl niemand hier und um zu, aber gleichwohl war es so.Und Franz Högemann wußte es – er hatte die Nase dafür. Er hat damals schon gewusst, dass die Baumwollpflückerhosen aus Louisana in kurzer Zeit überall in der Welt als Allroundhosen getragen würden.

 

 

Wenn nun jemand fragt: „Allroundhosen – was ist das denn?“ der mag nur an sich herunterschauen. Wenn seine Beinkleider denn Jeans heißen, dann weiß er auch, was Allroundhosen sind. Die konnte man in Wilhelmshaven als Original Lewis und Wrangler tatsächlich zuerst bei Högemann kriegen – und das auch noch zu einem ausgesprochen zivilen Preis. Original und in bester Ausführung bekam jeder über das ganze Jahrhundert hinweg noch etwas anderes bei Högemann – kostenlos und ‚aufzu’: Menschlichkeit, Mitfühlen und Sorgenverstehen. Eine Begebenheit dieser Art muß ich hier einfach noch einmal aus der Schublade des Vergessens ans Licht holen.

Zwei kleine Menschenkinder – ein Mädchen von etwa zehn Lenzen und ihr jüngerer Bruder standen in einer Zeit, in der große Teile der Wilhelmshavener Einwohner wieder einmal sehr unter Wirtschaftsasthma litten – schüchtern in Högemanns Laden, direkt neben der großen gläsernen Eingangstür. Sie trauten sich, scheinbar aus Angst auch hier abgewiesen, zu werden, keinen Schritt weiter in den Laden hinein.

Trotz der vielen Kunden waren sie Franz Högemann aufgefallen. Er bat sie mit liebevollen Worten zu sich an den Tresen und versuchte zu ergründen, welche Last den Beiden das Herz schwer machte. Es dauerte eine Weile bis das Mädchen bereit war, dem geduldig wartenden Menschen vor ihnen davon zu erzählen. „Unser Papa hat Geburtstag … und wir möchten ihm gerne einen Schlips schenken, weil … der alte ist überhaupt nicht mehr schön … und Mama gesagt hat, dass für einen neuen Binder noch kein Geld über ist …“

Die beiden hielten jeder eine Hand ganz fest zu einer Faust geschlossen. „Wir waren schon da und da und da …“ – dabei zählte sie eine Reihe von Geschäften in der Nachbarschaft auf „aber die waren alle zu teuer für uns … wir konnten doch nur zwei Mark sparen.“

Als sie das sagte, öffneten sich die beiden Fäuste, in denen jeweils ein blankes Markstück lag. Und wie die Geldstücke im Licht, so blenkerten auch ein paar Tränen in den vier Kinderaugen.

Franz Högemann langte hinter sich zur besten Krawattenreihe und forderte die beiden auf, für ihren Papa den schönsten Schlips herauszusuchen den sie finden konnten. Ein feines Seidentuch für die Mama legte er noch obenauf, bevor er eigenhändig die Sachen in Geschenkpapier einschlug. Abschließend strich er den Kindern zärtlich übers Haar, und forderte sie auf, die zwei Mark zuhause wieder in ihre Spardose zu stecken, damit sie da richtig groß würden.

Franz Högemann selber hat nie davon erzählt – für ihn war sein Verhalten ganz normal. Aber ich denke, wenn er in den letzten Jahren seines langen Erdenweges des Abends in der Lilienburgstrasse neben seiner Rosel auf dem Sofa saß, und mit der Hand sanft über ihre kleinen Füße strich die auf seinem Schoß lagen, dann schaute er sicher häufig längs der Tiefen und Höhen von einhundert Jahre Högemann. Zufrieden damit, dass er es so und nicht anders gemacht hatte – auch, oder gerade dann, wenn mal wieder Irgendjemand ein großes Loch in die Planken seines Lebensschiffes gerissen hatte.© ee

 

Geschrieben von Ewald Eden

nach Harro Högemann Erinnerungen und Bildern. Dankeschön .

Heyersand

Heyersand

 

 Der Fahrer des kleinen, klatschgelben Transporters schickt einen verknit-terten Blick zur Uhr auf dem Armaturenbrett. Es ist viertel vor fünf. Am Himmel sieht es so aus, als ob der Wind die Dunkelheit vor sich her treibt. Die Welt ist noch halb Nacht, und schon halb Tag.

Es ist für Jürgen Köhnen wieder einmal ein richtiger Scheißsonntagmorgen

Normale Bürger räkeln sich um diese Zeit noch in ihren Betten, und genießen den Feiertagsschlaf.

Der Techniker Köhnen dagegen ist schon seit einer halben Stunde unterwegs. Es ist bereits sein siebter Wochenendbereitschaftsdienst in Folge. Heute treibt ihn nach längerer Zeit mal wieder der Notruf eines großen Hotels rüber nach Heyersand.

Seit die Kollegen wissen, daß er zu Hause nichts mehr zum kuscheln im Bett hat, versuchen sie ständig, ihm die allgemein ungeliebten Sonntagsdienste als Braut anzudrehen. Meistens haben sie dann auch noch Erfolg damit.

Ihm scheint es fast so, als wenn die ganze Bagage in seiner Firma befürchtet, er würde als Solist keinen Ton mehr aus seiner Lebensfidel herausbekommen, und sich darum verpflichtet fühlt, ihn ständig unter fremde Leute schicken zu müssen.

Dabei spielt man doch oft viel ungezwungener auf einem Instrument wenn man alleine ist. Selbst wenn die Töne mal schief klingen sollten, selbst dann zieht niemand eine Schnute.

Versteh noch einer die Welt – ihm fällt das manchmal richtig schwer.

 

  Während unter den Rädern seines Wagens der breite Asphaltstreifen wie ein endloses Band dahinfliegt, fliegen durch sein Empfinden die krausesten Gedanken. Das schwarze, in der Mitte durch einen dicken weißen Strich geteilte Band scheint nicht enden zu wollen. Die Wegebauer haben es schnurgerade in die Landschaft gelegt. Es reicht bis weit in den Horizont hinein.

Das einzig schräge an dem Bild vor ihm sind die alten Straßenbäume. Windschief und knorrig stehen sie zu beiden Seiten der Chaussee. Es sieht aus, als wären sie an einer Schnur aufgereiht.

Er sehnt sich ein wenig in die Zeit seiner Jugend zurück, in die Zeit der ersten Fahrradtouren. Die hat er mit seinen Freunden auch hier in diesem Landstrich abgeritten. Nur sah die Gegend damals noch etwas anders aus.

Etwas …… er lacht leise in sich hinein. Das Heute ist mit dem Damals überhaupt nicht zu vergleichen. Wenn er nur an die gewölbten Klinkerstrassen mit ihrer geschwungenen Linienführung denkt. Als junge Burschen meinten sie oftmals, weibliche Formen darin zu erkennen. Sie wetteiferten dann mit-einander, wer von ihnen diese Formen am treffendsten zu beschreiben vermochte.

Gott, was waren wir doch noch naiv, denkt er.

Die Strassen waren ihm immer mit das Schönste an der Landschaft gewesen. Sie waren Natur in der Natur.

Wie frei hatte er sich jedesmal gefühlt, wenn ihr Pfadfinderfähnlein die düstere Steinwüste der Alltage hinter sich gelassen hatte, wenn sie der drückenden Müffigkeit des Wohnviertels am Rande der Großstadt entflohen waren.

Es ging ihnen wohl allen so. Sie konnten gar nicht kräftig genug in die Pedale treten.

Wenn sie sich nach der anstrengenden Strampelei mit müden Beinen der Küste näherten, schauten sie alle paar Minuten sehnsüchtig nach der schwarzen Rauchfahne des Schiffes aus.

Sie konnten es gar nicht erwarten, endlich an Bord des pummeligen kleinen Dampfers gehen zu können, um damit nach Heyersand rüberzuschippern. Mit den Männern an Bord waren sie von der ersten Fahrt an vertraut gewesen. Obwohl es eigentlich eher wortkarge Typen waren, die da ihren Dienst ver-sahen – zupackend, knustig und verschlossen.

Wenn der junge Kerl im Kohlenbunker – ‚Hein duk di’ nannten damals alle den langaufgeschossenen Hein Briester – einmal besonders gut drauf war, sahen sie am Ende der Überfahrt auch schon mal aus wie frischgebackene Schornsteinfegerlehrlinge.

 

Das kleine Inselwäldchen, inmitten des Eilandes, hatte es ihnen in den Jahren besonders angetan. In den alten Wehrmachtszelten fühlten sie sich wie die Indianer und Trapper in den Wildwest – Groschenromanen, die sie allesamt mit Begeisterung in sich hineinfraßen.

Mit Wehmut denkt er an die Abende in den Dünen zurück. An die Augenblicke, wenn sie die ersten Hürden der Schüchternheit gegenüber dem schwachen Geschlecht überwunden hatten.

Oh Gott, was war das für ein Gefühl gewesen, zum ersten Mal ‚das Andere’ berühren zu dürfen. Die aufgesetzte jungmännerhaftige Welterfahrenheit, die die meisten von ihnen zur Schau trugen, wenn es ums scharwenzeln vor den Mädchen ging – die hatte dann plötzlich vor dem süßen Geheimnis Reißaus genommen. Sie hatte klopfenden Herzen und roten Ohren Platz gemacht.

Irgendwann war in ihren Sommern auf Heyersand jeder von ihnen zum ‚Mann’ geworden. Auch wenn selten jemand aus der Clique darüber redete, nachdem ‚Es’ geschehen war – sie hatten es gegenseitig in ihren Gesichtern erkennen können.

„Ach ja, schöne Zeit – würdest du doch noch einmal wiederkommen ….“ Es ist ihm gar nicht bewußt geworden, daß er laut gedacht hat.

 

Er kann seine Gedanken nicht von den Bildern lösen. Was wohl aus ihnen allen, die dabei gewesen sind, geworden sein mag? Nach dem Abitur hatten die Klassenkameraden sich im Aufbaurausch der jungen Bundesrepublik komplett aus den Augen verloren.

Wie mag es der blonden Anita, seiner ersten stürmischen Liebe, ergangen sein? Ob sie das gefunden hat, wonach sie sich damals immer sehnte? Eine große Familie mit ganz vielen Kindern war ihr Traumbild gewesen. Als einziges Kind schon ziemlich alter Eltern sehnte sie sich nach einem richtigen ‚Trubelhaufen’ eigener Sprößlinge. Wenn sie unter vielen Geschwistern aufgewachsen wäre, hätte sie vielleicht anders gedacht.

Sie hatte sich so sehr gewünscht, von ihm einen dicken Bauch zu bekommen, daß ihm manchmal schon angst und bange war. Das mit dem ‚dicken Bauch’ ist aber nicht geschehen – obwohl sie beide sich immer wieder heftig gemüht hatten.

Vielleicht war es auch gut so, denn nicht nur bei ihm zu Hause wäre dann garantiert der Teufel los gewesen. Seine Großmutter, die ihm sonst vieles nachsah, stieg ihm nämlich schon bei dem harmlosesten Techtelmechtel aufs Dach. Wenn sie denn davon Wind bekam. Seltsamerweise war das aber regelmäßig der Fall. Sie hatte wohl einen besonderen Sinn dafür entwickelt.

Während des letzten Ferienlagers vor der Reifeprüfung fand er Anita dann nicht mehr auf der Insel.

Sie hatte auf dem Eiland auch keine Zeichen für ihn hinterlassen, denen er hätte folgen können. Es war, als ob der Wind sie in unbekannte Fernen fort-getragen hatte. Wer weiß, wozu es gut gewesen war.

In seinem Herzen entdeckt er allerdings heute noch oft ihre Fußspuren. Ein Stückchen von ihm hatte sie mitgenommen, und dafür von sich etwas in seiner Seele zurückgelassen. Er brauchte damals eine lange Zeit, um zu begreifen, daß sie endgültig weg war.© ee

 

Heyersand II

Oder was mag aus Robby geworden sein?

Robby und er waren in der Jugend die besten Freunde gewesen. Es gab zwischen ihnen keine Geheimnisse. So hatte er es damals zumindest empfunden …

Bis Robby dann, ein paar Wochen nach der Rückkehr aus dem dritten Ferienlager, auf einmal nicht mehr in ihrem Kreise auftauchte. Auch auf der Penne sahen sie ihn nicht wieder. Der Beste in der Klasse – der Primus – hatte kurz vor dem Abitur die Schule geschmissen, ohne vorher auch nur die geringste Bemerkung darüber fallen zu lassen.

Es kursierte nicht einmal das kleinste Gerücht im Schulalltag, warum er das gemacht haben könne. Selbst die Pauker schienen über die Gründe nichts zu wissen. So taten sie jedenfalls.

Von seiner alten Tante, bei der Robby seit dem Unfalltod seiner Eltern gelebt hatte, konnten sie auch nichts in Erfahrung bringen. Sie zuckte nur immer hilflos mit den Schultern, wenn sie nach ihrem Neffen gefragt wurde.

Er war einfach sang- und klanglos von der Bildfläche verschwunden.

Das war der Zeitpunkt, an dem Jürgen Köhnen bewußt wurde, daß auch ‚unverbrüchliche’ Jungenfreundschaften nicht ewig währen.

 

Im folgenden Jahr erfuhren sie dann alle, warum Robby im letzten Jahr so plötzlich aus ihrem Blickfeld verschwunden war.

Er war nach ihrem Eintreffen in Hamburg sofort wieder auf die Insel zurückgekehrt, und hatte dort die restlichen Sommermonate auf dem Zeltplatz gearbeitet. Die Liebe zu seiner Freundin Körty war die Triebfeder seines Handelns gewesen. Für die beiden war nämlich das ‚Mann’ und ‚Frau’ werden nicht ohne Folgen geblieben. Ein Kind wuchs in Körtys Bauch heran, sie war schwanger geworden.

Irgendwann, im Spätherbst, hatten die beiden dann der Insel den Rücken gekehrt. Einige Inselbewohner, die sie nach dem Verbleib der beiden fragten, sagten ihnen, Italien wäre ihr Ziel gewesen – andere sprachen von Griechenland, und wieder andere brachten sogar das ferne Polynesien ins Spiel. Von wegen Körtys Buntklörigkeit.

Richtig lagen sie mit ihren Vermutungen alle nicht, denn Jahre später flatterte Jürgen ein Brief ins Haus, dessen Inhalt ihm die wahre Geschichte erzählte.

Robby hatte die Zeilen während eines kurzen Aufenthaltes an der schwedisch-finnischen Grenze geschrieben.

 Allerdings war die Postsendung mit einer unvollständigen Adresse versehen.

Diese Nachlässigkeit Robbys hatte den Brief eine lange Reise machen lassen.

Nach vielen Kreuz- und Querwegen war der Umschlag aber doch noch beim Adressaten gelandet. Die Post hatte nicht aufgegeben nach dem Empfänger des Briefes zu suchen, obwohl er nach dem Abitur, bedingt durch seine Ausbildung, häufig den Wohnort gewechselt hatte.

Die Freimarke trug den Poststempel von ‚Haparanda’. Robby schrieb in dem Brief, er befände sich mit seiner Körty auf dem Weg zu den finnischen Seen. Per Anhalter seien sie schon bis an die Nordspitze des bottnischen Meerbusens gelangt, und warteten jetzt an der schwedisch/finnischen Grenze auf eine Gelegenheit zur Weiterfahrt ins Landesinnere.

Körtys Großeltern mütterlicherseits betrieben dort an einem der zahlreichen Seen eine kleine Landwirtschaft und eine einträgliche Fischerei.

Körtys Mutter stammte nämlich aus Finnland. Während eines Besuches bei holländischen Verwandten hatte sie sich in den Sohn eines batavischen Gewürzhändlers verliebt – eben in Körtys Vater.

 

Auf die Welt gekommen war Körty in Paterswolde, einem kleinen Ort in der Nähe von Groningen, von wo aus ihr Vater seines Vaters Geschäfte im niederländischen Mutterland führte. Er war ein richtiger ‚Pfeffersack’, der zufällig auch noch mit Pfeffer handelte – wie Körty manchmal scherzhaft sagte, wenn sie jemand neugierig nach ihrer Familie fragte.

So eine außergewöhnliche Deern hier, im ostfriesischen Plattland, anzutreffen forderte die Neugier aber auch förmlich heraus. Ihre Haut sah nämlich aus wie Milchkaffee, während ihre Augen so tiefblau leuchteten, wie das Wasser in den finnischen Seen. Eingerahmt wurde dieses Bild von einer Haarpracht, die so kupfern glänzte wie der rotgoldene Schein der Mitternachtssonne über dem Polarmeer.

Nach ihrer Schulzeit im Land der ‚Kloteklapper’ sollte sie auf Heyersand von der Pike auf das Hotelfach erlernen, um später einmal von einem Onkel in Djakarta die Leitung seines gastronomischen Betriebes zu übernehmen.

Dass dieser Beruf ihr nicht gefiel, das konnte sie nicht sagen – aber in ihren Zukunftsträumen befand sie sich stets bei den Großeltern mütterlicherseits, auf dem einsamen Hof inmitten der finnischen Wälder und Seen. Sie hatte auch noch nirgendwo anders ihre Ferien verbracht.

Und so hatten die beiden sich auf den Weg in den hohen Norden gemacht – zumal es Körtys größter Wunsch war, ihr Kind in der Heimat ihrer Mutter zur Welt zu bringen, wie Robby schrieb.

Die Hinterlassenschaft seiner Eltern, Robbys Erbe, über das er mit 18 Jahren verfügen konnte, gab damals wohl den letzten Anstoß für die Reise in die Region der Mitternachtssonne. Im August feierte er nämlich, noch auf der Insel, seinen achtzehnten Geburtstag. Er war dadurch zwar nicht plötzlich reich im landläufigen Sinne, aber Sorgen um die Zukunft brauchte er sich vorläufig auch nicht zu machen. Die Bankkonten, die ihm von da an zugänglich waren, die durfte man getrost als gut gepolstert bezeichnen. Sein Vater war nämlich nach dem Kriege einer der größten Schwarzhändler Norddeutschlands gewesen.

Seine Beziehungen zu den amerikanischen Besatzern hatten ihm sogar den Gebrauch eines eigenen Flugzeugs ermöglicht.

Diese für Deutsche damals ‚grenzenlose Freiheit’ hatte ihm und seiner Frau bei einem Absturz über dem Knechtsand in der Elbmündung dann den Tod gebracht.

 

Es war die einzige Nachricht von Robby geblieben. Danach hatte Jürgen von seinem Freund kein Lebenszeichen mehr erhalten. Obwohl er schrieb, sich wieder zu melden, und Jürgen in dem Brief aufforderte sie doch einmal mit Anita in Finnland zu besuchen.

Er hatte in den folgenden Jahren häufig mit dem Gedanken an eine Reise in den hohen Norden geliebäugelt – doch wie sollte man in den unendlichen Weiten da oben jemanden finden, von dem man nicht einmal um den ungefähren Aufenthaltsort wußte.

 

Er holt seine Gedanken aus dem Land der Elfen und Trolle zurück, und versucht vergeblich wieder in der Gegenwart zu denken.

 

Das Eiland Heyersand war damals noch richtig Eiland. Mit viel verschlafener Idylle zwischen den Fischerhäusern, und auch noch reichlich Zeit für die Menschen, um einen ausgiebigen Klönschnack miteinander zu halten.

Bunte Farbkleckse in den sandfarbenen Alltag setzten meist nur die vielen jungen Mädchen vom Festland, die als Kindertanten in den Erholungsheimen, oder als Hausmädchen in den wenigen großen Hotels und vielen kleinen Pensionen ihr Brot verdienten.

Es war ihnen als ‚junge Kerls’ immer wieder eine Freude gewesen, die schwingenden Röcke durch die Inselluft schweben zu sehen.

Er kann sich nicht erinnern damals Mädchen in lange Hosen gekleidet gesehen zu haben.

Heute wirken die Strassen des Städtchens auf dem großen Sandhügel im Wattenmeer auf ihn eher wie eine Kleinausgabe der Königsallee, oder der Hamburger Mönckebergstrasse. Die meisten Hotels mit ihrer klotzigen, eintönigen Form könnten ebenso gut in jeder anderen Ecke des Erdballes stehen

Es hat sich alles schon sehr verändert. Die heutigen Besucher entdecken so spontan nicht mehr allzu viel Schnuckeliges auf dem Eiland.

Sie müssen schon ein wenig nach den verborgenen Schönheiten und den Resten von Gestern suchen. Na ja, die Urlauber von Heute haben ja auch meist anderes im Sinn, als die Badegäste von damals.

 

Wenn er sich in der letzten Zeit der Küste nähert, ertappt er sich manchmal dabei, dass er von Weitem schon sehnsüchtig zum Horizont schaut, ob nicht die schwarze Rauchfahne des Dampfers zu sehen ist. In diesen Momenten denkt er dann bei sich: ‚Jetzt geht es aber los mit dir.’

 

Das gleiche denkt er heute Morgen auch, denn sein Kopf fühlt sich so ein bißchen wie knotige Watte an, als wenn er sich dem Wolkenbild am Himmel angepasst hat. Die eiskalte Dusche nach dem Aufstehen hat da auch nicht viel geholfen.

Er läßt die Scheibe in der Fahrertür nach unten surren, um den kalten Fahrtwind im Gesicht zu spüren. „Verdammter Schiet“ entfährt es ihm unwillig, als das Glas in der Versenkung, und die Hitze aus seinem Gesicht verschwindet.

Er möchte sich für die nächsten Stunden am liebsten auch so unsichtbar machen können wie die Türscheibe, um sich von den Anstrengungen der letzten Nacht zu erholen. Er ist ja schließlich kein junger Hüpfer mehr, der, ohne irgendwann schlapp zu machen, nächtelang durch die Betten springen kann.

Das unsichtbar machen, das kann er sich aber für Heute abschminken. Auf Heyersand wartet eine ganze Küchenbrigade schon sehnlich auf ihn.

 

Warum mußte er auch gestern Abend noch in Schröders ‚Gute Stube’ reinschauen, anstatt sich, nach dem kleinen Imbiß in der türkischen Döner-bude, gleich aufs Ohr zu hauen.

Er wußte doch schon vorher, wie es enden würde, wenn er in Patrizias Nähe kam – genauso, wie es immer ausging. Sie fielen übereinander her wie zwei ausgehungerte Tiere über eine fette Beute. Es aber auch jedesmal höllisch himmlisch, einen Vulkan wie Trizi zum kochen zu bringen, um dann auf der glühenden Lava zu tanzen.

 

Stets war er dann der letzte Gast am Tresen, bevor er sich mit der Wirtin für den Rest der Nacht in ein reserviertes Pensionszimmer im Erdgeschoß des Hauses zurückzog.

Ihre privaten Räume auf der zweiten Etage des alten Landgasthofes waren für ihre jeweiligen Tröster schon seit längerem tabu.

Ihr Mann Gerriet hat sie da einmal richtig in die Bredouille gebracht, als er eines Abends überraschend nach Hause gekommen war.

Die Englandfähre, auf der er als Zahlmeister seinen Dienst versah, hatte am Abend wegen eines Ruderschadens das holländische Eemshaven anlaufen müssen. Deshalb entschloss er sich kurzerhand, die Nacht der Zwangspause nicht langweilig einsam in seiner Koje an Bord, sondern lieber kurzweilig zweisam im heimischen Ehebett zu verbringen. Er war mit einem kleinen Flieger schnell über den Dollart hinweg nach Hause gehüpft.

Patrizia hatte es schon als ein wenig unverschämt von ihm empfunden, so unversehens und ohne sich vorher anzumelden bei ihr aufzutauchen. Wäre ihrem Angetrauten das zur Gewohnheit geworden – an die Folgen hatte sie damals gar nicht denken mögen. Sie hätte sich dann ja reinweg überhaupt kein kleines Nebenbeivergnügen mehr gönnen können.

Wenn ihr damaliges ‚Verhältnis’ nicht so sportlich gewesen wäre – ihr läuft noch stets ein kalter Schauer den Rücken runter, wenn sie bloß mit einer Silbe daran denkt. © ee

 

Heyersand III

 

Nachträglich empfand sie es als Fügung, dass sie sich erfolgreich widersetzt hatte, als ihr Vater, vor der Erneuerung des Reetdaches vor einigen Jahren, den uralten Weinstock am Giebel des Gebäudes kappen lassen wollte.

Ihr Liebhaber hatte, bei seinem eiligen Rückzug aus der Gefechtszone, zwar ein paar Blessuren an seinem besten Stück davongetragen, als er sich völlig bloß im Geäst der Binger Tafeltraube nach unten hangelte. Das war für sie aber nicht das Problem gewesen, denn wer liebt, der muß auch manchmal leiden. So ist es nun einmal seit ewigen Zeiten.

Sie selbst hatte genug damit zu tun gehabt, die verräterischen Kleidungsstücke auf die Schnelle verschwinden zu lassen.

Danach mußte sie ihren Mann allerdings im Glauben halten, daß sie Pfeife raucht. Den Tabaksbeutel und die Pfeife ihres ‚Gastes’ hatte sie nämlich in der Eile übersehen. Bevor ihr Göttergatte zu diesen Utensilien in ihrem Wohnzimmer aber eine Frage stellen konnte, hatte sie sich spontan die ‚Piep’ gestopft, und den Krüllschnitt in Brand gesetzt.

Es war nur gut gewesen, daß ihr Mann vordergründig etwas anderes Sinn hatte, als sie wegen ihrer neuen ‚Marotte’ Pfeiferauchen zu tadeln. Im Gegenteil – es törnte ihn wohl noch zusätzlich an, so ein ‚verruchtes Weibchen’ zu besitzen, denn so feurig, wie er in dieser Nacht war, so kannte sie ihn gar nicht.

Sein sonst ziemlich schnell schlappmachender Vize erwies sich plötzlich als äußerst ‚standfester Kamerad’, der nach jedem ‚Schuß’ ins Schwarze gleich wieder zu einer neuen Attacke startete.

So prall wie in dieser Nacht war ihr ‚Schmuckkästchen’ zuvor noch nie von ihm gefüllt worden. Leider wiederholte sich dieses Erleben nicht. Die alte Kurzlebigkeit hatte fortan wieder von Gerriets Liebemachen Besitz ergriffen, und ihn bis zu seinem Unfalltod im Hafen von Liverpool begleitet.

Patrizia hatte aber etwas dazugelernt. Seitdem hielt sie nämlich für die Stunden ihrer außerehelichen Lustbarkeit stets ein Gästezimmer im Parterre parat. Außerdem ist durch das Dahinscheiden ihres Vaters das Leben jetzt sehr viel einfacher zu handhaben. Es ist seitdem niemand mehr im Hause und um sie herum, der ihr Tun argwöhnisch beobachtet und ihr dann vielleicht auch noch dusselige Fragen stellt.

