Die Nachteule

meine Buchvorstellung :

Die Nachteule

von Herrn Ewald Eden.

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Hardcover

100Seiten

ISBN-13: 9783839114902

Verlag:Books on Demand

Erscheinungsdatum: 01.04.2016

Sprache: Deutsch

https://www.bod.de/buchshop/die-nachteule-ewald-eden-9783839114902

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sein „Paradestück“ und für mich

ein ganz besonders, außergewöhnliches Buch .

 

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Achterbahn des Lebens . . .

Achterbahn des Lebens . . .

 

Vorwort

In diesem Buch wird die Geschichte eines Mannes erzählt, dem als Anfangsmensch die Welt – seine Welt – vertauscht wurde. Ismails Geschichte, als die eines Türkenjungen dem seine Wurzeln abhanden kamen. Er hat mir davon erzählt, damit ich davon schreiben konnte.

Am vierten Tag des Monats April 1956 im türkischen Izmir geboren, war diese Stadt – dieses Land Türkei – die ersten sieben Jahre meines Lebens mein Zuhause. Mein Vater nannte eine Tischlerei sein Eigen – er war Möbelschreinermeister. Meine Mutter und wir Kinder waren sein höchstes Gut – aber lange vor meiner Geburt besaß er schon ein Haus, einen Führerschein und ein Auto. Für einen jungen Mann in der Türkei war so etwas damals keineswegs normal. Er hätte eigentlich glücklich sein müssen. Eigentlich – wenn nicht der Wind aus dem Abendland Verheißung über das Land getragen hätte.

Im fernen Deutschland benötigte man für die wachsende Wirtschaft dringend Arbeitskräfte – man suchte und fand sie im Ausland.

Der verheißungsvolle Ruf: ‚Gastarbeiter sind bei uns willkommen’ erreichte die Menschen auch außerhalb Europas. Obwohl, so ganz außerhalb Europas lag das Land, in dem der Ruf nach den Arbeitskräften meinen Vater erreichte, ja gar nicht. Ein Zipfelchen der Türkei hatte Europa ja noch zu fassen. Man kann auch sagen, die Türkei steckte mit einem kleinen aber gewichtigen Teil ihres Territoriums in der ‚Dame Europa’.

Des kleinen Jungen Vater folgte diesem drängenden Ruf im Jahre 1960 bis nach Deutschland. Er führte ihn auf einen Arbeitsplatz bei der Baufirma Dyckerhoff & Widmann in Aschaffenburg.

Seine Frau und seine drei Kinder ließ er – von der großen Familie wohlbehütet – im osmanischen Reich zurück.

Warum er zu Hause alles hinter sich ließ, hat er nie gesagt. Des Geldes wegen kann es nicht gewesen sein, denn die türkische Lira war zu der Zeit ein genauso harter Knochen, wie die Deutsche Mark – der Wechselkurs stand bei eins zu eins.

 

Das hat sich im Laufe der Jahre freilich drastisch verändert – für einen Euro bekommt man heute (2004) in der Türkei 5 000 000 (fünf Millionen) Lira. Vielleicht lockte ihn die Fremde. Vielleicht lockte ihn auch das Abenteuer – wie einst die streitbaren Vorfahren.

1963 durfte Gastarbeiter Dipcin die fünf Daheimgebliebenen dann zu sich holen. In Deutschland hatte man den Begriff Familienzusammenführung extra dafür konstruiert. Auch wenn viele der Meinung sind, das Wort wäre durch die politische Teilung Deutschlands entstanden.

Familienzusammenführung – die Familie wurde zusammengeführt – von der Heimat entfernte man sie. Die Hoffnung auf eine neue Heimat keimte in den Herzen – es wurde nur eine kümmerliche Pflanze daraus.

Sie sollte nie mehr ganz türkische Blume sein – und niemals ganz deutscher Baum werden.

 

Beim älteren Leser mag dieses Buch so manche Erinnerung an seinen eigenen Weg wachrufen – den jüngeren hilft es vielleicht, die Fehler der Alten nicht zu wiederholen.

 

 

 

Achterbahn des Lebens . . .

 

Seit dem 4. April 1956 sitze ich in der Achterbahn des Lebens – am Anfang noch völlig unbeschwert und glücklich.

Einmal abgesehen von der ersten kurzen Talfahrt im Jahre 1960, als mein Vater das Glatteis Abenteuer Gastarbeiter betrat – als er sich auf den Weg nach Deutschland machte.

Wahrscheinlich steckte er voller Erwartung auf das Unbekannte. Er hatte sicher die Töne des Windes im Kopf, der die Botschaft von Glück und Reichtum mit sich trug, wenn er von Westen wehte.

An uns – meiner Mutter und meinen drei Geschwistern – war die Botschaft ungehört vorbeigezogen.

Die Firma Dyckerhoff & Widmann in Aschaffenburg gab ihm Arbeit und Lohn. Der Möbelschreinermeister Dipcin durfte mit seinen kreativen Händen Dachstühle zimmern – und vielleicht seine innere Erwartung korrigieren.

1962 schlug meine Lebensachterbahn den ersten Haken. Mir wurde schwindelig vor Enttäuschung – mein Vater konnte bei meiner Einschulung nicht dabei sein.

 

Ein Jahr später führte er uns dann an den Ursprung des Windes. Ich hatte mich in Izmir gerade in den Ernst des Lebens eingereiht. Das Lernen machte mir Spaß – ich durfte schon für die Klasse sprechen – die Pfadfinder hatten mich willkommen geheißen – tja, und dann hieß es plötzlich Abschied nehmen.

Die großen Ferien lagen vor mir – das große Glück lag vor mir – Papa kam nach Hause. Vier Wochen herrlicher Urlaubszeit schenkte er uns – und einen Abschied von daheim.

Er nahm uns mit nach Deutschland. Er nahm uns mit in sein Abenteuer.

Die Achterbahn meines Lebens fuhr wieder in eine neue Richtung.

Quer durch fremde Länder ging die Fahrt. Bulgarien, Jugoslawien, Österreich durchquerten wir. Vorbei ging es an fremden Städten. Sofia, Maribor, Nisch, Pirot, Belgrad, Zagreb – ich konnte sie gar nicht so schnell zählen, wie sie vor uns auftauchten, und wieder hinter uns verschwanden.

Auf den österreichischen Bergpässen wähnte ich mich auf dem Gipfel der Welt. Einer Welt, die mit jedem Kilometer ein anderes Gesicht bekam. Mit jedem Kilometer den wir vorwärts kamen keuchte aber auch unser Auto immer heftiger in den schrecklichsten Tönen.

Der österreichisch/deutsche Grenzübergang Spielfeld war das Tor zu unserer neuen Heimat. Bevor wir den endlich passieren konnten, benötigte unser Ford Transit aber noch einen neuen Kühler. Der Autoklempner in dem von Gott verlassenen österreichischen Bergdorf freute sich über die harte D-Mark von den Türken. Papa freute es weniger. War es für ihn doch fast ein Monatslohn von Dyckerhoff & Widmann den er in der Alpenrepublik zurücklassen mußte.

Von da waren es ‚nur noch’ ein paar hundert Kilometer, bis zu unserem neuen Zuhause.

Ein Katzensprung war es gegen die bisherige Fahrt. Drei Tage saßen wir nämlich schon im Auto.

Drei Tage konnten wir uns Bilder malen von der Zukunft. Die Bilder, die dann in Aschaffenburg einen Rahmen bekamen. Die kleine Zweizimmerwohnung in Aschaffenburg-Damm – im Fahrbachweg 11 – die schon voll war, als das Gepäck vom Dachträger abgeschnürt, und der Laderaum ausgepackt war. Mutter füllte nur noch unsere knurrenden Bäuche mit Brot und Limonade – und dann schliefen wir, todmüde wie wir waren, in unser neues Leben hinein.

 

 

Viele Lebensmittel waren aus der Türkei mit uns den Weg gegangen, denn Vater wußte ja, daß es in Deutschland vieles von dem, was wir zu essen gewohnt waren, nicht gab. Vieles von dem, was wir essen durften, war in Deutschland auch noch nicht zu bekommen.

Unser moslemischer Glaube hat da nämlich so seine eigenen Ansichten.

Am nächsten Tag erkundeten wir Aschaffenburg. Vater war unsere Stadtführer. Er kannte sich ja schon einigermaßen aus in diesem deutschen Dorf – wie ich es gegenüber der zweieinhalb Millionenstadt Izmir empfand.

Vor allem frische Lebensmittel kauften wir – darunter auch typisch deutsche, an die wir uns allerdings erst gewöhnen mußten.

Das hatte Papa uns voraus – er war ja schon ein stückweit in die fränkische Lebensart hineingeklettert.

Die Eigentümer unserer Wohnung waren sehr liebe Menschen. Ohne daß wir bemerkten wie es geschah, standen wir schon nach kurzer Zeit in einer Reihe mit ihnen.

Vier Familien wohnten außer uns noch im gleichen Haus. Vierzehn Häuser zählte ich im Fahrbachweg – sechs unten, und acht den Hang hinauf.

 

Der Sohn und die Schwiegertochter unserer Hauseltern hießen Ulrike und Albert, und die Enkelkinder im Hause Udo, Hans-Werner und Christa.

 

Alberts Schwester Margot mit ihrem Mann Karl wohnten ein paar Häuser entfernt – im unteren Fahrbachweg. Ihr Zuhause trug die Hausnummer 1. Auch da gab es Enkelkinder – Walter, Edeltraud und Helga. Und wir waren mittendrin. So ein Gemeinschaftsgefühl habe ich später oft vermisst.

Für uns waren sie vom ersten Tage Oma, Opa, Tanten und Onkel. Das war ein schönes Glück, denn meine Verwandten in Izmir waren ja in unerreichbare Ferne gerückt.

Onkel Karl war ein richtiger Bauer – mit Kühen, Schweinen und Ziegen im Stall. Das war schon etwas Heimatliches – bloß einen Esel – einen Esel wie es ihn bei meiner Großmutter gab, den vermisste ich.

Die Sprache war allerdings ein Hindernis. Die deutsche Sprache umgab uns wie eine Mauer, die aber bei uns Kindern jeden Tag etwas an Höhe verlor. Viele Worte wurden durch Zeichen mit Händen und Füßen ersetzt. Das klappte wunderbar – besonders im Umgang mit den anderen Kindern.

Nach einer Woche Erkundungsfreiheit im neuen Land, stand wie eine große Bedrohung die Schule vor der Tür.

Papa hatte uns gleich nach unserer Ankunft angemeldet. Uns – weil, mein Bruder war inzwischen auch sechs Jahre alt geworden. Wir mußten lernen.

 

Wenn es nach mir gegangen wäre – ich hätte die deutsche Sprache lieber beim Spielen mit den anderen Kindern gelernt. Aber wer fragt schon einen kleinen Jungen danach.

Ein abgelegener Weg führte zur Schule – ohne Straßenlaternen und ohne Busverbindung.

Drei Kilometer hin und drei Kilometer zurück. Die ersten Tage nahm uns Papas Auto das Laufen ab.

Da ich kein Deutsch konnte, fand ich mich mit meinem jüngeren Bruder in der ersten Klasse wieder. Was sollte ich da? Die erste Klasse hatte ich doch schon in Izmir hinter mich gebracht.

Der erste Schultag wurde ein langer Tag. Da saßen wir nun – wir kleinen Türken – und konnten nichts von dem verstehen, was der Lehrer sagte. Ich hätte doch so gerne schon alles verstanden. Aber das dauerte noch etwas.

So ein wenig verletzter Kleinejungenstolz stachelte mich an. Es dauerte nicht lange, und mein Vater wurde meinetwegen zum Lehrer gebeten.

Nicht weil ich etwas ausgefressen hatte, wie Papa sofort dachte – nein, ich kam vorzeitig in die zweite Klasse. Meine gekränkte Ehre war wieder hergestellt – ich hatte ja gewußt, daß man mich zu Unrecht zu den ABC Schützen gesteckt hatte.

Und stolz war der Papa auf mich, wenn ich für ihn und Mama schon als Dolmetscher fungierte.

Das Klingelzeichen für den Unterrichtsschluß erschien mir am ersten Tage wie Engelssingen. Papa wollte uns abholen – das hatte er am Morgen versprochen. Wir standen vor der Schule, und kein Papa war da.

Die anderen Kinder hatten sich schon in alle Richtungen davongemacht – wir waren die einzigen Schüler aus dem Fahrbachweg.

Uns blieb nur das Warten – und warten – und warten. Mit jeder Minute, in der Papa nicht kam, ging die Hoffnung ein kleines Stück weiter von uns weg.

Als ‚Großer’ fasste ich den Entschluß, auf eigene Faust mit meinem Bruder nach Hause zu laufen. Schließlich wußte ich wo’s lang ging. Wir waren doch auch hergekommen. Viermal sind mein Bruder und ich gestartet – und viermal kamen wir wieder vor der Schule an.

 

Ein Hoffnungsschimmer erhellte plötzlich unsere tiefe Verzweiflung.

Auf der gegenüberliegenden Strassenseite liefen lange blonde Haare mit einem Mädchenkopf.

Das mußte Christa aus unserem Hause sein. Das war die Rettung.

Nichts wie hin – „Christa, Christa“ gerufen – und Pech gehabt. Nichts war mit Christa. Lange blonde Mädchenhaare gab es hier genauso häufig, wie bei uns daheim in Izmir lange dunkle.

Ich war um eine Erfahrung reicher. Den Rockzipfel der vermeintlichen Christa hatte ich noch gar nicht losgelassen, da hielt ein Auto neben uns. Es war Papa, der dem erschrockenen Mädchen erklärte, daß ich sie wohl verwechselt hätte.

Sie kann mir nicht böse gewesen sein, denn sie lächelte mich an, und schaute sich noch ein paar Mal zu uns um. Als wir in Papas Auto saßen, kullerten bei mir die Tränen – noch niemals vorher war ich so froh gewesen, meinen Vater zu sehen.

Er hatte uns nicht vergessen – er hatte sich nur unseren Schulschluss falsch gemerkt.

Den Trost für unser schreckliches Erleben bekamen wir daheim von unserer Mama.

Eine Woche wurden wir noch kutschiert – dann saß der Papa wieder fest bei Dyckerhoff & Widmann auf den Dächern – und der Schulweg saß genauso fest in unseren Köpfen.

Unsere Freunde vom Fahrbachweg besuchten leider eine andere Schule, darum mußte Papa uns die erste Woche begleiten.

Die Zeit lief durch die Zeit – hier genauso schnell, wie daheim in Izmir. Wir wußten manchmal nicht, ob unsere Erinnerungen noch türkischen oder schon deutschen Ursprungs waren. Das war uns Kindern aber auch piepegal – es war unser Leben.

Eines Tages kam Onkel Karl mit einem Kuhfuhrwerk vorbei – ein Kuhfuhrwerk! Es war vollgeladen mit Maispflanzen. Ich hörte ihn schon von weitem rufen: „Hüh, Schimmel – hüh.“ Schimmel hatte er die Kuh benannt. Das war auch für mich neu.

 

Daran gab es bei mir im Kopf auch keine türkische Erinnerung. Ochsen vor dem Karren – ja. Bei reicheren Bauern auch schon mal ein Pferd vor dem Wagen – das kannte ich. Aber eine Kuh? Und gemolken wurde Schimmel auch noch. Jeden Morgen und jeden Abend. Die Milch wurde gleich in der Strasse verkauft. Das war praktisch – für alle.

Onkel Karl staunte nicht schlecht, als ich ihn um ein paar Maiskolben bat. Er fragte mich, was ich damit wollte. „Die will ich kochen und essen“ klärte ich ihn auf.

„Na, denn pflück dir man so viele, wie du tragen kannst – aber paß auf, daß du dann keine Milch gibst. Bei Schimmel hilft das nämlich tüchtig“, meinte er spaßig.

Mir ging auf, daß Mais in Deutschland Viehfutter war, während es bei uns in der Türkei zu den Hauptnahrungsmitteln zählte. Später habe ich dann erfahren, daß der erste Versuch der US-Amerikaner, in Deutschland Mais als menschliches Essen einzuführen, daneben gegangen ist. Die pappigen Maisbrote der Amis wollte nämlich keiner. Dieses Backwerk hätten die Menschen in der Türkei ganz sicher auch abgelehnt.

Zur Zeit der Kugelschreiber und Nylonstrumpfwelle – gleich nach dem zweiten Weltkrieg, waren die Menschen in Deutschland in ihren überlieferten Essgewohnheiten noch sehr gefestigt.

Erst Mc Donalds hat es dann geschafft, in Deutschland den guten Geschmack abzuschaffen.

 

Der Sommer in unserer neuen Heimat machte sich so langsam auf die Socken – er räumte das Feld für den Herbst. Der kam dann auf leisen Sohlen durch die Hintertür.

Er färbte die Welt um uns herum mit bunten Blättern – das war nicht viel anders als bei uns zu Hause. Ich dachte immer noch zu Hause, wenn meine Gedanken rückwärts gingen. In der Türkei war der Herbst nur nicht so kalt – er strahlte immer noch viel von der Wärme des Sommers aus.

Dass man in unserer neuen Heimat unter kalt etwas ganz anderes verstand, das zeigte uns einige Wochen später der Winter mit seinen klirrenden Frostnächten. Völlig überrascht wurde ich, als mich eines Morgens vor der Haustür eine weiße Welt empfing.

Über Nacht hatte jemand alles in Watte gehüllt. Schnee, sagte man uns, wäre vom Himmel gefallen. Ich kannte keinen Schnee. In Izmir schneite es nicht – ich hatte es wenigstens noch nicht erlebt.

Da lag es nun auf Strassen, Bäumen, Wiesen und Dächern – dieses weiße Etwas. Das zu Wasser wurde, wenn man es in die Hand nahm. Was machte man damit? Wozu war er gut, der Schnee? Meine Freunde wußten es – Schlittenfahren! Was denn sonst.

„Ismail – komm mit Schlittenfahren“, tönte es von allen Seiten.

„Was ist ein Schlitten?“ fragte ich Udo. Wenn ich etwas nicht wußte fragte ich immer zuerst Udo. Er zeigte mir seinen Rodelschlitten.

Jetzt wußte ich zwar, was ein Schlitten ist – aber haben hatte ich damit noch keinen.

Auch da wußte Udo Rat. Er besaß zwei Schlitten – einen schenkte er mir. Nun war ich kleiner siebenjähriger Türkenjunge schon stolzer Schlittenbesitzer. Mein Papa war schon weit über zwanzig, als er sein erstes Fahrzeug besaß. Deutschland hatte doch etwas Gutes.

 

 

Wie funktionierte dieses Gerät aber? Wie lenkte man es, wie bremste man den Schlitten ab? Udo zeigte mir alles – und dann gingen wir rodeln.

Hinter Onkel Karls Haus wirbelten wir den Hang hinunter – bis weit über die Strasse.

Das war allerdings gefährlich – weil ja auf der Strasse Autos fuhren. Nach zwei Wochen konnte ich so gut rodeln, daß Udo mit mir ins Rauen-Tal ging. Eine halbe Stunde in den Wald hinein gab es eine große Lichtung. Es war eine richtige Hanglage – hoch und steil. Wir waren die ersten Rodler am Berg. Der Pulverschnee stob zum Himmel, daß es eine Lust war.

Wie oft wir nach unten sausten, und mühsam wieder hochkletterten, bis wir eine Bahn gefahren hatten, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur noch, daß es riesigen Spaß gemacht hat. Erst als die Kälte uns in die Hosenbeine kroch, machten wir uns auf den Heimweg.

Die nächsten Tage waren wir nicht mehr allein – alle unsere Freunde gingen mit. Richtige Wettkämpfe veranstalteten wir am Berg. Rodelkönig nannte man mich nach kurzer Zeit.

Das war eine gute Voraussetzung für einen türkischen Dreikäsehoch, den deutschen Winter zu mögen.

 

Das war aber noch nicht alles, was dieses neue – dieses weiße, blinkernde, hartgefrorene Deutschland für mich an Überraschungen bereithielt.

Den Schlitten hatte ich mir zum Diener gemacht. Es war eine Freude, wie er täglich klaglos für mich da war. Besser konnte es einem König doch nicht gehen. Bis mir dann der Kaiser begegnete. Zwei Meter lang und in ein strahlendes Blau gewandet.

Udo zeigte mir voller Freude seine neuen Laufbretter – Skier nannte er sie. Blau waren sie, majestätisch glänzend. Wie Kaiser nun mal eben daherkommen.

Der Weihnachtsmann – so erzählte er mir stolz – hätte sie bei ihm abgeliefert. Wer war denn nun wieder der Weihnachtsmann, daß er so einfach kaiserliche Skier liefern konnte?

Ich war ja schon so schlau, und trotzdem stürmten immer wieder Dinge auf mich ein, von denen ich nicht die geringste Ahnung hatte.

 

Das Weihnachten und der Weihnachtsmann mit der Religion in unserer neuen Welt zu tun hatte, erklärte mir die Mama am Abend. Was war das für eine schöne Weihnachtsreligion, die den Kindern Geschenke machte. Sogar den Kindern, die nicht dazugehörten. Denn kaum war ich in unserer Wohnung, klingelte es – und Udo stand vor der Tür. In den Händen ein Paar Ski. Zwar nicht in kaiserlichem Blau, aber in einem so königlichen Rot, wie ich es nur von unserer türkischen Fahne her kannte. Verlegen erklärte er meiner Mama, es wären wohl keine neuen Ski – aber sie wären auch vom Weihnachtsmann. Im letzten Jahr zu Weihnachten hätte der ihm die roten Bretter gebracht. Und da jetzt ja ein Paar Neue unterm Weihnachtsbaum gelegen hätten, würde es ihm Freude machen, mir die roten Skier zu schenken. Was sollte ich darauf sagen? Ich konnte nichts sagen – ich habe meinen Freund Udo einfach umarmt, und ganz fest gedrückt.

Irgendwie waren meine Wangen ein wenig feucht, aber Udo meinte, das läge wohl an den Schneeflocken, die er von draußen mit herein gebracht habe.

Mein Besitz vergrößerte sich – neben dem Schlitten standen nun auch die Skier auf der Habenseite.

Wie würden meine Schulkameraden in Izmir mich bewundern. In solchen Momenten liefen meine Gedan-ken schon noch nach hinten.

Bis sie sich wieder mit der Gegenwart beschäftigen mußten. Die schönen, roten königlichen Laufbretter sollten ja nicht bloß an der Wand stehen.

 

Udo brachte mir bei, wie ich sie handhaben mußte. Die Begriffe, die er mir in den Kopf schob waren für ihn wohl selbstverständliche Verrichtungen – für mich hörten sie sich aber an, wie die Namen böhmischer Dörfer.

Bindungen einstellen, Sohlen wachsen – was hieß das alles? Ich sah nur Lederriemen und holzfarbene Bretterunterseiten. Sein Wissen um diese Zeremonien übertrug er geduldig auf mich.

Da hatte er es mit seinen „Neuen“ einfacher, die „kaiserlichen“ waren schon mit Clipverbindungen ausgerüstet. Er brauchte nur hineinsteigen und lossausen. War es so ein Zipfel Neid, was da aus einem Winkel meiner Seele lugte? Die unbändige Freude über das Geschenk scheuchte diesen Hammel zum Glück gleich wieder in die hintersten Gefilde zurück. Denn – daß man nicht alles haben konnte was man begehrte – das hatte meine Großmutter mir schon beigebracht.

Ich begriff im Handumdrehen, wie man es anstellte – meinte ich – denn wir liefen sofort los. Richtung Rauental.

Laufen – ich konnte mit meinem neuen Fortbewegungs-mittel laufen! Ich fühlte mich wie ein perfekter Skiläufer, der es seinem Freund Udo gleich nachtun wollte, der immer leichtfüßig ein Stück vorausglitt. Wie ein Wesen, das über die Erde schwebte.

Kaum setzte ich aber zum Flug an – bamms – drückte mein Hintern auch schon den weichen Schnee platt. Meine Spur sah aus, als wenn ein Wesen mit riesengroßen Füßen auf dem Waldweg längsgestappt wäre.

Endlich am Rauentalhang angekommen, haben wir den ganzen Nachmittag geübt – wir, denn Udo hat mir unermüdlich geholfen. Ich weiß nicht, wieviel Abdrücke von Ismailhintern abends am Hang zu zählen waren – aber mit jedem Abdruck im Schnee wurde ich geschickter im Umgang mit den Brettern.

Der Winter hat es so lange bei uns im Rauental ausgehalten, bis ich mit den Flitzern umgehen konnte. Die Blumen in den Gärten und am Waldboden wurden bereits ungeduldig. Sie schauten an sonnigen Tagen mit ihren bunten Spitzen schon mal durch die Schneedecke, und fragten schüchtern beim Winter nach, wie lange es denn noch mit dem kleinen Jungen aus der Türkei dauern würde, bis er endlich Skifahren könne..

Er hat sie immer wieder besänftigt – solange, bis ich eines Abends mit lautem Juchhei, und ohne mit meinen Pobacken den Erdboden zu berühren, den Hang hinuntersauste.

Das Glück darüber konnte ich schwerlich für mich behalten. Auf dem Heimweg schenkte ich den Schlitten meinem Bruder – denn ich war ja nun königlicher Skifahrer.

 

Am nächsten morgen war mein Freund – der Winter – stillschweigend zu seiner nächsten Arbeitsstelle weitergezogen. Ich hab’ ihm ganz laut Danke für das neu gelernte hinterhergerufen – und „komm bald wieder zurück“.

Der Frühling war nicht mehr zu bremsen – er mußte ja einiges an Zeit aufholen – die Zeit, die er mir geschenkt hatte.

Der Duft der Blumen konnte nicht warten, bis die Blüten ihre Umhänge ablegten – aus den Knospen heraus überschüttete er uns mit seinen Wohlgerüchen – uns wurde manchesmal schwindelig davon.

 

Jetzt besaßen mein Bruder und ich zwar jeder ein Fortbewegungsmittel, aber beweglich waren wir damit auch nicht – zumindest nicht bis zum nächsten Winter.

Der Frühling forderte wieder unsere Füße. Die trugen uns gut hinter unseren Freunden auf ihren Fahrrädern her – besonders zu den Schuttplätzen in der Umgebung. Drei davon gab es in der Nähe. Das ist Heute auch nicht mehr gut vorstellbar.

Hans-Werner war der Schuttplatzspezialist in unserer Runde. Es gab nichts, von dem er nicht wußte, wo es zu finden war. Er kreiste von einem Schuttplatz zum anderen. Ich wurde sein ständiger Begleiter.

