Heyersand.

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Heyersand.

 

Der Fahrer des kleinen, klatschgelben Transporters schickt einen verknitterten Blick zur Uhr auf dem Armaturenbrett. Es ist viertel vor fünf am Morgen. Am Himmel sieht es so aus, als ob der Wind die Dunkelheit vor sich her treibt. Die Welt ist noch halb Nacht, und schon halb Tag.

Es ist für Jürgen Köhnen wieder einmal ein richtiger Scheißsonntagmorgen

Normale Bürger räkeln sich um diese Zeit noch in ihren Betten, und genießen den Feiertagsschlaf.

Der Techniker Köhnen dagegen ist schon seit einer halben Stunde unterwegs. Es ist bereits sein siebter Wochenendbereitschaftsdienst in Folge. Heute treibt ihn nach längerer Zeit mal wieder der Notruf eines großen Hotels rüber nach Heyersand.

Seit die Kollegen wissen, daß er zu Hause nichts mehr zum kuscheln im Bett hat, versuchen sie ständig, ihm die allgemein ungeliebten Sonntagsdienste als Braut anzudrehen. Meistens haben sie dann auch noch Erfolg damit.

Ihm scheint es fast so, als wenn die ganze Bagage in seiner Firma befürchtet, er würde als Solist keinen Ton mehr aus seiner Lebensfidel herausbekommen, und sich darum verpflichtet fühlt, ihn ständig unter fremde Leute schicken zu müssen.

Dabei spielt man doch oft viel ungezwungener auf einem Instrument wenn man alleine ist. Selbst wenn die Töne mal schief klingen sollten, selbst dann zieht niemand eine Schnute.

Versteh noch einer die Welt – ihm fällt das manchmal richtig schwer.

 

Während unter den Rädern seines Wagens der  breite Asphaltstreifen wie ein endloses Band dahinfliegt, fliegen durch sein Empfinden die krausesten Gedanken. Das schwarze, in der Mitte durch einen dicken weißen Strich geteilte Band scheint nicht enden zu wollen. Die Wegebauer haben es schnurgerade in die Landschaft gelegt. Es reicht bis weit in den Horizont hinein.

Das einzig schräge an dem Bild vor ihm sind die alten Straßenbäume. Windschief und knorrig stehen sie zu beiden Seiten der Chaussee. Es sieht aus, als wären sie an einer Schnur aufgereiht.

Er sehnt sich ein wenig in die Zeit seiner Jugend zurück, in die Zeit der ersten Fahrradtouren. Die hat er mit seinen Freunden auch hier in diesem Landstrich abgeritten. Nur sah die Gegend damals noch etwas anders aus.

Etwas …… er lacht leise in sich hinein. Das Heute ist mit dem Damals überhaupt nicht zu vergleichen. Wenn er nur an die gewölbten Klinkerstrassen mit ihrer geschwungenen Linienführung denkt. Als junge Burschen meinten sie oftmals, weibliche Formen darin zu erkennen. Sie wetteiferten dann mit-einander, wer von ihnen diese Formen am treffendsten zu beschreiben vermochte.

Gott, was waren wir doch noch naiv, denkt er.

Die Strassen waren ihm immer mit das Schönste an der Landschaft gewesen. Sie waren Natur in der Natur.

Wie frei hatte er sich jedesmal gefühlt, wenn ihr Pfadfinderfähnlein die düstere Steinwüste der Alltage hinter sich gelassen hatte, wenn sie der drückenden Müffigkeit des Wohnviertels am Rande der Großstadt entflohen waren.

Es ging ihnen wohl allen so. Sie konnten dann gar nicht kräftig genug in die Pedale treten.

Wenn sie sich nach der anstrengenden Strampelei mit müden Beinen der Küste näherten, schauten sie alle paar Minuten sehnsüchtig nach der schwarzen Rauchfahne des Schiffes aus.

Sie konnten es gar nicht erwarten, endlich an Bord des pummeligen kleinen Dampfers gehen zu können, um damit nach Heyersand rüberzuschippern. Mit den Männern an Bord waren sie von der ersten Fahrt an vertraut gewesen. Obwohl es eigentlich eher wortkarge Typen waren, die da ihren Dienst ver-sahen – zupackend, knustig und verschlossen.

Wenn der junge Kerl im Kohlenbunker – ‚Hein duk di’ nannten damals alle den langaufgeschossenen Hein Briester – einmal besonders gut drauf war, sahen sie am Ende der Überfahrt auch schon mal aus wie frischgebackene Schornsteinfegerlehrlinge.

 

Das kleine Inselwäldchen, inmitten des Eilandes, hatte es ihnen in den Jahren besonders angetan. In den alten Wehrmachtszelten fühlten sie sich wie die Indianer und Trapper in den Wildwest – Groschenromanen, die sie allesamt mit Begeisterung in sich hineinfraßen.

Mit Wehmut denkt er an die Abende in den Dünen zurück. An die Augenblicke, wenn sie die ersten Hürden der Schüchternheit gegenüber dem schwachen Geschlecht überwunden hatten.

Oh Gott, was war das für ein Gefühl gewesen, zum ersten Mal ‚das Andere’ berühren zu dürfen. Die aufgesetzte jungmännerhaftige Welterfahrenheit, die die meisten von ihnen zur Schau trugen, wenn es ums scharwenzeln vor den Mädchen ging – die hatte dann plötzlich vor dem süßen Geheimnis Reißaus genommen. Sie hatte klopfenden Herzen und roten Ohren Platz gemacht.

Irgendwann war in ihren Sommern auf Heyersand jeder von ihnen zum ‚Mann’ geworden. Auch wenn selten jemand aus der Clique darüber redete, nachdem ‚Es’ geschehen war – sie hatten es gegenseitig in ihren Gesichtern erkennen können.

„Ach ja, schöne Zeit – würdest du doch noch einmal wiederkommen ….“ Es ist ihm gar nicht bewußt geworden, daß er laut gedacht hat.

 

Er kann seine Gedanken nicht von den Bildern lösen. Was wohl aus ihnen allen, die dabei gewesen sind, geworden sein mag? Nach dem Abitur hatten die Klassenkameraden sich im Aufbaurausch der jungen Bundesrepublik komplett aus den Augen verloren.

Wie mag es der blonden Anita, seiner ersten stürmischen Liebe, ergangen sein? Ob sie das gefunden hat, wonach sie sich damals immer sehnte? Eine große Familie mit ganz vielen Kindern war ihr Traumbild gewesen. Als einziges Kind schon ziemlich alter Eltern sehnte sie sich nach einem richtigen ‚Trubelhaufen’ eigener Sprößlinge. Wenn sie unter vielen Geschwistern aufgewachsen wäre, hätte sie vielleicht anders gedacht.

Sie hatte sich so sehr gewünscht, von ihm einen dicken Bauch zu bekommen, daß ihm manchmal schon angst und bange war. Das mit dem ‚dicken Bauch’ ist aber nicht geschehen – obwohl sie beide sich immer wieder heftig gemüht hatten.

Vielleicht war es auch gut so, denn nicht nur bei ihm zu Hause wäre dann garantiert der Teufel los gewesen. Seine Großmutter, die ihm sonst vieles nachsah, stieg ihm nämlich schon bei dem harmlosesten Techtelmechtel aufs Dach. Wenn sie denn davon Wind bekam. Seltsamerweise war das aber regelmäßig der Fall. Sie hatte wohl einen besonderen Sinn dafür entwickelt.

Während des letzten Ferienlagers vor der Reifeprüfung fand er Anita dann nicht mehr auf der Insel.

Sie hatte auf dem Eiland auch keine Zeichen für ihn hinterlassen, denen er hätte folgen können. Es war, als ob der Wind sie in unbekannte Fernen fort-getragen hatte. Wer weiß, wozu es gut gewesen war.

In seinem Herzen entdeckt er allerdings heute noch oft ihre Fußspuren. Ein Stückchen von ihm hatte sie mitgenommen, und dafür von sich etwas in seiner Seele zurückgelassen. Er brauchte damals eine lange Zeit, um zu begreifen, daß sie endgültig weg war.

 

Oder was mag aus Robby geworden sein?

Robby und er waren in der Jugend die besten Freunde gewesen. Es gab zwischen ihnen keine Geheimnisse. So hatte er es damals zumindest empfunden …

Bis Robby dann, ein paar Wochen nach der Rückkehr aus dem dritten Ferienlager, auf einmal nicht mehr in ihrem Kreise auftauchte. Auch auf der Penne sahen sie ihn nicht wieder. Der Beste in der Klasse – der Primus – hatte kurz vor dem Abitur die Schule geschmissen, ohne vorher auch nur die geringste Bemerkung darüber fallen zu lassen.

Es kursierte nicht einmal das kleinste Gerücht im Schulalltag, warum er das gemacht haben könne. Selbst die Pauker schienen über die Gründe nichts zu wissen. So taten sie jedenfalls.

Von seiner alten Tante, bei der Robby seit dem Unfalltod seiner Eltern gelebt hatte, konnten sie auch nichts in Erfahrung bringen. Sie zuckte nur immer hilflos mit den Schultern, wenn sie nach ihrem Neffen gefragt wurde.

Er war einfach sang- und klanglos von der Bildfläche verschwunden.

Das war der Zeitpunkt, an dem Jürgen Köhnen bewußt wurde, daß auch ‚unverbrüchliche’ Jungenfreundschaften nicht ewig währen.

 

Im folgenden Jahr erfuhren sie dann alle, warum Robby im letzten Jahr so plötzlich aus ihrem Blickfeld verschwunden war.

Er war nach ihrem Eintreffen in Hamburg sofort wieder auf die Insel zurückgekehrt, und hatte dort die restlichen Sommermonate auf dem Zeltplatz gearbeitet. Die Liebe zu seiner Freundin Körty war die Triebfeder seines Handelns gewesen. Für die beiden war nämlich das ‚Mann’ und ‚Frau’ werden nicht ohne Folgen geblieben. Ein Kind wuchs in Körtys Bauch heran, sie war schwanger geworden.

