Eine Nacht wie keine andere …

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Eine Nacht wie keine andere …

 

als Krönung von Tagen, die so wie sie waren, in der Erinnerung derer die sie erlebten, noch nicht da gewesen.

Seit Tagen schon stand der Sturm in Nordwest – fester vertäut als die Schiffe an der Kaje im südseitigen Norderneyer Hafen. Es war die ruhige Zeit für die Insel der Reichen und Schönen – die Zeit der wenigen Gäste, die eigentlich „Zeit des Atemholen“.

Die Dampfer der „Frisia“ lagen mit Hochbord am Hafenkai – der Fährbetrieb war schon seit dem Vortage aus Sicherheitsgründen eingestellt – und vom Deck der weißen Schiffe konnte man geraden Blickes in den geräumigen Gastraum des hochgelegenen Hafenrestaurants sehen, in dem an diesem Abend des 16. Februar 1962 die Mitarbeiter einer maritimen Behörde ihr winterliches Grünkohlessen hinter sich brachten.

Natürlich waren in den Stunden und Tagen zuvor Sturmwarnungen des Wetteramtes und des Seewetterdienstes allgemein und speziell verbreitet worden – nur haben sie auf der Insel, in den Büros der zuständigen Stellen, wohl nicht mehr Beachtung gefunden, als die sonst für diese Jahreszeit üblichen auch.

Das Eiland war ja sicher. Da waren sich wohl alle ganz sicher.

Erst die eigenen nassen Füße während des Mitternachtstangos auf der Tanzfläche der Hafenkneipe machten den ausgelassen Feiernden die akute Bedrohung durch den blanken Hans bewusst.

Ein wenig spät, hat im nachhinein manch Katastrophendienstler geäußert, weil angesichts der fehlenden Vorbereitungen offenbar wurde, dass die Insel auch nicht im mindesten für (oder gegen) ein solches Ereignis gerüstet war.

Wofür auch brauchte man Sandsäcke als Hochwasserschutz? Man hatte ja in Westen und Norden die Dünen und im Süden den Deich als sichere Wehr gegen die tosende Nordsee.

Nur hatte man an maßgeblicher Stelle übersehen, dass wegen des am östlichen Nordstrand sich im Bau befindlichen Kurheimes der LVA, wegen der Straßenzuführung dahin, in den schützenden Dünengürtel eine Bresche geschlagen worden war.

Eben durch diese Bresche ergoß sich in guter Wassermanier dann als erstes am späten Abend des 16. Februar das Feuchte der Nordsee in den ansonsten geschützten Inselkessel, um alles was sich in der Stadt unter Hochparterre-Niveau befand zu fluten.

Wenig später – um die Mitternacht – erwies sich dann auch die Mauer der Kaiserpromenade als zu flachbrüstig angelegt. Die auflaufenden Wellen schlugen ständig darüber hinweg und brandeten gegen die Hotelfronten längs der Kaiserstrasse, um sich dann durch die Brandwehrlohnen in das tiefer dahinterliegende Stadtgebiet zu verdrücken.

Dabei unterspülten sie die (zu) flachen Fundamente der mehrgeschossigen Nachkriegsbauten, die sich dadurch jeweils in der Mitte, längs der Treppenhäuser, wie ein Reißverschluß auftaten und sich mit ihren Seitenfronten gegeneinander lehnten.

Ein Gebäude stützte so das andere, was sie allerdings nach der Flut nicht vor dem Abbruch bewahrte.

Wir, die wir noch alle im Jünglingsalter unsere Weihen in den gastronomischen Betrieben auf der Insel erhielten, betrachteten das Spiel der Gewalten schon als ein fesselndes Erleben.

So wie etwa meine Begegnung mit dem Nordseewasser unmittelbar an der Mühle. Mein Zweitjobboss, Melkbuur Edo, hatte sich angeboten, mich in seinem Goli, dem dreirädrigen Goliath Lastesel, mit zum Hafen zu nehmen. Er benötigte meine Hilfe.

Unweit des Krankenhauses, bei der Abfahrt in die Hafensenke, gab es einen gewaltigen Rummser … und dann nur noch schmurgeln und blubbern und zischen. Wir waren mit dem höchsten Tempo, welches das Vehikel hergab, in das graugrüne Nordseewasser gerauscht. Das treue Borgwardsche Arbeitspferd war unversehens zum U-boot geworden. DAS hat selbst dieses robuste Gefährt nicht einfach so weggesteckt.

Was war geschehen? Stunden nach dem offiziellen Hochwasser war die seit mehreren Tiden am Festlanddeich gestaute Flutwelle zurückgelaufen, und hatte die Insel von „Hinten“, von Süden her, durch die offene Flanke Hafen, überrollt. Ein solches „Unmöglich“ war selbst in den Geschichtsbüchern noch nirgendwo verzeichnet. Im Nachhinein erklärte das „Vollaufen“ des Hafenbeckens über den Süddeich auch die blendende Helle über der Insel und die anschließende totale Finsternis.

Gegenüber dem Norderneyer Bahnhof (übrigens dem einzigen mir bekanntem Schienenverkehrsbahnhof zu dem niemals Schienen führten) stand bis zu dem Augenblick des „Wintergewitters“ in der Leechte ein der damaligen Technik entsprechendes Transformatorenhaus – vierkantig, Backstein, fensterlos, drei Etagen hoch. Die Kopfstation des ankommenden Seekabels für die Stromversorgung der Insel.

Durch die weit offene Tür der Station begünstigt, war das Gebäude in Sekundenschnelle geflutet, und begleitet von einem gewaltigen Blitzen und Knallen in tausende kleine Teile zerlegt worden.

Ein Kurzschluß ungeheuren Ausmaßes. Dadurch verloren die Nordwestdeutschen Kraftwerke ( zu der Zeit noch in Wiesmoor ) einen ihrer treuesten Mitarbeiter und das Eiland war in seiner Gänze tagelang ohne Stromversorgung.

Und DAS mitten im Winter. Was ganz sicher auch in manchen Momenten sein Gutes hatte, aber das „Arschkalt“ überwog dabei bei weitem.

Für alle auf der Insel anwesenden Menschen war es eine völlig neue Erfahrung.

Am Tage danach gab es oberhalb der Nordstrandpromenade unterhalb der Wetterwarte keine Gebäude der Strandverwaltung mehr. Was es aber sichtbar wieder gab, das waren die Befestigungsanlagen aus kaiserlichen Blütejahren am Ostende der Insel, die bis dahin unter den Dünen verborgen waren. Die See hatte fünfzig und mehr Meter Dünen von der Breite der Insel einfach fortgespült. Geblieben waren fremdartige Sandsteilwände, wie sie die Insel noch nie vorher geziert hatten. Das Eiland hatte – wie sicher die anderen Inseln auch – über Nacht ein anderes Gesicht bekommen.

Es mag zum Schluß ein bisschen banal klingen, angesichts des großen Elends, das in der Sturmnacht über viele Menschen längs der Küste hereinbrach, aber für uns war es ein einfach ein urgewaltiges Erlebnis – damals in der Sturmnacht vom 16. auf den 17. Februar 1962.

 ©ee

ewaldeden

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Probieren ..

 

 

Probieren…

 

Brot ist die Grundlage unserer Nahrung – so wird es uns von Alters her gelehrt.

Nicht umsonst bittet man in den christlichen Kirchen: Unser täglich Brot gib uns heute.

Das Bäckerhandwerk ist ständig bestrebt, dem uralten Begriff Brot täglich neuen Glanz zu verleihen – täglich neue Geschmacksvarianten in dieses eigentlich profane Lebensmittel zu zaubern. Eine mir bislang unbekannte Ausführung sah ich  auf einem Ladentisch in einem hiesigen Geschäft. Der Brotlaib aus Roggen wurde mir als Loggerbrot angepriesen. Loggerbrot – bei dieser Bezeichnung entstanden in meinem Kopf gleich rustikale Geschmacksbilder. Ich sah einen Heringslogger in wilder See unweit der Doggerbank den Herings-schwärmen hinterher jagen, und in den kurzen Pausen die harten Männer an Bord ihr Brot geniessen.

Verfestigt wurde dieses Bild durch die Lobpreisungen der Verkäuferin – untermauert von der Aussage, das ist Bio-Brot. Was ist Bio-Brot – drängte ich auf weitere Erklärungen. So ein wenig beschlich mich das Gefühl, als im Wissen nicht ganz auf der Höhe der Zeit angesiedelt betrachtet zu werden. Wer weiß denn nicht, was Bio-Brot ist schwang unterschwellig in der Antwort mit. Unser Bio-Bäcker verarbeitet nur Mehl aus biologischem Getreideanbau. Das wußte ich nun auch.

Wissen wollte ich jetzt aber auch noch, ob mein Geschmacksahnen sich in den richtigen Bahnen bewegte – also, kaufen und probieren. In Schwung kam mein Ahnen, als ich den Preis vernahm. Sechs Mark – pardon, zweifünfundneunzig Euro – das Kilo. Gutschmeckendes Brot vom Normalbäcker kostet weniger als die Hälfte – also muß der Genuß dieses Brotes mindestens doppelt so groß sein, war mein direktes Denken. Ich Einfaltspinsel.

Zu Hause angekommen – das große Brotmesser geschnappt – und losgesäbelt – ich konnte es kaum erwarten. Das Wasser lief mir im Munde zusammen.

Gottseidank, kann ich nur sagen, denn ohne den vermehrten Speichel hätte ich den Kleister, als den sich die Backmasse entpuppte, nicht im Mund hin- und herbewegen können. Selbst mein Hund – der immer mein Mitprobierer ist – hatte Schwierigkeiten, seine Kiefer wieder auseinander zu bekommen. Tja – und das schmecken nach Seeluft, nach Loggerleben – einfach den Beweis handwerklicher Backkunst – das alles habe ich nicht gefunden. Einzig das Gefühl, einen Steinbrocken im Magen zu haben, begleitete mich durch die folgende Nacht.

Normalbäcker – ich bleib dir treu.© ee

Der Wendepunkt …

 

Der Wendepunkt …

 

Was haben Hausfrauen eigentlichen verbrochen, das der Herrgott sie Tag für Tag so furchtbar straft? So oft sich Heidi diese Frage auch schon stellte – eine Antwort darauf hat sie sich bisher noch nicht geben können. Jeden Tag muckert sie stundenlang in der Küche zwischen Speisekammer und Herd herum, um eine andere Frage ständig neu beantworten zu können – nämlich das stereotype Auskunftsbegehren ihres Ehegespons: Was gibt es heute zu essen?

Wenn sie nach, der Hetze des morgendlichen Einkaufs, die drei Treppen zu ihrer Wohnung erklettert hat, hängt ihr schon mal vor Erschöpfung die Zunge aus dem Hals heraus.

Das ist aber überhaupt nichts gegen den Überdruß, den ihr die profane, selbstverständliche Verpflegungserwartung ihres Wohnungsgenossen bereitet. Der Überdruß ist nämlich im Lauf der Jahre so groß geworden, er läßt keinen einzigen Sonnenstrahl mehr in ihren Alltag hinein.

Heute Morgen nun hat sie die Faxen dicke. Nachdem ihr Angetrauter nach dem Frühstück, hinter der Zeitung weg, verschwunden ist, und Kurs auf seine Frühschoppenkneipe eingeschlagen hat, schnappt sie ihre Einkaufstasche, und nimmt den Weg zum Markt unter die Füße. Sie muß Rohstoff besorgen für die tägliche Raubtierfütterung.

Eine Treppe tiefer verabschiedet sich der Nachbar gerade – wie jeden Morgen um diese Zeit – mit einem zärtlichen Küßchen von seiner Frau.

So etwas kennt Heidi schon seit Jahren nicht mehr – sie bekommt zum Abschied stattdessen immer nur die Frage: Was gibt’s denn heute Mittag zu essen? auf ihren noch immer prachtvollen Busen geknallt. Da hätte sie nun wahrlich manchmal lieber etwas anderes liegen.
Noch eine Treppe tiefer stoppt ihren Abwärtslauf abrupt ein plötzlicher Entschluß. Als wenn sie vor eine Wand gelaufen ist, bleibt sie stehen.

Bis hierher – und nicht weiter. Eine 180 Grad Drehung, und schon geht’s wieder ab nach oben.

So schnell und beschwingt ist sie seit zehn Jahren nicht mehr die Stiegen hochgerattert.

Auf der Dritten angekommen – Tür auf – in die Wohnung rein – Einkaufstasche in die Ecke – Tür zu – zweimal umgeschlossen und innen die Kette vorgelegt.

Ihr Hannes könnte ja mal überraschend früher nach Haus kommen. Das ist zwar noch niemals passiert, denn verfrüht ist er noch nie aus seiner Biergartenkolonie aufgetaucht, verspätet dagegen regelmäßig. Aber besser ist besser, man kann ja nie wissen.

Heidi hat nämlich schon Pferde kotzen sehen – und das auch noch direkt vor der Apotheke.