 

Jürgen ist sich durchaus der Tatsache bewusst, daß er Freude darüber empfindet, seit einigen Monaten Patrizias Favorit zu sein. Ein solch handfestes Glück hatte er sich in seinem Alter nun wirklich nicht mehr erhofft.

‚Mann’ wird ja naturgemäß irgendwann bescheidener in seinen Fähigkeiten – nur, an diesem Morgen wird sein Kopf durch diese Erkenntnis auch nicht klarer.

 

Er gibt ein wenig zuviel Gas. Der Motor jault gequält auf, weil er die Gänge einen Tick zu spät hochkickt.

Irgendwie kann er mit seinem Fahrzeug heute Morgen nicht so recht klarkommen. Als wenn die Blechkiste seine Gefühle nicht verstehen will. Oder missgönnt dieses seelenlose Ding ihm etwa seinen Spaß? Das kann doch nicht sein, denn wenn es so sein sollte, wird er es der rollenden Werkzeugkiste nie verzeihen.

Er wird dann das Auto irgendwann in der Nordsee versenken, statt es ‚pietätvoll’ zu verschrotten.

„Was spukt dir heute Morgen bloß für ein Blödsinn im Kopf herum“, grummelt er lächelnd vor sich hin, während er langsam wieder den Druck aufs Gaspedal verstärkt.

Die Nadel des Tachometers pendelt sich zitternd auf 120 ein.

Tempo 80 ist zwar nur erlaubt auf dieser Strecke, aber in 25 Minuten legt die Fähre nach Heyersand ab. Das Schiff darf er auf keinen Fall verpassen, denn dann ist drüben auf der Insel ‚Holland’ in Not.

Den hinterhältigen Blitzkasten, der vor einigen Wochen von Mitarbeitern der Kreisverwaltung hinter Meyers Feldscheune aufgestellt worden war, den braucht er heute Morgen nicht zu beachten. Der war in der vorletzten Nacht von irgendwelchen wütenden Nachtgeistern geteert und gefedert worden, wie Patrizia ihm beim Abschied noch zugeflüstert hatte.

Es gibt hin und wieder doch noch hilfreiche Mitmenschen in der verödeten Gesellschaft.

 

Eine letzte Kurve über den Deich, und dann mit Effee die lange Gerade zum Hafenplatz runter – er hat es mal wieder geschafft.

Das Profil der Reifen ratscht unangenehm knirschend über den rauhen Beton, bevor der Wagen vor der Gepäckhalle auf dem Bahnsteig zum Stillstand kommt.

 

Er muß seine Gerätschaften noch als Schiffsfracht aufgeben – und den Wagen muß er auch noch zum Parkplatz fahren. Nicht einmal zehn Minuten bleiben ihm bis zur Abfahrt der Fähre. Das wird verdammt knapp werden, aber für ihn ist die stete Hetzerei ja nichts Neues.

Er nimmt sich deshalb ganz fest vor, das nächste Mal früher in die Hufe zu kommen – ehrlich.

Das hat er sich bisher allerdings jedesmal vorgenommen, und jedes Mal vor dem Aufstehen wollte Patrizia dann noch einmal …. weil es doch so schön war … und weil es bis zum nächsten Mal doch sicher wieder dauern würde…

Indem sie dann stets geschickt seine Hände an die ‚richtigen’ Stellen führt, verklickert sie ihm auf sanfte Weise die ‚Dringlichkeit’ ihres Bedürfnisses, und er kann nicht einmal dagegen argumentieren, weil sie seine wachsende Antwort schon fest in ihrer Hand hält.

Verdammt noch mal – welcher Kerl kann sich auch solch verlockenden Argumenten widersetzen.

Sie sind einfach zu schön, die Momente, in denen ‚man(n)’ nur noch aus Gefühlen zu bestehen scheint, und der Verstand die Segel streicht.

 

Jürgen hat gerade die Heckklappe seines Kombis nach oben schwingen lassen, als aus dem Dunkel der Gepäckhalle auch schon ein grauer Vollbart auftaucht.

Das kantige Gesicht über dem ‚Sauerkrautgestrüpp’ gehört zu Tjark Blohm. Der schiebt seinen massigen Körper auf typischen Seemannsbeinen in die noch reichlich kühle Morgenluft. Tjark Blohm führt seit Jahren mit fester Hand und viel Sachverstand den Vorposten, wie er den Festlandsstützpunkt der Reederei nennt.

„Moin Herr Köhnen“ klingt es aus dem Vollbart bassig zu ihm herüber. „Wo brennt’s denn heute?“ Tjark Blohm weiß nämlich, daß jedes Mal wenn der gelbe Ratterkasten angesaust kommt, mit Sicherheit auf Heyersand drüben wieder irgendein technisches Dingsbums in irgendeiner hochgerüsteten Küche verrückt spielt. Und dann sagt er zur Begrüßung auch schon mal ‚Herr Köhnen’.

 

Jürgen Köhnen und seine Monteurskollegen sind für die Kochtopfjongleure auf den Inseln in etwa so wichtig, wie die Schmiermaxen für die Ketten der Schaufelbagger weit draußen in der Fahrrinne vor der Insel.

So hat es jedenfalls einmal einer der Küchenchefs ausgedrückt. Ohne die Elektronikklempner der Firma Kochtopf & Co. läuft nämlich im Ernstfall wirklich gar nichts.

Die beiden kennen sich schon ein Weilchen länger – er und Tjark Blohm. Tjark hat sich nämlich, vor Jürgens Alleinzuständigkeit für die Bedürfnisse Patrizias, bei seinem Werben um die schöne Wirtin der ‚Guten Stube’ auch mal ein paar Wochen die Hacken nach ihr schief gelaufen. Allerdings war es bei ihm bei den schief gelaufenen Hacken geblieben. Ihm war nicht das Glück zuteil geworden, vom heißen Lavastrom des feuerspeienden Vulkans verschüttet zu werden.

An einem verregneten Sommerabend war Tjark das nach einer gemeinsam geleerten Flasche Kööm mal so rausgerutscht.

Seit dem Abend sind sie fast so etwas wie Freunde geworden.

 

Der bärbeißige Seebär beneidet Jürgen Köhnen nicht wegen seines Erfolges bei der schönen Wirtin – na ja, vielleicht würde er das so’n büschen tun, wenn er nicht mal mitbekommen hätte, wie Patrizias alter Herr mit einer geladenen Schrotflinte hinter einem ‚Kavalier’ seiner Tochter herbönerte.

Gewehrkugeln, die hatten in Indochina oft genug seinen Weg gekreuzt – da mußte er sich hier, nur wegen einer tollen Frauensperson, nicht auch noch Schrot im Hintern einfangen.

 

„Schall ikk ähm mit tofoaten?“ klingt es aus Tjarks Mund noch beiläufig durch die Morgenluft, während er sich schon einen leeren Rollwagen aus der Schlange heranzieht.

„Moin Tjark – das wäre schön – ikk bün vörmörgens rein wat loat to Been koamen.“

Tjark kneift grinsend ein Auge zu, als er Jürgen antwortet:

“Wee dat vernacht in d’ Nüst wäär so moi? Du bist heute Morgen aber wohl nicht der einzige, der zu spät zu Potte gekommen ist – dat Schkipp is nämlich noch gannich dor. Laß Dir man ruhig Zeit.“

Jetzt erst fällt Jürgen Köhnen auf, daß an der Kaimauer der Liegeplatz der Fähre noch verwaist ist.

Sonst um diese Zeit befinden sich die meisten Fahrgäste schon an Bord, während sie sich heute Morgen, mehr oder minder ungeduldig, auf dem Hafenplatz die Beine in den Bauch stehen. Die meisten denken sicher mit Bedauern an den Schlaf, den sie hier der kühlen Nordseeluft opfern.

 

Tjark Blohm will gerade mit dem beladenen Rolli in Richtung Rampe loszuckeln, als mit einem ohrenbetäubenden Scheppern die große altertümliche Telefonglocke in der Lagerhalle anschlägt.

Der Frachtgutspezialist läßt den Wagen mit Jürgen Köhnens Kisten und Kasten einfach auf dem Pflaster stehen, und stakst mit langen Schritten in die düstere Halle rein. Zwei, dreimal hört Jürgen ihn ein lautes Wort sagen – es klingt gerade so, als wenn die Fernsprechverbindung etwas klapperig ist – dann erscheint Tjark mit wild herumfuchtelnden Armen wieder auf der Rampe.

„Son Schiet oaber ok – näman, so een Schiet ok.“

Der Hüne im Fischerhemd scheint sich gar nicht wieder einkriegen zu können. Er rennt aufgeregt zum Büroeingang der Reederei – im gleichen Tempo schlackert er zurück zur Halle, und wieder hin zum Büroeingang. Dann erst scheint ihm einzufallen, daß sich im Kontor um diese frühe Stunde ja noch niemand seinen Allerwertesten breitsitzt.

Nach einer Minute intensiven Kopfkratzens besinnt er sich wieder Jürgen Köhnens Anwesenheit

„Jürn – du mutts mi een Gefallen doon.“

„Tjark – wat ist denn los?“ Jürgen Köhnen kann sich keinen Reim auf das seltsame Gebaren seines Gegenüber machen. ©ee

 

 

 

Heyersand IV

 

Er weiß im Moment nur mit Bestimmtheit, daß er zu spät auf die Insel kommen wird, und daß die Küchenmannschaft, die ihn auf Heyersand erwartet, jetzt schon mit ihren Hintern auf heißen Kohlen sitzt, während die Gäste des Hotels nachher auf ihren vier Buchstaben wahrscheinlich vor ziemlich kalten Speisen hocken werden.

Irgendwo in seinem komplizierten Inneren hat das Steuerungsgerät für die Regelung der Küchenenergie nämlich schlapp gemacht – und ohne dieses unscheinbare kleine Ding bekommt selbst der feurigste Koch keine Hitze unter seine Töpfe und Pfannen.

 

„Jürn, Du mußt eben für mich ins Nachbardorf fahren. Ich kann ja jetzt schlecht weg hier.“

Tjark hibbelt aufgeregt mit seinen riesigen Pranken in den Hosentaschen herum.

Nun sag mir doch erstmal, was überhaupt los ist. Wenn ich nichts weiß, dann kann ich Dir auch nicht helfen – un överhaupt, wor blivt dat Schkipp?“

Jürgen Köhnen wird schon rein ein bißchen franterig. Wenn er hier noch lange dumm herumsteht, wird das seiner Firma mit Sicherheit eine Stange Geld kosten.

Die meisten Hoteliers haben bei der Einrichtung ihrer Küche eine Garantie auf die Funktionstüchtigkeit der modernen Großgeräte bekommen, sonst hätten viele von ihnen diese Dinger noch gar nicht angeschafft.

Dafür sind er und seine Kollegen denn die Garanten – sie sind quasi die Feuerwehrleute im Einsatz gegen kalte Küchen.

Er würde sich am liebsten selbst in den Achtersten treten – wenn er es könnte. Warum hatte er bloß gestern Abend nicht noch die Nachtfähre genommen.

Ja ja – Patrizia …! Ach Schiet, denkt er – das hätte auch nichts gebracht. Mit der Nachtfähre wurde nämlich kein Stückgut zur Insel expediert.

Dann wäre er zwar jetzt drüben an seinem Einsatzort – aber ohne Material und Werkzeug. Dafür ganz sicher mit einem vor Wut kochenden Hotelier, und einer nicht kochen könnenden Horde Köche im Nacken. Nee nee, da war die aufregende Nacht mit Trizi schon anregender gewesen.

Jürgen muß sich zwingen, nicht mehr an die letzten Stunden zu denken, weil es ihm sonst im Schritt unweigerlich zu eng werden würde.

 

„Wat is mit Di“ reißt Tjark ihn aus seinen Betrachtungen. „Fährst Du nun für mich ins Nachbardorf? Wäch kummst Du hier nämlich eers, wenn irgendwell Hein Briester hoalt hett. De moot de Holtengast stüüren. Die Südergast sitzt nämlich seit einer halben Stunde querab Buhne sieben auf Grund fest – und da wir seit zehn Minuten ablaufendes Wasser haben, schall see dor ok woll noch een Tiedlang blieven mooten.“

Die Morgenfähre von der Insel war wegen der extrem niedrigen Flut auf Grund gelaufen. Der Steuermann hatte erst vor vier Wochen bei der Reederei Heuer genommen, und Heute zum ersten Mal das Revier alleine befahren. Er ist ein Opfer der Tücke des Wattenmeeres geworden. Der seit Tagen anhaltende Südost hat einen normalen Tidenhub verhindert, und er ist prompt mit seinem Schiff in die Falle getapst. Das ist sicher nicht schön für ihn, aber im Moment sitzt er ja noch hoch und trocken mit seinem Schiff auf dem Baljensand.

Die kalte Dusche und das Donnerwetter der Reederei, das alles wird noch früh genug auf ihn herniederprasseln.

 

So, und jetzt muß Hein Briester her. Jürgen Köhnen kann nicht verhindern, daß plötzlich wieder Bilder aus der Vergangenheit durch seinen Kopf flattern.

Oh man, wie eingebildet waren sie sich als was ‚Besseres’ vorgekommen, wenn sie wie eitle Pfauenhähne mit ihren ‚Eroberungen’ in der kleinen Hafenkneipe „Zum lachenden Seehund“ aufkreuzten, in der der nur zwei Jahre ältere ‚Hein duk di’ oft allein am Tresen saß, und mit seinen rissigen Händen, denen man immer die Kohlenarbeit ansehen konnte, sein Bierglas umklammerte. Nie hatten sie auch nur einmal ein Mädchen in seiner Nähe aus-gemacht. Na ja, haben sie damals gedacht, welches Mädchen läßt auch schon so einen ‚Kohlenschüpper’ an sich ran.

 

Der schlaksige, ungelenke ‚Hein duk di’ von damals hatte die Jahre hinter sich, und den Kohlenbunker unter sich gelassen. Ein Paradebild von einem Kerl war er geworden. Jetzt stand er schon seit langem als Baas oben auf der Brücke. Ohne Spuren von Kohlenstaub an den Händen.

Hein hatte sich zum Kapitän hochgearbeitet. Er hatte seit Jahren das Kommando auf der ‚Holtengast’.

Wenn Hein Briester gerade die Linie fuhr hat Jürgen Köhnen ihn, auf seinen Touren zur Insel rüber, hin und wieder gesehen und ein paar Worte mit ihm gewechselt.

Doch nie war das ‚Damals’ zum Thema ihrer Unterhaltung geworden. Irgendwie stand da noch immer die unsichtbare Mauer zwischen ihnen, die er und seine Kumpels als jugendliche ‚Doofköppe’ in ihrem Unverstand aufgebaut hatten. In diesem Moment empfindet Jürgen Köhnen ihr Verhalten von damals schlichtweg als idiotisch. Wenn Hein Briester das wüsste.

 

Seinen regulären Dienst braucht Käpten Briester an diesem Sonntag erst am Nachmittag antreten. Sonntags setzt die Reederei nachmittags zwei Fähren gleichzeitig ein, um problemlos den geballten Ansturm von Rückreisenden aufs Festland schaufeln zu können.

„Hein hett güstern Oabend sien Geburtsdach fiert, da hat er sich wohl tüchtig einen geballert – und jetzt kriegt ihn keiner an die Strippe.“

Tjark steckt vor Aufregung eine Filterzigarette am falschen Ende an, und flucht lauthals über den gräsigen Geschmack des Glimmstengels.

„Kann seine Frau ihn denn nicht wecken …?

wirft Jürgen in das fluchen ein. Er weiß nämlich, dass Hein Briester verheiratet ist. Und das schon sehr lange. Während ihres letzten gemeinsamen Ferienlagers auf der Insel hatten sie sich alle gewundert, daß der Einzelgänger ‚Hein duk di’ nicht mehr in der Kneipe saß, und in sein Bier greinte. Hein hätte heiraten müssen, so hörten sie vom Wirt. Zu Gesicht bekommen hatten sie Hein Briesters Frau aber nicht, er wohnte mit seiner Familie ja nicht auf der Insel.

Es hatte sie auch nicht die Bohne interessiert. Was sollte so einer denn für eine abbekommen haben. Die würde doch zumindest schielen oder hinken, oder hätte einen Buckel mit Bart – auch wenn der Wirt, als er das hörte noch sagte, Hein hätte sich ’ne schmucke Deern geangelt. Mit dieser Bemerkung wollte der Insulaner ihnen als Nichtinsulaner doch nur eins beipulen. Die hielten hier doch alle wie Pech und Schwefel zusammen.

 

Als wenn Jürgens Frage Tjark Blohm geärgert hat, blickt der ihn von unten her nur ganz bissig an, und knurrt verhalten:

„Bi Hein is upstünns niks mit Wiev“, und gleich darauf wieder lauter werdend: „und darum muß jemand hin, und ihn unbedingt aus dem Bett trommeln. Versteist Du mi nu?“

Tjark ist reinweg achter d’ Pust. So einen langen Schnack hat er ja schon Jahre nicht mehr gehalten. Na ja, sone Landratte wie Jürgen Köhnen eine ist, die kann das ja auch nicht so schnell begreifen – und sowieso wird er darüber besser nichts mehr sagen. © ee

 

 

Heyersand V

 

Diese Erkenntnis behält er aber wohlweislich für sich. Er sieht sich nämlich schon im Geiste die sechs Kilometer zu Heins Koje mit dem alten Gepäckrad abstrampeln, wenn er das laut sagen würde.

Tjark mag gar nicht daran denken, daß Jürgen Köhnen Heute vielleicht auf den Inselhopper ausweicht, der seit dem letzten Herbst die Küste längs fliegt. Das könnte dann leicht für ihn zur Gewohnheit werden. So ein Flieger ist ja wohl eine schöne Sache für Leute, die mit der Zeit geizen. Er jedenfalls kann diesen brummenden Hummeln seit Südostasien keine freundlichen Gefühle mehr entgegenbringen.

 

Es ist für ihn heute Morgen beruhigend, zu wissen, daß tief in Jürgen Köhnen auch eine Art zementierte Abneigung gegen alles Fliegende sitzt.

Die nette Brandbombe, die in seiner frühen Kindheit sein Elternhaus in der Hansestadt getroffen hatte, die ist wohl mit daran schuld.

Jürgen Köhnen hat ihm einmal bruchstückhaft von dieser schrecklichen Nacht im Luftschutzkeller erzählt.

Familie als Familie besitzt er seitdem nicht mehr. Von allen 32 Bewohnern des Hauses Kanalstraße 18 überlebten einzig seine Großmutter und er das Inferno der Bombennacht. Alle anderen verbrannten im Keller.

Die Jahre danach war seine Oma für ihn Mutter und Vater zugleich gewesen. Dieses Glück wurde vielen Kindern im zerstörten Hamburg nicht zuteil. Ohne sie wäre er mit Sicherheit – wie viele andere – in irgendeinem Heim gelandet.

Dafür war er seiner Großmutter bis zu ihrem späten Tode immer dankbar gewesen, obwohl sie ihn mit ihrem Egoismus in seiner Jugend um so manches Erlebnis gebracht hatte.

Das alles hat er aber ganz tief in seinem Innern vergraben. Der Köhm und Tjark Blohms ähnliche Erlebnisse brachten ihn an dem besagten Abend dazu, ein wenig an diesen Dingen zu kratzen. Aber nur ein ganz klein wenig. Es kam nämlich nicht einmal etwas von seiner gescheiterten Beziehung zu Carola, mit der er eine kurze Zeit verheiratet war, und seiner ständigen Suche nach etwas Verlorenem ans Tageslicht.

 

Tjark Blohm muß einmal tief Luft holen, um diese, und seine eigenen Erinnerungen zu verscheuchen, die ihm die Gegenwart für ein paar Sekunden vernebeln.

„Nu seech man to, daß du los kommst – wir klaren in der Zeit schon die Holtengast auf.“

Tjarks sonst gewaltiger Baß klingt ein wenig wie mit Mehl bestäubt.

Jürgen Köhnen steht ganz verdattert neben seiner klatschgelben Blechkiste.

„Ik weet doch gannich, wo ich hin muß ….“

„Och joa … hier.“ Tjark hat endlich aus den Tiefen seiner Overalltaschen ein zerknittertes Stück Papier ans Tageslicht befördert und drückt es Jürgen in die Hand

„Dat is Hein sien Visitenkoart – da steht allens drauf.“

Sagt es, dreht sich um, und bölkt gleich darauf mit röhrender Kommandostimme in die Richtung von zwei Decksleuten:

„Nu man een bäten dalli, ji beiden – de Holtengast moot warmlopen. In einer halben Stunde heißt es Leinen los.“

 

Wer Tjark im normalen Betrieb in seiner Gepäckhalle herumklütern sieht, der traut ihm niemals eine solche wieselige Wendigkeit zu, wie er sie jetzt an den Tag legt.

Der normale Beobachter weiß ja auch nicht, daß Tjark außer seiner Fahrenszeit auf einem verrosteten Seelenverkäufer im südchinesischen Meer auch noch 10 Jahre Dienst in der französischen Legion hinter sich gebracht hat. Darüber spricht er allgemein auch nicht, weil ihn hier und heute wegen seiner körperlichen Massigkeit sowieso alle respektieren.

 

Das war während seiner Schulzeit noch anders gewesen, als jeder daheim im Dorf den schmächtigen Burschen hänselte, weil er keinen richtigen Vater vorweisen konnte und deshalb von der Gemeinschaft als nicht ‚vollständig’ angesehen wurde.

Im letzten Schuljahr hat er wegen einer solchen Hänselei dem Schlachtersjungen von nebenan – auf dem Klosett in der Schule – kurzerhand ein Ohr abgebissen.

Auf dem Klosett deshalb, weil der kräftigere Schlachtersjung, der zwei Jahre älter war als Tjark, in dem Moment nicht so schnell hinter ihm herrennen konnte – von wegen die heruntergelassene Büx.

Von da an war der auch nicht mehr vollständig gewesen.

Tjark hat sich allerdings daraufhin nicht mehr nach Hause getraut, und am nächsten Tag in die Schule schon mal gar nicht. Lehrer Krumbiegel hatte garantiert schon seinen ‚Spezialrohrstock’ auf Vordermann gebracht.

Der alte Knochen besaß nämlich ‚Zuchtruten’ in verschiedenen Kategorien – die eine war für leichte, eine andere für mittelschwere, und eine dritte für besondere Fälle gedacht.

Die zu erwartende Sühne für seine Tat hatte Tjark schon von sich aus freiwillig unter ‚besondere Fälle’ eingeordnet. Diese ‚Behandlung’ wollte er seinem verlängerten Rücken nun doch nicht antun.

Bei einem solchen ‚Ritual’ halfen nämlich auch keine in die Hose gestopften Schulhefte, mit deren Hilfe sie die fast alltäglichen, kleineren ‚Strafaktionen’ abmilderten.

 

Am zweiten Tag nach seiner ‚Heldentat’ kroch er abends auf Möllers Rastplatz zwischen die Ladung eines abgestellten Fernlasters.

 Irgendwo musste er ja mal schlafen. Und er schlief verdammt lange. Als er nämlich wach wurde hörte er Sprechen um sich herum das er nicht verstand, und als er durch einen Schlitz in der Plane nach draußen linste, sah er in eine Gegend die ihm völlig fremd war.

Vom Fahrer des LKW, der seinen ‚blinden Passagier’ nach einer Pinkelpause auf der Ladefläche entdeckte, erfuhr er, daß sie gerade die französische Grenze passiert hatten.

Nachdem er zwei dickbelegte Stullen aus des Fahrers Brotdose vertilgt, und sich den Muckefuck aus dessen Kaffetank einverleibt hatte, ging es ihm wieder bestig. Für den gutmütigen Fernfahrer machte er sich fix um zwei Jahre älter. Siebzehn sei er gerade geworden und wolle in die Welt hinaus.

Der Kapitän der Landstrasse schloß daraus messerscharf, seinen ‚blinden Passagier’ ziehe es wegen irgendeiner jugendlichen Missetat in die Fremden-legion. Was Tjark sofort mannhaft bejahte, obwohl er von dieser Einrichtung sein Lebtag noch keinen Pieps gehört hatte.

 

Zwei Kilometer weiter saß er denn auch schon auf der nächsten Gendarmeriestation einem Elsässer Flic gegenüber, der ihn auf französisch allerhand fragte was er nicht verstand, und der ihn etwas unterschreiben ließ was er nicht lesen konnte. Obwohl derselbe Flic sich wenig später beim hinausgehen mit dem Fernfahrer ganz passabel auf Deutsch unterhielt. © ee

 

 

Heyersand VI

 

Diese Erkenntnis behält er aber wohlweislich für sich. Er sieht sich nämlich schon im Geiste die sechs Kilometer zu Heins Koje mit dem alten Gepäckrad abstrampeln, wenn er das laut sagen würde.

Tjark mag gar nicht daran denken, daß Jürgen Köhnen Heute vielleicht auf den Inselhopper ausweicht, der seit dem letzten Herbst die Küste längs fliegt. Das könnte dann leicht für ihn zur Gewohnheit werden. So ein Flieger ist ja wohl eine schöne Sache für Leute, die mit der Zeit geizen. Er jedenfalls kann diesen brummenden Hummeln seit Südostasien keine freundlichen Gefühle mehr entgegenbringen.

 

Es ist für ihn heute Morgen beruhigend, zu wissen, daß tief in Jürgen Köhnen auch eine Art zementierte Abneigung gegen alles Fliegende sitzt.

Die nette Brandbombe, die in seiner frühen Kindheit sein Elternhaus in der Hansestadt getroffen hatte, die ist wohl mit daran schuld.

Jürgen Köhnen hat ihm einmal bruchstückhaft von dieser schrecklichen Nacht im Luftschutzkeller erzählt.

Familie als Familie besitzt er seitdem nicht mehr. Von allen 32 Bewohnern des Hauses Kanalstraße 18 überlebten einzig seine Großmutter und er das Inferno der Bombennacht. Alle anderen verbrannten im Keller.

Die Jahre danach war seine Oma für ihn Mutter und Vater zugleich gewesen. Dieses Glück wurde vielen Kindern im zerstörten Hamburg nicht zuteil. Ohne sie wäre er mit Sicherheit – wie viele andere – in irgendeinem Heim gelandet.

Dafür war er seiner Großmutter bis zu ihrem späten Tode immer dankbar gewesen, obwohl sie ihn mit ihrem Egoismus in seiner Jugend um so manches Erlebnis gebracht hatte.

Das alles hat er aber ganz tief in seinem Innern vergraben. Der Köhm und Tjark Blohms ähnliche Erlebnisse brachten ihn an dem besagten Abend dazu, ein wenig an diesen Dingen zu kratzen. Aber nur ein ganz klein wenig. Es kam nämlich nicht einmal etwas von seiner gescheiterten Beziehung zu Carola, mit der er eine kurze Zeit verheiratet war, und seiner ständigen Suche nach etwas Verlorenem ans Tageslicht.

