* Erahntes. *

 

 Blicke im Licht des Jahres * Erahntes. *

der himmel hat heute das grau der strassen geschluckt durch alle ecken drängte sich der nebel und fiel auf den stress und zwischen die hetze der menschen

mir blicknah am bürofenster grauumfangene alltagsgesichter  nur dort in der ecke vor dem blumentopf glänzte leuchtend rot mit zierlich schwarzen beinchen der rücken des letzen marienkäfers in diesem jahr

© Chr.v.M.

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Es begab sich aber zu der Zeit …

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Es begab sich aber zu der Zeit …

dieser Anfangssatz aus der biblischen Geschichte fiel mir zum Erzählen eines Freundes ein, als ich ihm ein paar Sätze lang schweigend zugehört hatte.

Karl-Heinz berichtete mir von einer Begebenheit aus einer Zeit in der sich für ihn kurz zuvor auch etwas ergeben hatte, das sein Leben zu einem anderen machte. Ihm war vom Schicksal auch ein Untermieter in seinem Körperhaus zugewiesen worden. Krebs nannten die Ärzte den ungebetenen Gast.

Meines Freundes Zuhause befand sich zu der Zeit noch im idyllischen Exter, wo er mit seiner inzwischen verstorbenen Frau über die Jahre ein zufriedenes und beschauliches Leben führte.

Seine tägliche Gewohnheit der abendlichen Runde um Haus und Garten hatte ihm auch der Gast in seinem Körper nicht verleiden können. Er nahm ihn einfach stets mit zu diesem ihm liebgewordenen Ritual.

Es war in 1993 – dieser frostigkalte Winterabend des 23sten Dezember hatte mit seinen 8 Minusgraden nun wirklich nichts anheimelndes an sich, als Karl-Heinz sich anschickte mit der täglichen Runde um das Grundstückvor dem Zubettgehen seinen Tag zu beschließen. Der Garten und sich das im Garten befindliche Blockhaus lagen friedvoll und dunkel in der frostklaren Nacht, als er anfangs des Weges die ersten Schritte aus dem Haus tat. Auf den letzten Schritten, die ihn wieder zur Haustür führten, lagen Garten und Gartenhäuschen noch genauso friedvoll wie ein Weilchen zuvor, doch das Dunkel des Blockhauses war einem schwachen Lichtschein im Inneren des Häuschens gewichen.

Mit fester Entschlossenheit diesen Umstand zu ergründen näherte sich mein Freund der Laube. Durch das Fenster sah er im funzeligen Schein einer kleinen Taschenlampe, die auf der Tischplatte lag, eine Gestalt in abgerissener Kleidung auf der Eckbank hocken.

Da hatte jemand ein Quartier für die Nacht gesucht und gefunden. Leise und behutsam, um die Nachbarschaft nicht zu wecken und den Obdach suchenden nicht zu erschrecken, machte Karl-Heinz sich bemerkbar bevor er eintrat.

Die blanke Furcht davor, von unter dem Schutz gewährenden Dach vertrieben zu werden, stand dem mageren Menschenkind förmlich ins Gesicht geschrieben.

Dass diese Furcht gegenüber Karl-Heinz völlig unbegründet war, das konnte der Mann in der abgetragenen Kleidung ja nicht wissen. Die Realität hatte ihm gewiß so manchesmal etwas anderes gezeigt.

Die Furcht in dem verhärmten Gesicht war unversehens einem Erstaunen, das sich ganz langsam in unverhohlene Freude verwandelte, gewichen.

Freude und Erleichterung darüber, mit seinen Bündel Habseligkeiten nicht wieder in die eiseskalte Nacht hinaus zu müssen, um sich irgendwo in einem Hauseingang oder unter einer der vielen Brücken einen Platz zu suchen, um da „Platte machen“ zu können.

Mein Freund machte ihm mit wenigen Worten klar, dass er über die bevorstehenden Feiertage bleiben könne, und darüberhinaus solange die Kälte anhalten würde. Karl-Heinz schaltete als erstes die Sicherungen für die Stromversorgung im Blockhaus frei und aktivierte dadurch die angeschlossene Heizung.

Seine Frau, der er gleich von der unerwarteten Einquartierung berichtete, sorgte – ohne ein Wort darüber zu verlieren – für einen gedeckten Tisch im sonst im Winter verwaisten Gartenhaus.

