Gibt es das Solingen der ‚aulen Soliger’ eigentlich noch?

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Gibt es das Solingen der ‚aulen Soliger’ eigentlich noch?

 

Ich bin ein Flachlandtiroler – ein ‚norddeutscher Butscher’ hieß es in meinen Kinderjahren – und liebe mein Land am Meer über alles. Natürlich komme ich hier mit den Menschen klar, weil ich ihre Eigenheiten, ihre Ab- und Besonderheiten kenne und respektiere.

Damit meine ich in meinem Denken die urwüchsigen und eingeborenen Ostfriesen. Sie sind eine ‚herbe Kost’ würde ich sagen, wenn ich ein ‚Charakterfeinschmecker’ wäre. Der Hunger wird durch sie gestillt, der Magen wird gefüllt und trotzdem sind sie eher etwas für kalte Tage, an denen man nicht sehr viel spricht, sondern lieber die Wärme des Feuers und das ‚miteinander Schweigen’ genießt.

In der Not- und Drangzeit nach dem 2. Weltkrieg hatte es Teile meiner Familie ins Bergische Land nach Solingen verschlagen. Dadurch bedingt, war die Klingenstadt auch zeitweise mein Zuhause.

Die Erinnerung an die Menschen aus dieser Zeit habe ich bis Heute als etwas sehr Kostbares bewahrt. Im Haus meiner Empfindungen haben sie einen besonderen Platz, sowie man altes und wertvolles Kristall und Porzellan in einer gläsernen Vitrine verwahrt. Ich ertappe mich manchmal dabei, dass ich auch genauso damit umgehe – sie hin und wieder in die Hand nehme und poliere – genauso wie meine Großmutter es Herbstens mit ihrem alten Silber zu tun pflegte, wenn die Zeit der großen Feste bevorstand.

Dann strahlt sie wieder, die Erinnerung an den ‚3 Städte-Express’ – die alte Straßenbahn Linie 3 – wenn sie nach der Wende auf der ‚Burger Drehscheibe` wieder in Richtung Solingen losratterte und nach schier endloser Rauf- und Runterfahrt durchs Solinger Stadtgebiet am Vohwinkeler Schwebebahnhof haltmachte.

Wieviel mehr Charme besaß die alte Dame doch gegenüber der surrenden Eilfertigkeit der ihr nachfolgenden schmucklosen Blechkisten von O-Bussen. Wenn sie sich die Steigungen der Burger Landstraße hochmühte, dann konnte man auch schon mal während der Fahrt Blumen pflücken, obwohl das angeblich strengstens verboten war.

Während meines ersten Besuches in der Stadt der Messer und Gabeln stand ich als kleiner Steppke an der Hand eines alten Schwertfegers in Müngsten staunend am Ufer der Wupper unter einer eisernen ‚Riesenbrücke’, über die hoch im Himmel gerade eine rauchende Dampflokomotive eine Schlange von Eisenbahnwaggons hinwegzog. Die Eisenbahnbrücke über das Tal der Wupper gespannt hatte für mich plötzlich etwas mit der Heimat verbindendes. Auf den Namen Kaiser Wilhelms war sie nach ihrer Fertigstellung getauft worden – genauso wie die große eiserne Drehbrücke bei uns über den Hafen. Dieser Anblick war für mich etwa so wie bei uns zuhause der Blick übers Meer vor den Deichen, in seiner unendlichen Weite mit den qualmenden Schiffsschornsteinen über der Kimm am Horizont. Ich war tief beeindruckt. Dagegen verblasste das Staunen, dass mich einige Tage zuvor in Wuppertal erfasst hatte, als ich mit Onkel Eugen – dem Schwertfeger – unter einer Straßenbahn stand die mit den Rädern nach oben über die Wupper schaukelte. Dieses Werk menschlicher Technik war doch gar nichts gegenüber dem Himmelsflug der Eisenbahn hoch über dem Müngstener Märchenpark. Wie im Märchen fühlte ich mich auch auf den Wanderungen längs der Wupper, an deren Ufer bei den Schleiferkotten die Wasserräder klapperten, um im Inneren die Wellen mit den Schleifsteinen und Polierbürsten anzutreiben, vor denen die Schlieper und Pliester auf kleinen Schemeln hockten. Vom Tagesanbruch bis in die Dunkelheit hinein gaben sie hier den Solinger Markenprodukten die Schärfe und den Glanz, den alle Welt so sehr an ihnen schätzte. Immer wieder zog es mich in diese schummrigen Werkstätten mit den kleinen Lichtinseln über den surrenden Scheiben und den Männern mit den gebeugten Rücken davor, die so wunderbar Geschichten erzählen konnten – auch wenn sie mit Worten nichts sagten.

Wer weiß heute noch um die zahlreichen kleinen Tante Emma Läden in den abgelegenen Hofschaften, die sich in den oftmals mit Schieferplatten verkleideten Fachwerkhäusern verbargen, in deren Fenstern hinter den Butzenscheiben höchstens mal ein Schild mit Persil als Aufschrift, oder eine Reklametafel mit einer Empfehlung für die Erzeugnisse aus Bruchhausens Kornbrennerei oder Beckmanns Bierbrauerei zu sehen war.

So wie zum Beispiel bei Else Rüttgers in ihrer Wunderwelt auf der Höhe des Mittelhöhscheider Häuserrund. Tante Else – oder ‚et Elsken’ wie die Erwachsenen sagten – regierte mit einer Drehung ihres gedrungenen Körpers die ganze Welt ihrer kleinen Faktorei, in der man in Schubladen und Regalen all das vorfand, was Mensch für den Alltag benötigte. Et Elsken, deren weiteste Reise in ihrem Leben ein Ausflug zum Kloster auf der Krahenhöhe war, und die trotzdem ihren Kunden über alle Vorgänge in der Welt oftmals besser Bescheid tun konnte als der alte Conny in seiner Rosenlaube da überm Rhöndorfer Rheinufer es je vermocht hätte.

So tat sie auch ihrem Walther des Öfteren kräftig Bescheid, wenn sie gespitzt hatte, dass er mal wieder einem gut gebauten Mädchenhintern über langen schlanken Beinen hinterherspürte. Auch wenn sie von Jugend an ‚leidend’ war, wegen einer verwachsenen Hüfte – so leidend war sie denn doch nicht, dass sie es leiden konnte, ihren Walther von fremden Tellern naschen zu sehen.

Walther war nämlich Forstaufseher in den umliegenden Jagdrevieren.

Er gab schon was her, wenn er in seiner grünen Uniform mit geschulterter Flinte und zwei Münsterländern an der Seite durch die Wälder streifte. Dass er einen eleganten Silberblick hatte war ja von weitem nicht zu sehen. Ich habe mich oft gefragt, ob er es wohl schaffen würde ein Stück Wild zu treffen – erlebt habe ich es allerdings nie. Wahrscheinlich zielte er immer auf die Jagdbeute, die in seinem Doppelblick nicht real war.

Real war dagegen Joostens Karl, der schon mehr als fünfzig Jahre in seiner Frisörstube am Kohlsberg als uneingeschränkter Herrscher über Kamm und Schere thronte, und jedem männlichen Wesen aus der näheren Umgebung zu kleinem Tarif als unveränderliches Kennzeichen den persönlichen Haarschnitt verpaßte. Karls ‚Salon’ war die Nachrichtenbörse der Abseitswohnenden, in der morgens schon die Nachrichten gehandelt wurden, die dann erst nachmittags in ‚Boll’s Blättchen’ standen.

Karl schien immer nach einer für seine Kunden unhörbaren Musik zu tänzeln, wenn er mit erhobenen Händen auf seinen verschieden langen Beinen die Köpfe der Stuhlaspiranten umkreiste.

Der ‚Schlieper’ vom Kotten nebenan – der im Blaumann zwischen dem Pliestscheibenwechsel mal eben zum Haareschneiden kam – wurde übrigens nicht anders behandelt wie der ‚Fabrikant’ als Besitzer der am Eselsweg gelegenen Rasierklingenfabrik, wenn er in elegantes bergisches Tuch gekleidet in dem alten Ledersessel Platz nahm.

Überhaupt – bergisches Tuch, die ‚aulen Soliger’ waren stolz auf ihre Lodenanzüge, Joppen und Mäntel die sie trugen, wenn man sie nicht im Blaumann sah. Wenn ich jetzt allerdings so an den Jahren von damals vorbeischaue – bei den jüngeren ‚aulen Soligern’ gab es eine Riege, die mit ihrem Modegebaren ein wenig aus der Reihe tanzte. Mir kleinem Steppke schienen damals diese halbfertigen Alten immer ein wenig geckenhaft, wenn sie in Kniebundhosen gekleidet ihre vermeintlich jugendliche Sportlichkeit zur Schau trugen, selbst wenn ihr Bauch ihnen schon den Blick auf ihren Pittermann verwehrte – sowie der Wirt der Kohlsberger Höhe – der alte Fischers Wilm es einmal in Nachkirchslaune am Stammtisch seiner Sangesbrüder bezeichnete. Am Stammtisch in der ‚Kohlsberger Höhe’ kam es auch schon mal vor, dass in den Apfelsaftgläsern plötzlich Cognac funkelte, weil der alte Wilhelm im dunklen Gewölbekeller beim Flaschen nachfüllen zum falschen Demion gegriffen hatte. Dann standen die Karossen der Sangesbrüder auch am nächsten Morgen noch dicht gedrängt auf dem Parkplatz der Wirtschaft gegenüber der kleinen Klosterkirche, weil sie alle notgedrungen in einer Droschke den Heimweg antreten mußten.

Eine Droschke benutzen zu können hätte Leinewebers August sich auch sicher so manches Mal gerne gewünscht, wenn er per Pedes mit seinem Koffer auf dem Rücken die Haushalte in den abgelegenen Hofschaften und Außenbezirken abklapperte und seine Waren feilbot.

Kurz gesagt war August ein ambulanter Kurzwarenhändler – lang gesagt war er viel mehr. Für die Menschen in den einsam liegenden Kotten und Höfen war er häufig die einzig regelmäßige Verbindung zur Außenwelt.

Die Männer betrafen seine Besuche weniger direkt. Da war es eine gemeinsam gerauchte Zigarette, vielleicht hier und da ‚een Upjesatten’ mit ein paar Bemerkungen über die alte oder neue Politik im Lande.

Bei den Frauen war es da schon anders, wenn er in den Wohnküchen oder Stuben seinen Koffer öffnete. Einen leichten Hauch von Paris oder Mailand meinte man dann durchs Zimmer huschen zu sehen – zumindest signalisierten die Augen der Frauen dieses Empfinden angesichts der modischen Knöpfe, der Strümpfe und Strumpfbänder oder auch Schals der neuesten Kreationen der letzten oder vorletzten Modemesse. Auf jeden Fall – wenn Leinewebers August mit seinen Kostbarkeiten erschien, fühlten sich die Menschen mit der Welt draußen verbunden.

Selbst wenn ich August Jahre später – als er sich schon im hohen Alter befand – hin und wieder noch einmal zu Gesicht bekam, sah ich immer noch den Koffer auf seinem Rücken, obwohl der schon längst den Weg alles Irdischen gegangen war.

Den Weg allen Irdischen ist auch Luchtenbergs Ernst längst gegangen, und besieht sich seitdem von hoher Warte seinen ‚Schulweg’ der ihn jeden Tag von der Lacher Straße in Widdert durchs Tal auf die jenseitige Höhscheider Höhe in die Schule an der Wienerstraße führte.

Wieviel Paar Schuhe mag er wohl auf diesem Weg in den Jahren seines ‚Lehrerseins’ an der Wienerstraße verschlissen haben? Der Luchtenbergs Ernst, der nach der Tradition der Familie eigentlich Gärtner werden sollte. Irgendwie ist er es ja auch geworden, als er sich stattdessen für den Lehrerberuf entschied, und vielen kleinen menschlichen Pflänzchen – die alle noch grün hinter den Ohren waren, wenn sie in seine Obhut kamen – zu geistigem Wachstum und Ansehen verhalf. Wir liebten ihn einfach, diesen urwüchsigen Pädagogen in seinem alten Tweedjackett und den Kniebundhosen, in denen er, trotz seiner gebeugten Gestalt, nie geckenhaft wirkte.

Die ‚Christliche Gemeinschaftsschule Wienerstrasse’ wie die Lehranstalt offiziell benannt war, war sowieso eine Besonderheit in der damaligen Schullandschaft. Die ‚Volksschulen’ in den Fünfzigern waren in aller Regel noch konfessionell geprägt und ausgerichtet. Die Bevölkerung war in großen Teilen noch nicht mit dem ökumenischen Denken infiziert. Evangelisch war evangelisch und katholisch war katholisch – und sollte nach dem Willen der Bestimmenden auch so bleiben, wie es mein guter Pastor Stratmann in weinseliger Laune (oder war es das süffige Beckmanns Gebräu?) einmal auf den Punkt brachte: „Jedes Gericht für sich ist gut und bekömmlich, als Mischmasch schmecken aber beide gleich fürchterlich.“

Die ‚Katholen’ waren in ‚Solig’ zwar in der Minderzahl – man kann getrost sagen, sie lebten in der Diaspora – gesellschaftlich spielten sie aber eine nicht unbedeutende Rolle.

Das hatte ‚Eekenberchs Jerd’, wie er stadtweit genannt wurde, neben vielen anderen auch erkannt.

In der Schwarzmarktzeit, nach dem lauten Getöse des Zusammenbruchs der arischen Ordnung, war er dank gewachsener Beziehungen an einen Butter und Speck Meisterbrief gelangt. Viele Bürger, die in der Klingenstadt über Rang und Namen verfügten, kannten sich halt aus der gemeinsamen Pennezeit an Solingens Oberer Schule, an der Vater ‚Eekenberch’ bis zu seinem Abmarsch in die russische Hölle mit dem Rang eines Studienrates behangen war. ‚Dat Jerdche’ profitierte noch lange davon, denn ‚dat Jerdche’ war ein schlaues Kerlchen.

Damit dem Blutkreislauf seines kleinen Handwerkbetriebes stets genügend ‚Sauerstoffpartikel’ sprich Aufträge zuflossen, hatte er eine verblüffend erfolgreiche Strategie entwickelt. (Wahrscheinlich war es aber wohl seine Angetraute, die den antiken Wert des in russischer Gefangenschaft dahingerafften studienrätlichen Schwiegervaters mit der ihr eigenen Kreuzumtriebigkeit versilberte.)

‚Dat Jerdche’ trug das lutherische Gesangbuch gut sichtbar in der Tasche, während Eheweib und klein Joachim laut und inbrünstig die Texte aus dem katholischen Messbuch ihrer Umwelt zu Gehör brachten.

Dadurch landeten in der Regel alle Gewerkaufträge der Kirchengemeinden beider Konfessionen in seinem Kontor – und das waren in der Erneuerungsphase nach der Staatsliebedienerei der Kirchenkonzerne wahrlich nicht wenige.

Diesen Umstand machten sich auch die Nato – Sauerzapfchen Feldherrnarchitekten zunutze, die vielen sakralen, oder auch profanen Baukörpern dieser Zeit ihren heute noch oft sichtbaren Stempel aufdrückten. Von den am Bau Schaffenden wurden sie wegen ihrer unübersehbaren Vorliebe für schwarze und weiße Töne in allen Schattierungen, in Anlehnung an die Restauration der ‚Lustigen Wirte Schwarz-Weiß’ an der Burger Landstrasse in Höhe der Krahenhöhe, auch wohl die Architekten Schwarz-Weiß genannt.