 

Tjark Blohm muß einmal tief Luft holen, um diese, und seine eigenen Erinnerungen zu verscheuchen, die ihm die Gegenwart für ein paar Sekunden vernebeln.

„Nu seech man to, daß du los kommst – wir klaren in der Zeit schon die Holtengast auf.“

Tjarks sonst gewaltiger Baß klingt ein wenig wie mit Mehl bestäubt.

Jürgen Köhnen steht ganz verdattert neben seiner klatschgelben Blechkiste.

„Ik weet doch gannich, wo ich hin muß ….“

„Och joa … hier.“ Tjark hat endlich aus den Tiefen seiner Overalltaschen ein zerknittertes Stück Papier ans Tageslicht befördert und drückt es Jürgen in die Hand

„Dat is Hein sien Visitenkoart – da steht allens drauf.“

Sagt es, dreht sich um, und bölkt gleich darauf mit röhrender Kommandostimme in die Richtung von zwei Decksleuten:

„Nu man een bäten dalli, ji beiden – de Holtengast moot warmlopen. In einer halben Stunde heißt es Leinen los.“

 

Wer Tjark im normalen Betrieb in seiner Gepäckhalle herumklütern sieht, der traut ihm niemals eine solche wieselige Wendigkeit zu, wie er sie jetzt an den Tag legt.

Der normale Beobachter weiß ja auch nicht, daß Tjark außer seiner Fahrenszeit auf einem verrosteten Seelenverkäufer im südchinesischen Meer auch noch 10 Jahre Dienst in der französischen Legion hinter sich gebracht hat. Darüber spricht er allgemein auch nicht, weil ihn hier und heute wegen seiner körperlichen Massigkeit sowieso alle respektieren.

 

Das war während seiner Schulzeit noch anders gewesen, als jeder daheim im Dorf den schmächtigen Burschen hänselte, weil er keinen richtigen Vater vorweisen konnte und deshalb von der Gemeinschaft als nicht ‚vollständig’ angesehen wurde.

Im letzten Schuljahr hat er wegen einer solchen Hänselei dem Schlachtersjungen von nebenan – auf dem Klosett in der Schule – kurzerhand ein Ohr abgebissen.

Auf dem Klosett deshalb, weil der kräftigere Schlachtersjung, der zwei Jahre älter war als Tjark, in dem Moment nicht so schnell hinter ihm herrennen konnte – von wegen die heruntergelassene Büx.

Von da an war der auch nicht mehr vollständig gewesen.

Tjark hat sich allerdings daraufhin nicht mehr nach Hause getraut, und am nächsten Tag in die Schule schon mal gar nicht. Lehrer Krumbiegel hatte garantiert schon seinen ‚Spezialrohrstock’ auf Vordermann gebracht.

Der alte Knochen besaß nämlich ‚Zuchtruten’ in verschiedenen Kategorien – die eine war für leichte, eine andere für mittelschwere, und eine dritte für besondere Fälle gedacht.

Die zu erwartende Sühne für seine Tat hatte Tjark schon von sich aus freiwillig unter ‚besondere Fälle’ eingeordnet. Diese ‚Behandlung’ wollte er seinem verlängerten Rücken nun doch nicht antun.

Bei einem solchen ‚Ritual’ halfen nämlich auch keine in die Hose gestopften Schulhefte, mit deren Hilfe sie die fast alltäglichen, kleineren ‚Strafaktionen’ abmilderten.

 

Am zweiten Tag nach seiner ‚Heldentat’ kroch er abends auf Möllers Rastplatz zwischen die Ladung eines abgestellten Fernlasters.

 Irgendwo musste er ja mal schlafen. Und er schlief verdammt lange. Als er nämlich wach wurde hörte er Sprechen um sich herum das er nicht verstand, und als er durch einen Schlitz in der Plane nach draußen linste, sah er in eine Gegend die ihm völlig fremd war.

Vom Fahrer des LKW, der seinen ‚blinden Passagier’ nach einer Pinkelpause auf der Ladefläche entdeckte, erfuhr er, daß sie gerade die französische Grenze passiert hatten.

Nachdem er zwei dickbelegte Stullen aus des Fahrers Brotdose vertilgt, und sich den Muckefuck aus dessen Kaffetank einverleibt hatte, ging es ihm wieder bestig. Für den gutmütigen Fernfahrer machte er sich fix um zwei Jahre älter. Siebzehn sei er gerade geworden und wolle in die Welt hinaus.

Der Kapitän der Landstrasse schloß daraus messerscharf, seinen ‚blinden Passagier’ ziehe es wegen irgendeiner jugendlichen Missetat in die Fremden-legion. Was Tjark sofort mannhaft bejahte, obwohl er von dieser Einrichtung sein Lebtag noch keinen Pieps gehört hatte.

 

Zwei Kilometer weiter saß er denn auch schon auf der nächsten Gendarmeriestation einem Elsässer Flic gegenüber, der ihn auf französisch allerhand fragte was er nicht verstand, und der ihn etwas unterschreiben ließ was er nicht lesen konnte. Obwohl derselbe Flic sich wenig später beim hinausgehen mit dem Fernfahrer ganz passabel auf Deutsch unterhielt.

Ein von dem Gendarmen aus einer nahe gelegenen Kaserne herbeigerufener Corporal kassierte ihn kurz darauf ein.

Acht Stunden später tummelten sich auf dem Kopf über der Rekrutenuniform der ‚Legion Francaise’ nur noch Stoppeln und nochmal acht Stunden später fand er sich als ‚Zackbumm’ irgendwo in den zerklüfteten Bergen der Insel Korsika zur Grundausbildung als Legionär wieder, um gleich danach als Schütze Arsch aus niedrigster Position die Schönheit der algerischen Wüstenlandschaft entdecken zu dürfen.

Tjark Blohm sollte es für eine lange Zeit nicht mehr geben.

Omanoman – wenn er das auf dem Klosett in der Schule geahnt hätte – der Schlachtersjung hätte entweder den Horchlöffel an seinem Wasserkopf dranbehalten, oder Tjark hätte von Lehrer Krumbiegel die Behandlung für besondere Fälle in Kauf genommen.

Seinem Aufenthalt in Algerien folgte eine Stipvisite nach Südamerika auf eine der vorgelagerten Inseln zur Niederschlagung einer Sträflingsrevolte.

Nachdem die Zuchthauskolonie ziemlich unfriedlich von ihm und seinen Kameraden befriedet worden war, durfte er für längere Zeit die ‚Gastfreundschaft’ der Kongolesen genießen, um dann übergangslos von der Führung der ‚Grande Nation’ nach Südostasien geschubst zu werden. Ehe er noch recht zur Besinnung gekommen war, befand er sich mitten im Schlamassel in Indochina. Es wurden drei heiße Jahre in der grünen Hölle um Dien bien Phu.

Für einen ostfriesischen Torfkopp, der nur wegen eines abgebissenen Ohres von zuhause ausgebüxt war, war das ganze Erleben schon ganz schön happig.

 

Na ja, er hat es überlebt, und viel von der Welt gesehen. Es war allerdings eine ziemlich blutige Welt, die er dadurch kennengelernt hat. Sogar ein paar glänzende Blechdinger hatten die Franzmänner ihm für seine Tapferkeit an die Brust geheftet.

Nur seiner Mutter hat er sie nicht mehr zeigen können, damit sie gesehen hätte, daß aus ihm doch noch was geworden war. Sie war ein halbes Jahr vor seiner Rückkehr in die Heimat gestorben.

 

Nach den Kämpfen in den asiatischen Regenwäldern war er seinen Capitain um seine Entlassung aus der Legion angegangen. Die Demission hatte ihm der Kriegsminister in Paris auf Grund der Fürsprache seines Vorgesetzten dann auch huldvoll gewährt, weil wütende Asiaten ihn bei Nahkämpfen schon dreimal durchlöchert hatten. Er versprach sich für die französische Marianne wohl nicht mehr allzu viel Nutzen von diesem waidwunden ostfriesischen Helden.

Mit einer Heuer auf einem Frachtdampfer, und dem Sold für 10 Jahre Zackbummzeit in der Tasche, versuchte er nach seiner ‚Entmilitarisierung’ mit einem Schiff einen deutschen Hafen zu erreichen. Zehn Jahre hat es gedauert, bis er den ersten deutschen Hafen zu Gesicht bekam. Er hatte in seiner Abschiedslaune nämlich einen Pott erwischt, das zwar den Union Jack führte, und an dessen Heck Liverpool stand – das aber seinen Bugspriet trotzdem nie aus dem Chinesenmeer raus steckte.

Es wurde eine ganz schön lange Reise durch die asiatischen Häfen. Er hatte sich auf dem Schrottkahn aus dem vorigen Jahrhundert schnell vom Leicht-matrosen zum ersten Steuermann hochgearbeitet.

An Bord galt sein Wort bald mehr, als das des ständig duunen Kapitäns. Das nützte ihm nur nicht viel, denn dem heruntergekommenen englischen Ginliebhaber – einem in den Kolonien gestrandeten Sprössling der Gordon Dynastie – gehörte der verrottete Kahn. Die Rostbeule hat er erst verlassen können, kurz bevor die Wellen über dem Deck zusammenschlugen, und sie für immer in ihr nasses Grab versank.

Das südchinesische Meer mit seinem Kranz von Opiumhöhlen drumherum kannte er seitdem besser, als seine eigene Hosentasche. In der fand er ja nicht einmal auf Anhieb die popelige Visitenkarte von Hein Briester.© ee

 

 

Heyersand VII

 

Nachdem die Besatzung einer Dschunke ihn zwei Tage später wie einen Sack Reis aus den Fluten des gelben Meeres gefischt hatte, war er noch ein ganzes Jahr durch die Spelunken von Singapur gegeistert. Um das Leben nachzuholen, wie er sich selber einredete. Im Grunde hatte er aber nur gesoffen, und wahrscheinlich eine Menge Halbchinesen produziert. Die netten ‚Chinagirls’ schätzten nämlich die ‚Ausdauer’ der kräftig gebauten ‚Langnase’ über die Maßen, und ließen sich häufig – auch ohne dafür entlohnt zu werden – von ihm beglücken. Er leistete sozusagen ‚echte deutsche Wertarbeit’.

Erst der Käpten eines ‚DDR’ Schiffes hatte es nach einem fürchterlichen gemeinsamen Saufgelage geschafft, ihm diese Art von ‚Völkerverständigung’ auszureden, und seinen Kompass auf Kurs Heimat einzustellen. In Antwerpen war er dann von Bord des volkseigenen sozialistischen Frachtdampfers gegangen.

Das geschah allerdings sehr zum Leidwesen des Rostocker Kapitäns. Der hatte Tjark, während der vorausgegangenen monatelangen Trampfahrt durch die Häfen des indischen Ozeans, als Mensch und Seemann schätzen gelernt. So einen Mann der Tat konnte jeder Käpten für sein Schiff gut bebrauchen. Zumal Hein ja auch nicht an Parteigläubigkeit litt. Er hätte ihn liebend gern als ersten Offizier in seine Mannschaft eingebaut.

Gewollt hat er damals selber auch wohl – aber nee, das Heimweh war stärker. Er mußte nach Hause, und das hätte er dann wohl nicht können. Die ehrliche Haut von Käpten hatte ihm nämlich nicht verschwiegen, daß in den beiden Deutschlands Kontakt über die innere Grenze fast, und das Anlaufen eines westdeutschen Hafens völlig unmöglich war. Sie hatten sich zum Abschied nur schweigend umarmt, als er in Belgien das Schiff verließ. Die Verbindung zwischen ihnen war jedoch bestehen geblieben und bis heute nicht abgerissen.

Jetzt, wo in Europa so vieles anders geworden war, trafen sie sich sogar hin und wieder um alte Erinnerungen aufzufrischen.

 

Jürgen Köhnen steht nun da – mit dem reichlich strapazierten Anschriftenzettel von Hein Briester in der Hand – und pliert reichlich dumm aus der Wäsche. Tjark Blohm beobachtet ihn offenkundig vom Anleger her – der alte Fuchs sieht nämlich stets alles, was um ihn herum geschieht. Es ist geradeso, als wenn er auch hinten Augen hat.

Als Jürgen sich nach einigen Minuten noch nicht rührt, ruft Tjark ihm von weitem freundlich, aber lautstark über den Hafenplatz zu: „Die Schlange ist nicht mehr da. Schüttel die Starre man ab, und bring endlich Deinen Briefkasten auf Touren. Könnte sein, daß Du sonst nachher auf der Insel von Deinen Kunden kalfatert wirst.“

 

In Jürgen Köhnen kommt Bewegung. Tjark hat ja Recht. Je eher er mit Hein Briester wieder zurück am Anleger ist, umso früher landet er in der gelähmten Küche auf Heyersand.

Aber wieso hat er seinen Transporter ‚Briefkasten’ genannt? Diese Bezeichnung hatte Tjark ihm gegenüber noch niemals gebraucht. Ist dem alten Halunken da vielleicht versehentlich etwas rausgerutscht?

Ein halbes Jahr zuvor hat ‚irgendjemand’ ihm nämlich eine Überraschung bereitet, über die der ganze Landstrich noch eine Weile schallend gelacht hat. Es war ein Witz gewesen – aber geflucht hat er den Morgen doch wie ein mongolischer Kameltreiber in der Wüste Gobi. Zumal der Anstoß zu diesem Witz ihn und seine Kollegen in der Vergangenheit schon genug geärgert hatte.

Die Firmenleitung hatte allen Außendienstmitarbeitern – ganz gleich ob sie als Monteur oder als Vertreter bei ‚Kochtopf & Co.’ ihre Brötchen verdienten – eines Tages als Dienstfahrzeuge kleinere Fortbewegungseinheiten verordnet. Die Smarts mußten wegen der Firmentradition natürlich alle gelb sein.

Nee nee, der Firmengründer war kein Chinese gewesen – so hoch aufgehängt war das nun auch wieder nicht.

Die ‚Firmentradition’ bezüglich der Fahrzeugfarbe hatte einen ganz banalen Hintergrund.

Der Vater des jetzigen Seniors hatte nach dem Kriege damit angefangen, Töpfe und Pfannen zu verhökern. Die Töpfe und Pfannen wurden aus Stahlhelmen der ehemaligen Wehrmacht gefertigt. Stahlhelme waren reichlich vorhanden – Pötte und Pannen gab es dagegen weniger. Dass die nicht mehr benötigten Soldatenkopfbedeckungen ausschließlich zu Nachttöpfen umfunktioniert, oder als Haarschneideschablonen benutzt wurden, ist nämlich ein Märchen.

Durch gewisse Beziehungen zu den Besatzern hatte er sich für seinen Pöttehandel als erstes motorisiertes Firmenfahrzeug einen ausgedienten ‚Opel Blitz’ der alten Reichspost besorgt. Weil aber keine Pinunsen mehr in der Geschäftskasse zu entdecken waren, um den viereckigen Knatterkasten umpönen zu lassen, blieb er schön postgelb – und allen anderen Firmenfahrzeugen, die diesem Gefährt folgten, verpasste der Chef den gleichen Farbton. Man hängt ja schließlich irgendwie an seinem ‚Erstgeborenen’.

So einfach war das mit der Tradition, auch wenn es in der Firmenchronik ein wenig anders zu lesen ist.

Die Sparidee mit den Knutschkugeln war auf dem Mist des Juniors gewachsen, der schon während seines BWL Studiums kräftig in der Firma mitmischen wollte.

Von ihrem langjährigen Fahrdienstleiter stammte der Ausspruch:

„Jetzt zeigt das Küken uns alten Hennen, wie weit wir unsere Hintern öffnen dürfen, um goldene Eier zu legen.“

Wenn das Ganze sich nicht sehr rasch als riesiges, und außerordentlich teures Windei entpuppt hätte – der altgediente Haudegen wäre garantiert wegen seiner Leichtlippigkeit ausgemustert worden. Der Nachwuchschef war in solchen Dingen ziemlich empfindlich.

Die ganze Firmenflotte fuhr nach der Idee des Juniors auf jeden Fall erstmal smart durch die Lande.

Die Betriebskosten für die Kundendienstfahrzeuge gingen dadurch zwar nach unten, doch die eingesparten Gelder wurden schnell wieder aufgezehrt durch saftige Entschädigungszahlungen an unzufriedene Kunden. Die Monteure hatten aus Platzmangel oft nicht die notwendigen Ersatzteile dabei. Die Reparaturen dauerten zwangsläufig häufig entsprechend länger.

So erwies sich die geniale ‚Sparmaßnahme’ des Juniors für das Unternehmen recht bald als Faß ohne Boden.

Doch bevor beim Senior in der Zentrale die Alarmglocken schrillten, und er wieder auf die bewährten Kleintransporter zurückgriff, hatten einige Brüder, hier in der Weite des platten Landes, noch ihren Spaß mit der Fehlentscheidung des Juniors.

Nach einem feuchtfröhlichen Abend, in ‚Schröders guter Stube’, hatten die Kumpane seinen gelben Smart mit Pappschildern als ‚Briefkasten’ deklariert, und das Wageninnere durch das offene Schiebedach mit ‚Post’ gefüllt.

Es war durch diesen Streich an dem Fahrzeug wohl nichts beschädigt worden – aber den ‚Briefkasten’ leeren zu müssen, daß hat ihn am folgenden Morgen schon mächtig ‚gefreut’.

Er war damals nicht dahinter gekommen, wer von seinen Zechgenossen ihn mit soviel ‚Post’ beglückt hatte – aber jetzt war Tjark Blohm scheinbar völlig unmotiviert die Bezeichnung Briefkasten herausgerutscht. Wenn da man nicht eine Verbindung bestand.

 

Nun mußte er aber auf dem schnellstens Wege den Kapitän für das Ersatzschiff herbeischaffen.

Sie hatten früher auf ihren Entdeckungsstreifzügen häufig eine Abkürzung ins nächste Dorf genommen. Das Wissen aus seinen Pfadfindertagen will er nun nutzen. Genau diese Abkürzung nimmt er jetzt unter die Reifen – von wegen der Zeitersparnis. Über die Chaussee sind es bis ins Nachbardorf nämlich satte vier Kilometer mehr.

Seine innere Stimme hatte ihm vor dem Start noch geraten, Tjark nach dem Zustand des Weges zu fragen – aber nee, jemand der kurz zuvor sein Fahrzeug als ‚Briefkasten’ bezeichnet hatte, den würde er doch nicht fragen.

Hätte er doch bloß auf seine innere Stimme gehört, und das getan, was sie ihm geflüstert. Die kürzere Strecke durch die Deichwiesen entpuppt sich nämlich als höllische Schlaglochallee.

Er kann seinen ‚Briefkasten’ – man, jetzt denkt er auch schon ‚Briefkasten’ – er kann seinen Wagen nur im Schritt-Tempo vorwärts bringen. Eine Viertelstunde hoppelt er so schon von Loch zu Loch.

„Verdammt – ich bin doch kein Karnickel“, flucht er genau in dem Moment laut vor sich hin, als sein wunderschöner gelber Ratterkasten mit zwei Rädern im Schlamm versinkt und stecken bleibt.

Jetzt hat er sich genauso dämlich, oder auch unwissend, benommen wie heute Morgen der Unglücksrabe von Steuermann auf der Südergast.

Er besitzt nur einen Vorteil gegenüber den Schiffbrüchigen auf dem Unglücksdampfer – er kann aus seinem festgefahrenen Vehikel aussteigen.

Nasse, scheddrige Füße bekommt er allerdings trotzdem.

Oh Gott, was soll das geben. Nie und nimmer kommt er noch rechtzeitig auf die Insel rüber. Er sieht sich schon hochkantig aus der Firma rausgeschmissen, als er bemerkt, daß ein ebenso hochkantiges Gefährt hinter seinem gestrandeten Transporter angehalten hat. Er hatte den hinter ihm herzuckelnden Unimog gar nicht bemerkt.

 

Ein grinsendes bekanntes Gesicht glumt ihn, aus der Fahrerkabine heraus, vergnügt an. Es ist das Gesicht von Enno Göken.

Enno ist hauptberuflich Fahrer bei der Meierei. Er liefert jeden Morgen am Hafen die Frischprodukte für die Inselläden ab.

 Nebenberuflich hatte er auch einmal eine Zeitlang am Langstreckenlauf um Patrizias Gunst teilgenommen.

Nachdem Patrizias alter Herr dann aber begann, Schießübungen mit seinem alten Büffeltöter auf ihn zu veranstalten, da war er freiwillig aus dem Rennen geschieden.

Schrotkugeln im Achtersteven – die hätte er seiner Frau zu Hause denn doch wohl nicht so richtig schlüssig erklären können.© ee

 

Heyersand VIII

 

Fröhlich pfeifend klettert Enno aus dem hohen Führerhaus auf den schlammigen Boden. Der hat in seinen Gummistiefeln gut lachen, denkt Jürgen.

Ihm fällt gar nicht ein, Enno danach zu fragen, was er auf seiner Milchtour denn hier in dieser Wüstenei zu suchen hat. Er ist einfach froh, daß der Ballerkasten von Zugmaschine hinter seinem gestrandeten Kombi steht. Der gutmütige Enno klärt ihn aber gleich auf.

„Manoman Jürgen – da hast Du Dich ja bildschön eingebaggert. Tjark hatte wohl doch nicht so ganz unrecht, als er mir sagte, Du wärst heute Morgen vor körperlicher Erschöpfung geistig nicht so ganz gut zu Fuß – und mich deshalb Dir hinterherschickte, als er Dich auf den Deichweg abdrehen sah.“

Enno schnalzt genüßlich mit der Zunge, als er das sagt.

 Du häst woll wär een bannich stur Nacht achter Di ….“ hängt er noch süffisant hintendran.

Wie passend Enno doch mit seiner Vermutung liegt. Die Nacht mit Trizi war für ihn einfach total anstrengend, aber auch berauschend schön gewesen. Der Vulkan in ihr war gar nicht zur Ruhe gekommen, und er hatte die glühenden Ausbrüche genossen, wie schon lange nicht mehr. Sechs Wochen lang hatten sie schließlich aufeinander verzichten müssen.

Nur, soll er das eingestehen und den guten Enno damit vielleicht noch neidisch machen? Er würde ihn am Schluß noch hier in der Einöde sitzen lassen. Da sagt er schon lieber gar nichts – oder höchstens:

„Der Weg hier war doch immer gut zu fahren – ich dachte mir nur ….“

Er hat sein Denken gar nicht zu Ende erklärt, als Enno lachend lospoltert:

„Mensch Jürgen – wie lange ist Dein immer gut zu fahren denn her? Hier kann man seit zehn Jahren nur noch mit Allradantrieb durchkommen – wenn überhaupt.

Als die damals den Klei für den neuen Deich ausgepüttet haben, haben die schweren LKW hier alles in Dutten gefahren. Und seitdem ist dat hier wie auf’m Mond. Die haben uns unsern ganzen schönen Spritpadd damit versaut.“

Jürgen merkt deutlich Ennos Gnadderichkeit über den Verlust des kontrollfreien Kneipenheimweges.

„Aber jetzt laß uns man eben sehn, dat wir Dich hier rausziehn tun. Sonst kommt die Holtengast heut Morgen gar nicht mehr in Fahrt“, sagt es, und klettert in sein hohes Führerhaus.

Die Zugmaschine vor den Transporter setzen, die Winsch klarmachen und das Seil anpicken, das hat er mal alles so im vorbeigehen gemacht.

 

Fünf Minuten später steht Jürgen mitsamt seinem total verdreckten Transporter kurz vor dem Nachbarort wieder auf fester Strasse. Und noch einmal fünf Minuten später kommt ihm aus einer Haustür, in schnieker Uniform und mit Schlips und Kragen, ein dienstklarer Hein Briester entgegen.

War doch um Tjark Bloom herum jemand auf die grandiose Idee gekommen Heins Nachbarn, der im Alltag auch bei der Reederei seine Brötchen verdient, anzuklingeln, damit der den müden Käpten schon mal aus dem Bett scheuchte.

Angesichts der stets unverschlossenen Haustür sah der Kollege auch keine Schwierigkeit den Schläfer zu wecken.

Tjark Blohm hatte ihm noch geraten notfalls ein nasses Handtuch zu Hilfe zunehmen. Das hatte der hilfsbereite Kollege denn auch freiweg getan, und als Dank für die unwillkommene Störung prompt Hein Briesters altertümlichen Wecker ins Kreuz geworfen bekommen, der sinnigerweise durch den Aufprall auch noch laut zu scheppern begann.

 

Über die Chaussee geht es in wenigen Minuten zurück zum Hafen – auch wenn der Weg ein paar Kilometer länger ist.

Hein Briester verliert kein Wort über Jürgens Malheur, obwohl die Schlammspuren ja nicht zu übersehen sind. Männern passiert schon mal so etwas.

„Ich bin vor einigen Wochen nachts auf der Heimfahrt von Emden auch vom Weg abgekommen“, ist seine einzige Bemerkung beim Anblick der total ruinierten Schuhe seines Fahrers.

Genau sechs Wochen sind verstrichen, seit er mit seiner Frau auf einer Familienfeier wegen einer ‚nebensächlichen Kleinigkeit’ aneinander geraten ist. Aus der nebensächlichen Kleinigkeit vom Nachmittag war dann auf dem Weg von Emden nach Hause, durch eine unbedachte Bemerkung von ihm, eine Tragödie geworden.

Am selben Abend noch ist seine Frau zu ihrer Tochter zurückgefahren, während er sich im Lindenkrug mit Bier und Köhm das Denken zugeschüttet hat. Nachts war ihm dann im Dunas an der gleichen Stelle ähnliches passiert. Davon hat aber Gott sei Dank niemand etwas erfahren, sonst wären sein Führerschein und sein Patent zum Teufel gewesen. Zumindest für eine Zeit lang.

Aus dem gleichen Grund erwähnt er es jetzt auch nicht, und hockt nur schweigsam auf dem Beifahrersitz in dem engen Führerhaus.

Viel reden mag der Käpten heute Morgen wohl nicht, denkt Jürgen völlig ahnungslos. Er kann das verstehen. Mit einem ausgewachsenen Kater im Nacken ist er selber auch selten gesprächig.

Dass Hein Briester noch durch etwas ganz anderes am flotten Sprücheklopfen gehindert wird, das kann Jürgen ja nun wirklich nicht wissen.

Er macht sich da auch überhaupt keine weiteren Gedanken drüber. Er denkt plötzlich an etwas ganz anderes. Hein Briesters Erwähnung des Ortes Emden hat die Erinnerung an eine ganz besondere Begegnung in ihm wachgerufen.