Dem „einsamen Wolf“ wie Karl-Heinzens Frau ihren Gast bei sich benannte, war nur sehr wenig an Information über sich und seine Lebensumstände zu entlocken. Die beiden gaben sich mit dem Wenigen, das von ihrem Gast von alleine preisgegeben wurde, zufrieden.

Vielleicht waren sie auch irgendwo froh, gar nicht mehr über das ihnen unbekannte Schicksal des fremden Zufallsbesuchers zu kennen.

Der Unbekannte wurde die Feiertage über umsorgt, verpflegt und mit Textilien und Fußbekleidung aus dem Bestand des Hausherrn bedacht, ganz so als wenn er schon immer dazugehört hätte.

Am Abend des 2ten Weihnachtstages hatte Karl-Heinz noch einen Punsch mit ihm getrunken, bevor er ihm eine gute Nacht gewünscht – und am folgenden Morgen, als die Hausfrau ihn zum Frühstück einladen wollte, da war die Blockhütte sauber aufgeräumt und verlassen, ganz so, als wenn die Tage zuvor niemand darin genächtigt habe.

Einzig der Geruch von Pfeifentabak hing noch ein paar Tage in der Raumluft. Irgendwie stimmte es die Gastgeber dann ein wenig betrüblich, als nach einer Spanne Zeit auch der Tabakduft als Erinnerung an eine besondere Begegnung sich still und leise davongemacht hatte.

Am Silvesterabend standen die Augenblicke mit ihrem Weihnachtsgast noch einmal fühlbar in ihrer Wohnstube, als Karl-Heinzens Frau – während sie aus dem Fenster schauend in die funkensprühende und knallerige Altjahrsnacht sah -. gedankenverloren die Frage „wo er jetzt wohl ist“ zu ihrem Mann hinüberschickte.

Der Winter polterte anschließend ziemlich grobschlächtig durch den Januar und Februar hindurch, bis ihn im März das Läuten der ersten Schneeglöckchen mit jedem Tag ein wenig mehr vor dem herannahenden Frühling weichen ließ.

Im Frühling, Sommer und Herbst des Jahres geriet auch mit jeden Tag ein wenig mehr das Bild des „einsamen Wolfes“, wie sie ihn fortan nannten, vor den täglichen Alltäglichkeiten des Alltags in den Hintergrund des Denkens der beiden „Gastgeber“ – bis es plötzlich am Abend des 23sten Dezember, genau wie im Vorjahr, wieder im Vordergrund stand. Die verhärmte und rastlose Gestalt vom letzten Weihnachtsfest – im Jahreslauf sichtlich noch mehr geschunden worden – war wieder unter das schützende Dach der Blockhütte zurückgekehrt.

Dieses mal geschah es ohne die Angst im Gesicht aus dem Schutz des Obdaches fortgejagt zu werden – dieses mal saß der junge Mann auch (34 Jahre zählte er gerade) als dritter im Bunde mit Karl-Heinz und seiner Frau an ‘Heilig Abend’ an der festlich gedeckten Tafel in der weihnachtlich nach Tannenbaum duftenden Stube.

Nur seine Verschlossenheit gegenüber Fragen nach dem Woher und Wohin, und vor allem gegenüber der Frage nach dem Warum, die war in ihm offenbar im zurückliegenden Jahr zu einer noch festeren Feste geworden.

Im stillen Einvernehmen hatten Karl-Heinz und seine Frau dann beschlossen nicht weiter zu fragen. Ihre gemeinsame Hoffnung, dass die Wärme Ihres Heims und ihrer Herzen den Eisespanzer um seine Seele herum irgendwann auftauen würde, die wurde schneller als erwartet erfüllt.

In den Tagen zwischen den Jahren – zwischen Weihnachten und Silvester/Neujahr – mußten die beiden eine Besuchsverpflichtung erfüllen, eine Reise zur engeren Familie stand an und konnte auch nicht verschoben werden. Dem mittlerweile nicht mehr völlig fremden Gast wurde der Vorschlag während ihrer beider Ortsabwesenheit das Haus zu hüten gemacht.

Zu Karl-Heinzens und seiner Fraus Freude stimmte ihr Gast diesem Sinnen ohne zu zögern zu.

Vielleicht war es auch sein inneres Denken, von einem mittellosen Almosenempfänger zu jemand zu werden, der dafür eine Leistung erbrachte.