Der große Steinbach Schuttplatz hatte es uns in erster Linie angetan. Irgendwie zog es uns – und besonders mich – immer wieder dahin. Bis ich erfuhr warum. Ein Fahrradreifen winkte mir eines Nachmittags zu.

Zwischen Pappkartons und Geröll schaute er ans Licht. Als ich ihm die Hand zur Begrüßung reichte, merkte ich, daß ein komplettes Fahrrad an ihm hing.

 

Wer hatte mich wohl an diesen Platz geführt? Sollte Allah mich auch hier beobachten?

Radfahren hatte ich schon in der Türkei gelernt.

Mein Glücksfund landete natürlich bei uns zuhause. Hans-Werners Luftpumpe brachte Leben in die platten Reifen. Richtig prall und dick plusterten sie sich auf – und blieben so! Es gab keine Leckstelle, durch die die Luft entweichen konnte.

Lenkstange und Sattel waren schnell auf meine Größe eingestellt – und schon sollte es zur ersten Fahrt losgehen. ‚Sollte’, denn mit Tretkurbeln, die in die gleiche Richtung zeigen, kann man schlecht in die Pedale treten.

Zwar war nicht Holland in Not – aber der kleine Ismail. Was machen kleine Jungen, wenn sie sich in Not befinden? Sie gehen ihre Mama um Hilfe an.

 

 

 

Und Mama half – genau mit zwei Mark für einen neuen Konusbolzen – damit die Pedale nicht mehr beide so traurig nach unten hingen. Zu guterletzt noch ein paar Tropfen Olivenöl aus Mamas Küche an die Kette – und die Karre lief wie geschmiert.

Ich war wieder mobil und glücklich. Ja – glücklich war ich wohl auch. Kinderglück.

So wie die neue Welt für mich mit jedem Tag, den ich mit meinen Freunden auf Achse war, ein Stückchen kleiner wurde, nahmen die Sommertage für mich an Länge zu. Die Sommertage mit 36° im Schatten.

Da fühlte ich mich doch tatsächlich oft nach Izmir zurückversetzt, wenn wir an heißen Tagen bei unseren Großeltern durch die Apfelsinenplantage getollt waren.

Die Sommertage, in denen wir um Aschaffenburg herumstreiften. Die Tage mit Hitze und südlicher Sonne,

an denen ich vergeblich hoffte, dem Spessarträuber zu begegnen. Der Sagengestalt, von der uns Onkel Karl immer erzählte, wenn wir abends auf den Strohballen hockten, nachdem wir ihm im Stall geholfen hatten. Vergönnt war es mir leider nicht.

Vergönnt war mir und meinem Bruder aber etwas anderes. Am Wochenende, wenn Vater nach Hause kam – er war mittlerweile mit seinen Fähigkeiten der Arbeit hinterher gezogen, spürte er wohl das Glück seines großen Sohnes, dem das Fahrrad wieder ein Stück Welt eröffnet hatte. Er sah aber auch die Betrübnis in den Augen des jüngeren Sohnes, der von vielem ausgeschlossen war – eben weil er kein Fahrrad besaß. Das ging ein paar Wochen so, bis eines Samstags mein Fahrrad im Keller bleiben mußte.

 

Heute fahren wir zusammen mit dem Auto in die Stadt, war das einzige, was ich von Papa zu hören bekam, als er diese Anordnung traf. Gefallen hat es mir nicht – das muß ich sagen. Nur, Papa war Papa – und Papas Sagen war Papas Sagen. Bei diesem türkischen Prinzip gab es auch keine Sonderregelung, nur weil wir uns in Aschaffenburg befanden.

Meine innere Verstimmung verflog im Nu, als wir in der Innenstadt mitten in einem Laden voller neuer Fahrräder standen. Papa hatte beschlossen, jedem von uns ein Fahrrad zu kaufen. Selber aussuchen durften wir die Vehikel auch noch.

Mein Bruder und ich stürzten uns auf das gleiche Rad. Ein Rad in strahlendem kaiserlichem Blau. Es war kein Einzelstück – wir hätten beide das gleiche Rad bekommen können. Aber da war Papa mit seiner Vernunft dagegen. Eure Fahrräder müssen voneinander zu unterscheiden sein. Punkt.

Das geschah zur vorbeugenden Verhinderung etwaiger brüderlicher Streitereien. Ich blieb beharrlich bei Blau. Mein Freund Udo besaß kaiserliche blaue Ski – ich wollte dann wenigstens ein kaiserliches blaues Rad mein eigen nennen. Mein Bruder und ich haben diese wichtige Frage ohne gegenseitige Kriegserklärung geregelt.

 

Mein Bruder suchte sich ein königlich rotes Fahrrad aus.

Nun standen wir draußen auf dem Gehsteig mit unseren blitzenden Prunkgestellen. Wir mußten ja wieder heim.

Papa ließ uns aber nicht einfach lossausen, was wir am liebsten getan hätten – er traute unseren Fahrkünsten nämlich noch nicht so recht.

Wie immer fällte er eine salomonische Entscheidung. Ihr beide fahrt mir voraus, damit ich mich überzeugen kann, wie weit es mit eurer Fahrkunst her ist. Natürlich bestanden wir mit Bravour die Prüfung – und hatten für die Zukunft freie Fahrt.

Mensch Deutschland – bist du schön!!!

 

Ich hatte mich ganz schön erfolgreich durch die ersten Etappen meiner Beweglichkeit gehangelt.

Auf unseren Sommerausflügen erwischte mich plötzlich ein Virus. Nicht das ich körperlich erkrankte, nein – ich wurde süchtig nach Musik.

Mein Freund Walter, der Sohn von Onkel Karl – dem Besitzer der Schimmelkuh – kreuzte mit einem Akkordeon auf. Sein Geburtstag hatte ihm dieses edle Teil beschert.

Die Töne, die er damit fabrizierte – ich glaube Musik durfte man das noch nicht nennen – schlugen mich in ihren Bann.

Mutter war entschieden gegen mein Begehren, musizieren zu lernen. Musik machen nur Zigeuner. Wie, als wenn sie es gestern gesagt hätte, klingt mir dieser Satz heute noch in den Ohren. Ich weiß nicht, was in meinen Vater gefahren war – ohne das ich schwierige Überzeugungsarbeit leisten mußte, suchte er mit mir gemeinsam aus dem Quelle-Katalog ein Prachtstück von Musikinstrument aus.

Achtundvierzig Bässe zählte ich an dieser Musikmaschine – und Instrumentenunterricht durfte ich auch noch nehmen.

Papa bezahlte dafür, das mir die grundlegenden Fertigkeiten beigebracht wurden. Nach nicht einmal einer handvoll Jahren Aufenthalt in Deutschland war aus mir schon ein fahrender Musikant geworden.

Dreimal hatte sich das Jahr die Hacken schiefgelaufen – 1966 stand auf jedem Blatt des Kalenders, der bei uns an der Küchenwand hing. Sprechen sprach ich mittlerweile wie ein Aschaffenburger Junge – mit Dialekt und allem drum und dran. Wer mich nicht sehen, sondern bloß hören konnte, vermutete keinen türkischen Hosenmatz hinter den Worten. Wie gerne wäre ich blond gewesen, denn jedesmal, wenn man mich zu Gesicht bekam, war ich wieder das Ausländerkind. Manchmal war mir schon ganz schlimm zumute. Nicht das ich mich schämte, ein türkisches Kind zu sein – aber immer nur Ausländer zu sein war auch nicht das Wahre.

Frisör Philip hütete in seinem Laden in Damm das Monopol für Kinderkopfhaareschneiden. Alle vier Wochen mußten wir bei ihm antreten. Nicht das er uns mit dem Lasso auf der Strasse einfing – die Mühe brauchte er sich nicht zu machen. Unsere Eltern trieben ihm seine Kunden zu. Die paßten schon auf, das unsere Ohren frei blieben – von wegen gut hören. Wenn Meister Philip ab und zu meinem Wunsch nach einer etwas längeren Haarpracht voller Bedenken nachgegeben hatte, stand ich garantiert eine halbe Stunde später wieder bei ihm auf der Matte.

Nachschneiden, fragte er dann nur – und ohne mein Nicken abzuwarten, griff er zur Schermaschine.

Während der Meister sonst immer fröhlich vor sich hin pfiff – beim nachschneiden guckte ihm stets Betrübnis aus den Augen. Es bereitete ihm sichtliches Unwohlsein, aus mir immer wieder einen türkengerechten Jungen zu machen. Ich glaube, er hätte mir gerne ein bißchen Deutschsein gegönnt.

So flog ich immer als Ball zwischen seinem Wohlwollen und meines Vaters Neinsagen hin und her. Vater siegte immer – wo wäre sein türkisches Denken sonst auch gelandet. Nein, nein – Vater war kein Nationalist – beileibe nicht. Der Hauptgrund waren wohl die größeren Abstände zwischen den Frisörbesuchen. Man denke nur an die einsfünfzig, die jedesmal pro Nase fällig waren. Bei diesem türkischen Einheitsschnitt hätten meine Haare ruhig blond sein können – ich wäre immer noch als ein Junge von jenseits des Bosporus erkannt worden. Diese Kleinigkeit Haarschnitt und –farbe hat mir auf meinem Weg in die Gesellschaft oft Hindernisse in den Weg gelegt.

Dazu kamen dann noch die Paragraphen – fein säuberlich in den Gesetzbüchern verpackt. Mit Mustern davon wurden unsere Pässe dekoriert. Wenn ich sage unsere, dann meine ich die Pässe meiner Eltern. Ich bekam meinen ersten eigenen Pass, als ich die Schule erfolgreich hinter mich gebracht hatte.

Solange waren wir auf einem Gruppenbild in Papas und Mamas Papieren untergebracht. Fein säuberlich neben zwei akkuraten amtlichen Stempeln.

Ich habe heute noch das Gefühl in mir, als wenn ich aus dem Foto heraus immer seitlich auf die Buchstaben schielte. So fest sitzt mir der Text im Kopf.

 

Fremdenpass

 

Aufenthaltserlaubnis

für die Bundesrepublik Deutschland

einschl. des Landes Berlin

 

 Selbstständige oder vergleichbare

unselbstständige Erwerbstätigkeit

nicht gestattet

 

stand da unverrückbar und fein säuberlich in blauer Stempelfarbe gedruckt. Eine sogenannte Aufenthalts-berechtigung wurde Gastarbeitern der ersten Generation erst nach fünf nachgewiesenen Beitragsjahren zugunsten der Rentenkasse erteilt. Kinder wurden zwar nicht ausdrücklich in der Vorschrift erwähnt – aber wir schauten ja in den ganzen Jahren aus jedem Pass heraus. Für uns kleinen Schietbüdel galten natürlich die gleichen Bestimmungen. Obwohl – wie sollten wir schon groß selbstständig tätig werden.

Das änderte sich schlagartig, als ich die ersten langen Hosen anbekam.

Ich wurde behördlich von den Eltern abgenabelt – ich mußte eine Aufenthaltsgenehmigung beantragen, und bekam meinen eigenen Paß, Auch wieder schön mit den bekannten Stempeln versehen. Ich mußte mir aber den Platz im Paß – neben den ehernen Verbotseinträgen – nicht mehr mit den anderen teilen.

Ich durfte für die nächsten Jahre ganz alleine nach den Buchstaben plieren.

Wenn ich an die vielen Abstufungen in den Statuten von damals denke, beneide ich noch manchesmal die heutige Generation der Zuwanderer. Mit meinen kurzen Hosen war auch die Kinderschulpflicht in die Tonne gewandert. Die Suche nach einer Lehrstelle trieb mich durch Aschaffenburg. Im Familienrat wurde der Entschluß gefaßt: Ismail wird Werkzeugmacher. Wenn die Familie irgendwann einmal wieder in die Heimat – die Türkei war damals im Denken noch Heimat – also, wenn die Familie einmal wieder nach Hause zurückkehren würde, könnte der Junge wenigstens sein eigenes Werkzeug herstellen. Sehr praktisch!

Hans-Werner erwies sich wieder als mein Pfadfinder. Er war ein Jahr zuvor aus der Schule entlassen worden. Seine gute Nase für Glücksfunde kam mir auch hier zugute.

Die Firma Zenglein in Aschaffenburg, als Hersteller von Messwerkzeugen, bildete ihn aus. Mich brachte er auch dort unter. Meine Ausbildung begann.

Die Firma Zenglein war eine Stiftefirma – das heißt, Herr Zenglein – seines Zeichens Chef des Betriebes – war auch gleichzeitig Meister und Ausbilder.

Gesellen hielt er sich nicht – von wegen der höheren Lohnkosten.

So mußten wir, nachdem unsere Lehrzeit beendet war, auch die Platte putzen – Platz machen für neuen Nachwuchs im Geschäft Zengleins.

 

Dreieinhalb Jahre schützte mich mein Lehrvertrag – genau bis zum 14. Januar 1975.

Von am Anfang 170.- bis auf 280.- DM im vierten Ausbildungsjahr hatten sich meine monatlichen

„Bezüge“ gesteigert. Der Gegenwert für vierzig Wochenstunden im Betrieb. Vier Wochen im Jahr brauchten wir allerdings nicht in der Werkstatt erscheinen. Als die ersten Urlaubswochen anstanden, war ich heilfroh. Heilfroh, mich von dem endlosen feilen, feilen, feilen erholen zu können. Ein Hammer wurde mein erstes Werkstück.

Ich hatte zwar schon viel mit einem Hammer gearbeitet, aber daß ein Hammer soviel Arbeit kostete, bis man ihn einen Hammer nennen konnte, das war auch eine neue Erfahrung. Amboß, Finne, Nut, Stiel – die gesamte Hammergeographie lernte ich kennen. Hammerspezialist war ich nun auch noch.

Weil ich mich als sehr geschickt erwies, erhielt ich gegenüber den anderen Stiften einen Vorteil – ich durfte die Nut für den Hammerstiel an einer Maschine fräsen. An einer Maschine, die aussah, als wäre sie einem Museum entliehen. Ein Monstrum von Bohr- und Fräsapparat, an dem ich kleiner Stöpsel meine Künste versuchte. Die meisten Maschinen in unserem Betrieb besaßen keinen eigenen Motor. In Bewegung gesetzt wurden sie durch Riemen, die von einer zentralen Maschine in alle Richtungen liefen. Eine saugefährliche Angelegenheit. Man durfte ihnen nicht zu nahe kommen, wenn sie singend durch die Gegend schlackerten, um ihren schweren Dienst zu verrichten.

Als ich das erste Mal diese vorväterlichen Einrichtungen zu Gesicht bekam, überfiel mich die Erinnerung an meine erste Dampfmaschine, die meine Großmutter mir noch in der Türkei geschenkt hatte.

 

 

 

 

 

 

 

Irgendwann hing mein Hammer an der Wand im Meisterbüro – er war mir so gut gelungen, daß der

Meister ihn jedem zeigte. Als ein Paradestück seiner Ausbildungskunst – wie er dabei zu sagen pflegte. Dem sogleich ein zweites folgen sollte, damit ich nicht aus der Übung käme. Wie Herr Zenglein tiefsinnig bemerkte, als er mir den Auftrag erteilte, ein Windeisen anzufertigen. Natürlich per Hand – und mit der Feile als Werkzeug. Wieder war der Name eines böhmischen Dorfes vor mir aufgetaucht – ein Windeisen? Was war denn das um alles in der Welt? Meister Zenglein gab mir eine Karte in die Hand – Konstruktionsplan nannte er das Stück Papier mit den vielen Strichen und Zahlen. Damit würde ich mich schon zurechtfinden, meinte er. Und wieder war es mein Freund – der Pfadfinder unserer Schuttplatzzeit – Hans-Werner, der mir die Wege durch das Striche- und Zahlengewirr erklärte. Ich muß sagen, der Stolz saß mir in den Knochen, als ich das Prunkstück nach Wochen meinem zufriedenen Meister präsentierte.

Wenn Herr Zenglein auch keine Gesellen bezahlen konnte – seine Lehrlinge durch Lob zu Höchstleistungen anstacheln, das konnte er. Schon wieder war ich ein paar Schritte weiter auf dem Weg zum Werkzeugmacher.

Mit den kalten Handwerkzeugen konnte ich mittlerweile gut umgehen. Die Abteilung Feuer und Schwert wartete auf mich. Die Härterei. Die Bezeichnungen der böhmischen Dörfer meiner kleinen Arbeitswelt schreckten mich auch nicht mehr. Ich fand mich ganz gut in ihnen zurecht.

 

Die Härterei! Die Begriffe hart und weich waren mir von zu Hause – von den Frühstückseiern her geläufig. Hier füllten sie ein ganzes Universum. Sie eierten zwischen Karbidkesseln – in denen Gas erzeugt wurde – Sauerstofflaschen und ölgefüllten Becken hin und her. Es war sozusagen die Giftküche unseres Zauberers. Hier wurden die Produkte alltagsfähig gemacht. Abgehärtet, damit sie im täglichen Kampf von messen und kontrollieren nicht vorzeitig schlapp machten. Die Art und Weise, wie es geschah – war allerdings – salopp ausgedrückt – vorsintflutlich. Aber die Ergebnisse unserer Arbeit besaßen Charakter, wenn sie uns durch die Werkstattür verließen. Die Kunden wußten das zu schätzen.

 

Bis es allerdings soweit war, mußten wir noch unzählige male die Feile ansetzen, den Karbidbrenner anschmeißen, zum erhitzen und vergüten, und uns die Finger wund schleifen für den letzten „Schliff“ – wie Meister Zenglein es nannte, wenn sein scharfes Auge seine prüfend darüberhinfahrenden Fingerspitzen begleitete. Während meiner Zeit in Zengleins Wunderschmiede ist nicht ein einziges Stück Werkzeug von den Käufern reklamiert worden. Aus diesem Grunde gab es bei uns auch wohl keine Beschwerdeabteilung bei den Zengleins. Mein Freund Hans-Werner verließ ein Jahr vor mir unsere kleine Messwerkzeugschusterei.

 

Meine Betrübnis darüber konnte sich aber gleich wieder verkriechen. Er blieb mir erhalten, denn nur ein paar Straßenzüge entfernt empfing man ihn in einem anderen Betrieb mit offenen Armen.

Die Gesellen, die Meister Zenglein geformt hatte, waren in der Umgebung begehrte Werkzeugmacher. Bis ein Jahr später mein Abschied von der Lehre vor der Tür stand, verbrachten wir jeden Tag wenigstens die Mittagszeit gemeinsam. Mein Abschied von Meister Zenglein wog gleich doppelt schwer. War er doch verbunden mit der Schließung des Betriebes.

 

Nicht das jetzt jemand denkt, meine Ausbildung hätte Zenglein & Zenglein zugrunde gerichtet. Nein, nein – die technische Entwicklung hatte seine Fertigungs-methoden lange hinter sich gelassen. Die Konkurrenz aus Fernost setzte den Schlußpunkt. Ich war der letzte Lehrling, den Meister Zenglein berufsfähig machte.

Der Chef klappte seine Bücher zu. Ein Kapitel überlieferter Handwerkskunst war abgeschlossen.

Jetzt mag bitte niemand denken, der Unternehmer Zenglein hätte sich das alles einfach so von der Backe geputzt. Es ging ihm schon nahe, sein Lebenswerk vorzeitig stranden zu sehen. In seinen Vorstellungen sah der Hafen, in dem er vor Anker gehen wollte, sicher auch anders aus. Aber wie es so ist, wenn der Sturm ein Schiff zwingt, den Kurs zu ändern. Und wie ein guter Kapitän auch nach dem Schiffbruch für seine Männer da ist – Meister Zenglein sorgte auch für mich, wie ich nach kurzer Zeit merken sollte,.

 

Der Musik habe ich bis heute die Treue gehalten. Meiner Vernarrtheit in fahrbare Untersätze auch, denn es dauerte keine Ewigkeit, kam Walter auf einem Mofa angerauscht. Für mich war es das Rauschen des Himmels.

Ich stieg in die motorisierte Welt ein. Aus einer Quelle Strassenbiene wurde nicht lange nach überschreiten der Mindestaltersgrenze eine Kreidler-Florett. Eine Kreidler-Florett war für uns Jungen damals etwa so hoch angesiedelt, wie das Kreuz des Südens am nächtlichen Himmelzelt für einsame Bergwanderer.

 

Den Erwerb des Führerscheins der Klasse vier setzte der Gesetzgeber aber voraus. Papa unterstützte mich. Damit durfte ich neben der Kreidler nun auch Trecker fahren. Auf Grund dieser Tatsache half unser Nachbarbauer Papas Zustimmung wohl so ein wenig auf die Sprünge, denn um seinen Traktor brauchte er sich in Zukunft nicht mehr zu kümmern. War das eine Wucht, mit dem Ungetüm von Trecker durch die Gegend zu gondeln. Für uns war es ein unbeschreibliches Vergnügen – für den Bauern eine gehörige Arbeitserleichterung.

Sich auf vier Rädern fortzubewegen, war nach kurzer Zeit für uns zur Normalität geworden – Alltag im Alltag. Aber wie stets in meinem Leben, drängte es mich auch jetzt wieder zu Höherem.

In der Nachbarschaft drehte seit längerer Zeit eine Knutschkugel ihre Runden.

 

 

Knutschkugel, was ist das denn – mag mancher verwundert fragen. Es war eine oder ein BMW-Isetta – ein Automobil (oder war es doch nur die Weiterentwicklung eines Motorrades mit Dach?) – zwar klein, aber fein. Wegen der äußeren runden Form, und wegen des geräumigen Innenraumes, der sich wunderbar für einsame Zweisamkeiten eignete, wurde es auch Knutschkugel genannt. Für fünfzig Mark hatte der Besitzer mir fahrverrücktem Narren das Gefährt überlassen. Bis ich altersmäßig die erforderliche Fahrerlaubnis erwerben konnte, ging noch eine Weile hin, aber ich war mit siebzehn schon Autobesitzer und den anderen Jungen wieder einmal um die berühmte Nasenlänge voraus.

 

Im Atomkraftwerk Hanau-Karlstein war Herr Zenglein nach dem Ende seiner Selbständigkeit in einer guten Position untergekommen. Eine Meisterstelle sicherte ihm seinen Lebensunterhalt. Er befand sich noch nicht in dem Alter, um sich auf seinem Rentenkissen ausruhen zu können. Und soviel Geld lag auch nicht auf der hohen Kante, um sich für den Rest seiner Tage zu pflegen. Also mußte er malochen, bis das die Schwarte krachte – genau wie wir es mußten, die er ausgebildet hatte.

Ich kann es beurteilen, denn ich konnte ihn jeden Tag beobachten. Dank seiner Fürsprache wurde die Reaktor Brennelemente Union – das Kürzel RBU ist wohl bekannter im Lande – auch mein Brötchengeber. Werkzeugmachen stand von da an zwar nicht mehr auf meinem Tageszettel – aber interessant war meine Tätigkeit nicht weniger. Die Qualitätskontrolle in der Brennelemente-Fertigung sah mich durch die Arbeitstage eilen. Klingt eigentlich ganz profan – Brennelemente-Fertigung. Ungefähr so, wie Briketts pressen oder Wachskerzen ziehen. Von dieser Art Arbeit war meine Tätigkeit aber ungefähr soweit entfernt, wie die Sonne von der Erde.

Bei uns füllte man tablettenförmige Uranteile – die ich vorher überprüfte – in Brennrohre, die anschließend verschweißt und zu großen Einheiten verbündelt wurden. Nach der Aktivierung dienten sie als Treibstoff für die Atomreaktoren, in denen so billig Strom erzeugt wurde und wird. Ich habe mich später häufig gefragt, zu welchem Preis das alles geschieht.

 

Natürlich waren wir radioaktiven Strahlen ausgesetzt – die Messgeräte zeigten es uns zu jeder Sekunde, weil wir sie ja am Leibe trugen.

Alle sieben Tage überprüfte ein Sicherheitsingenieur die Gesamtstrahlenmenge, der wir unter der Woche ausgesetzt waren.

So ganz „Ohne“ war meine neue Beschäftigung also nicht, denn grundlos zahlte die Gesellschaft mir jungem Hüpfer nicht 2 000.- DM netto. Damit konnte ich unter Gleichaltrigen schon ganz schön glänzen.

 

Den Schichtdienst im Werk nahm ich dafür gern in Kauf.

Bis mich der Hafer stach – der Hafer in Gestalt von Bernd. Mit Bernd drückte ich jahrelang gemeinsam die Schulbank. Wir waren eigentlich richtig befreundet – so dachte ich wenigstens. Ein Jahr gehörte ich nun zur RBU. Es war mein zweiter Sommer nach der Auslehre, und er war genauso südlich, wie mein erster Sommer in Deutschland – dreizehn Jahre zuvor.

Bernd hatte seine Arbeit geschmissen – die Sonnentage im Schwimmbad gaben ihm mehr. Auf jeden Fall seinen Augen – denn jungen, wohlgeformten Mädchenhintern schielten wir auch schon hinterher.

Uns wuchsen ja schon Haare auf der Brust, und anderswo am Körper.

Wenn Bernd mir in meiner wenigen freien Zeit von seinen Erlebnissen vorschwärmte – das meiste davon entsprang sicher seinem Wunschdenken – befielen mich richtige Verlustängste. Was verpasste ich nicht alles! Mein Jungmännerblut kribbelte, und ich stellte mir die heißesten Geschichten vor.

Ich kündigte bei der RBU.

Kurzentschlossen.

Unser Personalchef fiel aus allen Wolken. Er vermutete als Grund die Heimkehr in die Türkei – oder erwartete sonst eine schwerwiegende Begründung für mein Handeln.

Dass ich mit meiner Entscheidung bei mir selbst nicht einmal auf der sicheren Seite stand, zeigte sich dadurch, daß ich mir irgendeine bescheuerte Begründung einfallen ließ. Ich konnte ihm einfach nicht sagen, daß mich die Sünde lockte – das ich mich für doof hielt, bei RBU zu schuften. Wenn ich ihm das gesagt hätte – er hätte garantiert festgestellt, daß ich tatsächlich so doof war. Nur, seine Begründung dafür, die hätte garantiert anders gelautet, als die meine.

Während ich mir in den Katakomben Strahlen einfing, fing mein Freund Bernd im Strandbad die hübschesten Käfer ein.