 

Die Stadt Emden gehörte normalerweise nicht zu seinem Kundendienstbereich. In Vertretung eines erkrankten Kollegen mußte er dort die Endmontage einer neuen Hotelküche überwachen. Er hat heute noch keine Erklärung für das was damals dann im Hotel passierte. Weder befand er sich im sexuellen Notstand, noch hatte ihn an dem Tage etwas besonders angetörnt. Es war einfach ein ganz normaler Feierabend gewesen, ohne Erwartung auf etwas Außergewöhnliches.

Er war nach einem echt anstrengenden Arbeitstag auf dem Weg zu seinem Zimmer auf dem Etagenflur einer jüngeren sehr weiblichen Bediensteten des Hauses begegnet – und so mir nichts dir nichts nach zwei Blicken mit ihr in einem Hotelzimmer gelandet. Die junge Frau schien sexuell förmlich ausgehungert. Noch während er die Tür hinter sich zu schließen versuchte, hatte sie sich schon halb ihrer Bluse entledigt.

Er hatte in den Minuten das Gefühl, sie wolle ihn vergewaltigen. Bevor sie jedoch das Bett erreichten ließ sie plötzlich von ihm ab, begann zu weinen und forderte ihn auf ihr Zimmer zu verlassen. Plötzlich erkannte er, daß sie zutiefst verzweifelt war.

Sein Versuch sie zu trösten, und vielleicht etwas über den Grund ihres Verhaltens zu erfahren, war kläglich gescheitert. Sie hatte nur ständig wieder-holt: „Gehen sie, lassen Sie mich allein, gehen Sie doch bitte …“

Er war gegangen. Den Gedanken nach unten zu gehen, und sich beim Portier am Empfang über die junge Frau schlau zu machen, setzte er nicht in die Tat um. Er würde für sie dadurch vielleicht noch zusätzliche Unannehmlichkeiten heraufbeschwören. Das wollte er auf keinen Fall. Vielleicht war er auch nur zu müde für irgendwelche Kalamitäten. Am nächsten Morgen hatte er für sich beschlossen die Sache vom Abend ganz schnell zu vergessen.

Einzig die Spuren ihrer Fingernägel auf seinem Rücken hatten die Erinnerung an dieses Ereignis noch eine Weile in ihm wach gehalten.

Es ist ihm allerdings immer noch ein Rätsel wieso so etwas geschehen konnte – zumal sie vorher nicht ein Wort miteinander gewechselt hatten. Es war wie der Zusammenprall zweier Sonnen gewesen. Sie waren sich niemals vorher begegnet und danach auch nicht wieder.

Das Ereignis war ganz tief in sein Unterbewusstsein gerutscht. Bis es dieses eine Wort aus Hein Briesters Mund unversehens wieder zum Leben erweckte.

Er wischt sich heftig mit der Hand über die Stirn, als wenn er den Film stoppen will der plötzlich an seinem inneren Auge abläuft.

 

Fünf Minuten später werden sie von einem erleichtert aufatmenden Tjark Blohm in Empfang genommen, und noch mal zehn Minuten später dreht die ‚Holtengast’ ihren Bug bereits in den Wind.

Trotz der Verspätung ist es ruhig an Bord. Die Fahrgäste nehmen die Verzögerung erstaunlich gelassen hin. Die Ruhe verzieht sich erst, als querab die ‚Südergast’ in Sicht kommt. Im Handumdrehen haben die Passagiere sich auf dem Oberdeck versammelt und drängen alle zur Steuerbordseite. Jeder will doch was sehen. So etwas kann man sich doch nicht entgehen lassen. Wer von den Fahrgästen einen Fotoapparat dabei hat, der knipst natürlich drauflos.

Das gestrandete Fährschiff liegt nämlich wie ein Seehund auf einer Sandbank – das kommt schließlich nicht alle Tage vor. Da hat man später wenigstens etwas Besonderes zu erzählen.

Die Holtengast bekommt durch die Gewichtsverlagerung leichte Schlagseite, so daß einige der Passagiere sich erschrocken nach Backbord verziehen.

Jürgen Köhnen hat sich gleich nach dem Ablegen in den unteren Salon verzogen, um für die Dauer der Überfahrt noch ein wenig in der vergangen Nacht zu verweilen. Er hat die Beine hochgelegt, und hält ganz einfach ein kleines Nickerchen.© ee

 

 

Heyersand IX

 

Auf der Höhe der ‚Südergast’ drosselt Hein Briester von der Brücke aus den Antrieb. Er erkundigt sich nach der Lage an Bord der Südergast und verständigt sich mit seinem Kollegen auf dem Schwesterschiff dahingehend, daß er nach dem absetzen der Passagiere und nach löschen der Ladung sofort wieder von der Insel zurückkehrt, um die Fahrgäste zu übernehmen. Es sind zwar zwei Bergungsschlepper im Anmarsch, um die Fähre bei auflaufendem Wasser wieder flott zu machen, aber das wird ja noch Stunden dauern. Die Reederei hat außerdem für das Abbergen der Passagiere und der Ladung vorsorglich einen Schlickrutscher von Greetsiel aus auf den Weg gebracht.

Der Verantwortliche auf der ‚Südergast’ hat in diesem Schlamassel aber nicht seinen Humor verloren, denn die Fahrgäste spielen auf dem festsitzenden Schiff derweil ‚hasch mich, ich bin der Frühling’.

Zwei von seinen Fahrgästen hätten allerdings vorsorglich ihren letzten Willen verfasst und von ihm besiegeln lassen, wie er Hein Briester zum Abschied noch wissen läßt.

Hein Briester läßt die Leute auf der „Südergast“ sich auf ihre Art die Aufregung und die Langeweile vertreiben, und rauscht derweil mit ‚volle Kraft voraus’ der Insel entgegen.

Ein wenig Zeit holt er damit zwar wieder auf, aber trotzdem dauert die Überfahrt wegen des extremen Niedrigwassers gut zwanzig Minuten länger als es normalerweise der Fall ist. Jürgen Köhnen in seinem Salonsessel unten im A-Deck ist es nur recht. Kann er dadurch doch noch ein wenig länger den schönen Dingen des Lebens hinterherträumen.

 

In Windeseile haben die Leute am Anleger der Insel das Schiff verlassen. Plötzlich hat es jeder eilig. Auf Jürgen Köhnen und sein Gepäck wartet auf dem Hafenplatz schon seit dem frühen Morgen ein reichlich genervter Hotelbediensteter.

In seiner bunten Uniform tigert er wie ein unruhiger Löwe im Käfig um seinen vergitterten Elektrokarren herum. Alle paar Minuten scheppert es nämlich in seiner Brusttasche. Der wütende Oberkoch aus der Hotelküche will dann jedesmal wissen, ob der verdammte Kahn mit dem Küchenklempner denn endlich in Sicht ist. Nach dem zehnten Mal fragen hat der bereits angejahrte Hoteldiener den aufdringlichen Knochen von Mobiltelefon mit einem kräftigen Schwung in das Hafenbecken befördert. Vom Hafengrund können jetzt die Plattfische dem Küchenchef Auskunft geben.

Die Stimmung in der Hotelküche ist, genau wie das Handy des Gepäckboys, irgendwo ganz unten gelandet. Es brodelt an der Front. Allzuviel darf nun nicht mehr schief gehen, damit der Kessel nicht doch noch platzt.

Bevor Jürgen Köhnen von Bord geht, reicht ihm der Stuart noch einen beschriebenen Zettel. Die Mitteilung darauf ist vom Käpten. Hein Briester lädt ihn für den Abend zu einem Gespräch in den ‚Lachenden Seehund’ ein. Die kleine Hafenkneipe am Ende der Pier hat den Wandel der Zeit überdauert. Sogar der Name ist unverändert geblieben.

 

Mit wehenden Fahnen geht’s nun erstmal in fliegender Hast zum ‚Phänomen’. ‚Phänomen – Ort der Stille’ heißt sinnigerweise das Hotel mit der nun schweigenden Küche und dem laut brodelnden Küchenchef. Das laute Brodeln ist beim Chefkoch allerdings die Ausnahme. Der Gute ist sonst die Ruhe selbst, der eigentlich nur auf Kälte empfindlich reagiert.

Die Vorstellung, den feinen Gästen des noblen Hauses am Mittag nur kalte Speisen anbieten zu können, hat ihn allerdings dem Siedepunkt sehr nahe gebracht. Die Küchenbrigade geht ihm deshalb seit Stunden respektvoll aus dem Weg.

Jürgen Köhnen gelingt es beim eintreten in die Küche allerdings nicht mehr, einem durch die frostige Luft fliegenden Päckchen Quark aus dem Wege zu gehen, das eigentlich dem Frühstückskellner zugedacht ist, der zum dritten Mal an diesem Morgen an der Küchenklappe laut und fröhlich gut durchgebratene Spiegeleier bestellt. Der Schichtkäse landet schwungvoll am falschen Kinn.

Jürgen rettet die Situation, indem er seinem lauten „Moin mitnanner“ ein unbekümmertes: „eine Quarkspeise wollt’ ich mir sowieso grad bestellen“ folgen läßt.

Durch das herzhafte Gelächter, das seine Reaktion bei der Mannschaft auslöst, hat sich im Nullkommanichts die gewittrige Atmosphäre aus der Küche verzogen.

Stattdessen ziehen nach nicht einmal dreißig Minuten schon die ersten Kochschwaden in Richtung Dunstabzug. Mit ihnen verschwinden auch die letzten Sorgenfalten, aus dem Gesicht des schon wieder lachenden Küchenchefs, in den Filteranlagen über den Herden. Ganz gegen das Reglement spendiert der sogar für jeden in der Küche ein kleines Gläschen Schampus.

Als Zugabe, und als kleine Erinnerung an diesen verworrenen Morgen, erhalten die Kochkünstler von Jürgen Köhnen noch ein, wieder völlig neu in das Sortiment der Firma Kochtopf & Co aufgenommenes, Küchengerät – einen handgeschnitzten hölzernen Kochlöffel. Nach gründlicher Überprüfung aller anderen Funktionen der Kochmaschinen dieser Essensschmiede verabschiedet sich Jürgen Köhnen aus dem ‚Phänomen’, das nun wieder als ‚Ort der Stille’ lautstark für seine warme Küche werben kann.

Nach einem guten Essen bei einem alten Freund nutzt er den Nachmittag für einige in Kürze sowieso fällig werdende Routineüberprüfungen anderer Inselküchen. Dadurch weist sein Arbeitsbericht für die Firma keine Lücken auf, wenn er für die Rückfahrt erst das Schiff am nächsten Morgen nimmt.

Den privaten Abend mit Hein Briester im ‚Lachenden Seehund’ will er sich nämlich nicht entgehen lassen.

Vielleicht ist es auch so, daß er endlich die Mauer zwischen sich und ‚Hein duk di’ einreißen möchte, die er in seiner Jugend als halbfertiger Erwachsener bedenkenlos mit errichtet hatte. Er hadert ein wenig mit sich, daß der Anstoß dazu nun von Hein Briester ausgegangen ist.

 

Dieses ‚mit sich hadern’ treibt ihn am späten Nachmittag scheinbar ziellos über die Insel. Er sucht die Orte und Plätze auf, die für ihn besonders stark mit seinen Erinnerungen verbunden sind. Er umkreist ein paar Mal den Zeltplatz am Rande des Argonnerwäldchens. Von dem Zeltplatz, so wie er ihn aus seiner Jugend kennt, ist fast nichts geblieben.

Die Anlage hat sich zum modernen Campingplatz gemausert, auf dem der Rastende alles das wiederfindet, vor dem er von zuhause vielleicht gerade Reißaus genommen hat. Versteh noch einer die Menschen. Lagerfeuerromantik und Petroleumlicht ist nicht mehr. Zelte sieht er auch nur noch wenige. Das Areal ist mit Mobilheimen bestückt, in die sich die Gäste einmieten können. Überall blinkern und blenkern bunte Lichterketten zwischen den Wohnwagen, und moderne Grillgeräte verbreiten exotische Gerüche in der Abendluft. Bläuliches flimmern aus den Fensteröffnungen der blechernen Wohnkisten zeigt, daß die Fernseher drinnen laufen.

Überlautes Gedudel aus Musikmaschinen kräuselt sich in seinen Ohren. Er schüttelt sich unwillig, als ob sich das Bild dadurch wandeln würde.

Etwas abseits der Freizeiteinrichtung läßt ihn der Anblick einer kleinen, von niederen Sanddornbüschen umstandenen Mulde den Schritt verhalten. In der Rinde einer alten Kiefer ist noch schwach, ganz groß und verwachsen, ein Herz mit einem Pfeil und den Buchstaben A + J zu erkennen. Unversehens sitzt er im Sand, und meint Anita neben sich zu fühlen. Er kann sogar ihren Duft riechen.

Es ist genau wie damals – vor vierzig Jahren.

Er hat den Platz wiedergefunden, an dem sie beide ihre ‚Jungfräulichkeit’ verloren.© ee 

 

Heyersand X

 

„Hallo, junger Mann … hallo …!“

Jürgen scheint ganz weit weg zu sein, denn erst beim zweiten Mal reagiert er auf den Ruf der Gestalt in der schlichten Uniform.

„Haben Sie die Schilder nicht gesehen? In den geschützten Gebieten dürfen Sie die Wege …..“

Der Sprecher bricht mitten im Satz ab und steht mit offenem Munde wie ein arabischer Ölgötze auf dem Rand der Senke.

„Mensch …. Jürgen …..Jürgen, Du altes Haus“, bringt er endlich heraus. „Ich bin es … Robby!“

Jürgen, der sich, knatschig über die Störung, unwillig schon halb erhoben hatte, plumpst rückwärts wieder in den Sand, und schaut verstört hoch

Er hätte in diesem Brocken von Kerl seinen Freund aus Jugendtagen niemals wiedererkannt. Zumal der Vollbart und die ungewöhnliche Bekleidung dazu beitragen, den Mann, der jetzt zu ihm in die Kuhle steigt, für einen völlig Fremden zu halten.

Der vor ihm stehende Klotz zieht ihn mit einer Hand in den Stand, um ihn gleich darauf mit der Kraft eines Schraubstockes zu umarmen.

„Mensch Junge … ist das eine Freude, Dich hier  wiederzusehen.“

Jürgen fühlt an seiner Wange so ein bisschen den Bart des Freundes feucht werden.

Als Robby Jürgen loslässt, wischt er sich ungeniert mit der Hand über die Augen.

„Du weißt ja, in manchen Dingen war ich schon immer eine Heulsuse.“

So wie Robby es sagt, klingt es nicht nach einer Entschuldigung für seine Tränen. Es ist einfach die Feststellung einer Tatsache.

Er braucht sich auch nicht zu rechtfertigen – Jürgen spürt nämlich in den Augenwinkeln, daß es ihm selber nicht anders ergeht.

Mit hängenden Armen stehen die beiden Männer sich ein paar Minuten schweigend gegenüber, als ob sie alleine auf der Welt wären, und die Jahre zwischen Damals und Heute einfach aus der Zeit geschnitten sind.

Als die beiden ihre Gefühle wieder eingefangen haben, und den Weg in Richtung Ortsmitte einschlagen, geht es natürlich los mit dem erzählen der jeweiligen Geschichte.

Robby ist damals nach anfänglichen Schwierigkeiten in der neuen Umgebung zwischen den finnischen Seen ganz schnell mehr als heimisch geworden.

War ihm die Einsamkeit in den nordischen Weiten zuerst auch etwas zu groß geraten, dem Gefühl von Alleinsein wuchsen denn doch keine allzu mächtigen Flügel.

Das grau in graue Häuserdickicht und die Trümmerfelder seiner Heimatstadt hatte er schnell vergessen.

Dem Klapperstorch hatte es bei seinem ersten Besuch nämlich so gut bei ihnen gefallen, daß er noch siebenmal in Folge, auf seinem Zug ins Winterquartier, bei ihnen halt machte, um ein neues Kind abzuliefern. Seine Körty hat ihm nach dem ersten noch sieben Mal weiteren Familienzuwachs geschenkt. Da war ganz schnell nix mehr mit zu wenig Gesellschaft.

„Körty hat anfangs immer nur von einem Kind gesprochen, aber als unser Inselkind da war, hat sie schon auf die nächste Geburt hingefiebert. Das Kinderkriegen ist dann bei ihr zu einer liebenswerten Gewohnheit geworden.“

Robby ist beim denken an die vielen Kleinen rein ins Schwärmen geraten.

Als wenn er Jürgen gegenüber einen Verdacht ausräumen muß, sagt er mit einem verschwörerischen Blitzen in den Augen:

„Mir selbst hat aber auch nicht nur die Machart Freude bereitet – die fertigen Produkte erfreuen mich heut noch ebenso.“

Irgendwie fühlen sich die beiden in ihre Jugendzeit zurückversetzt.

Mittlerweile hat sich Robbys und Körtys Nachwuchs über das weite Finnland ausgebreitet, und schon zwanzig Enkel für die Großfamilie hinzuproduziert.

Das Land und seine Bewohner scheinen sehr fruchtbar zu sein

 

Die Landwirtschaft der Großeltern haben Körty und Robby nach deren Tod aufgegeben. Wo der Großvater einst ackerte hat heute die Natur wieder das Sagen.

Die ertragreiche Fischerei hat sich dagegen im Laufe der Jahre gemausert. Robbys exzellente Kenntnisse in Biologie, die ihn schon auf der Oberschule auszeichneten, haben nicht unwesentlich dazu beigetragen. Robby hatte von jeher goldene Hände im Umgang mit allem, was mit Leben und Natur zusammenhing. Da brauchte die große Kinderschar denn auch niemanden verwundern.

Drei seiner Söhne führen jetzt gemeinsam das Regiment über die ausgedehnten Edelfischzüchtereien, die aus Körtys großelterlichem Betrieb hervorgegangen sind.

„Nachdem ich nicht mehr jeden Tag in allen Ecken nach dem Rechten sehen muß, haben wir uns einen Traum erfüllt – nämlich die Rückkehr an den Ursprung unserer Liebe.“

Ein paar Atemzüge lang schweigt der große Kerl an Jürgens Seite.

„Um ehrlich zu sein – unsere älteste Tochter hat uns so ein bißchen dazu getrieben. Sie wollte den Platz kennenlernen, an dem ihre Eltern sie gezeugt haben. Körty und sie haben, ohne mich zu fragen, einfach alles in die Wege geleitet. “

Er kann sich nicht enthalten, hinterher zu schieben:

„Sie haben es aber gut gemacht“.

Robby hat mitbekommen, daß Jürgen ihn schon ein paarmal von der Seite her aufmerksam musterte. Was Wunder aber auch – Urlauber sind in der Regel anders gekleidet.

„Stört Dich etwas an meiner Aufmachung?“

schmunzelt er zu seinem Freund hinüber.

„Nein, nein … nur … Du siehst so… so amtlich aus …“ Jürgen fühlt sich ertappt, und weiß nicht so recht, wie er sich ausdrücken soll.

„Na, auf jeden Fall siehst Du nicht aus wie ein gewöhnlicher Kurgast, oder ein verspäteter Flitterwöchner.“

Robby lacht laut auf.

„Ich trage meine finnische Uniform. Das ist bei uns die Dienstkleidung der ehrenamtlichen Ranger, zu denen ich gehöre.“

Er erwähnt mit keinem Wort, daß er der Kommodore aller finnischen Ranger ist, und daß sie hier im offiziellen Gästehaus der Kurverwaltung logieren. Angeberei kann er nämlich auch heute noch nicht leiden.

 Es hat sich überraschend so ergeben, daß ich meine Erfahrungen von Zuhause hier einbringen darf.“

Wie selbstverständlich kommt ihm dieses ‚von Zuhause’ über die Lippen.

Jürgen Köhnen registriert im Moment nicht so recht, was sein Freund ihm erzählt.

Seine Gedanken schweifen immer wieder ab, und eilen in den Abend voraus. Das Treffen mit Hein Briester im ‚lachenden Seehund’ beschäftigt ihn unaufhörlich.

Durch die überraschende Frage seines Freundes nach Anita, und seine Äußerung,

„ich habe die ganzen Jahre angenommen, ihr beide seid glücklich verheiratet“,

ist der Gedankenwirrwarr in seinem Kopf nur noch größer geworden.

„Nee … sind wir nicht … konnten wir ja nicht … sie war ja dann nicht mehr da… aber wieso hast Du das geglaubt?“

Jürgen Köhnen stammelt wie ein ertappter Sünder herum, und fühlt sich unversehens in ein dichtes Nebelfeld versetzt.© ee 

 

 

Heyersand XI

 

„Na, alter Junge… weil Anita in dem Sommer doch genauso schwanger von Dir war, wie Körty von mir, als wir uns auf den Weg nach Finnland machten.“

Aus dem dichten Nebelfeld ist plötzlich ein schwarzer Raum geworden, in dem er mit Pudding in den Knien verzweifelt nach dem Ausgang sucht.

„Anita war schwanger ….? Von miiiiiiiir …?“

Verblüffung macht sich in Robbys Gesicht breit.

„Du warst doch ihr erster Mann, wie Du selbst immer stolz gesagt hast … und intensiv genug habt ihr es ja miteinander getrieben. Wir anderen haben Dich so manchesmal beneidet, wenn Du Dich mit der strahlenden Anita in Eure Kuhle verzogen hast. Die Freude die ihr miteinander hattet konnten wir ja immer deutlich genug hören.

Diejenigen von uns die nicht so gut dran waren, die hatten dann in ihren Schlafsäcken reichlich mit sich selbst zu tun. Es war oft schon ganz schön lebendig im Zelt.“

Robby schweigt ein Weilchen, bevor er noch erklärend anhängt:

„Du hast davon aber ja nie etwas mitbekommen.“

Ungläubig starrt Jürgen bei Robbys Worten den Jugendfreund an. Der starrt genauso ungläubig zurück – „und Du hast nichts davon gewusst, daß Du Deinem Mädchen ein Kind gemacht hast?“

Ein Kloß scheint in seinem Hals festzusitzen.

 „Verdammt noch mal – da schein’ ich ja schön was angerichtet zu haben.“

„Nee, nee – laß man …. laß man gut sein …“

trotzdem lehnt Jürgen sich leicht an des Freundes Schulter.

Der Kopf steht ihm gar nicht mehr nach einem Klönabend im ‚lachenden Seehund’. Er möchte sich jetzt am liebsten irgendwo verkriechen, und sich bis zur Besinnungslosigkeit besaufen.

Er hat Hein Briester aber nun einmal zugesagt zu kommen. Vielleicht bringt es ihn auch auf andere Gedanken, wenn wenigstens er ihr schusseliges Verhalten in der Jungmännerzeit ‚Hein duk di’ gegenüber bekennt, und versucht es auszubügeln.

 

In seinem Kopf dreht sich alles wie auf einem Karussell. Es drängt Jürgen, Robby von seiner Verabredung im ‚lachenden Seehund’ zu erzählen, und er ist irgendwie froh darüber, dass sein alter Schulfreund ihm spontan seine Begleitung anbietet. So braucht er sich nachher wenigstens nicht alleine ent-schuldigen – und vielleicht auch nachher nicht einsam seinen Kummer zu ertränken.

Vorher benötigt er aber noch ein bißchen Zeit für sich. Er muß erst mal alleine sein inneres Chaos aufklaren. Ein warmes Schaumbad soll ihm dabei behilflich sein.

Mit der Zusage Robbys, ihn in zwei Stunden von der ‚Strandlust’ abzuholen, verabschieden sich die beiden Freunde.

Bevor sie auseinander gehen, erfährt Jürgen noch, daß Körty und Nora, so haben sie ihr Inselkind damals genannt, für drei Tage nach Holland rüber sind. Sie wollen dort die Gräber ihrer verstorbenen Angehörigen besuchen.

„Ich werd’ Körty gleich erzählen, daß wir uns getroffen haben – in einer halben Stunde ruft sie nämlich an“

ist das letzte, was Jürgen noch von seinem Freund hört, bevor sich die Tür der gemütlichen Pension hinter ihm schließt.

Er hat sogar noch etwas mehr als eine Stunde Zeit fürs Bad, um sich dann rechtzeitig für die Verabredung landfein zu machen.

Während die Wanne sich langsam mit Wasser füllt, legt er sich seine Garderobe schon zurecht.

Besinnlich steigt er in das verlockende Nass, und genießt es, schwerelos und ohne Regung im Wasser zu liegen.

Wie ein buntes Perlenband laufen die Erinnerungsbilder von rückwärts durch seine Gefühle.

Es ist nicht die Menge an weiblichen Gesichtern die vor ihm auf- und wieder abtauchen. Die Anzahl der Frauen, die in seinem Leben eine Rolle spielten, ist überschaubar geblieben.

Mit dem Ruf ein Frauenheld zu sein, hat er sich nie schmücken können. Weder als schlaksiger junger Bursche noch als gestandenes Mannsbild. Irgendwie war ein Riegel davor, der ihn daran hinderte, durch diese Tür zu gehen.

Plötzlich merkt er, daß ein Gesicht aus der Vergangenheit immer wieder vor seinem geistigen Auge auftaucht. In seinem Buch der Sehnsucht scheint sich nur noch ein Bild zu befinden, gleich welche Seite er auch aufschlägt.

Alle anderen Gesichter und Erinnerungen sind plötzlich verblasst.

Es zeigt ein Mädchen mit langen blonden Haaren, die wie spielerisch vom Wind über die Seiten geweht werden.

Es ist Anita, wie er sie damals so sehr liebte. Plötzlich weiß er, warum er die vielen lukrativen beruflichen Angebote, die ihn oft dauerhaft ins Ausland geführt hätten, immer wieder abgelehnt hat.

Anita und die Insel haben ihn nie losgelassen. Unsichtbare Bande fesseln ihn seither an die Region.

Im Moment, als ihm das klar wird, meint er Anita neben sich zu fühlen. Er spürt körperlich ihr Bemühen, ihm etwas mitteilen zu wollen.

Mit Dingen wie Esoterik oder Gedankenübertragung hat er sich nie sonderlich abgegeben. In seiner Welt der nüchternen logischen Technik war für so etwas kein Platz. Was nicht mit dem Rechenschieber berechnet, durch Formeln erklärt, oder sichtbar zu Papier gebracht werden konnte, das hatte er immer ein wenig belächelt, wenn andere sich damit beschäftigten.

Zweifel ob der Richtigkeit seines Handelns kriecht angesichts der heftigen unsichtbaren Kontakte in sein Denken, und lässt es in einen unruhigen Schlummer sinken.

 

Ein schreckliches Plärren holt ihn in die Gegenwart zurück. Die Rassel des Telefons auf der Bettkonsole hat angeschlagen.

Ist er doch tatsächlich mit seinen Gedanken an damals in der Badewanne eingeschlafen. Die Größe und Härte seines Penis macht ihm klar, daß das Denken wohl sehr intensiv gewesen sein muß. Als das Telefon erneut anschlägt schreckt er verstört hoch – und stößt heftig mit dem Knie unter den Wanneneinlauf.