Irgendwann, im Spätherbst, hatten die beiden dann der Insel den Rücken gekehrt. Einige Inselbewohner, die sie nach dem Verbleib der beiden fragten, sagten ihnen, Italien wäre ihr Ziel gewesen – andere sprachen von Griechenland, und wieder andere brachten sogar das ferne Polynesien ins Spiel. Von wegen Körtys Buntklörigkeit.

Richtig lagen sie mit ihren Vermutungen alle nicht, denn Jahre später flatterte Jürgen ein Brief ins Haus, dessen Inhalt ihm die wahre Geschichte erzählte.

Robby hatte die Zeilen während eines kurzen Aufenthaltes an der schwedisch-finnischen Grenze geschrieben.

Allerdings war die Postsendung mit einer unvollständigen Adresse versehen.

Diese Nachlässigkeit Robbys hatte den Brief eine lange Reise machen lassen.

Nach vielen Kreuz- und Querwegen war der Umschlag aber doch noch beim Adressaten gelandet. Die Post hatte nicht aufgegeben nach dem Empfänger des Briefes zu suchen, obwohl er nach dem Abitur, bedingt durch seine Ausbildung, häufig den Wohnort gewechselt hatte.

Die Freimarke trug den Poststempel von ‚Haparanda’. Robby schrieb in dem Brief, er befände sich mit seiner Körty auf dem Weg zu den finnischen Seen. Per Anhalter seien sie schon bis an die Nordspitze des bottnischen Meerbusens gelangt, und warteten jetzt an der schwedisch/finnischen Grenze auf eine Gelegenheit zur Weiterfahrt ins Landesinnere.

Körtys Großeltern mütterlicherseits betrieben dort an einem der zahlreichen Seen eine kleine Landwirtschaft und eine einträgliche Fischerei.

Körtys Mutter stammte nämlich aus Finnland. Während eines Besuches bei holländischen Verwandten hatte sie sich in den Sohn eines batavischen Gewürzhändlers verliebt – eben in Körtys Vater.

 

Auf die Welt gekommen war Körty in Paterswolde, einem kleinen Ort in der Nähe von Groningen, von wo aus ihr Vater seines Vaters Geschäfte im nieder-ländischen Mutterland führte. Er war ein richtiger ‚Pfeffersack’, der zufällig auch noch mit Pfeffer handelte – wie Körty manchmal scherzhaft sagte, wenn sie jemand neugierig nach ihrer Familie fragte.

So eine außergewöhnliche Deern hier, im ostfriesischen Plattland, anzutreffen forderte die Neugier aber auch förmlich heraus. Ihre Haut sah nämlich aus wie Milchkaffee, während ihre Augen so tiefblau leuchteten, wie das Wasser in den finnischen Seen. Eingerahmt wurde dieses Bild von einer Haarpracht, die so kupfern glänzte wie der rotgoldene Schein der Mitternachtssonne über dem Polarmeer.

Nach ihrer Schulzeit im Land der ‚Kloteklapper’ sollte sie auf Heyersand von der Pike auf das Hotelfach erlernen, um später einmal von einem Onkel in Djakarta die Leitung seines gastronomischen Betriebes zu übernehmen.

Dass dieser Beruf ihr nicht gefiel, das konnte sie nicht sagen – aber in ihren Zukunftsträumen befand sie sich stets bei den Großeltern mütterlicherseits, auf dem einsamen Hof inmitten der finnischen Wälder und Seen. Sie hatte auch noch nirgendwo anders ihre Ferien verbracht.

Und so hatten die beiden sich auf den Weg in den hohen Norden gemacht – zumal es Körtys größter Wunsch war, ihr Kind in der Heimat ihrer Mutter zur Welt zu bringen, wie Robby schrieb.

Die Hinterlassenschaft seiner Eltern, Robbys Erbe, über das er mit 18 Jahren verfügen konnte, gab damals wohl den letzten Anstoß für die Reise in die Region der Mitternachtssonne. Im August feierte er nämlich, noch auf der Insel, seinen achtzehnten Geburtstag. Er war dadurch zwar nicht plötzlich reich im landläufigen Sinne, aber Sorgen um die Zukunft brauchte er sich vorläufig auch nicht zu machen. Die Bankkonten, die ihm von da an zugänglich waren, die durfte man getrost als gut gepolstert bezeichnen. Sein Vater war nämlich nach dem Kriege einer der größten Schwarzhändler Norddeutschlands gewesen.

Seine Beziehungen zu den amerikanischen Besatzern hatten ihm sogar den Gebrauch eines eigenen Flugzeugs ermöglicht.

Diese für Deutsche damals ‚grenzenlose Freiheit’ hatte ihm und seiner Frau bei einem Absturz über dem Knechtsand in der Elbmündung dann den Tod gebracht.

 

Es war die einzige Nachricht von Robby geblieben. Danach hatte Jürgen von seinem Freund kein Lebenszeichen mehr erhalten. Obwohl er schrieb, sich wieder zu melden, und Jürgen in dem Brief aufforderte sie doch einmal mit Anita in Finnland zu besuchen.

Er hatte in den folgenden Jahren häufig mit dem Gedanken an eine Reise in den hohen Norden geliebäugelt – doch wie sollte man in den unendlichen Weiten da oben jemanden finden, von dem man nicht einmal um den ungefähren Aufenthaltsort wußte.

 

Er holt seine Gedanken aus dem Land der Elfen und Trolle  zurück, und versucht vergeblich wieder in der Gegenwart zu denken.

 

Das Eiland Heyersand war damals noch richtig Eiland. Mit viel verschlafener Idylle zwischen den Fischerhäusern, und auch noch reichlich Zeit für die Menschen, um einen ausgiebigen Klönschnack miteinander zu halten.

Bunte Farbkleckse in den sandfarbenen Alltag setzten meist nur die vielen jungen Mädchen vom Festland, die als Kindertanten in den Erholungsheimen, oder als Hausmädchen in den wenigen großen Hotels und vielen kleinen Pensionen ihr Brot verdienten.

Es war ihnen als ‚junge Kerls’ immer wieder eine Freude gewesen, die schwingenden Röcke durch die Inselluft schweben zu sehen.

Er kann sich nicht erinnern damals Mädchen in lange Hosen gekleidet gesehen zu haben.

Heute wirken die Strassen des Städtchens auf dem großen Sandhügel im Wattenmeer auf ihn eher wie eine Kleinausgabe der Königsallee, oder der Hamburger  Mönckebergstrasse. Die meisten Hotels mit ihrer klotzigen, eintönigen Form könnten ebenso gut in jeder anderen Ecke des Erdballes stehen

Es hat sich alles schon sehr verändert. Die heutigen Besucher entdecken so spontan nicht mehr allzu viel Schnuckeliges auf dem Eiland.

Sie müssen schon ein wenig nach den verborgenen Schönheiten und den Resten von Gestern suchen. Na ja, die Urlauber von Heute haben ja auch meist anderes im Sinn, als die Badegäste von damals.

 

Wenn er sich in der letzten Zeit der Küste nähert, ertappt er sich manchmal dabei, dass er von Weitem schon sehnsüchtig zum Horizont schaut, ob nicht die schwarze Rauchfahne des Dampfers zu sehen ist. In diesen Momenten denkt er dann bei sich: ‚Jetzt geht es aber los mit dir.’

 

Das gleiche denkt er heute Morgen auch, denn sein Kopf fühlt sich so ein bißchen wie knotige Watte an, als wenn er sich dem Wolkenbild am Himmel angepasst hat. Die eiskalte Dusche nach dem Aufstehen hat da auch nicht viel geholfen.

Er läßt die Scheibe in der Fahrertür nach unten surren, um den kalten Fahrtwind im Gesicht zu spüren. „Verdammter Schiet“ entfährt es ihm unwillig, als das Glas in der Versenkung, und die Hitze aus seinem Gesicht verschwindet.

Er möchte sich für die nächsten Stunden am liebsten auch so unsichtbar machen können wie die Türscheibe, um sich von den Anstrengungen der letzten Nacht zu erholen. Er ist ja schließlich kein junger Hüpfer mehr, der, ohne irgendwann schlapp zu machen, nächtelang durch die Betten springen kann.

Das unsichtbar machen, das kann er sich aber für Heute abschminken. Auf Heyersand wartet eine ganze Küchenbrigade schon sehnlich auf ihn.

 

Warum mußte er auch gestern Abend noch in Schröders ‚Gute Stube’ reinschauen, anstatt sich, nach dem kleinen Imbiß in der türkischen Döner-bude, gleich aufs Ohr zu hauen.

Er wußte doch schon vorher, wie es enden würde, wenn er in Patrizias Nähe kam – genauso, wie es immer ausging. Sie fielen übereinander her wie zwei ausgehungerte Tiere über eine fette Beute. Es  aber auch jedesmal höllisch himmlisch, einen Vulkan wie Trizi zum kochen zu bringen, um dann auf der glühenden Lava zu tanzen.

 

Stets war er dann der letzte Gast am Tresen, bevor er sich mit der Wirtin für den Rest der Nacht in ein reserviertes Pensionszimmer im Erdgeschoß des Hauses zurückzog.

Ihre privaten Räume auf der zweiten Etage des alten Landgasthofes waren für ihre jeweiligen Tröster schon seit längerem tabu.

Ihr Mann Gerriet hat sie da einmal richtig in die Bredouille gebracht, als er eines Abends überraschend nach Hause gekommen war.

Die Englandfähre, auf der er als Zahlmeister seinen Dienst versah, hatte am Abend wegen eines Ruderschadens das holländische Eemshaven anlaufen müssen. Deshalb entschloss er sich kurzerhand, die Nacht der Zwangspause nicht langweilig einsam in seiner Koje an Bord, sondern lieber kurzweilig zweisam im heimischen Ehebett zu verbringen. Er war mit einem kleinen Flieger schnell über den Dollart hinweg nach Hause gehüpft.