 

 

 

 

Abgenommen hat der gescheite Herr Reis mir meine fadenscheinigen Argumente mit Sicherheit nicht, sonst hätte er mich bestimmt nicht so lange bekniet, meine Kündigung zurückzunehmen. Sogar eine Urlaubs-bedenkzeit bot er mir an – aber ich Torfkopp lehnte stur ab. Heute bin ich überzeugt, die Esel in der Türkei waren in ihrem Denken damals klüger.

Sein großes Bedauern über meine Entscheidung, und alle guten Wünsche, gab er mir mit auf den Weg – eingepackt in den Schlusssatz – bei der RBU werden sie nie wieder anfangen können.

Es war ein Prinzip der Firmenleitung.

Herr Reis war ein Personalchef der Sonderklasse – ich habe bis heute keinen ähnlichen kennen gelernt.

Das war mein erster Ausflug in die Arbeitslosigkeit. Gott sei Dank blieb es bei einem Kurztrip – denn ich merkte schnell, daß die Jagdbeute im Strandbad gar nicht so fett war, wie Bernd es in seinen Kreuzmalereien dargestellt hatte. Und meine Ersparnisse bekamen auch ganz schnell die Schwindsucht.

 

Folge 5

 

 Ich bereute zutiefst meine vorschnelle und unüberlegte Entscheidung, und bei den Strahlenproduzenten von der RBU in den Sack gehauen zu haben, aber – die Sache war nicht wieder rückgängig zu machen. Ebenso wenig wie nach einer gewissen Prozedur ein kleiner Judenjunge nie wieder zu einem Nichtjudenjungen werden kann.

Wieder war es unser Schuttplatzspezialist – Pfadfinder Hans-Werner – der für mich den nächsten Glücksfund machte. Auch er war nicht mehr in der Firma, die nach seiner Lehrzeit seine Fähigkeiten benötigt hatte. Nur war er nicht wegen seines kribbelnden Jünglingsblutes von da fort – wie ich balzender Hahn. Er bekam bei seinem neuen Arbeitgeber einfach mehr Lohn – die Maschinenbaufirma Hein zahlte ein verlockend besseres Entgeld. Hydraulische und pneumatische Maschinen waren auf der Werteskala des Marktes höher angesiedelt.

Wie er es denn fertig brachte, weiß ich nicht – auf jeden Fall arrangierte er für mich ein Stelldichein mit seinem neuen Chef persönlich.

 

Der gute Ruf der Firma Zenglein wehte wieder einmal wie ein gutes Omen vor mir her. Als ich das Büro des Chefs nach einer kurzen Unterhaltung wieder verließ, gehörte ich schon zur Mitarbeiterschar von Hein’s Maschinen- und Anlagenbau.

So einfach war es zu dieser Zeit – wenn man an einem Tag in einer Firma „in den Sack“ haute, konnte man in den meisten Fällen schon am vorhergehenden Tag wieder anderswo anfangen.

Gegenüber dem heutigen Stellenmarkt war es schon so ein klein wenig wie der Hauch eines Arbeiterparadieses.

Zweimal dreihundertfünfundsechzig Tage sah mich die Zeit bei ihrem Hasten durch dieselbe an der Werkbank bei Hein stehen, dann trieb es mich unaufhaltsam weiter.

Ich begann meinen Vater zu verstehen – ich begann zu begreifen, warum er in der Türkei seine gesicherte Existenz aufgegeben hatte. Der Drang nach Neuem trieb ihn – genau wie mich jetzt. Mein nächstes Abenteuer hatte mit dem kaufmännischen Leben zu tun, und hieß Außendienst.

 

Dem Fahrbachweg in Aschaffenburg hatte ich den Rücken gekehrt – irgendjemand hatte irgendetwas verloren, das fühlte ich. Entweder der Fahrbachweg mich – oder ich den Fahrbachweg. Irgendwann fand ich des Rätsels Lösung, und wußte, daß ich der Verlierer war. Der Grund für meinen Wohnortwechsel war weiblicher Natur – ein Mädchen, oder besser gesagt eine Frau. Allah hatte Amor meinen Weg kreuzen lassen. Der, wohl allen Menschen bekannte Engel mit dem Bogen, hatte einen Pfeil auf mich abgeschossen – und natürlich voll ins Schwarze getroffen.

 

 Meine erste große Liebe schwebte wie eine rosarote Wolke um mich herum, und füllte unsere gemeinsame Wohnung in der Innenstadt von Aschaffenburg mit Bergen von Glück. Dass die Verheißung fünf Jahre älter als ich, und vorher schon einmal verheiratet war, war für mich völlig belanglos. Ein Baby hatte sie durch das Leiden in der beendeten Beziehung verloren – meine Liebe und Zuneigung halfen ihr, die Wunden sich schließen zu lassen.

Im Umfeld meiner neuen Bleibe lernte ich nach kurzer Zeit einen Menschen kennen, der abrupt die Zielrichtung meiner Lebensplanung änderte. Vielleicht war der feine Nadelstreifenanzug mit dem kornblumenblauen Hemd und der Seidenkrawatte die Weiche, die mich auf eine andere Schiene leitete. Peter hieß er, und war plötzlich unser Nachbar im gleichen Wohnblock.

Der Rest seiner Familie – das heißt, seine Frau und die Kinder – wohnte schon länger in der Wohnung neben unserem Liebesnest. Jahrelang galt seine Frau bei den Mitbewohnern als bemitleidenswerte alleinstehende Mutter mit fünf Kindern. Diese Mitleidseinstellung der Leute änderte sich schlagartig, als Peter als Vater aus der Versenkung wieder auftauchte. Peter hatte für sechs Jahre die gesiebte Luft hinter schwedischen Gardinen genossen. Wie er mir später erzählte, war er der Kopf einer ziemlich großen Einbrecherbande gewesen. Stolz zeigte er mir Zeitungsausschnitte mit Berichten über seine „Karriere“. Die Bilanz seines zwielichtigen Geschäftes belief sich auf geschätzt über zwei Millionen D-Mark. Wahrhaftig schon der Umsatz eines kleinen Imperiums. Nichts fehlte auf der Palette des gestohlenen Gutes – von Teppichen über Büromaschinen und elektronischen Geräten bis hin zu Textilien neben Lebens- und Genussmitteln. Die sechs Jahre Knast hatten ihn aber beileibe nicht geläutert – er trauerte nur um die verlorene Zeit.

In meiner Phase als Bierauslieferer traf ich auf Peter. Die süffigen Produkte von Martins Brauerei brachte ich von morgens bis abends unter die Trinker im Lande. Die Angestellten der Gerstensafterzeuger wurden damals noch großzügig behandelt. Zwei Kästen Haustrunk bekamen wir die Woche – ganz schön honorig, und immer die Gefahr in sich bergend, aus den Mitarbeitern Säufer zu machen. Damit ich erst gar nicht in Versuchung kam, veranstaltete ich mit meinen Freimengen kurzerhand wöchentliche Partys. Wodurch mein Taschengeld in ganz schön runde Summen gekleidet wurde. Alle, die einmal probiert hatten, waren versessen auf den billigen Rausch bei mir.

 

 

 

Nachbar Peter lud meine Freundin und mich eines Abends zum Essen ein. Die fünffachen Eltern hatten gehörig eingekauft (auf welche Art das „Einkaufen“ erfolgt war, habe ich mich an dem Tage nicht gefragt – obwohl es ja eigentlich hätte nahe liegen müssen) – vor allem Gerichte aus meiner schon fast vergessenen Heimat. Menschenskinder – wie fühlte ich mich von meinem Nachbarn Peter gebauchpinselt – von so einem weltläufigen Deutschen so glänzend hofiert zu werden! Was tischten die beiden nicht alles für uns auf! Knoblauchwurst, Schafskäse, gefüllte Weinblätter, Oliven, eingelegte Paprikaschoten, original türkisches Fladenbrot und, und, und …! Das Angebot nahm gar kein Ende. Auf die Idee, mich zu fragen, warum der Knastbruder Peter um mich einen solchen Aufwand betrieb – auch dazu kam ich nicht einmal ansatzweise. Irgendwie war ich verblendet – im Stillen, so zu mir selber, sage ich im nach hinein auch wohl, ich war ziemlich blöd. Aber das bitte ich jetzt, nicht weiterzusagen.

Das alles gab es natürlich nicht trocken serviert – türkischer Wein und Raki sorgten in ausreichender Menge dafür, daß uns die mehr als reichhaltigen Speisen nicht im Halse stecken blieben. Peter war nicht bloß ein ausgebuffter Knastologe – Peter war auch ein ausgewachsener Alkoholiker. Und das bestimmt nicht erst seit gestern.

Für mich als „Greenhorn“, das auf jede Streichelbewegung der Menschen in seiner neuen Heimat versessen war, wirkte das Tun Peters überwältigend „cool“ wie man heute wohl amerikanisiert sagt.

Kaum aus dem Gefängnis in die Freiheit entlassen, residierte er schon wieder in einem angemieteten Büro – mit auf Pump gekauften Möbeln – als selbständiger Unternehmer. Seine Idee war für die Zeit, in der die Zeit sich bewegte, einfach genial. In seinem Denken war er der Entwicklung um einiges voraus. Eine, durch Werbung finanzierte, kostenlose Zeitung wollte er herausbringen. Ähnlich den heutigen Stadtteilzeitungen. Die Voraussetzung für die Umsetzung solcher Pläne, war aber damals wie heute einiges Kapital. Auf einen einfachen Nenner gebracht, lautete die Frage: Woher nehmen, wenn wir es schon nicht selber drucken konnten? Wie bewunderte ich Riesenroß meinen neuen Freund ob seiner „genialen“ Einfälle! Er suchte – und fand – durch Zeitungsanzeigen stille Teilhaber mit überschüssigem Moos in der Tasche und der Gier nach mehr Geld im Kopfe.

 

Geblendet von seinem makellosen Auftreten, und angetörnt von seinen gewinnverheißenden Versprechungen, stiegen sie in die neugegründete Firma als Teilhaber ein. Natürlich mit notariell beglaubigten Verträgen. Die aber das Papier nicht wert waren, auf dem die Texte geschrieben standen.

Volle Auftragsbücher für seine angedachte Zeitung lagen auch schon auf dem Bürotisch. Seine Außendiensterfahrung als „Drücker“ und späterhin als Kolonnenführer einer solchen Zeitungsverkäufertruppe kamen ihm dabei zugute.

Zugute kamen ihm denn auch die stattlichen Geldsummen, die werbewillige Kunden vorab bezahlten. Sie kamen seiner Erholungsbedürftigkeit und seinem Geltungsbedürfnis sehr gelegen. Einfach ausgedrückt – er machte sich davon ein feines Leben.

Eine Vorzeigetour nach Ost-Berlin stand als erstes auf dem Programm. In Ostberlin wohnte seine Schwester – man mußte den unterentwickelten SBZ-lern doch den Glanz der Westzonen vor Augen führen – ihnen die Erfolge eines Republikflüchtlings demonstrieren. Peter stammte nämlich aus der „DDR“ – seine Mutter hatte mit ihm über das österreichische Wien Jahre zuvor in den Westen „davon gemacht“ – wie es die Menschen jenseits der Mauer salopp ausdrückten. Seine Mutter hatte familiäre Bindungen in die Wiener Kaffeehausgesellschaft. Peters sprichwörtlicher „Wiäner Schmää“ kam wohl aus dieser genetischen Erbabteilung. So ein wenig verband uns also unsere persönliche Geschichte – Peter und mich. Nur die Gründe waren verschiedenfarbig. Peter folgte seiner Mutter, die vor einem menschenverachtenden System Reißaus genommen hatte – ich mußte meinem Vater in das Land seiner Träume folgen. Der Zielort an dem wir irgendwann ankamen und aufeinandertrafen, war der gleiche – nämlich Aschaffenburg.

Als Chef des neugegründeten Verlagshauses, und als Herausgeber einer Zeitung, die noch gar nicht existierte, machte Peter erst einmal für ein paar Wochen Urlaub. Er wollte reell den Mief des Knastes ablegen – wie er sich ausdrückte. Nach seiner frischgedufteten Rückkehr an den Ort seiner Aktivitäten konnte er auch gleich die Erfolge seiner Kampagne betrachten. Der Kreis der Geldgeber lag flach am Boden. Ruiniert und am Ende. Statt des erhofften Geldsegens aus dem Hintern des Goldesels – den sie in froher Erwartung gefüttert hatten – war ihr Kapital in einem Faß ohne Boden verschwunden. Wie wenn man der Wüste Gobi mit dem Inhalt einer Kleingartengießkanne zu Leibe rückt, in der Hoffnung auf ein grünes Paradies.

Einige der geldgeilen Investoren waren schlicht und ergreifend pleite – sie waren einem Betrüger aufgesessen. Eben Peter. Auf seiner Fahne stand zwar „Robin Hood“ – doch die Idee dieses Raubritters vergangener Tage – den Reichen zu nehmen, den Armen zu geben – hatte er auf seine eigene Art umgedeutet. Reiche gab es viele im Lande – mit ihm als einzigen Armen.

Wie es trügerische Wohlgerüche nun einmal so an sich haben – Peter verduftete ganz schnell. Er verschwand von der Bildfläche seines Wirkens. Wer lebt schon gern zwischen Ruinen. Das ging so schnell, daß selbst ich nicht sehen konnte, in welche Richtung er sich verflüchtigt hatte.

 

Teil 7

 

Wie der Zufall – oder das Schicksal – es fügte, traf ich Peter eines Tages in einem Kaufhaus wieder. Als wenn die Zeit dazwischen gar nicht über uns hinweggezogen war, nahm er mich sofort mit in sein neues Heim. Der Raubritter hatte eine neue Burg gefunden – in einem pleite gegangenen Bäckereibetrieb residierte er jetzt mit seiner Familie. Im Verkaufsraum, der den vorderen Teil der Residenz ausmachte, präsentierte er Bilder, durch die großen Schaufenster gut zu betrachten. Bilder, die unter den Händen seiner Frau entstanden – Hinterglasmalerei. Den künstlerischen Wert konnte ich nicht beurteilen – er entsprach nicht meiner Kultur. Aber Peters Wesen hielt mich immer noch gefangen. In regelmäßigen Abständen zog es mich zu ihm hin. Er hatte mir einen Floh ins Ohr gesetzt – hatte mir eine Frage gestellt, deren Beantwortung mich schon nicht mehr schlafen ließ. Der Verkauf – das an den Mann bringen dieser Objekte.

Ich wäre nicht meiner Großmutter Enkel, hätte ich nicht die Lösung gefunden. Eine Handelsgesellschaft für den Im- und Export von Waren. Peter war begeistert von meiner Idee – und mir schmeichelte seine Begeisterung. Sie schmeichelte mir halbgewachsenen Türkenjungen so sehr, das ich nicht bemerkte, wie luftig und bodenlos sie war. Peter suchte neues Geld – und ich Hammelkopf investierte meine Ersparnisse – 5 000 Mark lagen bei mir auf der hohen Kante. Ich gab nicht nur meinen Profit aus den Freibiergeschäften hin, nein – ich nahm auch noch einen Kredit über die gleiche Summe auf. Das waren zehntausend harte, blitzende, klingende Münzen, von denen ich bis heute nicht eine wiedergesehen habe.

Seine Begeisterung über meine Pläne, billige westliche Produkte mit Profit in der Türkei zu verkaufen, das gleiche mit preiswerten türkischen Erzeugnissen dann in Deutschland zu machen, sorgte wohl für meine Blindheit – machte meinen ansonsten nüchternen Verstand regelrecht besoffen. Plötzlich waren wir Geschäftspartner. Ich war der nichtsahnende, freudestrahlende Nachfolger seiner anderen Opfer. Bevor ich mir aber dessen bewußt wurde, mußte noch einiges Donauwasser den Weg zum Schwarzen Meer nehmen. Wir nahmen jedenfalls gleich darauf die Umsetzung meiner Idee in Angriff. Als erstes mußte ein Gewerbeschein her. Bei Peter gab es da so einige unüberwindliche Hürden, die verhinderten, daß er an so ein Papierchen gelangte. Für mich war es leicht. Auf dem zuständigen Amt ein paar Fragen, ein paar Stempel, ein paar Mark an Gebühren – und ich war frischgebackener Chef einer Im- und Exportfirma.

In Goldbach – ich empfand den Namen als eine Verheißung – residierte ein Jeanshersteller. Wir kauften gleich am nächsten Tag soviel Jeanshosen, wie wir im Kofferraum meines Opel-Rekords verstauen konnten – und dann ab – nein, nicht nach Kassel, sondern in die Türkei, um dort die Baumwollpflückerhosen zu versilbern. Ein Kasten Heyland-Bier und drei Nullsiebenliter Flaschen Jägermeister leisteten den Exporthosen in der Dunkelheit der Gepäckabteilung Gesellschaft, aber nur für die ersten zwanzig Stunden der Reise.

So lange dauerte es nämlich, bis wir in Bulgarien waren, und mehr Zeit benötigte mein Freund auch nicht, um unseren gesamten Alkoholvorrat durch seine Kehle fließen zu lassen.

In Bulgarien bunkerte ich für den Kampftrinker Peter erstmal wieder neue Munition. Sonst wäre er mir bis zum Ziel unserer Reise ausgetrocknet, und hätte an den Grenzkontrollen vor lauter Zittern seinen Paß nicht in den Händen halten können. Gottseidank dauerte es nach der letzten Kontrolle an der türkischen Grenze nur noch knapp eine halbe Stunde bis zu einem mir bekannten Lokal in Edirne.

Edirne – diese wunderschöne, grenznahe Stadt empfing uns Weltenbummler mit offenen Armen, und ihrer echt türkischen Seele. So ein bißchen erschien sie mir wie ein Zuhause, das den verlorenen geglaubten Sohn mit Freuden empfängt. Ich hatte mich schon seit Stunden auf die leckere Kuttelsuppe gefreut, die es in der Gaststätte gab. Meinem Beifahrer war augenscheinlich der Raki wichtiger und willkommener.

Bevor wir weiterfuhren, tankte ich die Schnapsreserven nach, denn bis Izmir war noch ein langer Weg. Freund Peter verbrauchte nämlich mehr Alkohol auf hundert Kilometer, als mein Opel an Benzin benötigte. Izmir stand in weiter Ferne am Horizont geschrieben – ich konnte es siebenhundert Kilometer weit leuchten sehen, denn soweit war es noch bis dahin. Eceabat, Keschan, Gelibolu, Cannakale, Edremit hießen die Meilensteine an diesem langen Weg, an dessen Ende wir endlich Izmir greifen konnten. 3 000 Kilometer lagen hinter uns – 3 000 Kilometer Strasse, die meinen Opel mehr ermüdet hatten als mich. Ich war so frisch wie bei unserer Abreise in Aschaffenburg.

Izmir – mein vertrautes Izmir gab mir eine innige, wohlige Heimatwärme, die mich irgendwo ein wenig traurig stimmte. Das letzte Stück Weg bis zu dem Haus, in dem ich meinen ersten Schrei getan hatte, konnte ich gar nicht schnell genug hinter mich bringen. Die Freude, meine Eltern und Geschwister wiederzusehen, ließ meinen Körper zittern, wie die türkische Erde bei einem Beben. Meine Eltern waren nämlich anfangs der achtziger Jahre wieder in die Türkei gewechselt – vor allem meine Mutter war dem gesellschaftlichen Klima in Deutschland nicht mehr gewachsen gewesen. Bei jedem neuen Anschlag rechtsgerichteter Fuzzis starb sie bald vor Angst um ihre Familie. Väter bestimmen in türkischen Familien zwar die Richtung, dies geschieht in bestimmten Dingen aber selten gegen den Willen ihrer Frauen. In westlichen Vorurteilen wird es meist anders dargestellt. Für mich ist das auch ein Minus bei der Völkerverständigung. Mich hatten meine Eltern schweren Herzens in Deutschland zurückgelassen – sie hatten meine eigene Entscheidung akzeptiert, obwohl mein Vater einen schweren Gang gehen mußte. Er hatte nach alter Tradition in der Heimat schon eine Braut für mich ausgesucht, und ich denke, daß meine Entscheidung für ihn ein Stück Ehrverlust bedeutete. Wichtiger als seine eigene Ehre war ihm aber die Ehre des jungen Mädchens, mit dem ich in Deutschland verlobt war. Wie schwer es für ihn gewesen sein muß, habe ich erst viel später so richtig begriffen. Danke, Papa.

Vor meinem Geburtshaus – das ja nun wieder mein Elternhaus war – erwartete uns mein Vater mit soviel Glück in den Augen, wie ich es bei ihm nie zuvor gesehen hatte. Er hatte sich genau ausgerechnet, wann wir ankommen würden – war praktisch jeden Kilometer auf der Landkarte in Gedanken mit uns gefahren. Er kannte die Strecke von seinen vielen eigenen Fahrten ja aus dem Effeff. Den Moment des Wiedersehens, und den Dank an Allah, daß seinem Sohn auf der langen Reise nichts passiert war, wollte er wohl alleine hinter sich bringen, denn meine Mutter und meine Schwester kamen erst eine Weile nach ihm aus dem Haus. Ihre Wiedersehensfreude war deswegen aber nicht weniger herzlich. Ein guter Tee und schmackhaftes Essen warteten schon auf uns, über das wir sogleich wie hungrige Wölfe herfielen. Mein Vater machte sich währenddessen ans auspacken. Für mich bedeutete es eine völlig neue Erfahrung – meinen Vater für mich das Gepäck tragen zu sehen. Wie groß muß seine Freude gewesen sein, mich wieder bei sich zu haben – und sei es auch nur für eine kurze Zeit. Abends saßen auch meine jüngeren Brüder mit im Kreise – es wurde eine lange Nacht, in der wir uns wohl mehrmals von Pontius nach Pilatus und wieder zurück redeten. Peter hatte sich gleich den türkischen Cognac zum Freund gemacht – Jägermeister war in der Türkei noch unbekannt. Unmengen Tuborg Beer schickte Peter dem Cognac hinterher, damit der sich in seinem Inneren nicht so alleine fühlte. Das gute Frühstück, das meine Mutter am nächsten Morgen für uns zubereitete, ebnete den Weg in den neuen Tag. Peter hat mir später am Tage anvertraut, so gut habe er noch nie gefrühstückt. Stadtkennenlernen stand auf dem Programm – nein, nicht für mich – ich kannte Izmir ja wie meine Westentasche. Meinem Freund Peter mußte ich die Stadt nahe bringen. Der orientalische Bazar, mit seinen Bildern und Gerüchen wie aus Tausendundeiner Nacht, war unsere erste Station. Für Peter schien ein Märchen wahr zu werden – er hatte mein Berichten davon immer so ein wenig für Kindheitsträumereien gehalten – für eine Fata Morgana in der kulturellen Öde des Abendlandes.

40 Grad oberhalb des Gefrierpunktes zeigte der Wärmemesser an – 40 Grad im Schatten! Peters Körperflüssigkeit sauste durch seine weitgeöffneten Poren mit Lichtgeschwindigkeit in die türkische Sommerluft. Beide Hände benötigte er, um den Flüssigkeitsspiegel im Innern auszugleichen.

Nach dem ersten Rundgang über den Bazar flüchteten wir in den nächstbesten Teegarten. Die türkischen Teegärten kann man mit den deutschen Biergärten vergleichen – wenn ein Vergleich überhaupt möglich ist. Der Tee war für mich ein Labsal – das kühle Tuborg-Bier für Peter der Himmel auf Erden. Die Massen, die er verkonsumierte, müssen irgendwo zwischen seinen Lippen und seinem Magen verdunstet sein. Die Mengen Alkohol hätten ihm bei der Hitze eigentlich die Beine wegreißen müssen. Ausgebildete Kampftrinker können tatsächlich eine Menge vertragen. DAS war für mich eine neue Erkenntnis. Wenn bei meinem Freund Peter irgendwann mal eine Blutübertragung nötig wäre – eine Blutbank könnte da dann wohl nicht helfen – eine Schnapsbrennerei wäre wohl eher die richtige Quelle.

Nachdem wir unseren Körperzellen genügend Feuchte zugeführt hatten, starteten wir zur nächsten Runde. Wir klapperten den Bazar nach Exportartikeln ab, in deren Erwerb wir den erhofften Hosenerlös fließen lassen wollten.

Die Kupferbilder, die kupfernen Geschirre – der ganze bunte Krimskrams war so verführerisch billig – unser Warenlager für den Verkauf in Deutschland war in kurzer Zeit gefüllt.

Der Jeanshosenverkauf mußte jetzt nur noch unsere Kasse wieder auffüllen. Mein Optimismus und meine Euphorie hatten mich die Reihenfolge des Handels verwechseln lassen. Nicht eine einzige Hose brachten wir an irgendeinen Männer- bzw. Frauenhintern. Notgedrungen entwickelten wir uns zu Selbstversorgern in punkto Beinkleider. Hosen brauchten wir für die nächsten zehn Jahre nicht mehr zu kaufen. Wir hatten überreichlich davon auf Lager – wir, oder meine Familie und ich zumindest, zogen sie tapfer an. Auch wenn die Größe und Passform nicht immer meinen Maßen entsprach.

Der Sorge, irgendwann mal mit nacktem Achtersteven durch die Weltgeschichte laufen zu müssen, waren wir also für einen längeren Zeitraum enthoben. Meine Familie marschierte in Einheitsjeans gekleidet durch die Zeit.

Bevor diese Erfahrung uns begleitete, begleiteten uns mehrere Kilogramm Lammfleisch, eine große Kiste Tomaten, frisch gebackenes Weißbrot, und was man sonst noch alles für ein zünftiges Grillfest nötig hat, zu einer wunderschönen Badebucht in Altinkum.

Peter wähnte sich in eine Außenstelle des Paradieses versetzt. Zumal sich sein Kontakt mit dem klaren Wasser auf äußerlich beschränkte. Seine inneren Werte konnte er in reichlich dänischem Bier baden – ich hatte im Umkreis alle erreichbaren Tuborg Vorräte für ihn aufgekauft.

Dem türkischen Weinbrand ging er nach einiger negativer Anfangserfahrung vorsorglich tagsüber aus dem Weg – dem war er in der Hitze des Tages trotz seiner knüppelharten Kampftrinkerausbildung nicht gewachsen. Des Abends zog er dafür mit den hochprozentigen Kostbarkeiten umso ausgiebiger ins Gefecht.

Die folgenden sonnenreichen Tage sahen uns auf Besuchstour quer durch die Familie meines Vaters. Großeltern, Onkels und Tanten – keinen Verwandten ließen wir aus – ein solches Tun hätte man mir auch übel angekreidet.