„Verdammter Schiet“ entfährt es ihm unwillig, „die könnten sich hier im Hause auch langsam eine gastfreundlichere Technik zulegen.“

 

Unbekleidet und naß wie er ist, hüpft er mit auf- und abwippendem Glied und schmerzendem Knie zum Telefon. Auf sein leicht brummiges: “Was ist denn ….?“ erfährt er von der Empfangsdame, daß an der Rezeption ein Herr Brodersen schon seit einer Viertelstunde ziemlich ungeduldig auf das Erscheinen eines gewissen Herrn Köhnen warte.

Wahrscheinlich durch seinen etwas schroffen Ton verärgert, säuselt ihre Stimme leicht pikiert aus der Membrane.

Oh Gott – die Uhr im Radiowecker zeigt ihm, daß er doch glatt die Zeit verpennt hat.

Schon wieder freundlicher gestimmt, kann er es sich nicht verkneifen, zu sagen:

„Ich bitte Herrn Brodersen zu mir herauf. Ich bin zwar gerade erst aus der Wanne gestiegen, aber der Herr hat mich schon mal im Adamskostüm gesehen. Er wird also bei meinem Anblick nicht gleich in Ohnmacht fallen.“

Von seiner ‚Traumlatte’ erwähnt er ihr gegenüber lieber nichts. Den dann unweigerlichen fälligen Kommentar von ihr will er sich nun doch ersparen

Außerdem weiß er, daß die Gute ja nichts dafür kann, daß er in der Wanne weggeknickt ist, und für den schrecklichen Signalgeber im Telefon kann sie auch nichts. Die Empfangsdame verdient ja schließlich auch nur ihre Brötchen in der mit Mahagoni getäfelten Portiersloge an der Eingangstür.

Verteufelt hübsch ist sie übrigens, die stramme Mittvierzigerin, und daß sie ebenso schlagfertig ist, wie ihre weiblichen Rundungen rund sind, beweist sogleich ihre Antwort:

„Da hat der Herr ja ein ausgesprochenes Pech, daß er keine Dame ist.“

Er kann ihr inneres Lachen förmlich sehen. Vielleicht spürt sie sogar seine Erregung. Sie kann es sich aber erlauben, denn eine Weile waren sie beide sich sehr nah gewesen.

Seitdem er Patrizia kannte, hatten sie sich aber nicht mehr miteinander vergnügt. Das wäre einfach zuviel für ihn gewesen.

 

Wenn er ehrlich zu sich ist – ab und an schafft er das schon mal – dann hat er sich diese Erklärung nachträglich selbst für sein angekratztes Ego zurechtgezimmert. In Wahrheit hatte sie sich nämlich deutlich dagegen verwahrt, für ihn der Ersatzfeuerlöscher für seine Gefühlsbrände zu sein, wenn Patrizia nicht in erreichbarer Nähe war.

Sie war nicht eifersüchtig auf die lebenslustige Wirtin, aber ihre Zahnbürste teilte sie sich ja auch nicht mit einer anderen Frau.

Nach einem wunderschönen Champagnerabend im Piquer, der in seiner Erwartung eigentlich in ihrer kleinen schnuckeligen Wohnung in eine prickelnde Liebesnacht übergehen sollte, hatte sie ihn vor der Tür plötzlich aufgefordert zu gehen.

 

Der Satz, mit dem sie ihm das unmissverständlich klarmachte, hängt ihm Heute noch wie ein blitzender Ring in den Ohren.

„Deinen strammen Flitzer mußt Du in Zukunft woanders parken, mein Lieber. Mein Schätzchen ist nämlich nur Einstellplatz für einen soliden Dauermieter.“

Dabei hatte sie sich geschickt aus seiner Umarmung gedreht, und ihm die Tür zu ihrem kleinen Reich vor der Nase zugeschlagen.

Das hatte ihn schon sehr ernüchtert, und ihn eine Zeitlang, während seiner Einsätze auf der Insel, in einem anderen Hotel nächtigen lassen.

Irgendwann später, nach einer zufälligen Begegnung, war dann aus ihrer so abrupt beendeten körperlichen Beziehung, eine Freundschaft fast ohne erotischen Hintergrund geworden. Ihr Umgang miteinander war nicht mehr vom prickeln eines edlen Champagners geprägt, sondern er war eher zu einem stillem Wasser geworden.

Seitdem wohnt er wieder hier im Hause, wenn die Arbeit ihn auf das Eiland treibt. Wenn sie sich begegnen, dann denkt er allerdings manchmal mit ein wenig Wehmut an den rotlockigen Hügel und die betörenden Lippen zwischen ihren griffigen Schenkeln. Sein ‚Oldtimer’ würde sich in diesem ‚Einstellplatz’ mit Sicherheit immer noch sehr wohl fühlen.

Es ist ihm dann, als wenn er sich an ein schönes Fest erinnert.© ee 

 

Heyersand XII

 

Obwohl sein Glied inzwischen die Erregung abgelegt hat, trägt er bei Robbys Eintritt ins Zimmer aber doch einen flauschigen Morgenmantel. Die kühle Luft nach dem warmen Badewasser hat ihm nämlich eine Gänsehaut beschert.

Robby würde seinem Freund noch gerne einiges erklären, und gleichzeitig unheimlich viele Fragen loswerden, aber dafür ist nicht mehr die Zeit – in fünf Minuten ist es halb Acht.

 Irgendwann im Laufe des Abends wird er das alles zur Bearbeitung wohl noch an die Wand hängen können.

 

Als die beiden mittelalten Herren wie zwei unternehmungslustige Abenteurer, an der Portiersloge vorbei, durch die Drehtür nach draußen segeln, heftet sich dann doch ein bedeutungsvoller Blick der Empfangsdame wie ein warmer Südwind an ihre Fersen.

 

Nach zehn Minuten haben Jürgen und Robby den Hafenplatz, und damit ihr Ziel erreicht. Beim Eintritt in die Schänke, mit dem leicht verwitterten steinernen Seehund an der Fassade, stockt ihnen doch ein wenig der Atem. Es kommt ihnen vor, als ob die Zeit stehen geblieben sei. Der Wirt des ‚Lachenden Seehund’ – es steht noch immer der knorrige Charakterkopf von damals hinter der Theke – hat den lange der Zeit entrückten Charme der Mittfünfziger Jahre in seiner Kneipe bewahrt. Sein Lokal ist dadurch über die Insel hinaus zu einem Kultobjekt geworden. Nicht nur junge Leute kommen an den Wochenenden von den Nachbarinseln und dem Festland extra seinetwegen herüber.

Der Schankraum ist heute Abend wieder einmal rappelvoll. Wenn Hein Briester nicht vorsorglich einen Tisch für sie reserviert hätte, hätten sie – wie damals auch so häufig – mit einem Stehplatz am Tresen vorlieb nehmen müssen.

„Genau noch wie vor vierzig Jahren“. Robby hat diesen Satz nur flüsternd herausgebracht, als wenn ein laut von ihnen gesprochenes Wort den Zauber um sie herum zerstören würde.

Als sie sich kurz entschlossen in das Menschenknäuel hineinbewegen, stößt Jürgen nach zwei Schritten um ein Haar mit einer vollen Ladung Gläser zusammen.

Der Schankkellner, der den schweren Servierschlitten souverän durch das Gedränge laviert, ist auch noch der gleiche Bediener wie vor vierzig Jahren.

Fritzens große stattliche Gestalt ist mittlerweile nur ein wenig gebeugt von der Last des Alters.

67 ist er zur Jahreswende geworden, wie sie später von ihm erfahren. Er versieht noch täglich seinen Dienst in der verräucherten Kneipe.

Im Moment des Fastzusammenstoßes macht er aber nur große Augen, und bringt ein überraschtes: „Häee… das gibt es doch nicht …“ heraus.

Alzheimer und Demenz scheinen noch weit von ihm entfernt zu sein. Seinem Erstaunensruf folgt nämlich sofort ein freudiges

„Robby und Jürgen – die beiden Mädchenverrücktmacher aus Hamburg …“

Auf das Erstaunen der beiden Freunde, nach so langer Zeit wiedererkannt zu werden, sagt er nur lapidar:

„Wer könnte Euch schon vergessen …“

um dann im weggehen noch zu ergänzen

„übrigens – vor ein paar Jährchen hat sich eine schmucke junge Frau auf der Insel nach einem Jürgen Köhnen erkundigt. Ich kann Euch allerdings nicht sagen wer sie war.“

Sein Personengedächtnis scheint so groß und zuverlässig  wie das Rechenzentrum einer Mondfähre – und genauso vollgepackt mit Informationen scheint es auch noch zu sein.

Nachdem das schwankende Tablett wieder ausbalanciert und auf dem nächsten Tisch in Sicherheit ist gibt es eine herzliche Umarmung.

Fritze hat keine Hemmungen, auf diese, für norddeutsche Männer eigentlich untypische Art, seine Wiedersehensfreude zu zeigen.

Endlich wieder zu Atem gekommen, fragt Jürgen Fritz nach Hein Briester.

„Wir sind nämlich für halb Acht mit ihm hier verabredet.“

Der Ober der alten Schule kann es sich nicht verkneifen, demonstrativ einen Seitenblick auf den Regulator an der Buffetwand zu werfen.

Ein Pünktlichkeitsfanatiker war er vor fast einem halben Jahrhundert auch schon. Auch daran hat sich also nichts geändert. Nur sagen sagt er zu den 20 Minuten Verspätung nichts. Dafür spricht sein Blick dann Bände.

„Hein duk di sitzt schon seit einer Stunde im Klubzimmer. Er braucht heute Abend Ruhe, für sich und seinen Gast, hat er mir gesagt.“

Irgendwie tut sein Gesichtsausdruck kund, daß er, Fritz, diesen Wunsch nicht so ganz verstanden hat, da Hein sonst am liebsten zwischen den anderen Gästen am Tresen sitzt, wenn ihn der Fahrplan die Nacht über auf der Insel festhält.

Bis vor ein paar Wochen wäre dann hin und wieder seine Frau dabei gewesen. In der letzten Zeit sei er allerdings stets alleine. Über den Grund dafür habe er aber bisher nichts verlauten lassen.

Man weiß bei dem alten Recken nicht ob ihn seine Unkenntnis, oder das was er weiß nicht alles sagen zu können betrübt. Fritz ist also immer noch Nachrichtenbörse Nummer eins.

Die Kurzinformationen haben sie von dem alten Haudegen schon im Schnelldurchlauf bekommen, bevor er sagt:

„Geht man schon hin, ich bring Euch gleich drei Bier …“ – „und drei doppelte Schlüpferstürmer“

ergänzt Robby noch schnell die Zusage Fritzens auf prompte Lieferung der Getränke.

Sie sehen zwar später auf der Karte, daß es im ‚lachenden Seehund’ kein Getränk mit dieser anzüglichen Bezeichnung mehr gibt, aber Fritz hat ihnen trotzdem den Lieblingsmix ihrer Jugendjahre serviert.

Bei ihm ist er offenbar auch nicht in Vergessenheit geraten.© ee

 

 

Heyersand XIII

 

Die beiden sind froh daß das Stimmengewirr schwächer wird, als sich die schwere Eichentür hinter ihnen schließt.

Die Stühle in dem lang gestreckten Raum sind von älteren Gästen besetzt. Es sind hier fast ebenso viele Leute anwesend, wie im vorderen Schankraum, nur das hier niemand von den Gästen steht.

Der Geräuschpegel ist allerdings um einiges niedriger. Nur der Käpten sitzt alleine an einem Ecktisch, und ist intensiv mit seiner kurzen Stummelpfeife beschäftigt. Die Reste auf der Fischplatte vor ihm bedeuten, daß er sich kurz zuvor einen toten Außenbordskameraden, garniert mit Bratkartoffeln, zu Gemüte geführt hat.

Die riesige Musikbox, die einst rechts neben der Tür die ganze Wand einnahm, dieist nicht mehr da. An der Stelle steht jetzt ein originalgetreues Modell des alten Leuchtturms. Sonst hat sich aber auch im Clubzimmer nichts verändert. Sogar das Linoleum auf dem Fußboden, und die Salubratapeten an den Wänden haben die Zeit überdauert.

Während sie noch auf den Ecktisch zugehen, erhebt Hein Briester sich schon von seinem Stuhl, begrüßt Jürgen und Robby mit festem Händedruck, und lädt sie ein sich zu ihm zu setzen. Auch der Händedruck ist nicht anders geworden. Sie fürchteten als junge Spunde schon, daß er mit der Kraft seiner Pranken ihnen die Finger quetschen würde.

Ihre Hintern haben noch gar nicht recht das Polster der Sitzflächen berührt, da ist auch schon das Geschirr weggeräumt, und die Getränke stehen vor ihnen.

Der alte Fritz ist immer noch schnell wie ein geölter Blitz.

Das frische Bier und der gut gekühlte ‚Schlüpferstürmer’ helfen ihnen ihre leichte Befangenheit abzuschütteln und lassen die ersten Worte zögernd über die weiß gescheuerte Tischplatte schwingen.

Das leichte Geplänkel zwischen den Dreien über dies und das bekommt aber gar keine Gelegenheit erwachsen zu werden.

Hein Briester zeigt Jürgen und Robby, daß Drumherumreden auch nach so langer Zeit immer noch nicht sein Ding ist.

Noch bevor sie sich das zweite Glas Bier zur Brust genommen haben, zieht der Käpten mit der lapidaren Bemerkung:

„Ich hab hier etwas für Dich …“

einen Umschlag aus seiner Rocktasche, und reicht ihn Jürgen über den Tisch.

Der so angesprochene weiß nicht recht, wie er sich verhalten soll. Was hat Hein Briester da in petto? Er greift zögernd nach dem leicht angeknitterten Papier, und hält den braunen Umschlag wie etwas in seinen Händen, das er gerade irgendwo gefunden hat, und nun überlegt, was er damit anstellen soll.

‚Hein duk di’ beschäftigt sich indes intensiv mit seinem Bierglas. Ein stiller Beobachter könnte fast meinen, der große Kerl da in der Ecke wäre ein Außerirdischer, dem ein Erdling zum ersten Mal so ein durchsichtiges Ding in die Hand gedrückt hätte. Einzig Robby kann vor Neugierde nicht an sich halten.

„Nun zier Dich nicht so, und guck schon rein.“

Dabei stößt er Jürgen leicht mit dem Ellenbogen an, was der aber gar nicht zu bemerken scheint.

Erst als Hein Briester verhalten sagt er hätte nicht bis zum Morgen Zeit, weil er die Nachtfähre zum Festland bringen müsse, öffnet Jürgen mit lahmen Fingern das Kuvert.

Es kommt ihm vor, als wenn jemand von ihm verlangt, er solle mit einem gusseisernen Kanaldeckel Diskuswerfen veranstalten.

Aus einem gefalteten Briefbogen heraus fällt vor ihm, mit dem Rücken nach oben, ein Bild auf den Fußboden.

Als er sich danach bückt, das Bild aufhebt und umdreht, versinkt im gleichen Moment der Raum um ihn herum in nachtdunkle Schwärze.

Konturenscharf, wie im Okular eines Feldstechers, sieht er nur die beiden Gestalten auf dem Foto.

Ein jungmädchenhaftes Frauengesicht, von wehenden blonden Haaren eingerahmt, lacht ihn an. Auf dem Arm trägt diese Frau ein kleines Mädchen. Es ist im Grunde ein Gesicht aus zwei Lebensabschnitten. Es sind unverkennbar Mutter und Tochter, denen er direkt in die strahlenden Augen schaut. Das ältere Gesicht scheint in dem Jüngeren wiedergeboren zu sein.

Tonlose Stille wirbelt um die Männer in dem kleinen Raum herum, die plötzlich mit Getöse in sich zusammenbricht, als Hein Briester leise sagt:

„Das ist meine Frau – zwei Jahre nachdem wir geheiratet hatten, und …..“

– er bricht den Satz ab, als wenn er nicht weiterwüsste. Ein tiefer Atemzug ist deutlich zu hören, bevor er ihn vollendet – „die Tochter“.

Hein Briesters gepreßtes ‚die Tochter’ hat Jürgen Köhnen blitzartig die Vergangenheit erhellt.

Auch ohne dass er die Worte auf dem Papier gelesen hat, weiß er plötzlich glasklar, wohin Anita damals in ihrer Not geflüchtet ist, und daß ‚die Tochter’ seine Tochter ist.

Jürgen merkt nicht, daß ihm unaufhörlich Tränen übers Gesicht laufen – er presst nur mit verkrampften Fingern das Bild der Frau mit ihrem Kind an seine Brust.

Seine Glieder zittern, als wenn ein höllischer Sturm an ihnen zerrt.

Das Zittern läßt erst nach, als Hein Briester sich neben ihn setzt, ihn tröstend umarmt, und ihn an sich zieht.

‚Hein duk di’ tut in diesem Augenblick etwas, das unter friesischen Männern wohl eher selten vorkommt – er teilt für jeden sichtbar sein persönliches Leid mit dem Schicksal eines anderen Mannes.

Als wenn jemand Gütiges dafür gesorgt hat, befinden sich die drei Mannsleut in diesen Minuten alleine im Klubzimmer.

Die Zeit scheint für eine Weile den Schritt zu verhalten, denn selbst die leisen Tritte der sonst stetig hastenden Sekunden sind nicht zu vernehmen.

Robby entsteigt als erster dem zeitlosen Kabinett der lastenden Stille.

„Dann ist Anita also damals Deine Frau geworden.“

Es ist wohl keine Frage, sondern eher eine nüchterne Feststellung, die plötzlich wie ein irdener Fels im Raum steht.

Sie ist wie eine rettende Insel im wirrenden Meer der Gefühle für die schiffbrüchigen Gemüter.

Plötzlich haben die Männer wieder festen Grund unter den Füßen.

„Jaaa …“

– wie ein gedehntes Band hängt dieses Ja zwischen den Dreien.

Wie eine Sturmbö bricht das Erkennen über Jürgen herein. Es war seine Schuld. Sie war schwanger – und er war für sie unerreichbar.

Sie kannte von Robby ja nur die Adresse von der nichts zurückkam. Jürgen selber hatte ihr aus Furcht vor seiner Großmutter – bei der er ja lebte – nie seine Anschrift genannt. Die Großmutter nahm ihm auch die harmlosesten Kontakte mit Mädchen stets übel. Sie hatte ihren Enkel in der Bombennacht aus dem brennenden Keller gerettet – er war das Einzige, was ihr nach diesem schrecklichen Luftangriff auf Hamburg von ihrer Familie geblieben war. Das sollte ihr kein anderer Mensch wegnehmen. Und er hatte sich ihrem Anspruch stets widerspruchslos gefügt.

„Scheiß Krieg, scheiß Leben“

sagt Jürgen mit rauher Stimme in die schmerzende Stille hinein. Ihm ist gar nicht bewusst geworden, dass er laut gedacht hat.

Wegen seiner damaligen Feigheit kriecht ihm ein galliger Geschmack die Speiseröhre hoch, als Hein endlich weiter spricht.

„Ja, ich habe Anita geheiratet – weil ich sie schon vom ersten Sehen an liebte. Das war lange bevor eure ausgehungerte Großstadtpfadfindertruppe zum ersten Mal in unsere Welt eingefallen ist.“

Er benutzt diese Worte nicht als Vorwurf – sondern Bedauern ist deutlich aus ihnen herauszuhören. © ee

 

 

Heyersand XIV

 

„Mit Euch geschniegelten jungen Kerlen aus der Stadt konnte ich da natürlich nicht mithalten.“

An seinen einfachen Gesten ist zu erkennen, was er damit meint.

„Ihr wart alle auf der höheren Schule …. und ich Döspaddel hatte man mit Ach und Krach die Dorfschule hinter mich gebracht.“

Die Überwindung, die ihm dieses Eingeständnis kostet ist greifbar zu spüren.

„Die Jahre im Waisenhaus waren für mich nämlich kein Zuckerschlecken gewesen.“

Die beiden erfahren, dass Heins Eltern noch kurz vor Kriegsende zum Tode verurteilt und hingerichtet wurden. Sie hatten eine entflohene polnische Zwangsarbeiterin zwei Jahre auf ihrem Hof vor den politischen Häschern versteckt gehalten. Haus und Grund waren wegen ihrer ‚Tat’ dem Staat zugefallen und billig einem Parteibonzen aus dem Dorf zugeschoben worden. Hein hatte später mit Hilfe fremder Anwälte lange um eine Entschädigung kämpfen müssen. Die Richter, die über seine Eltern den Todesspruch fällten, standen bei ihrer Urteilsfindung angeblich auf der Seite des Rechts. Hätte einer der beteiligten Richter nicht eingestanden, damals auf Weisung von Oben gehandelt, und mit dem Urteil nur einen Parteibefehl ausgeführt zu haben, dann wären seine Eltern nicht rehabilitiert und er nicht entschädigt worden.

Bitterkeit liegt immer noch in seiner Stimme, als er davon erzählt. Als Schlussstrich unter diese Geschichte herrscht eine Weile Schweigen zwischen den Männern, bevor Hein Briester auf den eigentlichen Anlass ihres Treffens zurückkommt.

„Es ist nicht so, dass Anita mich vorher etwa schon mal abgewiesen hatte … nee, nee – ich hatte mich nur nicht getraut mich ihr zu nähern.“

So zögernd wie die Sätze kommen, merkt man, dass der Käpten zum ersten Mal darüber spricht.

„Tja …. und dann war es für mich zu spät, weil ihr plötzlich da wart …“

Hein hat den Kopf gehoben, und blickt Jürgen offen ins Gesicht als er sagt:

„Für Anita warst Du es ja nur alleine…..“

Warum Jürgen es nur alleine war, lässt er unausgesprochen in der Luft hängen, obwohl Anita versucht hat, es ihm zu erklären.

„Ihr wart wieder weg, und sie brauchte jemand, der ihre Hand hielt. Irgendwann ist es dann passiert. Sie hat sich mir anfangs nur hingegeben, um mir ihre Dankbarkeit zu zeigen – und ich habe es nicht einmal bemerkt.“

„Und Anitas Schwangerschaft ….?“ Robby muß einfach die Speerspitze für seinen verstörten Freund Jürgen sein.

„Sie war so hilflos, als sie mir kurze Zeit später sagte, dass ihre Tage ausgeblieben seien. Dabei bin ich fast verrückt geworden vor Freude. Die sechs Monate bis zur Geburt hätten mich zweifeln lassen müssen – aber ich wollte einfach, dass es mein Kind ist.“

Hein Briesters Stimme ist ganz klein geworden.

Fast unhörbar kommt noch hinterher:

„Könnt ihr das nicht verstehen?“

Zumindest Robby bereitet es nicht die geringste Schwierigkeit, dieses Gefühl nachzuempfinden, denn das Fühlen des wachsenden Lebens in Körtys rundlicher werdendem Bauch war ihm selbst während der Schwangerschaften stets als ein großes Glück erschienen.

Bei Jürgen ist es, bedingt durch das fehlende persönliche Erleben, im Moment noch etwas anders. Die Frau, mit der er einmal eine Ehe eingegangen war, hatte kein Kind von ihm bekommen. Vielleicht hatte er es auch nicht gewollt. Die Verbindung hatte nicht lange gehalten.

Er muss seine aus den Fugen geratene Welt erst wieder mühsam reparieren. Er hat schwer damit zu tun, seine Seele in Deckung zu bringen, damit sie im Sperrfeuer seiner eigenen Vorwürfe nicht auf der Strecke bleibt.

Selbst Denken in der einfachsten Form ist ihm im Augenblick verwehrt. Sein Wahrnehmungsvermögen steht wie versteinert zitternd vor einer dunklen Mauer, auf der in riesigen Lettern nur eine Frage brennt:

‚Warum hast Du nicht nach ihr gesucht?’

Im Klubzimmer ist es wieder still geworden. Jürgen glaubt das Knistern der flammenden Buchstaben zu hören.

Hein Briester bricht als erster wieder die Stille.

„Mareike war ja auch über die Jahre meine Tochter …. bis dann vor ein paar Wochen ….“

Er stockt. Man merkt, dass ihm das sprechen schwer fällt. Der Fluß der Worte muß sich erst ein Bett suchen, bevor die Geschichte weiter fließen kann.

„Anita und ich waren mit unserer Tochter glücklich in unserer kleinen Welt …. so habe ich es zumindest immer empfunden. Es war für mich aber mehr ein Glück der geraden Wege.“

Es klingt, als wenn er sich für seine Geradlinigkeit entschuldigen wolle, als er weiterspricht.

„Ich hab oft gehört, dass es was anderes geben soll – so was Ähnliches wie fliegen über den Wolken, oder Schmetterlinge im Bauch. Das war für mich aber alles zu weit weg ..… zu unwirklich. Ich stand wohl zu fest mit den Füßen im Alltag.“

Als wenn er erst Wörternachschub für sein Erzählen holen muß, schweigt er eine Weile.

Ich wollte vom Kohlenschippen wegkommen. Anita sollte sich nicht ihr Leben lang für meine schwarzen Fingernägel schämen müssen.“

Er schluckt ein paar Mal kräftig, wohl weil er es selber nicht begreifen kann, dass er in dieser Art zu anderen über seine Gefühle spricht.

Ich wollte unserer Tochter nicht ewig mit rissigen Händen übers Haar streichen müssen. Im Kohlenbunker hab ich manche Doppelschicht geackert, um mir die Seefahrtsschule leisten zu können. In meiner knappen Freizeit musste ich dann büffeln. Das Lernen ist mir verdammt schwer gefallen, ihr wisst ja – ich bin im Wissen kein so leichter Flieger. Aber ich wollte um alles in der Welt drei Deck höher – ich wollte auf die Brücke.

Bis ich es endlich geschafft hatte, und Käpten war …. aber welchen Preis habe ich dafür bezahlt.“

Hein hat seine Hände fest ineinander verschränkt – die Knöchel der Finger leuchten hell im schummerigen Licht des niedrigen Raumes.

„Wenn Anita mich brauchte, war ich meistens nicht da. Käpten werden war für mich vorrangig.

Dabei habe ich dann gar nicht mehr bemerkt, dass mein Ziel ihr immer weniger bedeutete. Ihr wäre es wichtiger gewesen, mich öfter zu Hause zu haben – bei sich und ‚unserer Tochter’.“

Selbst bei dem kleinen Licht sieht man es in Hein Briesters Augenwinkeln feucht schimmern.

Die Männer ihm gegenüber sagen kein Wort. Robby traut sich nicht, eine Frage dazwischen zu stellen, und Jürgen ist mit seinen Gedanken anscheinend ganz weit weg.