Schwarz-weiß war das, was sich so Tag für Tag – oder auch Nacht für Nacht rund ums Höhscheider Denkmal abspielte nun wirklich nicht – es war wohl eher als ein ziemlich buntes Treiben zu bezeichnen.

Über das der agile Schutzmann Thomas vom nahe gelegenen Polizeirevier in der Regerstrasse mit Argusaugen wachte, wenn er seine Runden durch die Parkanlage des Kriegermahnmals und längs der Strassen drehte. Natürlich tat er das nicht ohne die nötigen Verschnaufpausen einzulegen – vornehmlich am Tresen in der alten Fuhrmannskneipe von ‚Tillmann’s’, wo ihm die anwesenden Gäste bereitwillig das eine oder andere ‚Gläschen’ spendierten. Man konnte ja nie wissen …

Seine Uniformmütze – sein ‚Dienstgewissen’ sozusagen – deponierte er stets bei Oma Tillmann in der Wirtshausküche am Fleischerhaken links neben der Eingangstür. Nie sah man ihn mit hoheitlicher Kopfbedeckung im Schankraum süppeln – dafür dann aber später, nach seinen Thekenverschnaufpausen, wieder mit Dienstmütze umso intensiver manch kleinem Sünder aufzulauern, wenn dieser gerade der Kneipe mit ihren Verlockungen den Rücken gekehrt hatte und fest darauf vertraute, mit seinen drei spendierten Lagen für den Schutzmann von demselben für diesen Abend einen Ablassbrief erworben zu haben.

Unzählige Spätheimkehrer sind damit einem Irrglauben erlegen – bis, ja bis den Judas in stockfinsterer Nacht die Rache der Götter ereilte.

Irgendwelche aufgebrachten und enttäuschten Gemüter verabreichten dem uniformierten Gesetzeshüter mit seinem eigenen Schlagstock eine Abreibung die sich gewaschen hatte und ihn für die restlichen Dienstjahre in das Innere der muffigen Revierwache verbannte.

In der angrenzenden Kneipe ‚süppeln konnten die Kunden vom Barbier Warbruck schon mal auf Kosten des Haarkünstlers, wenn er ihnen ein Getränk freigab, damit den Männern die Wartezeit im Salon nicht auf’s Gemüt schlug und ihnen ihr Wohlbefinden trübte. Von daher war der Warbruck’sche Verschönerungstempel auch immer gut besucht. Der alte Fuchs wußte sich schon seine Wegzehrung zu beschaffen.

Wegzehrung brachte auch „Blank’s Fri“ – der immer vergnügte Senior der Bäckerei Blank – unter die Leute, wenn er des Nachmittags mit seinem bis unter das Blechdach vollgepacktem altersschwachem, röchelndem Olympiakombi aus der Familie derer von Opel vom Hof seiner Bäckerei zum Rundkurs durch die abgelegenen Höfe und Hofschaften startete.

Blanks Schwarzbrot zählt mit zu meinen ‚edlen Erinnerungen’ an das ‚aule Solig’.

Zu meinen nicht so edlen Erinnerungen zählt eine ‚Großtat’ meiner älteren Brüder. Die beiden hielten ihr Tun auf jeden Fall dafür, obwohl ich verständlicherweise anderer Meinung war.

Es war die Zeit, in der Elvis Presley seinen US Armeedienst in Deutschland ableistete und Deutschlands Jugend begeisterte. Die Köpfe vieler Jungs an der Schule und auch aus meiner Klasse krönte eine Elvis Frisur. Nicht dass es mich danach drängte auch so eine tolle Tolle auf mein Haupt zu fabrizieren – ich dachte gar nicht daran, dafür war mein Gesicht viel zu rundlich – nein, meine Brüder wollten nur allen Eventualitäten vorbeugen, wie sie sagten, als sie mir in einer Nacht- und Nebelaktion den Kopf kahl schoren.

Wer auch nur ein wenig Gefühlsdenken kann, der kann sich denken, wie mir am nächsten Morgen auf dem Weg zur Schule zumute war.

Ich kann noch nicht einmal sagen, ob ich meinen Brüdern diese Missetat schon vergeben habe.

Nicht in Vergessenheit geraten – nicht bei mir und bei vielen anderen sicherlich auch nicht – sind zwei junge Frauen aus der Bergerstrasse.

Die Knospenzeit ihrer ganz jungen Jahre hatten sie gewiß schon eine Weile hinter sich – die beiden Inges, aber trotzdem blühten sie noch ganz heftig, wenn auch jede auf eine andere Art.

Beide waren unbemannt gebliebene Töchter honoriger Geschäftsleute.

Ihre Väter betrieben in ihren Häusern am Hingenberg jeder einen Kolonialwarenladen mit angeschlossener Schankwirtschaft. Die Straße talabwärts linker Seite Hugo Meis und schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite Fritz Busch.

Solche Geschäftskombinationen gab es sehr häufig im Bergischen Land. Oftmals war es auch eine Metzgerei, deren Umsatzgewinne die Erträge aus dem Schankbetrieb ergänzten – oder eben umgekehrt.

Die beiden Inges nun waren vom Wert her echte Goldstücke – nur die eine eben in  glitzerndem Weiss- und die andere in funkelndem Rotgold.

Im stets schummrigen Halbdunkel der väterlichen Kramläden verbreitete die Weißgoldinge natürlich den helleren Schein, von dem naturgemäß viele bunte Falter angezogen wurden, die sich dann aber an dem kalten Licht regelmäßig ihre Flügel versengten.

Jedes mal wenn ich von einem flügellahm geworden Buttervogel erfuhr, hat es mich, obwohl ich ja noch ein nur drei Käse hoher Steppke war bannig gefreut – brauchte ich dann doch eine Zeitlang nicht um den Verlust ihrer Zuneigung bangen. Irgendwie war ich wohl ganz schön meschugge in dem Alter.

Wie meschugge gebärdete sich auch Rolf, der Wolfsspitz von Jüntgens Karl, wenn ich des Abends den Weg durch die Wiesen nahm, um unsere Milchkanne auf dem Hof mit frischem Kuhsaft füllen zu lassen.

Ich habe damals noch nicht verstehen können, aus welchem Grunde der graue Wolf mich förmlich anhimmelte. Die alte Bäuerin hätte es mir vermutlich erklären können, so wissend wie sie stets lächelte.

Sein jeweiliges Gegenüber freundlich anzulächeln, war dagegen gar nicht die Stärke des Chefs des kleinen, aber feinen Galvanisierbetriebes oberhalb des Hingenberges. Der Gute war aus seiner Kinderzeit heraus mit einem Kommunikationsmanko behaftet – er stotterte grässlich.

Ob es aus innerem Antrieb, oder ganz einfach aus Geschäftskalkül heraus war, vermag ich nicht zu sagen – jedenfalls engagierte er sich aktiv in der oftmals als Zünglein an der Waage oder später auch als Umfallerpartei bezeichneten blau/gelben politischen Organisation, deren Vorsitzender E. M. damals der Wegbereiter für den Einfall der ‚Fonds-Heuschrecken (ich erinnere an Bernie Kornfeld als den Pionier der Finanzzuhälter) von jenseits des Nordatlantiks in den deutschen Finanzmarkt war.

Besagte Organisation hatte denn auch mit tatkräftiger Unterstützung erfahrener Sprachklempner für die Überdeckung dieses kleinen Makels gesorgt, sodass ihr Parteifreund nach außen hin frei und ungehindert parlieren konnte. Das gelang ihm aber nur in einem wenig umgänglichen Tonfall, der bei ihm stets mit einer gewissen unangenehmen Schärfe verbunden war.

Da ‚Robertchen’ auch zu den Pennälerzeitkontakten unseres damaligen Brötchengebers gehörte, hatten wir öfter das ‚Vergnügen’ bei Arbeiten in seinem Betrieb seine Ein- und Ausfälle ertragen zu müssen.

Wir entdeckten aber ganz schnell seine ‚Schwachstelle’ – sein Siegfriedsmal – sein Eichenblatt zwischen den Schulterblättern, sozusagen.

Wenn er tief Luft holte, um gleich darauf, wie mit einer Kettensäge ausgerüstet, alle in seinen Augen vermeintlich Schwächeren von den Beinen zu holen, dann schauten wir ihm nur standfest direkt in die Augen – und schon fing die Kettensäge an zu stottern, das ‚Kettensägengekreisch’ verstummte und unser aufgeblasenes Robertchen fiel wie ein angepiekster Luftballon in sich zusammen.

Wir haben die schlaffe Hülle dann regelmäßig Stunden nicht mehr zu Gesicht bekommen.

In sich zusammengefallen ist in den Anfangssechzigern auch mein Glaube und mein Vertrauen in die Seriosität so einiger Unternehmen und Betriebe für die bekannte Namen honoriger stadtbekannter Bürger standen.

Im Schatten der ‚Fritz Walther Gedächtniskirche’, wie wir die Stadtkirche wegen ihrer Turmkugel nannten, befand sich ein äußerst beliebtes ‚Promenaden-Café`, das einen exzellenten Ruf in der Region der ‚Metzerschlieper’ und Gesenkschmiedebarone besaß und dessen bloße Namensnennung schon vielen Solingern einen Schauer der Ehrfurcht den Rücken hochjagte.

Wer sich als Otto Normal aus irgendeinem Grunde einmal in diesen Genusstempel verirrte, der warf garantiert vor dem Eintreten in die heiligen Hallen der Confiseriepäpste einen prüfenden Blick auf seine Fußbekleidung, um sich zu vergewissern, dass er damit nicht das Missfallen der adrett in schwarz/weiß gewandeten Bedienerinnen erregte.

Mir erging es damit nicht anders, zumal ich ja einer holzschuhgewöhnten ostfriesischen Landbevölkerung entstammte.

Allerdings währte dieses Ehrfurchtgefühl nur bis zu dem Augenblick, in dem ich meine Ostfriesenfüße in die Profanität der hinter der Schmuckfassade liegenden Backstuben setzte. Im gleichen Moment ist mir – und das als wenig peniblem Alltagsgenießer – die Ehrfurcht vor den Konditorgöttern mit dem großen Namen abhanden gekommen.

Völlig parallel dazu lief ein Erleben in einem, wie man es zu der Zeit noch nannte – ‚Schnellimbiß’ der nobleren Art und mit stadtbekanntem Namen als Krone, im Zuge der Hauptstrasse in der Nähe des Ufergartens.

In der Lokalität hatte ich immer gerne und gut gegessen, wenn ich gerade in der Nähe zu tun hatte. Doch als ich eines Morgens dienstlich und auf Knien rutschend die Linie zwischen Gast- und Arbeitsbereich hinter dem Tresen überquerte, um dort Schäden am Fußbodenbelag zu beheben, habe ich mir von der Stunde an eine andere Lokalität zur Befriedigung meiner Hungergefühle gesucht.

Hungergefühle befriedigen und gleichzeitig das Heimwehen der Gedanken an die entfernte Nordseeküste ein wenig gnädig zu stimmen gelang meiner Mutter und mir in der Mittelhöhscheider Hofschaft immer Freitagnachmittag für eine kurze Zeit.

Die Spanne gefühlten und geschmeckten Glückes reichte stets vom Kauf am Fischwagen bis zu dem Moment, in dem der Geschmack vom frischgepulten Granat – den es allzu selten gab, wegen des unerschwinglichen Preises dieser köstlichen Rarität – oder das etwas längere ‚nachschmecken’ von geräucherten Goldbarsch, oder seines noch schmackhafteren Vetters Heilbutt von der Zunge verschwunden war.

Fischhändler Reinshagen – der wegen seines durchdringenden markanten Rufes: „Hüürt ens, hadder all de frisch injeleiten .Herings probeert?“ allgemein in der Gegend nur „De Hüürt ens“ genannt wurde, begab sich nämlich an jedem Freitag den Gott werden ließ, mit seinem knatternden Tempodreirad, als seiner ambulanten Niederlassung, vom Entenpfuhl aus – wo sich in einer hölzernen Nachkriegsnotunterkunft sein stationäres Hauptgeschäft befand – auf Kundenfang durch die Hoch- und Runtergegend der Stahlwarenkommune.

Er war zu seiner Zeit wohl einer der erfolgreichsten ‚Käuferangler’ im Bergischen Land, denn in kürzester Frist wandelte sich sein Barackengeschäft zu einer massiven, imposanten Fischbratküche und Muschelsiederei.

Mit Fisch und Muscheln hatte Paashaus Mäckes bei seinem Tagesgeschäft in dem hölzernen Büdchen am Rande des Aufderhöher Gummibahnhofs nun rein gar nichts im Sinn – wenn man von seinen gutbesetzten Forellenteichen im Kohlsberger Grund einmal absah. Von seinen Forellen hat nämlich nie auch nur eine jemals einen Blick aus glubschen Fischaugen in die Klümpchen- und Zeitungsbude da zwischen Bundesstrassendoppel und Marktplatz werfen dürfen.

Des Paasshaus Mäckes Umsatzbilanz wurde nämlich in erheblichem Maße von Bockwürsten gestützt. Bockwürste, die noch echte ‚Knacker’ waren und von denen er in dem kleinen verräucherten Geviert im Inneren der Bude täglich mehrere Hundert Paare an den Mann brachte. Männer waren es nämlich hauptsächlich, die Paashaus Mäckes Brühlinge zu schätzen wussten.

Mäck berichtete jedem der es hören – oder auch nicht hören wollte, von dem sagenhaften 32 Bockwürste Verzehrrekord eines Fernfahrers.

14 Stück dieser kulinarischen Köstlichkeiten habe ich mit eigenen Augen einmal zwischen den Kiefern eines stämmigen Asphaltritters verschwinden sehen. Und daß seinen Knackern verfallene Fernfahrer oftmals kilometerlange Umwege fuhren – und das nur der einmalig schmeckenden Bockwürste wegen – habe ich oft genug von den Kapitänen der Landstrasse bestätigt bekommen.

Beim Paashaus Mäckes brauchte man übrigens nur die Würstchen bezahlen – den Senf von Senfkocher ‚Strathmann‘ als Würze für den Knacker, in Form eines gelben Klackses auf dem Pappteller und Mäcks eigenen ‚Senf‘, als Wortschwall  für die Ohren in humorige Worte verpackt, bekam jeder Gast kostenlos dazu geliefert.

Allerhand humorigen Wortsenf bekamen Besucher jedweder Art auch ein paar Häuser weiter, die Strasse runter in Richtung Landwehr, zu hören. Da residierte Lauterbachs Kurt, dort verbrachte er sein ‚normales’ Leben außerhalb der Karnevalszeit – denn in der närrischen Session war er ständig von Stadt zu Stadt und von Bütt zu Bütt unterwegs – stets mit Regenschirm und Melone, allgemein als seine Markenzeichen bekannt, ausgestattet.

Wer die Gelegenheit hatte, den ‚Kütti’ privat in seinem Domizil aufsuchen zu dürfen, der brauchte zu keiner seiner Büttenreden in irgendeinem überfüllten Saal mehr zu pilgern – bei Lauterbachs Kurt bekam man zu jeder Zeit sein gesamtes Programm gratis und solitär präsentiert. Kurt war nämlich im Alltag genauso, wie er sich in der Jeckenbütt zeigte. Total durchgeknallt.