Übel angekreidet hatte es mir allerdings meine Figur. Durch das supergute Essen, mit dem wir überall verwöhnt wurden, nahm ich allmählich die Form einer prall gefüllten Leberwurst an.

Obwohl ich meine ganze große Familie zum fressen gern habe, war ich doch heilfroh, als wir die Reihe der väterlichen Verwandtschaft hinter uns hatten.

Mit körperlichem Übergewicht beladen, aber innerlich befreit, machten wir uns nach ein paar Tagen vergeblicher Hosenverkaufsversuche auf die Socken ins Dorf Sultanhisar im Bezirk Aydin. Etwa 200 Kilometer von Izmir entfernt.

Die mütterlichen Verwandten erwarteten uns. Meiner Großmutters Orangenplantage lockte mich. Die Erinnerung an die Oliven- und Mandelbäume meiner Kinderzeit ließ mich nicht mehr ruhig schlafen. Der Geschmack der goldenen Trauben in Omas Weingarten weckte in mir die süßesten Empfindungen. Während der Besuche bei der Großmutter in unseren Deutschlandjahren war ich ja schon ein erwachender Triebling.

Keine Angst – ich plaudere nicht aus der Schule.

Dem einfachen Dorfleben gehörte immer schon meine Liebe – na ja – nicht nur dem einfachen Dorfleben, sondern in gewissem Maße auch den schönen, die in dem einsamen Dorf lebten. Meiner in Deutschland erworbenen Einstellung zum schönen Geschlecht musste ich während dieser Tage und Wochen notgedrungen in ein ehernes Korsett zwängen.

Auf jeden Fall – meine Oma war rein aus dem Häuschen – so ein bißchen war ich nämlich immer schon ihr erklärter Liebling gewesen.

Leider hatte sie meinen Liebling – ihren Esel – verkauft.

Aber Betrübnis in meinen Augen ließ Großmutter gar nicht erst aufkommen, als sie meinen Wunsch nach einem Eselsritt vernahm. Es dauerte keine fünf Minuten, und sie hatte beim Nachbarn einen Esel losgeeist. Losgeeist – gut gesagt, in der Hitze des türkischen Sommers.

Obwohl ich selbst gerne Reiter gespielt hätte – türkische Gastfreundschaft ist auch mein Lebensgebot – und so stand Freund Peter der Ritt auf dem Langohr zu.

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Dieses Gebot bescherte uns allen einen nicht enden wollenden Lachanfall.

Der Esel konnte mit seinem Einmeterzwanzig Stockmaß ungehindert durch Peters lange Beine laufen. Selbst wenn Peter sich gesetzt hätte – der kleine Esel hätte ihn mit Leichtigkeit getragen. Peter war zwar ein Lulatsch von etwas über zwei Meter Größe – aber er war keineswegs zwei Meter schwer.

Sein ständiger Kampf mit den Prozenten hatte ihn zu einer Bohnenstange werden lassen. Man mußte zweimal aufmerksam hinschauen, um ihn einmal zu sehen.

Wir machten uns auf zur Plantage – der Scheinreiter Peter und ich. Der Weg dahin war schon beschwerlich und lang, aber die Größe der Plantage zeichnete Erschrecken in Peters Gesichtszüge – Erschrecken über die vielen Schritte, die vor uns lagen, wenn wir alles sehen wollten.

Gemildert wurden seine Qualgedanken durch den Anblick der Zitrusfrüchte, die an den Bäumen hingen. Die Erntezeit war längst vorüber, aber Großmutter ließ für uns Familienbesucher immer Apfelsinen, Mandarinen, Zitronen und Limetten zum selber pflücken, über die Erntezeit hinaus, hängen.

Auch wenn keine Prozente den Geschmack abrundeten – Peter tat es mir nach, und langte kräftig zu. Es hat ihm sichtlich geschmeckt – und nüchtern blieb er auch.

Dieser Tag ist als einer der schönsten Tage meiner Türkeiaufenthalte in meiner Erinnerung lebendig geblieben.

Zum abendlichen Abschluss hat Peter dann einen ganzen Teegarten trocken getrunken – und nicht nur die Tuborg Vorräte – nein, sogar das türkische Efes- und Tekel-Bier mußte dran glauben.

Der Nachmittag auf der weitläufigen Plantage hatte ihm doch sehr zugesetzt – seine Knochen klöterten förmlich in der Pelle. Bei jedem seiner Schritte flogen, aufgeschreckt durch das ungewohnte Geräusch, die Vögel aus den Bäumen am Wegesrand.

Der Teegarten in der Nachbarschaft meines Elternhauses brachte ihm endlich die Erlösung – er konnte seine ausgetrockneten Körperzellen wieder auffüllen. Das tat er dann auch temperamentvoll.

Ich hab’ bis dahin nicht gewußt, daß in eine Bohnenstange soviel Bier hineinpaßt.

In den nächsten Tagen schonte ich Peters Kraftreserven – mit dem Auto erkundeten wir die umliegenden Ortschaften.

In Denizli brachten die weißen Sintersteine meinen Freund erneut aus der Fassung. So riesige Berge aus schneeweißem Wattestein gingen über seinen Horizont. Den Ursprung erklärte ich ihm auf unserer Wanderung durch diese Zauberwelt. Es sind die Kalkrückstände des heißen Wassers, das durch die vulkanischen Spalten aus dem Berg austritt.

Nach vier Wochen – länger konnten wir unsere „Geschäftsreise“ nicht ausdehnen – traten wir schweren Herzens die Heimreise an. Es war ja nun schon meine -zigte Reise zwischen dem Morgen- und dem Abendland – aber es bedeutete für mich immer wieder ein neues Abenteuer.

In diesem Falle noch ein besonderes – die Alkoholika für meinen Freund hatten mich mehr Geld gekostet, wie alles andere Lebensnotwendige zusammen genommen.

Mit der Ware, die wir in der Türkei, in der Hoffnung auf großen Gewinn, als „Importartikel“ erstanden hatten, haben wir daheim mehr oder weniger die Regale in unseren „Geschäftsräumen“ geschmückt. Irgendwie war alles nicht so gut gelaufen. Man kann auch sagen: Es war ein riesiger Flop mit schönen bunten Bändern.

Neue Aktivitäten standen an – der bevorstehende Winter mit der Adventszeit- und dem ihr folgenden Weihnachtsfest, ließ uns zu künstlichen Kränzen, ebensolchen Tannenbäumchen und Christbaumschmuck greifen.

Nicht für unseren eigenen Bedarf – nein, Handel wollten wir damit treiben. Groß angelegt und lukrativ sollte die Geschichte natürlich auch sein. Ruckzuck hatten wir uns mit entsprechender Ware eingedeckt – und hofften auf die anrollende Welle kauflustiger Menschen. Leider war es uns auch dieses mal nicht vergönnt, uns in blanken Talern zu tummeln – es wurde wieder einmal ein Bad in unseren Ladenhütern, als die sich unsere Geschenkartikel leider neuerlich entpuppten.

Woran lag es nur, dass wir mit unseren grandiosen Geschäftsideen ständig auf dem Bauch landeten? Waren unsere Flügel nicht kräftig genug – oder flatterten wir einfach in zu dünner Luft herum? Oder hatten wir einfach keine Ahnung vom Fliegen? Es war wohl von allem etwas.

Wir schlitterten mehr schlecht als recht durch die kalte Jahreszeit – mit schmaler Kost und wenig Kohle.

Statt Fett anzusetzen, bekam mein Kapital die Schwindsucht. Die Hustenanfälle meiner Geldbörse zerrissen mir häufig die Brieftasche.

Der nahende Frühling, mit den sprießenden Knospen in der Natur, erweckte auch meine Ideenschmiede zu neuem Leben.

Kleintransporte und Umzüge müßte man machen – dafür war doch garantiert ein Markt vorhanden. Der Teufel müßte doch zwei Klumpfüße haben, wenn wir damit nicht eine Lücke entdeckt hatten.

Die Anschaffungen für die Geschäftsgründung hielten sich in Grenzen. Büromöbel besaßen wir – Kleinlaster als Transportfahrzeug konnte man sich an jeder Ecke gegen geringe Gebühr mieten – DAS mußte doch gewinnbringend einschlagen. Wenn die Einschläge groß genug waren, würden wir uns einen eigenen Fuhrpark zulegen. Wir brauchten aber nicht einmal nach der Adresse einer Autovermietung suchen – nicht ein einziger Auftrag fand den Weg in unser Kontor. Es lag wohl mit daran, daß wir keine Hinweisschilder aufgestellt hatten – oder ganz einfach daran, daß der Teufel tatsächlich zwei Klumpfüße besaß.

Ich erkannte es nicht – wahrscheinlich aus einer Mischung aus Vertrauensseligkeit und zuwenig Lebenserfahrung heraus. Der zweite Klumpfuß des Teufels stand nämlich unter dem Schreibtisch in unserem Büro. Es war die Kiste mit leeren Schnapsflaschen, deren hochprozentiger Inhalt sich zwischen den Knochen meines Freundes Peter tummelte, und sich da sichtlich wohlfühlte.

Statt Werbung für unser junges Unternehmen zu machen, fühlte er lieber der Schnapsreklame der Spirituosenhersteller auf den Zahn. Im Sessel hinter dem Schreibtisch konnte er in aller Ruhe den Wahrheitsgehalt der Alkoholikawerbung testen.

In der Produktauswahl war er unparteisch und uner-bittlich – er ließ keine Marke aus. Seine Palette reichte von Edelbränden bis zum Kellertreppenkorn der Marke „Schuhauszieher“.

Wenn Peter im Arbeitsverhältnis gestanden hätte – sein täglicher Stundenzettel wäre vor lauter Überstunden aus den Nähten geplatzt.

Meine erste große Liebe war mit unseren Wild-wasserfahrten auch den Bach runter gegangen. Heute verstehe ich mein Mädchen – und würde sicherlich manches anders angehen.

Unsere finanzielle Grundlage war äußerst schwach geworden – sie schrie förmlich nach frischem Geld.

Peter war auf seiner Suche nach neuen Quellen der Verdienstmöglichkeiten fündig geworden. Was sich dabei in seinem Netz verfangen hatte präsentierte er mir als goldene Zukunft – als Ei des Kolumbus sozusagen. Für ihn kam das, was er da gefangen hatte, aus Altersgründen leider nicht mehr in Frage.

Erfolgreicher Außendienstmitarbeiter wäre er in seinen jüngeren Jahren lange genug gewesen – meinte er.

Nun eröffnete sich mir die Möglichkeit, bis in die Unendlichkeit auf leichte Art Pinunsen zu scheffeln. Peter hatte mir mein „Clondike“ – mein Goldader gezeigt. Ich brauchte nur zu schürfen. Ich fühlte mich plötzlich in die Zeit der Wildwestromanhelden meiner Jugendjahre versetzt – ich fühlte mich als Goldgräber. Die verlockende Aussicht auf schnellen Reichtum hinderte mich wieder einmal am klaren Denken.

Ich stimmte seinem, Peters Vorschlag mit Freuden zu. Wenn ich damals von seiner Absicht und seiner „Vorarbeit“ auch nur die geringste Ahnung gehabt hätte – mit genauso großer Freude hätte ich meinen „Freund und Gönner“ Peter nach Strich und Faden verprügelt – glaube ich.

Der Lumpsack hatte mich doch tatsächlich im Vorfeld für zehntausend Mark bar auf die Kralle an den Chef einer ‚Drückerkolonne’ verkauft. Er besaß aus seiner aktiven Zeit immer noch exzellente Verbindungen zu diesen halbseidenen Windhunden der Zeitschriftenwerberbranche. Ich war buchstäblich als „Erwerbsquelle“ von einem „Zuhälter“ an den anderen verschachert worden. Etwas anderes sind diese Typen nicht. DAS kann ich heute sagen.

Unter „Verlagswerbung“ konnte ich mir überhaupt noch nichts rechtes vorstellen. Der in Deutschland landläufige Begriff ‚Klinkenputzen’ für diese „Tätigkeit“ ging mir erst sehr viel später ein.

Um seiner ‚Vermittlungsprovision’ auch sicher zu sein, lernte er mich ein paar Wochen lang an – er weihte mich in die Geheimnisse des ‚Leute rumkriegen’ ein. Erst danach entließ er mich in des Teufels Hinterzimmer – als das ich die Verlagswerbung K. in Darmstadt im nachhinein empfunden habe.

Die Spinne im Netz – den Chef der Agentur – kannte ich schon aus den ‚Vorverhandlungen’ – aus den Dreiergesprächen zwischen Peter, mir und ihm.

 ‚Vorverhandlungen’ – den Glauben ließ man mir – der Chef des Ladens wollte wohl eher seinen ‚guten Kauf’ bestätigt wissen. Risikofaktoren in Gestalt von unsicheren Kantonisten geht man auch in diesem Metier tunlichst aus dem Wege. Es drehte sich in den Protzgesprächen nämlich nur um Abrechnungsprovisionen für eingefahrene Zeitschriftenabos.

Durch das Niedrigwasser, oder besser der anhaltenden Dürreperiode in meiner Kasse war es mir eigentlich gleichgültig, womit ich mein Geld verdiente. Nur ein bestimmtes Ehrverhalten habe ich mir nie abkaufen lassen. Zum Beispiel stammte keiner der Namen auf meinen Abo-Scheinen von den Grabsteinen schon Verstorbener auf irgendwelchen Friedhöfen, oder keines meiner Kolonnenmitglieder mußte wegen zu geringen Umsatzes hungern oder dursten.

Im Gegensatz zu den meisten meiner „Drückerkollegen“ bewahrte mich meine körperliche Überlegenheit vor Repressalien und Misshandlungen der Kolonnenführer. Meine Fähigkeiten als Ringer – ich war hessischer Landesmeister im Freistilringen gewesen – ersparte mir so manche ‚Ochsentour’ im Aboschreiben. Ich brauchte nicht bis spät abends von Tür zu Tür zu dackeln, um mein Pensum zu erfüllen. Neun Scheine – ohne die man sich normalerweise nicht im Quartier blicken lassen durfte – waren schon knüppelhart. Für die weniger begabten ‚armen Schweine’ unter meinen Kollegen bedeutete das oft ein achtzehn Stunden Tag.

Ich war von alledem befreit – weil ich ja zum lernen dabei war. Das glaubte ich damals zumindest selbst-gefällig. Eher war es wohl der Respekt der Unterbosse vor meiner körperlichen Überlegenheit.

Natürlich hat meine Fähigkeit, die Kunden von der unbedingten Notwendigkeit eines für sie völlig überflüssigen Zeitschriftenabos zu überzeugen, zu meiner besseren Stellung in der Gruppe beigetragen – sicherlich – aber allein das war es bestimmt nicht.

Die Berichte in den Zeitungen, über meine Erfolge als Ringer in der Bundesliga, haben mich bestimmt vor vielem Hässlichen beschützt. Ich stieg dank meiner Verkaufstalente ganz schnell in der Hierarchie auf.

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 Knapp ein Vierteljahr nach meinem Debüt bekam ich von der obersten Heeresleitung den Lohn – ich wurde zum Kolonnenführer ernannt. Übrigens war ich der jüngste Leiter in der Vertriebs-Geschichte des Hauses K. in Darmstadt.

 ‚Klinkenputzen’ gehörte für mich von dem Zeitpunkt an der Vergangenheit an. Die Auftragsausbeute der anderen Drücker einzusammeln und zu kontrollieren, das war plötzlich meine Aufgabe. I

ch hatte noch nie zuvor so viele Friedhofsadressen zu Gesicht bekommen.

‚Friedhofsadressen’ nannten wir die Scheine, auf denen erfolglose Werber einfach die Namen von schon Verstorben eingesetzt hatten, um die geforderte Norm zu erfüllen.

Da ich das Gewerbe von einer anderen Warte aus betrachtete – ja sogar für Schwächere einsprang, um deren Soll zu erfüllen – nahm ich in kurzer Zeit eine Sonderstellung unter den Kolonnenführern ein.

Mein Ruf reichte von Nord nach Süd – wer mich von den einfachen Drückern kannte, wäre am liebsten in meiner Kolonne tätig gewesen. Dann hätte ich aber wohl mit einem ganzen Eisenbahnzug durch die Lande reisen müssen.

Mein Traum vom Reichtum nahm Formen an – am deutlichsten zeigte er sich in der Form von Spiel- oder auch Roulettetischen.

Mein Chef führte mich großzügig in die Welt der ‚beschlipsten’ Zocker ein. ‚Beschlipst’ deswegen, weil in den Spielhöllen für Reiche eine bestimmte Kleiderordnung beachtet werden musste.

Die Casinos in Wiesbaden und Aachen waren immer häufiger unsere Wochenendziele. Ich machte die Erfahrung, daß Roulettekessel ganz schön gefräßig sein können. Der allwöchentliche, leichtverdiente Nachschub an Provisionstalern ließ mich da aber nicht groß drüber nachdenken. Zumal ich nach einem gelungenen Spielabend von meinem Chef einen „Orden“ bekam.

Für meine Verdienste um die Firma verehrte er mir einen „ROLEX“ Zeitmesser – sechstausend Mark verlangte jeder Juwelier dafür.

Ich schwebte in dem Moment im siebenunddreißigsten Kolonnenführerhimmel. Und genau da wollte mein gerissener Chef mich offenbar auch hinhaben – es war ihm gelungen – zumindest für eine geraume Weile.

Nach weiteren vier Wochen in meiner Führungsstellung – in der ich mit einem Kleinbus aus der Wolfsburger Autoschmiede meine Kolonne in die Einsatzgebiete kutschierte – stand mir als gönnerhafte Gabe meines Chefs ein nagelneuer Opel-Ascona zur Verfügung.

Gegen den Chevrolet-Camaro des Bosses war selbst dieses Benzinkutsche aber nur der berühmte Spatz in der Hand, mit dem ich mich zufrieden geben musste, während er die Taube auf dem Dach verspeiste.

Wenn ich heute so zurückschaue, kann ich nicht mehr verstehen, warum ich die Allüren meines Chefs nachahmte. Auf jeden Fall fuhr ich in meinem Ascona dem Fußvolk, das sich auf den Plätzen im VW-Bus drängelte, voraus. An den ausgemachten Treffpunkten mußte sich jeder beim Statthalter im Ascona – der ich nun ja war – seine Weisungen abholen. Die Kontrolle der Mitarbeiter wurde dadurch immer effektiver. Erfolglosigkeit eines ‚Drückers’ bemerkte man sofort.

Wir logierten immer in Gemeinschaftsquartieren – so konnte man am besten Querschlägern in der Mannschaft ausweichen oder besser noch vorbeugen.

Eines Abends saß ich alleine im Fernsehzimmer der Gruppenunterkunft. Die Mitternacht hatte sich schon aus dem Staub gemacht. Trotzdem fand ich noch keinen Schlaf. Ein Kriminalfilm vertrieb mir die Langeweile, als ich plötzlich Wärme an meiner Seite spürte. Es war eine Wärme der ganz besonderen Art – Wärme, wie sie nur von einem verführerischen weiblichen Körper ausgeht.

Brigitte – ein Mitglied unserer Truppe – heizte mir ein. Seit Wochen hatte mein kleiner Prinz in der Hose nicht mehr gejubelt – jetzt tränten ihm plötzlich vor soviel naher Weiblichkeit die Augen.

Brigitte hatte nur einen Hauch von Nachthemd über ihre süßen Verlockungen gestreift. Die schimmernden Kugeln der Brüste, der flache Bauch und die sanfte Erhebung des Hügels der Venus schienen durch den Stoff und machten meine Sinne betrunken.

Seit Monaten hatte ich an keinem Honigtopf mehr genascht – in dieser Nacht bekam ich reichlich Gelegenheit meinen Hunger auf Süßes zu stillen.

Brigittes Lustzentrum war anscheinend genauso ausgehungert wie das Meine. Morgens hingen wir daher ziemlich groggy in den Seilen. So intensive und lang andauernde Nahkämpfe waren für mich eine ganz neue und ungewohnte Erfahrung.

Unser nächtliches Kampfgetümmel hatte das ganze Logis mobil gemacht. Brigittes Lustschreie waren überall gehört worden. Uns fragen, ob wir gut geschlafen hätten, brauchte uns am Morgen keiner. Diese Schlachten wiederholten wir beide nun regelmäßig – Brigitte war für längere Zeit ‚mein Mädchen’.

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Der Stuttgarter Raum war abgegrast – das Futter stand nur noch spärlich in der Gegend. Wiesbaden war unser nächstes Etappenziel. Ein ganzes Hotel in Wiesbaden-Sonnenberg wurde allein für unsere Gruppe angemietet. Roman, mein Lehrmeister und Chef, war ein guter Pfadfinder. Er kannte jeden Winkel und jede Hütte, bevor er uns von der Leine ließ.

Nachdem wir uns einquartiert hatten, konnte Boss Roman sich ohne Kopfzerbrechen wieder seinen anderweitigen Interessen widmen – ich hatte die Kolonne fest für ihn im Griff. Mein Umsatz lag inzwischen schon beachtlich über seinem eigenen. Die Wiesbadener Croupiers bekamen wohltuend es zu spüren – und wußten das zu schätzen.

Mit Wiesbaden war Aschaffenburg in greifbare Nähe gerückt – der Ort meiner zweiten Kindheitshälfte. Die 80 Kilometer waren für mich nicht mehr als ein Katzen-sprung.

Die Wochenenden nutzte ich, um meiner Brigitte Aschaffenburg zu zeigen – und natürlich auch, um meinem alten Freund Peter Brigitte zu zeigen.

Meine alten Freunde im Fahrbachweg zu besuchen, um ihnen von meiner ‚Karriere’ zu berichten und meine Eroberung vorzuführen – dazu fehlte mir seltsamerweise der Mut.

Verprügelt habe ich Peter auch bei diesem Wiedersehen nicht – mein Zorn auf ihn war verraucht. Sein Gaunerstück hatte mir ja nicht geschadet. Ganz im Gegenteil – ich war nicht nur ein erfolgreicher ‚Geschäftsmann’ geworden – dank seiner Kabinettstückchen – nein, ich hatte ja dadurch auch Brigitte kennengelernt und die höchsten Grade der Lust erfahren. Es war einer der schönsten Abschnitte auf der Achterbahnfahrt meines Lebens.

Einen kleinen Denkzettel mußte ich meinem alten Freund und Kupferstecher dann aber doch verpassen – das konnte ich mir nicht verkneifen. Ich hätte sonst wohl Magengeschwüre bekommen.

Seine Abfindung, die er für mich bekommen hatte – wie er sich vorsichtig zurückhaltend ausdrückte – war natürlich lange schon den Weg alles Vergänglichen gegangen.

Ich lud den längst wieder mittellosen Peter in das feinste Restaurant der Stadt ein. Ohne vorher einen Portemonnaie-Walzer aufzuführen, ließ ich den befrackten Ober die Speisen- und Getränkekarte rauf und runter servieren.

Peter tat sich keinen Zwang an – genüßlich tränkte er seine ausgetrockneten Eingeweide mit den edelsten Sachen. Immer schön langsam, damit es auch wirkte. Auf halbem Wege verabschiedeten wir uns – ließen Peter sozusagen halbaufgerichtet im Kulinarentempel zurück.

Seine Nerven fingen gerade an, einigermaßen normal zu reagieren – da entzog ich ihm den Stoff. Er bekam zu spüren, wie es einem so ergehen kann.

Im Restaurant konnte er nicht bleiben – und an den Verkaufsbuden draussen gab es auch nichts ohne bare Münze. „Ohne Moos nichts los“ – hörte ich einmal einen Büdchenbetreiber zu Peter sagen. Zwar sagte der gute Mann das mit lächelndem Gesicht, aber so knochenhart und trocken wie ein sechs Monate altes Kommißbrot.

Vielleicht hat Peter da mal ein wenig an die Spielchen gedacht, die er mit mir getrieben hatte.

In mir waren tausend kleine Teufel der Befriedigung am tanzen. Dreimal habe ich diese Neckerei mit ihm getrieben – von da an schlich er immer erst einmal witternd um meine Einladungen herum – wie ein hungriger Steppenwolf – stets auf das schnappen einer Fußangel gefaßt. Mein gekränktes Ego hatte sich auf jeden Fall wieder aufgerichtet.

Unsere Wiesbadenzeit hatte sehr viel Substanz. Mainz, Ludwigshafen, Rüdesheim – alle umliegenden Städte und Dörfer pflügten wir intensiv durch. Wie ein Kamm mit fünfzehn enggestellten Zähnen zogen wir Strich für Strich durch die Landschaft. In drei Monaten glätteten wir ein Gebiet von gut zweihundert Kilometern Durchmesser mit äußerst guten Erfolgen. Jeder von uns – auch die Infanterie – genoß in dieser Zeit so eine Art Fettlebe.

Irgendwann war aber auch diese Weide abgegrast – wir mußten uns neue Futterplätze suchen.

In Kürten-Dürscheid wurden wir fündig. Eine Reiterhazienda wurde unser Basislager. Es war ein Hotel oberhalb eines Hanges. Roman wählte es wegen seines Nebenhauses aus, das er komplett anmietete.

In geschlossener Gesellschaft, und unter einem Dach befindlich, war die Zugriffigkeit auf die Mannschaft besser. Es verringerte erheblich die Gefahr, daß jemand von den Geknechteten aus der Reihe tanzte. Ich muß es heute eingestehen – unter Romans Regie ging es nicht immer nur christlich zu. Er wußte seine Vorteile immer zu wahren und diese im Falle eines Falles auch wohl brachial durchzusetzen.

Das Bergische Land hatte es mir auf den ersten Blick angetan. Von Bergisch-Gladbach nach Köln konnte man schon beinahe hinspucken – und Köln hatte etwas Besonderes an sich, das muß ich schon sagen!

Unser Größenwahn trieb Blüten – das Leben im Reichtum bekam Methode. Noch keine dreimal hatte Romans Hintern die original altenglische Klobrille in seinem neuen Domizil geküßt, da saß er schon mit seinen vier Buchstaben auf dem Rücken eines eigenen Pferdes. Einem Zigeunerbaron gebührt schließlich der allmorgendliche Ausritt in die Ländereien.

Die besaß der Drückerfürst zwar nicht in Kürten – und auch nicht anderswo – aber wie gesagt: es gehört sich eben so. Damit er bei seinen Ausritten in die Weiten der bergischen Wälder wenigstens einen Bewunderer an seiner Seite wußte, brachte er mich dazu, mir auch eine Haflingerstute anzulachen.

Pro Huf mußte ich fünfhundert Märker auf den Tisch der Hazienda am Fuße des Hügels blättern. Ein stolzer Preis für achthundert Pfund Pferdefleisch mit braunem Fell, blondem Schweif und ebensolcher Mähne ausgestattet.

