Auszug aus „(Un)faire Lösungen“

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Auszug aus „(Un)faire Lösungen“

 

Das ist ein Angebot, daß Hufschmidt nicht ausschlagen kann.

„Du kannst Deine Damen – und Deinen Meyerlein schon mal vorab instruieren. Gute Leute sind bei uns zu jederzeit herzlich willkommen.“

Bei diesem Spruch sieht man die Ehrlichkeit in Seppelfrickes Gesicht strammstehen.

„Den Rest werde ich übernehmen – am Wochenende bin ich in Klein-Paris.“

Es scheint, als wenn er Hufschmidt mit Düsseldorfs Kosenamen schmeicheln wolle.

„Ich will doch endlich mal Christins Löwenköddel“ – er sagt wahrhaftig Löwenköddel – „kennenlernen.“

In Wahrheit drängt es ihn vielmehr, Karin Müller und Corinna Bülow auf Riechnähe nahe zu kommen – aber das behält er lieber für sich – der Gamsbartcharmeur.

„Und jetzt ab durch die Mitte – in einer Stunde wirst Du am ADLON abgeholt. Zeit zum frisch machen hast Du noch allemal.“

Widerspruch ist nicht mit einkalkuliert – so wie Alois kommandiert.

„Die Rechnung brauchst Du nur abzeichnen – nicht das Du Dir noch vorher einen Kredit aufnehmen mußt – es ist schon alles von uns erledigt.“

Die letzten Worte erreichen Hufschmidt, als er schon auf der Straße ist.

Im ADLON empfängt ihn diesmal direkt die Bewertungsspezialistin der letzten Nacht. Irgendwie ist sie wie umgewandelt. Während sie ihm mit zarter Hand seinen Zimmerschlüssel reicht, teilt sie ihm mit: „Ihr Automobil“ – sie sagt, wohl wegen des königlichen Daimlers – tatsächlich Automobil – „wurde heute morgen von Ihren Berliner Kollegen abgeholt. In“ – sie schaut auf die zierliche Rolex, die sich, an einer Kette zwischen ihren rundlichen Brüsten hängend, ständig schmeichelnder und hungriger Männerpublikumsblicke erfreut – „in genau siebenundvierzig Minuten – soll ich Ihnen ausrichten – wird man sie hier abholen.“

Die gute Startdreißigerin schaut ihn mit Blicken an, in denen das Halbebettangebot von heute Nacht förmlich einbetoniert ist. Dem Ausdruck nach mittlerweile noch um einige zusätzliche Rabattleistungen erhöht.

„Sie müssen nur noch die Rechnung abzeichnen.“

Ein Bogen handgeschöpften Büttenpapiers nähert sich dem Kommissar. Das Papier liegt wie ein Werk Karl Spitzwegs auf der blankpolierten Mahagoniplatte vor ihm.

Mit dem Zeigefinger ihrer Linken markiert sie die Stelle der Unterschrift – und berührt dabei, unabsichtlich absichtlich, seinen Handrücken.

Wenn das gestandene ostfriesische Mannsbild aus Düsseldorf, da vor dem Tresen, jetzt in ihr Fühlen kriechen könnte, würde es einen Bauch voller Schmetterlinge und herrlich zitternde Knie entdecken.

Aber welcher Mann kann sich schon in solche Tiefen begeben.

So bleibt die Schöne – vorerst wenigstens – in der Traumwelt ihres Wunschrosengartens allein.

Dafür flutet unversehens die gleiche charmante Röte wie in den frühen Morgenstunden über ihr bezauberndes Gesicht.

 

  In Hufschmidt flutet etwas ganz anderes, und schlägt Purzelbäume – nämlich sein Weltverständnis – als er den Rechnungsbetrag registriert: Eintausendvierhundertfünfzig Mark – zwei Monatsmieten seiner eigenen Behausung – stehen da tatsächlich geschrieben.

Für einen Aufenthalt, bei dem er nichteinmal das Bett getestet hat.

Das waren aber zwei arschteure Duschen – du hättest deinen Koffer besser für zwei Mark in einem Schließfach deponieren können – nörgelt selbstquälerisch sein Rechengehirn.

Es bekommt aber sofort und unvermittelt eins aufs Dach, als das rot angehauchte, bezaubernde Gesicht, über den verführerischen Brüsten, etwas atemlos zu ihm sagt:

„Wir hoffen, Sie hatten einen angenehmen Aufenthalt“ – und – „ich würde mich freuen, Sie bald wieder hier bei uns in Berlin begrüßen zu dürfen!“ ©ee

 

 

  • Format: Kindle Edition
  • Dateigröße: 701 KB
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe: 228 Seiten
  • Verlag: Books on Demand; Auflage: 1 (24. November 2016)
  • ISBN-10: 1491033584
  • Verkauf durch: Amazon Media EU S.à r.l.
  • Sprache: Deutsch
  • ASIN: B01N45MIC0

 

Kindle Edition  5.99 Euro

Taschenbuch    8.99  Euro

  

Wilhelmshaven – die grüne Stadt am Meer.

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Wilhelmshaven – die grüne Stadt am Meer

Wenn ich als Kind mal wieder eine Zeitlang in einem mir fremden Landstrich die Schule besuchen mußte, ordneten mich viele meiner neuen Mitschüler anfangs häufig in die Kategorie ‚Flüchtling’ ein. Das wird in der Nachkriegszeit sicherlich nicht nur mir so ergangen sein. Jemand, der keinen wahrnehmbaren Dialekt sprach, der konnte ja nur ‚Flüchtling’ sein. Ich habe manchmal bei mir gedacht, was seid ihr doch doof. Dabei war es für die anderen oftmals wohl nur die eigene Antwort auf ihre nicht laut gestellte Frage: Woher kommst du eigentlich?