Hein Briester fällt es offensichtlich schwer, die nächsten Sätze zu formulieren.©ee 

 

Heyersand  XV

 

„Vor sechs Wochen hat sie dann einen Schlußstrich gezogen. Die Vergangenheit hätte sie eingeholt, und sie könne das alles nicht mehr ertragen, wie sie mir sagte. Bis dahin hatte ich mir nie Gedanken darüber gemacht. Es lief doch alles seinen gewohnten Gang.“

Greifbar ist zu spüren, dass er noch immer nicht so ganz begriffen hat, was seine Frau zu diesem Schritt bewegte.

„Es sollte eigentlich ein schöner Tag für uns alle werden, auf den ich mich schon lange gefreut hatte. Es war eine Feier vorgesehen – mit allem Drum und Dran.“

Seine Armbewegungen machen das Ausmaß der geplanten Festlichkeit deutlich.

Einen Monat zuvor war unser erstes Enkelkind geboren. Wir hatten schon gar nicht mehr daran geglaubt, noch Großeltern zu werden. Mareike ist schließlich keine junge Deern mehr. An dem festgesetzten Tag wurde Rebecca dann zwar getauft, die anschließende Feier fand aber ohne uns statt.“

Mit zitternden Händen zieht er ein Bild aus seiner Brusttasche, und legt es vor sich auf die Tischplatte. Es zeigt ein Baby mit blonden Locken in einem wunderschönen roséfarbenen Taufkleid. Von dem Geschehen um sich herum schien es allerdings nicht so sehr begeistert zu sein. Die geballten Händchen, und die zugekniffenen Äuglein brachten es mehr als deutlich zum Ausdruck.

In den Gesichtern der beiden Taufpaten und des alten Pastors ist dagegen reine Freude zu erkennen.

„Da war noch alles in Ordnung.“

Mit dieser Bemerkung schiebt der Käpten zögernd das Bild über die blank gescheuerte Tischplatte.

„In dem Moment, als wir aus der Kirche hinaus ins Freie traten, stoppte gerade ein gelber Kastenwagen auf dem Parkplatz vor ‚Schröders guter Stube’.“

Hein Briester schneuzt sich umständlich die Nase. Er tut es wohl um Zeit zu gewinnen. Zeit, die er in Wirklichkeit schon lange verloren hat.

„Der Fahrer steuerte nach dem aussteigen zielstrebig auf die Gaststättentür zu, während meine Frau sagte, ihr sei nicht gut. Ich habe es auf die Aufregung, und die drückende Luft in der Kirche geschoben.“

Er wischt fahrig mit seinen großen Händen auf der blanken Tischplatte imaginäre Stäubchen beiseite.

„Sie hatte den Fahrer sofort erkannt, wie sie mir später sagte. Sie wusste so vieles über Dich, daß mir klar geworden ist – sie war im Grunde ihres Herzens gar nicht mit mir verbunden – sie war immer Deine Frau geblieben.“

Nach einem schmerzlichen Seufzer, der fast wie ein Stöhnen durch den Raum weht, kommt fast unhörbar hinterher:

„Sie hat immer nach Dir gesucht – und als sie Dich endlich gefunden hatte, hat sie Dich nie mehr aus den Augen verloren.“

 

In Jürgen Köhnens Kopf formt sich das Bild einer feierlichen Gesellschaft, die er vor sechs Wochen aus der Kirche gegenüber ‚Schröders guter Stube’ kommen sah.

Patrizia hatte ihm anschließend von einem Taufgottesdienst für das Kind einer Familie aus dem Nachbardorf erzählt.

Der Opa arbeite als Käpten bei der Reederei. Die Tochter wäre irgendwo in der Krummhörn verheiratet, aber da die Großeltern und Eltern hier schon getauft und getraut worden seien, sollte das Enkelkind auch hier getauft werden. Zumal es noch immer der gleiche Pastor gewesen sei, der allerdings eine Woche nach der Taufe im Alter von sechsundachtzig Jahren während des Gottesdienstes auf der Kanzel seiner Kirche einen Herzschlag erlitt.

Patrizia hätte ihm noch eine ganze Menge mehr dazu erzählen können, wenn sie gewollt hätte. Ihr verstorbener Ehemann war einige Zeit unter Hein Briesters Kommando gefahren. Jürgen hatte aber nicht weiter nachgefragt. Warum hätte er es auch tun sollen.

Jetzt aber wird ihm wird schlagartig bewusst, was das für ihn bedeutet. Er war seiner Liebe und seinem Leben zum anfassen nahe gewesen – und er hatte nicht die geringste Ahnung davon gehabt.

„Warum hat sie nur nie etwas gesagt, wenn sie doch wusste, wo ich war?“

An Jürgen Köhnens Stimme hört man ein elendiges Gefühl kratzen.

„Zu Anfang wusste sie es ja nicht. Sie wusste nicht einmal wo Du wohnst. Robby hat ihr zwar Deine Anschrift gegeben, bevor er mit seiner Freundin die Insel verließ. Sie hat Dir auch unzählige Briefe geschrieben. Auf keinen davon hat sie aber je eine Antwort bekommen.

Du hast ja nicht nach ihr gesucht, als sie aus Angst vor dem Schimpf ein uneheliches Kind zu bekommen, von der Insel geflüchtet ist. Sie hat auf Dich gewartet, solange es ging. Als eure Gruppe im Jahr darauf zum letzten Mal auf die Insel kam, war sie dann schon mit mir verheiratet. Ein uneheliches Kind hätten ihre Eltern ihr nämlich niemals verziehen.“

Es ist Jürgen zumute, als ob jedes einzelne von Hein Briesters Worten ihm die Haut in Streifen vom Körper schneidet. Wenn seine Großmutter jetzt noch lebte, wüsste er nicht was er ihr antun würde. Plötzlich hat alles andere, was sie für ihn in ihrem Leben getan hat, seine Bedeutung verloren. Ihm ist zumute, als wäre er nur noch mit Galle gefüllt.©ee 

 

 

Heyersand XVI

 

„Als Du dann irgendwann später regelmäßig hier auftauchtest, hat sie weiterhin geschwiegen. Sie wollte mich nicht ebenso verletzen, wie es mit ihr geschehen war.“

Die Menge Schicksal, die heute Abend hier ans Licht kommt, füllt den kleinen Klubraum im ‚lachenden Seehund’ bis in den hintersten Winkel. Im Laternenlicht sieht es aus, als wenn selbst der steinerne Seehund an der Wand zu Tränen gerührt ist.

„Naja – und Marlene weiß ja auch nicht anders, als daß ich ihr Vater bin.“

Bei den letzten Worten versagt dem hünenhaften Mann die Stimme. Als er sich wieder ein wenig gefangen hat, fährt er fort:

„Unserer Tochter das alles erklären zu müssen – davor hatte Anita die ganzen Jahre eine Heidenangst.“

Es ist Jürgen Köhnen, als ob die Angst, die Anita deswegen verspürt hat, ihm durch alle Poren unter die Haut kriecht.

Robby, der seinen Arm fest um die Schultern des Freundes gelegt hat, wünscht sich in diesem Moment einerseits innerlich weit, weit weg von dem ganzen Geschehen – andererseits hat er in den letzten Stunden etwas getan, was ihn zum untrennbaren Teil des Geschehen macht.

Er hat auf eigene Faust, mit tatkräftiger Unterstützung seiner halbamtlichen Kontakte, die Drähte spielen lassen, und Verbindung mit Hein Briesters Frau aufgenommen. Es hat ihn nicht ruhen lassen, daß gerade er es war, der nach so vielen Jahren seinen alten Schulfreund der Unwissenheit entriß. Anita ließ ihm gar keine Zeit mehr, noch etwas zu sagen, als er die Einladung ihres Mannes an Jürgen zu einem abendlichen Treffen im ‚lachenden Seehund’ erwähnte. Als wenn sie auf diese Entwicklung gewartet hätte, hörte er nur noch von ihr:

„Ich komme sofort zur Insel rüber.“

Und schon hatte sie den Hörer aufgelegt.

Deshalb ist ihm jetzt ein bisschen mulmig zumute. Aus eben diesem Grund hat er sich nach den letzten Worten von Hein Briester ein paar Schritte in den Hintergrund verzogen.

 

Im Raume spürt man, daß die Zeit zögert weiterzulaufen, als warte sie auf eine Entscheidung der Männer in welche Richtung sie sich begeben soll.

Die Zeit hat aber offenbar gar nicht das Tun der Männer im Auge, sondern das Schicksal hat sie bewogen innezuhalten. Bevor nämlich am Tisch in der Ecke auch nur ein neues Wort die Gegenwart berührt, hat sich die Tür zur Gaststube unhörbar geöffnet und wieder geschlossen – obwohl ihre Scharniere sonst bei jeder Bewegung in eigenwilliger Tonfolge knarren. Es ist jemand eingetreten.

Langsam bewegen sich zwei Gestalten auf die Ecke zu, und stehen einen Atemzug später wie eine Geisterscheinung vor den Männern, die bei ihrem Anblick wie erstarrt auf den Stühlen hocken.

Es sind Mutter und Tochter – es sind Anita und Marlene, die plötzlich wie ein Bild aus dem Nebel der Vergangenheit die Gegenwart füllen.

Anita hat der verfahrenen Situation nach Robbys Anruf nicht mehr länger neue Nahrung geben, und sich ihrer Tochter offenbaren wollen.

„Marlene …“

Anitas Stimme schwankte wie ein kleines Boot in aufgewühlter See –

„ich muß Dir etwas erzählen.“

Mit fahrigen Bewegungen suchte sie vergeblich nach einem Taschentuch.

„Es gibt da etwas, von dem Du endlich wissen …“

Während Marlene mit ihrem Taschentuch der Mutter die Tränen von den Wangen tupfte, verschloß sie ihr gleichzeitig mit dem Zeigefinger den Mund.

„Ich weiß, Mami… ich weiß … Du musst jetzt nichts sagen… ich weiß es schon lange ….“

Ihre Worte schwammen auf einer Woge von Zärtlichkeit.

„Laß uns später reden – jetzt müssen wir handeln, damit Deine zwei Männer und meine beiden Väter sich nicht die Köpfe einschlagen. Denn dann hätten wir alle nichts mehr vom Leben.“

 

Wortlos umarmte sie ihre Mutter. Ohne noch irgendetwas zu reden, wurde sie gleich darauf aktiv. Fünf Minuten später saßen die beiden Frauen in einem herbeigerufenen Taxi. Marlene ließ den nahe gelegenen Flugplatz ansteuern, auf dem ihr Mann als Betriebsleiter den Laden in Schwung hielt. Auf dem Flugfeld verlangte niemand eine großartige Erklärung von ihr, als sie darum bat, mit ihrer Mutter nach Heyersand geflogen zu werden.

Jeder der Anwesenden spürte wohl, daß etwas Ungewöhnliches geschehen war. Obwohl es schon kurz vor Feierabend war machte einer der Piloten sofort seine Maschine startklar.

Nach knapp einer Viertelstunde verschwand der kleine Kurierflieger, mit den Überraschungsgästen an Bord, im bereits dunkel werdenden Blau des Himmels. © ee 

 

Heyersand XVII

 

Bei der Landung auf Heyersand gab es auch keine Verzögerung. Irgendwer hatte sogar schon ein Taxi für sie bereitstellen lassen, dessen Fahrer abfahrbereit mit dem Wagen neben der Piste auf sie wartete, und so stehen die beiden Frauen jetzt im Klubraum der Hafenkneipe ‚zum lachenden Seehund’ ihrem Schicksal gegenüber – einem Schicksal, dessen Irrwege in diesem Moment nur zwei der Anwesenden in seinem ganzen Ausmaß erkennen.

Jürgen Köhnen droht das Herz zu zerspringen.

Vor ihm steht seine große Liebe der vergangenen Jugendtage – fürsorglich gestützt von unverkennbar ihrer – von seiner Tochter. Vor ihm steht aber auch leibhaftig die Frau der lange vergessen geglaubten Nacht in dem Emder Hotel.

Jetzt glaubt er zu wissen, warum sie bei ihrer Begegnung im Hotel unwiderstehlich zueinander hingezogen wurden. Er ahnt nicht, daß seine Tochter ihn an dem Abend eigentlich ‚vernichten’ wollte.

Als ihre Blicke sich treffen wird sich Jürgen Köhnen schlagartig der Tatsache bewusst, daß er um ein Haar mit seiner eigenen Tochter geschlafen hätte. Es ist ihm, als ob der Himmel einstürzt und alles um ihn herum in endlose Schwärze versinkt.

Anders Marlene. Sie verhält sich so, als wenn sie und Jürgen Köhnen sich noch niemals begegnet sind. Keine Regung von ihr verrät was beinahe zwischen ihnen geschehen wäre. Den Aufruhr der Gefühle in ihrem Inneren hält sie an strammer Leine.

 

Marlene hatte lange vor der Emder Begegnung mit Jürgen Köhnen gewusst, daß ihre Mutter ein Geheimnis mit sich herumtrug, über das sie mit niemandem reden konnte.

Marlene fand irgendwann – als sie Mitte der zwanzig war – Teile eines Briefes, in dem ihre Mutter noch als lediges Mädchen einen gewissen Jürgen in Hamburg an ihre gemeinsame Zeit auf Heyersand erinnerte, und von ihrer Schwangerschaft berichtete.

Zwischen den Zeilen spürte sie Liebe, Schmerz und Verzweiflung toben. Dadurch wurde ihre Neugier geweckt. Sie wollte mehr darüber wissen. Beim Vergleich der familiären Daten wurde ihr ganz schnell klar, daß der Mann ihrer Mutter wohl nur ihr ‚Papiervater’ war. Diese Erkenntnis traf sie wie ein Keulenschlag. Wie sollte sie damit umgehen? Er war für sie doch immer ihr geliebter Papa gewesen.

Sie versuchte in ihrem jugendlichen Ungestüm natürlich ihrer Mutter gegenüber das Thema direkt anzugehen. Schließlich betraf es auch ihr Leben.

Alles versteckte Fragen und Bohren brachte ihr aber nichts, wie sie sich nach kurzer Zeit eingestehen mußte.

Sie merkte, daß ihre Mutter nur damit begann, eine Mauer um sich herum zu errichten. Ihr Vater schien offenbar nicht zu bemerken, daß sich seine Frau auch von ihm immer weiter entfernte. Das konnte sie nicht zulassen. Von da an verbot sie es sich, jedes mal wenn es sie drängte, ihrer Mutter gegenüber auch nur die kleinste Andeutung in diese Richtung zu machen.

Marlene verhielt sich fortan bei ihrer Suche so, daß ihre geliebte Mutter nichts davon bemerkte. Sie machte Menschen auf der Insel ausfindig, die sich noch gut an die Hamburger Pfadfinder erinnerten. Unter anderen auch Fritz, den Kellner vom lachenden Seehund. Steinchen um Steinchen trug sie zusammen, und mit jedem Stückchen Mosaik wurde das Bild deutlicher. Bis sich eines Sonntagmorgens der Nebel um sie herum lichtete.

An den Wochenenden, an denen Marlene zuhause war, begleitete sie ihre Mutter oft zum Markt des Nachbardorfes, oder besuchte mit ihr gemeinsam den Gottesdienst in der etwas weiter entfernten Kirche.

Es war ihr in der Vergangenheit schon des Öfteren aufgefallen, daß ihre Mutter scheinbar völlig unmotiviert plötzlich stehen blieb und wie abwesend irgendwohin schaute.

Wenn sie versuchte mit ihren Augen dem Blick der Mutter zu folgen fiel ihr stets ein gelber Kastenwagen auf, der immer wie zufällig im Sichtfeld stand. Nach einiger Zeit wurde ihr klar – das konnte kein Zufall sein.

Vielleicht fand sie hinter diesem Firmenfahrzeug das im Südholsteinischen zugelassen war eine Erklärung für das seltsame Gebaren ihrer Mutter.

Sie hatte fortan jedesmal ihre kleine Kamera schussbereit in der Tasche. Die ersten Aufnahmen verrieten ihr die Bezeichnung und den Sitz des Unternehmens. Ein Gesicht tauchte außerdem auf allen Fotos auf – es bewegte sich entweder in unmittelbarer Nähe oder es befand sich im Führerhaus hinter dem Lenkrad. Es war anscheinend jedes mal derselbe Mann mit diesem Fahrzeug unterwegs. Ein Anruf beim Halter des Wagens, bei der Firma ‚Kochtopf & Co’ – in dessen Verlauf sie sich als potenzielle Kundin ausgab – lieferte ihr weitere Informationen. Unter anderem erfuhr sie auch den Namen des für ihre Region zuständigen Mitarbeiters. Jürgen Köhnen hieß er. Er war von Beruf Elektroingenieur und wohnte in Quickborn.

Die Kundenbetreuer der Firma ‚Kochtopf & Co’ seien durchweg hoch qualifiziert, sagte die nette Dame ihr noch. Darum könne sie Herrn Köhnen in Bezug auf ihre Küchenerneuerung auch ihr uneingeschränktes Vertrauen schenken. Man würde gern einen Termin für sie vormerken. Sie könne vorher aber auch die Einrichtung einer neuen Küche in einem Emder Hotel als Referenzobjekt in Augenschein nehmen.

Dann würde sie gleich Gelegenheit haben mit ihrem zukünftigen Ansprechpartner zu reden, der nähme nämlich in Vertretung des erkrankten Emder Kollegen dort die Einweisung vor.

Das war für ihre Vergeltung die Chance. Blitzschnell reifte in ihr der Entschluss diesem Mann die Schmach, die er ihrer Mutter angetan hatte, heimzuzahlen.

Sie ließ sich zum Abschluß des Gespräches von der netten Telefonistin noch Termin und Anschrift für die Besichtigung geben und bedankte sich für das aufschlussreiche Gespräch.

In Henstedt unweit Hamburgs sah man daraufhin schon den Auftrag für eine weitere Großkücheneinrichtung winken.

Ein paar Tage vor dem Termin stattete sie der Emder Herberge in ihrer Eigenschaft als Journalistin einen informativen Besuch ab. Bereitwillig führte eine der Hausdamen sie durch den Betrieb, und wurde nicht müde auf all ihre Fragen erschöpfend zu antworten. Der Direktor des Hauses schätzte sich außerordentlich glücklich eine kritische Zeitungsschreiberin dermaßen von der Güte seines Hauses überzeugt zu haben, daß diese spontan für das Wochenende für sich eine Suite reservieren ließ.

Wenn der Gute geahnt hätte welcher Art Ei ihm die Dame ins Nest zu legen beabsichtigte, hätte er sich sicherlich gewünscht, sie nie kennengelernt zu haben.

Am selben Tag noch kaufte sie in einem Modegeschäft für sich Garderobe, die der distinguierten Kleidung der Hotelangestellten täuschend ähnlich war.

Eine kleine Veränderung der Frisur und eine goldgefasste Perlmuttbrosche am Revers würden auf das erste Sehen bei jedem Gast den Eindruck einer Mitarbeiterin des Hauses erwecken.

Jetzt mußte ihr nur noch das Glück hold sein. Sie war sich ganz sicher – ihr Plan würde gelingen. Sie hatte sich alles perfekt zurechtgelegt.

Bei einer ‚zufälligen’ Begegnung auf dem Hotelflur wollte sie den ‚Kerl’ dazu bringen ihr auf ihr Zimmer zu folgen, um ihn im geeigneten Moment als ‚Vergewaltiger’ bloß zu stellen. Sie spielte diese Szene immer wieder in Gedanken durch und genoss im Voraus das Gefühl, das an ihrer Mutter began-gene Unrecht gerächt zu haben.

Ein Risiko für sie selbst kam ihr dabei gar nicht in den Sinn.

An dem Abend lief alles so wie sie es geplant hatte. Sie war nicht sie selbst, sie war nur der Racheengel – bis zu dem Augenblick, als sie den ‚Kerl’ berührte dem sie es heimzahlen wollte.

Da war er für sie plötzlich nur noch der Mann, den ihre Mutter nie aufgehört hatte zu lieben. Schlagartig wurde ihr bewusst, daß das was sie gerade tun wollte am schlimmsten ihre Mutter treffen würde.

Sie konnte nur noch weinen und ihn fortschicken.

Es war als ob das Schicksal ihr die Fäden aus der Hand genommen hatte, um sie vor etwas nicht wieder gutzumachendem zu bewahren.

Robby hat sich beim Eintreten der beiden Frauen in die hinterste Ecke des Klubzimmers verzogen. Er spürt, daß er diesem sich schließenden Kreis nur im Wege sein würde.

Regungslos stehen die Betroffenen in enger Umarmung mitten im Raum. Vierfaches Leid verschmilzt in diesen Minuten zu einer starken Gemeinschaft.

Nachdem sich der erste Sturm der Gefühle ein wenig gelegt hat, hat Robby von Fritz einen Riesenpott nachtschwarzen Kaffee auffahren lassen.

Geredet wird in dieser zeitlich begrenzten Runde nicht viel. Unnütze Worte würden den neuen Anfang holpern lassen. Das stille gleiten der Gefühle und das schüchterne tasten der Hände zueinanderhin sagen im Moment alles was gesagt werden muß.

Es ist als ob viele kleine Bäche der Betrübnis sich zu einem wachsenden Strom der Erleichterung vereinen, der irgendwann in das große Meer des Lebens mündet.©ee 

ein wenig Bilderworte …

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…. und hier noch ein wenig Bilderworte der Erinnerung an meine Zeit in „Solich“:

 

Gibt es das Solingen der ‚aulen Soliger’ eigentlich noch?

Ich bin ein Flachlandtiroler – ein ‚norddeutscher Butscher’ hieß es in meinen Kinderjahren – und liebe mein Land am Meer über alles. Natürlich komme ich hier mit den Menschen klar, weil ich ihre Eigenheiten, ihre Ab- und Besonderheiten kenne und respektiere.

Damit meine ich in meinem Denken die urwüchsigen und eingeborenen Ostfriesen. Sie sind eine ‚herbe Kost’ würde ich sagen, wenn ich ein ‚Charakterfeinschmecker’ wäre. Der Hunger wird durch sie gestillt, der Magen wird gefüllt und trotzdem sind sie eher etwas für kalte Tage, an denen man nicht sehr viel spricht, sondern lieber die Wärme des Feuers und das ‚miteinander Schweigen’ genießt.

In der Not- und Drangzeit nach dem 2. Weltkrieg hatte es Teile meiner Familie ins Bergische Land nach Solingen verschlagen. Dadurch bedingt, war die Klingenstadt auch zeitweise mein Zuhause.

Die Erinnerung an die Menschen aus dieser Zeit habe ich bis Heute als etwas sehr Kostbares bewahrt. Im Haus meiner Empfindungen haben sie einen besonderen Platz, sowie man altes und wertvolles Kristall und Porzellan in einer gläsernen Vitrine verwahrt. Ich ertappe mich manchmal dabei, dass ich auch genauso damit umgehe – sie hin und wieder in die Hand nehme und poliere – genauso wie meine Großmutter es Herbstens mit ihrem alten Silber zu tun pflegte, wenn die Zeit der großen Feste bevorstand.

Dann strahlt sie wieder, die Erinnerung an den ‚3 Städte-Express’ – die alte Straßenbahn Linie 3 – wenn sie nach der Wende auf der ‚Burger Drehscheibe` wieder in Richtung Solingen losratterte und nach schier endloser Rauf- und Runterfahrt durchs Solinger Stadtgebiet am Vohwinkeler Schwebebahnhof haltmachte.

Wieviel mehr Charme besaß die alte Dame doch gegenüber der surrenden Eilfertigkeit der ihr nachfolgenden schmucklosen Blechkisten von O-Bussen. Wenn sie sich die Steigungen der Burger Landstraße hochmühte, dann konnte man auch schon mal während der Fahrt Blumen pflücken, obwohl das angeblich strengstens verboten war.

Während meines ersten Besuches in der Stadt der Messer und Gabeln stand ich als kleiner Steppke an der Hand eines alten Schwertfegers in Müngsten staunend am Ufer der Wupper unter einer eisernen ‚Riesenbrücke’, über die hoch im Himmel gerade eine rauchende Dampflokomotive eine Schlange von Eisenbahnwaggons hinwegzog. Die Eisenbahnbrücke über das Tal der Wupper gespannt hatte für mich plötzlich etwas mit der Heimat verbindendes. Auf den Namen Kaiser Wilhelms war sie nach ihrer Fertigstellung getauft worden – genauso wie die große eiserne Drehbrücke bei uns über den Hafen. Dieser Anblick war für mich etwa so wie bei uns zuhause der Blick übers Meer vor den Deichen, in seiner unendlichen Weite mit den qualmenden Schiffsschornsteinen über der Kimm am Horizont. Ich war tief beeindruckt. Dagegen verblasste das Staunen, dass mich einige Tage zuvor in Wuppertal erfasst hatte, als ich mit Onkel Eugen – dem Schwertfeger – unter einer Straßenbahn stand die mit den Rädern nach oben über die Wupper schaukelte. Dieses Werk menschlicher Technik war doch gar nichts gegenüber dem Himmelsflug der Eisenbahn hoch über dem Müngstener Märchenpark. Wie im Märchen fühlte ich mich auch auf den Wanderungen längs der Wupper, an deren Ufer bei den Schleiferkotten die Wasserräder klapperten, um im Inneren die Wellen mit den Schleifsteinen und Polierbürsten anzutreiben, vor denen die Schlieper und Pliester auf kleinen Schemeln hockten. Vom Tagesanbruch bis in die Dunkelheit hinein gaben sie hier den Solinger Markenprodukten die Schärfe und den Glanz, den alle Welt so sehr an ihnen schätzte. Immer wieder zog es mich in diese schummrigen Werkstätten mit den kleinen Lichtinseln über den surrenden Scheiben und den Männern mit den gebeugten Rücken davor, die so wunderbar Geschichten erzählen konnten – auch wenn sie mit Worten nichts sagten.

Wer weiß heute noch um die zahlreichen kleinen Tante Emma Läden in den abgelegenen Hofschaften, die sich in den oftmals mit Schieferplatten verkleideten Fachwerkhäusern verbargen, in deren Fenstern hinter den Butzenscheiben höchstens mal ein Schild mit Persil als Aufschrift, oder eine Reklametafel mit einer Empfehlung für die Erzeugnisse aus Bruchhausens Kornbrennerei oder Beckmanns Bierbrauerei zu sehen war.

So wie zum Beispiel bei Else Rüttgers in ihrer Wunderwelt auf der Höhe des Mittelhöhscheider Häuserrund. Tante Else – oder ‚et Elsken’ wie die Erwachsenen sagten – regierte mit einer Drehung ihres gedrungenen Körpers die ganze Welt ihrer kleinen Faktorei, in der man in Schubladen und Regalen all das vorfand, was Mensch für den Alltag benötigte. Et Elsken, deren weiteste Reise in ihrem Leben ein Ausflug zum Kloster auf der Krahenhöhe war, und die trotzdem ihren Kunden über alle Vorgänge in der Welt oftmals besser Bescheid tun konnte als der alte Conny in seiner Rosenlaube da überm Rhöndorfer Rheinufer es je vermocht hätte.