Wo und wann er auch auftauchte – er war immer original und unverwechselbar der ‚Lauterbachs Kurt’.

(Bitte nicht verwechseln mit dem überall rumwäschelnden ‚Fliegenmann‘ der ‚Sozimaldezokraten‘)

Unverwechselbar und original war auch ‚Benders Erna’ wenn sie in der „Benderstube“ auf der Neuenhoferstrasse an der Ecke Erferstrasse, ungefähr in Höhe des Wegerhofes, tausenderlei Dinge auf einmal machte.

Die „Benderstube“ war baulich auch ein Überbleibsel der Nachkriegszeit – auf den übrig gebliebenen Fundamenten eines zerbombten Patrizierhauses errichtet.

Als genauso ein Überbleibsel aus entschwundener Zeit empfanden die Gäste ‚et Erna’ mit ihren manchmal schrulligen Manieren, wenn sie mit dunkelbraunen Kulleraugen unter brünetter und ungebändigter Lockenpracht über den Rand ihrer randlosen Brille schaute.

Ganz gleich, ob sie gerade hinter der Theke am Büffet für einen Stammgast eines ihrer berühmt-berüchtigten Hausgetränke mixte, oder ob sie in der offenen Hinterküche in einem respektabel großen Kupferkessel die nächsten hundert Liter ihrer in der näheren und weiteren Umgebung berühmten ‚Ochsenschwanzsuppe’ zurechtzauberte. Das war dann jedesmal so die Menge für einen Abend bei „Ochse mit Korn“.

Bruchhausens Doppelkorn mit Maggi oder Ratzeputz mit Feuerwehrmostrich waren nämlich zwei ihrer vielfältigen Getränkespezialitäten.

Erna war eben immer Erna – und ob Gast sich nun Hausgetränk oder Ochsenschwanzsuppe zu Gemüte geführt hatte, oder Beides – Schreiner Arthur, was ‚et Ernas’ Ehegesponst war, der musste in jedem Fall Hausbrandwehr spielen und für reichlich ‚Löschbier’ sorgen.

Die jungen Kerls gingen denn auch nicht in Ernas Kneipe um sich zu betrinken – wer so etwas denkt ist nicht von dieser Welt – einzig ‚dat leckere Ossensteertsüppche’ zog sie dahin, und ‚dat dat hingerher so intensiv abgelöscht weeden musste, dor kunn doch keiner wat dran maache’.

‚Dor kunn doch keiner wat dran maache` bekam man auch des Öfteren von den umliegend Wohnenden zu hören, wenn zufällig das Gespräch auf das etwas lockere vornehmlich nächtliche Treiben in Maaßens Krug in unmittelbarer Nachbarschaft des Klosters Kannenhof kam.

Das Wirtsehepaar Maaßen hatte nämlich eine etwas andere Vorstellung von Lebensqualität als die Leute, die um sie zu die Gegend bevölkerten..

Die Maaßens hatte der Lebenswind unversehens aus dem sittenlockeren Düsseldorf – aus Klein-Paris, und da auch noch aus der Oberbilker Ecke – nach ‚Solig’ verschlagen.

Sie waren sozusagen aus der Welt des Glitzers der Neonreklamen in die Niederungen der bescheiden leuchtenden Solinger Gaslaternen gezogen.

Den Anstoß zu diesem Weltenwechsel hatte Klärchen Maaßens Busenfreundin aus Jungmädchenjahren – Josefine – von ihren Freunden und auch von denen, die sich irrtümlicherweise dafür hielten nur allgemein ‚Fini’ genannt – gegeben.

Fini war einige Jahre zuvor nach fünfzehn Jahren aktiven Dienstes an den Kochtöpfen in den Feldküchen der ‚Legion Francaise’, als der französischen Fremdenlegion, in ihre Heimat, in die Rheinmetropole zurückgekehrt. Für eine Frau war das ohne Frage ein seltener und respektheischender Werdegang.

Dank ihrer körperlichen Fülle – Fini besaß ungefähr die gleiche Statur wie König Tofou vom Südseeinselstaat Tonga. Länge mal Breite mal Höhe ergaben leicht und locker gut zweihundert Kilogramm weibliches Lebendgewicht.

Als Frau war sie somit eine ganz passable Erscheinung, die von niemandem übersehen werden konnte. Selbst mit der größten Anstrengung nicht.

Über ‚keine Anstellung‘ in Düsseldorf als Köchin wegen ihrer äußeren Erscheinung konnte Fini aber nur lachen.

Zu einem sechsstelligen Betrag auf ihrem Bankkonto, der sich aus französischer Nachdienstzeitsicherung und erspartem Sold aus den langen Wüsten- und Urwaldjahren zusammensetzte, gesellte sich noch ein von einer Tante geerbtes Haus mit Gastwirtschaft in Solig‘ hinzu.

Bei ihrer Freundin Klärchen und deren Mann Reinhard musste sie keine allzu großen Überredungskünste mobilisieren, um sie zur Übernahme des Restaurationsbetriebes in Solig zu bewegen.

Die beiden dümpelten nämlich schon längere Zeit ganz hart an der Kante des Überlebens herum – das heißt, ihnen stand das Wasser häufig bis zur Oberkante Unterlippe. Da war das Wiederauftauchen der alten Freundin Fini doch ein Rettungsring – ach was sage ich Rettungsring – es war schon mehr ein komfortables Rettungsboot.

Man zog also gemeinsam von der Residenz der Grafen von Bergh in das Stahlwareneldorado ins Bergische Land.

Fini ergriff das Regiment über Töpfe und Pfannen, während Klärchen und Reinhold fortan die Abteilung mit den Flüssigwaren auf Trab hielten.

Ihre Art des Umgangs mit den Gästen war für die ‚aulen Soliger’ im unmittelbaren Umfeld erwartungsgemäß erst einmal sehr gewöhnungsbedürftig – aber sie haben sich letzendlich daran gewöhnt, dass Wirtin Klärchen trotz ihrer drallen Figur zur Erheiterung der Stammgäste zu späterer Stunde auch schon mal mit „zwei Apfelsinen im Haar und an den Hüften Bananen“ den damals über eine längere Zeit aktuellen Tagesschlager tanzte.

Nach dem spätabendlichen Küchenende fischte Fini sich – frei nach Fremdenlegionärsmanier – aus der anwesenden und noch gebrauchsfähigen männlichen Gästeschar auch schon mal ein Appetithäppchen für ihr bettliches Nachtmahl heraus.

Die von ihr Erwählten sollen durch die Bank stets äußerst ‚befriedigt’ und mit weichen Knien und anderen Körperteilen irgendwann in der morgendlichen Dämmerung den Heimweg angetreten haben.

In der Dämmerung des neuen Tages trat auch ‚Texas Bill’ oft genug seinen Heimweg an, wenn er mal wieder die Nacht bei seiner ‚Conchita’ verbracht hatte. Wer jetzt unzüchtiges Gedankengut in seinem Phantasiedenken herumwälzt, der liegt meilenweit verkehrt damit.

Obwohl wir beide arbeitsmäßig über einige Jahre zum selben verschworenen Haufen trink- und arbeitsfester Malocher gehörten und im Troß quer durch die Republik von Baustelle zu Baustelle gezogen sind, habe ich am Ende unseres gemeinsamen Weges nicht einmal mit dem Anflug einer Ahnung sagen können, ob unser Texas Bill’ jemals lustvollen Körperkontakt zu einem weiblichen Wesen gepflegt hat.

Von den Berührungen seiner Mutter in seiner frühkindlichen Zeit einmal abgesehen.

Seine Conchita war die Wirtin hinter dem Ausschank in der Gaststätte des Solinger Hauptbahnhofs unweit der Lutherkirche. Wahrscheinlich war die dralle Mittfünfzigerin für ihn eine Art Ersatz für die Mutter, der er in den letzten zwanzig Jahren ihres irdischen Daseins einmal im Jahr – stets in der Nacht zu Muttertag – sehr nahe war, ihr aber, nach einem für ihn sehr schlimmen Vorfall, nie mehr unter die Augen treten konnte.

Darum verbrachte er wohl in einem genau festgelegten Rhythmus bestimmte Nächte im Sattel hockend vor dem Tresen in Anfassnähe seines Mutterersatzes – seiner Conchita.

Im Sattel hockend deshalb, weil ein profaner Barhocker oder auch meinetwegen –schemel für ihn nicht einfach nur Sitzgelegenheit war, sondern von ihm stets als Sattel bezeichnet wurde.

Texas Bill war eben Texas Bill – immer, auch wenn er mit dem stinkenden Wasser des zu seiner Zeit totesten Flusses Deutschlands – der Emscher – getauft worden war – und das auch noch in Quatschkopp-Rauxel. Die Qualität des Emscherwassers und die es begleitenden Gegebenheiten im Flussbett- und Uferbereich haben sich entscheidend zum Positiven hin verändert.

Dafür an dieser Stelle ein leises Dankeschön in die Vergangenheit an den schon längst verstorbenen Heinz Kühn, der nach seiner Wahl zum NRW Ministerpräsidenten Mitte der 60er sein ‚kühnes’ Versprechen von blauem Himmel über der Ruhr ohne Rücksicht auf verkrustete Strukturen in Partei oder Wirtschaft eingelöst, den Anstoß zum Umdenken gegeben und die Grundlagen für den sauberen Wandel im ‚Pütt’ geschaffen hat.

‚Bruder Johannes’ als einer seiner Nachfolger im Amt verstand es zwar prächtig, seinen Mund in der Breite und Höhe lang und rechteckig zu öffnen, bevor er ein vermeintlich wichtiges Satzgebilde in den Alltag entließ, aber richtig etwas bewirkt – zum Wohle des Landes und der Menschen an Rhein und Ruhr hat er in meinen Augen nie wirklich, der Gute. Nach Abzug aller ‚Gustav Heinemann Boni’ als sein Schwiegeropa der der Gustav ja war, ist da im Nachhinein noch weniger zu erkennen – auch wenn Herr Rau ein tätiger Spiekeroog Freund war – was ihn in meinen Augen sympathisch erscheinen ließ. )

Zu einer persönlichen Leidenschaft bekannte sich auch Reichs Helmuth vom Schaberger Berg. Seine ‚Zwiebelfarm’ – wie wir sein Anwesen scherzhaft nannten, und auf der er seine Leidenschaft – die Haltung und Zucht dänischer Doggen – mit Begeisterung auslebte – lag am steilen Hang im Schlagschatten der Schaberger Brücke, der kleineren und ganz anderen Schwester der Königin ‚Müngstener Brücke’ – die ja eigentlich den Namen Kaiser Wilhelms durch die Zeiten trägt. Die Realisierung der beiden völlig verschiedenen Bauwerke hat es erst ermöglicht, die Schwesterstädte Solingen und Remscheid durch den Bau einer Eisenbahnlinie intensiver miteinander zu verbinden. Davon war aber wohl nur das eisenbahnverkehrliche Miteinander betroffen, denn wirtschaftlich und was die handwerkliche bzw. industrielle Produktenpalette der beiden Wupperanrainerkommunen betraf, ackerte das rustikalere Remscheid wohl noch eine geraume Zeit der agileren Klingenstadt hinterher.

Reich’s Helmes verkörperte den Typ des typischen ostpreußischen Dickschädels, der, gepaart mit der bauernschläulichen Intelligenz seiner erkennbar jiddischen Vorfahren, jedem seiner Mitbürger in fast jeder Situation eine Nase drehte.

Wenn Helmes die ‚Westernreiterrunde’ im Saloon Solinger Hauptbahnhof mit seiner Anwesenheit beehrte, erregte das allein durch die gleichzeitige Präsenz seiner Leidenschaft schon allgemeines Aufsehen – zumindest bei Neu- und Kurzaufenthaltern, deren Zahl sich aber in erträglichen Grenzen hielt, weil am Bahnsteig des Solinger Hauptbahnhofs nur die roten Schienenbusse der im Personenverkehr untergeordneten Zugverbindung Düsseldorf – Remscheid Halt machten.

Solingens Anknüpfpunkt an die wichtige Eisenbahnwelt war, und ist auch Heute noch, der Ohligser Bahnhof. Wer von draußen aus der Welt oder aus dem Universum mit dem Zug nach ‚Solig’ strebt, der betritt den Solinger Kosmos immer durch die Ohligser Eingangspforte.

Von Düsseldorf kommend verirrten sich von jeher nur relativ wenig Bahnbenutzer in die Klingenstadt – obwohl ‚Solig’ in jeder Beziehung einheimischen wie Gästen viel mehr und Schönes bietet. Der Strom der Reisenden von Solingen nach Remscheid war auch zu allen Zeiten leicht überschaubar.

Das Frachtverkehrsaufkommen der umliegenden Großbetriebe, wie etwa das ‚Zwillingswerk’ oder der umliegenden Gesenkschmieden hat der Einrichtung Solinger Hauptbahnhof wohl über Jahre das Überleben gesichert – oder laxer ausgedrückt: „Es hat dem Bahnhof über die Zeit den Arsch gerettet.“

Reich’ Helmes Leidenschaft hat ihm im ‚Westersaloon’ der Bahnhofspinte zwar nie den ‚Arsch’ gerettet – jedenfalls nicht erkennbar – die Objekte seiner Leidenschaft haben seine Taler aber so manches Mal vor dem (durchaus berechtigtem) Zugriff der Wirtin gerettet.

Seine dänischen Doggen frönten nämlich auch einer bei Hunden eher selten anzutreffenden Leidenschaft – sie verspeisten genüsslich mit Gerstensaft getränkte Bierfilze. Wenn besagte Deckel dann den Weg durch Magen und Darm der rindviech großen Prachtexemplare zurückgelegt hatten und die unverdaulichen Reste als ‚Häufchen’ (die Bezeichnung als Haufen oder Hügel wär’ vielleicht zutreffender) war von der ‚Buchhaltung der Wirtin zur Kontrolle des Getränkekonsums und als Grundlage der Zechberechnung nichts mehr zu entziffern.

Wer wagte es dann aber diese ‚Urweltgranden’ – die zudem noch in einem Kraftfahrzeug des Modells „Gangster-Kapitän“ aus der Opelmodellpalette der Vorkriegszeit chauffiert wurden – in ihren treuen Dackelblick hinein ihr sträfliches Tun zu kritisieren?

Conchita wagte es jedenfalls nicht.

Die Stammgäste in ‚Tillmann’s Gaststätte & Weber’s Metzgerei’ wagten auch nicht das Spiel zu unterbrechen, welches die füllige Wirtin Frieda des Wochenends zu inszenieren pflegte, um das Geschäftsergebnis, das unter der Woche mehr oder weniger vor sich hinschlummerte, ein wenig zu ‚dopen’ – so würde man ihr Verhalten Heute vielleicht bezeichnen. Ich habe es damals als eine Art Gratwanderung zwischen Beschiss und Verulk der Gäste durch die ansonsten sehr umgangsjoviale Wirtin empfunden.

Samstags und Sonntags ‚deponierte’ et Friedchen nämlich ihre betagte Mutter und Vorgängerin im Amt im Ohrensessel neben der Theke. Fast jeder der eintretenden Gäste hielt sich etwas darauf zugute mit Omma Tinchen auf ihr weiteres Wohl anzustoßen.