Mit kindlichem Stolz habe ich mich stets gegen die ‚Unterstellung’ ein ‚Flüchtling’ zu sein gewehrt. Das war einfach so. Ich kam schließlich aus Wilhelmshaven, der großen norddeutschen Marinestadt. Dort war ich als Kind ostfriesischer Eltern geboren und aufgewachsen – soweit wie ich denn schon gewachsen war. Das war doch was!

Wer von meinen neuen Mitschülern in der Fremde konnte denn schon von großen Hafenanlagen, von weißen weiten Stränden, von grünen endlosen Deichen und von Wasser bis zum Horizont berichten? Wer von ihnen hatte schon einmal auf und in den gewaltigen Trümmerbergen der größten Seeschleuse der Welt gespielt? Vor wessen Haustür stand im Watt ein riesengroßer Zinnsoldat? In wessen Heimatstadt befand sich die damals noch größte Drehbrücke Europas? Doch in meiner! In welcher Stadt stand inmitten gepflegten Grüns ein fünfzig Meter hoher Rathausturm aus dunklen Klinkersteinen? Doch auch nur in meiner!

Als Trumpf knallte ich zum Schluß immer auf den Tisch: Ich komme aus der grünen Stadt am Meer. Bei vielen Älteren rannte ich damit freilich offene Türen ein – sie kannten ‚Schlicktau’ entweder aus ihrer eigenen Dienstzeit bei der Marine, oder durch die Erzählungen der Ehemänner, Väter oder Söhne aus deren Dienstzeit. Gleich, ob die Tage im Zeichen des Königs- und Kaiseradlers oder des Hakenkreuzes gestanden hatten.

Wäre ich damals schon etwas höher gewachsen gewesen, hätten meine Empfindungen bezüglich meiner Heimatstadt vielleicht ein anderes Gesicht gehabt.

Ich liebe diesen Flecken Erde an der westlichen Seite des Jadebusen Heute ebenso wie damals, nur eben anders – und ich bin bestimmt nicht der einzige, der so fühlt.

Nur – Heute mag ich in der Fremde oft gar nicht dazu stehen, aus Furcht die Frage beantworten zu müssen, was denn um Himmelswillen aus meiner schönen grünen Stadt am Meer geworden sei. Wenn ich ein Zyniker wäre, würde ich darauf antworten, Grün verblasst nun einmal mit der Zeit zu Schwefelgelb.

©ee

 

Eis vom Konditor …

 

Eis vom Konditor …

 

Pfingstmontag – in Deutschland seit einigen Jahren, wenn auch noch nicht traditionell, so aber doch Mühlentag. Unzählige Ausflügler sind unterwegs um ein wenig Vergangenheit zu schnuppern.

Auf dem Wege von Emden nach Greetsiel machten wir in Norddeich Station. Spontaner Beschluss  unserer kleinen Gruppe – hier gönnen wir uns ein Eis.

An Norddeichs Hauptstrasse boten sich uns zwei Gelegenheiten dazu – einmal eine offenkundig südländische Eisdiele – fünfzig Meter weiter verhieß ein großer Schriftzug: „Eis vom Konditor“.

Dahinter verbarg sich die Konditorei „Cafe¢ ten Cate“.

Ein großer Werbeträger neben dem Eingang versprach uns den besten ostfriesischen Korinthenstuten.

Eis vom Konditor – das sollte es sein! Und Korinthenstuten für zu Hause.

Schnell hatten wir einen freien Tisch in der Nähe der Theke gefunden.

Während meine Leutchen die Karte studierten, machte ich meinen obligatorischen Gang zur Toilette – wie stets nach dem betreten eines Gastbetriebes.

Die sanitären Anlagen waren in Ordnung – sauber, modern und pikobello. Einzig die Lage im Kellergeschoß könnte für manchen Gast, der nicht mehr so gut zu Fuß ist, problematisch sein.

Wieder oben angekommen hatte meine Rangen schon für mich mitbestellt – frische Erdbeeren auf Vanilleeis mit Schlagsahne!

Es dauerte ein Weilchen – in der Zwischenzeit hätten wir beim Nachbareismann wohl schon die vierte Portion verzehrt gehabt, aber na ja.

Bei der Fahrigkeit der vier Damen im Service konnte es nicht fließender gehen.

Die Äußerungen, und das hektische Gebaren der Vier, ließen erkennen, die Sahne war ausgegangen.

An sich kein Beinbruch – offen geschlagene Sahne empfinde ich immer als Pluspunkt gegenüber der Sahne aus den Aufschäum-automaten.

Nur das, was in diesem Falle dabei herauskam, ließ alle bisher positiven Eindrücke im Gully verschwinden.

Man servierte uns die gläsernen Pokale erstens auf einer Untertasse eines Kaffeepotts – ohne die Zierde eines Deckchens. Zweitens ohne Serviette, und drittens entsprach der Inhalt genau dem mangelhaften Äußeren.

Da konnten die anstandslos frischen Erdbeeren das zu kalte und zähe Eis auch nicht mehr retten, dass von einer gelbstichigen, unangenehm schmeckenden Sahnehaube gekrönt war. Die Sahne war schlicht und einfach schon fast zu Butter geworden.