Patrizia hatte es schon als ein wenig unverschämt von ihm empfunden, so unversehens und ohne sich vorher anzumelden bei ihr aufzutauchen. Wäre ihrem Angetrauten das zur Gewohnheit geworden – an die Folgen hatte sie damals gar nicht denken mögen. Sie hätte sich dann ja reinweg überhaupt kein kleines Nebenbeivergnügen mehr gönnen können.

Wenn ihr damaliges ‚Verhältnis’ nicht so sportlich gewesen wäre – ihr läuft noch stets ein kalter Schauer den Rücken runter, wenn sie bloß mit einer Silbe daran denkt.

Nachträglich empfand sie es als Fügung, dass sie sich erfolgreich widersetzt hatte, als ihr Vater, vor der Erneuerung des Reetdaches vor einigen Jahren, den uralten Weinstock am Giebel des Gebäudes kappen lassen wollte.

Ihr Liebhaber hatte, bei seinem eiligen Rückzug aus der Gefechtszone, zwar ein paar Blessuren an seinem besten Stück davongetragen, als er sich völlig bloß im Geäst der Binger Tafeltraube nach unten hangelte. Das war für sie aber nicht das Problem gewesen, denn wer liebt, der muß auch manchmal leiden. So ist es nun einmal seit ewigen Zeiten.

Sie selbst hatte genug damit zu tun gehabt, die verräterischen Kleidungsstücke auf die Schnelle verschwinden zu lassen.

Danach mußte sie ihren Mann allerdings im Glauben halten, daß sie Pfeife raucht. Den Tabaksbeutel und die Pfeife ihres ‚Gastes’ hatte sie nämlich in der Eile übersehen. Bevor ihr Göttergatte zu diesen Utensilien in ihrem Wohnzimmer aber eine Frage stellen konnte, hatte sie sich spontan die ‚Piep’ gestopft, und den Krüllschnitt in Brand gesetzt.

Es war nur gut gewesen, daß ihr Mann vordergründig etwas anderes Sinn hatte, als sie wegen ihrer neuen ‚Marotte’ Pfeife rauchen zu tadeln. Im Gegenteil – es törnte ihn wohl noch zusätzlich an, so ein ‚verruchtes Weibchen’ zu besitzen, denn so feurig wie er in dieser Nacht war, kannte sie ihn gar nicht. Sein sonst ziemlich schnell schlappmachender Vize erwies sich plötzlich als äußerst ‚standfester Kamerad’, der nach jedem ‚Schuß’ ins Schwarze gleich wieder zu einer neuen Attacke startete.

So prall wie in dieser Nacht war ihr ‚Schmuckkästchen’ zuvor noch nie von ihm gefüllt worden. Leider wiederholte sich dieses Erleben nicht. Die alte Kurzlebigkeit hatte fortan wieder von Gerriets Liebemachen Besitz ergriffen, und ihn bis zu seinem Unfalltod im Hafen von Liverpool begleitet.

Patrizia hatte aber etwas dazugelernt. Seitdem hielt sie nämlich für die Stunden ihrer außerehelichen Lustbarkeit stets ein Gästezimmer im Parterre parat. Außerdem ist durch das Dahinscheiden ihres Vaters das Leben jetzt sehr viel einfacher zu handhaben. Es ist seitdem niemand mehr im Hause und um sie herum, der ihr Tun argwöhnisch beobachtet und ihr dann vielleicht auch noch dusselige Fragen stellt.

 

Jürgen ist sich durchaus der Tatsache bewusst, daß er Freude darüber empfindet, seit einigen Monaten Patrizias Favorit zu sein. Ein solch handfestes Glück hatte er sich in seinem Alter nun wirklich nicht mehr erhofft.

‚Mann’ wird ja naturgemäß irgendwann bescheidener in seinen Fähigkeiten – nur, an diesem Morgen wird sein Kopf durch diese Erkenntnis auch nicht klarer.

 

Er gibt ein wenig zuviel Gas. Der Motor jault gequält auf, weil er die Gänge einen Tick zu spät hochkickt.

Irgendwie kann er mit seinem Fahrzeug heute Morgen nicht so recht klarkommen. Als wenn die Blechkiste seine Gefühle nicht verstehen will. Oder missgönnt dieses seelenlose Ding ihm etwa seinen Spaß? Das kann doch nicht sein, denn wenn es so sein sollte, wird er es der rollenden Werkzeugkiste nie verzeihen.

Er wird dann das Auto irgendwann in der Nordsee versenken, statt es ‚pietätvoll’ zu verschrotten.

„Was spukt dir heute Morgen bloß für ein Blödsinn im Kopf herum“, grummelt er lächelnd vor sich hin, während er langsam wieder den Druck aufs Gaspedal verstärkt.

Die Nadel des Tachometers pendelt sich zitternd auf 120 ein.

Tempo 80 ist zwar nur erlaubt auf dieser Strecke, aber in 25 Minuten legt die Fähre nach Heyersand ab. Das Schiff darf er auf keinen Fall verpassen, denn dann ist drüben auf der Insel ‚Holland’ in Not.

Den hinterhältigen Blitzkasten, der vor einigen Wochen von Mitarbeitern der Kreisverwaltung hinter Meyers Feldscheune aufgestellt worden war, den braucht er heute Morgen nicht zu beachten. Der war in der vorletzten Nacht von irgendwelchen wütenden Nachtgeistern geteert und gefedert worden, wie Patrizia ihm beim Abschied noch zugeflüstert hatte.

Es gibt hin und wieder doch noch hilfreiche Mitmenschen in der verödeten Gesellschaft.

 

Eine letzte Kurve über den Deich, und dann mit Effee die lange Gerade zum Hafenplatz runter – er hat es mal wieder geschafft.

Das Profil der Reifen ratscht unangenehm knirschend über den rauhen Beton, bevor der Wagen vor der Gepäckhalle auf dem Bahnsteig zum Stillstand kommt.

 

Er muß seine Gerätschaften noch als Schiffsfracht aufgeben – und den Wagen muß er auch noch zum Parkplatz fahren. Nicht einmal zehn Minuten bleiben ihm bis zur Abfahrt der Fähre. Das wird verdammt knapp werden, aber für ihn ist die stete Hetzerei ja nichts Neues.

Er nimmt sich deshalb ganz fest vor, das nächste Mal früher in die Hufe zu kommen – ehrlich.

Das hat er sich bisher allerdings jedesmal vorgenommen, und jedes Mal vor dem aufstehen wollte Patrizia dann noch einmal …. weil es doch so schön war … und weil es bis zum nächsten Mal doch sicher wieder dauern würde…

Indem sie dann stets geschickt seine Hände an die ‚richtigen’ Stellen führt, verklickert sie ihm auf sanfte Weise die ‚Dringlichkeit’ ihres Bedürfnisses, und er kann nicht einmal dagegen argumentieren, weil sie seine wachsende Antwort schon fest in ihrer Hand hält.

Verdammt noch mal – welcher Kerl kann sich auch solch verlockenden Argumenten widersetzen.

Sie sind einfach zu schön, die Momente, in denen ‚man(n)’ nur noch aus Gefühlen zu bestehen scheint, und der Verstand die Segel streicht.

 

Jürgen hat gerade die Heckklappe seines Kombis nach oben schwingen lassen, als aus dem Dunkel der Gepäckhalle auch schon ein grauer Vollbart auftaucht.

Das kantige Gesicht über dem ‚Sauerkrautgestrüpp’ gehört zu Tjark Blohm. Der schiebt seinen massigen Körper auf typischen Seemannsbeinen in die noch reichlich kühle Morgenluft. Tjark Blohm führt seit Jahren mit fester Hand und viel Sachverstand den Vorposten, wie er den Festlandsstützpunkt der Reederei nennt.

„Moin Herr Köhnen“ klingt es aus dem Vollbart bassig zu ihm herüber. „Wo brennt’s denn heute?“ Tjark Blohm weiß nämlich,  daß jedes Mal wenn der gelbe Ratterkasten angesaust kommt, mit Sicherheit auf Heyersand drüben wieder irgendein technisches Dingsbums in irgendeiner hochgerüsteten Küche verrückt spielt. Und dann sagt er zur Begrüßung auch schon mal ‚Herr Köhnen’.

 

Jürgen Köhnen und seine Monteurskollegen sind für die Kochtopfjongleure auf den Inseln in etwa so wichtig, wie die Schmiermaxen für die Ketten der Schaufelbagger weit draußen in der Fahrrinne vor der Insel.

So hat es jedenfalls einmal einer der Küchenchefs ausgedrückt. Ohne die Elektronikklempner der Firma Kochtopf & Co. läuft nämlich im Ernstfall wirklich gar nichts.

Die beiden kennen sich schon ein Weilchen länger – er und Tjark Blohm. Tjark hat sich nämlich, vor Jürgens Alleinzuständigkeit für die Bedürfnisse Patrizias, bei seinem Werben um die schöne Wirtin der ‚Guten Stube’ auch mal ein paar Wochen die Hacken nach ihr schief gelaufen. Allerdings war es bei ihm bei den schief gelaufenen Hacken geblieben. Ihm war nicht das Glück zuteil geworden, vom heißen Lavastrom des feuerspeienden Vulkans verschüttet zu werden.

An einem verregneten Sommerabend war Tjark das nach einer gemeinsam geleerten Flasche Kööm mal so rausgerutscht.

Seit dem Abend sind sie fast so etwas wie Freunde geworden.

Der bärbeißige Seebär beneidet Jürgen Köhnen nicht wegen seines Erfolges bei der schönen Wirtin – na ja, vielleicht würde er das so’n büschen tun, wenn er nicht mal mitbekommen hätte, wie Patrizias alter Herr mit einer geladenen Schrotflinte hinter einem ‚Kavalier’ seiner Tochter herbönerte.