Omma Tinchens ‚Kunjäckche’ war aber kein Schnapserl, denn Töchterchen Friedchen (dabei hatte ‚et Frieda’s’ Körper eher die Abmessungen eines Troßschiffes der Reichsmarine) füllte Ommas Stamperl brav mit einem Placebo – Omma Tinchen schüttete tapfer ein Gläschen kalten Tees nach dem anderen in sich hinein.

Sie hatte sich schon den legendären Ruf des trinkfestesten Frauenzimmers zwischen Sengbach und Itter erworben – als eine (Ex)Wirtin, die selbst in hohem Alter noch jeden Fuhrmann der Region unter den Tisch trinken würde.

Wer es von den Gästen anders wusste, der hat wohlweislich darüber geschwiegen, denn beim nächsten Familien-Einkauf in der angrenzenden Metzgerei packte et Frieda – diesmal als Metzger Karls Gattin – die eine oder andere Wurst verschwörerisch lächelnd als Schweigegeld obenauf.

Ob Meister Karl in seiner Wurstküche davon wusste, weiß ich nicht – obwohl mich manchmal das Gefühl beschlich, er würde in seiner dampfenden Brühwurstsiederei extra ‚Bestechungswürstchen’ in die Därme füllen.

Wenn ich Heute wohl noch mal an Webers Karl denke, dann liegt mir sofort wieder das ‚schmecken’ seiner kesselwarmen Fleischwurst auf der Zunge – eine geschmackvollere Brätmischung ist mir in der Folge nirgendwo sonst in der Welt über den Weg gelaufen.

Nach einem ereignisreichen Arbeitstag – 9 Stunden Maloche mit anschließender Richtfestfeier (reichlich Bier und Körnchen auf ‚Mettbrötcher mit veeeel Üllek’ (Zwiebeln) entwichen dem lieben Cornelius aus seinem ‚Achtersteven’ ein paar geräuschlose, aber leider nicht geruch- oder treffender gesagt geschmacklose Winde. In der drangvollen Enge der O-buskonservendose konnten wir Eingezwängten nämlich die gehaltvollen Pupser förmlich auf der Zunge schmecken.

Alles Kopfdrehen und Nasekräuseln war vergeblich – man war gezwungen zu genießen – jeder Fahrgast auf andere Art, und unser Conny genoss es wie stets auf die Seine.

Natürlich verdächtigte jeder Jeden der Duftanreicherung – man konnte es an den suchenden Blicken erkennen.

‚König Cornelius’ bereitete der Ungewissheit ein (fast) alle der Umstehenden zufrieden stellendes Ende, indem er einer neben ihm eingezwängten jungen Dame auf seine unnachahmliche Art leutselig ‚Absolution’ erteilte.

Laut und für alle vernehmlich tönte es aus des Urhebers Munde: „Aber Frolleinche – wegen dat kleine Mallörche bruke see doch nit rud zu weede. Dat is angeren ooch schon ungerjekomme.“

Noch nie zuvor sah man einen vor Scham so hochroten Frauenkopf vor erreichen seines eigentlichen Fahrtziels aus einem überfüllten ‚Soliger’ O-Bus flüchten.

 

Vor Scham geflüchtet – oder in den Boden versunken – wäre ich am liebsten am Morgen meiner Konfirmation.

Der Einsegnungsgottesdienst war schon in vollem Gange, als ich neben meiner Mutter die imposante Lutherkirche betrat. Unser Zuspätkommen bedingte das Eintreten durch das Hauptportal, während die Schar der Mitkonfirmanden durch die Seitenpforten dem Ort der  Einsegnung zugeführt worden waren.

Diese Seitentüren waren schon längst wieder verschlossen.

Die fünfzig Schritte von der Eingangstür unter dem Orgelboden bis zu den Konfirmandenbankreihen unmittelbar vor der Kanzelempore war für mich das reinste Spießrutenlaufen. Hunderte Augenpaare von beiderseits des Mittelganges drückten laut schweigend ihr Missbilligen einer solchen Schlamperei aus. Meine Mutter hat mich den Weg entlang der ‚ach so gottesfürchtig’ den Eingangschoral singenden Schwestern und Brüder begleitet – und sie musste ihn auch noch wieder zurückgehen.

 

Wenn ich in späteren Jahren meiner Einsegnungskirche einen Besuch abstattete, war mir jedes Mal, als sähe ich wieder in die empörten Gesichter der im Rund um den Altar gruppierten Presbyter der Gemeinde – so als wenn sie dort am Tage meiner Konfirmation zu Stein geworden wären.

Dafür, dass ich als fröhliches, vollwertiges Gemeindeglied den sakralen Raum verlassen konnte, hat dann der gütige Pastor Strathmann Sorge getragen, indem er mich aus der großen Schar der kleinen Sünder hervorhob und für mich vor der Gemeinde mit aufgelegter Hand in der Dreifaltigkeit Namen für meinen Lebensweg Gottes Segen erbat.

So war er – der alte Pastor Strathmann.

Ganz anders, aber auf ihre Art ebenso liebenswert waren die Brüder Kuckuck und Knaller. Sie hatten natürlich auch einen bürgerlichen Namen, über den war aber in all den Jahren, die sie schon Kuckuck und Knaller gerufen wurden, soviel Gras gewachsen, den kannte von ihrem täglichen Umgang niemand mehr. Sie waren für alle nur der Kuckuck und der Knaller.

So wie ihre Namen auf das erste Hören sonderbar anmuteten, so sonderbar wirkten auf das erste Sehen auch ihre stets neuen Einfälle zur Erheiterung der Kollegen oder für die Aufpolsterung ihres stets klammen Geldbeutels.

Wie sollte man es auch anders bezeichnen, wenn der Kuckuck für eine Schachtel Eckstein (zu der Zeit gab es noch Kleinstpackungen mit vier Zigaretten Inhalt) einen – wohlgemerkt noch lebendigen – Frosch vertilgte?

Die daraus resultierende körperliche Unpässlichkeit war natürlich fatal, darum sei dieses Kabinettstückchen auch besser keinem zur Nachahmung empfohlen.

Oder wenn der Knaller für einen ‚Heiermann’ (ein silbernes Fünfmarkstück) seinen Kopf in einen Kübel mit Kaltbitumenanstrich tauchte und in der schwarzen Brühe dreimal mit den Ohren schlackerte.

Der dritte im Bunde dieser ‚schrägen Vögel’ in Karl Röhrichts Baufirma war der Reicherts Klaus, der es schaffte, sich während seiner ‚Hungerperioden’ (sein stattlicher  Wochenlohn, den er des Freitags in der Lohntüte ausgehändigt bekam, erlebte in der Regel nämlich nie den Samstagmorgen – dafür war die Nacht in seinem Stammlokal ‚Ponystall’ jedesmal ein Weilchen zu lang) ein ganzes frisches Dreipfundsgraubrot trocken und ohne Zutaten einzuverleiben – weshalb er in Bauarbeiterkreisen allgemein auch nur der ‚Graubrotmörder’ genannt wurde.

Ein ähnlich originelles Original war Wiekendieks Hein aus der Elsa-Brandström Strasse unweit vom Neumarkt. Seines Zeichens war er ‚Pläächmann’ und in unserer kleinen Truppe zuständig für die Estrichmischung. Seine Zuständigkeit reichte von der richtigen Mischung der Rohstoffe bis zum Transport des Mörtels auf die Arbeitsebenen.

In der Summe seiner Arbeitsleistung war Hein unschlagbar. Von den 32 tons des Morgens angeliefertem Estrichkies gab es am Abend keine Spur mehr vor seinem Zwangsmischer zu sehen. Die 32 Tausend Kilogramm Kies beförderte er in 12 Stunden samt der erforderlichen Menge an Zuschlagstoffen mittels seiner übergroßen Holländerschaufel in den nimmersatten Schlund der Mischmaschine.

Einen 50 kg schweren Zementsack hievte er, ohne dabei mit der Wimper zu zucken, in einem Zug mit der Schaufel in die Füllöffnung der Maschine.

Ebenso unschlagbar war Hein aber auch in der Summe seiner Trinkleistung. Die Zeitspanne, die ein normal proportionierter Alkoholvernichter benötigte um den Inhalt eines normalen Schnapspinnekens den Schlund runterlaufen zu lassen, die reichte dem ‚Wiekendieks Heein’ um einem ganzen Liter Bier den Garaus zu machen. Hein war außerdem mit der seltenen Fähigkeit ausgestattet, sich drei- viermal hintereinander besoffen und wieder nüchtern zu saufen. Das hat ihm, soviel mir bekannt ist, in seinem Leben keiner nachgemacht. Trotz aller ‚Trinkbegeisterung’ hat Hein, während er an der Maschine im Schweiße seines Angesichtes malochte, niemals auch nur einen Tropfen eines alkoholischen Getränks angerührt. Er verstand es exellent den Wahlspruch unserer Altvorderen, nach dem Dienst Dienst und Schnaps Schnaps ist, einzuhalten.

Der Anblick eines über mir fahrenden Heißluftballons, der in der sommerlichen Bläue unbeirrt seine Bahn zog, berührte mein Erinnern an Leinewebers Anna.

Lingewebersch Anna war die angetraute Ehehälfte vom schon erwähnten August dem Koffermann, der es über die Jahre seines unternehmerischen Wirkens immer wieder verstanden hatte, durch den Inhalt seines Bauchladens – den er sinnigerweise stets mit der Hand am Koffergriff und dem Arm über die Schulter gelegt auf seinem Rücken trug – in die Wohnküchen der Kotten längs der Wipper- und Wupperauen einen Hauch von Paris oder Mailand, und in die sonst eher von Kargheit und Verzicht gezeichneten Gesichter der Frauen und Mütter ein verträumtes Lächeln zu zaubern.

Ob ‚et Annas Jesich’ jemals ein verzaubertes Lächeln verschönt hatte, war für den zufälligen Betrachter schwer vorstellbar. Besonders wenn ihr Kopf das Viereck des Fensters ihrer kleinen Beiküche zur Gänze ausfüllte. Man konnte dann wohl meinen, die Reklametafel eines Lübecker Marzipanschweinchenherstellers zu betrachten.

Oder wenn sie sich notgedrungen zu Fuß auf kurze Wege begeben musste. Dann konnte man sie nämlich versehentlich leicht für eine wandelnde XXL Vogelscheuche halten – ihre wahrlich nicht schlanken Stummelarme standen waagerecht vom Körper ab, weil die Fettmassen ein anlegen an den Korpus nicht mehr zuließen.

 

Um aber auf das Erinnern an Anna durch den Anblick des Fesselballons zurückzukommen – an das Aussehen und die Form der rosa und blauen Schlüpfer – vom Schnitt her einem antiken Schinkenbeutel nachempfunden, außen seidig glänzend und innen angerauht, mit Gummizug an Bein und Hüfte – die bis in die Mitte der fünfziger Jahre getragen wurden, können sich viele meiner Leser sicher noch gut besinnen. Von eben diesen ‚Modellen’ – deren Stoffbedarf für ein Anna-Exemplar dem für die Anfertigung eines mittleren Fallschirmes gleichkam – besaß ‚et Anna‘ etliche an der Zahl – und stets hingen einige Modelle davon an der Wäscheleine im Garten und flatterten aufgebläht lustig im Windevor sich hin – bis zu dem Tage, an dem ein Nachbar Annas August vertraulich fragte, ob er .nicht auch mal in einem der Fesselballone, die zum trocknen im Garten an der Leine hingen, mitfahren könne. Von Stund an sah man keinen von Annas Satinschlüpfern mehr im Garten sich blähen.

Blähen blähte sich aus unerfindlichen Gründen auch der Mageninhalt – oder war es eher der des Darmes – vom Michel Paule aus Widderts Lacherstrasse. Paule fand es aber nun gar nicht zum Lachen, wenn sein ‚Hintern’ bei der geringsten Bewegung anfing zu grinsen, respektive dicke Backen machte und in seltsamen Tönen prustete. Er war darüber verständlicherweise eher betrübt als erleichtert, denn an dem Ort, an dem er seine ‚Brötchen’ verdiente, war eine solche ‚Hintergrundmusik’ – die von Fall zu Fall auch noch mit verschiedenen Duftnoten versehen daherkam – äußerst unangebracht.

Paule fungierte nämlich als Bürobote in der Mercedes (Daimler) Benz Niederlassung in der ‚Soliger’ Innenstadt.

Während die Specksohlen mancher Kollegenschuhe beim Gehen auf den Marmorfliesen der Flure hin und wieder quietschten, produzierte Paules ‚Speckseite’ dagegen peinlichere Töne.

Rettung aus seiner Betrübnis erhoffte er sich vom alten Doktor Hülsenkötter, dem langjährigen Hausarzt der Familie. Doch wie sagt man so schön, wenn etwas nicht so läuft wie erhofft?

Genau: Paule hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht.

Des Doktors Rat beschränkte sich auf die Empfehlung, er solle sich doch ein kleines ‚Mopped’ zulegen. Auf Paules erstaunte Entgegnung, er dürfe mangels Fahrerlaubnis so ein Ding doch gar nicht besteigen, antwortete der greise Doktor salomonisch: „Dat is ooch jaanich nüdich. Du bruuchst dat Motörche nur neeven disch herknattere losse – denn hüürt dien Büksenfleut nümmes miii.“© ee

ewaldeden©2013-02-08

auf leisen Sohlen…

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Auf leisen Sohlen war der Frühling ins Land eingezogen. Die Menschen im Dorf merkten es erst, als eines Morgens ganz feines Klingeln durch die Gärten und über die Wiesen schwebte. Die Schneeglöckchen hatten ihren ersten Arbeitstag. Sie waren schon ein paar Tage mit all den vielen Vorbereitungen beschäftigt gewesen. Es ist nämlich gar nicht so einfach, nach so langer Winterabwesenheit wieder alles in Gang zu setzen.