So tat sie auch ihrem Walther des Öfteren kräftig Bescheid, wenn sie gespitzt hatte, dass er mal wieder einem gut gebauten Mädchenhintern über langen schlanken Beinen hinterherspürte. Auch wenn sie von Jugend an ‚leidend’ war, wegen einer verwachsenen Hüfte – so leidend war sie denn doch nicht, dass sie es leiden konnte, ihren Walther von fremden Tellern naschen zu sehen.

Walther war nämlich Forstaufseher in den umliegenden Jagdrevieren.

Er gab schon was her, wenn er in seiner grünen Uniform mit geschulterter Flinte und zwei Münsterländern an der Seite durch die Wälder streifte. Dass er einen eleganten Silberblick hatte war ja von weitem nicht zu sehen. Ich habe mich oft gefragt, ob er es wohl schaffen würde ein Stück Wild zu treffen – erlebt habe ich es allerdings nie. Wahrscheinlich zielte er immer auf die Jagdbeute, die in seinem Doppelblick nicht real war.

Real war dagegen Joostens Karl, der schon mehr als fünfzig Jahre in seiner Frisörstube am Kohlsberg als uneingeschränkter Herrscher über Kamm und Schere thronte, und jedem männlichen Wesen aus der näheren Umgebung zu kleinem Tarif als unveränderliches Kennzeichen den persönlichen Haarschnitt verpaßte. Karls ‚Salon’ war die Nachrichtenbörse der Abseitswohnenden, in der morgens schon die Nachrichten gehandelt wurden, die dann erst nachmittags in ‚Boll’s Blättchen’ standen.

Karl schien immer nach einer für seine Kunden unhörbaren Musik zu tänzeln, wenn er mit erhobenen Händen auf seinen verschieden langen Beinen die Köpfe der Stuhlaspiranten umkreiste.

Der ‚Schlieper’ vom Kotten nebenan – der im Blaumann zwischen dem Pliestscheibenwechsel mal eben zum Haareschneiden kam – wurde übrigens nicht anders behandelt wie der ‚Fabrikant’ als Besitzer der am Eselsweg gelegenen Rasierklingenfabrik, wenn er in elegantes bergisches Tuch gekleidet in dem alten Ledersessel Platz nahm.

Überhaupt – bergisches Tuch, die ‚aulen Soliger’ waren stolz auf ihre Lodenanzüge, Joppen und Mäntel die sie trugen, wenn man sie nicht im Blaumann sah. Wenn ich jetzt allerdings so an den Jahren von damals vorbeischaue – bei den jüngeren ‚aulen Soligern’ gab es eine Riege, die mit ihrem Modegebaren ein wenig aus der Reihe tanzte. Mir kleinem Steppke schienen damals diese halbfertigen Alten immer ein wenig geckenhaft, wenn sie in Kniebundhosen gekleidet ihre vermeintlich jugendliche Sportlichkeit zur Schau trugen, selbst wenn ihr Bauch ihnen schon den Blick auf ihren Pittermann verwehrte – sowie der Wirt der Kohlsberger Höhe – der alte Fischers Wilm es einmal in Nachkirchslaune am Stammtisch seiner Sangesbrüder bezeichnete. Am Stammtisch in der ‚Kohlsberger Höhe’ kam es auch schon mal vor, dass in den Apfelsaftgläsern plötzlich Cognac funkelte, weil der alte Wilhelm im dunklen Gewölbekeller beim Flaschen nachfüllen zum falschen Demion gegriffen hatte. Dann standen die Karossen der Sangesbrüder auch am nächsten Morgen noch dicht gedrängt auf dem Parkplatz der Wirtschaft gegenüber der kleinen Klosterkirche, weil sie alle notgedrungen in einer Droschke den Heimweg antreten mußten.

Eine Droschke benutzen zu können hätte Leinewebers August sich auch sicher so manches Mal gerne gewünscht, wenn er per Pedes mit seinem Koffer auf dem Rücken die Haushalte in den abgelegenen Hofschaften und Außenbezirken abklapperte und seine Waren feilbot.

Kurz gesagt war August ein ambulanter Kurzwarenhändler – lang gesagt war er viel mehr. Für die Menschen in den einsam liegenden Kotten und Höfen war er häufig die einzig regelmäßige Verbindung zur Außenwelt.

Die Männer betrafen seine Besuche weniger direkt. Da war es eine gemeinsam gerauchte Zigarette, vielleicht hier und da ‚een Upjesatten’ mit ein paar Bemerkungen über die alte oder neue Politik im Lande.

Bei den Frauen war es da schon anders, wenn er in den Wohnküchen oder Stuben seinen Koffer öffnete. Einen leichten Hauch von Paris oder Mailand meinte man dann durchs Zimmer huschen zu sehen – zumindest signalisierten die Augen der Frauen dieses Empfinden angesichts der modischen Knöpfe, der Strümpfe und Strumpfbänder oder auch Schals der neuesten Kreationen der letzten oder vorletzten Modemesse. Auf jeden Fall – wenn Leinewebers August mit seinen Kostbarkeiten erschien, fühlten sich die Menschen mit der Welt draußen verbunden.

Selbst wenn ich August Jahre später – als er sich schon im hohen Alter befand – hin und wieder noch einmal zu Gesicht bekam, sah ich immer noch den Koffer auf seinem Rücken, obwohl der schon längst den Weg alles Irdischen gegangen war.

Den Weg allen Irdischen ist auch Luchtenbergs Ernst längst gegangen, und besieht sich seitdem von hoher Warte seinen ‚Schulweg’ der ihn jeden Tag von der Lacher Straße in Widdert durchs Tal auf die jenseitige Höhscheider Höhe in die Schule an der Wienerstraße führte.

Wieviel Paar Schuhe mag er wohl auf diesem Weg in den Jahren seines ‚Lehrerseins’ an der Wienerstraße verschlissen haben? Der Luchtenbergs Ernst, der nach der Tradition der Familie eigentlich Gärtner werden sollte. Irgendwie ist er es ja auch geworden, als er sich stattdessen für den Lehrerberuf entschied, und vielen kleinen menschlichen Pflänzchen – die alle noch grün hinter den Ohren waren, wenn sie in seine Obhut kamen – zu geistigem Wachstum und Ansehen verhalf. Wir liebten ihn einfach, diesen urwüchsigen Pädagogen in seinem alten Tweedjackett und den Kniebundhosen, in denen er, trotz seiner gebeugten Gestalt, nie geckenhaft wirkte.

Der ‚aulen Soliger‘ zweiter Teil …

Die ‚Christliche Gemeinschaftsschule Wienerstrasse’ wie die Lehranstalt offiziell benannt war, war sowieso eine Besonderheit in der damaligen Schullandschaft. Die ‚Volksschulen’ in den Fünfzigern waren in aller Regel noch konfessionell geprägt und ausgerichtet. Die Bevölkerung war in großen Teilen noch nicht mit dem ökumenischen Denken infiziert. Evangelisch war evangelisch und katholisch war katholisch – und sollte nach dem Willen der Bestimmenden auch so bleiben, wie es mein guter Pastor Stratmann in weinseliger Laune (oder war es das süffige Beckmanns Gebräu?) einmal auf den Punkt brachte: „Jedes Gericht für sich ist gut und bekömmlich, als Mischmasch schmecken aber beide gleich fürchterlich.“

Die ‚Katholen’ waren in ‚Solig’ zwar in der Minderzahl – man kann getrost sagen, sie lebten in der Diaspora – gesellschaftlich spielten sie aber eine nicht unbedeutende Rolle.

Das hatte ‚Eekenberchs Jerd’, wie er stadtweit genannt wurde, neben vielen anderen auch erkannt.

In der Schwarzmarktzeit, nach dem lauten Getöse des Zusammenbruchs der arischen Ordnung, war er dank gewachsener Beziehungen an einen Butter und Speck Meisterbrief gelangt. Viele Bürger, die in der Klingenstadt über Rang und Namen verfügten, kannten sich halt aus der gemeinsamen Pennezeit an Solingens Oberer Schule, an der Vater ‚Eekenberch’ bis zu seinem Abmarsch in die russische Hölle mit dem Rang eines Studienrates behangen war. ‚Dat Jerdche’ profitierte noch lange davon, denn ‚dat Jerdche’ war ein schlaues Kerlchen.

Damit dem Blutkreislauf seines kleinen Handwerkbetriebes stets genügend ‚Sauerstoffpartikel’ sprich Aufträge zuflossen, hatte er eine verblüffend erfolgreiche Strategie entwickelt. (Wahrscheinlich war es aber wohl seine Angetraute, die den antiken Wert des in russischer Gefangenschaft dahingerafften studienrätlichen Schwiegervaters mit der ihr eigenen Kreuzumtriebigkeit versilberte.)

‚Dat Jerdche’ trug das lutherische Gesangbuch gut sichtbar in der Tasche, während Eheweib und klein Joachim laut und inbrünstig die Texte aus dem katholischen Messbuch ihrer Umwelt zu Gehör brachten.

Dadurch landeten in der Regel alle Gewerkaufträge der Kirchengemeinden beider Konfessionen in seinem Kontor – und das waren in der Erneuerungsphase nach der Staatsliebedienerei der Kirchenkonzerne wahrlich nicht wenige.

Diesen Umstand machten sich auch die Nato – Sauerzapfchen Feldherrnarchitekten zunutze, die vielen sakralen, oder auch profanen Baukörpern dieser Zeit ihren heute noch oft sichtbaren Stempel aufdrückten. Von den am Bau Schaffenden wurden sie wegen ihrer unübersehbaren Vorliebe für schwarze und weiße Töne in allen Schattierungen, in Anlehnung an die Restauration der ‚Lustigen Wirte Schwarz-Weiß’ an der Burger Landstrasse in Höhe der Krahenhöhe, auch wohl die Architekten Schwarz-Weiß genannt.

Schwarz-weiß war das, was sich so Tag für Tag – oder auch Nacht für Nacht rund ums Höhscheider Denkmal abspielte nun wirklich nicht – es war wohl eher als ein ziemlich buntes Treiben zu bezeichnen.

Über das der agile Schutzmann Thomas vom nahe gelegenen Polizeirevier in der Regerstrasse mit Argusaugen wachte, wenn er seine Runden durch die Parkanlage des Kriegermahnmals und längs der Strassen drehte. Natürlich tat er das nicht ohne die nötigen Verschnaufpausen einzulegen – vornehmlich am Tresen in der alten Fuhrmannskneipe von ‚Tillmann’s’, wo ihm die anwesenden Gäste bereitwillig das eine oder andere ‚Gläschen’ spendierten. Man konnte ja nie wissen …

Seine Uniformmütze – sein ‚Dienstgewissen’ sozusagen – deponierte er stets bei Oma Tillmann in der Wirtshausküche am Fleischerhaken links neben der Eingangstür. Nie sah man ihn mit hoheitlicher Kopfbedeckung im Schankraum süppeln – dafür dann aber später, nach seinen Thekenverschnaufpausen, wieder mit Dienstmütze umso intensiver manch kleinem Sünder aufzulauern, wenn dieser gerade der Kneipe mit ihren Verlockungen den Rücken gekehrt hatte und fest darauf vertraute, mit seinen drei spendierten Lagen für den Schutzmann von demselben für diesen Abend einen Ablassbrief erworben zu haben.

Unzählige Spätheimkehrer sind damit einem Irrglauben erlegen – bis, ja bis den Judas in stockfinsterer Nacht die Rache der Götter ereilte.

Irgendwelche aufgebrachten und enttäuschten Gemüter verabreichten dem uniformierten Gesetzeshüter mit seinem eigenen Schlagstock eine Abreibung die sich gewaschen hatte und ihn für die restlichen Dienstjahre in das Innere der muffigen Revierwache verbannte.

In der angrenzenden Kneipe ‚süppeln konnten die Kunden vom Barbier Warbruck schon mal auf Kosten des Haarkünstlers, wenn er ihnen ein Getränk freigab, damit den Männern die Wartezeit im Salon nicht auf’s Gemüt schlug und ihnen ihr Wohlbefinden trübte. Von daher war der Warbruck’sche Verschönerungstempel auch immer gut besucht. Der alte Fuchs wußte sich schon seine Wegzehrung zu beschaffen.

Wegzehrung brachte auch „Blank’s Fri“ – der immer vergnügte Senior der Bäckerei Blank – unter die Leute, wenn er des Nachmittags mit seinem bis unter das Blechdach vollgepacktem altersschwachem, röchelndem Olympiakombi aus der Familie derer von Opel vom Hof seiner Bäckerei zum Rundkurs durch die abgelegenen Höfe und Hofschaften startete.

Blanks Schwarzbrot zählt mit zu meinen ‚edlen Erinnerungen’ an das ‚aule Solig’.

Zu meinen nicht so edlen Erinnerungen zählt eine ‚Großtat’ meiner älteren Brüder. Die beiden hielten ihr Tun auf jeden Fall dafür, obwohl ich verständlicherweise anderer Meinung war.

Es war die Zeit, in der Elvis Presley seinen US Armeedienst in Deutschland ableistete und Deutschlands Jugend begeisterte. Die Köpfe vieler Jungs an der Schule und auch aus meiner Klasse krönte eine Elvis Frisur. Nicht dass es mich danach drängte auch so eine tolle Tolle auf mein Haupt zu fabrizieren – ich dachte gar nicht daran, dafür war mein Gesicht viel zu rundlich – nein, meine Brüder wollten nur allen Eventualitäten vorbeugen, wie sie sagten, als sie mir in einer Nacht- und Nebelaktion den Kopf kahl schoren.

Wer auch nur ein wenig Gefühlsdenken kann, der kann sich denken, wie mir am nächsten Morgen auf dem Weg zur Schule zumute war.

Ich kann noch nicht einmal sagen, ob ich meinen Brüdern diese Missetat schon vergeben habe.

Der ‚aulen Soliger‘ dritter Teil …

Nicht in Vergessenheit geraten – nicht bei mir und bei vielen anderen sicherlich auch nicht – sind zwei junge Frauen aus der Bergerstrasse.

Die Knospenzeit ihrer ganz jungen Jahre hatten sie gewiß schon eine Weile hinter sich – die beiden Inges, aber trotzdem blühten sie noch ganz heftig, wenn auch jede auf eine andere Art.

Beide waren unbemannt gebliebene Töchter honoriger Geschäftsleute.

Ihre Väter betrieben in ihren Häusern am Hingenberg jeder einen Kolonialwarenladen mit angeschlossener Schankwirtschaft. Die Straße talabwärts linker Seite Hugo Meis und schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite Fritz Busch.

Solche Geschäftskombinationen gab es sehr häufig im Bergischen Land. Oftmals war es auch eine Metzgerei, deren Umsatzgewinne die Erträge aus dem Schankbetrieb ergänzten – oder eben umgekehrt.

Die beiden Inges nun waren vom Wert her echte Goldstücke – nur die eine eben in glitzerndem Weiss- und die andere in funkelndem Rotgold.

Im stets schummrigen Halbdunkel der väterlichen Kramläden verbreitete die Weißgoldinge natürlich den helleren Schein, von dem naturgemäß viele bunte Falter angezogen wurden, die sich dann aber an dem kalten Licht regelmäßig ihre Flügel versengten.

Jedes mal wenn ich von einem flügellahm geworden Buttervogel erfuhr, hat es mich, obwohl ich ja noch ein nur drei Käse hoher Steppke war bannig gefreut – brauchte ich dann doch eine Zeitlang nicht um den Verlust ihrer Zuneigung bangen. Irgendwie war ich wohl ganz schön meschugge in dem Alter.

Wie meschugge gebärdete sich auch Rolf, der Wolfsspitz von Jüntgens Karl, wenn ich des Abends den Weg durch die Wiesen nahm, um unsere Milchkanne auf dem Hof mit frischem Kuhsaft füllen zu lassen.

Ich habe damals noch nicht verstehen können, aus welchem Grunde der graue Wolf mich förmlich anhimmelte. Die alte Bäuerin hätte es mir vermutlich erklären können, so wissend wie sie stets lächelte.

Sein jeweiliges Gegenüber freundlich anzulächeln, war dagegen gar nicht die Stärke des Chefs des kleinen, aber feinen Galvanisierbetriebes oberhalb des Hingenberges. Der Gute war aus seiner Kinderzeit heraus mit einem Kommunikationsmanko behaftet – er stotterte grässlich.

Ob es aus innerem Antrieb, oder ganz einfach aus Geschäftskalkül heraus war, vermag ich nicht zu sagen – jedenfalls engagierte er sich aktiv in der oftmals als Zünglein an der Waage oder später auch als Umfallerpartei bezeichneten blau/gelben politischen Organisation, deren Vorsitzender E. M. damals der Wegbereiter für den Einfall der ‚Fonds-Heuschrecken (ich erinnere an Bernie Kornfeld als den Pionier der Finanzzuhälter) von jenseits des Nordatlantiks in den deutschen Finanzmarkt war.

Besagte Organisation hatte denn auch mit tatkräftiger Unterstützung erfahrener Sprachklempner für die Überdeckung dieses kleinen Makels gesorgt, sodass ihr Parteifreund nach außen hin frei und ungehindert parlieren konnte. Das gelang ihm aber nur in einem wenig umgänglichen Tonfall, der bei ihm stets mit einer gewissen unangenehmen Schärfe verbunden war.

Da ‚Robertchen’ auch zu den Pennälerzeitkontakten unseres damaligen Brötchengebers gehörte, hatten wir öfter das ‚Vergnügen’ bei Arbeiten in seinem Betrieb seine Ein- und Ausfälle ertragen zu müssen.

Wir entdeckten aber ganz schnell seine ‚Schwachstelle’ – sein Siegfriedsmal – sein Eichenblatt zwischen den Schulterblättern, sozusagen.

Wenn er tief Luft holte, um gleich darauf, wie mit einer Kettensäge ausgerüstet, alle in seinen Augen vermeintlich Schwächeren von den Beinen zu holen, dann schauten wir ihm nur standfest direkt in die Augen – und schon fing die Kettensäge an zu stottern, das ‚Kettensägengekreisch’ verstummte und unser aufgeblasenes Robertchen fiel wie ein angepiekster Luftballon in sich zusammen.

Wir haben die schlaffe Hülle dann regelmäßig Stunden nicht mehr zu Gesicht bekommen.

In sich zusammengefallen ist in den Anfangssechzigern auch mein Glaube und mein Vertrauen in die Seriosität so einiger Unternehmen und Betriebe für die bekannte Namen honoriger stadtbekannter Bürger standen.

Im Schatten der ‚Fritz Walther Gedächtniskirche’, wie wir die Stadtkirche wegen ihrer Turmkugel nannten, befand sich ein äußerst beliebtes ‚Promenaden-Café`, das einen exzellenten Ruf in der Region der ‚Metzerschlieper’ und Gesenkschmiedebarone besaß und dessen bloße Namensnennung schon vielen Solingern einen Schauer der Ehrfurcht den Rücken hochjagte.

Wer sich als Otto Normal aus irgendeinem Grunde einmal in diesen Genusstempel verirrte, der warf garantiert vor dem Eintreten in die heiligen Hallen der Confiseriepäpste einen prüfenden Blick auf seine Fußbekleidung, um sich zu vergewissern, dass er damit nicht das Missfallen der adrett in schwarz/weiß gewandeten Bedienerinnen erregte.

Mir erging es damit nicht anders, zumal ich ja einer holzschuhgewöhnten ostfriesischen Landbevölkerung entstammte.

Allerdings währte dieses Ehrfurchtgefühl nur bis zu dem Augenblick, in dem ich meine Ostfriesenfüße in die Profanität der hinter der Schmuckfassade liegenden Backstuben setzte. Im gleichen Moment ist mir – und das als wenig peniblem Alltagsgenießer – die Ehrfurcht vor den Konditorgöttern mit dem großen Namen abhanden gekommen.

Völlig parallel dazu lief ein Erleben in einem, wie man es zu der Zeit noch nannte – ‚Schnellimbiß’ der nobleren Art und mit stadtbekanntem Namen als Krone, im Zuge der Hauptstrasse in der Nähe des Ufergartens.

In der Lokalität hatte ich immer gerne und gut gegessen, wenn ich gerade in der Nähe zu tun hatte. Doch als ich eines Morgens dienstlich und auf Knien rutschend die Linie zwischen Gast- und Arbeitsbereich hinter dem Tresen überquerte, um dort Schäden am Fußbodenbelag zu beheben, habe ich mir von der Stunde an eine andere Lokalität zur Befriedigung meiner Hungergefühle gesucht.

Hungergefühle befriedigen und gleichzeitig das Heimwehen der Gedanken an die entfernte Nordseeküste ein wenig gnädig zu stimmen gelang meiner Mutter und mir in der Mittelhöhscheider Hofschaft immer Freitagnachmittag für eine kurze Zeit.

Die Spanne gefühlten und geschmeckten Glückes reichte stets vom Kauf am Fischwagen bis zu dem Moment, in dem der Geschmack vom frischgepulten Granat – den es allzu selten gab, wegen des unerschwinglichen Preises dieser köstlichen Rarität – oder das etwas längere ‚nachschmecken’ von geräucherten Goldbarsch, oder seines noch schmackhafteren Vetters Heilbutt von der Zunge verschwunden war.

Fischhändler Reinshagen – der wegen seines durchdringenden markanten Rufes: „Hüürt ens, hadder all de frisch injeleiten .Herings probeert?“ allgemein in der Gegend nur „De Hüürt ens“ genannt wurde, begab sich nämlich an jedem Freitag den Gott werden ließ, mit seinem knatternden Tempodreirad, als seiner ambulanten Niederlassung, vom Entenpfuhl aus – wo sich in einer hölzernen Nachkriegsnotunterkunft sein stationäres Hauptgeschäft befand – auf Kundenfang durch die Hoch- und Runtergegend der Stahlwarenkommune.

Er war zu seiner Zeit wohl einer der erfolgreichsten ‚Käuferangler’ im Bergischen Land, denn in kürzester Frist wandelte sich sein Barackengeschäft zu einer massiven, imposanten Fischbratküche und Muschelsiederei.

Mit Fisch und Muscheln hatte Paashaus Mäckes bei seinem Tagesgeschäft in dem hölzernen Büdchen am Rande des Aufderhöher Gummibahnhofs nun rein gar nichts im Sinn – wenn man von seinen gutbesetzten Forellenteichen im Kohlsberger Grund einmal absah. Von seinen Forellen hat nämlich nie auch nur eine jemals einen Blick aus glubschen Fischaugen in die Klümpchen- und Zeitungsbude da zwischen Bundesstrassendoppel und Marktplatz werfen dürfen.

Des Paasshaus Mäckes Umsatzbilanz wurde nämlich in erheblichem Maße von Bockwürsten gestützt. Bockwürste, die noch echte ‚Knacker’ waren und von denen er in dem kleinen verräucherten Geviert im Inneren der Bude täglich mehrere Hundert Paare an den Mann brachte. Männer waren es nämlich hauptsächlich, die Paashaus Mäckes Brühlinge zu schätzen wussten.

Mäck berichtete jedem der es hören – oder auch nicht hören wollte, von dem sagenhaften 32 Bockwürste Verzehrrekord eines Fernfahrers.

14 Stück dieser kulinarischen Köstlichkeiten habe ich mit eigenen Augen einmal zwischen den Kiefern eines stämmigen Asphaltritters verschwinden sehen. Und daß seinen Knackern verfallene Fernfahrer oftmals kilometerlange Umwege fuhren – und das nur der einmalig schmeckenden Bockwürste wegen – habe ich oft genug von den Kapitänen der Landstrasse bestätigt bekommen.

Beim Paashaus Mäckes brauchte man übrigens nur die Würstchen bezahlen – den Senf von Senfkocher ‚Strathmann‘ als Würze für den Knacker, in Form eines gelben Klackses auf dem Pappteller und Mäcks eigenen ‚Senf‘, als Wortschwall für die Ohren in humorige Worte verpackt, bekam jeder Gast kostenlos dazu geliefert.

Die „Aulen Soliger“ zum vierten …

Allerhand humorigen Wortsenf bekamen Besucher jedweder Art auch ein paar Häuser weiter, die Strasse runter in Richtung Landwehr, zu hören. Da residierte Lauterbachs Kurt, dort verbrachte er sein ‚normales’ Leben außerhalb der Karnevalszeit – denn in der närrischen Session war er ständig von Stadt zu Stadt und von Bütt zu Bütt unterwegs – stets mit Regenschirm und Melone, allgemein als seine Markenzeichen bekannt, ausgestattet.

Wer die Gelegenheit hatte, den ‚Kütti’ privat in seinem Domizil aufsuchen zu dürfen, der brauchte zu keiner seiner Büttenreden in irgendeinem überfüllten Saal mehr zu pilgern – bei Lauterbachs Kurt bekam man zu jeder Zeit sein gesamtes Programm gratis und solitär präsentiert. Kurt war nämlich im Alltag genauso, wie er sich in der Jeckenbütt zeigte. Total durchgeknallt.

Wo und wann er auch auftauchte – er war immer original und unverwechselbar der ‚Lauterbachs Kurt’.

(Bitte nicht verwechseln mit dem überall rumwäschelnden ‚Fliegenmann‘ der ‚Sozimaldezokraten‘)

Unverwechselbar und original war auch ‚Benders Erna’ wenn sie in der „Benderstube“ auf der Neuenhoferstrasse an der Ecke Erferstrasse, ungefähr in Höhe des Wegerhofes, tausenderlei Dinge auf einmal machte.

Die „Benderstube“ war baulich auch ein Überbleibsel der Nachkriegszeit – auf den übrig gebliebenen Fundamenten eines zerbombten Patrizierhauses errichtet.

Als genauso ein Überbleibsel aus entschwundener Zeit empfanden die Gäste ‚et Erna’ mit ihren manchmal schrulligen Manieren, wenn sie mit dunkelbraunen Kulleraugen unter brünetter und ungebändigter Lockenpracht über den Rand ihrer randlosen Brille schaute.

Ganz gleich, ob sie gerade hinter der Theke am Büffet für einen Stammgast eines ihrer berühmt-berüchtigten Hausgetränke mixte, oder ob sie in der offenen Hinterküche in einem respektabel großen Kupferkessel die nächsten hundert Liter ihrer in der näheren und weiteren Umgebung berühmten ‚Ochsenschwanzsuppe’ zurechtzauberte. Das war dann jedesmal so die Menge für einen Abend bei „Ochse mit Korn“.

Bruchhausens Doppelkorn mit Maggi oder Ratzeputz mit Feuerwehrmostrich waren nämlich zwei ihrer vielfältigen Getränkespezialitäten.