Wie dem auch gewesen sein mag, Karl-Heinz vertraute in diesem Moment seinem eigenen Vertrauen in die Redlichkeit des jungen Mannes, obwohl …. eine kleine Bestätigung seiner „Menschenkenntnis“ und seiner „Vertrauensseligkeit“ bedurfte es dennoch, wenngleich er diese erst nach der Rückkehr von der Stippvisite bekommen würde.

Karl-Heinz plazierte im gesamten Wohnbereich scheinbar wertvolle kleine Schätze in bestimmten Positionen, um später festzustellen wie es um die Lauterkeit des Charakters ihres Haushüters bestellt sei.

Als mein Freund mir gerade das erzählte, da habe ich bei mir gedacht, wie sehr Mensch doch stets vom Zweifel an seiner eigenen Lauterkeit geplagt wird.

Nach der Rückkehr ins eigene Heim war durch die absolute Lauterkeit des Hausbesorgers dann endlich das letzte Zipfelchen jeglichen Zweifels beseitigt – es war keiner von den ausgelegten Fallstricken auch nur annähernd berührt worden. Paul, denn mittlerweile kannten sie auch seinen eingetragenen Namen, hatte sich vorbildlich verhalten.

In langen abendlichen Gesprächen hatte Paul sein Bestreben erkennen lassen wieder seßhaft werden zu wollen – und das am liebsten in der näheren Umgebung des Wohnplatzes seiner Wohltäter.

Ein freundlich gesonnener Nachbar stellte daraufhin eine schnuckelige kleine Wohnung in Aussicht, Karl-Heinzens Frau sorgte für die Ordnungsfähigkeit der Papiere ihres inzwischen zum Freund gewordenen Besuchers, und Karl-Heinz mühte sich erfolgreich um eine Arbeitsstelle für ihn bei seinem früheren Arbeitgeber.

Der festen Zusage von der Chefseite war aber noch ein persönliches Vorstellungsgespräch vorgeschaltet.

Als Karl-Heinz sich dazu mit Paul auf den Weg in die Firma machte, weigerte dieser sich vehement den von Karl-Heinz eingeschlagenen Weg mitzufahren, ja, er machte sogar Anstalten das Auto zu verlassen, als Karl-Heinz nicht umgehend auf seine Weigerung reagierte. Karl-Heinz fragte nicht nach dem Grund für die Weigerung – eine Erklärung dafür hätte er mit Sicherheit (noch) nicht bekommen, das wußte er.

Mit der Anstellung in Karl-Heinzens ehemaligem Betrieb klappte es – mit dem Bezug von Pauls neuem Domizil klappte es (viele mitfühlende Menschen aus dem Viertel hatten bereitwilligst dazu beigetragen die Wohnung mit Mobilar und Hausrat auszustatten – Pauls Papiere befanden sich dank der emsigen Hartnäckigkeit von Karl-Heinzens Frau in vorzeigefähigem Zustand – und es bahnte sich zwischen Paul und einer liebevollen Arbeitskollegin so etwas wie ein „Verhältnis“ an, das nach einiger Entstehungsdauer sogar glücklich im Hafen der Ehe mündete. Und irgendwann bekam dann auch Paules Geschichte von seinem wiederholten Auftauchen in gerade dieser Gegend bis hin zu seiner Weigerung eine bestimmte Wegstrecke zu meiden, ein Gesicht.

Vier Jahre zuvor hatte er am Abend des 23sten Dezember auf der betreffenden Strasse durch einen Verkehrsunfall, an dem er sich schuldig fühlte trotz Freispruchs vor Gericht, seine Famile – seine Frau und seine Tochter verloren.

Als mein Freund mir zu ende erzählt hatte, fiel mir wiederum eine Zeile aus der biblischen Geschichte, die da heißt: „Alles hat seine Zeit …“ ein.© ee

ewaldeden2014-12-08

(ein Erleben von K.-H. von der Pütten von mir in Worte gefaßt und niedergeschrieben)

 