Das aber hatten die Leute nicht mitbekommen in ihrer täglichen Hasterei. Einzig der Eichelhäher aus dem nahe gelegenen Wäldchen war vor ein paar Tagen auf Besuch da gewesen – um ein kleines Schwätzchen unter Freunden zu halten, sozusagen. Er hatte die Kunde davon dann in der ganzen Gegend verbreitet: „Die Schneeglöckchen sind wieder da!“ – war überall krächzend zu hören gewesen. Nun wussten es alle Tiere und alle Pflanzen in der ganzen Gegend. Bloß die Menschen ahnten es noch nicht – die erfuhren erst durch das feine Läuten davon. Denn welcher Mensch versteht schon Eichelhäherisch. Doch ganz wenige nur. Das Rehlein gehörte zu ihnen. Das Rehlein hieß bei den anderen Menschen eigentlich Barbara – aber für ihren Liebsten, und für alle Tiere – im Wald und anderswo – war sie wegen ihrer wunderschönen Augen, und wegen ihres sanften Wesens nur das Rehlein. Das Rehlein liebte ihre Rosenstöcke im Garten über alles. Darum hatten in diesem Jahr alle Schneeglöckchen auf ihrer großen Mittwinterbetriebsversammlung einstimmig beschlossen: Die ersten Schneeglöckchen blühen in diesem Vorfrühling in des Rehleins Garten. Bevor der milde Geselle den großen bunten Teppich ausrollte, den Barbara jedes Jahr extra für ihren Garten webte, kleideten tausend und abertausend Schneeglöckchen den Garten in ein wunderschönes grünweißes Tuch. Es reichte von den Rosenstöcken an der Hauswand bis an die mit dickem Moos bewachsene Gartenmauer. Die Obstbäume standen plötzlich inmitten eines hohen, flauschigen Teppichs von Blüten. Die Märzenbecher hatten sich von der Lust anstecken lassen, und reckten ihre dickbauchigen Blüten über die Schneeglöckchen hinaus. Als wenn sie zum Wettstreit angetreten waren. Und was war das – über Nacht war es bunt geworden auf dem weißen Teppich. Die Krokuskönigin hatte ihre Untertanen auf die Wiese geschickt, und damit auch jeder sah, daß sie angekommen waren, tauchten sie ihre Mäntelchen in Töpfe mit den buntesten Farben. Gelb und rötlich und violett und lila. Die ganze Strasse lang sprach man nur noch von der Farbenpracht in des Rehleins Garten. Die Freude in ihrem Herzen war so groß – sie lief über und über und über, und verteilte sich in der ganzen Stadt – jede Strasse und jeder Hof leuchtete plötzlich wie die Palette eines fleißigen Malers. Für jede Blume und für jedes Blatt schrieb sie mit ihrem Liebsten gemeinsam ein Gedicht oder eine Geschichte. Damit alle Leute diese Gedichte und Geschichten sehen und lesen konnten, malte Babsi sie auf feinste seidene Tücher. Sie schmückte damit die Zweige der Bäume, die bemooste Gartenmauer, das Rosenspalier und jeder, der am Garten vorüberging, bekam ein farbenfrohes Tüchlein umgehängt. Bald war die Stadt bis in die hintersten Winkel mit Babsis farbenprächtigen Tüchern geschmückt, die alle lustig im Wind flatterten.

Babsi tanzte und sang und küsste und herzte ihren Liebsten – alle Leute im Lande wurden richtig neidisch auf ihn. Die Kunde davon verbreitete sich wie ein Lauffeuer nach Süden, nach Westen, nach Norden und nach Osten – bis in die hohen Berge und bis an die weite See. In der Einsamkeit Sibiriens erfuhren die Schneefüchse davon, und in den Blütenfeldern der Provence summten die Bienen die frohe Botschaft in den lavendelfarbenen Himmel. Aus Skandinavien kamen die Elche, von den Sandbänken in der Nordsee robbten die Seehunde heran, die Eidechsen verließen die Felsendome der Toscana – in den Karpaten sah man gar Wölfe sich auf den Weg machen. Sie alle wollten im Bayernland Barbaras wunderschönen Garten und die Stadt mit ihren auf seidene Tücher gemalten bunten Gedichten und Geschichten sehen.

 

Als die letzten Tiere angekommen waren – es waren die Rentiere aus Lappland – hob ein großes Fest in der Stadt an. Die mächtigen Rentiere waren etwas langsamer, weil sie die Rentierprinzessin und den Rentierprinzen auf ihren Rücken tragen mußten. Die wollten nämlich unbedingt das Rehlein kennenlernen, und sie bitten, sie in Lappland zu besuchen – sie im hohen Norden, im Land der Fjorde und Schären zu besuchen, und ihnen zu zeigen, auf welche Art und Weise sie das Land ebenso bunt machen konnten, und wie sie Gedichte und Geschichten auf seidene Tücher malen könnten. Die anderen Tiere, die das hörten, stürmten alle miteinander auf das Rehlein ein. Sie sollte sie alle in ihrer Heimat besuchen kommen. Überall sollte das Rehlein alles bunt und fröhlich machen – und überall durfte sie ihren Liebsten mit hinnehmen. Barbara war überwältigt von soviel Herzlichkeit und Begeisterung, sodaß sie allen zusagte, in ihre Heimat zu kommen. Aber immer schön der Reihe nach, konnte sie in dem ausbrechenden Jubel nur noch anbringen. Das war den Tieren denn auch recht – die Hauptsache war, sie kam irgendwann, um das Land schöner zu machen.

So reisten das Rehlein und ihr Liebster von da an in der Welt herum, besuchten all ihre Freunde, die Spaß an bunten Blumen, die Vergnügen an farbenprächtigen seidenen Tüchern, und Hunger auf schöne Worte hatten.

Da der Frühling gerade erst anfing mit seinen Farben und Formen in der Gegend herumzusprenkeln, suchten die beiden ihre Siebensachen zusammen. Die Kutsche, in der sie reisen wollten, war ganz schön vollgepackt mit seidenen Tüchern, mit Pinseln in allen Größen, mit Malstiften, mit Leinwand und Papier und Tinten in vielen Farben. Ein Frühlingsfest sollte es zuallererst werden, in der Provence – ein Frühlingsfest in der Heimat der Eidechsen. Ein Frühlingsfest unter lavendelblauem Himmel mit rubinrotem Wein und selbstgebackenem Steinofenbrot. Ein Frühlingsfest mit malen, mit schreiben und mit lieben in wunderschönen Nächten. Ein Frühlingsfest mit Musik und tanzen und schweben auf honiggelben Wölkchen vor knisterndem Kaminfeuer. Paul und Paulinchen – die schnuckeligen Haflinger vor der Kutsche – zuckelten immer brav hinter den flinken Eidechsen her. Mit jeder Meile die sie zurücklegten, kamen sie dem Paradies näher. Barbara kuschelte sich die ganze Reise an ihren Liebsten, der sie behutsam in seinen Armen hielt – sie zärtlich streichelte und liebkoste. Mit jedem Kuss, den sie sich gaben, strahlten ihre Augen heller, so daß sie in der Nacht gar keine Laterne brauchten, um den Weg zu finden. Es war eine traumhafte Reise über die Höhenzüge der Vogesen, durch das herrliche Elsaß, auf die sanften Ausläufer der Alpen zu. Je weiter sie nach Süden kamen, umso samtener wurde die Luft. Das Rehlein erblühte in seiner ganzen rosigen Schönheit. Mit jedem Atemzug den sie tat, tauchte ihr Liebster ganz tief in ihre strahlenden Augen – bis auf den Grund ihrer Seele, um seine eigene Seele darin zu baden. Er plantschte und plätscherte oft so heftig und ausgelassen darin herum, daß ihr die Freudentränen aus den Augen kullerten, und wie flüssiges Silber auf ihren Wangen glitzerten. Ihr Liebster küsste sie dann rasch wieder weg, um Platz für neue Freude zu machen.

 © ee

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nicht`s Weltbewegendes.

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nichts Weltbewegendes…

Es war nichts besonderes und machte nicht viel her. Ein einfaches Stück aus einem Baumwollstoff gefertigt. Grob wie ein Mehlsack.
Zusammengenäht und mit Flicken von einem Hemd oder bunten Kleid mit ganz viel sorgsamer Liebe irgendwann einmal genäht für Jemand anderen.
Die zwei großen Taschen und das breite Rever mit Klöppelspitze am Rand ohne den Versuch eine modische Aussage zu machen. Doch beim Betrachten sprach es Bände
ohne die Wahrheit der Jahre zu verstecken.

Rückblickend gab es selten eine Zeit an der meine Tante diese Kittelschürze nicht trug. Sie war immer neben ihrem Nachttischchen auf einem Stuhl drapiert. Morgens wenn sie aufstand legte sie es ebenso selbtverständlich an wie sie in ihre Hausschuhe schlupfte und dann trug sie es mit einer natürlichen Leichtigkeit bis sie sich für die Nacht fertig machte um ins Bett zu schlüpfen.

Und dann war es ein Wunderteil das sie umhüllte. Da sie viel Zeit in der Küche verbrachte schützte sie ihre Kleidung die sie darunter trug vor Spritzer beim Kochen und es konnte noch viel mehr. Es nahm den Schweiß von der Stirn auf und die Tränen der Kleinkinder die zum trösten kamen. Gab sicheren Halt der ganz Kleinen die ihre ersten Schritte versuchten und sich am Saum festhielten.

Dann diese bunten stabilen Taschen die alles aufnahmen wie Wundertüten. Gartenwerkzeuge und andere Utensilien aus der Werkstatt, auch täglich gefundene Eier
aus dem Hühnerstall, die Schnupftabakdose aus der sie ab und zu eine Prise nahm, bunte Bleistifte Radiergummi auch einen Anspitze , Pflaster und für mich immer einen Lutscher.
Es trug die täglichen Gerüche ihres Lebens die Guten und die Schlechten. So blieb es in den Erinnerungen ihrer Nichten und Neffen.
Diese Schürze , die auch als Notlösung bei einem tiefen Schnitt meines Kinderfusses eingesetzt wurde, als Stauschlauch, um die Blutung zu stoppen, wärend meine Eltern mich in Hektik ins nächstliegende Krankenhaus brachten.

Es war nichts Weltbewegendes für ander , doch es blieb uns allen in bleibender Erinnerung.

Die Zeit eilte, verging wie im Fluge. Sie benötigte sie weniger und weniger doch es hinderte sie nicht diese Schürze weiter zu tragen. Es kam die Zeit wo sie nicht mehr in die Küche zum Kochen kam. Doch sie trug sie jeden Morgen weiter und wartete was der Tag bringen würde. Zuversichtlich und fröhlich.

Meine Tante lebte ein glückliches Leben und starb mit 68 friedlich im Schlaf und wir begruben sie in ihrer Kittelschürze und es war gut so.
Ich bin mir sicher das mein Tantchen im Himmel noch mehr Einsatzmöglichkeiten für sie gefunden hat.© Chr.v.M.

Der Regensburger Ludwig …

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Der Regensburger Ludwig …

So schmutziggrau wie die zerstörte Umgebung rings um den erbärmlichen Unterstand in dem Ruinenfeld von Stalingrad ist auch der russische Himmel an diesem Morgen des 29sten Januar 43.
Die Stalinorgeln des Gegners sind vor wenigen Minuten verstummt. Von Anbruch der Dunkelheit bis zum Grauen des neuen Tages spielen sie seit Tagen – oder sind es schon Wochen – Nacht für Nacht die gleiche Melodie. Kaum hat das Pfeifen mit dem kurz darauf folgenden Krachen der Einschläge von Osten her aufgehört, setzt es aufs Neue von Süden her ein, um dann nach Westen und Norden weiterzuwandern. Die rote Artillerie zeichnet so Nacht für Nacht ein schauriges Bild der Windrose in die Köpfe der wenigen die übrig geblieben sind von den Vielen die ausgeschickt wurden, um Raum für das eigene Volk zu erobern. Die kümmerlichen Reste einer einst stattlichen Armee – ausharrend im Kessel und bangend was da kommt. Für sie gibt es kein Vorwärts mehr – und schon gar kein zurück. Es gibt nur noch warten auf die Besiegelung der Niederlage und bangen, was dann kommt. Die Prediger des Endsieges haben sich rechtzeitig abgesetzt, oder sie sind in der klirrenden Kälte und angesichts der gefallenen Kameraden verstummt.
Jede der graugesichtigen Gestalten in den vor Dreck starrenden Uniformen sehnt jede Nacht diesen Moment herbei, wenn der Gefechtslärm um sie her von einer Minute auf die andere abbricht. Dann können sie für ein paar Augenblicke versuchen, der Kälte zu trotzen die ihre Glieder immer länger gefangen hält. Wie lange hat sie schon kein Nachschub mehr erreicht? Zwei Wochen? Drei Wochen? Die Zeit verschwimmt in der Erinnerung zu einem trüben Brei mit steinharten eisigen Brocken, wenn ihre ‚eiserne Ration’ in immer kleinere Portionen zerfällt. Die Zeit gefriert zu einem blutigen Klotz, wenn irgendwo ein kleines Fünkchen Freude aufblitzt über herrenlos gewordene Nahrungsreste gefallener Kameraden.
Einzig der ‚Leutnant’ mit seinen über Nacht ergrauten Haaren – alle Kameraden nannten den stillen Ludwig mit der Hornbrille aus den Regensburger Auen nur ‚Herr Leutnant’ – ließ nie auch nur ein Wort der Kritik hören wenn mal wieder einem von seinen Leuten die ‚Zivilisation’ abhanden gekommen war.
Obwohl auf seiner Uniform schon lange keine Rangabzeichen mehr auszumachen waren, hatte er nicht den Respekt und die Achtung der ihm Anvertrauten verloren.
Als einer der ältesten Kameraden in dem zusammengewür-felten Haufen nahm er an diesem Morgen seine an einer Seite leicht lädierte Brille ab, bevor er den beiden Jüngsten unter ihnen, die in ihrer schäbigen Sommeruniform vor Kälte – oder war es aus Angst vor den kommenden Ereignissen – vor sich hinzitterten, seine Arme um die Schultern legte.
Wie ein Vater der seine Söhne beschützen will, schießt es Josef, dem altgedienten Feldwebel aus dem hannoverschen Göttingen durch den Kopf. Und bevor der Josef den Gedanken in seinem halberfrorenen Hirn wieder ausgelöscht hat, tönt in die Friedhofsstille über dem rauchenden Schlachtfeld mit den unzähligen Granattrichtern und den zahllosen zerstörten Häusern die etwas kratzige, aber trotzdem wie das Gesumme friedlicher Hummeln klingende Stimme des Leutnants. Der Ludwig berichtet von lauen Frühlingstagen an den Ufern der bayrischen Flüsse und Seen, von duftendem Ginster und blühendem wilden Mohn. Eine Strophe des Liedes vom Burschen der sein Liebstes vermisst singt er sogar.
Man kann den Gesichtern der lauschenden Kameraden ansehen, daß ihre Herzen ganz weit weg in der Heimat weilen.
Für eine kurze Zeit haben sie das grausige Schlachtfeld und den unweigerlich drohenden Untergang vergessen.
Für eine kurze Weile haben sie die klirrende Kälte und den nagenden Hunger aus ihrem Fühlen verbannt.
Für ein paar Traumminuten lang haben sie das Gelände um sich herum aus den Ohren verloren.
Diese Minutenumläufe des Sekundenzeigers auf der tickenden Uhr des Schicksals haben den vorrückenden Rotarmisten genügt. Als das erbarmungswürdige Häuflein da unten im Keller von der Stippvisite in der Heimat zurückgekehrt ist, schauen sie ringsum in die drohenden Mündungslöcher mattschwarzer russischer Gewehrläufe.
Obwohl die ausdruckslosen Gesichter der Rotarmisten über den Gewehren regungslos zu ihnen hinabstarren, fällt kein einziger Schuß. Die Kameraden mit dem roten Stern am Stahlhelm helfen ihnen sogar fast freundschaftlich dabei aus dem Graben zu klettern.
Oben angekommen können sie ihnen doch wohl nicht ersparen mit erhobenen Händen vor den schussbereiten Gewehren herzumarschieren.
Als der Tag die Spitze seiner um diese Jahreszeit spärlichen Helle erreicht hat, befinden sie sich seit knapp einer Stunde auf einem ziemlich ebenen Feld am Rande eines Wäldchen in der Nähe einer trostlosen, scheinbar menschenleeren Siedlung, auf der sie die folgende und die darauf folgende Nacht unter freiem Himmel auf der blanken Erde zubringen. Dadurch dass man ihnen alles – auch die persönlichen Gegenstände – weggenommen hat, haben sie auch keine Uhr mehr in ihrem Besitz, um wenigstens die Zeit verfolgen zu können.
‚Scheiß auf die Uhren’ sagt der Göttinger Josef schon fast fröhlich. ‚Hätten wir die etwa essen können?’ vollendet er seine ‚Ansprache an mein Volk’, wie er sagt, bevor er gierig in das in der kalten Kohlsuppe eingeweichte russische Steinbrot beißt. Am dritten Tag ist die Lagerherrlichkeit vorbei. Eine endlos scheinende Schlange Feldgrau windet sich über den schmutzigen Schnee und durch tiefe Panzerfurchen in südöstliche Richtung. Das es nach Südosten geht wissen sie vom Leutnant. Der scheint irgendwie einen Draht zum Himmel zu haben. Obwohl keiner der Gefangenen seinen Platz in der Kolonne verlassen darf, und obwohl er von den Essensrationen der letzten Tage nicht einmal die Hälfte für sich behielt, sondern sie an die Kameraden verteilte, die vor Entkräftung bald nicht mehr auf den Beinen stehen konnten, taucht er immer wieder mal hier und mal dort in der Kolonne auf, um dem einen oder anderen Mut zu machen. Niemand von den sie begleitenden Rotarmisten bemerkt es – als wenn der Regensburger Ludwig unsichtbar ist.
Nach einem endlos langen Marsch erreichte der Gefangenentross das Sammellager Beketowka. Irgendeiner der ein wenig russisch konnte, hatte den Namen des Lagers als Latrinenparole in Umlauf gebracht.
In Beketowka verlief alles ungeordnet. Die rote Generalität war auf so viele Plennys in diesem Abschnitt nicht vorbereitet gewesen.
Es mangelte an allem, nur an einem nicht – an Krankheiten und Seuchen die sich, bei Menschen die unter solch katastrophalen Umständen leben müssen, rasend schnell breit machen.
Jeder versuchte so schnell wie möglich dieser Hölle von menschlichen Wracks zwischen flüssigen Exkrementen und Erbrochenem zu entfliehen.
Der Ludwig und der Göttinger Josef hatten das Glück.
Sie ergatterten für den Mittag des 13. März einen Platz innerhalb eines Transports nach Wolsk.
300 Kilometer Bahnfahrt bei 40 Minusgraden im offenen Güterwagen. Für die meisten war es eine Reise in den Tod, der viele schon während der 7 Tage dauernden Fahrt dahinraffte. Dem Leutnant Ludwig sollte nach dem Willen des Herrn wohl ein würdigerer Abschied von dieser Erde beschieden sein, als der als Toter aus dem fahrenden Zug hinausgeworfen zu werden. Am 20. März in Wolsk angekommen ließ ihn der Herr noch mit Hilfe seines Kameraden sein ‚Golgatha’ besteigen, um ihn von der Höhe des Lagerhügels friedlich zu sich zu holen.
Gott war seiner Seele gnädig.