Romans Herrschergeschenk an mich als seinen Vasallen war ein wunderschöner handgearbeiteter Cowboy-Sattel – den ich mir selber beim vornehmsten Kölner Reitausstatter aussuchen durfte. Und wie es sich für zünftige Rindertreiber gehört – ein riesengroßes Steak gab es jeden Abend am Lagerfeuer.

 

 

 

In der Anfangszeit meiner Reiterlaufbahn konnte ich allerdings diese Köstlichkeiten am Lagerfeuer nicht so recht genießen. Ich mußte meine blauen Flecke und Verrenkungen pflegen, die meine Spidi mir schenkte, wenn sie aus vollem Galopp abbremste, und mich mit Effet in hohem Bogen in die bergische Feierabendlandschaft beförderte. Sie hat mir ganz schön Respekt beigebracht. In den höchsten Tönen konnte man mich oft piepsen hören.

Wieder war es Roman, der in dieser Situation Rat wußte. „Du blamierst noch die ganze Innung“, sagte er zu mir, „wenn Du nicht endlich sattelfest wirst. Ich besorge Dir eine Kandare.“

Eine Kandare musste also her – und wieder wurde mir ein Begriff vor die Füße gelegt, mit dem ich nichts anzufangen wußte. Als ich dann allerdings begriff, was so ein Ding war – und wie es funktionierte – ich hätte den Kauf am liebsten rückgängig gemacht.

Roman ließ aber nicht locker. „Entweder du machst deine Spidi damit gefügig“ – so sein Argument – „oder du schenkst dir das Reiten, und läßt das Pferd auf der Weide laufen.“

Na, ja – das wollte ich auch nicht. Geschmeckt hat es mir trotzdem nicht – ich habe jedesmal mitgelitten. Gottseidank war meine Spidi ein Schnell-Lerner. Das Quälmittel Kandare konnte ich nach ein paar Tagen in der Versenkung verschwinden lassen.

Roman mußte einen Narren an mir gefressen haben – seine Geschenke an mich erweckten bei mir zumindest den Eindruck. Er staffierte mich mit allem aus, was seiner Meinung nach ein ‚Gentleman’ benötigte.

Die Geschenkorgie gipfelte in einer kompletten Cowboy-Ausrüstung. Nichts fehlte daran – sogar ein Revolver mit Patronengurt und Holster war dabei.

Unseren Showauftritten auf der Reiterhazienda stand nun nichts mehr im Wege. Jedes Wochenende tobten wir uns auf diese Art aus. Die anderen Gäste und Besucher waren von unseren Vorführungen stets begeistert. Ich bedaure heute noch, daß wir unsere Pferde aus Zeitmangel die Woche über nicht selber füttern und pflegen konnten, aber irgendwie mußten wir ja das Moos für unsere Sperenzchen herbeischaffen.

250,- Märker die Woche mußten wir allein an Pensionsgeld für die Pferde berappen. Wenn wir mit unserem Spökes an den freien Tagen nicht soviel Leben auf die Hazienda gezogen hätten – der Preis wäre noch ungleich höher ausgefallen. So besorgten wir auf diese Art auch das Geschäft des Hoteliers.

Eine Westernstadt war auf unser betreiben hin entstanden – so ganz nach dem Vorbild der Neueweltpioniere. Es fehlte an nichts – Schmiede – Mietstall – Sheriffoffice mit Jail – einen Saloon – sogar einen „Boothill“, einen Friedhof hatten wir angelegt. Die Opfer der Schießereien und Schlägereien im „Saloon“ mußten ja zeitgemäß verbuddelt werden. Sogar ein ‚Etablissement’ konnten die Hobbycowboys bei uns finden – die Rolle der ‚käuflichen Damen’ spielten mit Begeisterung die jungen Mädchen, die in den Stallungen die Pferde pflegten. Das geschah natürlich alles in Ehren – womit ich aber nicht ausschließen will, daß hin und wieder auf den Matratzen in den Kabinetten richtig und in Echt gejodelt wurde. Selbst die frommste Stute kann ja schließlich nicht immer nur auf Pappe kauen.©ee

 

 

 

 

 

 

ein wenig Bilderworte …

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…. und hier noch ein wenig Bilderworte der Erinnerung an meine Zeit in „Solich“:

 

Gibt es das Solingen der ‚aulen Soliger’ eigentlich noch?

Ich bin ein Flachlandtiroler – ein ‚norddeutscher Butscher’ hieß es in meinen Kinderjahren – und liebe mein Land am Meer über alles. Natürlich komme ich hier mit den Menschen klar, weil ich ihre Eigenheiten, ihre Ab- und Besonderheiten kenne und respektiere.

Damit meine ich in meinem Denken die urwüchsigen und eingeborenen Ostfriesen. Sie sind eine ‚herbe Kost’ würde ich sagen, wenn ich ein ‚Charakterfeinschmecker’ wäre. Der Hunger wird durch sie gestillt, der Magen wird gefüllt und trotzdem sind sie eher etwas für kalte Tage, an denen man nicht sehr viel spricht, sondern lieber die Wärme des Feuers und das ‚miteinander Schweigen’ genießt.

In der Not- und Drangzeit nach dem 2. Weltkrieg hatte es Teile meiner Familie ins Bergische Land nach Solingen verschlagen. Dadurch bedingt, war die Klingenstadt auch zeitweise mein Zuhause.

Die Erinnerung an die Menschen aus dieser Zeit habe ich bis Heute als etwas sehr Kostbares bewahrt. Im Haus meiner Empfindungen haben sie einen besonderen Platz, sowie man altes und wertvolles Kristall und Porzellan in einer gläsernen Vitrine verwahrt. Ich ertappe mich manchmal dabei, dass ich auch genauso damit umgehe – sie hin und wieder in die Hand nehme und poliere – genauso wie meine Großmutter es Herbstens mit ihrem alten Silber zu tun pflegte, wenn die Zeit der großen Feste bevorstand.

Dann strahlt sie wieder, die Erinnerung an den ‚3 Städte-Express’ – die alte Straßenbahn Linie 3 – wenn sie nach der Wende auf der ‚Burger Drehscheibe` wieder in Richtung Solingen losratterte und nach schier endloser Rauf- und Runterfahrt durchs Solinger Stadtgebiet am Vohwinkeler Schwebebahnhof haltmachte.

Wieviel mehr Charme besaß die alte Dame doch gegenüber der surrenden Eilfertigkeit der ihr nachfolgenden schmucklosen Blechkisten von O-Bussen. Wenn sie sich die Steigungen der Burger Landstraße hochmühte, dann konnte man auch schon mal während der Fahrt Blumen pflücken, obwohl das angeblich strengstens verboten war.

Während meines ersten Besuches in der Stadt der Messer und Gabeln stand ich als kleiner Steppke an der Hand eines alten Schwertfegers in Müngsten staunend am Ufer der Wupper unter einer eisernen ‚Riesenbrücke’, über die hoch im Himmel gerade eine rauchende Dampflokomotive eine Schlange von Eisenbahnwaggons hinwegzog. Die Eisenbahnbrücke über das Tal der Wupper gespannt hatte für mich plötzlich etwas mit der Heimat verbindendes. Auf den Namen Kaiser Wilhelms war sie nach ihrer Fertigstellung getauft worden – genauso wie die große eiserne Drehbrücke bei uns über den Hafen. Dieser Anblick war für mich etwa so wie bei uns zuhause der Blick übers Meer vor den Deichen, in seiner unendlichen Weite mit den qualmenden Schiffsschornsteinen über der Kimm am Horizont. Ich war tief beeindruckt. Dagegen verblasste das Staunen, dass mich einige Tage zuvor in Wuppertal erfasst hatte, als ich mit Onkel Eugen – dem Schwertfeger – unter einer Straßenbahn stand die mit den Rädern nach oben über die Wupper schaukelte. Dieses Werk menschlicher Technik war doch gar nichts gegenüber dem Himmelsflug der Eisenbahn hoch über dem Müngstener Märchenpark. Wie im Märchen fühlte ich mich auch auf den Wanderungen längs der Wupper, an deren Ufer bei den Schleiferkotten die Wasserräder klapperten, um im Inneren die Wellen mit den Schleifsteinen und Polierbürsten anzutreiben, vor denen die Schlieper und Pliester auf kleinen Schemeln hockten. Vom Tagesanbruch bis in die Dunkelheit hinein gaben sie hier den Solinger Markenprodukten die Schärfe und den Glanz, den alle Welt so sehr an ihnen schätzte. Immer wieder zog es mich in diese schummrigen Werkstätten mit den kleinen Lichtinseln über den surrenden Scheiben und den Männern mit den gebeugten Rücken davor, die so wunderbar Geschichten erzählen konnten – auch wenn sie mit Worten nichts sagten.

Wer weiß heute noch um die zahlreichen kleinen Tante Emma Läden in den abgelegenen Hofschaften, die sich in den oftmals mit Schieferplatten verkleideten Fachwerkhäusern verbargen, in deren Fenstern hinter den Butzenscheiben höchstens mal ein Schild mit Persil als Aufschrift, oder eine Reklametafel mit einer Empfehlung für die Erzeugnisse aus Bruchhausens Kornbrennerei oder Beckmanns Bierbrauerei zu sehen war.

So wie zum Beispiel bei Else Rüttgers in ihrer Wunderwelt auf der Höhe des Mittelhöhscheider Häuserrund. Tante Else – oder ‚et Elsken’ wie die Erwachsenen sagten – regierte mit einer Drehung ihres gedrungenen Körpers die ganze Welt ihrer kleinen Faktorei, in der man in Schubladen und Regalen all das vorfand, was Mensch für den Alltag benötigte. Et Elsken, deren weiteste Reise in ihrem Leben ein Ausflug zum Kloster auf der Krahenhöhe war, und die trotzdem ihren Kunden über alle Vorgänge in der Welt oftmals besser Bescheid tun konnte als der alte Conny in seiner Rosenlaube da überm Rhöndorfer Rheinufer es je vermocht hätte.

So tat sie auch ihrem Walther des Öfteren kräftig Bescheid, wenn sie gespitzt hatte, dass er mal wieder einem gut gebauten Mädchenhintern über langen schlanken Beinen hinterherspürte. Auch wenn sie von Jugend an ‚leidend’ war, wegen einer verwachsenen Hüfte – so leidend war sie denn doch nicht, dass sie es leiden konnte, ihren Walther von fremden Tellern naschen zu sehen.

Walther war nämlich Forstaufseher in den umliegenden Jagdrevieren.

Er gab schon was her, wenn er in seiner grünen Uniform mit geschulterter Flinte und zwei Münsterländern an der Seite durch die Wälder streifte. Dass er einen eleganten Silberblick hatte war ja von weitem nicht zu sehen. Ich habe mich oft gefragt, ob er es wohl schaffen würde ein Stück Wild zu treffen – erlebt habe ich es allerdings nie. Wahrscheinlich zielte er immer auf die Jagdbeute, die in seinem Doppelblick nicht real war.

Real war dagegen Joostens Karl, der schon mehr als fünfzig Jahre in seiner Frisörstube am Kohlsberg als uneingeschränkter Herrscher über Kamm und Schere thronte, und jedem männlichen Wesen aus der näheren Umgebung zu kleinem Tarif als unveränderliches Kennzeichen den persönlichen Haarschnitt verpaßte. Karls ‚Salon’ war die Nachrichtenbörse der Abseitswohnenden, in der morgens schon die Nachrichten gehandelt wurden, die dann erst nachmittags in ‚Boll’s Blättchen’ standen.

Karl schien immer nach einer für seine Kunden unhörbaren Musik zu tänzeln, wenn er mit erhobenen Händen auf seinen verschieden langen Beinen die Köpfe der Stuhlaspiranten umkreiste.

Der ‚Schlieper’ vom Kotten nebenan – der im Blaumann zwischen dem Pliestscheibenwechsel mal eben zum Haareschneiden kam – wurde übrigens nicht anders behandelt wie der ‚Fabrikant’ als Besitzer der am Eselsweg gelegenen Rasierklingenfabrik, wenn er in elegantes bergisches Tuch gekleidet in dem alten Ledersessel Platz nahm.

Überhaupt – bergisches Tuch, die ‚aulen Soliger’ waren stolz auf ihre Lodenanzüge, Joppen und Mäntel die sie trugen, wenn man sie nicht im Blaumann sah. Wenn ich jetzt allerdings so an den Jahren von damals vorbeischaue – bei den jüngeren ‚aulen Soligern’ gab es eine Riege, die mit ihrem Modegebaren ein wenig aus der Reihe tanzte. Mir kleinem Steppke schienen damals diese halbfertigen Alten immer ein wenig geckenhaft, wenn sie in Kniebundhosen gekleidet ihre vermeintlich jugendliche Sportlichkeit zur Schau trugen, selbst wenn ihr Bauch ihnen schon den Blick auf ihren Pittermann verwehrte – sowie der Wirt der Kohlsberger Höhe – der alte Fischers Wilm es einmal in Nachkirchslaune am Stammtisch seiner Sangesbrüder bezeichnete. Am Stammtisch in der ‚Kohlsberger Höhe’ kam es auch schon mal vor, dass in den Apfelsaftgläsern plötzlich Cognac funkelte, weil der alte Wilhelm im dunklen Gewölbekeller beim Flaschen nachfüllen zum falschen Demion gegriffen hatte. Dann standen die Karossen der Sangesbrüder auch am nächsten Morgen noch dicht gedrängt auf dem Parkplatz der Wirtschaft gegenüber der kleinen Klosterkirche, weil sie alle notgedrungen in einer Droschke den Heimweg antreten mußten.

Eine Droschke benutzen zu können hätte Leinewebers August sich auch sicher so manches Mal gerne gewünscht, wenn er per Pedes mit seinem Koffer auf dem Rücken die Haushalte in den abgelegenen Hofschaften und Außenbezirken abklapperte und seine Waren feilbot.

Kurz gesagt war August ein ambulanter Kurzwarenhändler – lang gesagt war er viel mehr. Für die Menschen in den einsam liegenden Kotten und Höfen war er häufig die einzig regelmäßige Verbindung zur Außenwelt.

Die Männer betrafen seine Besuche weniger direkt. Da war es eine gemeinsam gerauchte Zigarette, vielleicht hier und da ‚een Upjesatten’ mit ein paar Bemerkungen über die alte oder neue Politik im Lande.

Bei den Frauen war es da schon anders, wenn er in den Wohnküchen oder Stuben seinen Koffer öffnete. Einen leichten Hauch von Paris oder Mailand meinte man dann durchs Zimmer huschen zu sehen – zumindest signalisierten die Augen der Frauen dieses Empfinden angesichts der modischen Knöpfe, der Strümpfe und Strumpfbänder oder auch Schals der neuesten Kreationen der letzten oder vorletzten Modemesse. Auf jeden Fall – wenn Leinewebers August mit seinen Kostbarkeiten erschien, fühlten sich die Menschen mit der Welt draußen verbunden.

Selbst wenn ich August Jahre später – als er sich schon im hohen Alter befand – hin und wieder noch einmal zu Gesicht bekam, sah ich immer noch den Koffer auf seinem Rücken, obwohl der schon längst den Weg alles Irdischen gegangen war.

Den Weg allen Irdischen ist auch Luchtenbergs Ernst längst gegangen, und besieht sich seitdem von hoher Warte seinen ‚Schulweg’ der ihn jeden Tag von der Lacher Straße in Widdert durchs Tal auf die jenseitige Höhscheider Höhe in die Schule an der Wienerstraße führte.

Wieviel Paar Schuhe mag er wohl auf diesem Weg in den Jahren seines ‚Lehrerseins’ an der Wienerstraße verschlissen haben? Der Luchtenbergs Ernst, der nach der Tradition der Familie eigentlich Gärtner werden sollte. Irgendwie ist er es ja auch geworden, als er sich stattdessen für den Lehrerberuf entschied, und vielen kleinen menschlichen Pflänzchen – die alle noch grün hinter den Ohren waren, wenn sie in seine Obhut kamen – zu geistigem Wachstum und Ansehen verhalf. Wir liebten ihn einfach, diesen urwüchsigen Pädagogen in seinem alten Tweedjackett und den Kniebundhosen, in denen er, trotz seiner gebeugten Gestalt, nie geckenhaft wirkte.

Der ‚aulen Soliger‘ zweiter Teil …

Die ‚Christliche Gemeinschaftsschule Wienerstrasse’ wie die Lehranstalt offiziell benannt war, war sowieso eine Besonderheit in der damaligen Schullandschaft. Die ‚Volksschulen’ in den Fünfzigern waren in aller Regel noch konfessionell geprägt und ausgerichtet. Die Bevölkerung war in großen Teilen noch nicht mit dem ökumenischen Denken infiziert. Evangelisch war evangelisch und katholisch war katholisch – und sollte nach dem Willen der Bestimmenden auch so bleiben, wie es mein guter Pastor Stratmann in weinseliger Laune (oder war es das süffige Beckmanns Gebräu?) einmal auf den Punkt brachte: „Jedes Gericht für sich ist gut und bekömmlich, als Mischmasch schmecken aber beide gleich fürchterlich.“

Die ‚Katholen’ waren in ‚Solig’ zwar in der Minderzahl – man kann getrost sagen, sie lebten in der Diaspora – gesellschaftlich spielten sie aber eine nicht unbedeutende Rolle.

Das hatte ‚Eekenberchs Jerd’, wie er stadtweit genannt wurde, neben vielen anderen auch erkannt.

In der Schwarzmarktzeit, nach dem lauten Getöse des Zusammenbruchs der arischen Ordnung, war er dank gewachsener Beziehungen an einen Butter und Speck Meisterbrief gelangt. Viele Bürger, die in der Klingenstadt über Rang und Namen verfügten, kannten sich halt aus der gemeinsamen Pennezeit an Solingens Oberer Schule, an der Vater ‚Eekenberch’ bis zu seinem Abmarsch in die russische Hölle mit dem Rang eines Studienrates behangen war. ‚Dat Jerdche’ profitierte noch lange davon, denn ‚dat Jerdche’ war ein schlaues Kerlchen.

Damit dem Blutkreislauf seines kleinen Handwerkbetriebes stets genügend ‚Sauerstoffpartikel’ sprich Aufträge zuflossen, hatte er eine verblüffend erfolgreiche Strategie entwickelt. (Wahrscheinlich war es aber wohl seine Angetraute, die den antiken Wert des in russischer Gefangenschaft dahingerafften studienrätlichen Schwiegervaters mit der ihr eigenen Kreuzumtriebigkeit versilberte.)

‚Dat Jerdche’ trug das lutherische Gesangbuch gut sichtbar in der Tasche, während Eheweib und klein Joachim laut und inbrünstig die Texte aus dem katholischen Messbuch ihrer Umwelt zu Gehör brachten.

Dadurch landeten in der Regel alle Gewerkaufträge der Kirchengemeinden beider Konfessionen in seinem Kontor – und das waren in der Erneuerungsphase nach der Staatsliebedienerei der Kirchenkonzerne wahrlich nicht wenige.

Diesen Umstand machten sich auch die Nato – Sauerzapfchen Feldherrnarchitekten zunutze, die vielen sakralen, oder auch profanen Baukörpern dieser Zeit ihren heute noch oft sichtbaren Stempel aufdrückten. Von den am Bau Schaffenden wurden sie wegen ihrer unübersehbaren Vorliebe für schwarze und weiße Töne in allen Schattierungen, in Anlehnung an die Restauration der ‚Lustigen Wirte Schwarz-Weiß’ an der Burger Landstrasse in Höhe der Krahenhöhe, auch wohl die Architekten Schwarz-Weiß genannt.

Schwarz-weiß war das, was sich so Tag für Tag – oder auch Nacht für Nacht rund ums Höhscheider Denkmal abspielte nun wirklich nicht – es war wohl eher als ein ziemlich buntes Treiben zu bezeichnen.

Über das der agile Schutzmann Thomas vom nahe gelegenen Polizeirevier in der Regerstrasse mit Argusaugen wachte, wenn er seine Runden durch die Parkanlage des Kriegermahnmals und längs der Strassen drehte. Natürlich tat er das nicht ohne die nötigen Verschnaufpausen einzulegen – vornehmlich am Tresen in der alten Fuhrmannskneipe von ‚Tillmann’s’, wo ihm die anwesenden Gäste bereitwillig das eine oder andere ‚Gläschen’ spendierten. Man konnte ja nie wissen …

Seine Uniformmütze – sein ‚Dienstgewissen’ sozusagen – deponierte er stets bei Oma Tillmann in der Wirtshausküche am Fleischerhaken links neben der Eingangstür. Nie sah man ihn mit hoheitlicher Kopfbedeckung im Schankraum süppeln – dafür dann aber später, nach seinen Thekenverschnaufpausen, wieder mit Dienstmütze umso intensiver manch kleinem Sünder aufzulauern, wenn dieser gerade der Kneipe mit ihren Verlockungen den Rücken gekehrt hatte und fest darauf vertraute, mit seinen drei spendierten Lagen für den Schutzmann von demselben für diesen Abend einen Ablassbrief erworben zu haben.

Unzählige Spätheimkehrer sind damit einem Irrglauben erlegen – bis, ja bis den Judas in stockfinsterer Nacht die Rache der Götter ereilte.

Irgendwelche aufgebrachten und enttäuschten Gemüter verabreichten dem uniformierten Gesetzeshüter mit seinem eigenen Schlagstock eine Abreibung die sich gewaschen hatte und ihn für die restlichen Dienstjahre in das Innere der muffigen Revierwache verbannte.

In der angrenzenden Kneipe ‚süppeln konnten die Kunden vom Barbier Warbruck schon mal auf Kosten des Haarkünstlers, wenn er ihnen ein Getränk freigab, damit den Männern die Wartezeit im Salon nicht auf’s Gemüt schlug und ihnen ihr Wohlbefinden trübte. Von daher war der Warbruck’sche Verschönerungstempel auch immer gut besucht. Der alte Fuchs wußte sich schon seine Wegzehrung zu beschaffen.

Wegzehrung brachte auch „Blank’s Fri“ – der immer vergnügte Senior der Bäckerei Blank – unter die Leute, wenn er des Nachmittags mit seinem bis unter das Blechdach vollgepacktem altersschwachem, röchelndem Olympiakombi aus der Familie derer von Opel vom Hof seiner Bäckerei zum Rundkurs durch die abgelegenen Höfe und Hofschaften startete.

Blanks Schwarzbrot zählt mit zu meinen ‚edlen Erinnerungen’ an das ‚aule Solig’.

Zu meinen nicht so edlen Erinnerungen zählt eine ‚Großtat’ meiner älteren Brüder. Die beiden hielten ihr Tun auf jeden Fall dafür, obwohl ich verständlicherweise anderer Meinung war.

Es war die Zeit, in der Elvis Presley seinen US Armeedienst in Deutschland ableistete und Deutschlands Jugend begeisterte. Die Köpfe vieler Jungs an der Schule und auch aus meiner Klasse krönte eine Elvis Frisur. Nicht dass es mich danach drängte auch so eine tolle Tolle auf mein Haupt zu fabrizieren – ich dachte gar nicht daran, dafür war mein Gesicht viel zu rundlich – nein, meine Brüder wollten nur allen Eventualitäten vorbeugen, wie sie sagten, als sie mir in einer Nacht- und Nebelaktion den Kopf kahl schoren.

Wer auch nur ein wenig Gefühlsdenken kann, der kann sich denken, wie mir am nächsten Morgen auf dem Weg zur Schule zumute war.

Ich kann noch nicht einmal sagen, ob ich meinen Brüdern diese Missetat schon vergeben habe.

Der ‚aulen Soliger‘ dritter Teil …

Nicht in Vergessenheit geraten – nicht bei mir und bei vielen anderen sicherlich auch nicht – sind zwei junge Frauen aus der Bergerstrasse.

Die Knospenzeit ihrer ganz jungen Jahre hatten sie gewiß schon eine Weile hinter sich – die beiden Inges, aber trotzdem blühten sie noch ganz heftig, wenn auch jede auf eine andere Art.

Beide waren unbemannt gebliebene Töchter honoriger Geschäftsleute.

Ihre Väter betrieben in ihren Häusern am Hingenberg jeder einen Kolonialwarenladen mit angeschlossener Schankwirtschaft. Die Straße talabwärts linker Seite Hugo Meis und schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite Fritz Busch.

Solche Geschäftskombinationen gab es sehr häufig im Bergischen Land. Oftmals war es auch eine Metzgerei, deren Umsatzgewinne die Erträge aus dem Schankbetrieb ergänzten – oder eben umgekehrt.

Die beiden Inges nun waren vom Wert her echte Goldstücke – nur die eine eben in glitzerndem Weiss- und die andere in funkelndem Rotgold.

Im stets schummrigen Halbdunkel der väterlichen Kramläden verbreitete die Weißgoldinge natürlich den helleren Schein, von dem naturgemäß viele bunte Falter angezogen wurden, die sich dann aber an dem kalten Licht regelmäßig ihre Flügel versengten.

Jedes mal wenn ich von einem flügellahm geworden Buttervogel erfuhr, hat es mich, obwohl ich ja noch ein nur drei Käse hoher Steppke war bannig gefreut – brauchte ich dann doch eine Zeitlang nicht um den Verlust ihrer Zuneigung bangen. Irgendwie war ich wohl ganz schön meschugge in dem Alter.

Wie meschugge gebärdete sich auch Rolf, der Wolfsspitz von Jüntgens Karl, wenn ich des Abends den Weg durch die Wiesen nahm, um unsere Milchkanne auf dem Hof mit frischem Kuhsaft füllen zu lassen.

Ich habe damals noch nicht verstehen können, aus welchem Grunde der graue Wolf mich förmlich anhimmelte. Die alte Bäuerin hätte es mir vermutlich erklären können, so wissend wie sie stets lächelte.

Sein jeweiliges Gegenüber freundlich anzulächeln, war dagegen gar nicht die Stärke des Chefs des kleinen, aber feinen Galvanisierbetriebes oberhalb des Hingenberges. Der Gute war aus seiner Kinderzeit heraus mit einem Kommunikationsmanko behaftet – er stotterte grässlich.

Ob es aus innerem Antrieb, oder ganz einfach aus Geschäftskalkül heraus war, vermag ich nicht zu sagen – jedenfalls engagierte er sich aktiv in der oftmals als Zünglein an der Waage oder später auch als Umfallerpartei bezeichneten blau/gelben politischen Organisation, deren Vorsitzender E. M. damals der Wegbereiter für den Einfall der ‚Fonds-Heuschrecken (ich erinnere an Bernie Kornfeld als den Pionier der Finanzzuhälter) von jenseits des Nordatlantiks in den deutschen Finanzmarkt war.