Ein Nachmittag mit Bild und Ton …

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Ein Nachmittag mit Bild und Ton …

es zog mich mal wieder nach Grafschaft ins alte Kaffeehaus Barkel. Korrekt heißt es ja seit vielen Jahren nun schon das „Fair-Cafe“ und hat sich dank der rührigen Wirtsleute Jutta und Reinhard Hartwig zu einer respektablen Größe im Reigen der regionalen Repräsentanten internationaler Interpreten aus der Musikerwelt emporgearbeitet. Korrekterweise – um noch einmal dieses etwas steife und angestaubte Wort zu benutzen – müßte es heissen HATTE, denn die Veranstaltungen rund ums Musizieren sind in diesem Hause nicht mehr Gegenwart sondern seit etlichen Wochen Vergangenheit. Nach wie vor ist aber das Innere dieser gastlichen Stätte ein Ort der Töne – nur eben auf einer anderen Ebene und auch des Öfteren einer anderen Quelle entspringend. Zum einen als der Schreiberlinge Wörter das Herz und die Seele einhüllend – wie zuvor der Gesang und die Musik – und zum anderen als vom klappern der Töpfe und Pfannen begleitetes Gaumengeschmeichel für die Geschmacksnerven der speisenden Gäste während der exzellent opulenten Büffetzeiten oder der meisterlich gekonnt zelebrierten veganen Kochkurse.
Am Sonntag nun saß eine Debütantin auf dem Gebiet der Wortkunst im Lesesessel auf der Wortbühne des „Waldcafes“. Ich kann mich dieser Bezeichnung nicht enthalten, weil mich beim Denken an das „Kaffeehaus Barkel“ jedesmal eine Welle nostalgischer Gefühle und Erinnerungen überrollt. „Kaffeehaus Barkel“ am Barkeler Busch. ‚Busch‘ für das hochdeutsche ‚Wald‘ – also Waldcafe. Man möge es mir nachsehen – es ist für mich einfach zu schön – und zu wertvoll um es sein zu lassen – angesichts solcher Anlässe ein wenig in die Vergangenheit einzutauchen.
Während die kleinen wortgeschmiedeten Lebensweisheiten und -erkenntnisse von der Bühne herunter den Raum belebten und den Ohren der gespannt Lauschenden schmeichelten huschte mir ein Bild der vor Erwartung und Aufgeregtheit glühenden Debütantinnen der Wiener oder der Dresdner Opernbälle durch den Sinn. Ich fragte mich, ob die junge Frau als Vortragende auf der Bühne in ihrem Inneren ähnliche Empfindungen bewegten. Ich mußte, während ihre Worte durch die gespannte Stille des Raumes zogen, immer wieder in die Runde der Umsitzenden schauen – aller Hörsinne waren unverkennbar auf die Bühne gerichtet – kein sinnfremder Laut störte den Genuß – und was mich immer wieder und schon seit meinen Kindertagen fasziniert – hier waren Frauenhände am häkeln, dort sah ich im Stricknadelrund unter fleißigen Fingern einen Strumpf seiner Vollendung entgegenwachsen. Es schien mir, als würde die Kreativität der „Handarbeiterinnen“ durch die im Raume schwebenden Worte der Erzählerin auf der Bühne immer mehr Fahrt aufnehmen. Ich mag zum Ende meiner Betrachtung nur sagen, Beate – das haste gut gemacht. Ich freue mich jedenfalls schon auf den nächsten Platznehmer im Lesesessel auf der Wortbühne im Fair-Cafe am Rande des Barkeler Busches.© ee

ewaldeden2016-02-29

die Nachteule

Die Geschichte von Mercado-Mundial –

 

Die Geschichte von Mercado-Mundial

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die Geschichte

von Jutta und Reinhard Hartwig

Die haben ganz einfach Schiss . . .

Dieser Ausspruch eines Menschen in seinem scheinbar aussichtslosen Kampf gegen gleich-gültige Gesellschaft, gegen teils kriminelle Machenschaften „geachteter Mitbürger“ und gleichermaßen gegen hinkende Bürokraten – die sich beim Versuch des Spagats zwischen Dienstpflicht und Eigeninteresse nicht selten den Schritt ausleiern – war der Anstoß zu dieser Geschichte. Ich möchte mit meiner Nachbe-trachtung gewisser Ereignisse keineswegs den Anspruch absoluter Wahrheit in die Welt hinausschreiben, aber es ist nachvollziehbar – und irgendwo ist es so geschehen.

Es begann ganz einfach mit einem miesen Gefühl zwischen Kopf und Bauch – nicht sofort einzuordnen, und nicht sogleich am festen Nagel aufzuhängen. Ein wohlverdienter Urlaub sollte es werden – diese Bildungsreise nach Südamerika. Erholen wollte man sich vom leicht angestaubten alten Europa. Südamerika deshalb, weil Familienbande über den Atlantik reichten, die noch intakt waren.