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Und plötzlich juckt es wieder …

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Und plötzlich juckt es wieder …

Zur Jahreswende 1957 / 58 hatte meine Mutter mal wieder auf einen Ruf ihres Ältesten reagiert. Ich sollte ihr am Ende des Schuljahres mit der Bahn nachfolgen. Das Geld für meine Bahnfahrkarte sei im Stubenbüffet deponiert. So lautete ihre Ansage an eine meiner Schwestern, die mit ihrer Familie in unserem Haus in Voslapp zurückblieb. Die Strecke hatte ich schon mehrmals alleine bewältigt.
Einer meiner Brüder benötigte, wie schon so oft, in seinem Betrieb tatkräftige Hilfe. Hilfe in Form von Händen die zupacken konnten. Meiner Mutters Hände waren für diese Art der Unterstützung bekannt.
Fidi S., ein Jugendfreund meines ältesten Bruders, der mit ihm und einer Reihe gleichaltriger junger Männer nach dem Kriege und dem Ende ihrer Lehrzeit in Wilhelmshaven bzw. im Jeverland ins Rheinland gewechselt war, befand sich gerade bei seinen Eltern in Hooksiel zu Besuch. Die Guten feierten das Fest der Rubinhochzeit. Fidi, stolzer Besitzer einer NSU Max, bot sich an, meine Mutter bei seiner Rückreise ins Bergische Land auf seinem Feuerstuhl mitzunehmen.
Da das Geld knapp und meine Mutter von Natur aus nicht ängstlich war, nahm sie das Angebot dankbar an. Zumal die finanzielle Beteiligung an den Treibstoffkosten wesentlich geringer ausfallen sollte, als der Preis für eine Bahnfahrkarte zweiter Klasse. Die Holzklasse – die dritte Klasse – war in deutschen Eisenbahnen leider kurz vorher abgeschafft worden.
Erfahrungen als ‚Sozia’ hatte sie außerdem schon in den ‚98er’ NSUzeiten ihres verstorbenen Ehemannes gesammelt – einschließlich einer gewaltigen Bruchlandung in einem riesigen ostfriesischen Misthaufen, der durch einen sintflutartigen Regen ein Stückchen auf die Landstrasse gerutscht war.
In Solingen angekommen wünschte sie sich allerdings, sie hätte die Anfangs etwas teurer erscheinende Variante Zugfahrt genommen, denn statt der erwarteten 370 Kilometer zeigte der Zähler am Ziel angekommen stolze 790 Kilometer heruntergeratteter Strassenlänge an.
Meine Mutter, als dankbare Mitfahrerin, übernahm natürlich neben den Kosten für die unterwegs notwendig gewordene Verpflegung auch die Kosten für den Benzinmehrverbrauch. Der geizige Fidi strahlte wie ein Honigkuchenpferd und bot seiner honorigen Sozia sofort die nächste Mitfahrgelegenheit an.
Dank Fidis guter Streckenkenntnisse war nämlich die einfache Fahrt von Wilhelmshaven ins Bergische Land zu einer Deutschlandrundfahrt einschließlich der niederländischen und belgischen Grenzgebiete geworden. Meine Mutter hat sich dann mit der Erkenntnis getröstet, auf diese Art viele ihr bis dahin unbekannte Landstriche kennengelernt zu haben. Und noch eines hatte sie unfreiwillig kennengelernt: Die Ängste eines hilflos auf dem Sozius hockenden Beifahrers, wenn der Fahrer vor ihm glaubt der Pilot eines Abfangjägers der Luftwaffe zu sein.

Es nahte meine Abfahrt ins gelobte Land. An der Wesensveränderung meiner Schwester merkte ich, daß irgendetwas ihr Unwohlsein bereitete. Und richtig – das ihr von unserer Mutter anvertraute Geld für meine Bahnfahrkarte war weg. Es hatte sich irgendwie in Luft aufgelöst, oder war unter der Sonne ihrer unerfüllten Wünsche dahingeschmolzen. Nun war Holland in Not – aber wie es im Leben häufig so ist: Ist die Not am größten, ist der liebe Gott am nächsten.
Der liebe Gott hieß in diesem Fall Fritz Grätz. Seines Zeichens war er Kohlenhändler und Frachtfuhrmann. Als Spediteur im Fernverkehr bediente er die Frachtlinie Wilhelmshaven – Süddeutschland im regelmäßigen Turnus.
Seine dunkelblauen schwerfälligen Lastzüge verkehrten damals pünktlicher als heute häufig die Deutsche Bahn mit ihrer überdrehten Technik.
Für die ‚Basalan AG’ – die damals in der ehemaligen Schiffbauhalle an der Gökerstrasse Steinwolle aus Blaubasalt als hervorragendes Isoliermaterial herstellte – karrte er ihre Qualitätsprodukte an die jeweiligen Bestimmungsorte.
Und noch etwas wurde in großer Stückzahl befördert – Passagiere, Menschen die für wenig Geld näher oder weiter weg wollten.
Man nahm nach dem Vorbild der Frachtschiffahrt für jede Tour Fahrgäste an Bord. Der Lastzug wurde sozusagen zum Kombifrachter. Zwei Passagiere konnten jeweils im Führer-haus mitreisen, wenn es mehr waren – und es waren immer mehr – mußten die anderen sich mit einem Platz auf der Ladefläche begnügen. Das war wahrlich nicht bequem – aber man reiste ja billig. Warm war es außerdem – konnte es draußen noch so kalt sein wie es wollte – man war ja von dämmender Steinwolle ‚Marke Basalan’ eingehüllt.
Wer während der oft Stunden dauernden Reise nicht auf Flüssigkeitsaufnahme verzichten konnte, mußte sich vor der Abfahrt ausreichend mit Getränken versorgen.
Sich unterwegs etwas zu kaufen, das war nicht möglich. Cirka alle 200 Kilometer hieß es auf einem Parkplatz am Rande der Fernstrassen: Pinkelpause! Dann lüftete sich die Plane, man klauterte mit oder ohne fremde Hilfe vom Wagen, machte sich soweit wie nötig frei und verrichtete sein Geschäft.
Da überwiegend des Nachts gefahren wurde, gab es auch keine Entsorgungs- oder Schamprobleme. Es erleichterte sich jeder fröhlich hinter dem nächsten Strauch oder Bäumchen in die Dunkelheit hinein. Weiblein neben Männlein. Man denke sich das einmal Heute.
Meist waren es vergnügliche Runden, die der Zufall an Bord zusammengewürfelt hatte. Nach dem Ablegen der ersten Fremdheit wurde sich unterhalten, gelacht und auch schon mal gemeinsam gesungen. Nur geschmökt werden durfte auf dem Zwischendeck nicht.
Und alles ging im Konzert der Strasse unter. Der eine oder andere gab sich dann einfach dem Schlafe hin. Mir erging es ebenso. Ich schlummerte die letzte Wegstrecke tief und fest in meiner Basalankoje vor mich hin.
Im Morgendämmern schepperte am Frachtgutsteig des Neusser Hauptbahnhofs die Ladeklappe unserer komfortablen Kabine nach unten und es hieß abmustern. Auf dem feuchten Kopfsteinpflaster erwartete mich im morgendlichen Nebel mit seiner NSU Max der gleiche Pilot, der meine Mutter ein halbes Jahr zuvor auf grandiose Art nach Solingen chauffiert hatte. So lernte ich auf dem Sozius des Feuerstuhls auf der Fahrt vom Rhein in die Klingenstadt in Kurzfassung die gleichen Gefühle kennen, die meiner Mutter auf ihrer Winterreise den Wert des Lebens klar gemacht hatten. Trotz des schneidenden Fahrtwindes war ich bei der Ankunft in Solingen in Schweiß gebadet. Sämtliche Kleidungsstücke, die ich tags zuvor als Neu angezogen hatte, waren nur noch ein Fall für die Lumpenkiste. Tagelang verfügte ich nicht über genügend Finger, um mich an den Stellen kratzen zu können wo es mich durch die feinen Steinwollfitzelchen juckte.
Wenn mich mein Weg heute einmal an der langen Front der ehemaligen Schiffbauhalle vorbei führt, meine ich plötzlich das Jucken von vor fast sechzig Jahren zu verspüren.

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Courage…

 

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Courage . . .

 

Schschscht – – – – – Theo – – – – sie kann sich bald selbst nicht hören, so leise ruft sie ihren Theo.

Man – sie liegt ja auch steif im Bett. So sehr hat sie sich erschrocken, als es plötzlich irgendwo im Haus schrecklich polterte.

Sie versucht es noch einmal – diesmal etwas lauter.

Theo – – Theo – – dabei kriecht ihre Hand milli-meterweise zu ihm hin. Es dauert fast fünf Minuten, bis ihre Hand ihn an der Schulter zu fassen hat – und dann noch einmal genauso lange, bis sie ihren Arm bewegen und Theo schütteln kann.

Dabei hat sie mehr Energie fürs lauschen ins Haus gebraucht, als für die Bewegung zu seiner Schulter hin.

Ihr steht der blanke, kalte Schweiß auf der Stirn. Wie kann man bloß so fest schlafen. Wieder muß sie seine Schulter vorsichtig hin und her bewegen.

Sie traut sich nicht, laut zu werden – und meint, daß man schon ihr Herzklopfen bis zum Nachbarhaus hören kann.

Oh man – wenn diese Angst nicht wäre. Sie würde ihm schon zeigen was es heißt, nicht auf sie zu hören.

Er hat sowieso noch eine Rechnung offen bei ihr – von gestern Abend. Wenn es auf der Geburtstagsfeier des Arbeitskollegen auch nichts Vernünftiges zu essen gab – er hätte sich nicht so zu betrinken brauchen.

Nun liegt er da und tut grad so, als wenn er mit der großen Zugsäge zugange ist, und Winterfeuerung sägt. Schnarcht und liegt, und liegt und schnarcht, und kriegt vom Poltern und Klötern unten im Haus nichts mit.

Sie ist vor Angst am zittern und kann ihr Nachtzeug bald auswringen. Sie bekommt ihn mit aller Gewalt nicht zu Verstand. Die Einbrecher räumen sicher schon das ganze Haus leer. Sie zittert, als wenn sie mit bloßen Füßen im Schnee steht.

Plötzlich kommt ihr die Erleuchtung!

Draußen am Balkon da steht doch noch die große Leiter. Der plötzliche Regenschauer hat Theo gestern Nachmittag beim Weinranken schneiden vertrieben – und die Leiter ist da stehen geblieben. Weil sie ja auch nötig los mußten  – zum Geburtstag.

Immer wieder kommt dieser Geburtstag mit dem wenigen Essen und der vielen Sauferei ins Spiel.

Sie kann vor Angst schon keinen klaren Gedanken mehr fassen – sie muß etwas tun.

Raus aus dem Bett. Auf nackten Füßen – damit man unten im Haus bloß keine Schritte hört. Ihr Plan steht fest! Der Stuhl – wo ist der Stuhl – ahhh, da steht er. Gleich neben der Tür. Theo hat heute Nacht seine Kleider da einfach so drüber geschmissen. Sie legt sein Zeug geräuschlos auf den Fußboden. Wenn Theo das mal tat, wurde er von ihr gleich gehörig angepfiffen – aber dies war ja eine Notlage.

Komisch – denkt sie – was einem Menschen in so einer gefährlichen Situation alles durch den Kopf geht. Manch einer hat ja schon erzählt, daß man in solchen Sekunden sein ganzes Leben an sich vorbei sausen sieht. Sie sieht im Moment aber nur das Donnerwetter an sich vorbeisausen, auf das Theo sich morgen früh gefasst machen kann.

Den Stuhl mit der Lehne unter die Türklinke – damit die Einbrecher nicht ins Schlafzimmer können, und Theo vielleicht totschießen. Wenn sie draußen war  – und den Nachbar zu Hilfe holte.

Theo brauchte sie noch – mit wem sollte sie denn  sonst ‘rumnörgeln – wenn er plötzlich nicht mehr da wäre.

So – das saß! Da kam niemand ‘rein. Fuß vor Fuß durch das Schlafzimmer – die Balkontür im Zeitlupentempo aufziehen. Man gut, daß Theo die Türen letzte Woche noch alle geschmiert hatte. Zu irgendwas war er ja doch noch zu gebrauchen.

Sie verflucht im Stillen, daß sie ein Nachthemd angezogen hat – angezogen in der Hoffnung auf Theos gute Taten. Die Hoffnung war Hoffnung geblieben – und klettern könnte sie viel besser mit einer Nachthose an. Verwundert ist sie, daß sie so leise sein kann – im normalen Leben fällt ihr das nämlich bannig schwer.