Sie erkennt sich selbst gar nicht wieder.

Fröhlich vor sich hinträllernd befreit sie sich von ihren Alltagskleidern. Kaum ist das letzte Stück gefallen, räkelt sie sich auch schon in einem duftenden Schaumbad. Sie meint, hundert Engelsfinger an sich herumfingern zu spüren.

Sie freut sich, vor Wochen einmal leichtsinnig gewesen zu sein. Zusammen mit ihrer besten Freundin hat sie sich hauchzarte, verführerische Dessous, und anschließend ein raffiniert geschnittenes Sommerkleid, gekauft.

Ein männermordendes Duftwässerchen hatte die verschwörerisch lächelnde Verkäuferin ihr noch obenauf gepackt. Einmal hat sie doch tatsächlich die tollen Sachen zu Hause angezogen – probeweise, wie sie sich bei sich selber mit schlechtem Gewissen  entschuldigte.

Seitdem lagen die Kostbarkeiten, gut versteckt, tief hinten im Wäscheschrank.
Damit war jetzt Schluß – die schicken Klamotten würde sie heute richtig ausführen.

Als sie hüllenlos an dem großen Spiegel in der Diele vorbeihuscht, schickt sie ihrem eigenen Spiegelbild einen lauten Pfiff hinterher. Donnerwetter – das ist ja ein Prachtweib, das ihr da aus dem Spiegel entgegenlächelt. Sie könnte sich glatt in sich selbst verlieben. In diesem Moment wird ihr klar, sie ist ja noch ein echter Knaller.

So – jetzt noch die Handtasche hergeholt, die sie Hannes zu ihrem letzten Geburtstag abgetrotzt hat, und ab geht die Post. Das wird ein Tag. Das wird ein Tag der Freiheit.

 

Hannes kommt um die Mittagszeit mit leichter Schlagseite, und Wind im Rücken, die Treppenstufen hoch gesegelt. Es verwundert ihn schon, daß das Schloß in der Wohnungstür 2x umgeschlossen ist. Das ist ja noch nie vorgekommen.

Warum schließt Heidi sich denn in der Wohnung ein? Hat sie vielleicht der Schlawiner von der Etage darüber belästigt?

Seitdem der hier eingezogen ist, versenkt er ständig seine Stielaugen zwischen Heidis Brüsten.

Hee – warum ist ihm das nicht schon früher aufgefallen. Der Lustmolch kann was erleben. Oder hat seine Heidi vielleicht freiwillig …?

Nee, das kann er sich überhaupt nicht vorstellen. Nach seinem allmonatlichen Skatabend bedient er sie doch regelmäßig – und das auch noch fünf Minuten lang. Welche Ehefrau hat schon solch ein geregeltes Leben.

Neee – er kann es sich partout nicht vorstellen.

Wie sieht sie eigentlich noch aus, wenn sie nichts anhat – schießt es ihm plötzlich blitzartig durch den Kopf

Na ja – er wird es ja gleich erfahren.

Die Tür aufgeschlossen – einen Schritt rein in die Wohnung – was gibt’s heut zu essen? gerufen – die Mütze auf den Haken der
Garderobe geflenzt – rein in die Küche, an den gedeckten Tisch gesetzt – und sich’s wohlschmecken lassen.

Gedeckter Tisch? Von wegen! Einzig und allein ein großer weisser Zettel glänzt im Sonnenlicht auf der roten Tischdecke vor sich hin.

Zweimal muß Hannes die Worte lesen, um einmal zu begreifen, was da auf dem Zettel vor ihm geschrieben steht:

Mein lieber Hannes, ich bin mit Else ins Kino gegangen. Du mußt heute Mittag leider alleine essen – übrigens, das Essen für Dich steht im Kochbuch über dem Herd.

 

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Bamms – das saß. Hannes war auf einen Schlag wieder nüchtern geworden. Na, vielleicht nicht so ganz, aber wenigstens auf einem Auge so dreiviertel.

Was bildete sein Weib sich eigentlich ein? Bringt so einfach  unversehens das ganze geregelte Leben durcheinander.

Seine heilige Mittagstunde würde  ja richtig Schaden nehmen. Wie sollte er denn da um fünf, zum Dämmerschoppen, ausgeschlafen sein … und dat gerade Heute, wo se doch nachher beim Kalle inne Laube dat Endspiel von vierundfuffzich noch ma kucken wollten. Dat Spiel mit den Jupp Posipal, und so.

Dat is ja …dat is ja … er kann nicht so schnell auf das Wort kommen – weil, dat is ja schonne Weile her, dat der Pfarrer ihn als Messdiener dat gelernt hat …

Jetzt hat er es aber.

Dat is ja ein Sakrileg – dat is ja schlimmer, als wenn der Bölkens Jupp dat Sonntachs inne Kirchzeit mitten Pinsel anne Schlachläden von Tine Müllers Kneipenfenster rumwerkt.

Dat tut der aber ja nur, um den Pfarrer zu ärgern, weil er die neuen Heiligenscheine inne Kirche nich von ihm hat pinseln lassen. Hat dafür extra sonnen Möchtegernkünstler aus Italienien kommen lassen – so einen mittene richtige Schmachtlocke. Da kann man ja versteh’n, dat der Bölkens Jupp nich gut auf den Pfarrer zu sprechen ist. Zumal der Paparazzo – oder wie die Schmachtlümmels da so alle heißen –  die Fraunsleut inne Nachbarschaft auch noch richtich den Kopp verdreht hat. Alle liefen se plötzlich durche Strassen, wie so aufgetakelte Gondeln in Venedich.

Hannes muß sich erstmal setzen.

Ein paar Flaschen Doartmunder sind zum Glück noch innen Kasten.

Neeman, wat is bloß in seine Heidi gefahrn – die hat doch überhaupt kein Grund nich, ihm so in seine Männlichkeit zu treten. Letztens hat er ihr doch erst neue Küchenmöbel gekauft – ’nen ganzen Satz Kochlöffeln in alle Größen.

Da hätt’ er innen Supermaakt anne Ecke doch glatt drei Kisten Bier für gekricht.

Ein Nudelholz hatte er auch noch im Auge gehabt, als der fliegende Händler in der Kneipe Rast machte, aber da hat ihm denn sein Kumpel Schorsch von abgehalten, weil dem sein Elsken ihm schon mal mit sowat gefährliches ’nen Scheitel inne Glatze gezogen hat. Dat is doch gut, wenn man Freunde hat, die aufpassen.

Aber sein Heidi di is nich so. Nie nich. Die konnt er sogar mitten Rad nach Herne hinschicken, wenn da beie Aldis dat Bier um zwei Pfennig billiger gab. So war sein Heidi, ährlich.

All das ging Hannes durch den Kopf, während er am Küchentisch saß, und liebevoll die Bierflasche streichelte.

Mit soviel Gefühl hatte er Heidi seit Jahren nicht mehr berührt. So wie er da saß, sah er so ein bißchen aus wie Hans Albers, in seiner Glanzrolle als Eintänzer aus der Fischbratküche auf Sankt Pauli.

So trübe wie damals der Dunst in der Fischbratküche, so trübe waren auch seine Gedanken. Ließ seine Heidi ihn hier einfach so sitzen – mit Essen im Kochbuch, und so.

Überhaupt – was wollte Heidi innen Kino? Kintop hatte sie doch zuhause – sie konnte doch mit ihm Fußball und Sportschau gucken. Er hatte doch extra von Premiere dat Supersportpaket gekauft. Sie konnte sich ruhig ein bißchen mehr „Büldung“ in Sachen Fußball aneignen, anstatt zu schlafen, wenn das Programm lief.

Dat sein Heidi jetzt inned Kino war, dat war nur dat Else in schuld – so wie die immer rumlief, und auffe Männer rumtrat. Er hatte dat sein Kumpel Schorsch schon lange gesaacht. Dein Elsken, hatte er ihm gesaacht – dein Elsken die muß ja für ihre Röcke –  und so – ’nen Waffenschein haben. Und dat, wat se inne Bluse hat, dat haut ja die Männer hier inne Strasse glatt die Köppe weg. Aber Schorschi sah dat alles anders – der brauchte dat.

Oder war dat gar nich dat Elsken in schuld? Hatte vielleicht doch der Schlawiner von eine Treppe höher seine Stielaugen in Heidis Brüste eingehakt, und schlabberte jetzt an die süßen Sachen rum. Dem würde er es zeigen – eine Schwester würde er aus ihm machen, von wegen der mit sein Heidi …..

In Hannes Kopf fing es vor lauter Denken an zu qualmen. Sechs Fläsch Doartmunder hatte er schon leergelöscht, als er den Kopf auf die Tischplatte legte, und anfing zu schnarchen.

 

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So fand Heidi ihren Hannes denn auch noch vor, als sie um sechs Uhr durch die Küchentür geschwebt kam. Sie fühlte sich leicht wie eine Feder, und zufrieden und glücklich, wie sie es schon lange nicht mehr kannte.

Eine leichte Mischung von „schlechtem Gewissen“ und „hoffentlich merkt Hannes nichts“ war allerdings auf dem Nachhauseweg um sie herumgeflattert.

Irgendwie hatte sie sich ja an ihren Hannes gewöhnt, nachdem die Schmetterlinge des „Verliebtsein“ irgendwann vor Jahren endgültig aus ihrem Bauch ausgezogen waren  – aber irgendwas hatte ihr auch seit langem gefehlt. Das sie da auch nicht früher draufgekommen war … Ihre Freundin Else mußte es ihr heute erst deutlich sagen. Heidi – hatte sie zu ihr gesagt – Heidi, du brauchst wat füred Herz. Heidi hatte zuerst abgewehrt, als sie an Medizin schlucken dachte – sie war doch gesund.

Neenee, hatte Else gemeint, ich hab auch nich an Pillenschlucken gedacht – nimmste übrigens de Pille? – kam ganz spontan hinterher.

Die Pille – warum sollte sie die Pille nehmen – mit Hannes war doch schon lange  eh nix mehr los, mit Liebemachen, und so.

Siehste, sagte Else – dat mein ich. Du brauchst füred Herz mal wat Warmes – so von unten rauf.

Und so, wie ihre Freundin Else ihr das sagte, spürte sie auch prompt, das da was mit dran war. Als der schnieke Kerl vom Tisch gegenüber nämlich seine Blicke zu ihr rüberschmiß …

Irgendwie waren da Haken dran – die ließen sie gar nicht wieder los. Ihr Herz klopfte nämlich ganz plötzlich zwischen ihren Schenkeln. Oh Gott – entfuhr es ihr leise – laß mich jetzt bloß keine Herzrhythmusstörungen kriegen …

Else, mit ihren Mauseohren, die hatte das natürlich gehört. Siehste, Heidi – wat hab ich dich gesaacht, du brauchst endlich wat füred Herz – wat richtich Festes.

Tja – und eine Stunde später hatte sie „wat füred Herz“ – wat richtich Festes.

Nicht ohne Grund hatte Elsken ihren Schorschi vor zwei Jahren weich geklopft, ein Wohnmobil zu kaufen. Damals hatte Heidi Else gefragt, was sie denn mit dem Ding wollten – Schorschi führe damit doch sowieso nur immer bis zur Schrebergartenkneipe. Else hatte nur hintergründig gelächelt, und mit einem verklärten Ausdruck im Gesicht geantwortet, daß sie und ihr Schorschi, also daß sie endlich beide mit dem „Ding“ da jetzt wat füred Herz hätten.

Jetzt wußte Heidi, was ihre Freundin damals meinte. Schorschi fühlte sich seitdem als der „Größte“ in der Laubenpieperrunde – weil er unter den Kumpels das größte Auto besaß – und Else fühlte sich so gut, weil sie sich bei Bedarf ungestört „wat füred Herz“ gönnen konnte. Ihr „Herzmittel“ hatte sie auf die Idee mit der „Zweitwohnung“ gebracht – der malochte nämlich bei Laube & Co. Als Wohnwagenverkäufer. War dat nich Schicksalsfügung?

Heute Nachmittag – nach dem Eisessen im Cafè Klump hatten sie sich also beide „wat füred Herz“ gegönnt. Else war sowieso noch mit ihrem „Herzspezialisten“ verabredet gewesen, und Heidi brauchte sie gar nicht mehr mit dem Knüppel in ihr Glück prügeln – ihr  „Doktor“ saß ja praktischerweise gleich am Nebentisch.

Heidi hatte sich überhaupt nicht mehr vorstellen können, daß es so was Schönes gab. Sie war ja schon fast der Meinung gewesen, ihr „Schätzken“ zwischen den Beinen wär nur noch zum Wasserlassen da. Sie mußte sich jetzt eingestehen, „dat dat ja sowat von doof“ von ihr gewesen war.

Robert – so hieß nämlich der schnieke Kerl mit den Angel-hakenblicken aus dem Cafè – hatte ihr da ganz wat anderes gezeigt. Pralinen hatte er in ihrem „Schätzken“ versteckt, und sie dann mit seiner Zunge gesucht.