Man sah die Reise sozusagen als ein Stück Gemeinschaftspflege – und war auf der anderen Seite der Erdkugel plötzlich in diesem Begriff gefangen. Die Realität am „Urlaubsort“ ließ das – von zu Hause mitgebrachte – Weltbild, in den Köpfen unserer Freunde zu einer unschönen Ansammlung von hässlichen Farben werden. Sie konnten es nicht einmal mehr als das Werk eines skurrilen Künstlers einordnen. Plötzlich sahen sie, daß ihre Welt auf dem Kopf stand – bislang von ihnen, im fernen Deutschland, unbemerkt. Plötzlich wußten sie auch, warum die sogenannte zivile Weltordnung so häufig unter Kopfschmerzen leidet. Sie stellten ihr Denken spontan auf die Füße, und bemerkten erleichtert, daß sie plötzlich besser laufen konnten. Kaffee sollte sie in die Zukunft begleiten. Nach sorgfältiger Vorbereitung war der Fahrplan fertig. Die Reise in eine bessere Welt konnte losgehen. Über die Stationen am steinigen Weg und die vielen verschobenen Wegweiser gäbe es viel berichten. Die Strasse führt weniger über sonnige Wiesen, häufiger vorbei an tiefen Schluchten und durch sumpfige Moore, in denen auf toten Baumstümpfen die Geier warten.
© ee

die Nachteule.

Fotos auf https://pixabay.com

Probieren…

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Probieren…

Brot ist die Grundlage unserer Nahrung – so wird es uns von Alters her gelehrt. Nicht umsonst bittet man in den christlichen Kirchen: Unser täglich Brot gib uns heute.

Das Bäckerhandwerk ist ständig bestrebt, dem uralten Begriff Brot täglich neuen Glanz zu verleihen – täglich neue Geschmacksvarianten in dieses eigentlich profane Lebensmittel zu zaubern. Eine mir bislang unbekannte Ausführung sah ich auf einem Ladentisch in einem hiesigen Geschäft. Der Brotlaib aus Roggen wurde mir als Loggerbrot angepriesen.

Loggerbrot – bei dieser Bezeichnung entstanden in meinem Kopf gleich rustikale Geschmacksbilder. Ich sah einen Heringslogger in wilder See unweit der Doggerbank den Heringsschwärmen hinterherjagen, und in den kurzen Pausen die harten Männer an Bord ihr Brot geniessen.

Verfestigt wurde dieses Bild durch die Lobpreisungen der Verkäuferin – untermauert von der Aussage, das ist Bio-Brot. Was ist Bio-Brot – drängte ich auf weitere Erklärungen. So ein wenig beschlich mich das Gefühl, als im Wissen nicht ganz auf der Höhe der Zeit angesiedelt betrachtet zu werden. Wer weiß denn nicht, was Bio-Brot ist schwang unterschwellig in der Antwort mit.

Unser Bio-Bäcker verarbeitet nur Mehl aus biologischem Getreideanbau. Das wusste ich nun auch.

Wissen wollte ich jetzt aber auch noch, ob mein Geschmacksahnen sich in den richtigen Bahnen bewegte – also, kaufen und probieren.

In Schwung kam mein Ahnen, als ich den Preis vernahm. Sechs Mark – pardon, zweifünfundneunzig Euro – das Pfund. Gut schmeckendes Brot vom Normalbäcker kostet weniger als die Hälfte – also muß der Genuß dieses Brotes mindestens doppelt so groß sein, war mein direktes Denken. Ich Einfaltspinsel.

Zu Hause angekommen – das große Brotmesser geschnappt – und losgesäbelt. Ich konnte es kaum erwarten. Das Wasser lief mir im Munde zusammen.

Gottseidank kann ich nur sagen, denn ohne den vermehrten Speichel hätte ich den Kleister, als den sich die Backmasse entpuppte, nicht im Mund hin- und herbewegen können. Selbst mein Hund – der immer mein Mitprobierer ist – hatte Schwierigkeiten, seine Kiefer wieder auseinander zu bekommen. Tja – und das Schmecken nach Seeluft, nach Loggerleben – einfach den Beweis handwerklicher Backkunst – das alles habe ich nicht gefunden. Einzig das Gefühl einen Steinbrocken im Magen zu haben, das begleitete mich durch die folgende Nacht.