Der überschwänglich angepriesene „ostfriesische Korinthenstuten“ – von dem man uns noch ein Resthalbes verkaufte entpuppte sich zu Hause angekommen auch als ein Überbleibsel besserer Tage. Sogar unser original kanadisches Buschmesser hätte sich beim schneiden fast die Zähne ausgebissen.

Einzig das Schwarzbrot- von dem wir auch ein Pfund mitgenommen hatten – bestand alle kritischen Prüfungen. Es war – wie schon zu allen Zeiten aus dieser Bäckerei – einfach super.

Mein Fazit:

Der Konditor sollte ein Bäcker bleiben, und das Eismachen seinem Kollegen aus dem Mittelmeerraum überlassen. Dann hätte er sicherlich auch ein wenig mehr Zeit für den „ostfriesischen Korinthenstuten“. ©ee

 

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Der „Rüstersieler Hof“

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Der „Rüstersieler Hof“ – ein wiedererwecktes Kleinod . . .

 

 

Mein Weg führte mich in das einstmals verträumte Dorf Rüstersiel. Die Stadtnähe und die Erneuerungswut mancher Planer haben den Ort gezeichnet – haben dieses Idyll in einen klinisch reinen Dornröschenschlaf versinken lassen. Erinnerungsbeladene Stätten, wie der alte Hafen, das geschichtsträchtige Packhaus mit dem Ehrenmal davor, das Sieltheater oder ganz einfach Adele Tieslers „Cafe duck dich“ direkt neben den Schienen der alten Vorortbahn – waren plötzlich verschwunden.

Es gab kein Hochschuldorf mehr und kein Siel inmitten der Maade, an dem jeder Fremde sich gleich heimisch fühlte.

Ich war an dem Platz gelandet, an dem Tant’  Adele jahrzehntelang  ihre Gäste bemutterte. Seit Jahren steht ein anderes Gasthaus – im Gewand der neuen Zeit – auf dem Stückchen Erde. Der Park gegenüber trägt zwar noch ihren Namen – Ehre können die für ihn zuständigen damit aber keinesfalls einlegen.

Ein, mit viel Aufwand neu angelegter, Biergarten zog mich an. Ein Regenschauer trieb mich dann noch zehn Schritte weiter – in das Haus hinein. Die Erwartungen waren auf der untersten Stufe angesiedelt, als ich das Innere des „Rüstersieler Hofes“ betrat.

Meine Gefühle mußten im Eiltempo eine ganze Treppe höher klettern. Ein frischer Wind weht durch das Haus. Familie Schlüter ist mit der Übernahme des Betriebes  ins kalte Wasser gesprungen.

So wie die jungen Wirtsleute die Sache angepackt haben, kann ich nur sagen: Weiter so – ihr geht bestimmt nicht baden. Mut zum Risiko und ein Konzept wie aus einem Guss bestimmen das Erscheinungsbild.

Kein Wunsch der Gäste bleibt unerfüllt – Küche und Keller strahlen in seidigem Glanz – sorgfältig und liebevoll gehegt, und gepflegt, von Menschen, die ihr Handwerk verstehen.

Jeder Gast der – nach einem genussvollen Mahl – dieses exzellent geführte Haus ungern verläßt, hat in seinem Kopf garantiert schon den Termin seines nächsten Besuches festgemacht.

Wer sich nicht so schnell von diesem Traumparadies trennen kann, der wird keinesfalls im Regen stehen gelassen – in den stilvoll eingerichteten Gästezimmern finden 58 müde Leiber einen Platz zum Ruhen wie in Abrahams, oder vielleicht auch in Evas, Schoß.

Raubrittermanieren gehören hier der Vergangenheit an – die Preise bewegen sich allesamt in einem zivilen Rahmen. Selbst wer ausgiebig getafelt und gezecht hat, wird beim Zahlen von seiner Geldbörse nicht schief angesehen.

Meine Minuspunkte konnte ich in diesem gastlichen Hause in der Tasche behalten.

Eine Einkehr ist ohne Einschränkung empfehlenswert.©ee

 

 

Ein Juwel in Sack und Asche . . .

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Ein Juwel in Sack und Asche . . .

 

Nun haben es die Verantwortlichen – und alle anderen natürlich auch –  aus ministeriellem Mund bestätigt bekommen, was Klara oder Otto „Normal“ immer schon wußten: Das Institut für Vogelforschung – die „Vogelwarte Helgoland“ – mit seinem Hauptsitz in Rüstersiel, ist ein „Juwel“. Es gehört nach Aussage des Ministers zu den Stärken der niedersächsischen  Forschungslandschaft.

Juwelen verbuddelt man aber normalerweise nicht auf dem Schuttplatz. Man präsentiert sie in einem wunderschönen Rahmen – jedermann zur Freude. Dieses Denken scheint aber im Wassergraben des „Rüstersieler Fort“ zuviel unbekömmliche Flüssig-keit geschluckt zu haben. Anders kann ich mir das unschöne Drumherum nicht erklären. Oder will man im Elfenbeinturm der Vogelforschung nicht von den freilebenden Vettern der Studienobjekte gestört werden? Ich – und sicherlich nicht nur ich – habe mir eigentlich im Dele-Park um das Fort ab und zu eine ordnende Hand und mehr Leben vorgestellt. Es wäre wünschenswert, wenn die – eigentlich dem Wohl der Bürger verpflichteten – Spitzen der Verwaltung, auch mal ohne die Stablaterne eines Ministerbesuches den Weg in diese grüne Öde finden würden.©ee

 

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Ein Stück lebendiger Vergangenheit …

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Ein Stück lebendiger Vergangenheit …

 

Ich will jetzt nichts von Museumsbesuchen oder Kostümfesten in den Trachten unserer Großeltern erzählen. Mit dem Kulttumult um alte Fortbewegungsmittel hat meine Geschichte auch nichts zu tun. Gleichwohl ist das was ich in den letzten Tagen erlebt habe für mich wie ein Stück wieder auferstandener kostbarer Vergangenheit.