Eijeijei – wat war dat schööööön gewesen …. und dann der Besuch seines strammen Bengels in „ihrem Liebesgarten“, wie er ihr „Schätzken“ flüsternd nannte. Sie hatte den fleißigen Jungen tatsächlich von innen an ihr Herz klopfen fühlen – ääährlich.

Vor lauter Freude war dem Kleinen in ihrem Bauch wohl ganz schwindelig geworden, er fing nämlich so heftig an zu spucken, daß ihr „Schätzken“ überlief. Das „Röschen“ in ihrem dunklen Haarbusch hatte ein richtiges Sahnehäubchen aufgesetzt bekommen.

Wie ein honigverrückter Brummbär schleckerte Robert anschließend aber alles fein säuberlich weg. Er konnte gar nicht wieder aufhören zu naschen, denn mit jedem Schlecker  pulste frischer Honig aus ihrem „Schätzken“. Einen solchen „Reihen-knaller“ hatte Hannes ihr selbst in seinen besten Zeiten nicht beschert. Und nun

stand sie wieder in ihrer Küche, mit einem schlafenden Hannes auf dem Stuhl. Aber seltsam war es schon – es störte sie nicht mehr, nicht im Geringsten.

Mit einem Schlag war auch das Gefühl von „schlechtem Gewissen“ wie weggeblasen. Sie hatte ja ihren Hannes nicht betrogen – sie hatte sich ja nur etwas „besorgt“, was er ihr schon lange nicht mehr gab.

Der Geruch des gebratenen Schnitzels, und der Duft des frisch aufgebrühten Kaffee holten Hannes langsam wieder in die Gegenwart zurück. Das Essenmachen für ihren Hannes hatte Heidi plötzlich sogar Freude bereitet, die noch einen Juchzer obendrauf bekam, als Hannes – vom unbequemen Schlaf noch leicht bedrömelt – zu ihr sagte: Heidilein – du riechst heute so anders … so … so … so anders … so … na, eben so wie früher …

© ee

 

 

Nelemale und Solamele . . .

 

 

Nelemale und Solamele . . .

 

Nelemale war gerade erst eine Stunde alt – aber sie konnte schon fliegen – eine reine Pracht war das – kann ich euch sagen.  Vorwärts und rückwärts – hochkant und breit – rundherum und steil nach oben.  Sie konnte gar nicht stillsitzen – sie mußte erst alles ausprobieren.

Ach so – ihr wißt ja noch nicht, wer Nelemale überhaupt ist.

Nelemale – Nelemale ist eine kleine schwarze Stubenfliege – ihre Augen die blinkerten wie Sterne, und ihre Flügel – ihre Flügel, die schimmerten wie Weihnachtsglas.

Ihre feinen Beinchen konnte sie nach allen Seiten drehen – sie konnte sich damit am Köpfchen kratzen und im selben Moment die Propeller putzen. Das war so herrlich – sie konnte es selber noch nicht begreifen. Bloß später – wenn sie Schuhe haben mußte – da würde es wohl ein wenig schwierig werden.  Sie brauchte nämlich sechs Schuhe auf einmal – aber bis dahin dauerte es noch.  Jetzt mußte sie sich erstmal in der Welt zurecht finden.

Ihre Welt – das war die Küche.  Mit dem großen Torfofen – und mit den Speck – und Schinkenseiten, mit den Mettwürsten in Kringeln und in langen,  Wurstdärmen – die an den dicken Deckenbalken zum trocknen hingen.  Für eine kleine Stubenfliege, wie Nelemale eine war, war es das Schlaraffenland.  In der großen, dunklen Speisekammer standen Töpfe mit süßem Rahm, mit Schmalz und Grieben und mit gelber Butter.  Sie konnte sich nicht entscheiden, wo sie sich zuerst hinsetzen sollte.  All diese Köstlichkeiten dufteten verführerisch – und sie schmeckten noch viel besser.  Hier ein bißchen probieren – da ein bißchen naschen – und zuletzt noch ein wenig am Honig schleckern.  Die Flügel wurden ihr vom hin-  und herfliegen lahm – und die Beine schwer. Es war Zeit, ein wenig zu schlafen.  Hinter der Küchentür stand ein brauner Weidenkorb – innen mit roten Tüchern gepolstert – richtig heimelig sah es darin aus.  Da drin wollte sie eine gemütliche Mittagsstunde halten.  Mit flottem Schwung flog sie in den Korb.  Zwischen den Gerätschaften, die so im Korb herum lagen, richtete sie sich häuslich ein.  Hier noch einen Strich über die Flügel bürsten – da noch das ein oder andere Bein ausschütteln – und dann schlief  Nelemale zwischen Kaffee-flasche, Brotdose, Kautabakstange, Tabaksbeutel und Pfeife ein.  Wenn sie auch nur einen Flügelschlag Ahnung gehabt hätte, was das für ein Korb war – sie wäre da ja nie nicht reingeflogen.  Woher sollte sie es wissen? Sie war doch man gerade erst ein paar Stunden alt.  Kaum das sie eingeschlummert ist, schlägt jemand den Deckel zu – ihr bleibt fast das Herz stehen.  Auf einen Schlag ist es um sie herum balkendüster.  Na, ja – so kann sie wenigstens in Ruhe schlafen.

Nelemale – wenn du wüsstest, was dich erwartet.  Sie war in Harms Vesperkorb gelandet – und war jetzt auf dem Weg ins Moor.  Harm wollte Torf graben.  Nachmittags zur Kaffeezeit bekam sie erst wieder den Himmel zu sehen.  Der Korbdeckel war noch gar nicht ganz offen, da war sie auch schon draußen.  Doch was war das?  Dies war ja eine ganz andere Welt!

Ein Summen und Pfeifen und Brummen schwirrte durch die warme Sommerluft – und all die Farben.  Blau und braun und weiß und rot – sie konnte ihre sechskantigen Augen nicht so schnell bewegen, wie die neuen Eindrücke auf sie zukamen.  Große gelbe Schmetterlinge und schwarz-gelb gestreifte Hummeln saßen auf bunten Blumen.  Wenn sie wegflogen, waren sie fast betrunken vom Nektar – so schaukelten sie durch die Luft.  Die wollenen Köpfe vom Löwenzahn und weißes Wollgras flogen mit ihr um die Wette – sie wollten sicher wissen, wer schneller durch die Luft sauste.  In einer Zeit von nichts hatte Nelemale die Küchenwelt vergessen – so leicht ist das.  Hier draussen gab es keine Mauern und Wände – an denen man sich den Kopf stoßen konnte – hier draußen war die unendliche Weite.  Alles um sie herum leuchtete und trillerte und lockte – Nelemale schaffte es bald nicht, sich alles anzusehen.  Fffjjjjiiiieeet – was war das?  Eine Schwalbe war auf Flügellänge an ihr vorbei gesegelt – jungedi – das war ja noch mal gut ausgegangen.  In ihrer Küchenwelt hatte es diese Gefahr nicht gegeben – da mußte man sich als Stubenfliege bloß vor den Honigschleifen – die unter der Decke hingen – in acht nehmen.  Nelemale sah das aber ganz gelassen – beim Teufel brennt das Feuer – und im Himmel gab es eben Schwalben.  Über das aufregende Treiben rings um sie her hat sie noch mit keinem Seufzer an Essen gedacht – plötzlich macht ihr Bauch einen so lauten Hüpfer, daß die Mücke – die neben ihr auf dem Heidekraut sitzt – rückwärts auf die Erde fällt.  Wo ist die Speisekarte – die Speisekarte muß sie unbedingt abfliegen.  Die Tische, über die sie wegfliegt, sind mit den besten Leckereien gedeckt.  Oft sind sie so vollgepackt, daß die Schlemmereien schon über den Rand laufen.  Hoch in die Luft steigt Nelemale – von oben – mit der Sonne im Rücken – kann  sie alles viel besser sehen.

Da vorne – zwischen den Erikabüschen – auf dem kleinen Hügel – als wenn da eine Krone steht.  Rot und grün und honigfarben leuchtet es in die Sonne.  Da muß sie hin – das kann ja nur etwas besonderes sein.  Ohne viel Kringelei steuert Nelemale im Sturzflug darauf  los .  Lange vor den letzten Flügelschlägen steigt ihr schon verlockender Duft in die Nase – da läuft so einer kleinen Stubenfliege ja das Wasser im Munde zusammen.  Kaddaradabumm – was war das?  Benommen guckt sie um sich zu – auf einem großen Torfbrocken liegt sie – auf dem Rücken. Sie muß mit irgend jemand zusammengerasselt sein – auf ihrem Flug in den Speisesaal.  Da wo sie landen wollte, steht ein kleines Mädchen – so zart und fein – man kann glatt durch und durchgucken.  Grüß dich – Nelemale.  Wie Engelsgesang klingt die Stimme, die sie hört.  Ich bin Solamele – die Moorfee – ich muß hier im Moor aufpassen, damit auch alles seinen rechten Gang geht.  Ja man – aber warum hast du mich denn auf dem süßen, gelben Grund nicht essen lassen?  Mein Magen knurrt wie ein alter Hofhund – er hängt mir schon in allen sechs Kniekehlen.  Nelemale war richtig ‘n bißchen wütend auf  ihre neue Bekanntschaft.  Wenn ich dich nicht aufgehalten hätte – du hättest nie mehr essen können – die kleine Moorfee schlug mit ihren seidenen Flügeln einen anmutigen Bogen.  Paß gut auf – gleich kommt der alte Knister-Knaster.  Seine Lebenskerze ist abgelaufen – den kann ich nicht aufhalten – dann siehst du, was passiert.  Solamele hatte noch gar nicht zu Ende gesprochen, hörte Nelemale ein Brummen.  Eine dicke, blauschimmernde Pferdefliege kam angetrommelt – flog drei, vier Bogen über der Krone – und setzte zur Landung an.  Der Dicke hatte sich auch wohl sein Abendbrot ausgewählt.  Ein paar mal hopste er über den gelben Grund – und dann standen seine Flügel still.

Bis er sein Kleckerlatz umgebunden , und Messer und Gabel zurecht gelegt hatte – das dauerte ein Weilchen.  Endlich saß er bequem und wollte so richtig loslegen – als es klapp machte – und die Krone sich geschlossen hatte.  Nelemale rutschte vor Schreck das Herz in die Hose – ganz blaß war sie geworden.

Jetzt weißt du – sagte Solamele, die Moorfee – wie es in der Natur zu geht.  Wenn ich meine Augen nicht überall hätte, würde unser Sonnentau alle Tiere auffressen, die ihn besuchen wollten.  Nelemale mußte erstmal kräftig schlucken – der Hunger war ihr rein vergangen – das tat sie sich aber dick hinter die Ohren schreiben.  Als sie sich nach einer Weile umdrehte,  um Solamele zu danken, war die kleine Moorfee schon lange anderswo – um Ordnung zu halten – im Leben hier im Moor.© ee

Auch zu finden im Kinderhaus : Nelemale und Solamele . . .

 

 

Die Notbremse …

 

Die Notbremse …

 

Jette und Heidi haben beide die Kurve gekriegt. Nicht daß jetzt jemand denkt, sie wären irgendwelche Rennmietzen, die Selbstfindung betreiben, indem sie in aufgemotzten Blech-kisten durch irgendwelche Rallyes turnen. Das ist weit gefehlt.

Die beiden sind zwei schnuckelige, dralle Deerns in mittlerem Alter, die auch schon von weitem als solche zu erkennen sind. Bei ihnen hat alles seine ausgeprägte Form, und alles sitzt da, wo es hingehört. Sie zählen nicht zu den Weibsen, bei denen ein Mann erst die Stelle suchen muß, die ihm verrät, daß er es mit Frauen zu tun hat. Beileibe nicht – und das wissen sie auch.

Wie gesagt, sie haben die Kurve gekriegt in ein beschau-licheres Leben. Sie betreiben neuerdings eine andere Art der Selbstfindung.

Gemeinsam haben sie dem Alltagsstreß in den Hintern getreten. Der hat ganz schön unter dem Tritt gequiekt. Die beiden machen jetzt einfach vieles, was ihnen Spaß macht, und obendrein noch ihrem Körper, und ihrer Seele gut tut.

Samstags ist aus diesem Grunde auch immer Schwimmen angesagt. Davon lassen sie sich durch nichts, und von niemandem abhalten.

Selbst nicht von ihrem gutem Freund Klaus. Bevor sie an diesem Morgen mit ihm gemeinsam etwas unternehmen, muß er sich gedulden. Schwimmen steht bei den beiden vor alles.

Also, die Schwimmzeit ist da – rein ins große Becken, das warme Wasser geniessen, und sich richtig abgestrampelt.

Die männlichen Spezies um sie herum üben derweil den Stielaugenweitwurf. Man kann an ihren Badehosen förmlich sehen, wie sehr sie sich anstrengen, einen Wurf ins Ziel zu bringen.