Normalbäcker – ich bleib dir treu.© ee

 Foto auf https://pixabay.com/de/

Weihnachten …

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Weihnachten …

 

Der graue Wintertag friert sich feucht durch die Stunden. Dezember steht im Kalender – der vierundzwanzigste. Wenn nicht der gewaltige grüne Weihnachtsbaum – drinnen in der Bahnhofshalle – mit tausend Lichtern durch das gläserne Dach blinkern würde – Bernd wäre nicht in den Sinn gekommen, daß Weihnachten ist. Seit gut zwei Stunden sitzt er hier draußen auf der Bank – mitten zwischen den Gleisen – wo sonst die Straßenbahnen und Omnibusse abfahren. Den Rucksack mit seinen Habseligkeiten hat er, zwischen seinen Füßen, auf der Erde stehen. Alles ist durchnässt. Die letzte Nacht war regnerisch – und er hatte kein Dach über dem Kopf gehabt. Einzig Fenna – seine treue Fenna gab ihm Wärme für seine klammen Hände. Sie hockt an seiner Seite – mit dem Kopf auf seinem Knie. Ihre braunen Augen kriechen ihm ins Herz. Er wollte sich doch im Bahnhof bloß ein wenig aufwärmen – er und sein Hund. Um diese Zeit war doch nichts mehr los – in der großen Halle. Die Menschen saßen doch alle lange in ihren Stuben – zwischen brennenden Kerzen und Weihnachtsgeschenken. Aber nein – Penner – Penner haben sie ihn geschimpft – die beiden schneidigen jungen Männer in den schwarzen Uniformen, mit den glänzenden Stiefeln – in denen sich die Kerzen spiegelten. Ob die wohl auch Zehntausend Bücher gelesen hatten – ob die wohl auch Frau und drei Kinder auf einen Schlag verloren hatten – bloß weil ihre Augen einmal für zwei Sekunden nicht an der richtigen Stelle waren? So wie er es erlebt hat – er, Doktor Bernd Krüger. Chefchemiker war er in einem großen Pharmakonzern. Damals waren viele ungeborene Kinder durch ein neues Medikament verkrüppelt worden – dieses Medikament war seine Entwicklung. Die Geldleute in der Konzernspitze hatten keine Zeit abzuwarten – abzuwarten, ob das neue Produkt auch nach längerer Zeit ohne Nebenwirkung blieb. Er hat damals sein Zeichen darunter gesetzt – weil er seinen Stuhl behalten wollte.

Als die ersten Kinder ohne Arme das Licht der Welt erblickten, hat der Herrgott ihm zuerst das Liebste genommen – anschließend haben die Menschen sein Haus und seinen Besitz aufgeteilt. Er ist mit seinem Herrgott nicht verquer darüber – er hatte es ja verdient. So sieht er die Sache – und lebt seitdem auf der Strasse. In den Augen der Besitzenden als Penner. Penner haben im Bahnhof nichts verloren – also haben sie da auch nichts zu suchen. Die Bahn kann den Leuten mit Geld in der Tasche und einem Dach über dem Kopf so einen Anblick nicht zumuten. Er möchte zu gerne wissen, was in den Köpfen unter den roten Baretts vorhanden ist. Die letzten Groschen – die er in der Hosentasche zusammen gekramt hatte – reichten bei Aldi gerade für eine Portion Grützwurst – Fenna und ihm füllte es knapp einen hohlen Zahn – aber mehr gab es heute nicht. Vor nicht allzu langer Zeit befand sich im Bahnhof noch die Bahnhofsmission – das bedeutete wenigstens einmal am Tage eine warme Suppe und trock’nen Aufenthalt. Das Paradies gehört der Vergangenheit an – die Türen sind zugenagelt. Der neue Bahnboss propagierte die Bahnhofsmission als Schandfleck. Durch das draussen sitzen, und die Wärme in der Bahnhofshalle ansehen, verzieht die Kälte sich auch nicht aus den Knochen. Bernd schultert seinen Rucksack und trippelt los. Wenn ihn jetzt jemand fragen würde, wo er hin will – er könnte bestimmt nichts antworten. Fenna läuft wie ein Schatten an seiner Seite – keine Handbreit Platz ist zwischen ihrem Kopf und seinem linken Bein. Erst einmal laufen, laufen, laufen – damit das Blut wieder kreiselt. Was zuerst kreiselt, ist das unbändige Hungergefühl. Wenn leere Därme schreien könnten, dann wäre es auf den Strassen bestimmt nicht so still. Wie lange er schon mit Fenna an den Häuserreihen entlang trippelt, weiß er nicht. Eine geschützte Stelle – an der er mit seinem Hund lagern kann, hat er noch nicht gefunden. Im Grunde ist es ihm auch egal – dann ist die Nacht wenigstens nicht mehr so erbärmlich lang. Plötzlich sind die beiden nicht mehr allein – ein kleiner, weißer Hund wuselt um die beiden herum. Aus einer Seitenstrasse kommt ihnen ein älterer Herr entgegen – nein, er macht keinen Bogen um den Penner – er kommt direkt auf Fenna und Bernd zu – bleibt zwei Schritte vor ihnen stehen – krauelt Fenna den Kopf – und fängt an zu reden. Erzählt, daß er seit drei Jahren allein – das seine Frau schon auf der großen Reise ist, und das seine Kinder keine Zeit haben. Bloß den jüngsten Sohn – ein Krüppel, wie manche Leute sagen – umsorgt er seit dreißig Jahren. Bernd kann kein Wort herausbringen. Mit Hoffnung in der Stimme lädt der alte Mann die beiden ein, mit ihnen Weihnachten zu feiern – und führt sie zu einem großen Haus. Bevor die Tür hinter ihnen ins Schloß fällt, sieht Bernd durch ein Loch in den Wolken einen einzigen Stern am Himmel blinken – und unversehens weiß er wieder, warum Weihnachten ist.