Besagte Organisation hatte denn auch mit tatkräftiger Unterstützung erfahrener Sprachklempner für die Überdeckung dieses kleinen Makels gesorgt, sodass ihr Parteifreund nach außen hin frei und ungehindert parlieren konnte. Das gelang ihm aber nur in einem wenig umgänglichen Tonfall, der bei ihm stets mit einer gewissen unangenehmen Schärfe verbunden war.

Da ‚Robertchen’ auch zu den Pennälerzeitkontakten unseres damaligen Brötchengebers gehörte, hatten wir öfter das ‚Vergnügen’ bei Arbeiten in seinem Betrieb seine Ein- und Ausfälle ertragen zu müssen.

Wir entdeckten aber ganz schnell seine ‚Schwachstelle’ – sein Siegfriedsmal – sein Eichenblatt zwischen den Schulterblättern, sozusagen.

Wenn er tief Luft holte, um gleich darauf, wie mit einer Kettensäge ausgerüstet, alle in seinen Augen vermeintlich Schwächeren von den Beinen zu holen, dann schauten wir ihm nur standfest direkt in die Augen – und schon fing die Kettensäge an zu stottern, das ‚Kettensägengekreisch’ verstummte und unser aufgeblasenes Robertchen fiel wie ein angepiekster Luftballon in sich zusammen.

Wir haben die schlaffe Hülle dann regelmäßig Stunden nicht mehr zu Gesicht bekommen.

In sich zusammengefallen ist in den Anfangssechzigern auch mein Glaube und mein Vertrauen in die Seriosität so einiger Unternehmen und Betriebe für die bekannte Namen honoriger stadtbekannter Bürger standen.

Im Schatten der ‚Fritz Walther Gedächtniskirche’, wie wir die Stadtkirche wegen ihrer Turmkugel nannten, befand sich ein äußerst beliebtes ‚Promenaden-Café`, das einen exzellenten Ruf in der Region der ‚Metzerschlieper’ und Gesenkschmiedebarone besaß und dessen bloße Namensnennung schon vielen Solingern einen Schauer der Ehrfurcht den Rücken hochjagte.

Wer sich als Otto Normal aus irgendeinem Grunde einmal in diesen Genusstempel verirrte, der warf garantiert vor dem Eintreten in die heiligen Hallen der Confiseriepäpste einen prüfenden Blick auf seine Fußbekleidung, um sich zu vergewissern, dass er damit nicht das Missfallen der adrett in schwarz/weiß gewandeten Bedienerinnen erregte.

Mir erging es damit nicht anders, zumal ich ja einer holzschuhgewöhnten ostfriesischen Landbevölkerung entstammte.

Allerdings währte dieses Ehrfurchtgefühl nur bis zu dem Augenblick, in dem ich meine Ostfriesenfüße in die Profanität der hinter der Schmuckfassade liegenden Backstuben setzte. Im gleichen Moment ist mir – und das als wenig peniblem Alltagsgenießer – die Ehrfurcht vor den Konditorgöttern mit dem großen Namen abhanden gekommen.

Völlig parallel dazu lief ein Erleben in einem, wie man es zu der Zeit noch nannte – ‚Schnellimbiß’ der nobleren Art und mit stadtbekanntem Namen als Krone, im Zuge der Hauptstrasse in der Nähe des Ufergartens.

In der Lokalität hatte ich immer gerne und gut gegessen, wenn ich gerade in der Nähe zu tun hatte. Doch als ich eines Morgens dienstlich und auf Knien rutschend die Linie zwischen Gast- und Arbeitsbereich hinter dem Tresen überquerte, um dort Schäden am Fußbodenbelag zu beheben, habe ich mir von der Stunde an eine andere Lokalität zur Befriedigung meiner Hungergefühle gesucht.

Hungergefühle befriedigen und gleichzeitig das Heimwehen der Gedanken an die entfernte Nordseeküste ein wenig gnädig zu stimmen gelang meiner Mutter und mir in der Mittelhöhscheider Hofschaft immer Freitagnachmittag für eine kurze Zeit.

Die Spanne gefühlten und geschmeckten Glückes reichte stets vom Kauf am Fischwagen bis zu dem Moment, in dem der Geschmack vom frischgepulten Granat – den es allzu selten gab, wegen des unerschwinglichen Preises dieser köstlichen Rarität – oder das etwas längere ‚nachschmecken’ von geräucherten Goldbarsch, oder seines noch schmackhafteren Vetters Heilbutt von der Zunge verschwunden war.

Fischhändler Reinshagen – der wegen seines durchdringenden markanten Rufes: „Hüürt ens, hadder all de frisch injeleiten .Herings probeert?“ allgemein in der Gegend nur „De Hüürt ens“ genannt wurde, begab sich nämlich an jedem Freitag den Gott werden ließ, mit seinem knatternden Tempodreirad, als seiner ambulanten Niederlassung, vom Entenpfuhl aus – wo sich in einer hölzernen Nachkriegsnotunterkunft sein stationäres Hauptgeschäft befand – auf Kundenfang durch die Hoch- und Runtergegend der Stahlwarenkommune.

Er war zu seiner Zeit wohl einer der erfolgreichsten ‚Käuferangler’ im Bergischen Land, denn in kürzester Frist wandelte sich sein Barackengeschäft zu einer massiven, imposanten Fischbratküche und Muschelsiederei.

Mit Fisch und Muscheln hatte Paashaus Mäckes bei seinem Tagesgeschäft in dem hölzernen Büdchen am Rande des Aufderhöher Gummibahnhofs nun rein gar nichts im Sinn – wenn man von seinen gutbesetzten Forellenteichen im Kohlsberger Grund einmal absah. Von seinen Forellen hat nämlich nie auch nur eine jemals einen Blick aus glubschen Fischaugen in die Klümpchen- und Zeitungsbude da zwischen Bundesstrassendoppel und Marktplatz werfen dürfen.

Des Paasshaus Mäckes Umsatzbilanz wurde nämlich in erheblichem Maße von Bockwürsten gestützt. Bockwürste, die noch echte ‚Knacker’ waren und von denen er in dem kleinen verräucherten Geviert im Inneren der Bude täglich mehrere Hundert Paare an den Mann brachte. Männer waren es nämlich hauptsächlich, die Paashaus Mäckes Brühlinge zu schätzen wussten.

Mäck berichtete jedem der es hören – oder auch nicht hören wollte, von dem sagenhaften 32 Bockwürste Verzehrrekord eines Fernfahrers.

14 Stück dieser kulinarischen Köstlichkeiten habe ich mit eigenen Augen einmal zwischen den Kiefern eines stämmigen Asphaltritters verschwinden sehen. Und daß seinen Knackern verfallene Fernfahrer oftmals kilometerlange Umwege fuhren – und das nur der einmalig schmeckenden Bockwürste wegen – habe ich oft genug von den Kapitänen der Landstrasse bestätigt bekommen.

Beim Paashaus Mäckes brauchte man übrigens nur die Würstchen bezahlen – den Senf von Senfkocher ‚Strathmann‘ als Würze für den Knacker, in Form eines gelben Klackses auf dem Pappteller und Mäcks eigenen ‚Senf‘, als Wortschwall für die Ohren in humorige Worte verpackt, bekam jeder Gast kostenlos dazu geliefert.

Die „Aulen Soliger“ zum vierten …

Allerhand humorigen Wortsenf bekamen Besucher jedweder Art auch ein paar Häuser weiter, die Strasse runter in Richtung Landwehr, zu hören. Da residierte Lauterbachs Kurt, dort verbrachte er sein ‚normales’ Leben außerhalb der Karnevalszeit – denn in der närrischen Session war er ständig von Stadt zu Stadt und von Bütt zu Bütt unterwegs – stets mit Regenschirm und Melone, allgemein als seine Markenzeichen bekannt, ausgestattet.

Wer die Gelegenheit hatte, den ‚Kütti’ privat in seinem Domizil aufsuchen zu dürfen, der brauchte zu keiner seiner Büttenreden in irgendeinem überfüllten Saal mehr zu pilgern – bei Lauterbachs Kurt bekam man zu jeder Zeit sein gesamtes Programm gratis und solitär präsentiert. Kurt war nämlich im Alltag genauso, wie er sich in der Jeckenbütt zeigte. Total durchgeknallt.

Wo und wann er auch auftauchte – er war immer original und unverwechselbar der ‚Lauterbachs Kurt’.

(Bitte nicht verwechseln mit dem überall rumwäschelnden ‚Fliegenmann‘ der ‚Sozimaldezokraten‘)

Unverwechselbar und original war auch ‚Benders Erna’ wenn sie in der „Benderstube“ auf der Neuenhoferstrasse an der Ecke Erferstrasse, ungefähr in Höhe des Wegerhofes, tausenderlei Dinge auf einmal machte.

Die „Benderstube“ war baulich auch ein Überbleibsel der Nachkriegszeit – auf den übrig gebliebenen Fundamenten eines zerbombten Patrizierhauses errichtet.

Als genauso ein Überbleibsel aus entschwundener Zeit empfanden die Gäste ‚et Erna’ mit ihren manchmal schrulligen Manieren, wenn sie mit dunkelbraunen Kulleraugen unter brünetter und ungebändigter Lockenpracht über den Rand ihrer randlosen Brille schaute.

Ganz gleich, ob sie gerade hinter der Theke am Büffet für einen Stammgast eines ihrer berühmt-berüchtigten Hausgetränke mixte, oder ob sie in der offenen Hinterküche in einem respektabel großen Kupferkessel die nächsten hundert Liter ihrer in der näheren und weiteren Umgebung berühmten ‚Ochsenschwanzsuppe’ zurechtzauberte. Das war dann jedesmal so die Menge für einen Abend bei „Ochse mit Korn“.

Bruchhausens Doppelkorn mit Maggi oder Ratzeputz mit Feuerwehrmostrich waren nämlich zwei ihrer vielfältigen Getränkespezialitäten.

Erna war eben immer Erna – und ob Gast sich nun Hausgetränk oder Ochsenschwanzsuppe zu Gemüte geführt hatte, oder Beides – Schreiner Arthur, was ‚et Ernas’ Ehegesponst war, der musste in jedem Fall Hausbrandwehr spielen und für reichlich ‚Löschbier’ sorgen.

Die jungen Kerls gingen denn auch nicht in Ernas Kneipe um sich zu betrinken – wer so etwas denkt ist nicht von dieser Welt – einzig ‚dat leckere Ossensteertsüppche’ zog sie dahin, und ‚dat dat hingerher so intensiv abgelöscht weeden musste, dor kunn doch keiner wat dran maache’.

‚Dor kunn doch keiner wat dran maache` bekam man auch des Öfteren von den umliegend Wohnenden zu hören, wenn zufällig das Gespräch auf das etwas lockere vornehmlich nächtliche Treiben in Maaßens Krug in unmittelbarer Nachbarschaft des Klosters Kannenhof kam.

Das Wirtsehepaar Maaßen hatte nämlich eine etwas andere Vorstellung von Lebensqualität als die Leute, die um sie zu die Gegend bevölkerten..

Die Maaßens hatte der Lebenswind unversehens aus dem sittenlockeren Düsseldorf – aus Klein-Paris, und da auch noch aus der Oberbilker Ecke – nach ‚Solig’ verschlagen.

Sie waren sozusagen aus der Welt des Glitzers der Neonreklamen in die Niederungen der bescheiden leuchtenden Solinger Gaslaternen gezogen.

Den Anstoß zu diesem Weltenwechsel hatte Klärchen Maaßens Busenfreundin aus Jungmädchenjahren – Josefine – von ihren Freunden und auch von denen, die sich irrtümlicherweise dafür hielten nur allgemein ‚Fini’ genannt – gegeben.

Fini war einige Jahre zuvor nach fünfzehn Jahren aktiven Dienstes an den Kochtöpfen in den Feldküchen der ‚Legion Francaise’, als der französischen Fremdenlegion, in ihre Heimat, in die Rheinmetropole zurückgekehrt. Für eine Frau war das ohne Frage ein seltener und respektheischender Werdegang.

Dank ihrer körperlichen Fülle – Fini besaß ungefähr die gleiche Statur wie König Tofou vom Südseeinselstaat Tonga. Länge mal Breite mal Höhe ergaben leicht und locker gut zweihundert Kilogramm weibliches Lebendgewicht.

Als Frau war sie somit eine ganz passable Erscheinung, die von niemandem übersehen werden konnte. Selbst mit der größten Anstrengung nicht.

Über ‚keine Anstellung‘ in Düsseldorf als Köchin wegen ihrer äußeren Erscheinung konnte Fini aber nur lachen.

Zu einem sechsstelligen Betrag auf ihrem Bankkonto, der sich aus französischer Nachdienstzeitsicherung und erspartem Sold aus den langen Wüsten- und Urwaldjahren zusammensetzte, gesellte sich noch ein von einer Tante geerbtes Haus mit Gastwirtschaft in Solig‘ hinzu.

Bei ihrer Freundin Klärchen und deren Mann Reinhard musste sie keine allzu großen Überredungskünste mobilisieren, um sie zur Übernahme des Restaurationsbetriebes in Solig zu bewegen.

Die beiden dümpelten nämlich schon längere Zeit ganz hart an der Kante des Überlebens herum – das heißt, ihnen stand das Wasser häufig bis zur Oberkante Unterlippe. Da war das Wiederauftauchen der alten Freundin Fini doch ein Rettungsring – ach was sage ich Rettungsring – es war schon mehr ein komfortables Rettungsboot.

Man zog also gemeinsam von der Residenz der Grafen von Bergh in das Stahlwareneldorado ins Bergische Land.

Fini ergriff das Regiment über Töpfe und Pfannen, während Klärchen und Reinhold fortan die Abteilung mit den Flüssigwaren auf Trab hielten.

Ihre Art des Umgangs mit den Gästen war für die ‚aulen Soliger’ im unmittelbaren Umfeld erwartungsgemäß erst einmal sehr gewöhnungsbedürftig – aber sie haben sich letzendlich daran gewöhnt, dass Wirtin Klärchen trotz ihrer drallen Figur zur Erheiterung der Stammgäste zu späterer Stunde auch schon mal mit „zwei Apfelsinen im Haar und an den Hüften Bananen“ den damals über eine längere Zeit aktuellen Tagesschlager tanzte.

Nach dem spätabendlichen Küchenende fischte Fini sich – frei nach Fremdenlegionärsmanier – aus der anwesenden und noch gebrauchsfähigen männlichen Gästeschar auch schon mal ein Appetithäppchen für ihr bettliches Nachtmahl heraus.

Die von ihr Erwählten sollen durch die Bank stets äußerst ‚befriedigt’ und mit weichen Knien und anderen Körperteilen irgendwann in der morgendlichen Dämmerung den Heimweg angetreten haben.

In der Dämmerung des neuen Tages trat auch ‚Texas Bill’ oft genug seinen Heimweg an, wenn er mal wieder die Nacht bei seiner ‚Conchita’ verbracht hatte. Wer jetzt unzüchtiges Gedankengut in seinem Phantasiedenken herumwälzt, der liegt meilenweit verkehrt damit.

Obwohl wir beide arbeitsmäßig über einige Jahre zum selben verschworenen Haufen trink- und arbeitsfester Malocher gehörten und im Troß quer durch die Republik von Baustelle zu Baustelle gezogen sind, habe ich am Ende unseres gemeinsamen Weges nicht einmal mit dem Anflug einer Ahnung sagen können, ob unser Texas Bill’ jemals lustvollen Körperkontakt zu einem weiblichen Wesen gepflegt hat.

Von den Berührungen seiner Mutter in seiner frühkindlichen Zeit einmal abgesehen.

Seine Conchita war die Wirtin hinter dem Ausschank in der Gaststätte des Solinger Hauptbahnhofs unweit der Lutherkirche. Wahrscheinlich war die dralle Mittfünfzigerin für ihn eine Art Ersatz für die Mutter, der er in den letzten zwanzig Jahren ihres irdischen Daseins einmal im Jahr – stets in der Nacht zu Muttertag – sehr nahe war, ihr aber, nach einem für ihn sehr schlimmen Vorfall, nie mehr unter die Augen treten konnte.

Darum verbrachte er wohl in einem genau festgelegten Rhythmus bestimmte Nächte im Sattel hockend vor dem Tresen in Anfassnähe seines Mutterersatzes – seiner Conchita.

Im Sattel hockend deshalb, weil ein profaner Barhocker oder auch meinetwegen –schemel für ihn nicht einfach nur Sitzgelegenheit war, sondern von ihm stets als Sattel bezeichnet wurde.

Texas Bill war eben Texas Bill – immer, auch wenn er mit dem stinkenden Wasser des zu seiner Zeit totesten Flusses Deutschlands – der Emscher – getauft worden war – und das auch noch in Quatschkopp-Rauxel. Die Qualität des Emscherwassers und die es begleitenden Gegebenheiten im Flussbett- und Uferbereich haben sich entscheidend zum Positiven hin verändert.

Dafür an dieser Stelle ein leises Dankeschön in die Vergangenheit an den schon längst verstorbenen Heinz Kühn, der nach seiner Wahl zum NRW Ministerpräsidenten Mitte der 60er sein ‚kühnes’ Versprechen von blauem Himmel über der Ruhr ohne Rücksicht auf verkrustete Strukturen in Partei oder Wirtschaft eingelöst, den Anstoß zum Umdenken gegeben und die Grundlagen für den sauberen Wandel im ‚Pütt’ geschaffen hat.

‚Bruder Johannes’ als einer seiner Nachfolger im Amt verstand es zwar prächtig, seinen Mund in der Breite und Höhe lang und rechteckig zu öffnen, bevor er ein vermeintlich wichtiges Satzgebilde in den Alltag entließ, aber richtig etwas bewirkt – zum Wohle des Landes und der Menschen an Rhein und Ruhr hat er in meinen Augen nie wirklich, der Gute. Nach Abzug aller ‚Gustav Heinemann Boni’ als sein Schwiegeropa der der Gustav ja war, ist da im Nachhinein noch weniger zu erkennen – auch wenn Herr Rau ein tätiger Spiekeroog Freund war – was ihn in meinen Augen sympathisch erscheinen ließ. )

Der ‚Aulen Soliger‘ zum fünften …

Zu einer persönlichen Leidenschaft bekannte sich auch Reichs Helmuth vom Schaberger Berg. Seine ‚Zwiebelfarm’ – wie wir sein Anwesen scherzhaft nannten, und auf der er seine Leidenschaft – die Haltung und Zucht dänischer Doggen – mit Begeisterung auslebte – lag am steilen Hang im Schlagschatten der Schaberger Brücke, der kleineren und ganz anderen Schwester der Königin ‚Müngstener Brücke’ – die ja eigentlich den Namen Kaiser Wilhelms durch die Zeiten trägt. Die Realisierung der beiden völlig verschiedenen Bauwerke hat es erst ermöglicht, die Schwesterstädte Solingen und Remscheid durch den Bau einer Eisenbahnlinie intensiver miteinander zu verbinden. Davon war aber wohl nur das eisenbahnverkehrliche Miteinander betroffen, denn wirtschaftlich und was die handwerkliche bzw. industrielle Produktenpalette der beiden Wupperanrainerkommunen betraf, ackerte das rustikalere Remscheid wohl noch eine geraume Zeit der agileren Klingenstadt hinterher.

Reich’s Helmes verkörperte den Typ des typischen ostpreußischen Dickschädels, der, gepaart mit der bauernschläulichen Intelligenz seiner erkennbar jiddischen Vorfahren, jedem seiner Mitbürger in fast jeder Situation eine Nase drehte.

Wenn Helmes die ‚Westernreiterrunde’ im Saloon Solinger Hauptbahnhof mit seiner Anwesenheit beehrte, erregte das allein durch die gleichzeitige Präsenz seiner Leidenschaft schon allgemeines Aufsehen – zumindest bei Neu- und Kurzaufenthaltern, deren Zahl sich aber in erträglichen Grenzen hielt, weil am Bahnsteig des Solinger Hauptbahnhofs nur die roten Schienenbusse der im Personenverkehr untergeordneten Zugverbindung Düsseldorf – Remscheid Halt machten.

Solingens Anknüpfpunkt an die wichtige Eisenbahnwelt war, und ist auch Heute noch, der Ohligser Bahnhof. Wer von draußen aus der Welt oder aus dem Universum mit dem Zug nach ‚Solig’ strebt, der betritt den Solinger Kosmos immer durch die Ohligser Eingangspforte.

Von Düsseldorf kommend verirrten sich von jeher nur relativ wenig Bahnbenutzer in die Klingenstadt – obwohl ‚Solig’ in jeder Beziehung einheimischen wie Gästen viel mehr und Schönes bietet. Der Strom der Reisenden von Solingen nach Remscheid war auch zu allen Zeiten leicht überschaubar.

Das Frachtverkehrsaufkommen der umliegenden Großbetriebe, wie etwa das ‚Zwillingswerk’ oder der umliegenden Gesenkschmieden hat der Einrichtung Solinger Hauptbahnhof wohl über Jahre das Überleben gesichert – oder laxer ausgedrückt: „Es hat dem Bahnhof über die Zeit den Arsch gerettet.“

Reich’ Helmes Leidenschaft hat ihm im ‚Westersaloon’ der Bahnhofspinte zwar nie den ‚Arsch’ gerettet – jedenfalls nicht erkennbar – die Objekte seiner Leidenschaft haben seine Taler aber so manches Mal vor dem (durchaus berechtigtem) Zugriff der Wirtin gerettet.

Seine dänischen Doggen frönten nämlich auch einer bei Hunden eher selten anzutreffenden Leidenschaft – sie verspeisten genüsslich mit Gerstensaft getränkte Bierfilze. Wenn besagte Deckel dann den Weg durch Magen und Darm der rindviech großen Prachtexemplare zurückgelegt hatten und die unverdaulichen Reste als ‚Häufchen’ (die Bezeichnung als Haufen oder Hügel wär’ vielleicht zutreffender) war von der ‚Buchhaltung der Wirtin zur Kontrolle des Getränkekonsums und als Grundlage der Zechberechnung nichts mehr zu entziffern.

Wer wagte es dann aber diese ‚Urweltgranden’ – die zudem noch in einem Kraftfahrzeug des Modells „Gangster-Kapitän“ aus der Opelmodellpalette der Vorkriegszeit chauffiert wurden – in ihren treuen Dackelblick hinein ihr sträfliches Tun zu kritisieren?

Conchita wagte es jedenfalls nicht.

Die Stammgäste in ‚Tillmann’s Gaststätte & Weber’s Metzgerei’ wagten auch nicht das Spiel zu unterbrechen, welches die füllige Wirtin Frieda des Wochenends zu inszenieren pflegte, um das Geschäftsergebnis, das unter der Woche mehr oder weniger vor sich hinschlummerte, ein wenig zu ‚dopen’ – so würde man ihr Verhalten Heute vielleicht bezeichnen. Ich habe es damals als eine Art Gratwanderung zwischen Beschiss und Verulk der Gäste durch die ansonsten sehr umgangsjoviale Wirtin empfunden.

Samstags und Sonntags ‚deponierte’ et Friedchen nämlich ihre betagte Mutter und Vorgängerin im Amt im Ohrensessel neben der Theke. Fast jeder der eintretenden Gäste hielt sich etwas darauf zugute mit Omma Tinchen auf ihr weiteres Wohl anzustoßen.

Omma Tinchens ‚Kunjäckche’ war aber kein Schnapserl, denn Töchterchen Friedchen (dabei hatte ‚et Frieda’s’ Körper eher die Abmessungen eines Troßschiffes der Reichsmarine) füllte Ommas Stamperl brav mit einem Placebo – Omma Tinchen schüttete tapfer ein Gläschen kalten Tees nach dem anderen in sich hinein.

Sie hatte sich schon den legendären Ruf des trinkfestesten Frauenzimmers zwischen Sengbach und Itter erworben – als eine (Ex)Wirtin, die selbst in hohem Alter noch jeden Fuhrmann der Region unter den Tisch trinken würde.

Wer es von den Gästen anders wusste, der hat wohlweislich darüber geschwiegen, denn beim nächsten Familien-Einkauf in der angrenzenden Metzgerei packte et Frieda – diesmal als Metzger Karls Gattin – die eine oder andere Wurst verschwörerisch lächelnd als Schweigegeld obenauf.

Ob Meister Karl in seiner Wurstküche davon wusste, weiß ich nicht – obwohl mich manchmal das Gefühl beschlich, er würde in seiner dampfenden Brühwurstsiederei extra ‚Bestechungswürstchen’ in die Därme füllen.

Wenn ich Heute wohl noch mal an Webers Karl denke, dann liegt mir sofort wieder das ‚schmecken’ seiner kesselwarmen Fleischwurst auf der Zunge – eine geschmackvollere Brätmischung ist mir in der Folge nirgendwo sonst in der Welt über den Weg gelaufen.

Der ‚Aulen Soliger‘ goldene 7 …

Nach einem ereignisreichen Arbeitstag – 9 Stunden Maloche mit anschließender Richtfestfeier (reichlich Bier und Körnchen auf ‚Mettbrötcher mit veeeel Üllek’ (Zwiebeln) entwichen dem lieben Cornelius aus seinem ‚Achtersteven’ ein paar geräuschlose, aber leider nicht geruch- oder treffender gesagt geschmacklose Winde. In der drangvollen Enge der O-buskonservendose konnten wir Eingezwängten nämlich die gehaltvollen Pupser förmlich auf der Zunge schmecken.

Alles Kopfdrehen und Nasekräuseln war vergeblich – man war gezwungen zu genießen – jeder Fahrgast auf andere Art, und unser Conny genoss es wie stets auf die Seine.

Natürlich verdächtigte jeder Jeden der Duftanreicherung – man konnte es an den suchenden Blicken erkennen.

‚König Cornelius’ bereitete der Ungewissheit ein (fast) alle der Umstehenden zufrieden stellendes Ende, indem er einer neben ihm eingezwängten jungen Dame auf seine unnachahmliche Art leutselig ‚Absolution’ erteilte.

Laut und für alle vernehmlich tönte es aus des Urhebers Munde: „Aber Frolleinche – wegen dat kleine Mallörche bruke see doch nit rud zu weede. Dat is angeren ooch schon ungerjekomme.“

Noch nie zuvor sah man einen vor Scham so hochroten Frauenkopf vor erreichen seines eigentlichen Fahrtziels aus einem überfüllten ‚Soliger’ O-Bus flüchten.