Es sieht fast aus wie auf einem Campingplatz, auf dem viele Männeken sich damit abmühen, ihre Zeltstangen hochzu-kriegen. Heidi hat vor lauter Lachen eine Portion Badewasser verschluckt, als Jette den Vergleich loslässt.

Viel zu schnell ist die Zeit verstrichen. Selbst das Wasser im Schwimmbad ist traurig, als die beiden das Becken verlassen – es scheint plötzlich seine Lebendigkeit verloren zu haben.

Heidi und Jette huschen – ach was – sie schreiten zu ihren Liegen, um sich ihres Badezeugs zu entledigen. So viele Augenschmeicheleien muß Frau doch geniessen.

Gerade als sie mit dem Badetuch an sich herumrubbeln, steht Klaus plötzlich vor ihnen. „Wie schön, daß du da bist“ sagt Jette erfreut, und haucht ihm ein Küsschen auf die Wange. „Aber sieh dich vor – wir sind ganz naß“ läuft als Warnung für Klaus helle Beinkleider noch hinterher. Heidi, die ein stets waches Ohr für Jette, und ein noch wacheres Auge für die Entwicklung der anderen „kleinen Dinge“ um sich herum hat – fährt sofort bremsend dazwischen: „aber nur unter der Zunge, mein Lieber, nur unter der Zunge.“ © ee

 

 

 

 

 

 

Der Instrumentenladen …

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Der Instrumentenladen …

 

Jette und Heidi hatten ein schönes, langes Wochenende vor sich. Keine große Planung für eine kleine Reise, oder so. Nix von dat. Jette war man noch so eben an einer kleinen Reise nach Leipzig vorbeigerutscht. Ein Husten quälte sie seit ein paar Tagen.

Sie hatte sich doch im alten Jahr, noch von jemand, den sie gar nicht so recht mochte, zu etwas überreden lassen, was sie auch gar nicht so recht mochte.  Es sah fast so aus, als wenn der liebe Gott da ein bißchen Verhinderer gespielt hätte – er hatte Jette einfach krank werden lassen, sodaß sie den Bus, mit den  abgedrehten Doppelkatholiken aus dem Münsterland, alleine sausen lassen mußte. Kaum das die Abgase des Reisegefährtes in der schönen Siegerlandluft nicht mehr zu riechen waren, ging es ihr auch schon wieder erheblich besser.

Auf diese Weise konnten Heidi und Jette, ein ganz schön verlängertes Wochenende lang, einfach ihren Neigungen freien Lauf lassen. Also – die Seele baumeln lassen, und Lüste streicheln war angesagt. Und das alles ohne gesellschaftlichen Zwang. Schon  am ersten Tag blühten die beiden richtig auf.

Sie konnten malen, schreiben, kochen, essen, schwimmen gehen – so wie es ihnen gerade einfiel, nur nach Lust und Laune. Ach, ja – Skippo spielen natürlich auch. Hee – ihr wißt nicht, was Skippo ist? Skippo ist das Spiel, was richtige Weibsen süchtig macht. Jetzt wißt ihr es – mehr will ich euch dazu auch nicht verraten.

Bei allem, was sie in ihrer Glückseligkeit so anstellten, hörten sie Musik, zu der sie dann am liebsten auch noch eine flotte Sohle aufs Parkett gelegt hätten.

Für den Sonntagmorgen hatten sich Heidi und Jette einen Saunagang vorgenommen. Diesmal sollte es eine gemischte Sauna sein. Von wem von den Beiden die Idee dazu gekommen war, wussten sie schon nicht mehr. Das war ja auch piepegal. Heidi hatte sich zwar leicht geschüttelt, als sie an die vielen kleinen Probleme dachte, die sie in der „gemischten Sauna“ zu sehen bekommen würden, aber laß es uns angehen – wir werden es überleben, meinte sie nur zu Jette, die angesichts dieser Aussichten schon verhalten in sich rein lachte.

Der Sonntagmorgen stand vor der Tür – die Sauna stand plötzlich auch vor ihnen, also – nix wie raus aus den Klamotten, und nix wie rein in den Schwitzkasten.

So ein ganz klein wenig trieb Heidis unbekümmerte Eingangsbemerkung Jette denn aber doch eine leichte Röte ins Gesicht:

„Mein Gott, Jette – was ist das nur für ein schöner Musikinstrumentenladen. Guck doch nur mal die vielen kleinen Flöten, die hier überall herumhängen.“© ee

 

 

 

 

„Katzeklo“ & Co.

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Die wahren Hintergründe von „Katzeklo“ & Co.

Es begab sich also zu der Zeit ….mmmmhhh …. Das geht nicht …. so fängt ja die Weihnachtsgeschichte an …. neeee, so wichtig ist die Sache nun auch wieder nicht …. obwohl, wenn ich mir das recht überlege …. unsere Hundedame ist nämlich ganz in der Nähe von dies historische Datum geboren – nämlich am 21. Dezember.

Hoyjoyjoy …. nun mal langsam mit die jungen Pferde … und hör auf zu kichern, du da hinten ….na klaro – nich vor über zweitausend Jahren, denn wär se jetzt ja schon Methusalems Urururururoma – ihr wisst doch, dat is der Kerl mit dem kilometerlangen Bart, wo inne Bibel von gesprochen wird …. Nänää, so alt isse denn doch noch nich, unser Frollein … ganz richtich Frollein, weil – ’nen Hundekerl hat se nie an sich rangelassen – da war see eigen in … die warn ihr wohl einfach alle nich gut genuch — obwohl …. wenn ich Hundedame gewesen wäre … ’nen paar staatse Propper wärn für mich schon dabeigewesen.

Neee … die warn ihr denn sicher alle zu proletisch, wisst ihr.
Unsern Hund – is ja eigentlich ’ne Sie, aber ich sach immer Hund – also unsern Hund is nämlich wat janz besonderes, wenn man die Namens glauben darf …. Aber dat steht ja inne Papiere, un wat inne Papiere steht, dat is doch amtlich un wat amtlich is stimmt! Wo kämen wir denn sonst auch damit hin. Se heißt nämlich mit volle Name Freifrau Griseldis Gräfin Bonny von Heinssdorff.
Wennste dich alleine die Schreibweise ankucken tust – da krabbelt dich doch schon der kalte Schauer der Ehrfurcht den Puckel hoch ….
sowat dat merkt man doch gleich – der Hund is wat Güteres .
Jetzt hab ich ganz vergessen wat ich eigentlich erzählen wollt’ – helf mich doch ma einer auf mein Fahrrad … ach ja … die Sache mit dat Katzeklo.

Also: „Es war einmal ein“ …. nee, so geht dat nu auch widder nich. Mit „es war einmal“ fangen doch de Märchen aan, wie dat, dat et ma gute Regierungen in Deutschland jegeben hat – dat kann ich nämlisch nit glauben.
Neee … aber so geht dat allein schon nich, weil dat die Geschichte mit de Hund und dat Katzeklo ja wahr is. Ob ich dat hück woll noch schaffe, dat Verzell zugange zu kriegen?

Elf Monate war Bonny alt, als das Schicksal unsere Wege zusammengeführt hat. Ein kleiner Hund mit einem goldenen Herzen, aber mit Pfeffer im Hintern. So präsentierte sich der kleine Knubbel.

Weil wir einfach so übereinander gestolpert waren, hatten wir uns ja vorher nicht kennenlernen bzw. beschnuppern können. Unser Hundemädchen hatte nämlich auf ihrem bis dahin Lebensweg schon so manche seltsame Eigenart verinnerlicht. So konnte sie beispielsweise keine weissen oder silberfarbenen PKWs ausstehen – wenn sie deren habhaft werden konnte, griff sie diese Blechkisten geradezu an. Da war nichts mit Verbalattacke verbellen und so – ihre Angriffe waren schon real, sie versuchte nämlich ernsthaft in die Reifen zu beißen. Diese Feindschaft hat sie selbst dann nicht abgelegt, nachdem sie in einem „Feldzug“ gegen einen Opel Kadett schwere Blessuren davongetragen hatte – kaum war sie davon genesen, zog es sie nämlich schon wieder in den Krieg.

Eine andere Besonderheit war (ist) ihre Vorliebe für Katzenhinterlassenschaften. Für ihren Hundegaumen müssen Katzenhäufchen einfach eine verführerische Delikatesse darstellen, der sie nicht widerstehen konnte (kann).
Diese ihre Leidenschaft brachte für uns – ihre Hüter und Diener – ein Problem mit sich, da zu unserem Haushalt auch stets einige Stubentiger gehörten.

Eine Begebenheit möchte ich dazwischenschieben, damit die Geschichte vielleicht ein wenig schmunzelig wird.
Unsere Nachbarin zur Linken erregte sich ständig wohltuend, wenn eine Katze in das Erdreich ihrer Blumenbeete sich erleichtert hatte.
(Manchmal habe ich tatsächlich gedacht, paß auf – gleich kriegt sie einen Orgasmus.)
Von wegen das Viehzeug Löcher buddelt und Schweinerei und so – obwohl die Samtpfoten ihre Ausscheidung immer fein säuberlich abdeckten. Wenn unsere Bonny mit dem goldenen Herzen der tirarisierenden Nachbarin einen Gefallen tun wollte und das Ärgernis beseitigte indem sie die „Häufchen“ sauber ausbuddelte und vertilgte, dann regte sich die Gute über die riesigen zurückbleibenden Hundekrater auf. Da versteh noch einer die Welt. Wir haben selbstverständlich alles getan, um solcherart „Schlemmerorgien“ der Gräfin zu verhindern – aber Mensch ist nun mal nicht in jedem Falle das schlaueste aller Gottesgeschöpfe.
Die vorhandenen Katzenklos bekamen als Sofortmaßnahme alle eine Haube mit einer Öffnung für die Benutzer verpasst. Diese Lösung erwies sich aber als keine Lösung – mittels einer langen Pfote gelang es unserem Goldstück sich die von ihr heißbegehrten „Goldstücke“ aus dem Katzenstreu zu angeln.. Mensch staunt über soviel Einfallsreichtum – und Mensch handelt, weil er ja klüger ist als ….
Das innerhäusliche Katzenklo bekam einen Platz im Bad zugewiesen.
Nach dem Motto: ‚Die Axt im Hause erübrigt den Waldausflug’ wurde in die Badezimmertür ein stubentigergroßes Loch gesägt (Heimwerker durfte das – es war seine eigene Tür. Von der Nachahmung in Mietbehausungen wird dringend abgeraten)
Nach soviel Aufwand und tiefgreifenden Maßnahmen hatte die liebe Seele endlich Ruh’! So dachten wir zumindest, bis … ja bis wir am nächsten Morgen unserem Fräulein dabei zusehen durften, wie sie sich elegant durch das „stubentigergroße“ Loch zwängte, um zu den Delikatessen im Katzeklo zu gelangen.© ee 

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Martin … und die glückliche Rettung

 