Es begann mit dem Ruf meiner Frau: Das Mittagessen steht auf dem Tisch. Es war mit dem Essensruf etwas später geworden, weil der Kartoffelvorrat in der Speisekammer irgendwie Schaden genommen hatte. Meine Frau hatte deswegen aus einem Geschäft, in dem sie sonst selten einkauft, noch schnell einen Beutel Erdäpfel besorgt.

Und was hat das mit lebendiger Vergangenheit zu tun? fragt jetzt sicher der eine oder andere. Es wird zwar schon seit alten Zeiten in vielen Haushalten zu Tisch gerufen – aber was ist daran das besondere.

Das war auch nicht das Besondere. Das Besondere war erst einmal, daß ich diesem Ruf sofort folgte. Sonst dauert es auch schon mal, weil es ja immer etwas Wichtiges gibt das noch erst zu Ende gebracht werden muß. Wer kennt das nicht – mal ehrlich.

Auf der Tafel im Esszimmer stand ein ganz normales Mittagsmenü. Fleisch, Gemüse, Kartoffeln und Soße. Jeder weiß ja wie es geht – man packt sich von allem etwas auf den Teller und legt mit dem Essen los. Wenn man das Besteck beiseite legt, weil man satt ist, hat man in der Regel von allem etwas gegessen.

Diesmal war es anders. Als ich nämlich mein Besteck zur Seite legte und mir zufrieden über den vollen Bauch, strich hörte ich von der anderen Seite des Tisches ein erstauntes: Bist Du schon satt? Du hast doch nur Kartoffeln gegessen. Ein bißchen Beleidigtsein über die Missachtung von Braten, Gemüse und Soße klang unüberhörbar durch.

Erst da bemerkte auch ich, daß ich mich tatsächlich an den Kartoffeln satt gegessen hatte. Mein Denken war nämlich während des Essens ganz tief in die Vergangenheit gerutscht. Ich saß plötzlich als kleiner Junge zuhause am Küchentisch und verzimmerte Kartoffeln mit Butter die meine Mutter zuvor vom eigenen Acker geerntet hatte. Das war mir ja schon eine Ewigkeit nicht mehr passiert.

Und noch etwas hat der einzigartige Geschmack und die ‚gewisse Körnigkeit’ dieser Kartoffeln bewirkt:

Ein altes Rezept meiner Mutter war plötzlich wieder gegenwärtig. ‚Zuckzack’. Auf Zuckzack waren wir als Kinder immer ganz wild. Ganz gleich ob er Mittags frisch auf dem Tisch stand oder die Reste abends in der Pfanne gebraten wurden.

Eines steht auf jeden Fall fest:

Unsere Kartoffel ist für alle Zubereitungsarten nur noch die ‚Leyla’ vom Lilienhof in Marx.

©ee

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„Küstenbrauerei Watt’n Bier“

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„Küstenbrauerei Watt’n Bier“

Der Werdumer Hof in Werdum mit Bierbrauerei

 

Bierbrot, Matjes und Schalotten …

„Eine Symphonie für Mund und Magen …“  sagte Hannes, mein Gegenüber am Tisch, verträumt, nachdem die ersten Häppchen ihren Weg in seine „innere Speisekammer“, wie er seinen Bauch zu nennen pflegt, gefunden hatten. In unsere leicht irritiert blickenden Gesichter schob er dann noch nach: „Naja – ihr habt doch gestern im Konzert auch gesagt, die Musik wäre ein Gaumenschmaus für die Ohren – und das, was ich hier jetzt mit dem Mund in mich aufnehme, ist für meinen Magen zumindest genauso gut, wie Beethovens Neunte für die Seele.

Von der Logik her konnten wir ihm nichts entgegensetzen – aber ob es qualitativ stimmte – das wollten wir denn doch alle wissen. Er ließ uns aber partout nicht von seinem Essen probieren. Sein Argument: „Wenn ihr alle probiert habt, sitz ich hier vor leerem Teller. Ich kenne euch doch.“ Auch das konnten wir nicht widerlegen. So tönte es, nach zwei Atemzügen innerer Empörung über diese Aussage, im Chor in Richtung Tresen: „Viermal Matjes auf Bierbrot, bitte!“

Das war es nämlich, was Hannes vor sich auf dem Teller hatte, und was seinen Gaumen in Verzückung geraten ließ.

Sogar Dirk, der für „tote Außenbordskameraden“ wie er im allgemeinen jedwede Art von Fisch bezeichnete, nicht viel übrig hatte, schloß sich der Bestellung an. Hatte er doch am Abend vorher über die Musik das von Gaumenschmaus für die Ohren gesagt.

Gleich darauf waren auch unsere Nasen in den herzhaften Duft frisch geschnittener Zwiebeln gehüllt, die einen Hauch von Frühlingsgarten verbreiteten. So bedächtig und genießerisch langsam habe ich unsere Runde lange nicht mehr essen gesehen.

Dunkles Landbier sorgte dafür, daß der Matjes im Magen in ausreichend Flüssigkeit schwimmen konnte.