Gewehrkugeln, die hatten in Indochina oft genug seinen Weg gekreuzt – da mußte er sich hier, nur wegen einer tollen Frauensperson, nicht auch noch Schrot im Hintern einfangen.

 

„Schall ik ähm mit tofoaten?“ klingt es aus Tjarks Mund noch beiläufig durch die Morgenluft, während er sich schon einen leeren Rollwagen aus der Schlange heranzieht.

„Moin Tjark – das wäre schön – ikk bün vörmörgens rein wat loat to Been koamen.“

Tjark kneift grinsend ein Auge zu, als er Jürgen antwortet:

“Wee dat vernacht in d’ Nüst wäär so moi? Du bist heute Morgen aber wohl nicht der einzige, der zu spät zu Potte gekommen ist – dat Schkipp is nämlich noch gannich dor. Laß Dir man ruhig Zeit.“

Jetzt erst fällt Jürgen Köhnen auf, daß an der Kaimauer der Liegeplatz der Fähre noch verwaist ist.

Sonst um diese Zeit befinden sich die meisten Fahrgäste schon an Bord, während sie sich heute Morgen, mehr oder minder ungeduldig, auf dem Hafenplatz die Beine in den Bauch stehen. Die meisten denken sicher mit Bedauern an den Schlaf, den sie hier der kühlen Nordseeluft opfern.

 

Tjark Blohm will gerade mit dem beladenen Rolli in Richtung Rampe loszuckeln, als mit einem ohrenbetäubenden Scheppern die große altertümliche Telefonglocke in der Lagerhalle anschlägt.

Der Frachtgutspezialist läßt den Wagen mit Jürgen Köhnens Kisten und Kasten einfach auf dem Pflaster stehen, und stakst mit langen Schritten in die düstere Halle rein. Zwei, dreimal hört Jürgen ihn ein lautes Wort sagen – es klingt gerade so, als wenn die Fernsprechverbindung etwas klapperig ist – dann erscheint Tjark mit wild herumfuchtelnden Armen wieder auf der Rampe.

„Son Schiet oaber ok – näman, so een Schiet ok.“

Der Hüne im Fischerhemd scheint sich gar nicht wieder einkriegen zu können. Er rennt aufgeregt zum Büroeingang der Reederei – im gleichen Tempo schlackert er zurück zur Halle, und wieder hin zum Büroeingang. Dann erst scheint ihm einzufallen, daß sich im Kontor um diese frühe Stunde ja noch niemand seinen Allerwertesten breitsitzt.

Nach einer Minute intensiven Kopfkratzens besinnt er sich wieder Jürgen Köhnens Anwesenheit

„Jürn – du mutts mi een Gefallen doon.“

„Tjark – wat ist denn los?“ Jürgen Köhnen kann sich keinen Reim auf das seltsame Gebaren seines Gegenüber machen.

Er weiß im Moment nur mit Bestimmtheit, daß er zu spät auf die Insel kommen wird, und daß die Küchenmannschaft, die ihn auf Heyersand erwartet, jetzt schon mit ihren Hintern auf heißen Kohlen sitzt, während die Gäste des Hotels nachher auf ihren vier Buchstaben wahrscheinlich vor ziemlich kalten Speisen hocken werden.

Irgendwo in seinem komplizierten Inneren hat das Steuerungsgerät für die Regelung der Küchenenergie nämlich schlapp gemacht – und ohne dieses un-scheinbare kleine Ding bekommt selbst der feurigste Koch keine Hitze unter seine Töpfe und Pfannen.

 

„Jürn, Du mußt eben für mich ins Nachbardorf fahren. Ich kann ja jetzt schlecht weg hier.“

Tjark hibbelt aufgeregt mit seinen riesigen Pranken in den Hosentaschen herum.

Nun sag mir doch erstmal, was überhaupt los ist. Wenn ich nichts weiß, dann kann ich Dir auch nicht helfen – un överhaupt, wor blivt dat Schkipp?“  

Jürgen Köhnen wird schon rein ein bißchen franterig. Wenn er hier noch lange dumm herumsteht, wird das seiner Firma mit Sicherheit eine Stange Geld kosten.

Die meisten Hoteliers haben bei der Einrichtung ihrer Küche eine Garantie auf die Funktionstüchtigkeit der modernen Großgeräte bekommen, sonst hätten viele von ihnen diese Dinger noch gar nicht angeschafft.

Dafür sind er und seine Kollegen denn die Garanten – sie sind quasi die Feuerwehrleute im Einsatz gegen kalte Küchen.

Er würde sich am liebsten selbst in den Achtersten treten – wenn er es könnte. Warum hatte er bloß gestern Abend nicht noch die Nachtfähre genommen.

Ja ja – Patrizia …! Ach Schiet, denkt er – daß hätte auch nichts gebracht. Mit der Nachtfähre wurde nämlich kein Stückgut zur Insel expediert.

Dann wäre er zwar jetzt drüben an seinem Einsatzort – aber ohne Material und Werkzeug. Dafür ganz sicher mit einem vor Wut kochenden Hotelier, und einer nicht kochen könnenden Horde Köche im Nacken. Nee nee, da war die aufregende Nacht mit Trizi schon anregender gewesen.

Jürgen muß sich zwingen, nicht mehr an die letzten Stunden zu denken, weil es ihm sonst im Schritt unweigerlich zu eng werden würde.

 

„Wat is mit Di“ reißt Tjark ihn aus seinen Betrachtungen. „Fährst Du nun für mich ins Nachbardorf? Wäch kummst Du hier nämlich eers, wenn irgendwell Hein Briester hoalt hett. De moot de Holtengast stüüren.  Die Südergast sitzt nämlich seit einer halben Stunde querab Buhne sieben auf Grund fest – und da wir seit zehn Minuten ablaufendes Wasser haben, schall see dor ok woll noch een Tiedlang blieven mooten.“

Die Morgenfähre von der Insel war wegen der extrem niedrigen Flut auf Grund gelaufen. Der Steuermann hatte erst vor vier Wochen bei der Reederei Heuer genommen, und Heute zum ersten Mal das Revier alleine befahren. Er ist ein Opfer der Tücke des Wattenmeeres geworden. Der seit Tagen anhaltende Südost hat einen normalen Tidenhub verhindert, und er ist prompt mit seinem Schiff in die Falle getapst. Das ist sicher nicht schön für ihn, aber im Moment sitzt er ja noch hoch und trocken mit seinem Schiff auf dem Baljensand.

Die kalte Dusche und das Donnerwetter der Reederei, das alles wird noch früh genug auf ihn herniederprasseln.

 

So, und jetzt muß Hein Briester her. Jürgen Köhnen kann nicht verhindern, daß plötzlich wieder Bilder aus der Vergangenheit durch seinen Kopf flattern.

Oh man, wie eingebildet waren sie sich als was ‚Besseres’ vorgekommen, wenn sie wie eitle Pfauenhähne mit ihren ‚Eroberungen’ in der kleinen Hafenkneipe „Zum lachenden Seehund“ aufkreuzten, in der der nur zwei Jahre ältere ‚Hein duk di’ oft allein am Tresen saß, und mit seinen rissigen Händen, denen man immer die Kohlenarbeit ansehen konnte, sein Bierglas umklammerte. Nie hatten sie auch nur einmal ein Mädchen in seiner Nähe aus-gemacht. Na ja, haben sie damals gedacht, welches Mädchen läßt auch schon so einen ‚Kohlenschüpper’ an sich ran.

 

Der schlaksige, ungelenke ‚Hein duk di’ von damals hatte die Jahre hinter sich, und den Kohlenbunker unter sich gelassen. Ein Paradebild von einem Kerl war er geworden. Jetzt stand er schon seit langem als Baas oben auf der Brücke. Ohne Spuren von Kohlenstaub an den Händen.

Hein hatte sich zum Kapitän hochgearbeitet. Er hatte seit Jahren das Kommando auf der ‚Holtengast’.

Wenn Hein Briester gerade die Linie fuhr, hat Jürgen Köhnen ihn, auf seinen Touren zur Insel rüber, hin und wieder gesehen und ein paar Worte mit ihm gewechselt.

Doch nie war das ‚Damals’ zum Thema ihrer Unterhaltung geworden. Irgendwie stand da noch immer die unsichtbare Mauer zwischen ihnen, die er und seine Kumpels als jugendliche ‚Doofköppe’ in ihrem Unverstand aufgebaut hatten. In diesem Moment empfindet Jürgen Köhnen ihr Verhalten von damals schlichtweg als idiotisch. Wenn Hein Briester das wüsste.

 

Seinen regulären Dienst braucht Käpten Briester an diesem Sonntag erst am Nachmittag antreten. Sonntags setzt die Reederei nachmittags zwei Fähren gleichzeitig ein, um problemlos den geballten Ansturm von Rückreisenden aufs Festland schaufeln zu können.

„Hein hett güstern Oabend sien Geburtsdach fiert, da hat er sich wohl tüchtig einen geballert – und jetzt kriegt ihn keiner an die Strippe.“

Tjark steckt vor Aufregung eine Filterzigarette am falschen Ende an, und flucht lauthals über den gräsigen Geschmack des Glimmstengels.

„Kann seine Frau ihn denn nicht wecken …? wirft Jürgen in das fluchen ein. Er weiß nämlich, dass Hein Briester verheiratet ist. Und das schon sehr lange. Während ihres letzten gemeinsamen Ferienlagers auf der Insel hatten sie sich alle gewundert, daß der Einzelgänger ‚Hein duk di’ nicht mehr in der Kneipe saß, und in sein Bier greinte. Hein hätte heiraten müssen, so hörten sie vom Wirt. Zu Gesicht bekommen hatten sie Hein Briesters Frau aber nicht, er wohnte mit seiner Familie ja nicht auf der Insel.