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Martin …

Verdammt noch mal – wie lange sollte es denn noch so gehen. Seit dreieinhalb Stunden hätten sie schon im Hafen sein wollen. Und sie schipperten immer noch hier draußen, auf dem aufgewühlten schwarzen Wasser der Nordsee, herum. Bloß weil der Alte hoffte, Meent Eilts seine Leute noch zu finden. Man konnte die Hand vor Augen nicht sehen. Die Brecher donnerten über das Vorschiff hinweg, als wenn es gar nicht mehr da wäre. Aber der Alte meinte das. Das Gasoel konnte auch nicht mehr ewig reichen – und überhaupt wäre er viel lieber schon bei seiner Lene zu Haus. Im warmen Bett. Dem Alten konnte er das natürlich nicht sagen. Der hätte ihm gleich eine gescheuert, daß ihm Hören und Sehen vergangen wären. Gestern abend waren sie mit dem einsetzenden Ebbstrom ausgelaufen. Es war ein Wetter wie aus dem Bilderbuch. Sie wollten die ganze Nacht auf Seezunge gehen. Der Bestand war so gut wie seit Jahren nicht mehr. Hein Cassens hatte seine beiden Schiffe nicht von der Leine gelassen. Das beste Wetter sollte es bleiben – und er traute dem Braten nicht. Na ja – an der Schleuse wurde schon immer gesagt, Hein Cassens hat es mit der Spökenkiekerei. Weil – seine Großmutter hatte ein Zigeuner als Andenken im Dorf gelassen. Man weiß ja nie, was Zigeunerblut alles so in sich hat. Auch wenn es schon lange her ist. Püüt Meyer hat denn nur gesagt: Wenn er auf den guten Fang verzichten kann – wir können es nicht und ihn die Leinen losmachen lassen.
Einmal hatten sie die Netze schon eingeholt – es war ein guter Fang. Dann Schlag elf – der Alte hatte ihn gerade losgeschickt die Winde anzuschmeißen. Der zweite Hol war fällig.
Es war von Abendsonnenblinkern bis zu Tintenfaßschwarz eine Zeit von weniger als drei Minuten. Als er wieder zu Verstand kam, sah er das die Winsch leer herumsauste. Die Leinen zu den Netzen waren weg – gerissen. Einfach so – wie wollene Fäden. Der Sturm ist von oben auf das Wasser gefallen – man hatte vorher in der ganzen Runde nicht eine Wolke sehen können.
Wie sie es im ersten Moment absehen konnten, hatte ihr Schiff das ganze einigermaßen gut überstanden. Jetzt gab es nur eines – nach Hause.
Auch Weert Jacobs funkt Netzverlust. Bei Siebo Hemken sieht’s nicht besser aus, die haben noch ein Stück vom Mast verloren. Was war mit Meent Eilts seinem Kutter? Von da kam nichts rüber. Immer und immer wieder ging das Zeichen raus – niemand antwortete – und sie wollten doch nach Hause. Alle Vier. Fünf Stunden kreuzten sie schon. Hin und her – hin und her.
Stockfinster – Sturm das man sich fast nicht halten konnte – und naß wie eine Katze. Er fühlt sich als wenn er in eine Waschmaschine geraten wäre.
Zur See fahren – das hatte er sich ein bißchen anders vorgestellt, als er im letzten Jahr bei Püüt Meyer angeheuert hat. Die Bilder von romantischer Seefahrt, die sind in der ersten Zeit schon alle über Bord gegangen.
Man – diese Nacht – die hätte er sich nie träumen lassen.
Dem Alten schien das alles nichts auszumachen. Er stand wie ein Eichenpfahl am Ruder – die Hände so fest in den Speichen – er rührte sich nicht einen Millimeter.
Allein seine Augen – wachsam wie ein Hafenlicht – gingen so scharf hin und her, als wenn sie die dunkle Nacht zerschneiden wollten.
Komisch – er möchte am liebsten über Bord springen. So grün und klöterig ist ihm zumute in Kopf und Bauch. Aber er kann alles so genau beobachten, als wenn er in einem Kinosaal sitzt und sich einen Film ansieht.
Die Stimmung auf den drei Kuttern geht langsam dahin, daß sie aufgeben müssen.
Wieder aufs Siel zuhalten? Den Hafen anlaufen ohne Meent Eilts sein Schiff? Was ist mit ihm los?
Die ganze Nacht hat er sich nach Hause hingeträumt, und nun paßt es ihm nicht, daß die andern schon aufgeben wollen.
Auf einmal mag er auch dem Alten sagen, daß sie noch nicht aufgeben dürfen!
Der Alte sagt nichts – dreht nichteinmal den Kopf. Greift nur nach unten in die Klappe – hat eine Schluckbuddel in der klobigen Faust – zieht mit den Zähnen den Korken raus – und hält ihm die Buddel hin.
Ihm – der man erst ein Jahr dabei ist – den sie alle immer so ein bißchen als weich angesehen haben.
Er langt hin und zieht an der Buddel. Wie brennendes Feuer läuft es ihm im Hals herunter. Ohne ein Wort nimmt der Alte ihm die Buddel ab und zieht selbst einmal kräftig.
In diesem Moment geht Martin auf, daß Vorstellung und Wirklichkeit zwei Welten sind – er in diesem Augenblick in der Wirklichkeit angekommen ist.
Der liebe Gott will zu dieser Erkenntnis wohl auch noch Blumen reichen – so scheint es.
Der Alte hat die Schluckbuddel noch gar nicht abgesetzt, als direkt voraus ein feuerrotes Licht aus den Wolken tröpfelt.
Es sind die Männer und der Hund von Meent Eilts’s Kutter.
Es war zwar nur noch das Beiboot der stolzen Silbermöve – man – sie hatten noch Planken unter den Füßen. Und allein das war wichtig.
So konnte die schwarze Fahne unten in der Back bleiben als sie in den Hafen einliefen.
Es fehlte ihnen wohl ein Schiff – aber keine Seele.
Zwei Dinge hatte diese Nacht verändert – Hein Cassens wird mit Respekt behandelt – und Martins Herz ist bis in alle Zeiten an die Seefahrt verloren gegangen.© ee

Seefahrt . . .

Ein Mann verliert nur einmal im Leben sein Herz –
entweder er trifft das richtige Schiff –
oder die richtige Frau –
und beides ist die wunderbarste Sache der Welt!

© ee

Hein Vieth aus Voslapp …

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Hein Vieth aus Voslapp …

Wie war es eigentlich noch …
Zum Beispiel mit Hein Vieth, dem Milchmann von Voslapp?

Wer heute durch den Wilhelmshavener Stadtteil Voslapp geht, der sieht
nicht mehr viel von den Fußstapfen der „Pioniere“ aus der Anfangszeit
dieses Ortes als „Reichsheimstätten-Siedlung“.
Fußabdrücke von Frauen und Männern mit Herz und Courage, die oft bis
über die Knöchel durch Schiet und Klei laufen mussten, um von Haus zu
Haus zu kommen – oder auch nur von den Fahrwegen zu ihrer eigenen
Haustür zu gelangen.
Einer von den Unternehmern, den Geschäftsleuten der ersten Stunde war
Hein Vieth aus Bremen.
Als Bauernjunge von einem großen Hof im Waller Quartier stammend,
hatte er von zu Hause aus wohl einiges Kapital an den Füßen, als ihn das
Schicksal nach Knyphausersiel trieb.
Irgendeine Missetat, von ihm in seinen jungen Jahren verübt, hatte
seinen Vater veranlasst, ihn als Nachfolger auf dem Gut unweit des
Waller Bahnhofes auszuschließen. Seine Mutter hat ihn dafür aber noch
weit über ihren eigenen Tod hinaus mit ständigen Zuwendungen
ihrerseits, bei häufiger drohenden Pleiten, respektierlich über Wasser
gehalten. So ist er denn mit seiner Meta und vier kleinen Bremer Kluten
in eine Gegend gezogen, in der in den nächsten Tausend Jahren das
Leben große Wellen schlagen sollte. Zumindest wurde es zu der Zeit in
allen deutschen Gauen regierungsamtlich so verkündet. Der tatsächliche
Fortgang der Geschichte hat wieder einmal mehr den Beweis erbracht,
dass Menschen den sie regierenden Menschen niemals zuviel Glauben
schenken sollten. In der Vergangenheit hätten sie es nicht tun sollen – in
der Gegenwart sollten sie sich davor hüten und in der Zukunft möge ihr
Verstand sie davor bewahren.
In seiner Nähe, am Rüstersieler Maadezug und ein paar Straßenzüge
weiter auf Voslapp zu, in Knyphausersiel, saß zur gleichen Zeit Fritz
Folkers auf seiner Hausstelle, der Tag für Tag mit seinem einspännigen
Rollwagen auf Milchverkaufstour in der Nachbarschaft durch den
Fedderwarder-Baugroden unterwegs war. So hieß damals die riesige
Baustelle der künftigen Siedlung Voslapp nördlich von Knyphausersiel.

 

Weil der zweite Weltkrieg, der zu der Zeit noch wie ein junger Mann auf
flinken Beinen gen Osten strebte, Fritz Folkers für sein blutiges
Handwerk brauchte, hatte Hein Vieth kommissarisch von der NSDAP-
Gauleitung die Pferdewagen-Milchtour übertragen bekommen, damit die
Versorgung der Volksgenossen und deren Familien mit
Molkereiprodukten auch weiterhin gesichert war. Der Bremer
Schlaukopf hatte irgendwie das Glück, dass er von den Militärs für das
Kriegshandwerk als untauglich angesehen wurde. Vielleicht hatten es
auch nur einige Bremer Speck- und Schinkenseiten, oder die eine oder
andere Ochsenbrust aus dem Waller Viertel, das ihrige dazu beigetragen.
Wer weiß das nach so langer Zeit noch so genau.

Fritz Folkers nun hatte mit Glück die Kriegshändeleien körperlich
einigermaßen unbeschadet überstanden, und nach seiner Rückkehr aus
dem Feld die Zügel seines Milchwagengespannes wieder in die eigenen
Hände genommen.
Hein Vieth, der indes seine Freude an der Milchverteilerei gefunden
hatte, richtete auf einem Ackergrundstück an der Voslapper Flutstrasse
(damals noch Hans-Zenker Strasse), gegenüber dem südlichen der zwei
Voslapper Rundbunker, in einer hölzernen Bude eine eigene
Milchversteilerstelle ein. Auch bei der Erlangung der erforderlichen
amtlichen Genehmigung hatten wohl nahrhafte landwirtschaftliche
Produkte aus dem Bremer Umland einem positiven Bescheid ein wenig
nachgeholfen. Im „Verbindungen pflegen“ belegte Hein Vieth nämlich
zumeist einen der ersten Plätze im Wettstreit um gute Platzierungen.
[Als Ironie des Schicksals habe ich es in späteren Jahren so manches
mal empfunden, dass genau an der Stelle der ersten Vieth’schen
Milchbude Fritz Folkers in direkter Konkurrenz ein großes gleichartiges
Geschäft errichtete, und Hein Vieth das Leben erschwerte, was
letztendlich mitentscheidend Hein Vieth zur Aufgabe seines Geschäftes
veranlasste und den Rückzug nach Bremen ins Waller Quartier bewirkte.
Vielleicht wurde da auch noch so manche „alte Rechnung“ beglichen].
Es ging aber nicht sehr viel Zeit ins Land, bis Hein Vieth, als der
krägele Handelsmann der er ja nun einmal war, sich schräg gegenüber –
an der Ecke zur Hunrichstrasse – eine steinsche Wehrmachtsbaracke als
neues Domizil ausgeguckt und zu eigen gemacht hatte. Und wieder hatte
die Stütze aus dem Waller Quartier ein wenig gehörig nachgeholfen.

„Well good schmeert, de good foahrt“ – dieser sein Leitsatz stand auch
da Pate. Aus Hein Vieth’s blauer Milchbude auf einem Ackergrund war
nun quasi über Nacht ein richtiger massiver Tante Emma Laden
geworden, während es bei seinem ärgsten Konkurrenten Fritz Folkers
bis dato und auch für die nächsten Jahre danach immer noch nur zu einer
Holzbude, in der Hohewegstrasse in Roskosch’s Garten, reichte.
Anhand der zwei großen Schaufenster, im Giebel rechts und links der
Eingangstür des neuen Vieth’schen Domizils, konnte jeder jetzt schon
von weitem den Kaufmannsladen erkennen. Die emaillierte blecherne
Tafel an der Hausmauer, auf der auf blauem Grund in
überdimensionierten weißen Lettern in Schreibschrift das Wort „Milch“
geschrieben stand, tat aller Welt kund, dass dieser Kaufmann die
gesundheitsamtliche Erlaubnis besaß, in seinem Laden Milch zu
verkaufen.
Frischmilch unter die Leute bringen durfte nämlich noch lange nicht
jeder Kauf- oder Handelsmann in unserem Lande – selbst dann nicht,
wenn er „original“ den Kaufmannsberuf erlernt hatte. Dafür bedurfte es
einer Extra-Genehmigung durch das Veterinäramt der jeweiligen
Kommune oder des Kreises, wenn man als normaler „Heringsbändiger“ –
wie wir die Lebensmitteleinzelhändler auch nannten, frische
Molkereiprodukte im Sortiment führen wollte.
Und diese „Extra-Genehmigung“ hatte dann wiederum sehr viel zu tun
mit dem allseits bekannten Vitamin B. als Schmiermittel und zur Pflege
guter Verhältnisse.
Der Vieth’sche Laden konnte durchaus mit den anderen am Orte
ansässigen Lebensmittelgeschäften in Punkto Flächengröße, Einrichtung
und Warenangebot mithalten.
In Bedienerfreundlichkeit und Kundenverständnis hatte Hein Vieth
niemanden seiner Mitbewerber vor sich und war vielen anderen meist
um einige Längen voraus.
Von des Morgens um sieben bis des Abends um sieben Uhr – mit einer
Unterbrechung von 13 – 15 Uhr als Mittagspause – stand die Ladentür
für die Kunden offen. Und das sechs lang Tage die Woche. Des
Sonntags durften Milchgeschäfte wegen des Frischefaktors der Produkte
des Vormittags zwei Stunden ihre Türen für die Kunden öffnen, weil in
den meisten Haushalten ja noch keine Kühlmöbel die Küchen bevölkerten. Die Verbreitung dieser Geräte in Haushaltsgröße setzte erst
um einige Zeit später ein.
Während der gesetzlichen Nichtöffnungszeiten stand für Kunden aber
mehr oder weniger oft die „Hintertür“ offen, denn der Spruch an den
Käuferkreis: „Wenn vorne geschlossen ist, dann ist hintenrum offen“
den hatte fast jeder Kaufmann drauf – denn wer wollte, wer konnte es
sich schon leisten, wegen der strikten Einhaltung der gesetzlichen
Ladenöffnungszeiten, seine Kunden zu verlieren. Wer nämlich nach
Feierabend bei dem einen Kaufmann nichts bekam, der eilte stehenden
Fußes zur Konkurrenz, bekam dort das, wonach er verlangte – und blieb
dann sehr oft dort auch für die „offene“ Zeit als Kunde hängen.
Der „gesetzestreue“ Kaufmann schaute dann meist in die Röhre.
So hat sich durch die Zeiten immer wieder aufs Neue bewiesen, dass
absolute „Gesetzestreue“ sich nur die Menschen leisten können, die es
sich auch leisten können.
Ich habe Perioden miterlebt, in denen bei Hein Vieth mehr
„hintenherum“ als durch die Vordertür verkauft wurde.
An der seitlichen äußeren Hauswand hingen des Abends stets um die 20
„Melkbummen“ – Milchkannen – kopfüber am Kannenholz, die Frau
Meta zuvor mit Hilfe von P3 und Wurzelbürste geschwienkert –
gereinigt hatte.