Und ausgerechnet Dirk stellte nach dem Essen, begleitet von einem wohligen Seufzer, fest: „Gebuttertes Bierbrot mit Aalrauchmatjes und frischen Zwiebeln – das esse ich morgen Abend noch mal!“

Wenn auch sie sich von dieser „Symphonie für Mund und Magen“ verwöhnen lassen wollen – die „Küstenbrauerei Watt’n Bier“ in Werdum kann ich ihnen wärmstens empfehlen.

© ee

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Es gibt ‚sone’ und solche …

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Es gibt ‚sone’ und solche …

 

Seit Jahren schon treibt es mich durch die Bank alle acht Wochen zum Haarschneider. Was die Künste des Figaros in punkto Modefrisuren betrifft, bin ich relativ bescheiden. Wenn er sein Handwerk solide beherrscht bin ich zufrieden. Ein pfleglicher Umgang in Wort und Gebärde steigert dann noch mein Wohlbefinden. Daraus resultiert bei mir eine gewisse Standorttreue – das heißt, ich wechsle nicht gerne den Frisör.

Jetzt mußte es aber sein, weil wir in einen anderen Stadtteil gezogen waren. Bevor ich mich auf den Weg und die Suche nach einem Barbier machte, sagt meine Frau noch: „Du wirst hier in der Nähe bestimmt leicht ein Geschäft finden. Frisiersalons gibt es doch wie Sand am Meer.“

So war es auch. Nach ein paar hundert Metern sehe ich auf dem Einkaufsgelände gleich hinter der Kopperhörner Mühle eine Ladenfront mit mehreren Schaufenstern. In allen Scheiben lese ich – fein säuberlich in Glas geätzt – Haarstudio Soundso.

In froher Erwartung, in wenigen Minuten meine Wolle los zu sein, betrete ich die ausgedehnten Räumlichkeiten. Oh – denke ich, da haste aber Glück – nix los um diese Zeit.

Das Summen des Türüberwachers hängt noch in der dezent parfümierten Raumluft, taucht auch schon hinter einem Vorhang weg eine junge Dame auf, die ebenso gut der Titelseite einer Modezeitschrift hätte entsprungen sein können.

Statt aber mein ‚Guten Morgen’ zu erwidern, stellt sie sogleich zwar lächelnd aber lapidar fest, dass ich ganz sicher keinen Termin hätte. Meinen Einwand, dass ich auch nicht untersucht werden, sondern nur meine Haare geschnitten bekommen möchte, wischte sie immer noch lächelnd beiseite: „Wir bedienen nur Kunden mit Termin.“ Als sie das gesagt, rutschten ihre Mundwinkel ganz leicht nach unten. Ich habe mich gefragt, wieso sie auf den ersten Blick wußte, dass ich keinen Termin hatte. War es vielleicht meine ältere Windjacke, die ich der kühlen Witterung wegen übergestreift hatte – oder waren es meine schon etwas abgeschabt wirkenden  finnischen Waldläufer die nicht in ihr Kundenbild paßten? Vielleicht war es auch die Plastiktüte, in die mir kurz zuvor die Metzgersfrau von nebenan mein Mittagessen eingepackt hatte. Ich hätte es zu gerne gewusst.

Wieder draußen habe ich erst einmal tief Luft geholt – und die Gewissheit in mein Gedächtnis geschrieben, diesen Türgriff nicht noch einmal in die Hand zu nehmen.

Fünfzig Meter weiter – quer über die Bismarckstraße hinweg – lachte mich eine auf dem Bürgersteig stehende Tafel förmlich an. „Seit 26 Jahren bedienen wir unsere Kunden ohne Anmeldung!“ versprach der Text auf dem Schild vor ‚Katja’s Frisiersalon dem Vorübereilenden. Kaum das ich das Innere der Frisörstube betreten hatte, forderte mich aus dem Hintergrund heraus jemand höflich auf, doch schon mal meine Joppe abzulegen und Platz zu nehmen. Man würde sich in wenigen Minuten um mich kümmern. Selbst die Plastiktüte in meiner Hand schien hier nicht zu stören. Wie sich dann herausstellte, bediente mich die Chefin persönlich – und zwar auf eine Weise, die ich hierzulande im Dienstleistungsgewerbe häufig vermisse – fachkompetent und natürlich freundlich. Ich bin einem Menschen begegnet, der seinen vor langer Zeit erwählten Beruf auch heute noch als Berufung ansieht, und dem ich auch in Zukunft meinen Kopf gerne anvertrauen werde.©ee

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Diese Erinnerungen bleiben . . .

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Diese Erinnerungen bleiben . . .

Durch die vielen Musiksendungen und Rückblicke während der „stillen Tage“ bis zum Jahresende rückte so manche eigene, alte Erinnerung wieder in den Vordergrund des Empfindens.

Stars und Sternchen von gestern wurden wieder lebendig. Eine große Zahl von ihnen weilt noch unter uns – andere davon bedeckt schon lange Zeit der grüne Rasen. Einige erfreuen noch heute die Menschen mit ihren Fähigkeiten – bei der weitaus größeren Zahl der Interpreten der Vergangenheit musste man aber erst den Staub des Vergessen fortblasen.

Dabei kommt es häufig darauf an, auf welche Weise man die jeweiligen Erinnerungen eingelagert hat. Kleine Begebenheiten am Rande sind dafür oft ausschlaggebend gewesen.

Das wurde mir wiedereinmal deutlich gemacht, als in einer Jahresendabendsendung die „goldene Stimme aus Prag“ – wie sie zu ihrer prominenten Zeit häufig benannt wurde – erklang.