© ee

 

weihnachtsmarktgeschrei

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weihnachtsmarktgeschrei.

weihnachtsmarktgeschrei und massengetümmel vor kunterbunt, geduckten buden.

unter weihnachtsdekorationen einkaufswütige oder desinteressierte
graugestalten in groß und klein,  fest den geldbeutel in der faust und in
der anderern, den verrotzten bengel. im sinnlosen geschenke gieren.

frauen mit kartoffelhüften, sich drängend an marktschreiern.  ergötzendes und flachsen.
männer mit bierbäuchen vital, vulgär auf schwankenden wirtshausbänken platziert
würstchensenf einatmen und in konservendosen hinein rülpsen. übertönendes
glühweingelächter, zur weihnachtsmelodie. das ganze dick eingepackt mit schal und mütze.

unverschämt buntes treiben, zwischen drehenden karussellen,
gocartbahnen und zuckerwatte. feuerschlucker
in schießbudengestalten verwandelt,  trefferlos  erleuchtet.

und neben mir der duft von gerösteten erdnüssen und mandeln.
da kleben selbst die  sterne hell blinkend  zwischen tannengrün und pommesbude.
nur der lebkuchen baumelt herzerweichend an der heißluftkanone.

weihnachtsmarktstimmung zum schneelosen nachmittag. © Chr.v.M.

Foto auf https://pixabay.com/

Kopfnicken – und die Folgen …

 

Kopfnicken – und die Folgen …

 

Kürzlich hatte ich das Vergnügen, mich in einen Aktenberg vertiefen zu dürfen. Es war eine Verfahrensakte, der es eigentlich hätte schwindelig sein müssen vom vielen rotieren zwischen den Ämtern und Gerichten.

Ich dachte so bei mir, nur gut, dass Papier nicht kotzen kann – sonst hätte ich ja nichts mehr von dem was darauf geschriebenen stand lesen können.

Nicht, dass es da um geklautes Geld oder unrechtmäßig erworbene Immobilien ging. Der Aktenberg drehte sich auch nicht um einen Vergewaltigungs-, Mord- oder Totschlags-tatbestand, so wie er gemeinhin in Deutschland von nüch-ternen Juristen definiert wird.

Es handelte sich also nicht um Dinge, die man anhäufen kann, oder bei denen man das Blut fließen sehen konnte.

Das  in diesem Papierberg geschriebene drehte sich ganz einfach um den Wunsch einer Mutter, für ihr behindertes Kind wieder Mutter sein zu dürfen. So wie sie es 24 Jahre lang gewesen war.

Ich habe mit Erschrecken festgestellt, dass in Deutschland sehr viele Menschen sehr viel gegen die Erfüllung eines solch natürlichen Wunsches haben. Sie alle verstecken sich allerdings ganz passabel hinter Ämtern und Behördenbezeichnungen.