Vor Scham geflüchtet – oder in den Boden versunken – wäre ich am liebsten am Morgen meiner Konfirmation.

Der Einsegnungsgottesdienst war schon in vollem Gange, als ich neben meiner Mutter die imposante Lutherkirche betrat. Unser Zuspätkommen bedingte das Eintreten durch das Hauptportal, während die Schar der Mitkonfirmanden durch die Seitenpforten dem Ort der Einsegnung zugeführt worden waren.

Diese Seitentüren waren schon längst wieder verschlossen.

Die fünfzig Schritte von der Eingangstür unter dem Orgelboden bis zu den Konfirmandenbankreihen unmittelbar vor der Kanzelempore war für mich das reinste Spießrutenlaufen. Hunderte Augenpaare von beiderseits des Mittelganges drückten laut schweigend ihr Missbilligen einer solchen Schlamperei aus. Meine Mutter hat mich den Weg entlang der ‚ach so gottesfürchtig’ den Eingangschoral singenden Schwestern und Brüder begleitet – und sie musste ihn auch noch wieder zurückgehen.

Wenn ich in späteren Jahren meiner Einsegnungskirche einen Besuch abstattete, war mir jedes Mal, als sähe ich wieder in die empörten Gesichter der im Rund um den Altar gruppierten Presbyter der Gemeinde – so als wenn sie dort am Tage meiner Konfirmation zu Stein geworden wären.

Dafür, dass ich als fröhliches, vollwertiges Gemeindeglied den sakralen Raum verlassen konnte, hat dann der gütige Pastor Strathmann Sorge getragen, indem er mich aus der großen Schar der kleinen Sünder hervorhob und für mich vor der Gemeinde mit aufgelegter Hand in der Dreifaltigkeit Namen für meinen Lebensweg Gottes Segen erbat.

So war er – der alte Pastor Strathmann.

Ganz anders, aber auf ihre Art ebenso liebenswert waren die Brüder Kuckuck und Knaller. Sie hatten natürlich auch einen bürgerlichen Namen, über den war aber in all den Jahren, die sie schon Kuckuck und Knaller gerufen wurden, soviel Gras gewachsen, den kannte von ihrem täglichen Umgang niemand mehr. Sie waren für alle nur der Kuckuck und der Knaller.

So wie ihre Namen auf das erste Hören sonderbar anmuteten, so sonderbar wirkten auf das erste Sehen auch ihre stets neuen Einfälle zur Erheiterung der Kollegen oder für die Aufpolsterung ihres stets klammen Geldbeutels.

Wie sollte man es auch anders bezeichnen, wenn der Kuckuck für eine Schachtel Eckstein (zu der Zeit gab es noch Kleinstpackungen mit vier Zigaretten Inhalt) einen – wohlgemerkt noch lebendigen – Frosch vertilgte?

Die daraus resultierende körperliche Unpässlichkeit war natürlich fatal, darum sei dieses Kabinettstückchen auch besser keinem zur Nachahmung empfohlen.

Oder wenn der Knaller für einen ‚Heiermann’ (ein silbernes Fünfmarkstück) seinen Kopf in einen Kübel mit Kaltbitumenanstrich tauchte und in der schwarzen Brühe dreimal mit den Ohren schlackerte.

Der dritte im Bunde dieser ‚schrägen Vögel’ in Karl Röhrichts Baufirma war der Reicherts Klaus, der es schaffte, sich während seiner ‚Hungerperioden’ (sein stattlicher Wochenlohn, den er des Freitags in der Lohntüte ausgehändigt bekam, erlebte in der Regel nämlich nie den Samstagmorgen – dafür war die Nacht in seinem Stammlokal ‚Ponystall’ jedesmal ein Weilchen zu lang) ein ganzes frisches Dreipfundsgraubrot trocken und ohne Zutaten einzuverleiben – weshalb er in Bauarbeiterkreisen allgemein auch nur der ‚Graubrotmörder’ genannt wurde.

Ein ähnlich originelles Original war Wiekendieks Hein aus der Elsa-Brandström Strasse unweit vom Neumarkt. Seines Zeichens war er ‚Pläächmann’ und in unserer kleinen Truppe zuständig für die Estrichmischung. Seine Zuständigkeit reichte von der richtigen Mischung der Rohstoffe bis zum Transport des Mörtels auf die Arbeitsebenen.

In der Summe seiner Arbeitsleistung war Hein unschlagbar. Von den 32 tons des Morgens angeliefertem Estrichkies gab es am Abend keine Spur mehr vor seinem Zwangsmischer zu sehen. Die 32 Tausend Kilogramm Kies beförderte er in 12 Stunden samt der erforderlichen Menge an Zuschlagstoffen mittels seiner übergroßen Holländerschaufel in den nimmersatten Schlund der Mischmaschine.

Einen 50 kg schweren Zementsack hievte er, ohne dabei mit der Wimper zu zucken, in einem Zug mit der Schaufel in die Füllöffnung der Maschine.

Ebenso unschlagbar war Hein aber auch in der Summe seiner Trinkleistung. Die Zeitspanne, die ein normal proportionierter Alkoholvernichter benötigte um den Inhalt eines normalen Schnapspinnekens den Schlund runterlaufen zu lassen, die reichte dem ‚Wiekendieks Heein’ um einem ganzen Liter Bier den Garaus zu machen. Hein war außerdem mit der seltenen Fähigkeit ausgestattet, sich drei- viermal hintereinander besoffen und wieder nüchtern zu saufen. Das hat ihm, soviel mir bekannt ist, in seinem Leben keiner nachgemacht. Trotz aller ‚Trinkbegeisterung’ hat Hein, während er an der Maschine im Schweiße seines Angesichtes malochte, niemals auch nur einen Tropfen eines alkoholischen Getränks angerührt. Er verstand es exellent den Wahlspruch unserer Altvorderen, nach dem Dienst Dienst und Schnaps Schnaps ist, einzuhalten.

Die ‚Aulen Soliger‘ … die „8“ die lacht

Der Anblick eines über mir fahrenden Heißluftballons, der in der sommerlichen Bläue unbeirrt seine Bahn zog, berührte mein Erinnern an Leinewebers Anna.

Lingewebersch Anna war die angetraute Ehehälfte vom schon erwähnten August dem Koffermann, der es über die Jahre seines unternehmerischen Wirkens immer wieder verstanden hatte, durch den Inhalt seines Bauchladens – den er sinnigerweise stets mit der Hand am Koffergriff und dem Arm über die Schulter gelegt auf seinem Rücken trug – in die Wohnküchen der Kotten längs der Wipper- und Wupperauen einen Hauch von Paris oder Mailand, und in die sonst eher von Kargheit und Verzicht gezeichneten Gesichter der Frauen und Mütter ein verträumtes Lächeln zu zaubern.

Ob ‚et Annas Jesich’ jemals ein verzaubertes Lächeln verschönt hatte, war für den zufälligen Betrachter schwer vorstellbar. Besonders wenn ihr Kopf das Viereck des Fensters ihrer kleinen Beiküche zur Gänze ausfüllte. Man konnte dann wohl meinen, die Reklametafel eines Lübecker Marzipanschweinchenherstellers zu betrachten.

Oder wenn sie sich notgedrungen zu Fuß auf kurze Wege begeben musste. Dann konnte man sie nämlich versehentlich leicht für eine wandelnde XXL Vogelscheuche halten – ihre wahrlich nicht schlanken Stummelarme standen waagerecht vom Körper ab, weil die Fettmassen ein anlegen an den Korpus nicht mehr zuließen.

Um aber auf das Erinnern an Anna durch den Anblick des Fesselballons zurückzukommen – an das Aussehen und die Form der rosa und blauen Schlüpfer – vom Schnitt her einem antiken Schinkenbeutel nachempfunden, außen seidig glänzend und innen angerauht, mit Gummizug an Bein und Hüfte – die bis in die Mitte der fünfziger Jahre getragen wurden, können sich viele meiner Leser sicher noch gut besinnen. Von eben diesen ‚Modellen’ – deren Stoffbedarf für ein Anna-Exemplar dem für die Anfertigung eines mittleren Fallschirmes gleichkam – besaß ‚et Anna‘ etliche an der Zahl – und stets hingen einige Modelle davon an der Wäscheleine im Garten und flatterten aufgebläht lustig im Windevor sich hin – bis zu dem Tage, an dem ein Nachbar Annas August vertraulich fragte, ob er .nicht auch mal in einem der Fesselballone, die zum trocknen im Garten an der Leine hingen, mitfahren könne. Von Stund an sah man keinen von Annas Satinschlüpfern mehr im Garten sich blähen.

Blähen blähte sich aus unerfindlichen Gründen auch der Mageninhalt – oder war es eher der des Darmes – vom Michel Paule aus Widderts Lacherstrasse. Paule fand es aber nun gar nicht zum Lachen, wenn sein ‚Hintern’ bei der geringsten Bewegung anfing zu grinsen, respektive dicke Backen machte und in seltsamen Tönen prustete. Er war darüber verständlicherweise eher betrübt als erleichtert, denn an dem Ort, an dem er seine ‚Brötchen’ verdiente, war eine solche ‚Hintergrundmusik’ – die von Fall zu Fall auch noch mit verschiedenen Duftnoten versehen daherkam – äußerst unangebracht.

Paule fungierte nämlich als Bürobote in der Mercedes (Daimler) Benz Niederlassung in der ‚Soliger’ Innenstadt.

Während die Specksohlen mancher Kollegenschuhe beim Gehen auf den Marmorfliesen der Flure hin und wieder quietschten, produzierte Paules ‚Speckseite’ dagegen peinlichere Töne.

Rettung aus seiner Betrübnis erhoffte er sich vom alten Doktor Hülsenkötter, dem langjährigen Hausarzt der Familie. Doch wie sagt man so schön, wenn etwas nicht so läuft wie erhofft?

Genau: Paule hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht.

Des Doktors Rat beschränkte sich auf die Empfehlung, er solle sich doch ein kleines ‚Mopped’ zulegen. Auf Paules erstaunte Entgegnung, er dürfe mangels Fahrerlaubnis so ein Ding doch gar nicht besteigen, antwortete der greise Doktor salomonisch: „Dat is ooch jaanich nüdich. Du bruuchst dat Motörche nur neeven disch herknattere losse – denn hüürt dien Büksenfleut nümmes miii.“© ee

ewaldeden©2013-02-08

Eine Nacht wie keine andere …

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Eine Nacht wie keine andere …

 

als Krönung von Tagen, die so wie sie waren, in der Erinnerung derer die sie erlebten, noch nicht da gewesen.

Seit Tagen schon stand der Sturm in Nordwest – fester vertäut als die Schiffe an der Kaje im südseitigen Norderneyer Hafen. Es war die ruhige Zeit für die Insel der Reichen und Schönen – die Zeit der wenigen Gäste, die eigentlich „Zeit des Atemholen“.

Die Dampfer der „Frisia“ lagen mit Hochbord am Hafenkai – der Fährbetrieb war schon seit dem Vortage aus Sicherheitsgründen eingestellt – und vom Deck der weißen Schiffe konnte man geraden Blickes in den geräumigen Gastraum des hochgelegenen Hafenrestaurants sehen, in dem an diesem Abend des 16. Februar 1962 die Mitarbeiter einer maritimen Behörde ihr winterliches Grünkohlessen hinter sich brachten.

Natürlich waren in den Stunden und Tagen zuvor Sturmwarnungen des Wetteramtes und des Seewetterdienstes allgemein und speziell verbreitet worden – nur haben sie auf der Insel, in den Büros der zuständigen Stellen, wohl nicht mehr Beachtung gefunden, als die sonst für diese Jahreszeit üblichen auch.

Das Eiland war ja sicher. Da waren sich wohl alle ganz sicher.

Erst die eigenen nassen Füße während des Mitternachtstangos auf der Tanzfläche der Hafenkneipe machten den ausgelassen Feiernden die akute Bedrohung durch den blanken Hans bewusst.

Ein wenig spät, hat im nachhinein manch Katastrophendienstler geäußert, weil angesichts der fehlenden Vorbereitungen offenbar wurde, dass die Insel auch nicht im mindesten für (oder gegen) ein solches Ereignis gerüstet war.

Wofür auch brauchte man Sandsäcke als Hochwasserschutz? Man hatte ja in Westen und Norden die Dünen und im Süden den Deich als sichere Wehr gegen die tosende Nordsee.

Nur hatte man an maßgeblicher Stelle übersehen, dass wegen des am östlichen Nordstrand sich im Bau befindlichen Kurheimes der LVA, wegen der Straßenzuführung dahin, in den schützenden Dünengürtel eine Bresche geschlagen worden war.

Eben durch diese Bresche ergoß sich in guter Wassermanier dann als erstes am späten Abend des 16. Februar das Feuchte der Nordsee in den ansonsten geschützten Inselkessel, um alles was sich in der Stadt unter Hochparterre-Niveau befand zu fluten.

Wenig später – um die Mitternacht – erwies sich dann auch die Mauer der Kaiserpromenade als zu flachbrüstig angelegt. Die auflaufenden Wellen schlugen ständig darüber hinweg und brandeten gegen die Hotelfronten längs der Kaiserstrasse, um sich dann durch die Brandwehrlohnen in das tiefer dahinterliegende Stadtgebiet zu verdrücken.

Dabei unterspülten sie die (zu) flachen Fundamente der mehrgeschossigen Nachkriegsbauten, die sich dadurch jeweils in der Mitte, längs der Treppenhäuser, wie ein Reißverschluß auftaten und sich mit ihren Seitenfronten gegeneinander lehnten.

Ein Gebäude stützte so das andere, was sie allerdings nach der Flut nicht vor dem Abbruch bewahrte.

Wir, die wir noch alle im Jünglingsalter unsere Weihen in den gastronomischen Betrieben auf der Insel erhielten, betrachteten das Spiel der Gewalten schon als ein fesselndes Erleben.

So wie etwa meine Begegnung mit dem Nordseewasser unmittelbar an der Mühle. Mein Zweitjobboss, Melkbuur Edo, hatte sich angeboten, mich in seinem Goli, dem dreirädrigen Goliath Lastesel, mit zum Hafen zu nehmen. Er benötigte meine Hilfe.

Unweit des Krankenhauses, bei der Abfahrt in die Hafensenke, gab es einen gewaltigen Rummser … und dann nur noch schmurgeln und blubbern und zischen. Wir waren mit dem höchsten Tempo, welches das Vehikel hergab, in das graugrüne Nordseewasser gerauscht. Das treue Borgwardsche Arbeitspferd war unversehens zum U-boot geworden. DAS hat selbst dieses robuste Gefährt nicht einfach so weggesteckt.

Was war geschehen? Stunden nach dem offiziellen Hochwasser war die seit mehreren Tiden am Festlanddeich gestaute Flutwelle zurückgelaufen, und hatte die Insel von „Hinten“, von Süden her, durch die offene Flanke Hafen, überrollt. Ein solches „Unmöglich“ war selbst in den Geschichtsbüchern noch nirgendwo verzeichnet. Im Nachhinein erklärte das „Vollaufen“ des Hafenbeckens über den Süddeich auch die blendende Helle über der Insel und die anschließende totale Finsternis.

Gegenüber dem Norderneyer Bahnhof (übrigens dem einzigen mir bekanntem Schienenverkehrsbahnhof zu dem niemals Schienen führten) stand bis zu dem Augenblick des „Wintergewitters“ in der Leechte ein der damaligen Technik entsprechendes Transformatorenhaus – vierkantig, Backstein, fensterlos, drei Etagen hoch. Die Kopfstation des ankommenden Seekabels für die Stromversorgung der Insel.

Durch die weit offene Tür der Station begünstigt, war das Gebäude in Sekundenschnelle geflutet, und begleitet von einem gewaltigen Blitzen und Knallen in tausende kleine Teile zerlegt worden.

Ein Kurzschluß ungeheuren Ausmaßes. Dadurch verloren die Nordwestdeutschen Kraftwerke ( zu der Zeit noch in Wiesmoor ) einen ihrer treuesten Mitarbeiter und das Eiland war in seiner Gänze tagelang ohne Stromversorgung.

Und DAS mitten im Winter. Was ganz sicher auch in manchen Momenten sein Gutes hatte, aber das „Arschkalt“ überwog dabei bei weitem.

Für alle auf der Insel anwesenden Menschen war es eine völlig neue Erfahrung.

Am Tage danach gab es oberhalb der Nordstrandpromenade unterhalb der Wetterwarte keine Gebäude der Strandverwaltung mehr. Was es aber sichtbar wieder gab, das waren die Befestigungsanlagen aus kaiserlichen Blütejahren am Ostende der Insel, die bis dahin unter den Dünen verborgen waren. Die See hatte fünfzig und mehr Meter Dünen von der Breite der Insel einfach fortgespült. Geblieben waren fremdartige Sandsteilwände, wie sie die Insel noch nie vorher geziert hatten. Das Eiland hatte – wie sicher die anderen Inseln auch – über Nacht ein anderes Gesicht bekommen.

Es mag zum Schluß ein bisschen banal klingen, angesichts des großen Elends, das in der Sturmnacht über viele Menschen längs der Küste hereinbrach, aber für uns war es ein einfach ein urgewaltiges Erlebnis – damals in der Sturmnacht vom 16. auf den 17. Februar 1962.

 ©ee

ewaldeden

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Probieren ..

 

 

Probieren…

 

Brot ist die Grundlage unserer Nahrung – so wird es uns von Alters her gelehrt.

Nicht umsonst bittet man in den christlichen Kirchen: Unser täglich Brot gib uns heute.

Das Bäckerhandwerk ist ständig bestrebt, dem uralten Begriff Brot täglich neuen Glanz zu verleihen – täglich neue Geschmacksvarianten in dieses eigentlich profane Lebensmittel zu zaubern. Eine mir bislang unbekannte Ausführung sah ich  auf einem Ladentisch in einem hiesigen Geschäft. Der Brotlaib aus Roggen wurde mir als Loggerbrot angepriesen. Loggerbrot – bei dieser Bezeichnung entstanden in meinem Kopf gleich rustikale Geschmacksbilder. Ich sah einen Heringslogger in wilder See unweit der Doggerbank den Herings-schwärmen hinterher jagen, und in den kurzen Pausen die harten Männer an Bord ihr Brot geniessen.

Verfestigt wurde dieses Bild durch die Lobpreisungen der Verkäuferin – untermauert von der Aussage, das ist Bio-Brot. Was ist Bio-Brot – drängte ich auf weitere Erklärungen. So ein wenig beschlich mich das Gefühl, als im Wissen nicht ganz auf der Höhe der Zeit angesiedelt betrachtet zu werden. Wer weiß denn nicht, was Bio-Brot ist schwang unterschwellig in der Antwort mit. Unser Bio-Bäcker verarbeitet nur Mehl aus biologischem Getreideanbau. Das wußte ich nun auch.

Wissen wollte ich jetzt aber auch noch, ob mein Geschmacksahnen sich in den richtigen Bahnen bewegte – also, kaufen und probieren. In Schwung kam mein Ahnen, als ich den Preis vernahm. Sechs Mark – pardon, zweifünfundneunzig Euro – das Kilo. Gutschmeckendes Brot vom Normalbäcker kostet weniger als die Hälfte – also muß der Genuß dieses Brotes mindestens doppelt so groß sein, war mein direktes Denken. Ich Einfaltspinsel.

Zu Hause angekommen – das große Brotmesser geschnappt – und losgesäbelt – ich konnte es kaum erwarten. Das Wasser lief mir im Munde zusammen.

Gottseidank, kann ich nur sagen, denn ohne den vermehrten Speichel hätte ich den Kleister, als den sich die Backmasse entpuppte, nicht im Mund hin- und herbewegen können. Selbst mein Hund – der immer mein Mitprobierer ist – hatte Schwierigkeiten, seine Kiefer wieder auseinander zu bekommen. Tja – und das schmecken nach Seeluft, nach Loggerleben – einfach den Beweis handwerklicher Backkunst – das alles habe ich nicht gefunden. Einzig das Gefühl, einen Steinbrocken im Magen zu haben, begleitete mich durch die folgende Nacht.

Normalbäcker – ich bleib dir treu.© ee

Der Wendepunkt …

 

Der Wendepunkt …

 

Was haben Hausfrauen eigentlichen verbrochen, das der Herrgott sie Tag für Tag so furchtbar straft? So oft sich Heidi diese Frage auch schon stellte – eine Antwort darauf hat sie sich bisher noch nicht geben können. Jeden Tag muckert sie stundenlang in der Küche zwischen Speisekammer und Herd herum, um eine andere Frage ständig neu beantworten zu können – nämlich das stereotype Auskunftsbegehren ihres Ehegespons: Was gibt es heute zu essen?

Wenn sie nach, der Hetze des morgendlichen Einkaufs, die drei Treppen zu ihrer Wohnung erklettert hat, hängt ihr schon mal vor Erschöpfung die Zunge aus dem Hals heraus.

Das ist aber überhaupt nichts gegen den Überdruß, den ihr die profane, selbstverständliche Verpflegungserwartung ihres Wohnungsgenossen bereitet. Der Überdruß ist nämlich im Lauf der Jahre so groß geworden, er läßt keinen einzigen Sonnenstrahl mehr in ihren Alltag hinein.

Heute Morgen nun hat sie die Faxen dicke. Nachdem ihr Angetrauter nach dem Frühstück, hinter der Zeitung weg, verschwunden ist, und Kurs auf seine Frühschoppenkneipe eingeschlagen hat, schnappt sie ihre Einkaufstasche, und nimmt den Weg zum Markt unter die Füße. Sie muß Rohstoff besorgen für die tägliche Raubtierfütterung.

Eine Treppe tiefer verabschiedet sich der Nachbar gerade – wie jeden Morgen um diese Zeit – mit einem zärtlichen Küßchen von seiner Frau.

So etwas kennt Heidi schon seit Jahren nicht mehr – sie bekommt zum Abschied stattdessen immer nur die Frage: Was gibt’s denn heute Mittag zu essen? auf ihren noch immer prachtvollen Busen geknallt. Da hätte sie nun wahrlich manchmal lieber etwas anderes liegen.
Noch eine Treppe tiefer stoppt ihren Abwärtslauf abrupt ein plötzlicher Entschluß. Als wenn sie vor eine Wand gelaufen ist, bleibt sie stehen.

Bis hierher – und nicht weiter. Eine 180 Grad Drehung, und schon geht’s wieder ab nach oben.

So schnell und beschwingt ist sie seit zehn Jahren nicht mehr die Stiegen hochgerattert.

Auf der Dritten angekommen – Tür auf – in die Wohnung rein – Einkaufstasche in die Ecke – Tür zu – zweimal umgeschlossen und innen die Kette vorgelegt.

Ihr Hannes könnte ja mal überraschend früher nach Haus kommen. Das ist zwar noch niemals passiert, denn verfrüht ist er noch nie aus seiner Biergartenkolonie aufgetaucht, verspätet dagegen regelmäßig. Aber besser ist besser, man kann ja nie wissen.

Heidi hat nämlich schon Pferde kotzen sehen – und das auch noch direkt vor der Apotheke.

Sie erkennt sich selbst gar nicht wieder.

Fröhlich vor sich hinträllernd befreit sie sich von ihren Alltagskleidern. Kaum ist das letzte Stück gefallen, räkelt sie sich auch schon in einem duftenden Schaumbad. Sie meint, hundert Engelsfinger an sich herumfingern zu spüren.

Sie freut sich, vor Wochen einmal leichtsinnig gewesen zu sein. Zusammen mit ihrer besten Freundin hat sie sich hauchzarte, verführerische Dessous, und anschließend ein raffiniert geschnittenes Sommerkleid, gekauft.

Ein männermordendes Duftwässerchen hatte die verschwörerisch lächelnde Verkäuferin ihr noch obenauf gepackt. Einmal hat sie doch tatsächlich die tollen Sachen zu Hause angezogen – probeweise, wie sie sich bei sich selber mit schlechtem Gewissen  entschuldigte.

Seitdem lagen die Kostbarkeiten, gut versteckt, tief hinten im Wäscheschrank.
Damit war jetzt Schluß – die schicken Klamotten würde sie heute richtig ausführen.

Als sie hüllenlos an dem großen Spiegel in der Diele vorbeihuscht, schickt sie ihrem eigenen Spiegelbild einen lauten Pfiff hinterher. Donnerwetter – das ist ja ein Prachtweib, das ihr da aus dem Spiegel entgegenlächelt. Sie könnte sich glatt in sich selbst verlieben. In diesem Moment wird ihr klar, sie ist ja noch ein echter Knaller.

So – jetzt noch die Handtasche hergeholt, die sie Hannes zu ihrem letzten Geburtstag abgetrotzt hat, und ab geht die Post. Das wird ein Tag. Das wird ein Tag der Freiheit.

 

Hannes kommt um die Mittagszeit mit leichter Schlagseite, und Wind im Rücken, die Treppenstufen hoch gesegelt. Es verwundert ihn schon, daß das Schloß in der Wohnungstür 2x umgeschlossen ist. Das ist ja noch nie vorgekommen.

Warum schließt Heidi sich denn in der Wohnung ein? Hat sie vielleicht der Schlawiner von der Etage darüber belästigt?

Seitdem der hier eingezogen ist, versenkt er ständig seine Stielaugen zwischen Heidis Brüsten.

Hee – warum ist ihm das nicht schon früher aufgefallen. Der Lustmolch kann was erleben. Oder hat seine Heidi vielleicht freiwillig …?

Nee, das kann er sich überhaupt nicht vorstellen. Nach seinem allmonatlichen Skatabend bedient er sie doch regelmäßig – und das auch noch fünf Minuten lang. Welche Ehefrau hat schon solch ein geregeltes Leben.

Neee – er kann es sich partout nicht vorstellen.

Wie sieht sie eigentlich noch aus, wenn sie nichts anhat – schießt es ihm plötzlich blitzartig durch den Kopf

Na ja – er wird es ja gleich erfahren.

Die Tür aufgeschlossen – einen Schritt rein in die Wohnung – was gibt’s heut zu essen? gerufen – die Mütze auf den Haken der
Garderobe geflenzt – rein in die Küche, an den gedeckten Tisch gesetzt – und sich’s wohlschmecken lassen.

Gedeckter Tisch? Von wegen! Einzig und allein ein großer weisser Zettel glänzt im Sonnenlicht auf der roten Tischdecke vor sich hin.