Eine Freundin, die mir am Teetisch gegenübersaß, war sichtbar angetan von den Klängen aus dem Lautsprecher.

Verwunderung über meine Nichtbegeisterung schwang in ihrer Frage mit:

Machst du dir nichts aus der Musik von Karel Gott?

Verwunderung wohl, weil sie von mir wusste, daß ich gute Musik und schöne Stimmen zu schätzen weiß.

Es hatte mich erwischt – nicht meine Freundin mit ihrer berechtigten Frage, sondern das Lied und die Stimme von Karel Gott.

Ein Bild von 40 Jahre zurück wirbelte durch mein Empfinden, und machte die zweifellos eingängige Stimme für mich schrecklich ungenießbar.

Es war Anfangs der neunzehnhundertsiebziger Jahre.

Der kalte Krieg befand sich noch in seiner heißen Phase. Mitten durch Europa zog sich der eiserne Vorhang.

Durchlässig war er zu der Zeit nur für wenige auserwählte Getreue, die ungehindert in beide Richtungen hindurchgehen konnten – oder durften.

Diejenigen Zeitgenossen welche ungehindert hindurchgehen konnten, waren in der Regel Politiker aller Couleur. Die, welche ungehindert hindurchgehen durften – das waren hochrangige Wirtschaftsvertreter, Wissenschaftler oder auch Künstler.

Ohne Zweifel bezahlte ein Teil von ihnen die Reisefreiheit mit Angst und Sorge um ihre nächsten Angehörigen, die ja fast immer als Pfand auf der östlichen Seite zurück blieben.

An der Art und Weise, wie sie sich dann auf der westlichen Seite des Eisernen Vorhangs verhielten ließ sich leicht erkennen, zu welcher Kategorie Mensch sie zählten.

Zu diesen Reisebegünstigten gehörte auch der tschechoslowakische Sänger Karel Gott.

Für die damaligen Machthaber in der Tschechoslowakei war er eine ergiebig sprudelnde Devisenquelle. Auftritte in geldharten Ländern bestimmten sein Leben. Der heimische Alltag in Prag – mit den Nöten der kurzgehaltenen Bevölkerung – spielte da wohl nur eine untergeordnete Rolle.

In einer Nobelherberge an der Düsseldorfer Königsallee verdiente ich in den Jahren eine zeitlang meine Brötchen.

Die Lieder von Karel Gott bedeuteten mir sehr viel – bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich den Sänger mit der goldenen Stimme persönlich kennenlernte.

Das ‘Hotel Münch an der Kö’ hatten die Manager des begnadeten Sängers während seiner Auftritte im Rheinland jedesmal für ihn als Standquartier auserkoren.

Das Haus war ebenso gediegen wie teuer. Die Herberge war der Stimme angemessen.

Die Zimmermädchen im Hause stammten fast ausschließlich aus Ländern der ‘Warschauer-Pakt-Staaten’ oder aus dem „neutralen Jugoslawien. Allesamt waren sie freundlich, hilfsbereit – und ebenso schlecht entlohnt wie ihre deutschen Kolleginnen. Bei ihnen hatte das westliche Geld allerdings einen anderen Wert, da sie in ihren Herkommensländern für eine gleiche oder vergleichbare Tätigkeit noch sehr viel weniger Lohn bekommen hätten.

Das soll kein Vorwurf an die Adresse meines damaligen Arbeitgebers sein – die Gastronomietarife waren eben so.

Aber gerade diese Mädchen vergötterten „ihren“ Karel Gott als ein Stück Heimat – als ein kleines Stückchen Traum von Freiheit und Wohlstand.

Es verging kein Tag, an dem nicht ein Hauch von Verehrung in seiner Suite hoch über der Königsallee zu finden war. Es waren meist Gegenstände, die sich die jungen Frauen vom Munde absparten, für die sie dann auf manches andere – vielleicht lebensnotwendigere – verzichteten.

Ich habe aber nicht ein einziges Mal während all der Jahre von dem ‚großen Karel Gott’ eine kleine Geste des Dankes an sie bemerkt.

Ein eigennütziges, kaltes Herz wandelte durch die westlichen Geldpfründe.

Diese Kälte hat meine Begeisterung für die goldene Stimme aus Prag damals eingefroren.

In diesem Zustand ist sie bis heute geblieben – trotz aller gesellschaftlichen und politischen Veränderungen der letzten Jahre.

Diese Erinnerungen bleiben!© ee

Ewald eden

Das Modehaus Högemann.

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Wie war das noch …

zum Beispiel mit Franz Högemann und seinen vielen Geschäften?

Kürzlich brachte meine Frau mir von einem Bummel durch die Innenstadt eine neue Hose mit – so eine für alle Tage, eine Jeans. Ich saß gerade hochkant am Schreibtisch und plagte mich mit dem Text für eine neue Geschichte ab, in der auch der Name Högemann vorkam. Er wurde so nebenbei erwähnt, und nur als ein-zelne Blume in einem großen Strauß anderer Namen.

Mich hatte der Name inwendig aber wohl so richtig zu fassen, denn sie hatte die Hose noch gar nicht ausge-packt, da fragte ich schon wider mein Wissen: Hast du die Hose bei Högemann gekauft? Denn ich wußte ja, bei Högemann sind 1985 die Lichter im letzten Geschäft für alle Zeiten erloschen.

Franz Högemann selber hat diesem Moment noch 16 Jahre hinterher trauern können, denn 2001 stand schon im Kalender, als er im biblischen Alter von 101 Jahren seiner Stadt, seinem Wilhelmshaven endgültig Adschüß gesagt hat.