Aus welchen Gründen das auch immer sein mag.

Als ich mich, immer schön der Reihe nach, durch den Blätter-wald mühte, bemerkte ich nach einer Weile, dass es im Grunde stets der gleiche Baum war, der sich dem Begehren der Mutter in den Weg stellte.

„Die Unfähigkeit der Mutter ihren Sohn sohngerecht zu be-treuen, mache die Bestellung eines Berufsbetreuers und die Unterbringung in einer stationären Einrichtung unumgänglich.“ So stand es immer wieder wie ein ehernes Manifest in jedes amtliche Schreiben eingefügt.

Es ist doch immer wieder tröstlich, zu erfahren, dass Menschen in Ämtern und Behörden nach der relativ kurzen Zeit von 24 Jahren von einer solchen Erkenntnis heimgesucht werden, und das schaffen sie auch noch ohne neutrale, von außen geschehende Begutachtung.

Sollte dieses plötzliche Erkennen der mütterlichen Unfähigkeit einfach daran gelegen haben, dass es ungenutzte Heimplätze zu belegen galt?

Hatte vielleicht der eine oder andere Träger die Neubelegung seiner leer stehenden Einrichtungsbetten angemahnt?

Wieder einmal erstaunte es mich, wie viel Kompetenz doch in den Köpfen mancher Entscheider vorhanden ist.

Oder ist es eher das Bestreben nach eigener Sicherheit und Machtfülle? Machtfülle insofern, dass man rigoros über andere bestimmen kann – und Sicherheit unisono, weil man dieses bestimmen können ja auch noch gut bezahlt bekommt.

Eine richterliche Bemerkung in diesem Wirrwarr von Texten hat mich dann doch sehr nachdenklich gestimmt:

„Dem Wunsch des Betroffenen müsse in einem solchen Ver-fahren vorrangig Rechnung getragen werden. Irgendein Wunsch sei im anstehenden Fall aber nicht erkennbar, weil der Betroffene nur mit dem Kopf nicke.“

Als ich das las, da  tat sich mir eine ungeheure Vorstellung auf:

Wenn ein solches Denken Teil der Entscheidungsrichtlinie ist, dann bleiben nur zwei Möglichkeiten – entweder stellt man einen großen Teil der deutschen Parlamentarier unter die Aufsicht von Berufsbetreuern, weil die ja auch nur mit dem Kopf nicken, wenn es um Entscheidungen geht – oder aber der Betroffene – um den es in diesem Fall geht – gehört nicht unter Betreuung gestellt, sondern ins Parlament.© ee

ewaldeeden

 

Die Zeichnung  von  ‚Kensise Anders (KA)

Seelenflieger Logo von ewaldeeden

ein herbstmorgen

 

ein herbstmorgen

ein herbstmorgen müde noch im tagesahnen vor staunenden augenfenstern
bis ein rauschen über laubbaumwipfel fährt und der herbst mit goldenen fingern novemberschatten zaubert
auf purpurkronen zwischen aufgescheuchten äste wiegen sich junge birken standhaft in zartem grauweiß
nur das hell hinter den stämmen atmet schwach wie das schweigen und harren vor dem kommenden winter und dahinter wie ein spiegel liegt kühlblank der see mit der andächtigen morgenstille des beginnenden tages dort klatscht ein trugbild ins wasser mit den himmelsbewegungen unsere sehnsucht gemalt auf wellen

© Chr.v.M.

Das Bild meiner Träume.

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Das Bild meiner Träume.

Dieses uralte Bild das seit langem dort an einem rostigen Nagel hängt zum Betrachten für mich. Ausgekipptes schäumendes, wütendes aquanaß, braun verschmutzt das Wasser. Empörtes in anthrazitgrau und aufgewühlt durchspült mit meinen Träumen die Wellen schlagend mit gespült werden, eingesaugt in ein schlürfendes Lippenlos tiefes Abgrund-maul- und ich es rücke damit es zurück fließt, sich schäumenden dann durch die Zähne drängt bis es dumpf klatscht in die Höhle des schief hängenden Bildes, sich wieder ausbreitet als silberblitzender Spiegel, faltenlos

und ich mich wieder erkenne immer noch und wieder Träume suchend. Ein uralt Traumbild von mir, es bleibt geneigt  mit meiner Hoffnung

hier hängen.

© Chr.v.M.