Morgens um Klock sechs mussten die Kannen aufgereiht an der Strasse
stehen, denn auf die Minute genau tuckerte Peter Janssen aus dem
Hooksieler Sengwarder Anteil, mit seinem Fendt Dieselroß aus der
Richtung von Wirtin Albers Kuhstall kommend, die Flutstrasse hoch,
um frische Milch, Karnemelk (Buttermilch), Klumpenbutter und Käse
aus der Hooksieler Molkerei anzuliefern.
Später war es dann ein grüner Viereinhalbtonner, ein rundschnauziger
Hanomag der ersten Nachkriegsbaureihe, der dem Hooksieler Fuhrmann
eine schnellere Auslieferung ermöglichte – und ihm dadurch einen
größeren Lieferbezirk und auch vermehrten Fuhrlohn bescherte.
Fuhrmann Janssen war meist mit seinem Gespann gerade eben um die
Ecke gebogen, um bei seiner Schwester Elly, in deren Siedlung am
Deich, die morgendliche Teepause einzulegen, als auch schon der
rahmweiße Frachtwagen der Molkerei Neuende in Sichtweite auftauchte.
Von dort wurde Karnmelksbree – Buttermilchbrei, Sahne, Quark und als
besondere Spezialität „Schichtkäse“ geliefert. Hein Vieth legte einen ganz engen Maßstab an die Bewertung der Qualität der
Frischeprodukte, die er für seine Kunden einkaufte. Da konnte es denn
schon einmal vorkommen, dass auf Grund von Qualitätsschwankungen
der Ware oder der Rohstoffe der Hersteller gewechselt wurde.
Die Lieferanten gaben sich in den frühen Vormittagsstunden oftmals
gegenseitig die Türklinke zu Vieths Laden in die Hand.
Es war nämlich in den Jahren beileibe noch nicht so, wie es in der
heutigen Zeit üblich ist, dass ein überdimensionierter Lastwagen ein
oder zweimal mit einer Fuhre das gesamte Sortiment, das sich im
Angebot des Geschäftes befindet, anliefert. An diese Art von Logistk
war noch nicht zu denken, zumal ja auch noch sehr viele Artikel lose
bzw. als Sackware angeliefert wurden, um erst im Laden in Tüten mit
handelsüblichen Mengen abgefüllt wurden. Außerdem stand in den
vielen Einzelhandelsunternehmen für einen anderen Liefermodus gar
nicht ausreichend Lagerraum zur Verfügung.
So war alles schön verträglich auf- und eingeteilt.
Die Lieferung von Margarine aller Marken, sowie die von Plattenfetten,
besorgte Heino Weschke aus Rüstersiel mit seiner kleinen
Frischdienstfirma mittels seines flinken „Tempo“ Kleintransporters. Die
Margarinesorten der unteren Preislagen – so zum Beispiel die billigen
Marken wie ‚Sanella’ hatte der Teil Volkesmund, der höherwertige
Fette, oder sogar Butter sich als Brotaufstrich leisten konnte, mit dem
Beinamen „Wagenschmiere“ belegt. Die Produkte schmeckten und
schmierten auch dementsprechend.
„Käse“ jeder Art und jeder Sorte zu liefern, das fiel in die Zuständigkeit
der Kleeblattfirma, die in der Deichstrasse am Handelshafen, gegenüber
des Wilhelmshavener Hauptgeschäftes der in ihren anfangszügen auch
aus Hooksiel stammenden Holzhandlung Brader, ihren Stammsitz hatte.
Kleeblattfirma deswegen, weil die Anfangsbuchstaben des
Firmeninhabers I. G. H. (das H stand für Harms) als Firmenlogo das
Bild eines dreiblättrigen Kleeblatts zierten.
Auf dem Lieferantenfahrzeug für Obst, Gemüse und Südfrüchte prangte
in gelblichen Lettern ‚Früchte Wilms’ an den blauen Planen der
Ladebordwände. Mehrheitlich waren bei den Lieferfahrzeugen die
offenen Ladeflächen mit Plane und Spriegel bestückt – wenn überhaupt.
Geschlossene Kasten- oder gar Kühlwagen gab es noch erst sehr selten auf den Strassen zu sehen. Lastkraftwagen durften sogar noch mit zwei
Hängern hinter dem Motorwagen betrieben werden.
Leichte Kuchen, die bei Hein Vieth über den Ladentresen in die Hände
respektive in die Bäuche seiner Kunden gelangten, entstammten der
Backstube des Rüstersieler Bäckermeisters Fritz Ommen. Vielen
Wilhelmshavenern ist er als begeisterter Sänger und langjähriger
Sangesvater der Mannen der Rüstringer Liedertafel noch ein Begriff.
„Krintstuten“ (Korinthen- oder besser bekannt als Rosinenstuten) und
„Wittstut“ – Weißbrot, ob gesüßt oder ungesüßt, musste durch die
Hände und in der Backstube von „Backer Hüdel“, wie wir Bäckermeister
Helmut Hayen aus Sengwarden respektvoll nannten (wenn er es nicht
hörte) geformt und gebacken worden sein.
Die Herstellung und die Lieferung von Schwarzbrot war der
Dampfbäckerei Göcken – die in der Schaarreihe gegenüber von
Warrings Gaststätte „Schützenhof“ angesiedelt war, vorbehalten. Mit
Bäcker Göckens „10 Pfündern“ konnte kein anderes Schwarzbrot in der
Gegend konkurrieren. Das wollte auch wohl keiner ernsthaft tun, denn
man gönnte sich gegenseitig sein ‚Brot’ – von einigen Ausnahmen
einmal abgesehen, herrschte unter den Handwerksmeistern noch so
etwas wie Solidarität.
Unschlagbar in der Herstellung von Landbrot (auch von Bremerbrot)
waren die Bohemanns, gleich ob es Günther oder Walther Bohemanns
Kunst war, die den Broten ihren ‚Torfback’ angedeihen ließen – dieses
„täglich Brot“ war in Geschmack und Güte einfach nicht zu übertreffen.

Ein Backwerk ist mir in unauslöschlicher Erinnerung geblieben – der
„dicke“ Zwieback aus der Rüstersieler Backstube von Heinrich Siemens.
In der Herstellung dieser Köstlichkeit konnte ihm wohl keiner seiner
Mitbewerber das Wasser reichen. Stippzwieback und schwarzer Tee
waren das obligatorische Heilmittel bei Magen- und
Darmverstimmungen.

Einzig Brötchen, als kurzlebiges Backwerk, und das unvergessliche
„Kommissbrot“ kamen den kurzen Weg aus der unmittelbaren
Nachbarschaft in das Vieth’sche Verbraucherparadies. Bei der Herstellung dieser Erzeugnisse hatte Bäcker Stamerjohanns durchweg
die Nase vorn. Das hatten nach dem Ende des Krieges auch die Besatzer,
die Serben und später dann die Tommis schnell erkannt. Sie ließen in
den Voslapper Stamerjohanns’chen Backstuben über die Zeit ihrer
Anwesenheit in den Wehlenser Kasernen und in den Gebäuden am
Banter-See (der sog. „Prince Rupert School) ihren Bedarf an Brotlaiben
bei Stamerjohanns decken.
Zweimal die Woche holte ein olivgrüner hochrädriger britischer
Armeelaster die Stamerjohanns’chen Vierkantbrote ab. Sie wurden aus
den höhergelegenen Fenstern der Backstube mittels einer Bretterrutsche
auf die Pritsche des unter den Fenstern stehenden Lastwagens befördert.
So mancher Brotlaib verließ unterwegs die Rutsche, um dann von den
unten darauf wartenden „kleinen Voslappern“ aufgefangen zu werden.
Manches Brot wurde von oben sicherlich mit Absicht auf den „Irrweg“
in die Hände der Kinder geschickt.
So hatte jeder kleine Betrieb in der Stadt und dem Umland seinen Anteil
an der Versorgung der Bevölkerung.
Alle anderen Waren, die – nicht frisch und nur begrenzt haltbar –
geliefert wurden, die kamen entweder aus dem Lager von Hermann
Kluge, abseits des Mühlenwegs angesiedelt, oder aus denen des
Grossisten August Bade in Neuengroden an der Freiligrathstrasse, gleich
hinter dem damals sehr beliebten und bekannten Schuhhaus Gerdes
gelegen. Es waren in erster Linie Hülsenfrüchte, wie Erbsen, Bohnen
und Linsen. Reis, Mehl, Zucker und Salz gehörten ebenso dazu wie
Sauerkohl, Fassgurken, Senf, Essig und Speiseöl. Dauerbackwaren, wie
Brandzwieback und Feingebäck, vervollständigte, neben
Körperpflegemitteln und Waschpulvern der damals großen Hersteller,
die Palette der wöchentlichen Anlieferungen. Ein ganz besonderes
Ansehen genossen die jeweiligen „Handelsreisenden“ der
Genussmittelfabrikanten wie Teekontore, Kaffeeröstereien, Brenner-
und Brauereien und der mächtigen Tabakwarenindustrie. Diese Herren –
es waren damals nur Männer auf dem Gebiet tätig – genossen stets eine
gewisse Bevorzugung in der Abfertigung und im persönlichen Umgang.
Man darf es sich allerdings nicht so vorstellen wie es heute in den
Märkten üblich ist, mit der Auswahl und dem Warenangebot. Bei dem
die Menschen ja oftmals gar nicht mehr wissen, was sie denn kaufen
sollen, weil ja unter vielen Namen angebotenes irgendwo von dem gleichen Hersteller gefertigt wird. Einer solchen Täuschung waren die
Kunden damals noch nicht ausgeliefert. Die Verbraucher der Damalszeit
konnten noch auf den Grund der Töpfe schauen, in denen die Suppen
meist angerichtet wurden. Von den gebräuchlichsten Produkten fanden
sich nur höchstens drei oder vier Ausführungen von verschiedenen
Herstellern, wenn eine Auswahl überhaupt möglich war. Die Käufer
konnten an der Verschiedenartigkeit des Sortiments noch leicht entlang
schauen.
Bei den im Handel befindlichen Getränken sah es nicht viel anders aus.
Ohne Prozente im Inhalt wurde nur Brause feilgeboten – gezuckertes mit
Kohlensäure versetztes Wasser mit Farbstoff und entsprechendem
Fruchtgeschmack in Gelb, Rot und Grün – ach ja, und Coca Cola, als ein
aus den USA herüber geschwapptes „Erfrischungsgetränk“ war gerade
im Begriff, bei uns in den deutschen Landen Fuß zu fassen.
Auf den Bierflaschen in den Regalen klebten Etiketten der regionalen
Braustätten wie Jever, Ulferts, Becks und Haake-Beck oder
Hemelinger. Die Gerstensäfte aus weiter entfernten Sudkesseln waren
den heimischen Biertrinkern noch weitgehend fremd.
Die Anzahl der Bezeichnungen auf den Flaschen mit den „härteren“
Sachen, den Spirituosen, bewegte sich in durchaus überschaubarem
Rahmen. Es befand sich noch fast nichts an fremdländischen Bränden
darunter. Whisky, Wodka und Cognac im Angebot zu haben, das war
den wenigen exquisiten „Spirituosen-Geschäften“ in der inneren Stadt
vorbehalten (Stümpel“ war eines davon), oder eben den, ein wenig
exklusiveren, gastronomischen Betrieben. Der größere Umsatz von
Schnaps und Bier wurde zudem vornehmlich in den Gastwirtschaften,
den Kneipen und Krügen, getätigt. Das „Saufen“ wurde nämlich noch
überwiegend der Männerwelt zugeordnet, und nicht als ein
„Kindervergnügen“ betrachtet, sowie es in der Gegenwart häufig genug
geschieht. Frauen „machten“ so etwas denn schon einmal gar nicht.
Auch diese Auffassung hat sich ja im Laufe der Generationen sehr
verändert Zuhause beschränkte sich „das trinken“ für die Kinder und
Halbwüchsigen im Normalfall auf Wasser aus der Wasserleitung, Milch,
Kakao oder Muckefuck zu sich nehmen.
Muckefuck – wer kennt schon noch die Sorten an Spitzbohnen- oder
Malzkaffee, die in den Wandregalen in den Läden einen respektablen
Platz beanspruchten. Als da waren „Franks Korntrank“ oder
„Kathreiner“ und „Lindes“, für die damals schon im Radio Werbung
gefahren wurde. Der echte Bohnenkaffe-, oder mehr noch der Schwarzteegenuß – war in den Haushalten, die ihn sich leisten konnten,
den erwachsenen Familienmitglieder vorbehalten. Ein Spruch der
Mütter und (weniger) der Väter klingt mir heute noch in den Ohren,
wenn sie die begehrlichen Blicke der Kinder hin zu den Tee- oder
Kaffeetassen der Großen mit den Worten abwehrten: „Tee (oder Kaffee)
ist nichts für Kinder – davon bekommen sie bloß schlappe Nasen.“ Der
einzige Grund, warum Kinder nichts vom Tee oder Kaffee süppeln
sollten, das war der Preis für diese Genussmittel. Tee und Kaffee war
nämlich verdammt teuer im Handel.
Schnaps trinken war also Mannsleutsache – und genauso hat Hein Vieth
es auch betrachtet, mit seiner Mitgliedschaft im Kreise der
Wilhelmshavener Honoren, deren Treibensmittelpunkt für lange Zeit das
Hotel Atlantik am Börsenplatz war.
Wer von den Jadestädtern, deren Haupthaare schon leise angegraut und
deren Knochen schon ein wenig alterssteif sind, kann sich nicht noch an
die bekannten Namen aus der Unternehmerszenerie Schlicktaus
erinnern. An Viehhändler Luis Winter, an Lampenschirmfabrikant de
Levie, an Schlachtermeister Wilhelm Werther oder Kaufmann Karl
Lenzing, an die Urgesteinskaufleute Coldewey, an Franz Högemann
oder die Wirtehierarchie der Dekenas … die Liste derer, die das
gesellschaftliche Leben der Stadt mitbestimmten, die könnte ich
ellenlang fortsetzen, über Kohlenhändler, Kinobetreiber und
Pillendreher bis hin zu Advokaten und Medizinern vom alten Schlage.
Die Liste würde hier aber sicherlich den Rahmen sprengen.
Was denn so zwischen den Honoren allgemein abging, bei ihren oft
spektakulären Zusammenkünften, das wusste am nächsten Tage nicht
selten schon der letzte Bürger in der Stadt. Was sich allerdings zwischen
verschwiegenen Mauern des "Hotel Atlantik" in den Nächten der Zünfte
abspielte, darüber wurde dann höchstens mal hinter vorgehaltener Hand
getuschelt. Das betraf denn ja ausschließlich die „bessere Gesellschaft“
von Kaisers Haven.
Auf jeden Fall hat Hein Vieth von den Vorteilen, die ihm durch seine
Mitgliedschaft in diesem Kreise zufielen, einen großen Teil an die
kleinen Sorgenbeißer unter seiner Kundschaft, die so Tag für Tag das
Nötigste zum Leben in seinem Laden anschreiben ließen, weitergereicht.
Um dieses „Stehen“ in zwei Welten – Spagat wird es im sportlichen
Bereich ja wohl genannt, das mit dem einen Fuß bei den Reichen und
mit dem anderen Fuß im Lager der Armen stehend – überhaupt ertragen
zu können, benötigte Hein Vieth binnerwendig wohl immer reichlich Öl auf dem Wasser. Sonst hätte seine Seele garantiert nach kurzer Zeit
Schiffbruch erlitten.