Er war in Seele und Herz mit den Menschen – die zumeist ein ungewisses Schicksal hierher getrieben hatte – verwachsen. So ein bisschen schimmerte wohl sein Leben lang die Charakterfarbe seines Vaters bei ihm durch, der zu der Zeit in Heppens als ‚Ehrenamtlicher Bürgervorsteher’ fungierte.

Als Franz 1900 den ersten Schrei seines Lebens in die Wilhelmshavener Luft schickte, da hat sich vielleicht das ausklingende Jahrhundert ein wenig ob der Lautstärke erschrocken, es konnte von des Kaisers Untertanen noch niemand ahnen, dass dieser Schreihals 27 Jahre später an der Ecke Göker- Bismarckstrasse im Hause seiner Eltern ein Licht anzünden würde, das als eine helle Leuchte 68 Jahre die Menschen hier an der Küste durch die Zeit begleiten sollte. Auch der größte Schicksalssturm hat es in den fast sieben Jahrzehnten nicht geschafft, das Licht auszublasen. Die Högemanns lebten den festen Glauben, Gott hielte seine schützenden Hände um die Flamme ihres Lichts.

Wilhelmshaven hatte nun sein Modezentrum bekommen.

Ganz gleich von welcher Seite die Menschen das Wilhelmshavener Herz auch ansteuerten – dem Bekleidungsgeschäft Högemann konnte niemand aus dem Wege gehen.

„Högemann zieht alle an“ war plötzlich als Werbespruch überall in der Region zu lesen.

Die Einwohner der Stadt, und die Bevölkerung von weit umzu wurden von Franz Högemanns Modehaus magisch angezogen und waren, wenn sie das Haus wieder verließen, von bestens ausgebildeten Verkäuferinnen und Verkäufern modisch angezogen. Als Modistin oder Schneider bei Högemann in Wilhelmshaven angestellt zu sein, war fast gleichzusetzen mit einer Anstellung als Kammerzofe oder Hofschneider in einem Adelshaus. Franz Högemann legte nämlich nicht nur bei sich, sondern auch bei seinen Bediensteten allergrößten Wert auf Gediegenheit und fundierten Sachverstand.

Das hatte sein Lehrmeister Leffers mit Sicherheit schon erkannt, als er Franz bat, nach Abschluß seiner Ausbildung in seinem Geschäft zu bleiben. Der alte Baas aus der Textilwelt hat wohl gespürt, dass, wenn er diesen jungen Kerl von der Leine ließe, ihm eine große Konkurrenz in der Stadt erwachsen würde.

Wie richtig er mit seinem inwendigen Fühlen lag konnte bald Jeder sehen. Sogar in der Residenz – in Oldenburg – fasste Franz Högemann  mit einem eigenen Modehaus Fuß. Im Denken einiger Leute von damals grenzte ein solches Tun schon fast an ‚Majestätsbeleidigung’.

Das hat er zu spüren bekommen, trotzdem oder vielleicht gerade weil sogar der Kapellmeister in de Hardes Strandhalle am Südstrand das laufende Musikstück unterbrach, wenn er Franz Högemann bemerkte, und stattdessen den Högemann Walzer spielen ließ – zu dem die anwesenden Gäste dann kräftig mitsangen: „Högemann geht mit der Zeit – das weiß doch Jeder weit und breit.“

Franz Högemann umwehte zeitlebens ein wenig der Duft der großen weiten Welt – womit ein großer Tabakwarenkonzern später einmal die ‚Peter Stuyvesant’ bewarb. Der gleiche große Konzern hat übrigens Jahre später unbedenklich – und kostenlos natürlich –  Franz Högemanns „Let’s go to Högemann“ der frühen Jahre als „Let`s go West“ in sein Programm übernommen.

Auf jeden Fall spielte es keine Rolle, was in dem jeweiligen Saal oder Etablissement gerade abging – wenn Franz Högemann das Parkett betrat, dann hatten die Menschen das Gefühl, der König ist da – oder das Licht scheint plötzlich heller.

Franz Högemann war ein Aristokrat vom Scheitel bis zur Sohle.

Wenn ich so an der Vergangenheit vorbeischaue – soweit ich ihn kennen gelernt habe – sehe ich eine farbige Mischung aus Genialität, in dem was die Menschen wollten, und Aufrichtigkeit und Mitfühlen wenn es einem anderen schlecht und bedauernswert ging.

Der Schalk saß ihm zudem ständig im Nacken und hat unablässig dafür gesorgt, dass sich niemand die Seele verbiegen mußte, um zu ihm aufzuschauen. Obwohl er ja ein stattlicher Kerl war.

So etwas kann auf diese Art keinem beigebracht werden –  Mensch ist so, oder ist es nicht.

Die globalen Völkerstreitigkeiten bis Mitte der vierziger Jahre hatten zur Folge, dass Franz Högemanns Werk zu Beginn der neuen Zeit in Trümmern lag.

Wer nun denkt, Franz Högemann lag genauso in Stücke zerschlagen am Grunde seiner Stadt, der denkt die falsche Seite entlang.

1940 hatte Franz nämlich das persönliche Glück, seine Rosel kennen zu lernen, die ihm noch im selben Jahr das Jawort gab, und die ihm bis zu seinem Tode in hohem Alter stets eine feste Stütze war.

 

Seine Rosel hat das Ruder von Högemanns Schiff immer fest in ihren Händen gehalten, auch wenn der Sturm des Alltags wieder mal sämtliche Segel fortgerissen hatte.