Es hatte sie auch nicht die Bohne interessiert. Was sollte so einer denn für eine abbekommen haben. Die würde doch zumindest schielen oder hinken, oder hätte einen Buckel mit Bart – auch wenn der Wirt, als er das hörte noch sagte, Hein hätte sich ’ne schmucke Deern geangelt. Mit dieser Bemerkung wollte der Insulaner ihnen als Nichtinsulaner doch nur eins beipulen. Die hielten hier doch alle wie Pech und Schwefel zusammen.

 

Als wenn Jürgens Frage Tjark Blohm geärgert hat, blickt der ihn von unten her nur ganz bissig an, und knurrt verhalten:

„Bi Hein is upstünns niks mit Wiev“, und gleich darauf wieder lauter werdend: „und darum muß jemand hin, und ihn unbedingt aus dem Bett trommeln. Versteist Du mi nu?“

Tjark ist reinweg achter d’ Pust. So einen langen Schnack hat er ja schon Jahre nicht mehr gehalten. Na ja, sone Landratte wie Jürgen Köhnen eine ist, die kann das ja auch nicht so schnell begreifen – und sowieso wird er darüber besser nichts mehr sagen.

Diese Erkenntnis behält er aber wohlweislich für sich. Er sieht sich nämlich schon im Geiste die sechs Kilometer zu Heins Koje mit dem alten Gepäckrad abstrampeln, wenn er das laut sagen würde.

Tjark mag gar nicht daran denken, daß Jürgen Köhnen Heute vielleicht auf den Inselhopper ausweicht, der seit dem letzten Herbst die Küste längs fliegt. Das könnte dann leicht für ihn zur Gewohnheit werden. So ein Flieger ist ja wohl eine schöne Sache für Leute, die mit der Zeit geizen. Er jedenfalls kann diesen brummenden Hummeln seit Südostasien keine freundlichen Gefühle mehr entgegenbringen.

 

Es ist für ihn heute Morgen beruhigend, zu wissen, daß tief in Jürgen Köhnen auch eine Art zementierte Abneigung gegen alles Fliegende sitzt.

Die nette Brandbombe, die in seiner frühen Kindheit sein Elternhaus in der Hansestadt getroffen hatte, die ist wohl mit daran schuld.

Jürgen Köhnen hat ihm einmal bruchstückhaft von dieser schrecklichen Nacht im Luftschutzkeller erzählt.

Familie als Familie besitzt er seitdem nicht mehr. Von allen 32 Bewohnern des Hauses Kanalstraße 18 überlebten einzig seine Großmutter und er das Inferno der Bombennacht. Alle anderen verbrannten im Keller.

Die Jahre danach war seine Oma für ihn Mutter und Vater zugleich gewesen. Dieses Glück wurde vielen Kindern im zerstörten Hamburg nicht zuteil. Ohne sie wäre er mit Sicherheit – wie viele andere – in irgendeinem Heim gelandet.

Dafür war er seiner Großmutter bis zu ihrem späten Tode immer dankbar gewesen, obwohl sie ihn mit ihrem Egoismus in seiner Jugend um so manches Erlebnis gebracht hatte.

Das alles hat er aber ganz tief in seinem Innern vergraben. Der Köhm und Tjark Blohms ähnliche Erlebnisse brachten ihn an dem besagten Abend dazu, ein wenig an diesen Dingen zu kratzen. Aber nur ein ganz klein wenig. Es kam nämlich nicht einmal etwas  von seiner gescheiterten Beziehung zu Carola, mit der er eine kurze Zeit verheiratet war, und seiner ständigen Suche nach etwas Verlorenem ans Tageslicht.

 

Tjark Blohm muß einmal tief Luft holen, um diese, und seine eigenen Erinnerungen zu verscheuchen, die ihm die Gegenwart für ein paar Sekunden vernebeln.

„Nu seech man to, daß du los kommst – wir klaren in der Zeit schon die Holtengast auf.“

Tjarks sonst gewaltiger Baß klingt ein wenig wie mit Mehl bestäubt.

Jürgen Köhnen steht ganz verdattert neben seiner klatschgelben Blechkiste.

„Ik weet doch gannich, wo ich hin muß ….“

„Och joa … hier.“ Tjark hat endlich aus den Tiefen seiner Overalltaschen ein zerknittertes Stück Papier ans Tageslicht befördert und drückt es Jürgen in die Hand

„Dat is Hein sien Visitenkoart – da steht allens drauf.“

Sagt es, dreht sich um, und bölkt gleich darauf mit röhrender Kommandostimme in die Richtung von zwei Decksleuten:

„Nu man een bäten dalli, ji beiden – de Holtengast moot warmlopen. In einer halben Stunde heißt es Leinen los.“

 

Wer Tjark im normalen Betrieb in seiner Gepäckhalle herumklütern sieht, der traut ihm niemals eine solche wieselige Wendigkeit zu, wie er sie jetzt an den Tag legt.

Der normale Beobachter weiß ja auch nicht, daß Tjark außer seiner Fahrenszeit auf einem verrosteten Seelenverkäufer im südchinesischen Meer auch noch 10 Jahre Dienst in der französischen Legion hinter sich gebracht hat. Darüber spricht er allgemein auch nicht, weil ihn hier und heute wegen seiner körperlichen Massigkeit sowieso alle respektieren.

 

Das war während seiner Schulzeit noch anders gewesen, als jeder daheim im Dorf den schmächtigen Burschen hänselte, weil er keinen richtigen Vater vorweisen konnte und deshalb von der Gemeinschaft als nicht ‚vollständig’ angesehen wurde.

Im letzten Schuljahr hat er wegen einer solchen Hänselei dem Schlachtersjungen von nebenan – auf dem Klosett in der Schule – kurzerhand ein Ohr abgebissen.

Auf dem Klosett deshalb, weil der kräftigere Schlachtersjung, der zwei Jahre älter war als Tjark, in dem Moment nicht so schnell hinter ihm herrennen konnte – von wegen die heruntergelassene Büx.

Von da an war der auch nicht mehr vollständig gewesen.

Tjark hat sich allerdings daraufhin nicht mehr nach Hause getraut, und am nächsten Tag in die Schule schon mal gar nicht. Lehrer Krumbiegel hatte garantiert schon seinen ‚Spezialrohrstock’ auf Vordermann gebracht.

Der alte Knochen besaß nämlich ‚Zuchtruten’ in verschiedenen Kategorien – die eine war für leichte, eine andere für mittelschwere, und eine dritte für besondere Fälle gedacht.

Die zu erwartende Sühne für seine Tat hatte Tjark schon von sich aus freiwillig unter ‚besondere Fälle’ eingeordnet. Diese ‚Behandlung’ wollte er seinem verlängerten Rücken nun doch nicht antun.

Bei einem solchen ‚Ritual’ halfen nämlich auch keine in die Hose gestopften Schulhefte, mit deren Hilfe sie die fast alltäglichen, kleineren ‚Strafaktionen’ abmilderten.

 

Am zweiten Tag nach seiner ‚Heldentat’ kroch er abends auf Möllers Rastplatz zwischen die Ladung eines abgestellten Fernlasters.

Irgendwo musste er ja mal schlafen. Und er schlief verdammt lange. Als er nämlich wach wurde hörte er Sprechen um sich herum das er nicht verstand, und als er durch einen Schlitz in der Plane nach draußen linste, sah er in eine Gegend die ihm völlig  fremd war.

Vom Fahrer des LKW, der seinen ‚blinden Passagier’ nach einer Pinkelpause auf der Ladefläche entdeckte, erfuhr er, daß sie gerade die französische Grenze passiert hatten.

Nachdem er zwei dickbelegte Stullen aus des Fahrers Brotdose vertilgt, und sich den Muckefuck aus dessen  Kaffetank einverleibt hatte, ging es ihm wieder bestig. Für den gutmütigen Fernfahrer machte er sich fix um zwei Jahre älter. Siebzehn sei er gerade geworden und wolle in die Welt hinaus.

Der Kapitän der Landstrasse schloß daraus messerscharf, seinen ‚blinden Passagier’ ziehe es wegen irgendeiner jugendlichen Missetat in die Fremden-legion. Was Tjark sofort mannhaft bejahte, obwohl er von dieser Einrichtung sein Lebtag noch keinen Pieps gehört hatte.

 

Zwei Kilometer weiter saß er denn auch schon auf der nächsten Gendarmeriestation einem Elsässer Flic gegenüber, der ihn auf französisch allerhand fragte was er nicht verstand, und der ihn etwas unterschreiben ließ was er nicht lesen konnte. Obwohl derselbe Flic sich wenig später beim hinausgehen mit dem Fernfahrer ganz passabel auf Deutsch unterhielt.

Ein von dem Gendarmen aus einer nahe gelegenen Kaserne herbeigerufener Corporal kassierte ihn kurz darauf ein.

Acht Stunden später tummelten sich auf dem Kopf über der Rekrutenuniform der ‚Legion Francaise’ nur noch Stoppeln und nochmal acht Stunden später fand er sich als ‚Zackbumm’ irgendwo in den zerklüfteten Bergen der Insel Korsika zur Grundausbildung als Legionär wieder, um gleich danach als Schütze Arsch aus niedrigster Position die Schönheit der algerischen Wüstenlandschaft entdecken zu dürfen.

Tjark Blohm sollte es für eine lange Zeit nicht mehr geben.

Omanoman – wenn er das auf dem Klosett in der Schule geahnt hätte – der Schlachtersjung hätte entweder den Horchlöffel an seinem Wasserkopf dranbehalten, oder Tjark hätte von Lehrer Krumbiegel die Behandlung für besondere Fälle in Kauf genommen.

Seinem Aufenthalt in Algerien folgte eine Stipvisite nach Südamerika auf eine der vorgelagerten Inseln zur Niederschlagung einer Sträflingsrevolte.