Hein Vieth sein Öl für die Seele kam direktemang aus dem
Niederrheinischen. Jeder Schluck hatte seine eigene Flasche um sich
herum und war außerdem sorgfältig in bräunliches Umpapier gedreht.
Gedacht war der kräuterige Inhalt vom Sinne des Erfinders her
eigentlich zur Unterdrückung von lästigem Magendrücken nach zu
reichlichem Genuß zu guten Essens. Aber des Menschen Seele sitzt ja
auch irgendwo im Bauch.

Bei Hein Vieth muß die Seele stets ordentlich gewütet haben, denn zwei
Packen von diesen Tröstern täglich – und da in jedem Packen 24 Stück –
leerte er im Laufe eines jeden Tages spielend.
Wenn er sich in der schummerigen Hülsenfrucht-Ecke vor der
altertümlichen Bizerba-Waage aufhielt, dann konnte niemand so recht
ausmachen, ob er gerade an seiner Zigarre schnullerte, oder ob sich der
Inhalt eines Underberg Fläschchens den Weg zu seiner Seele suchte.
Gut getan hat ihm wohl beides, jeweils auf die eine oder andere Art.
.Hein Vieth hatte nämlich auch im Hause keinen leichten Stand. Er ließ
es sich im Ladengeschäft allerdings niemals anmerken, wenn hinter der
Türe, auf der „Privat“ stand, einmal wieder Gewitterwolken unter der
niedrigen Decke hingen – wenn seine Meta ihm einmal wieder
Vorhaltungen machte, weil er zu sorglos und zu leichtfertig mit ihrem
teuren Gut umging, weil er bei einem armen Schlucker, von dem sie
nach ihrer Meinung schon lange über Gebühr etwas zu fordern hatten,
wieder etwas ins Buch geschrieben hatte,
Meta fiel das Abgeben nämlich nicht so sehr leicht. Am liebsten kratzte
sie alles zusammen, zu einem großen Haufen, um sich dann, wie eine
Kluckhenne über ihre Eier, darüber zu hocken.
Hein Vieth war aber im Grunde seines Wesens seiner Meta dankbar für
ihr Verhalten, für ihre Wachsamkeit. Wäre sie es nicht gewesen, denn
hätte Hein Vieth mit Sicherheit nicht lange zu den Honoren der Stadt
gezählt. Vielleicht hätte er für seine Familie und für sich auch
irgendwann einen Kaufmann suchen müssen, der ihm das Nötigste zum
Leben ins Buch geschrieben hätte. Genau davor hatte Frau Meta eine
unbändige Angst. Er konnte mit dieser Angst seiner Meta umgehen –
und weil er damit umgehen konnte, darum konnte er auch damit leben.
Geändert hat er seine Gewohnheiten sein Lebtag aber nicht um einen
Deut – und das war auch gut so.

Wenn er nämlich wusste – und Hein Vieth wusste auf diesem Gebiet
sehr vieles – dass irgendwo in einem Haushalt seiner Kunden am
nächsten Tag für die Familie rein gar nichts mehr an Essbarem für die
Kinder auf dem Tisch stehen würde, dann stand dort des Morgens in
aller Frühe wie aus heiterem Himmel schon mal eine Tüte oder ein
Karton mit Lebensmitteln, die in kein Buch geschrieben waren, vor der
Tür.
Einen von den kleinen Bremer Kluten aus der Vorkriegszeit hatte Hein
Vieth als Vater bei einem seiner Kollegen im Nachbarstadtteil – bei
Hermann Ehrling – in die Lehre gegeben, damit der dort in die ehrbare
Kaufmannschaft hineingelernt wurde. Er sollte dort die
„Heringsbändigerei“ von der Pike auf erlernen, um dann zu gegebener
Zeit den väterlichen Betrieb übernehmen zu können. Hein wollte den
Betrieb von Hein Vieth nach alter Bremer Sitte zu Hein Vieth & Sohn
machen.
Weil Hein Vieth selber ja nicht aus einer Kaufmannsfamilie stammte,
war es Zeit seines Lebens sein großer und blieb bis an seines Lebens
Ende sein unerfüllter Traum. Wie das Leben eben so spielt.
Aus dem Jungen ist gewiß ein umtriebiger „Heringsbändiger“ geworden
– Hermann Ehrling war ja ein gewiefter Ausbilder. Ein stückweit ist er
denn auch bei seinem Vater eingestiegen – er hat den Laden
geschmissen, wie die Leute sagten, aber das auch bloß so lange, bis er
feststellte, dass die „Heringe“ die in seinem Netz zurückblieben, für ihn
und seine Ansprüche sehr viel zu klein waren, um von ihnen großartig
leben zu können.
Er ist dann irgendwann angefangen, auf eigene Faust mit größeren
Tieren zu handeln, und ehe Hein Vieth nur einmal mit den Augen
kneifen konnte, standen er und seine Meta wieder alleine vor ihrem
Lebenswerk.
Eine geraume Weile haben die beiden seinem Traum noch
hinterhergetrauert – das ist gewiß. So gewiß aber, wie Hein Vieth mit
beiden Beinen fest im Leben verwurzelt war, so schnell hat er das
„Hinterhertrauern“ wieder abgelegt und weiter nach Vorne geschaut.
Die Zeit für die kleinen Tante Emma Läden neigte sich nämlich dem
Ende zu. Überall in den Stadtvierteln schossen „Discounterläden“ und
„Einkaufscentren“ wie Pilze aus der Erde.
Hein Vieth wollte sich dem Trend, oder der Notwendigkeit zu
expandieren, nicht mehr ergeben – er wollte seinen Laden nicht mehr
vergrößern.

Er hat dann nach seiner Meinung das einzig Richtige getan, er hat das
Glück, als es an ihm vorbeilief, und ihn danach fragte, was denn sein
Laden kosten würde, am Hemdzipfel gefasst und daran festgehalten. Er
hat den Laden von jetzt auf gleich an gute Käufer übergeben, die
innerhalb der Mauern eine Gastwirtschaft einrichteten.
Das es gute Käufer waren, das kann man immer noch sehen, denn die
Familie von damals sitzt heute, als mittlerweile Hoteliers, an der Ecke.
Hein Vieth hat seinen Lebenskreis geschlossen, in dem er seine letzten
Jahre als Verwalter auf dem einst elterlichen Bauerngut im Waller
Quartier zugebracht hat. Den kleinen Flaschen vom Niederrhein hat er
auch da im Bremischen bis zu seinem letzten Atemzug die Treue
gehalten.© ee

 

ewaldeden©2013-02- 12

Verwehte Zeit …

 

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Verwehte Zeit …

Solcherart Ausfälle gibt es in der Rückschau über meiner Mutter Mann nicht zu berichten. Er war vom Wesen her einfach ein anderer Typ Mensch. Er war absoluter Herrscher – ja, so in der Art werde ich ihm gerecht. Er war ein absoluter Herrscher, ein riesengroßes Arschloch und ein Feigling ohnegleichen, der diese Eigenschaften blendend gut durch seine norddeutsch seemännische Erscheinung und durch eine an den Tag gelegte Jovialität (nur) Nachbarn, Freunden und Bekannten gegenüber hervorragend zu kaschieren, zu verbergen verstand.

Alle Behördengänge, alle Arbeiten in Haus und Hof, alle mit der Erziehung der Kinder vertünzelten Pflichten zu erfüllen – all das lastete auf meiner Mutters Schultern.

Das jeweilige „Lieblingskind“ dann „vorziehen“ und „verziehen“ … DAS ließ er sich nicht nehmen – das machte er persönlich. Bruder Hinrich war als Erstgeborener und Stammhalter natürlich über Jahre der ganze Stolz des Vaters. Er wurde von der Stunde seiner Geburt an vom Papa mit allem, was der Markt und die Vaterideen hergaben, überhäuft. Es musste für ihn immer alles größer, besser und teurer sein, als es dasjenige war, was die anderen Eltern im Dorf ihren Kindern zukommen lassen konnten. Das schaffte von Anbeginn an böses Blut – zuerst zwischen den Kindern und dann zwischen den Familien. Ein typisches, ein bezeichnendes Beispiel dafür ist ein Geschehnis aus 1938 – damals noch in Ostfriesland, in Eversmeer. Bruder Hinrich besuchte die erste Klasse der Dorfschule – in Punkto Kleidung und Ausstattung mit Schulmitteln und diversen anderen Sachen war er aber auch erster Klasse angesiedelt. Wenn ich das mal an der Einordnung der Eisenbahnabteile festmache, dann reiste er gutgepolstert 1. Klasse während sich die anderen Kinder mit den Bänken der 3. oder auch der Holzklasse begnügen mussten.

Er trug nur Anzüge aus feinstem englischem Tuch, die meine Mutter auf Weisung des Erzeugers für ihn, den Sohnemann, nach Maß schneiderte (die Tuche brachte Vater Saylord von seinen Reisen aus Britannien mit), die Schultasche, oder der Ranzen, wie es Anno dunnemals noch geheißen hat, war vom Kürschner aus bestem Rindleder angefertigt – die Schuhe stammten allesamt aus der Werkstatt der Firma Bockstiegel in Aurich, dem damals in Ostfriesland bekanntesten Schuhhaus. Wer bei Bockstiegel schustern ließ, dem tat im Alltag allgemein kein Zahn mehr weh.