Dabei hat sie ihm noch 5 Kinder geschenkt, die ihnen das Durchkommen durch die Zeit gewiß nicht erleichtert haben – trotz aller Dankbarkeit für diese Gottesgeschenke.

Weil Franz oft die Notwendigkeit erkannte, einem Menschen zu helfen, wechselte so manche Hose oder Jacke den Besitz-er, ohne dass das dafür eigentlich notwendige Geld in die Ladenkasse floss,

In geschäftlich kritischen Zeiten konnte Franz immer wieder zu Hause bei seiner Rosel Kraft für den nächsten Tag schöpfen. Die beiden haben nach dem Desaster der Zerstörung im

2ten Weltkrieg wieder gemeinsam die Ärmel hochgekrempelt, in die Hände gespuckt und auf einem Trümmergrundstück in der Marktstrasse ein neues Modehaus errichtet. ‚Michael & Hannelore’ stand nach dem Weggang Högemanns aus der Marktstrasse

noch eine geraume Weile dort an der Fassade zu lesen.

Zu dem Ereignis hätte Welt auch laut singen können: „Aus Ruinen neu erstanden“. Das hat hier wahrscheinlich damals niemand getan, obwohl die Menschen froh waren, wieder ein ‚Högemann’ zu haben, in dem sie kaufen konnten und nicht nur das Schild mit dem Namen drauf, an der Stelle, an der das alte Högemann gestanden hatte.

„Feldgrau ist passé – Khaki kommt, juchhee …“ Gesagt hat es damals wohl niemand hier und um zu, aber gleichwohl war es so.

Und Franz Högemann wußte es – er hatte die Nase dafür. Er hat damals schon gewusst, dass die Baumwollpflückerhosen aus Louisana in kurzer Zeit überall in der Welt als Allroundhosen getragen würden.

Wenn nun jemand fragt: „Allroundhosen – was ist das denn?“ der mag nur an sich herunterschauen. Wenn seine Beinkleider denn Jeans heißen, dann weiß er auch, was Allroundhosen sind. Die konnte man in Wilhelmshaven als Original Lewis und Wrangler tatsächlich zuerst bei Högemann kriegen – und das auch noch zu einem ausgesprochen zivilen Preis.

Original und in bester Ausführung bekam Jeder über das ganze Jahrhundert hinweg noch etwas anderes bei Högemann – kostenlos und ‚aufzu’: Menschlichkeit, Mitfühlen und Sorgenverstehen.

Eine Begebenheit dieser Art muß ich hier einfach noch einmal aus der Schublade des Vergessens ans Licht holen.

Zwei kleine Menschenkinder – ein Mädchen von etwa zehn Lenzen und ihr jüngerer Bruder – standen in einer Zeit, in der große Teile der Wilhelmshavener Einwohner wieder einmal sehr unter Wirtschaftsasthma litten – schüchtern in Högemanns Laden, direkt neben der großen gläsernen Eingangstür. Sie trauten sich, scheinbar aus Angst auch hier abgewiesen zu werden, keinen Schritt weiter in den Laden hinein. Trotz der vielen Kunden waren sie Franz Höge-

mann aufgefallen. Er bat sie mit liebevollen Worten zu sich an den Tresen und versuchte zu ergründen, welche Last den Beiden das Herz schwer machte.

Es dauerte eine Weile bis das Mädchen bereit war, dem geduldig wartenden Menschen vor ihnen

davon zu erzählen. „Unser Papa hat Geburtstag … und wir möchten ihm gerne einen Schlips schenken, weil … der alte ist überhaupt nicht mehr schön … und Mama gesagt hat, dass für einen neuen Binder noch kein Geld über ist …“

Die beiden hielten jeder eine Hand ganz fest zu einer Faust geschlossen.

„Wir waren schon da und da und da …“  – dabei zählte sie eine Reihe von Geschäften in der Nachbarschaft auf – „aber die waren alle zu teuer für uns … wir konnten doch nur zwei Mark sparen.“

Als sie das sagte, öffneten sich die beiden Fäuste, in denen jeweils ein blankes Markstück lag. Und wie die Geldstücke im Licht, so blenkerten auch ein paar Tränen in den vier Kinderaugen.

Franz Högemann langte hinter sich zur besten Krawattenreihe und forderte die beiden auf, für ihren Papa den schönsten Schlips herauszusuchen. Ein feines Seidentuch für die Mama legte er noch obenauf, bevor er eigenhändig die Sachen in Geschenkpapier einschlug. Abschließend strich er den Kindern zärtlich übers Haar, und forderte sie auf, die zwei Mark zuhause wieder in ihre Spardose zu stecken, damit sie da richtig groß würden.

Franz Högemann selber hat nie davon erzählt – für ihn war es ganz normal.

Aber ich denke, wenn er in den letzten Jahren seines langen Erdenweges des Abends in der Lilienburgstrasse neben seiner Rosel auf dem Sofa saß und mit der Hand sanft über ihre kleinen Füße strich, die auf seinem Schoß lagen, schaute er sicher häufig längs der Tiefen und Höhen von einhundert Jahre Högemann. Zufrieden damit, dass er es so und nicht anders gemacht hat – auch, oder gerade dann, wenn mal wieder Irgendjemand ein großes Loch in die Planken seines Lebensschiffes gerissen hatte. ©ee

 

Geschrieben von Herrn Ewald Eden,

nach Herrn Harro Högemanns

Erinnerungen und Bildern.