Bbbbbrrrr….. barfuß im nassen Gras – und das morgens um vier! Aber jetzt – als wenn der Teufel hinter ihr her ist – quer durch den Garten. Beim Nachbarn ums Haus zu – und an das Schlafzimmerfenster geballert. Der Nachbar ist gleich am Fenster – hat das Jagdgewehr in den Fäusten, als wenn er damit geschlafen hat. Sie erklärt ihm hastig die Situation – und dann beide, wie Indianer auf dem Kriegspfad, los. Sie schleichen um das Haus herum – aber seltsam – kein Fenster ist geöffnet, und keine Tür steht offen. Keine Scheibe ist zerschlagen. Was tun? Einen Schlüssel hat sie ja nun leider nicht im Nachthemd – also, der Nachbar mit seinem Püster rauf auf die Leiter, über den Balkon, durch die Schlafkammer. Stuhl weg – Tür aufgemacht – und horchen.

Da sind Geräusche zu hören. Ganz vorsichtig die Treppe runter. Aus der Küche fällt Lichtschein in die Diele. Die Küchentür aufreißen – und lachen – das war eins.

So ein Lachen hat sie ihr Lebtag noch nicht gehört, wie es ihr jetzt aus dem Haus entgegenschlägt.

Als der Nachbar die Eingangstür öffnet, und sie herein läßt, kann sie auch nicht anders – sie muß sich festhalten vor Lachen – und kann nicht verhindern, daß es ihr warm an den Beinen hinunterläuft.

Die Nachthose wäre jetzt klatschnaß gewesen.

Ihren Theo hat der Hunger wohl noch an Kühlschrank getrieben, bevor er ins Bett fiel, und in seinem Dunas hat er die Tür nicht wieder zugemacht.

Nun sitzen Katze und Hund einträchtig vor dem hellen Viereck der offenen Klappe, und haben den Inhalt des Eisschrankes unter sich aufgeteilt.

Da sieht man mal wieder, was so ein Geburtstag ohne Essen alles anrichten kann. © ee

 

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Mein Kater Nicki…

 

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Mein Kater Nicki …

 

 

Es war im vorigen Jahrhundert – und doch ist es erst zehn Jahre her. Wir schrieben 1993 – die Hälfte der in der Zeit verschwundenen hundert Jahre, mit der neunzehn davor, hatte ich miterlebt. Ich führte das traurige, trostlose Leben eines an der Wirklichkeit gescheiterten Fünfzigjährigen. Durch riskante Spe-kulationen in den Jahren zuvor das gesamte Ver-mögen verloren – gefangen in der Vorstellung, daß viel Geld nicht nur beruhigt, sondern auch glücklich macht. Wie ich jetzt weiß, war dies der größte Irrtum meines Lebens.

Wer relativ wohlhabend über die Strassen des Lebens kutschiert, und plötzlich alles verliert, erfährt von einem auf den anderen Augenblick was Men-schen im Alltag mit dem Begriff Freundschaft meinen. Die vielen “ guten Freunde“ hatte über Nacht der Erdboden geschluckt. Selbst die – jeden Tag aufs Neue beschworene – heiße Liebe meiner Verlobten, erwies sich als nicht regenfest. Sie war von einer Stunde auf die nächste bloß noch kalte Asche – die der kleinste Hauch in alle Winde trug.

Eine Drehung um mich selbst – und ich war einsam und allein. Ohne Aussicht auf Zukunft. Einzig meine Mutter hatte an ihrer Liebe zu mir keine Abstriche gemacht.

Arbeitslosigkeit blieb mir erspart – ich hatte noch einen “ Job“  der mich ernährte – doch das Leben war für mich plötzlich ein durchlöcherter Hafersack – ausgelaufen und leer. Diese Leere versuchte ich mit Alkohol zu vertreiben – und solange die Prozente in mir Achterbahn fuhren, lebte ich im trügerischen Glücksrausch. Das war eigentlich recht leicht – wo doch die Zapfstelle – sprich Kneipe – direkt unter meiner Wohnung angesiedelt war. So war das Ritual stets das gleiche – unten volltanken – eine Treppe hochwanken, und rein ins Bett.

Der Zeiger auf der Waage im Bad bewegte sich unbeirrt nach oben. Die ideale neunzig – die ich lange bewahrte – ließ er kalt lächelnd hinter sich. Auf hundertfünfzehn vor dem Kilogramm strebte er zu. Die Scherben in meinem Körper – wie Sodbrennen und Schmerzen in Gliedern und Gelenken – störten ihn nicht im Mindesten. Die Depressionen – die sich in meinem Kopf einnisteten – vertrieb der einzige Freund, der mir geblieben war – Jonny Walker. Frei nach der Devise: der Tag geht – Jonny Walker kommt.

Bevor ich auf der Deponie für gescheiterte Exis-tenzen landete, ereilte mich im August 94 mein Schicksal.

Der Tag hatte mir ein ganz spätes Heimkommen beschert. Vor der Haustür wäre ich fast gestolpert – diesmal nicht über Jonny Walker – der war an diesem Abend noch nicht da – ein Kätzchen war der Grund. Schwarz-weiß im Fell. Winzig klein und hilflos saß es vor meiner Tür. Die Angst in den leuchtend grünen Augen sprang mir förmlich ins Gesicht.

Bis zu diesem Tag – ach was – bis zu dieser Sekunde hatte ich niemals etwas mit Tieren am Hut gehabt – pardon – das ist nicht ganz richtig: Ich hatte sogar täglich innige Beziehung zu Tieren – es gab keinen Tag ohne Schnitzel oder Steak und die abendlichen Kneipenfrikadellen, und es gab keinen Morgen ohne einen ausgewachsenen Kater im Kopf.

Doch zurück zu dem kleinen Knäuel Fell. Ich spürte Mitleid mit dem bißchen Leben – nahm es auf den Arm und mit ins Haus. Morgen – Kleines – morgen bringe ich dich ins Tierheim – war mein Denken.

Bis Morgen war noch lang – und kleine Katzen-bäuche knurren sicher genauso unerbittlich wie die von großen Menschen. Soviel war bei mir von Biologie noch hängen geblieben. Doch was frißt so ein winziges Etwas? Bei Walt Disney erlebte man ja häufig streunende, heringsstehlende Kater – bloß Heringe fliegen ja nicht so durchs Bergische Land. Thunfischkonserven waren bei mir im Vorrat – also Thunfisch aus der Büchse. Den halben Doseninhalt auf einen Teller verfrachtet – und los ging’s. Eh ich mich versah hatte diese kleine handvoll Katzenleben den Teller leer geputzt. Man konnte den Kohldampf förmlich davonfliegen sehen. Ein kräftiger Schuß Milch machte die Sache rund. Wie muß sich der Thunfisch wohl gefühlt haben – nach dem behag-lichen Schnurren des Kätzchens zu urteilen eins A. Nachdenklich begann ich zu rechnen. Das funk-tionierte an diesem Abend, denn mein Freund Jonny Walker hatte mich ja verpasst. Das kleine Tierchen wog ein knappes Pfund – verzimmerte über hundert Gramm Thunfisch, spülte mit reichlich Milch nach – und platzte nicht! Wenn ich das auf mein Gewicht umrechnete, müßte ich ja über zehn Kilo Fleisch verputzen – und von einer Kuh die Tagesproduktion an Milch hinterher spülen!

Den satten Knuddel nahm ich auf meinen Schoß – streichelte sein zerzaustes Fell mit zärtlichen Fin-gern – die rauhe Zunge leckte meine Hände – und mit jeder Bewegung des Köpfchens verschwand ein Teil der Angst aus seinen Augen.

Fünfzehn Minuten sind ein Nichts in der Ewigkeit – aber fünfzehn Minuten können ein Leben verändern – mir ist es widerfahren. Nach einer Viertelstunde  hatte ich keinen Gedanken von Tierheim mehr in meinem Kopf – das kleine Wesen hatte mich adoptiert – und sollte fortan mein Leben bestimmen.

Es wurde noch ein langer Abend im Sessel – spät ging ich zu Bett. Mit meinem neuen Hausgenossen neben mir – auf dem Kopfkissen. Es dauerte noch bis der Schlaf kam. Jonny Walker – den ich an diesem Abend nicht gesehen – hat ihn wahrscheinlich am Kommen gehindert.

Der oft verfluchte Wecker brauchte zur Aufstehzeit nicht in Aktion treten – eine kleine warme Zunge fuhr schon vorher durch mein Gesicht und scheuchte mich aus den Federn. Meine – ich dachte tatsächlich “ meine“ – kleine Katze hinter mir her.

Aus dem Büro zog mir ein seltsamer Duft in die Nase – eine Ahnung legte sich auf meine Gehirn-windungen – wer oben Nahrung in sich reinschiebt, muß unten ja wohl zwangsläufig pupsen. Ob großer Mensch oder kleines Kätzchen – da hat der liebe Gott bei der Konstruktion das gleiche System verwendet. Wieder kam mir mein verschüttetes biologisches Wissen zu Hilfe. An diesem Morgen lernte ich mein Büro gründlich kennen – ich krabbelte durch Ecken, von denen ich bis dahin gar nicht wußte, daß es sie gibt. Im Abfallkarton neben der Papierschneidemaschine wurde ich fündig. Fein säuberlich unter Papierschnipseln verstaut, fand ich des Rätsels Lösung – ein Häufchen Thunfisch, das den langen Weg durch Katzenmagen und Darm gegangen war. Nachdem die “ Abfälle“ beseitigt waren, gab es Nachschub. Für mich Kaffee schwarz und für Kätzchen die zweite Hälfte der Dose Thunfisch mit Milch. Der Weg ins Tierheim hatte abends schon vom Programm gestrichen – statt-dessen führte mich der erste Gang in ein Geschäft für Tierbedarf. Katzenfutter, Kratzbaum, Katzenklo und Katzenstreu standen als Positionen auf meiner Besorgerliste. Wieder zuhause eingetrudelt, nahm mein Findelkind die sanitären Einrichtungen auch sofort an. Das Problem war aus der Welt. Jahre später hat Nicki – so hieß er fortan – bloß noch einmal den Papierkarton benutzt – weil ich ihn versehentlich über Stunden im Büro einsperrte. Die Tierärztin, die wir nachmittags gemeinsam auf-suchten, ordnete meine vierbeinige Begleitung denn endgültig in die Reihe “ Kater“ ein. Nicki  war in meine Welt getreten – zwar erst ungefähr zehn Wochen alt – aber doch schon eine starke Persön-lichkeit. Bevor wir in unser – von nun an gemein-sames – Zuhause verschwinden konnten, trat uns mein Nachbar – ihr wißt schon, der Wirt bei dem Jonny Walker wohnt – in den Weg. Verwunderung, Neugier und Besorgnis konnte man in seinem Gesicht erkennen – Sorge wohl mehr um seine Kasse. Wo warst du gestern Abend? Dein Auto stand vor der Tür – von dir war aber keine Nasenspitze zu seh’n. Irgendwie krank . . .? kam noch halbsätzig hinterher. Nein, nein – ich war nicht krank – ich fühlte mich gesund – gesund wie schon lange nicht mehr. Das war „Nicki’s“ erste gute Tat. Mit ihm zusammen zu sein, gefiel mir plötzlich besser, als mit anderen zerknitterten Seelen in der Kneipe zu hocken. Ich konnte sehen, wie mein Gegenüber dachte: Na, Freund – du kommst schon wieder in unseren Kreis zurück – Kumpels wie Jonny Walker kann man nicht so einfach verlassen. Er sollte nicht Recht behalten.

Zugegeben – manches mal ist es mir schon ein wenig schwer angekommen – ab und an war ich auch zu schwach, um zu widerstehen – aber jede Stunde mit Nicki stärkte mir das Rückgrat. Elend kam mich immer dann an, wenn ich ihn allein gelassen hatte – jedesmal fiel er ein Stück zurück in seine Ängs-tlichkeit. Meine Nähe war für ihn wohl das Himmelreich – als wenn er mit unsichtbaren Fäden an mir festgebunden war, folgte er mir auf Schritt und Tritt. In des Wortes wahrstem Sinn. Er ließ auch nicht den Ansatz einer Diskussion zu – nachts schlief er in meinem Bett – Sommers über und Winters unter der Decke – wie es sich gehörte. Den Wecker hatte Nicki vom ersten Morgen an ersetzt. Wenn seinem Wecken kein spontanes Aufstehen folgte, schimpfte er wie eine alte Ziege. Zeitung lesen wurde zum Prozedere – immer lag Nicki auf dem Geschriebenen. Das Blatt in der Luft haltend lesen, war für ihn die Aufforderung, aus den Seiten Papier-wolle zu machen. Egal was ich ohne ihn machte – er betrachtete alles als Liebesentzug. Oder wie anders soll man es bewerten, wenn man sich an den Computer setzt – und die Tastatur ist schon von einem schnurrenden Fellberg eingenommen. Durch den Einsatz von viel Geduld – und kleinen bestechlichen Leckereien – meinerseits, nahm er davon mit der Zeit Abstand. Selbst die Badewanne flößte ihm keine Scheu ein – pflegte ich meinen gestreßten Körper im warmen Wasser, saß mein Nicki neugierig auf dem Wannenrand – obwohl Nässe für ihn so etwas wie das Weihwasser für den Teufel war. Tropfen davon betrachtete er schon als Mörderbande. Die Neugier hielt solange an, bis er einmal ins Badewasser rutschte. In eine Folter-kammer wähnte er sich wohl geraten. Nachdem er dieser Hölle entronnen war, konnte ich – geschunden und zerkratzt – aus dem rosa gefärbten Naß steigen. Die Tribüne Wannenrand war für ihn ab da tabu – er begnügte sich mit dem Platz im Parkett. Als blutiger Anfänger in Sachen Katzenhaltung besaß ich natür-lich keinen blassen Schimmer von dem, was ich mir mit Nicki angetan hatte. Woher sollte ich auch wissen, daß eine Katze dem Menschen in Psycho-logie haushoch überlegen ist? Soweit reichte mein verblasstes Schulwissen denn doch nicht – und überhaupt – hatte ich davon je etwas gelernt? Kater Nicki zeigte mir mit unendlicher Geduld, wie wertlos im Grunde alles Wertvolle ist, mit dem wir Menschen uns umgeben. Begreifen wird dem Menschen wahrlich nicht leicht gemacht – begriffen habe ich es dann aber doch. Und wenn dieser Prozess mal nicht so flutschen wollte, strafte mein Gefährte mich mit dem Entzug seiner Liebe und Zuneigung. Egoistisch wie Menschen nun mal angelegt sind, wollte und konnte ich darauf nicht verzichten – auch nicht für kurze Zeit.