Erna war eben immer Erna – und ob Gast sich nun Hausgetränk oder Ochsenschwanzsuppe zu Gemüte geführt hatte, oder Beides – Schreiner Arthur, was ‚et Ernas’ Ehegesponst war, der musste in jedem Fall Hausbrandwehr spielen und für reichlich ‚Löschbier’ sorgen.

Die jungen Kerls gingen denn auch nicht in Ernas Kneipe um sich zu betrinken – wer so etwas denkt ist nicht von dieser Welt – einzig ‚dat leckere Ossensteertsüppche’ zog sie dahin, und ‚dat dat hingerher so intensiv abgelöscht weeden musste, dor kunn doch keiner wat dran maache’.

‚Dor kunn doch keiner wat dran maache` bekam man auch des Öfteren von den umliegend Wohnenden zu hören, wenn zufällig das Gespräch auf das etwas lockere vornehmlich nächtliche Treiben in Maaßens Krug in unmittelbarer Nachbarschaft des Klosters Kannenhof kam.

Das Wirtsehepaar Maaßen hatte nämlich eine etwas andere Vorstellung von Lebensqualität als die Leute, die um sie zu die Gegend bevölkerten..

Die Maaßens hatte der Lebenswind unversehens aus dem sittenlockeren Düsseldorf – aus Klein-Paris, und da auch noch aus der Oberbilker Ecke – nach ‚Solig’ verschlagen.

Sie waren sozusagen aus der Welt des Glitzers der Neonreklamen in die Niederungen der bescheiden leuchtenden Solinger Gaslaternen gezogen.

Den Anstoß zu diesem Weltenwechsel hatte Klärchen Maaßens Busenfreundin aus Jungmädchenjahren – Josefine – von ihren Freunden und auch von denen, die sich irrtümlicherweise dafür hielten nur allgemein ‚Fini’ genannt – gegeben.

Fini war einige Jahre zuvor nach fünfzehn Jahren aktiven Dienstes an den Kochtöpfen in den Feldküchen der ‚Legion Francaise’, als der französischen Fremdenlegion, in ihre Heimat, in die Rheinmetropole zurückgekehrt. Für eine Frau war das ohne Frage ein seltener und respektheischender Werdegang.

Dank ihrer körperlichen Fülle – Fini besaß ungefähr die gleiche Statur wie König Tofou vom Südseeinselstaat Tonga. Länge mal Breite mal Höhe ergaben leicht und locker gut zweihundert Kilogramm weibliches Lebendgewicht.

Als Frau war sie somit eine ganz passable Erscheinung, die von niemandem übersehen werden konnte. Selbst mit der größten Anstrengung nicht.

Über ‚keine Anstellung‘ in Düsseldorf als Köchin wegen ihrer äußeren Erscheinung konnte Fini aber nur lachen.

Zu einem sechsstelligen Betrag auf ihrem Bankkonto, der sich aus französischer Nachdienstzeitsicherung und erspartem Sold aus den langen Wüsten- und Urwaldjahren zusammensetzte, gesellte sich noch ein von einer Tante geerbtes Haus mit Gastwirtschaft in Solig‘ hinzu.

Bei ihrer Freundin Klärchen und deren Mann Reinhard musste sie keine allzu großen Überredungskünste mobilisieren, um sie zur Übernahme des Restaurationsbetriebes in Solig zu bewegen.

Die beiden dümpelten nämlich schon längere Zeit ganz hart an der Kante des Überlebens herum – das heißt, ihnen stand das Wasser häufig bis zur Oberkante Unterlippe. Da war das Wiederauftauchen der alten Freundin Fini doch ein Rettungsring – ach was sage ich Rettungsring – es war schon mehr ein komfortables Rettungsboot.

Man zog also gemeinsam von der Residenz der Grafen von Bergh in das Stahlwareneldorado ins Bergische Land.

Fini ergriff das Regiment über Töpfe und Pfannen, während Klärchen und Reinhold fortan die Abteilung mit den Flüssigwaren auf Trab hielten.

Ihre Art des Umgangs mit den Gästen war für die ‚aulen Soliger’ im unmittelbaren Umfeld erwartungsgemäß erst einmal sehr gewöhnungsbedürftig – aber sie haben sich letzendlich daran gewöhnt, dass Wirtin Klärchen trotz ihrer drallen Figur zur Erheiterung der Stammgäste zu späterer Stunde auch schon mal mit „zwei Apfelsinen im Haar und an den Hüften Bananen“ den damals über eine längere Zeit aktuellen Tagesschlager tanzte.

Nach dem spätabendlichen Küchenende fischte Fini sich – frei nach Fremdenlegionärsmanier – aus der anwesenden und noch gebrauchsfähigen männlichen Gästeschar auch schon mal ein Appetithäppchen für ihr bettliches Nachtmahl heraus.

Die von ihr Erwählten sollen durch die Bank stets äußerst ‚befriedigt’ und mit weichen Knien und anderen Körperteilen irgendwann in der morgendlichen Dämmerung den Heimweg angetreten haben.

In der Dämmerung des neuen Tages trat auch ‚Texas Bill’ oft genug seinen Heimweg an, wenn er mal wieder die Nacht bei seiner ‚Conchita’ verbracht hatte. Wer jetzt unzüchtiges Gedankengut in seinem Phantasiedenken herumwälzt, der liegt meilenweit verkehrt damit.

Obwohl wir beide arbeitsmäßig über einige Jahre zum selben verschworenen Haufen trink- und arbeitsfester Malocher gehörten und im Troß quer durch die Republik von Baustelle zu Baustelle gezogen sind, habe ich am Ende unseres gemeinsamen Weges nicht einmal mit dem Anflug einer Ahnung sagen können, ob unser Texas Bill’ jemals lustvollen Körperkontakt zu einem weiblichen Wesen gepflegt hat.

Von den Berührungen seiner Mutter in seiner frühkindlichen Zeit einmal abgesehen.

Seine Conchita war die Wirtin hinter dem Ausschank in der Gaststätte des Solinger Hauptbahnhofs unweit der Lutherkirche. Wahrscheinlich war die dralle Mittfünfzigerin für ihn eine Art Ersatz für die Mutter, der er in den letzten zwanzig Jahren ihres irdischen Daseins einmal im Jahr – stets in der Nacht zu Muttertag – sehr nahe war, ihr aber, nach einem für ihn sehr schlimmen Vorfall, nie mehr unter die Augen treten konnte.

Darum verbrachte er wohl in einem genau festgelegten Rhythmus bestimmte Nächte im Sattel hockend vor dem Tresen in Anfassnähe seines Mutterersatzes – seiner Conchita.

Im Sattel hockend deshalb, weil ein profaner Barhocker oder auch meinetwegen –schemel für ihn nicht einfach nur Sitzgelegenheit war, sondern von ihm stets als Sattel bezeichnet wurde.

Texas Bill war eben Texas Bill – immer, auch wenn er mit dem stinkenden Wasser des zu seiner Zeit totesten Flusses Deutschlands – der Emscher – getauft worden war – und das auch noch in Quatschkopp-Rauxel. Die Qualität des Emscherwassers und die es begleitenden Gegebenheiten im Flussbett- und Uferbereich haben sich entscheidend zum Positiven hin verändert.

Dafür an dieser Stelle ein leises Dankeschön in die Vergangenheit an den schon längst verstorbenen Heinz Kühn, der nach seiner Wahl zum NRW Ministerpräsidenten Mitte der 60er sein ‚kühnes’ Versprechen von blauem Himmel über der Ruhr ohne Rücksicht auf verkrustete Strukturen in Partei oder Wirtschaft eingelöst, den Anstoß zum Umdenken gegeben und die Grundlagen für den sauberen Wandel im ‚Pütt’ geschaffen hat.

‚Bruder Johannes’ als einer seiner Nachfolger im Amt verstand es zwar prächtig, seinen Mund in der Breite und Höhe lang und rechteckig zu öffnen, bevor er ein vermeintlich wichtiges Satzgebilde in den Alltag entließ, aber richtig etwas bewirkt – zum Wohle des Landes und der Menschen an Rhein und Ruhr hat er in meinen Augen nie wirklich, der Gute. Nach Abzug aller ‚Gustav Heinemann Boni’ als sein Schwiegeropa der der Gustav ja war, ist da im Nachhinein noch weniger zu erkennen – auch wenn Herr Rau ein tätiger Spiekeroog Freund war – was ihn in meinen Augen sympathisch erscheinen ließ. )

Der ‚Aulen Soliger‘ zum fünften …

Zu einer persönlichen Leidenschaft bekannte sich auch Reichs Helmuth vom Schaberger Berg. Seine ‚Zwiebelfarm’ – wie wir sein Anwesen scherzhaft nannten, und auf der er seine Leidenschaft – die Haltung und Zucht dänischer Doggen – mit Begeisterung auslebte – lag am steilen Hang im Schlagschatten der Schaberger Brücke, der kleineren und ganz anderen Schwester der Königin ‚Müngstener Brücke’ – die ja eigentlich den Namen Kaiser Wilhelms durch die Zeiten trägt. Die Realisierung der beiden völlig verschiedenen Bauwerke hat es erst ermöglicht, die Schwesterstädte Solingen und Remscheid durch den Bau einer Eisenbahnlinie intensiver miteinander zu verbinden. Davon war aber wohl nur das eisenbahnverkehrliche Miteinander betroffen, denn wirtschaftlich und was die handwerkliche bzw. industrielle Produktenpalette der beiden Wupperanrainerkommunen betraf, ackerte das rustikalere Remscheid wohl noch eine geraume Zeit der agileren Klingenstadt hinterher.

Reich’s Helmes verkörperte den Typ des typischen ostpreußischen Dickschädels, der, gepaart mit der bauernschläulichen Intelligenz seiner erkennbar jiddischen Vorfahren, jedem seiner Mitbürger in fast jeder Situation eine Nase drehte.

Wenn Helmes die ‚Westernreiterrunde’ im Saloon Solinger Hauptbahnhof mit seiner Anwesenheit beehrte, erregte das allein durch die gleichzeitige Präsenz seiner Leidenschaft schon allgemeines Aufsehen – zumindest bei Neu- und Kurzaufenthaltern, deren Zahl sich aber in erträglichen Grenzen hielt, weil am Bahnsteig des Solinger Hauptbahnhofs nur die roten Schienenbusse der im Personenverkehr untergeordneten Zugverbindung Düsseldorf – Remscheid Halt machten.

Solingens Anknüpfpunkt an die wichtige Eisenbahnwelt war, und ist auch Heute noch, der Ohligser Bahnhof. Wer von draußen aus der Welt oder aus dem Universum mit dem Zug nach ‚Solig’ strebt, der betritt den Solinger Kosmos immer durch die Ohligser Eingangspforte.

Von Düsseldorf kommend verirrten sich von jeher nur relativ wenig Bahnbenutzer in die Klingenstadt – obwohl ‚Solig’ in jeder Beziehung einheimischen wie Gästen viel mehr und Schönes bietet. Der Strom der Reisenden von Solingen nach Remscheid war auch zu allen Zeiten leicht überschaubar.

Das Frachtverkehrsaufkommen der umliegenden Großbetriebe, wie etwa das ‚Zwillingswerk’ oder der umliegenden Gesenkschmieden hat der Einrichtung Solinger Hauptbahnhof wohl über Jahre das Überleben gesichert – oder laxer ausgedrückt: „Es hat dem Bahnhof über die Zeit den Arsch gerettet.“

Reich’ Helmes Leidenschaft hat ihm im ‚Westersaloon’ der Bahnhofspinte zwar nie den ‚Arsch’ gerettet – jedenfalls nicht erkennbar – die Objekte seiner Leidenschaft haben seine Taler aber so manches Mal vor dem (durchaus berechtigtem) Zugriff der Wirtin gerettet.

Seine dänischen Doggen frönten nämlich auch einer bei Hunden eher selten anzutreffenden Leidenschaft – sie verspeisten genüsslich mit Gerstensaft getränkte Bierfilze. Wenn besagte Deckel dann den Weg durch Magen und Darm der rindviech großen Prachtexemplare zurückgelegt hatten und die unverdaulichen Reste als ‚Häufchen’ (die Bezeichnung als Haufen oder Hügel wär’ vielleicht zutreffender) war von der ‚Buchhaltung der Wirtin zur Kontrolle des Getränkekonsums und als Grundlage der Zechberechnung nichts mehr zu entziffern.

Wer wagte es dann aber diese ‚Urweltgranden’ – die zudem noch in einem Kraftfahrzeug des Modells „Gangster-Kapitän“ aus der Opelmodellpalette der Vorkriegszeit chauffiert wurden – in ihren treuen Dackelblick hinein ihr sträfliches Tun zu kritisieren?

Conchita wagte es jedenfalls nicht.

Die Stammgäste in ‚Tillmann’s Gaststätte & Weber’s Metzgerei’ wagten auch nicht das Spiel zu unterbrechen, welches die füllige Wirtin Frieda des Wochenends zu inszenieren pflegte, um das Geschäftsergebnis, das unter der Woche mehr oder weniger vor sich hinschlummerte, ein wenig zu ‚dopen’ – so würde man ihr Verhalten Heute vielleicht bezeichnen. Ich habe es damals als eine Art Gratwanderung zwischen Beschiss und Verulk der Gäste durch die ansonsten sehr umgangsjoviale Wirtin empfunden.

Samstags und Sonntags ‚deponierte’ et Friedchen nämlich ihre betagte Mutter und Vorgängerin im Amt im Ohrensessel neben der Theke. Fast jeder der eintretenden Gäste hielt sich etwas darauf zugute mit Omma Tinchen auf ihr weiteres Wohl anzustoßen.

Omma Tinchens ‚Kunjäckche’ war aber kein Schnapserl, denn Töchterchen Friedchen (dabei hatte ‚et Frieda’s’ Körper eher die Abmessungen eines Troßschiffes der Reichsmarine) füllte Ommas Stamperl brav mit einem Placebo – Omma Tinchen schüttete tapfer ein Gläschen kalten Tees nach dem anderen in sich hinein.

Sie hatte sich schon den legendären Ruf des trinkfestesten Frauenzimmers zwischen Sengbach und Itter erworben – als eine (Ex)Wirtin, die selbst in hohem Alter noch jeden Fuhrmann der Region unter den Tisch trinken würde.

Wer es von den Gästen anders wusste, der hat wohlweislich darüber geschwiegen, denn beim nächsten Familien-Einkauf in der angrenzenden Metzgerei packte et Frieda – diesmal als Metzger Karls Gattin – die eine oder andere Wurst verschwörerisch lächelnd als Schweigegeld obenauf.

Ob Meister Karl in seiner Wurstküche davon wusste, weiß ich nicht – obwohl mich manchmal das Gefühl beschlich, er würde in seiner dampfenden Brühwurstsiederei extra ‚Bestechungswürstchen’ in die Därme füllen.

Wenn ich Heute wohl noch mal an Webers Karl denke, dann liegt mir sofort wieder das ‚schmecken’ seiner kesselwarmen Fleischwurst auf der Zunge – eine geschmackvollere Brätmischung ist mir in der Folge nirgendwo sonst in der Welt über den Weg gelaufen.

Der ‚Aulen Soliger‘ goldene 7 …

Nach einem ereignisreichen Arbeitstag – 9 Stunden Maloche mit anschließender Richtfestfeier (reichlich Bier und Körnchen auf ‚Mettbrötcher mit veeeel Üllek’ (Zwiebeln) entwichen dem lieben Cornelius aus seinem ‚Achtersteven’ ein paar geräuschlose, aber leider nicht geruch- oder treffender gesagt geschmacklose Winde. In der drangvollen Enge der O-buskonservendose konnten wir Eingezwängten nämlich die gehaltvollen Pupser förmlich auf der Zunge schmecken.

Alles Kopfdrehen und Nasekräuseln war vergeblich – man war gezwungen zu genießen – jeder Fahrgast auf andere Art, und unser Conny genoss es wie stets auf die Seine.

Natürlich verdächtigte jeder Jeden der Duftanreicherung – man konnte es an den suchenden Blicken erkennen.

‚König Cornelius’ bereitete der Ungewissheit ein (fast) alle der Umstehenden zufrieden stellendes Ende, indem er einer neben ihm eingezwängten jungen Dame auf seine unnachahmliche Art leutselig ‚Absolution’ erteilte.

Laut und für alle vernehmlich tönte es aus des Urhebers Munde: „Aber Frolleinche – wegen dat kleine Mallörche bruke see doch nit rud zu weede. Dat is angeren ooch schon ungerjekomme.“

Noch nie zuvor sah man einen vor Scham so hochroten Frauenkopf vor erreichen seines eigentlichen Fahrtziels aus einem überfüllten ‚Soliger’ O-Bus flüchten.

Vor Scham geflüchtet – oder in den Boden versunken – wäre ich am liebsten am Morgen meiner Konfirmation.

Der Einsegnungsgottesdienst war schon in vollem Gange, als ich neben meiner Mutter die imposante Lutherkirche betrat. Unser Zuspätkommen bedingte das Eintreten durch das Hauptportal, während die Schar der Mitkonfirmanden durch die Seitenpforten dem Ort der Einsegnung zugeführt worden waren.

Diese Seitentüren waren schon längst wieder verschlossen.

Die fünfzig Schritte von der Eingangstür unter dem Orgelboden bis zu den Konfirmandenbankreihen unmittelbar vor der Kanzelempore war für mich das reinste Spießrutenlaufen. Hunderte Augenpaare von beiderseits des Mittelganges drückten laut schweigend ihr Missbilligen einer solchen Schlamperei aus. Meine Mutter hat mich den Weg entlang der ‚ach so gottesfürchtig’ den Eingangschoral singenden Schwestern und Brüder begleitet – und sie musste ihn auch noch wieder zurückgehen.

Wenn ich in späteren Jahren meiner Einsegnungskirche einen Besuch abstattete, war mir jedes Mal, als sähe ich wieder in die empörten Gesichter der im Rund um den Altar gruppierten Presbyter der Gemeinde – so als wenn sie dort am Tage meiner Konfirmation zu Stein geworden wären.

Dafür, dass ich als fröhliches, vollwertiges Gemeindeglied den sakralen Raum verlassen konnte, hat dann der gütige Pastor Strathmann Sorge getragen, indem er mich aus der großen Schar der kleinen Sünder hervorhob und für mich vor der Gemeinde mit aufgelegter Hand in der Dreifaltigkeit Namen für meinen Lebensweg Gottes Segen erbat.

So war er – der alte Pastor Strathmann.

Ganz anders, aber auf ihre Art ebenso liebenswert waren die Brüder Kuckuck und Knaller. Sie hatten natürlich auch einen bürgerlichen Namen, über den war aber in all den Jahren, die sie schon Kuckuck und Knaller gerufen wurden, soviel Gras gewachsen, den kannte von ihrem täglichen Umgang niemand mehr. Sie waren für alle nur der Kuckuck und der Knaller.

So wie ihre Namen auf das erste Hören sonderbar anmuteten, so sonderbar wirkten auf das erste Sehen auch ihre stets neuen Einfälle zur Erheiterung der Kollegen oder für die Aufpolsterung ihres stets klammen Geldbeutels.

Wie sollte man es auch anders bezeichnen, wenn der Kuckuck für eine Schachtel Eckstein (zu der Zeit gab es noch Kleinstpackungen mit vier Zigaretten Inhalt) einen – wohlgemerkt noch lebendigen – Frosch vertilgte?

Die daraus resultierende körperliche Unpässlichkeit war natürlich fatal, darum sei dieses Kabinettstückchen auch besser keinem zur Nachahmung empfohlen.

Oder wenn der Knaller für einen ‚Heiermann’ (ein silbernes Fünfmarkstück) seinen Kopf in einen Kübel mit Kaltbitumenanstrich tauchte und in der schwarzen Brühe dreimal mit den Ohren schlackerte.

Der dritte im Bunde dieser ‚schrägen Vögel’ in Karl Röhrichts Baufirma war der Reicherts Klaus, der es schaffte, sich während seiner ‚Hungerperioden’ (sein stattlicher Wochenlohn, den er des Freitags in der Lohntüte ausgehändigt bekam, erlebte in der Regel nämlich nie den Samstagmorgen – dafür war die Nacht in seinem Stammlokal ‚Ponystall’ jedesmal ein Weilchen zu lang) ein ganzes frisches Dreipfundsgraubrot trocken und ohne Zutaten einzuverleiben – weshalb er in Bauarbeiterkreisen allgemein auch nur der ‚Graubrotmörder’ genannt wurde.

Ein ähnlich originelles Original war Wiekendieks Hein aus der Elsa-Brandström Strasse unweit vom Neumarkt. Seines Zeichens war er ‚Pläächmann’ und in unserer kleinen Truppe zuständig für die Estrichmischung. Seine Zuständigkeit reichte von der richtigen Mischung der Rohstoffe bis zum Transport des Mörtels auf die Arbeitsebenen.

In der Summe seiner Arbeitsleistung war Hein unschlagbar. Von den 32 tons des Morgens angeliefertem Estrichkies gab es am Abend keine Spur mehr vor seinem Zwangsmischer zu sehen. Die 32 Tausend Kilogramm Kies beförderte er in 12 Stunden samt der erforderlichen Menge an Zuschlagstoffen mittels seiner übergroßen Holländerschaufel in den nimmersatten Schlund der Mischmaschine.

Einen 50 kg schweren Zementsack hievte er, ohne dabei mit der Wimper zu zucken, in einem Zug mit der Schaufel in die Füllöffnung der Maschine.

Ebenso unschlagbar war Hein aber auch in der Summe seiner Trinkleistung. Die Zeitspanne, die ein normal proportionierter Alkoholvernichter benötigte um den Inhalt eines normalen Schnapspinnekens den Schlund runterlaufen zu lassen, die reichte dem ‚Wiekendieks Heein’ um einem ganzen Liter Bier den Garaus zu machen. Hein war außerdem mit der seltenen Fähigkeit ausgestattet, sich drei- viermal hintereinander besoffen und wieder nüchtern zu saufen. Das hat ihm, soviel mir bekannt ist, in seinem Leben keiner nachgemacht. Trotz aller ‚Trinkbegeisterung’ hat Hein, während er an der Maschine im Schweiße seines Angesichtes malochte, niemals auch nur einen Tropfen eines alkoholischen Getränks angerührt. Er verstand es exellent den Wahlspruch unserer Altvorderen, nach dem Dienst Dienst und Schnaps Schnaps ist, einzuhalten.

Die ‚Aulen Soliger‘ … die „8“ die lacht

Der Anblick eines über mir fahrenden Heißluftballons, der in der sommerlichen Bläue unbeirrt seine Bahn zog, berührte mein Erinnern an Leinewebers Anna.

Lingewebersch Anna war die angetraute Ehehälfte vom schon erwähnten August dem Koffermann, der es über die Jahre seines unternehmerischen Wirkens immer wieder verstanden hatte, durch den Inhalt seines Bauchladens – den er sinnigerweise stets mit der Hand am Koffergriff und dem Arm über die Schulter gelegt auf seinem Rücken trug – in die Wohnküchen der Kotten längs der Wipper- und Wupperauen einen Hauch von Paris oder Mailand, und in die sonst eher von Kargheit und Verzicht gezeichneten Gesichter der Frauen und Mütter ein verträumtes Lächeln zu zaubern.

Ob ‚et Annas Jesich’ jemals ein verzaubertes Lächeln verschönt hatte, war für den zufälligen Betrachter schwer vorstellbar. Besonders wenn ihr Kopf das Viereck des Fensters ihrer kleinen Beiküche zur Gänze ausfüllte. Man konnte dann wohl meinen, die Reklametafel eines Lübecker Marzipanschweinchenherstellers zu betrachten.

Oder wenn sie sich notgedrungen zu Fuß auf kurze Wege begeben musste. Dann konnte man sie nämlich versehentlich leicht für eine wandelnde XXL Vogelscheuche halten – ihre wahrlich nicht schlanken Stummelarme standen waagerecht vom Körper ab, weil die Fettmassen ein anlegen an den Korpus nicht mehr zuließen.

Um aber auf das Erinnern an Anna durch den Anblick des Fesselballons zurückzukommen – an das Aussehen und die Form der rosa und blauen Schlüpfer – vom Schnitt her einem antiken Schinkenbeutel nachempfunden, außen seidig glänzend und innen angerauht, mit Gummizug an Bein und Hüfte – die bis in die Mitte der fünfziger Jahre getragen wurden, können sich viele meiner Leser sicher noch gut besinnen. Von eben diesen ‚Modellen’ – deren Stoffbedarf für ein Anna-Exemplar dem für die Anfertigung eines mittleren Fallschirmes gleichkam – besaß ‚et Anna‘ etliche an der Zahl – und stets hingen einige Modelle davon an der Wäscheleine im Garten und flatterten aufgebläht lustig im Windevor sich hin – bis zu dem Tage, an dem ein Nachbar Annas August vertraulich fragte, ob er .nicht auch mal in einem der Fesselballone, die zum trocknen im Garten an der Leine hingen, mitfahren könne. Von Stund an sah man keinen von Annas Satinschlüpfern mehr im Garten sich blähen.

Blähen blähte sich aus unerfindlichen Gründen auch der Mageninhalt – oder war es eher der des Darmes – vom Michel Paule aus Widderts Lacherstrasse. Paule fand es aber nun gar nicht zum Lachen, wenn sein ‚Hintern’ bei der geringsten Bewegung anfing zu grinsen, respektive dicke Backen machte und in seltsamen Tönen prustete. Er war darüber verständlicherweise eher betrübt als erleichtert, denn an dem Ort, an dem er seine ‚Brötchen’ verdiente, war eine solche ‚Hintergrundmusik’ – die von Fall zu Fall auch noch mit verschiedenen Duftnoten versehen daherkam – äußerst unangebracht.

Paule fungierte nämlich als Bürobote in der Mercedes (Daimler) Benz Niederlassung in der ‚Soliger’ Innenstadt.

Während die Specksohlen mancher Kollegenschuhe beim Gehen auf den Marmorfliesen der Flure hin und wieder quietschten, produzierte Paules ‚Speckseite’ dagegen peinlichere Töne.

Rettung aus seiner Betrübnis erhoffte er sich vom alten Doktor Hülsenkötter, dem langjährigen Hausarzt der Familie. Doch wie sagt man so schön, wenn etwas nicht so läuft wie erhofft?

Genau: Paule hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht.

Des Doktors Rat beschränkte sich auf die Empfehlung, er solle sich doch ein kleines ‚Mopped’ zulegen. Auf Paules erstaunte Entgegnung, er dürfe mangels Fahrerlaubnis so ein Ding doch gar nicht besteigen, antwortete der greise Doktor salomonisch: „Dat is ooch jaanich nüdich. Du bruuchst dat Motörche nur neeven disch herknattere losse – denn hüürt dien Büksenfleut nümmes miii.“© ee

ewaldeden©2013-02-08