Nachdem die Zuchthauskolonie ziemlich unfriedlich von ihm und seinen Kameraden befriedet worden war, durfte er für längere Zeit die ‚Gastfreundschaft’ der Kongolesen genießen, um dann übergangslos von der Führung der ‚Grande Nation’ nach Südostasien geschubst zu werden. Ehe er noch recht zur Besinnung gekommen war, befand er sich mitten im Schlamassel in Indochina. Es wurden drei heiße Jahre in der grünen Hölle um Dien bien Phu.

Für einen ostfriesischen Torfkopp, der nur wegen eines abgebissenen Ohres von zuhause ausgebüxt war, war das ganze Erleben schon ganz schön happig.

 

Na ja, er hat es überlebt, und viel von der Welt gesehen. Es war allerdings eine ziemlich blutige Welt, die er dadurch kennengelernt hat. Sogar ein paar glänzende Blechdinger hatten die Franzmänner ihm für seine Tapferkeit an die Brust geheftet.

Nur seiner Mutter hat er sie nicht mehr zeigen können, damit sie gesehen hätte, daß aus ihm doch noch was geworden war. Sie war ein halbes Jahr vor seiner Rückkehr in die Heimat  gestorben.

 

Nach den Kämpfen in den asiatischen Regenwäldern war er seinen Capitain um seine Entlassung aus der Legion angegangen. Die Demission hatte ihm der Kriegsminister in Paris auf Grund der Fürsprache seines Vorgesetzten dann auch huldvoll gewährt, weil wütende Asiaten ihn bei Nahkämpfen schon dreimal durchlöchert hatten. Er versprach sich für die französische Marianne wohl nicht mehr allzu viel Nutzen von diesem waidwunden ostfriesischen Helden.

Mit einer Heuer auf einem Frachtdampfer, und dem Sold für 10 Jahre Zackbummzeit in der Tasche, versuchte er nach seiner ‚Entmilitarisierung’ mit einem Schiff einen deutschen Hafen zu erreichen. Zehn Jahre hat es gedauert, bis er den ersten deutschen Hafen zu Gesicht bekam. Er hatte in seiner Abschiedslaune nämlich einen Pott erwischt, das zwar den Union Jack führte, und an dessen Heck Liverpool stand – das aber seinen Bugspriet trotzdem nie aus dem Chinesenmeer raus steckte.

Es wurde eine ganz schön lange Reise durch die asiatischen Häfen. Er hatte sich auf dem Schrottkahn aus dem vorigen Jahrhundert schnell vom Leicht-matrosen zum ersten Steuermann hochgearbeitet.

An Bord galt sein Wort bald mehr, als das des ständig duunen Kapitäns. Das nützte ihm nur nicht viel, denn dem heruntergekommenen englischen Ginliebhaber – einem in den Kolonien gestrandeten Sprössling der Gordon Dynastie – gehörte der verrottete Kahn. Die Rostbeule hat er erst verlassen können, kurz bevor die Wellen über dem Deck zusammenschlugen, und sie für immer in ihr nasses Grab versank.

Das südchinesische Meer mit seinem Kranz von Opiumhöhlen drumherum kannte er seitdem besser, als seine eigene Hosentasche. In der fand er ja nicht einmal auf Anhieb die popelige Visitenkarte von Hein Briester.

 

Nachdem die Besatzung einer Dschunke ihn zwei Tage später wie einen Sack Reis aus den Fluten des gelben Meeres gefischt hatte, war er noch ein ganzes Jahr durch die Spelunken von Singapur gegeistert. Um das Leben nachzuholen, wie er sich selber einredete. Im Grunde hatte er aber nur gesoffen, und wahrscheinlich eine Menge Halbchinesen produziert. Die netten ‚Chinagirls’ schätzten nämlich die ‚Ausdauer’ der kräftig gebauten ‚Langnase’ über die Maßen, und ließen sich häufig – auch ohne dafür entlohnt zu werden – von ihm beglücken. Er leistete sozusagen ‚echte deutsche Wertarbeit’.

Erst der Käpten eines ‚DDR’ Schiffes hatte es nach einem fürchterlichen gemeinsamen Saufgelage geschafft, ihm diese Art von ‚Völkerverständigung’ auszureden, und seinen Kompass auf Kurs Heimat einzustellen. In Antwerpen war er dann von Bord des volkseigenen sozialistischen Frachtdampfers gegangen.

Das geschah allerdings sehr zum Leidwesen des Rostocker Kapitäns. Der hatte Tjark, während der vorausgegangenen monatelangen Trampfahrt durch die Häfen des indischen Ozeans, als Mensch und Seemann schätzen gelernt. So einen Mann der Tat konnte jeder Käpten für sein Schiff gut bebrauchen. Zumal Hein ja auch nicht an Parteigläubigkeit litt. Er hätte ihn liebend gern als ersten Offizier in seine Mannschaft eingebaut.

Gewollt hat er damals selber auch wohl – aber nee, das Heimweh war stärker. Er mußte nach Hause, und das hätte er dann wohl nicht können. Die ehrliche Haut von Käpten hatte ihm nämlich nicht verschwiegen, daß in den beiden Deutschlands Kontakt über die innere Grenze fast, und das Anlaufen eines westdeutschen Hafens völlig  unmöglich war. Sie hatten sich zum Abschied nur schweigend umarmt, als er in Belgien das Schiff verließ. Die Verbindung zwischen ihnen war jedoch bestehen geblieben und bis heute nicht abgerissen.

Jetzt, wo in Europa so vieles anders geworden war, trafen sie sich sogar hin und wieder um alte Erinnerungen aufzufrischen.

 

Jürgen Köhnen steht nun da – mit dem reichlich strapazierten Anschriftenzettel von Hein Briester in der Hand – und pliert reichlich dumm aus der Wäsche. Tjark Blohm beobachtet ihn offenkundig vom Anleger her – der alte Fuchs sieht nämlich stets alles, was um ihn herum geschieht. Es ist geradeso, als wenn er auch hinten Augen hat.

Als Jürgen sich nach einigen Minuten noch nicht rührt, ruft Tjark ihm von weitem freundlich, aber lautstark über den Hafenplatz zu: „Die Schlange ist nicht mehr da. Schüttel die Starre man ab, und bring endlich Deinen Briefkasten auf Touren. Könnte sein, daß Du sonst nachher auf der Insel von Deinen Kunden kalfatert wirst.“

 

In Jürgen Köhnen kommt Bewegung. Tjark hat ja Recht. Je eher er mit Hein Briester wieder zurück am Anleger ist, umso früher landet er in der gelähmten Küche auf Heyersand.

Aber wieso hat er seinen Transporter ‚Briefkasten’ genannt? Diese Bezeich-nung hatte Tjark ihm gegenüber noch niemals gebraucht. Ist dem alten Halun-ken da vielleicht versehentlich etwas rausgerutscht?

Ein halbes Jahr zuvor hat ‚irgendjemand’ ihm nämlich eine Überraschung bereitet, über die der ganze Landstrich noch eine Weile schallend gelacht hat. Es war ein Witz gewesen – aber geflucht hat er den Morgen doch wie ein mongolischer Kameltreiber in der Wüste Gobi. Zumal der Anstoß zu diesem Witz ihn und seine Kollegen in der Vergangenheit schon genug geärgert hatte.

Die Firmenleitung hatte allen Außendienstmitarbeitern – ganz gleich ob sie als Monteur oder als Vertreter bei ‚Kochtopf & Co.’ ihre Brötchen verdienten – eines Tages als Dienstfahrzeuge kleinere Fortbewegungseinheiten verordnet. Die Smarts mußten wegen der Firmentradition natürlich alle gelb sein.

Nee nee, der Firmengründer war kein Chinese gewesen – so hoch aufgehängt war das nun auch wieder nicht.

Die ‚Firmentradition’ bezüglich der Fahrzeugfarbe hatte einen ganz banalen Hintergrund.

Der Vater des jetzigen Seniors hatte nach dem Kriege damit angefangen, Töpfe und Pfannen zu verhökern. Die Töpfe und Pfannen wurden aus Stahlhelmen der ehemaligen Wehrmacht gefertigt. Stahlhelme waren reichlich vorhanden – Pötte und Pannen gab es dagegen weniger. Dass die nicht mehr benötigten Soldatenkopfbedeckungen ausschließlich zu Nachttöpfen umfunktioniert, oder als Haarschneideschablonen benutzt wurden, ist nämlich ein Märchen.

Durch gewisse Beziehungen zu den Besatzern hatte er sich für seinen Pöttehandel als erstes motorisiertes Firmenfahrzeug einen ausgedienten ‚Opel Blitz’ der alten Reichspost besorgt. Weil aber keine Pinunsen mehr in der Geschäftskasse zu entdecken waren, um den viereckigen Knatterkasten umpönen zu lassen, blieb er schön postgelb – und allen anderen Firmen-fahrzeugen, die diesem Gefährt folgten, verpasste der Chef den gleichen Farbton. Man hängt ja schließlich irgendwie an seinem ‚Erstgeborenen’.

So einfach war das mit der Tradition, auch wenn es in der Firmenchronik ein wenig anders zu lesen ist.

Die Sparidee mit den Knutschkugeln war auf dem Mist des Juniors gewachsen, der schon während seines BWL Studiums kräftig in der Firma mitmischen wollte.

Von ihrem langjährigen Fahrdienstleiter stammte der Ausspruch:

„Jetzt zeigt das Küken uns alten Hennen, wie weit wir unsere Hintern öffnen dürfen, um goldene Eier zu legen.“

Wenn das Ganze sich nicht sehr rasch als riesiges, und außerordentlich teures Windei entpuppt hätte – der altgediente Haudegen wäre garantiert wegen seiner Leichtlippigkeit ausgemustert worden. Der Nachwuchschef war in solchen Dingen ziemlich empfindlich.