Verhaltensweisen und Dinge, auf die ich mich ein-gelassen habe, behielt ich immer für mich. Meine Begleiter aus dem Freundeskreis von Jonny Walker hätten mich für meschugge erklärt. Sicher wären Anfragen in diversen Landeskrankenhäusern, auf einen freien Platz für mich, eingegangen. Wer das Glücksgefühl nicht kennt, das hochkommt, wenn die Katze ihrem Menschen verziehen hat, kann überhaupt nicht mitreden. Man vergisst spontan Verhaltensweisen, die der Katze missfallen. So einfach ist das. Nicki entwickelte sich zum Welt-meister im Kratzen. Ob es die Wand in der Gästetoilette war – an der er kratzte, als gelte es Weltmeisterwürden zu erringen – oder der gemüt-liche Sessel in meinem  Büro – den meine Mutter mir schenkte, und den er, durch alle Schichten seines Sessellebens, bis auf das hölzerne Gestell bear-beitete. Bei meiner Mutter kam richtig Freude auf – ich konnte ihre schwarzen Gedanken förmlich sehen – und verstanden hat sie meinen Meister bis heute nicht. Nicki gab dem Unverständnis aber auch stän-dig neue Nahrung. Besonders wenn er auf Fliegen-jagd war – und diese einfältige Fliege ausgerechnet auf den schönen Samtvorhängen saß, die Mutter extra für mein Wohnzimmerfenster genäht hatte. Teure Samtvorhänge – wie sie immer wieder beton-te. Irgendwann erkor er sich eine Mauerecke in der Diele als Kratzobjekt. Als er sich bis auf den blanken Ziegel durchgearbeitet hatte, brachte ich sogenannte Kratzbretter an der Ecke an. Haben sich kluge Leute einfallen lassen, damit die Katzen was zu tun haben. Nicki hat diese Kratzbretter mit dem Hintern nicht angesehen – geschweige denn daran gekratzt. Gute Ratschläge, wie ich meinen Kater erziehen könnte, bekam ich bergeweise – franko und gratis. Bloß – die Absender dieser wohl gutge-meinten Tipps besaßen keinen Schimmer Ahnung von der Materie Kreatur Katze. Das ging von vorsichtigen Schlägen mit der Zeitung bis hin zum Krallen knipsen mittels einer Nagelschere – wie mein Bruder mir zuriet. Nachdem ich meinem Bruder anbot, bei ihm vorher “ sonst was“  mit der Nagelschere abzuzwacken, war auch dieser Vor-schlag ein für allemal vom Tisch. Durch Nicki lebte ich mein Leben mit Nicki. Auf vier mal dreihun-dertfünfundsechzig Tage gemeinsamen Weges konnten wir schon zurückschauen – die Kneipe und mein früherer Freund Jonny Walker waren mir fremd geworden – lief in einer abendlichen Katerschmusestunde ein Satz aus meinem Kopf: Mein kleiner Kater Nicki – ich liebe ihn so sehr – nicht für Geld und gute Worte geb‘ ich ihn wieder her. In diesem Moment tat sich mir eine neue Welt auf – nach dreimal laut wiederholen und einer Stun-de am Computer war der Text meines ersten Liedes fertig. Für die zugehörige Musik brauchte ich entschieden länger. Es war ja schließlich mein Erstgeborenes – jede Mutter kann mir das wohl nachfühlen. Es wurde letztendlich eine Spiegelplatte – eine musikalische Kostbarkeit für mich – mit sachkundiger Hilfe einer kleinen Plattenfirma her-gestellt. Die Wirrungen des Fühlens, dann plötzlich das Lied im Radio zu hören, kann ich nicht beschreiben. Mein Kind hatte laufen gelernt – und nicht nur das – viele Menschen hat es bisher bewogen, anders über Katzen zu denken – ja, sie oftmals sogar dazu gebracht Heimkatzen ein neues Zuhause zu geben. Mein Leben hat dieser Markstein wohl nicht in eine andere Richtung gebracht – das hatte Nicki vier Jahre vorher bewirkt – aber mein Weg wurde heller und breiter. Freunde stehen auch wieder am Wege – sie heißen jedoch nicht mehr Jonny Walker und sie protzen nicht mit Prozenten. Ich habe erfahren,  daß wer Tiere liebt – und seine Aufgabe darin gefunden hat, ihnen zu helfen – keine Krücke mit dem Namen Alkohol benötigt. Wem Bedrängnis und Not Begleiter durch den Alltag sind, wird in einem kleinen Wesen – wie mein Kater Nicki eines war – die bessere Wegbegleitung finden. Ganz gleich, wie holprig ihm der Lauf durch das Leben auch erscheinen mag.© ee

Warum die Ostereier bunt sind . . .

 

 

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Warum die Ostereier bunt sind . . .

 

Vor langer, langer Zeit – die Osterhasen hoppelten noch in Ritterrüstungen durch das Land, um den Kindern zu Ostern die Nester zu füllen – da sahen die Eier noch alle gleich aus. Hühnereier konnte niemand so recht von Ostereiern unterscheiden. Den Unterschied konnte man nicht sehen – er war unter der Schale verborgen – Ostereier waren innen fest.
Ganz oft passierte es darum, daß die Sonntagskleider, welche die Kinder Ostern immer anziehen mussten – Ostern war nämlich damals auch schon Sonntags – mit Eigelb vollgekleckert waren, weil die Kinder statt eines Ostereies ein Hühnerei aufgeschlagen hatten.
Wie das passieren konnte fragt ihr? Ganz einfach! Die Hühner vertauschten die Eier ab und zu. Die gefiederten Gesellen konnten auch damals schon über die seltsamsten Dinge lachen, und neugierig waren sie sowieso. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Wer was anderes erzählt, der kennt die Hühner nicht. Aber noch eine Eigenschaft besaßen die Ur-ur-ur-ur-urgroßeltern der jetzigen Hühner: Sie waren neidisch – neidisch auf den Osterhasen. Der konnte nämlich gekochte Eier legen.
Wenn auch nur zu Ostern – aber immerhin!
Sie selber rackerten sich das ganze Jahr und Tag für Tag mit dem Eierlegen ab – wenn eine Henne fleißig war, legte sie sogar zwei Eier an einem Tag – und dann kam am höchsten Eierfeiertag der Welt so ein schlappohriger Hase dahergehoppelt, und stahl ihnen die Schau.
Nicht einmal richtige Federn konnte er vorweisen – aber gekochte Eier legen, DAS konnte er.
Weil nun die Hühner deswegen den Osterhasen auf seinen Touren ständig mit ihren Eiern bewarfen, beschloss die Osterhasengewerkschaft auf einer großen Versammlung, ihren übers Land ziehenden Mitgliedern Ritterrüstungen anzuziehen.
Bloß – in diesen schweren Rüstungen kamen sie nicht so schnell vorwärts – und viele Osternester blieben leer.
Ich muß euch ja bestimmt nicht erzählen, wie traurig die Kinder waren, wenn sie nach mühevoller Suche leere Osternester fanden. Darum füllten die Mamas die leergebliebenen Nester mit Hühnereiern. Das war aber auch nicht die Lösung. Tja – und weil alle Mamas dieser Welt – das war damals auch schon so – an Ostern keine traurigen Kinder mit bekleckerten Sonntagskleidern haben wollten, setzten sie sich unter dem Osterbaum mit den Osterhasen zusammen, um nach einer Lösung des Problems zu suchen.
Was dann bei den Beratungen herausgekommen ist, das kann man heute noch an jedem Osterfest bestaunen: Die neidischen Hühner konnten ihnen keinen Streich mehr spielen, weil sie von da an Ostern immer eingesperrt wurden, und damit auch wirklich niemand mehr die Eier verwechselte, legten die Osterhasen ab sofort bunte Eier!
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auch zu finden bei uns  im Kinderhäuschen

 

„Der Weg nach Hause“

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„Der Weg nach Hause“ – eine Kostprobe

Lagerleben.

 

Die glitzernden Flächen der sumpfigen Ebene sind an der dahineilenden, ratternden Schlange vorbei gezogen. Wie Inseln in einem großen Meer tauchen vereinzelt kleine Gruppen von Büschen und knorrigen Bäumen auf. Sie bieten den hin- und herwischenden Augen für einen Moment Halt auf ihrer Reise durch die Unendlichkeit.
Ein freundlich dreinblickender, intensiv an einem Pfeifenstummel suckelnder, älterer Mann hat sich zu ihr gesellt.
Wahrscheinlich ist ihm die Sprachlosigkeit als Reisebegleitung nicht genug, denn er hebt nach einer Weile stummen Schauens zu erzählen an.
Zuerst scheint es Kathinkas zusammenhanglos zu sein – gerade so, als wenn er die Seiten in einem Buch sortieren würde. Dann beginnt sein Reden in Sätze zu fließen – in Sätze, die sich auf seltsame Weise in ihre Gedanken einfügen.
Wie es hier wohl sein mag, ohne die Harnische des Winters – geht es Katharina durch den Kopf. Im gleichen Augenblick kommt aus dem Munde des alten Mannes:
„Des Sommers, wenn der eisige Panzer sich nach Norden verzogen hat, sind riesige Bagger dabei, die Sümpfe trockenzulegen – wie urzeitliche Spinnen, die auf hohen Beinen über das Moor schreiten, muten sie an.
Sie dienen der Torfgewinnung für die Kessel der Kraftwerke zur Stromerzeugung. Es ist billige Energie für Westeuropa und Futter für die Geldsäcke.“
Nachdenklich dreinschauend kaut er auf seinem Pfeifenstummel – als wenn dieser die wichtigste Sache der Welt für ihn ist.
Warum erzählt der alte Mann mir das, denkt Katharina. Man kann doch nichts von diesen Ungetümen sehen.
Gerade so, als wären ihre Gedanken laut durch das Kabinett gepoltert, und hätten den Alten in der intensiven Beschäftigung mit seinem Pfeifenstummel gestört, so schrickt er auf und nimmt den Kolben aus dem Mund.
„Ich bin unterwegs nach Kilingi-Nomme“ er spricht wie nach innen gewandt – wie zu sich selbst. Indem er den erloschenen Pfeifenkopf an seinem Stiefelabsatz ausklopft, fährt er mit leicht singendem Tonfall in seinem Erzählen fort.
„Dort – in einem riesigen ………… Depot“ – Katharina fühlt in sich, daß er Lager sagen wollte. Was hat ihn zögern, und Depot sagen lassen?
Mit belegter Stimme fährt er fort: „da überwintern die Geräte und Maschinen. Ich muß alle Woche dorthin und nach dem Rechten sehen, damit mit einsetzen der Schneeschmelze sofort wieder mit der Arbeit begonnen werden kann. Es ist nicht leicht für mich, aber es sichert mir mein Tagesbrot, ab und an ein kleines Schlückchen Wässerchen und ein bißchen Machorka. Obendrein hab ich dadurch ein Dach über dem Kopf – wenn auch ein nicht viel Besseres als in den Lagern – aber es ist ein Dach.“
Ein paar Bauminseln des Schweigens ziehen an den frostbemalten Abteilfenstern vorüber.
Katharina spürt, der alte Mann erwartet keine Antwort von ihr. Er setzt seinen Monolog fort. Gerade so, als wenn er glücklich ist, endlich einen Menschen gefunden zu haben, der ihm einmal zuhört.
„Zweiundachtzig Winter hab ich schon überlebt – in den letzten sechzig Jahren hab ich nach jedem Winter gehofft, es wäre der schlimmste und der härteste in meinem Dasein gewesen – und jedesmal kam es dann noch schlimmer und noch härter. Dabei waren die Winter oftmals noch gnädig – die Sommer in den Sümpfen sind wie das Herz der Hölle. Winters hatten wir wenigstens frisches Wasser die Fülle – aus dem geschmolzenen Schnee. Des Sommers da faulte das kostbare Naß in den Tümpeln und war die Brutstätte für große blutgierige Stechmücken. An den Leben spendenden Fluß durften wir nur alle vierzehn Tage für ein paar Minuten.“

Er fährt mit leicht fahrigen Bewegungen seiner knochigen Hände über seine Joppenärmel, als wenn er die Stechmücken, von denen sie damals gepeinigt wurden, wegwischen wolle. In dieses Wischen hinein laufen, kaum wahrnehmbar, die Worte:
„Dieser Winter ist der dreiundachtzigste.“
Er zieht ein großes, buntkariertes Tuch aus seiner Rocktasche – streicht sich verlegen damit über die Augen, und schneuzt sich, wie zur Entschuldigung, geräuschvoll die Nase. Katharina fragt still in sich hinein, wie lange der freundliche Alte neben ihr wohl noch den dornigen Weg seines Lebens gehen muß

Als die kleine gebeugte Gestalt zu sprechen fortfährt, klingen die Worte wie durch rostigen Stacheldraht gezogen.
Zerrissen, abgehackt, spröde – mühsam sich zusammenfindend, so füllen sie das Dämmerlicht des Kabinetts.
„Sechzig davon war ich in diesem Lager. Fünfzig Jahre durfte ich nicht – und nun kann ich nicht mehr fort.“

Katharina merkt, wie dem alten Mann ihr gegenüber die Stimme versagt.
Sie schweigt in den dunkler werdenden Tag. Der Alte nestelt aus seinem Rückensack einen verwitterten Tabaksbeutel hervor. Er greift mit der Hand hinein stopft mit dem Krüllschnitt, den er zwischen seinen Fingerspitzen hält, umständlich den Kopf am Ende des Pfeifenstummels.
Ein Zündholz flammt auf und ein paar kräftige Rauchwolken wirbeln um seinen Kopf, als wenn sie ihn in sich verstecken wollten.

„1941 – nach der Befreiung des Baltikums durch die Deutschen – da wurden wir von der Deutschen Wehrmacht als Russenfreunde in Kilingi-Nomme brutal zusammen getrieben – zusammengepfercht in einem Drahtverhau. Ein Dach über dem Kopf, Unterkünfte, mussten wir uns selber erst schaffen – solange lagerten wir unter dem freiem Himmel – auf der sumpfigen Erde.“

Irgendetwas ist in dem alten Mann gelöst worden. Katharina traut sich nicht, auch nur einen Satz dazwischen zu stellen. Sie ahnt, dass sie damit etwas zerstören würde, das nur im schweigenden Zuhören entstehen kann.

„In den ersten Wochen ist damals über die Hälfte von uns an Gelbfieber gestorben. Es sei die natürliche Auslese – sagte der Lagerarzt, der uns in seiner piekfeinen schwarzen Uniform mit den glänzenden Totenköpfen auf den Rockaufschlägen, einmal die Woche besuchte.“
Das Sprechen fällt dem alten Mann sichtlich schwer. Katharina sieht es am sich Heben und Senken der eingefallenen Brust unter der unförmigen Jacke.
„Wenn das graue Auto mit dem Stern auf der Kühlerhaube ins Lager fuhr, dann mußten die Wege mit weißem Sand bestreut daliegen. Jeder Schlammspritzer an den blankpolierten Schaftstiefeln des Doktors bedeutete für einen willfährig ausgesuchten Häftling einen Peitschenhieb auf das entblößte Gesäß.
Er hat es sichtlich genossen, der Herr Doktor.“

Katharina spürt, wie dem Alten im sich Erinnern das Grauen über die Augen läuft.

Die Dunkelheit hat fast völlig vom Tag Besitz ergriffen – nur im Pfeifenkopf glüht es rötlich, wenn der Alte an dem brennenden Knaster zieht.
„Nach kurzer Zeit haben wir selber an die Mär von der natürlichen Auslese geglaubt – Nur das Überleben war wichtig. Überleben war alles. Dieser eine übermächtige Gedanke hat uns das Leben draußen vergessen lassen. Wir kamen uns nicht mehr wie eingesperrt vor – Ausgesperrte waren wir. Ausgesperrt aus dem Leben – lebendig begraben.
Aber warum nur? Wir hatten doch keine Verbrechen begangen … und ewig konnte dieser Spuk doch nicht dauern – dachten wir.“
Eine lange Pause läßt seinen Worten Zeit, um ihren Platz in der Gegenwart zu finden – bis ihnen ein kaum wahrnehmbares „hofften wir“ folgt.© ee