Zweimal muß Hannes die Worte lesen, um einmal zu begreifen, was da auf dem Zettel vor ihm geschrieben steht:

Mein lieber Hannes, ich bin mit Else ins Kino gegangen. Du mußt heute Mittag leider alleine essen – übrigens, das Essen für Dich steht im Kochbuch über dem Herd.

 

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Bamms – das saß. Hannes war auf einen Schlag wieder nüchtern geworden. Na, vielleicht nicht so ganz, aber wenigstens auf einem Auge so dreiviertel.

Was bildete sein Weib sich eigentlich ein? Bringt so einfach  unversehens das ganze geregelte Leben durcheinander.

Seine heilige Mittagstunde würde  ja richtig Schaden nehmen. Wie sollte er denn da um fünf, zum Dämmerschoppen, ausgeschlafen sein … und dat gerade Heute, wo se doch nachher beim Kalle inne Laube dat Endspiel von vierundfuffzich noch ma kucken wollten. Dat Spiel mit den Jupp Posipal, und so.

Dat is ja …dat is ja … er kann nicht so schnell auf das Wort kommen – weil, dat is ja schonne Weile her, dat der Pfarrer ihn als Messdiener dat gelernt hat …

Jetzt hat er es aber.

Dat is ja ein Sakrileg – dat is ja schlimmer, als wenn der Bölkens Jupp dat Sonntachs inne Kirchzeit mitten Pinsel anne Schlachläden von Tine Müllers Kneipenfenster rumwerkt.

Dat tut der aber ja nur, um den Pfarrer zu ärgern, weil er die neuen Heiligenscheine inne Kirche nich von ihm hat pinseln lassen. Hat dafür extra sonnen Möchtegernkünstler aus Italienien kommen lassen – so einen mittene richtige Schmachtlocke. Da kann man ja versteh’n, dat der Bölkens Jupp nich gut auf den Pfarrer zu sprechen ist. Zumal der Paparazzo – oder wie die Schmachtlümmels da so alle heißen –  die Fraunsleut inne Nachbarschaft auch noch richtich den Kopp verdreht hat. Alle liefen se plötzlich durche Strassen, wie so aufgetakelte Gondeln in Venedich.

Hannes muß sich erstmal setzen.

Ein paar Flaschen Doartmunder sind zum Glück noch innen Kasten.

Neeman, wat is bloß in seine Heidi gefahrn – die hat doch überhaupt kein Grund nich, ihm so in seine Männlichkeit zu treten. Letztens hat er ihr doch erst neue Küchenmöbel gekauft – ’nen ganzen Satz Kochlöffeln in alle Größen.

Da hätt’ er innen Supermaakt anne Ecke doch glatt drei Kisten Bier für gekricht.

Ein Nudelholz hatte er auch noch im Auge gehabt, als der fliegende Händler in der Kneipe Rast machte, aber da hat ihm denn sein Kumpel Schorsch von abgehalten, weil dem sein Elsken ihm schon mal mit sowat gefährliches ’nen Scheitel inne Glatze gezogen hat. Dat is doch gut, wenn man Freunde hat, die aufpassen.

Aber sein Heidi di is nich so. Nie nich. Die konnt er sogar mitten Rad nach Herne hinschicken, wenn da beie Aldis dat Bier um zwei Pfennig billiger gab. So war sein Heidi, ährlich.

All das ging Hannes durch den Kopf, während er am Küchentisch saß, und liebevoll die Bierflasche streichelte.

Mit soviel Gefühl hatte er Heidi seit Jahren nicht mehr berührt. So wie er da saß, sah er so ein bißchen aus wie Hans Albers, in seiner Glanzrolle als Eintänzer aus der Fischbratküche auf Sankt Pauli.

So trübe wie damals der Dunst in der Fischbratküche, so trübe waren auch seine Gedanken. Ließ seine Heidi ihn hier einfach so sitzen – mit Essen im Kochbuch, und so.

Überhaupt – was wollte Heidi innen Kino? Kintop hatte sie doch zuhause – sie konnte doch mit ihm Fußball und Sportschau gucken. Er hatte doch extra von Premiere dat Supersportpaket gekauft. Sie konnte sich ruhig ein bißchen mehr „Büldung“ in Sachen Fußball aneignen, anstatt zu schlafen, wenn das Programm lief.

Dat sein Heidi jetzt inned Kino war, dat war nur dat Else in schuld – so wie die immer rumlief, und auffe Männer rumtrat. Er hatte dat sein Kumpel Schorsch schon lange gesaacht. Dein Elsken, hatte er ihm gesaacht – dein Elsken die muß ja für ihre Röcke –  und so – ’nen Waffenschein haben. Und dat, wat se inne Bluse hat, dat haut ja die Männer hier inne Strasse glatt die Köppe weg. Aber Schorschi sah dat alles anders – der brauchte dat.

Oder war dat gar nich dat Elsken in schuld? Hatte vielleicht doch der Schlawiner von eine Treppe höher seine Stielaugen in Heidis Brüste eingehakt, und schlabberte jetzt an die süßen Sachen rum. Dem würde er es zeigen – eine Schwester würde er aus ihm machen, von wegen der mit sein Heidi …..

In Hannes Kopf fing es vor lauter Denken an zu qualmen. Sechs Fläsch Doartmunder hatte er schon leergelöscht, als er den Kopf auf die Tischplatte legte, und anfing zu schnarchen.

 

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So fand Heidi ihren Hannes denn auch noch vor, als sie um sechs Uhr durch die Küchentür geschwebt kam. Sie fühlte sich leicht wie eine Feder, und zufrieden und glücklich, wie sie es schon lange nicht mehr kannte.

Eine leichte Mischung von „schlechtem Gewissen“ und „hoffentlich merkt Hannes nichts“ war allerdings auf dem Nachhauseweg um sie herumgeflattert.

Irgendwie hatte sie sich ja an ihren Hannes gewöhnt, nachdem die Schmetterlinge des „Verliebtsein“ irgendwann vor Jahren endgültig aus ihrem Bauch ausgezogen waren  – aber irgendwas hatte ihr auch seit langem gefehlt. Das sie da auch nicht früher draufgekommen war … Ihre Freundin Else mußte es ihr heute erst deutlich sagen. Heidi – hatte sie zu ihr gesagt – Heidi, du brauchst wat füred Herz. Heidi hatte zuerst abgewehrt, als sie an Medizin schlucken dachte – sie war doch gesund.

Neenee, hatte Else gemeint, ich hab auch nich an Pillenschlucken gedacht – nimmste übrigens de Pille? – kam ganz spontan hinterher.

Die Pille – warum sollte sie die Pille nehmen – mit Hannes war doch schon lange  eh nix mehr los, mit Liebemachen, und so.

Siehste, sagte Else – dat mein ich. Du brauchst füred Herz mal wat Warmes – so von unten rauf.

Und so, wie ihre Freundin Else ihr das sagte, spürte sie auch prompt, das da was mit dran war. Als der schnieke Kerl vom Tisch gegenüber nämlich seine Blicke zu ihr rüberschmiß …

Irgendwie waren da Haken dran – die ließen sie gar nicht wieder los. Ihr Herz klopfte nämlich ganz plötzlich zwischen ihren Schenkeln. Oh Gott – entfuhr es ihr leise – laß mich jetzt bloß keine Herzrhythmusstörungen kriegen …

Else, mit ihren Mauseohren, die hatte das natürlich gehört. Siehste, Heidi – wat hab ich dich gesaacht, du brauchst endlich wat füred Herz – wat richtich Festes.

Tja – und eine Stunde später hatte sie „wat füred Herz“ – wat richtich Festes.

Nicht ohne Grund hatte Elsken ihren Schorschi vor zwei Jahren weich geklopft, ein Wohnmobil zu kaufen. Damals hatte Heidi Else gefragt, was sie denn mit dem Ding wollten – Schorschi führe damit doch sowieso nur immer bis zur Schrebergartenkneipe. Else hatte nur hintergründig gelächelt, und mit einem verklärten Ausdruck im Gesicht geantwortet, daß sie und ihr Schorschi, also daß sie endlich beide mit dem „Ding“ da jetzt wat füred Herz hätten.

Jetzt wußte Heidi, was ihre Freundin damals meinte. Schorschi fühlte sich seitdem als der „Größte“ in der Laubenpieperrunde – weil er unter den Kumpels das größte Auto besaß – und Else fühlte sich so gut, weil sie sich bei Bedarf ungestört „wat füred Herz“ gönnen konnte. Ihr „Herzmittel“ hatte sie auf die Idee mit der „Zweitwohnung“ gebracht – der malochte nämlich bei Laube & Co. Als Wohnwagenverkäufer. War dat nich Schicksalsfügung?

Heute Nachmittag – nach dem Eisessen im Cafè Klump hatten sie sich also beide „wat füred Herz“ gegönnt. Else war sowieso noch mit ihrem „Herzspezialisten“ verabredet gewesen, und Heidi brauchte sie gar nicht mehr mit dem Knüppel in ihr Glück prügeln – ihr  „Doktor“ saß ja praktischerweise gleich am Nebentisch.

Heidi hatte sich überhaupt nicht mehr vorstellen können, daß es so was Schönes gab. Sie war ja schon fast der Meinung gewesen, ihr „Schätzken“ zwischen den Beinen wär nur noch zum Wasserlassen da. Sie mußte sich jetzt eingestehen, „dat dat ja sowat von doof“ von ihr gewesen war.

Robert – so hieß nämlich der schnieke Kerl mit den Angel-hakenblicken aus dem Cafè – hatte ihr da ganz wat anderes gezeigt. Pralinen hatte er in ihrem „Schätzken“ versteckt, und sie dann mit seiner Zunge gesucht.

Eijeijei – wat war dat schööööön gewesen …. und dann der Besuch seines strammen Bengels in „ihrem Liebesgarten“, wie er ihr „Schätzken“ flüsternd nannte. Sie hatte den fleißigen Jungen tatsächlich von innen an ihr Herz klopfen fühlen – ääährlich.

Vor lauter Freude war dem Kleinen in ihrem Bauch wohl ganz schwindelig geworden, er fing nämlich so heftig an zu spucken, daß ihr „Schätzken“ überlief. Das „Röschen“ in ihrem dunklen Haarbusch hatte ein richtiges Sahnehäubchen aufgesetzt bekommen.

Wie ein honigverrückter Brummbär schleckerte Robert anschließend aber alles fein säuberlich weg. Er konnte gar nicht wieder aufhören zu naschen, denn mit jedem Schlecker  pulste frischer Honig aus ihrem „Schätzken“. Einen solchen „Reihen-knaller“ hatte Hannes ihr selbst in seinen besten Zeiten nicht beschert. Und nun

stand sie wieder in ihrer Küche, mit einem schlafenden Hannes auf dem Stuhl. Aber seltsam war es schon – es störte sie nicht mehr, nicht im Geringsten.

Mit einem Schlag war auch das Gefühl von „schlechtem Gewissen“ wie weggeblasen. Sie hatte ja ihren Hannes nicht betrogen – sie hatte sich ja nur etwas „besorgt“, was er ihr schon lange nicht mehr gab.

Der Geruch des gebratenen Schnitzels, und der Duft des frisch aufgebrühten Kaffee holten Hannes langsam wieder in die Gegenwart zurück. Das Essenmachen für ihren Hannes hatte Heidi plötzlich sogar Freude bereitet, die noch einen Juchzer obendrauf bekam, als Hannes – vom unbequemen Schlaf noch leicht bedrömelt – zu ihr sagte: Heidilein – du riechst heute so anders … so … so … so anders … so … na, eben so wie früher …

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Nelemale und Solamele . . .

 

 

Nelemale und Solamele . . .

 

Nelemale war gerade erst eine Stunde alt – aber sie konnte schon fliegen – eine reine Pracht war das – kann ich euch sagen.  Vorwärts und rückwärts – hochkant und breit – rundherum und steil nach oben.  Sie konnte gar nicht stillsitzen – sie mußte erst alles ausprobieren.

Ach so – ihr wißt ja noch nicht, wer Nelemale überhaupt ist.

Nelemale – Nelemale ist eine kleine schwarze Stubenfliege – ihre Augen die blinkerten wie Sterne, und ihre Flügel – ihre Flügel, die schimmerten wie Weihnachtsglas.

Ihre feinen Beinchen konnte sie nach allen Seiten drehen – sie konnte sich damit am Köpfchen kratzen und im selben Moment die Propeller putzen. Das war so herrlich – sie konnte es selber noch nicht begreifen. Bloß später – wenn sie Schuhe haben mußte – da würde es wohl ein wenig schwierig werden.  Sie brauchte nämlich sechs Schuhe auf einmal – aber bis dahin dauerte es noch.  Jetzt mußte sie sich erstmal in der Welt zurecht finden.

Ihre Welt – das war die Küche.  Mit dem großen Torfofen – und mit den Speck – und Schinkenseiten, mit den Mettwürsten in Kringeln und in langen,  Wurstdärmen – die an den dicken Deckenbalken zum trocknen hingen.  Für eine kleine Stubenfliege, wie Nelemale eine war, war es das Schlaraffenland.  In der großen, dunklen Speisekammer standen Töpfe mit süßem Rahm, mit Schmalz und Grieben und mit gelber Butter.  Sie konnte sich nicht entscheiden, wo sie sich zuerst hinsetzen sollte.  All diese Köstlichkeiten dufteten verführerisch – und sie schmeckten noch viel besser.  Hier ein bißchen probieren – da ein bißchen naschen – und zuletzt noch ein wenig am Honig schleckern.  Die Flügel wurden ihr vom hin-  und herfliegen lahm – und die Beine schwer. Es war Zeit, ein wenig zu schlafen.  Hinter der Küchentür stand ein brauner Weidenkorb – innen mit roten Tüchern gepolstert – richtig heimelig sah es darin aus.  Da drin wollte sie eine gemütliche Mittagsstunde halten.  Mit flottem Schwung flog sie in den Korb.  Zwischen den Gerätschaften, die so im Korb herum lagen, richtete sie sich häuslich ein.  Hier noch einen Strich über die Flügel bürsten – da noch das ein oder andere Bein ausschütteln – und dann schlief  Nelemale zwischen Kaffee-flasche, Brotdose, Kautabakstange, Tabaksbeutel und Pfeife ein.  Wenn sie auch nur einen Flügelschlag Ahnung gehabt hätte, was das für ein Korb war – sie wäre da ja nie nicht reingeflogen.  Woher sollte sie es wissen? Sie war doch man gerade erst ein paar Stunden alt.  Kaum das sie eingeschlummert ist, schlägt jemand den Deckel zu – ihr bleibt fast das Herz stehen.  Auf einen Schlag ist es um sie herum balkendüster.  Na, ja – so kann sie wenigstens in Ruhe schlafen.

Nelemale – wenn du wüsstest, was dich erwartet.  Sie war in Harms Vesperkorb gelandet – und war jetzt auf dem Weg ins Moor.  Harm wollte Torf graben.  Nachmittags zur Kaffeezeit bekam sie erst wieder den Himmel zu sehen.  Der Korbdeckel war noch gar nicht ganz offen, da war sie auch schon draußen.  Doch was war das?  Dies war ja eine ganz andere Welt!

Ein Summen und Pfeifen und Brummen schwirrte durch die warme Sommerluft – und all die Farben.  Blau und braun und weiß und rot – sie konnte ihre sechskantigen Augen nicht so schnell bewegen, wie die neuen Eindrücke auf sie zukamen.  Große gelbe Schmetterlinge und schwarz-gelb gestreifte Hummeln saßen auf bunten Blumen.  Wenn sie wegflogen, waren sie fast betrunken vom Nektar – so schaukelten sie durch die Luft.  Die wollenen Köpfe vom Löwenzahn und weißes Wollgras flogen mit ihr um die Wette – sie wollten sicher wissen, wer schneller durch die Luft sauste.  In einer Zeit von nichts hatte Nelemale die Küchenwelt vergessen – so leicht ist das.  Hier draussen gab es keine Mauern und Wände – an denen man sich den Kopf stoßen konnte – hier draußen war die unendliche Weite.  Alles um sie herum leuchtete und trillerte und lockte – Nelemale schaffte es bald nicht, sich alles anzusehen.  Fffjjjjiiiieeet – was war das?  Eine Schwalbe war auf Flügellänge an ihr vorbei gesegelt – jungedi – das war ja noch mal gut ausgegangen.  In ihrer Küchenwelt hatte es diese Gefahr nicht gegeben – da mußte man sich als Stubenfliege bloß vor den Honigschleifen – die unter der Decke hingen – in acht nehmen.  Nelemale sah das aber ganz gelassen – beim Teufel brennt das Feuer – und im Himmel gab es eben Schwalben.  Über das aufregende Treiben rings um sie her hat sie noch mit keinem Seufzer an Essen gedacht – plötzlich macht ihr Bauch einen so lauten Hüpfer, daß die Mücke – die neben ihr auf dem Heidekraut sitzt – rückwärts auf die Erde fällt.  Wo ist die Speisekarte – die Speisekarte muß sie unbedingt abfliegen.  Die Tische, über die sie wegfliegt, sind mit den besten Leckereien gedeckt.  Oft sind sie so vollgepackt, daß die Schlemmereien schon über den Rand laufen.  Hoch in die Luft steigt Nelemale – von oben – mit der Sonne im Rücken – kann  sie alles viel besser sehen.

Da vorne – zwischen den Erikabüschen – auf dem kleinen Hügel – als wenn da eine Krone steht.  Rot und grün und honigfarben leuchtet es in die Sonne.  Da muß sie hin – das kann ja nur etwas besonderes sein.  Ohne viel Kringelei steuert Nelemale im Sturzflug darauf  los .  Lange vor den letzten Flügelschlägen steigt ihr schon verlockender Duft in die Nase – da läuft so einer kleinen Stubenfliege ja das Wasser im Munde zusammen.  Kaddaradabumm – was war das?  Benommen guckt sie um sich zu – auf einem großen Torfbrocken liegt sie – auf dem Rücken. Sie muß mit irgend jemand zusammengerasselt sein – auf ihrem Flug in den Speisesaal.  Da wo sie landen wollte, steht ein kleines Mädchen – so zart und fein – man kann glatt durch und durchgucken.  Grüß dich – Nelemale.  Wie Engelsgesang klingt die Stimme, die sie hört.  Ich bin Solamele – die Moorfee – ich muß hier im Moor aufpassen, damit auch alles seinen rechten Gang geht.  Ja man – aber warum hast du mich denn auf dem süßen, gelben Grund nicht essen lassen?  Mein Magen knurrt wie ein alter Hofhund – er hängt mir schon in allen sechs Kniekehlen.  Nelemale war richtig ‘n bißchen wütend auf  ihre neue Bekanntschaft.  Wenn ich dich nicht aufgehalten hätte – du hättest nie mehr essen können – die kleine Moorfee schlug mit ihren seidenen Flügeln einen anmutigen Bogen.  Paß gut auf – gleich kommt der alte Knister-Knaster.  Seine Lebenskerze ist abgelaufen – den kann ich nicht aufhalten – dann siehst du, was passiert.  Solamele hatte noch gar nicht zu Ende gesprochen, hörte Nelemale ein Brummen.  Eine dicke, blauschimmernde Pferdefliege kam angetrommelt – flog drei, vier Bogen über der Krone – und setzte zur Landung an.  Der Dicke hatte sich auch wohl sein Abendbrot ausgewählt.  Ein paar mal hopste er über den gelben Grund – und dann standen seine Flügel still.

Bis er sein Kleckerlatz umgebunden , und Messer und Gabel zurecht gelegt hatte – das dauerte ein Weilchen.  Endlich saß er bequem und wollte so richtig loslegen – als es klapp machte – und die Krone sich geschlossen hatte.  Nelemale rutschte vor Schreck das Herz in die Hose – ganz blaß war sie geworden.

Jetzt weißt du – sagte Solamele, die Moorfee – wie es in der Natur zu geht.  Wenn ich meine Augen nicht überall hätte, würde unser Sonnentau alle Tiere auffressen, die ihn besuchen wollten.  Nelemale mußte erstmal kräftig schlucken – der Hunger war ihr rein vergangen – das tat sie sich aber dick hinter die Ohren schreiben.  Als sie sich nach einer Weile umdrehte,  um Solamele zu danken, war die kleine Moorfee schon lange anderswo – um Ordnung zu halten – im Leben hier im Moor.© ee

Auch zu finden im Kinderhaus : Nelemale und Solamele . . .

 

 

Die Notbremse …

 

Die Notbremse …

 

Jette und Heidi haben beide die Kurve gekriegt. Nicht daß jetzt jemand denkt, sie wären irgendwelche Rennmietzen, die Selbstfindung betreiben, indem sie in aufgemotzten Blech-kisten durch irgendwelche Rallyes turnen. Das ist weit gefehlt.

Die beiden sind zwei schnuckelige, dralle Deerns in mittlerem Alter, die auch schon von weitem als solche zu erkennen sind. Bei ihnen hat alles seine ausgeprägte Form, und alles sitzt da, wo es hingehört. Sie zählen nicht zu den Weibsen, bei denen ein Mann erst die Stelle suchen muß, die ihm verrät, daß er es mit Frauen zu tun hat. Beileibe nicht – und das wissen sie auch.

Wie gesagt, sie haben die Kurve gekriegt in ein beschau-licheres Leben. Sie betreiben neuerdings eine andere Art der Selbstfindung.

Gemeinsam haben sie dem Alltagsstreß in den Hintern getreten. Der hat ganz schön unter dem Tritt gequiekt. Die beiden machen jetzt einfach vieles, was ihnen Spaß macht, und obendrein noch ihrem Körper, und ihrer Seele gut tut.

Samstags ist aus diesem Grunde auch immer Schwimmen angesagt. Davon lassen sie sich durch nichts, und von niemandem abhalten.

Selbst nicht von ihrem gutem Freund Klaus. Bevor sie an diesem Morgen mit ihm gemeinsam etwas unternehmen, muß er sich gedulden. Schwimmen steht bei den beiden vor alles.

Also, die Schwimmzeit ist da – rein ins große Becken, das warme Wasser geniessen, und sich richtig abgestrampelt.

Die männlichen Spezies um sie herum üben derweil den Stielaugenweitwurf. Man kann an ihren Badehosen förmlich sehen, wie sehr sie sich anstrengen, einen Wurf ins Ziel zu bringen.

Es sieht fast aus wie auf einem Campingplatz, auf dem viele Männeken sich damit abmühen, ihre Zeltstangen hochzu-kriegen. Heidi hat vor lauter Lachen eine Portion Badewasser verschluckt, als Jette den Vergleich loslässt.

Viel zu schnell ist die Zeit verstrichen. Selbst das Wasser im Schwimmbad ist traurig, als die beiden das Becken verlassen – es scheint plötzlich seine Lebendigkeit verloren zu haben.

Heidi und Jette huschen – ach was – sie schreiten zu ihren Liegen, um sich ihres Badezeugs zu entledigen. So viele Augenschmeicheleien muß Frau doch geniessen.

Gerade als sie mit dem Badetuch an sich herumrubbeln, steht Klaus plötzlich vor ihnen. „Wie schön, daß du da bist“ sagt Jette erfreut, und haucht ihm ein Küsschen auf die Wange. „Aber sieh dich vor – wir sind ganz naß“ läuft als Warnung für Klaus helle Beinkleider noch hinterher. Heidi, die ein stets waches Ohr für Jette, und ein noch wacheres Auge für die Entwicklung der anderen „kleinen Dinge“ um sich herum hat – fährt sofort bremsend dazwischen: „aber nur unter der Zunge, mein Lieber, nur unter der Zunge.“ © ee

 

 

 

 

 

 

Der Instrumentenladen …

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Der Instrumentenladen …

 

Jette und Heidi hatten ein schönes, langes Wochenende vor sich. Keine große Planung für eine kleine Reise, oder so. Nix von dat. Jette war man noch so eben an einer kleinen Reise nach Leipzig vorbeigerutscht. Ein Husten quälte sie seit ein paar Tagen.

Sie hatte sich doch im alten Jahr, noch von jemand, den sie gar nicht so recht mochte, zu etwas überreden lassen, was sie auch gar nicht so recht mochte.  Es sah fast so aus, als wenn der liebe Gott da ein bißchen Verhinderer gespielt hätte – er hatte Jette einfach krank werden lassen, sodaß sie den Bus, mit den  abgedrehten Doppelkatholiken aus dem Münsterland, alleine sausen lassen mußte. Kaum das die Abgase des Reisegefährtes in der schönen Siegerlandluft nicht mehr zu riechen waren, ging es ihr auch schon wieder erheblich besser.

Auf diese Weise konnten Heidi und Jette, ein ganz schön verlängertes Wochenende lang, einfach ihren Neigungen freien Lauf lassen. Also – die Seele baumeln lassen, und Lüste streicheln war angesagt. Und das alles ohne gesellschaftlichen Zwang. Schon  am ersten Tag blühten die beiden richtig auf.

Sie konnten malen, schreiben, kochen, essen, schwimmen gehen – so wie es ihnen gerade einfiel, nur nach Lust und Laune. Ach, ja – Skippo spielen natürlich auch. Hee – ihr wißt nicht, was Skippo ist? Skippo ist das Spiel, was richtige Weibsen süchtig macht. Jetzt wißt ihr es – mehr will ich euch dazu auch nicht verraten.

Bei allem, was sie in ihrer Glückseligkeit so anstellten, hörten sie Musik, zu der sie dann am liebsten auch noch eine flotte Sohle aufs Parkett gelegt hätten.

Für den Sonntagmorgen hatten sich Heidi und Jette einen Saunagang vorgenommen. Diesmal sollte es eine gemischte Sauna sein. Von wem von den Beiden die Idee dazu gekommen war, wussten sie schon nicht mehr. Das war ja auch piepegal. Heidi hatte sich zwar leicht geschüttelt, als sie an die vielen kleinen Probleme dachte, die sie in der „gemischten Sauna“ zu sehen bekommen würden, aber laß es uns angehen – wir werden es überleben, meinte sie nur zu Jette, die angesichts dieser Aussichten schon verhalten in sich rein lachte.

Der Sonntagmorgen stand vor der Tür – die Sauna stand plötzlich auch vor ihnen, also – nix wie raus aus den Klamotten, und nix wie rein in den Schwitzkasten.

So ein ganz klein wenig trieb Heidis unbekümmerte Eingangsbemerkung Jette denn aber doch eine leichte Röte ins Gesicht:

„Mein Gott, Jette – was ist das nur für ein schöner Musikinstrumentenladen. Guck doch nur mal die vielen kleinen Flöten, die hier überall herumhängen.“© ee