Die ganze Firmenflotte fuhr nach der Idee des Juniors auf jeden Fall erstmal smart durch die Lande.

Die Betriebskosten für die Kundendienstfahrzeuge gingen dadurch zwar nach unten, doch die eingesparten Gelder wurden schnell wieder aufgezehrt durch saftige Entschädigungszahlungen an unzufriedene Kunden. Die Monteure hatten aus Platzmangel oft nicht die notwendigen Ersatzteile dabei. Die Reparaturen dauerten zwangsläufig häufig entsprechend länger.

So erwies sich die geniale ‚Sparmaßnahme’ des Juniors für das Unternehmen recht bald als Faß ohne Boden.

Doch bevor beim Senior in der Zentrale die Alarmglocken schrillten, und er wieder auf die bewährten Kleintransporter zurückgriff, hatten einige Brüder, hier in der Weite des platten Landes, noch ihren Spaß mit der Fehlentscheidung des Juniors.

Nach einem feuchtfröhlichen Abend, in ‚Schröders guter Stube’, hatten die Kumpane seinen gelben Smart mit Pappschildern als ‚Briefkasten’ deklariert, und das Wageninnere durch das offene Schiebedach mit ‚Post’ gefüllt.

Es war durch diesen Streich an dem Fahrzeug wohl nichts beschädigt worden – aber den ‚Briefkasten’ leeren zu müssen, daß hat ihn am folgenden Morgen schon mächtig ‚gefreut’.

Er war damals nicht dahinter gekommen, wer von seinen Zechgenossen ihn mit soviel ‚Post’ beglückt hatte – aber jetzt war Tjark Blohm scheinbar völlig unmotiviert die Bezeichnung Briefkasten herausgerutscht. Wenn da man nicht eine Verbindung bestand.

 

Nun mußte er aber auf dem schnellstens Wege den Kapitän für das Ersatzschiff herbeischaffen.

Sie hatten früher auf ihren Entdeckungsstreifzügen häufig eine Abkürzung ins nächste Dorf genommen. Das Wissen aus seinen Pfadfindertagen will er nun nutzen. Genau diese Abkürzung nimmt er jetzt unter die Reifen – von wegen der Zeitersparnis. Über die Chaussee sind es bis ins Nachbardorf nämlich satte vier Kilometer mehr.

Seine innere Stimme hatte ihm vor dem Start noch geraten, Tjark nach dem Zustand des Weges zu fragen – aber nee, jemand der kurz zuvor sein Fahrzeug als ‚Briefkasten’ bezeichnet hatte, den würde er doch nicht fragen.

Hätte er doch bloß auf seine innere Stimme gehört, und das getan, was sie ihm geflüstert. Die kürzere Strecke durch die Deichwiesen entpuppt sich nämlich als höllische Schlaglochallee.

Er kann seinen ‚Briefkasten’ – man, jetzt denkt er auch schon ‚Briefkasten’ – er kann seinen Wagen nur im Schrittempo vorwärts bringen. Eine Viertel-stunde hoppelt er so schon von Loch zu Loch.

„Verdammt – ich bin doch kein Karnickel“, flucht er genau in dem Moment laut vor sich hin, als sein wunderschöner gelber Ratterkasten mit zwei Rädern im Schlamm versinkt und stecken bleibt.

Jetzt hat er sich genauso dämlich, oder auch unwissend, benommen wie heute Morgen der Unglücksrabe von Steuermann auf der Südergast.

Er besitzt nur einen Vorteil gegenüber den Schiffbrüchigen auf dem Unglücksdampfer – er kann aus seinem festgefahrenen Vehikel aussteigen.

Nasse, scheddrige Füße bekommt er allerdings trotzdem.

Oh Gott, was soll das geben. Nie und nimmer kommt er noch rechtzeitig auf die Insel rüber. Er sieht sich schon hochkantig aus der Firma rausgeschmissen, als er bemerkt, daß ein ebenso hochkantiges Gefährt hinter seinem gestrandeten Transporter angehalten hat. Er hatte den hinter ihm herzuckelnden Unimog gar nicht bemerkt.

 

Ein grinsendes bekanntes Gesicht glumt ihn, aus der Fahrerkabine heraus, vergnügt an. Es ist das Gesicht von Enno Göken.

Enno ist hauptberuflich Fahrer bei der Meierei. Er liefert jeden Morgen am Hafen die Frischprodukte für die Inselläden ab.

Nebenberuflich hatte er auch einmal eine Zeitlang am Langstreckenlauf um Patrizias Gunst teilgenommen.

Nachdem Patrizias alter Herr dann aber begann, Schießübungen mit seinem alten Büffeltöter auf ihn zu veranstalten, da war er freiwillig aus dem Rennen geschieden.

Schrotkugeln im Achtersteven – die hätte er seiner Frau zu Hause denn doch wohl nicht so richtig schlüssig erklären können.

Fröhlich pfeifend klettert Enno aus dem hohen Führerhaus auf den schlammigen Boden. Der hat in seinen Gummistiefeln gut lachen, denkt Jürgen.

Ihm fällt gar nicht ein, Enno danach zu fragen, was er auf seiner Milchtour denn hier in dieser Wüstenei zu suchen hat. Er ist einfach froh, daß der Baller-kasten von Zugmaschine hinter seinem gestrandeten Kombi steht. Der gutmütige Enno klärt ihn aber gleich auf.

„Manoman Jürgen – da hast Du Dich ja bildschön eingebaggert. Tjark hatte wohl doch nicht so ganz unrecht, als er mir sagte, Du wärst heute Morgen vor körperlicher Erschöpfung geistig nicht so ganz gut zu Fuß – und mich deshalb hinterherschickte, als er Dich auf den Deichweg abdrehen sah.“

Enno schnalzt genüßlich mit der Zunge, als er das sagt.

Du häst woll wär een bannich stur Nacht achter Di  ….“  hängt er noch süffisant hintendran.

Wie passend Enno doch mit seiner Vermutung liegt. Die Nacht mit Trizi war für ihn einfach total anstrengend, aber auch berauschend schön gewesen. Der Vulkan in ihr war gar nicht zur Ruhe gekommen, und er hatte die glühenden Ausbrüche genossen, wie schon lange nicht mehr. Sechs Wochen lang hatten sie schließlich aufeinander verzichten müssen.

Nur, soll er das eingestehen und den guten Enno damit vielleicht noch neidisch machen? Er würde ihn am Schluß noch hier in der Einöde sitzen lassen. Da sagt er schon lieber gar nichts – oder höchstens:

„Der Weg hier war doch immer gut zu fahren – ich dachte mir nur ….“

Er hat sein Denken gar nicht zu Ende erklärt, als Enno lachend lospoltert:

„Mensch Jürgen – wie lange ist Dein immer gut zu fahren denn her? Hier kann man seit zehn Jahren nur noch mit Allradantrieb durchkommen – wenn überhaupt.

Als die damals den Klei für den neuen Deich ausgepüttet haben, haben die schweren LKW hier alles in Dutten gefahren. Und seitdem ist dat hier wie auf’m Mond. Die haben uns unsern ganzen schönen Spritpadd damit versaut.“

Jürgen merkt deutlich Ennos Gnadderichkeit über den Verlust des kontrollfreien Kneipenheimweges.

„Aber jetzt laß uns man eben sehn, dat wir Dich hier rausziehn. Sonst kommt die Holtengast heut Morgen gar nicht mehr in Fahrt“, sagt es, und klettert in sein hohes Führerhaus.

Die Zugmaschine vor den Transporter setzen, die Winsch klarmachen und das Seil anpicken, das hat er mal alles so im vorbeigehen gemacht.

 

Fünf Minuten später steht Jürgen mitsamt seinem total verdreckten Transporter kurz vor dem Nachbarort wieder auf fester Strasse. Und noch einmal fünf Minuten später kommt ihm aus einer Haustür, in schnieker Uniform und mit Schlips und Kragen, ein dienstklarer Hein Briester entgegen.

War doch um Tjark Bloom herum jemand auf die grandiose Idee gekommen Heins Nachbarn, der im Alltag auch bei der Reederei seine Brötchen verdient, anzuklingeln, damit der den müden Käpten schon mal aus dem Bett scheuchte.

Angesichts der stets unverschlossenen Haustür sah der Kollege auch keine Schwierigkeit den Schläfer zu wecken.

Tjark Blohm hatte ihm noch geraten notfalls ein nasses Handtuch zu Hilfe zunehmen. Das hatte der hilfsbereite Kollege denn auch freiweg getan, und als Dank für die unwillkommene Störung prompt Hein Briesters altertümlichen Wecker ins Kreuz geworfen bekommen, der sinnigerweise durch den Aufprall auch noch laut zu scheppern begann.

 

Über die Chaussee geht es in wenigen Minuten zurück zum Hafen – auch wenn der Weg ein paar Kilometer länger ist.

Hein Briester verliert kein Wort über Jürgens Malheur, obwohl die Schlamm-spuren ja nicht zu übersehen sind. Männern passiert schon mal so etwas.

„Ich bin vor einigen Wochen nachts auf der Heimfahrt von Emden auch vom Weg abgekommen“, ist seine einzige Bemerkung beim Anblick der total ruinierten Schuhe seines Fahrers.

Genau sechs Wochen sind verstrichen, seit er mit seiner Frau auf einer Familienfeier wegen einer ‚nebensächlichen Kleinigkeit’ aneinander geraten ist. Aus der nebensächlichen Kleinigkeit vom Nachmittag war dann auf dem Weg von Emden nach Hause, durch eine unbedachte Bemerkung von ihm, eine Tragödie geworden.

Am selben Abend noch ist seine Frau zu ihrer Tochter zurückgefahren, während er sich im Lindenkrug mit Bier und Köhm das Denken zugeschüttet hat. Nachts war ihm dann im Dunas an der gleichen Stelle ähnliches passiert. Davon hat aber Gott sei Dank niemand etwas erfahren, sonst wären sein Führerschein und sein Patent zum Teufel gewesen. Zumindest für eine Zeit lang.