Hinrich Martin Eden fuhr, schon als 5jähriger Stepke, täglich als Graf Koks mit dem eigenen Fahrrad zur Schule, während die Nachbarskinder in ärmlicher Kleidung, und mit an den Füßen höchstens Klumpen (Holzschuhe), zur Schule klabastern mussten. Ihre Schultaschen waren zudem aus Pappmachĕ und ihre Bäuche füllte der Hunger.

Dies alles rief bei den anderen natürlich Neid hervor. Die Nachbareltern redeten und tuschelten nur darüber – die Nachbarskinder handelten. So wie Kinder eben sind. Manchmal grausam, aber meist gerecht.

Eines Mittags auf dem Nachhauseweg kam unser Hinrich mitsamt seinem Fahrrad, mitsamt der Boxcalf Schultasche und mitsamt seiner schnieken Staffage ein wenig vom sandigen Wege ab und landete in seiner ganzen Herrlichkeit im angrenzenden Moorgraben. Das war dann erst einmal eine besondere Herrlichkeit – diesmal aber für die feixenden Schulkameraden, denn sie waren es, die mittels eines Stöckchens zwischen die Speichen des Gritznerschen Knabenrades dieses kleine Malheur herbeigeführt hatten. Als der feine Pinkel dann wieder aus dem Schlot heraus auf dem Padd, dem Sandweg, erschien, da war er gar kein feiner Pinkel mehr. Zu Hause war es dann dementsprechend – der Papa war tief betroffen und hoch erzürnt ob dieser grässlichen Schandtat an seinem Goldstück.

Er sprach drauf zur Mama – in gewohnter Manier: „Sofi – du geist futt na de Öllern, un sörchst dorföör, dat de Jungs van hör Ollen een örnlich Pakk Hau betrekken.“ (Sophie – du gehst sofort zu den Eltern, und sorgst dafür, dass die Bengels von ihren Eltern dafür eine gehörige Tracht Prügel verabreicht bekommen.)

Mama widersprach diesmal dem Herrn überraschenderweise spontan: „Nee, Hermann … dat mutts du all sülven beschikken. Denn ikk weet, wat in de Kinner vöörgeit, wenn see usen Jung, utstaffeert as son Heiopei, jümmers to Gesicht kriecht.“ (Nein, Hermann – DAS musst du schon selber erledigen, denn ich weiß, was in den Kindern vorgeht, wenn sie unseren Jungen wie ein Stenz ausstaffiert zu Gesicht bekommen.)

Der Papa machte sich tatsächlich auf den Weg zu den Eltern der Schulkameraden seines Filius – er wollte wohl nicht total sein Gesicht verlieren – und kehrte als ein begossener Pudel an den heimischen Herd zurück. Die Zurechtweisung der ersten von ihm besuchten Kindereltern hatte es bewirkt.

Sie hatten dem Beschwerdeführer ganz klipp und klar gesagt: „Kiek moal, Noaber – du moakst ut dien Jung een Stenz und staffeerst hüm ut as een Grootmannssöähn. Bi us in d’ Dörp sünd liekers blods aal Aarmlüü Kinner – un du wunnerst di, wenn see dien Jung in d’ Schloot schmieten? Dor sinneer moal över her.“ (Sieh mal, Nachbar – du machst aus deinem Jungen einen Angeber und staffierst ihn aus wie einen Großmanns-Sohn. Bei uns im Dorf gibt es aber nur armer Leute Kinder – da wunderst du dich, wenn sie deinen Sohn in den Graben stoßen? Da denk mal drüber nach.)

Diese für einen ostfriesischen Landarbeiter lange Rede hat meinen Vater denn auch davon abgehalten, auch noch bei anderen Kameradeneltern in der Sache vorstellig zu werden.

Ein anderes Erleben von einige Jährchen weiter – schon in der Voslapper Zeit – ist mir gut in Erinnerung geblieben und gibt einen Wandel in unseres Vaters Sinn wieder. Das vierte Kind unserer Eltern – mein Bruder Hermann – war seinem Erzeuger von seinem ersten Kräher an wie aus dem Gesicht geschnitten und nachgemacht. Wie „geklont“ habe ich später häufig gedacht.

Der Vater war unsagbar stolz auf ‚seine“ grandiose Leistung, ein solches Ebenbild von sich gezeugt zu haben. So verlagerte sich seine Lieblingskindbehandlung merklich auf den Nachgeboren Sprössling gleichen Namens. Zumal sich der Erstgeborene ja auch unaufhaltsam seinem, des Vaters Einfluß entzog, weil er älter wurde, schon in die Tischlerlehre ging und auch sonst seinen eigenen Weg suchte. Die jungen Mädchen im Sprengel, und auch etliche Weiblichkeiten schon älterer Semesterjahrgänge, umschwirrten ihn ständig wie die Motten den Docht einer brennenden Kerze – und haben sich oft an der unsteten Flamme gehörig die Flügel versengt.

Unser Vater hatte von Bord des Schiffes, auf dem er seine Kriegsfahrenszeit verbrachte, für „seinen Hermann“ ein hölzernes Schiffsmodell mitgebracht. Das Ganze war ein Pracht- und Prunkstück, wie es für ein Jungenherz nicht herrlicher hätte sein können. Angesichts eines solchen Geschenkes würden noch heute alle Sohnemannaugen leuchten.

Es war ein Modell des legendären Schlachtschiffes „Bismarck“. Es war komplett aus Holz gebaut, einen Meter fünfzig lang und dem Original original nachempfunden. Es war in vielen Freiwachen in der Zimmermannswerkstatt unter den Händen des Schiffszimmermanns an Bord des Kriegsversorgungstankers entstanden, auf dem der Vater seine kriegerische Fahrenszeit verbrachte. Als Gegenleistung für diese Arbeit war während der Bauzeit zweifellos so manche Buddel Genever aus Mutters heimischer Produktion und ungezählte Tuten Tabak im Spind des fleißigen Bordholzwurmes verschwunden.

Eines schönen Sommerabends – Bruder Hinrich tischlerte schon sehr viel für seine „privaten“ Kunden in seiner ‚häuslichen Tischlerwerkstatt’ – gab es lautstarken Zoff in der Bude. Hermann, der seinem älteren Bruder bei der Möbelherstellung schon häufig ein wenig zur Hand ging, (oder gehen musste) wollte mal wieder nicht so, wie der „Werkstattchef“ es von ihm erwartete. Ein Hitzkopfwort gab daraufhin das andere, und am Ende gab es eine zweigeteilte Bismarck.

Es war eine Schiffskatastrophe auf dem Trockenen, sozusagen. Hinrich hatte als letztes Argument seiner Stärke das hölzerne Schlachtschiff kurzerhand mit einer Spannsäge zerlegt. Sägen das konnte er. Au weia! An diesem Abend habe ich zum ersten und einzigen mal gesehen, dass Vater Hermann einem Exemplar seines Nachwuchses mit seinem Hosenriemen eine Tracht Prügel verabreichte. Dieses Jackstückvoll hatte es aber auch in sich, wenn man bedenkt, wie viel Kattun in einem jeden Riemenschlag, der den Achtersten des Halbwüchsigen traf, steckte.

Für des Vaters einstigem Liebling muß es der Zusammenbruch einer Welt gewesen sein, dem dann auch noch ein vierwöchiger Hausarrest angehangen wurde. Auf dessen Einhaltung wurde äußerst rigoros geachtet. Der Missetäter durfte sich zwar in Haus und Hof frei und ungezwungen bewegen, zur Arbeit musste er ja auch – darüber hinaus durfte er aber nicht auch nur einen Schritt das Grundstück verlassen. DAS denke man sich einmal heute.

Ein anderer wohl ebenso einmaliger Vorfall ereignete sich drei Jahre später, eingangs meiner Schulzeit. Ich hatte gerade die ersten Schritte im Bildungsalltag eines Schulanfängers erfolgreich hinter mich gebracht. Es war allgemein so Usus in deutschen Familienhaushalten, das nach dem Schulunterricht zu Mittag gegessen wurde, und daran anschließend die Hausaufgaben zu erledigen waren. In den meisten Familien wurde es jedenfalls so gehandhabt. An diesem Tage war die Schule zeitig aus, das Mittagessen war gelaufen und es drängte mich nach draußen an die Sommerluft. Wir Jungens aus unserer Strassenecke, die wir gemeinsam in einer Klasse die Schulbänke drückten, wir hatten uns zu irgendeinem wichtigen Vorhaben für gleich nach dem Mittagessen verabredet. Wir hatten etwas vor, das in unserer Vorstellung wohl ungeheuer wichtig für uns war. Jedenfalls duldete die Ausführung dessen keinen Aufschub. Da war keine Zeit für erst die Hausaufgaben. Der Danachtag war ja noch genügend lang. So meinte ich.

Nach dem letzten hastigen Bissen schob ich den Teller von mir weg und rutschte mit meinem kleinen Hintern vom Sofa herunter, um unter dem Tisch hindurch schnell nach draußen zu verschwinden.

Wenn mein Vater nicht zu Hause gewesen wäre, dann wäre es mir mit Sicherheit auch geglückt. Er war aber ja nicht ausser Hause – un so har dor furs een Uul sääten (und so hatte da schnell eine Eule gesessen)– ich hatte die Haustür noch gar nicht in Griffweite, da holte mich die Stimme des Mannes meiner Mutter ein: Häst du dien Upgoaven all kloar? (Hast du deine Schulaufgaben fertig?) Meine kleinlaute Antwort konnte ich gar nicht ganz an den großen Mann bringen, denn nach meinem kläglichen: Nee Papa, aber ich …. Ansatz hatte mich ein langer Arm schon wieder in die Wohnküche zurückgeholt. „Eerst ward föör de School läärt, un denn dröffst du villicht noa buten to speelen.“ (erst wird für die Schule gelernt – und dann darfst du vielleicht nach draußen, um zu spielen)

Widerrede war bei uns völlig unmöglich – zumindest die hörbare. Die Faust in der Tasche geballt und in der Seele geflucht, das kannten wir auch wohl – das zog ja keine Strafe nach sich.

Also habe ich mich an den Tisch gesetzt, die Schiefertafel aus der Schultasche gezogen – den Griffel gespitzt, fein säuberlich die holzgerahmte Schieferplatte bemalt – und mich damit vom Zwang des Drinnenbleibenmüssen zu befreien. Der Unmut in meiner verletzten Kinderseele war indes nicht so leicht zu besänftigen. Zudem blieb ein Teil dieses Grollens beim Hinausgehen an der Stubentür hängen und verursachte beim ins Schloßfallen des Türblattes einen deutlich vernehmbaren Knaller.

Die Haustür war nur knapp einen Meter von der Kammertür entfernt – sie war leider trotz der Nähe unerreichbar für mich. Die Erlösung handbreit vor den Augen, erfasste mich eine große Männerhand am Kragen und zog mich unerbittlich an den Ort der Folter zurück.

Die Tafel kam erneut auf den Tisch, und nachdem der an ihrem Rahmen baumelnde feuchte Schwamm sein Vernichtungswerk auf der Schreibfläche vollbracht hatte, landete mit spitzem Griffel geschrieben einhundert Mal der Satz: „Ich muß die Türen leise schließen!“ auf dem eintönigen Tafelschwarz. Zehnmal passte der Satz auf das Schieferrechteck – zehnmal musste ich das Feld wieder fein säuberlich säubern, um das verhängte Strafmaß vollzumachen, denn die Hausaufgaben mussten da ja anschließend auch wieder in Schönschrift erscheinen.

Meine Hoffnung, danach durch die Tür nach draußen der Folter entrinnen zu können, die wurde eine lange Hoffnung. Als krönenden Abschluß der väterlichen Erziehungsmaßnahme bekam ich noch ein hundertmaliges geräuschloses Öffnen und Schließen der Stubentür auferlegt. Seit diesem Tage fällt es mir oft leicht, meinen Groll über irgendetwas im Zaum zu halten – und im Türen fast unhörbar schließen bin ich seitdem wohl so etwas wie ein unangefochtener Weltmeister. So einfach kann man(n) Kindern etwas beibringen.

Wenn das Familienoberhaupt (das er ja im Grunde gar nicht war – er verkörperte es ja nur scheinbar) sich hin und wieder in die Erziehung des Nachwuchses einbrachte, dann geschah es jedes Mal mit einer unerbittlichen Strenge. Unsere Mutter (und nicht nur sie) war stets nur froh, wenn sich ihr Mann an Bord und auf See und später dann in den diversen Lungen-Heilstätten befand.

Eine andere Atmosphäre war in diesen Zeiten im Hause spürbar, fühlbar. Wenn mein Vater im Hause war, dann lag eine undefinierbare Beklemmung über allem was geschah, und über allen Personen die mit ihm den Raum teilten. Ich habe diese Beklemmung immer als Angst empfunden. Ich passte stets höllisch auf, dass ich ja nichts falsch machte, um nicht die Aufmerksamkeit des Vaters auf mich zu ziehen. Heute wünsche ich mir manchmal, es wäre alles nur ein schlechter Traum gewesen, das Damals.©ee

Teilauszug aus verwehte Zeit…