Aus dem gleichen Grund erwähnt er es jetzt auch nicht, und hockt nur schweigsam auf dem Beifahrersitz in dem engen Führerhaus.

Viel reden mag der Käpten heute Morgen wohl nicht, denkt Jürgen völlig ahnungslos. Er kann das verstehen. Mit einem ausgewachsenen Kater im Nacken ist er selber auch selten gesprächig.

Dass Hein Briester noch durch etwas ganz anderes am flotten Sprücheklopfen gehindert wird, das kann Jürgen ja nun wirklich nicht wissen.

Er macht sich da auch überhaupt keine weiteren Gedanken drüber. Er denkt plötzlich an etwas ganz anderes. Hein Briesters Erwähnung des Ortes Emden hat die Erinnerung an eine ganz besondere Begegnung in ihm wachgerufen.

 

Die Stadt Emden gehörte normalerweise nicht zu seinem Kundendienstbereich. In Vertretung eines erkrankten Kollegen mußte er dort die Endmontage einer neuen Hotelküche überwachen. Er hat heute noch keine Erklärung für das was damals dann im Hotel passierte. Weder befand er sich im sexuellen Notstand, noch hatte ihn an dem Tage etwas besonders angetörnt. Es war einfach ein ganz normaler Feierabend gewesen, ohne Erwartung auf etwas Außerge-wöhnliches.

Er war nach einem echt anstrengenden Arbeitstag auf dem Weg zu seinem Zimmer auf dem Etagenflur einer jüngeren sehr weiblichen Bediensteten des Hauses begegnet – und so mir nichts dir nichts nach zwei Blicken mit ihr in einem Hotelzimmer gelandet. Die junge Frau schien sexuell förmlich aus-gehungert. Noch während er die Tür hinter sich zu schließen versuchte, hatte sie sich schon halb ihrer Bluse entledigt.

Er hatte in den Minuten das Gefühl, sie wolle ihn vergewaltigen.  Bevor sie jedoch das Bett erreichten ließ sie plötzlich von ihm ab, begann zu weinen und forderte ihn auf  ihr Zimmer zu verlassen. Plötzlich erkannte er, daß sie zutiefst verzweifelt war.

Sein Versuch sie zu trösten, und vielleicht etwas über den Grund ihres Verhaltens zu erfahren, war kläglich gescheitert. Sie hatte nur ständig wieder-holt: „Gehen sie, lassen Sie mich allein, gehen Sie doch bitte …“

Er war gegangen. Den Gedanken nach unten zu gehen, und sich beim Portier am Empfang über die junge Frau schlau zu machen, setzte er nicht in die Tat um. Er würde für sie dadurch vielleicht noch zusätzliche Unannehmlichkeiten heraufbeschwören. Das wollte er auf keinen Fall. Vielleicht war er auch nur zu müde für irgendwelche Kalamitäten. Am nächsten Morgen hatte er für sich beschlossen die Sache vom Abend ganz schnell zu vergessen.

Einzig die Spuren ihrer Fingernägel auf seinem Rücken hatten die Erinnerung an dieses Ereignis noch eine Weile in ihm wach gehalten.

Es ist ihm allerdings immer noch ein Rätsel wieso so etwas geschehen konnte – zumal sie vorher nicht ein Wort miteinander gewechselt hatten. Es war wie der Zusammenprall zweier Sonnen gewesen. Sie waren sich niemals vorher begegnet und danach auch nicht wieder.

Das Ereignis war ganz tief in sein Unterbewusstsein gerutscht. Bis es dieses eine Wort aus Hein Briesters Mund unversehens wieder zum Leben erweckte.

Er wischt sich heftig mit der Hand über die Stirn, als wenn er den Film stoppen will der plötzlich an seinem inneren Auge vorbeiläuft.

 

Fünf Minuten später werden sie von einem erleichtert aufatmenden Tjark Blohm in Empfang genommen, und noch mal zehn Minuten später dreht die ‚Holtengast’ ihren Bug bereits in den Wind.

Trotz der Verspätung ist es ruhig an Bord. Die Fahrgäste nehmen die Verzögerung erstaunlich gelassen hin. Die Ruhe verzieht sich erst, als querab die ‚Südergast’ in Sicht kommt. Im Handumdrehen haben die Passagiere sich auf dem Oberdeck versammelt und drängen alle zur Steuerbordseite. Jeder will doch was sehen. Sowas kann man sich doch nicht entgehen lassen. Wer von den Fahrgästen einen Fotoapparat dabei hat, der knipst natürlich drauflos.

Das gestrandete Fährschiff liegt nämlich wie ein Seehund auf einer Sandbank – das kommt schließlich nicht alle Tage vor. Da hat man später wenigstens etwas Besonderes zu erzählen.

Die Holtengast bekommt durch die Gewichtsverlagerung leichte Schlagseite, so daß einige der Passagiere sich erschrocken nach Backbord verziehen.

Jürgen Köhnen hat sich gleich nach dem Ablegen in den unteren Salon verzogen, um für die Dauer der Überfahrt noch ein wenig in der vergangen Nacht zu verweilen. Er hat die Beine hochgelegt, und hält ganz einfach ein kleines Nickerchen.

 

Auf der Höhe der ‚Südergast’ drosselt Hein Briester von der Brücke aus den Antrieb. Er erkundigt sich nach der Lage an Bord der Südergast und ver-ständigt sich mit seinem Kollegen auf dem Schwesterschiff dahingehend, daß er nach dem absetzen der Passagiere und nach löschen der Ladung sofort wieder von der Insel zurückkehrt, um die Fahrgäste zu übernehmen. Es sind zwar zwei Bergungsschlepper im Anmarsch, um die Fähre bei auflaufendem Wasser wieder flott zu machen, aber das wird ja noch Stunden dauern. Die Reederei hat außerdem für das Abbergen der Passagiere und der Ladung vorsorglich einen Schlickrutscher von Greetsiel aus auf den Weg gebracht.

Der Verantwortliche auf der ‚Südergast’ hat in diesem Schlamassel aber nicht seinen Humor verloren, denn die Fahrgäste spielen auf dem festsitzenden Schiff derweil ‚hasch mich, ich bin der Frühling’.

Zwei von seinen Fahrgästen hätten allerdings vorsorglich ihren letzten Willen verfasst und von ihm besiegeln lassen, wie er Hein Briester zum Abschied noch wissen läßt.

Hein Briester läßt die Leute auf der „Südergast“ sich auf ihre Art die Aufregung und die Langeweile vertreiben, und rauscht derweil mit ‚volle Kraft voraus’ der Insel entgegen.

Ein wenig Zeit holt er damit zwar wieder auf, aber trotzdem dauert die Überfahrt wegen des extremen Niedrigwassers gut zwanzig Minuten länger als es normalerweise der Fall ist. Jürgen Köhnen in seinem Salonsessel unten im A-Deck ist es nur recht. Kann er dadurch doch noch ein wenig länger den schönen Dingen des Lebens hinterherträumen.

 

In Windeseile haben die Leute am Anleger der Insel das Schiff verlassen. Plötzlich hat es jeder eilig. Auf Jürgen Köhnen und sein Gepäck wartet auf dem Hafenplatz schon seit dem frühen Morgen ein reichlich genervter Hotelbediensteter.

In seiner bunten Uniform tigert er wie ein unruhiger Löwe im Käfig um seinen vergitterten Elektrokarren herum. Alle paar Minuten scheppert es nämlich in seiner Brusttasche. Der wütende Oberkoch aus der Hotelküche will dann jedesmal wissen, ob der verdammte Kahn mit dem Küchenklempner denn endlich in Sicht ist. Nach dem zehnten Mal fragen hat der bereits angejahrte Hoteldiener den aufdringlichen Knochen von Mobiltelefon mit einem kräf-tigen Schwung in das Hafenbecken befördert. Von da können jetzt die Plattfische dem Küchenchef Auskunft geben.

Die Stimmung in der Hotelküche ist, genau wie das Handy des Gepäckboys, irgendwo ganz unten gelandet. Es brodelt an der Front. All zuviel darf nun nicht mehr schief gehen, damit der Kessel nicht doch noch platzt.

Bevor Jürgen Köhnen von Bord geht, reicht ihm der Stuart noch einen beschriebenen Zettel. Die Mitteilung darauf ist vom Käpten. Hein Briester lädt ihn für den Abend zu einem Gespräch in den ‚Lachenden Seehund’ ein. Die kleine Hafenkneipe am Ende der Pier hat den Wandel der Zeit überdauert. Sogar der Name ist unverändert geblieben.

 

Mit wehenden Fahnen geht’s nun erstmal in fliegender Hast zum ‚Phänomen’. ‚Phänomen – Ort der Stille’ heißt sinnigerweise das Hotel mit der nun schweigenden Küche und dem laut brodelnden Küchenchef. Das laute Brodeln ist beim Chefkoch allerdings die Ausnahme. Der Gute ist sonst die Ruhe selbst, der eigentlich nur auf Kälte empfindlich reagiert.

Die Vorstellung, den feinen Gästen des noblen Hau-ses am Mittag nur kalte Speisen anbieten zu können, hat ihn allerdings dem Siedepunkt sehr nahe ge-bracht. Die Küchenbrigade geht ihm deshalb seit Stunden respektvoll aus dem Weg.

Jürgen Köhnen gelingt es beim eintreten in die Küche allerdings nicht mehr, einem durch die frostige Luft fliegenden Päckchen Quark aus dem Wege zu gehen, das eigentlich dem Frühstückskellner zugedacht ist, der zum dritten Mal an diesem Morgen an der Küchenklappe laut und fröhlich gut durchgebratene Spiegeleier bestellt. Der Schichtkäse landet schwungvoll am falschen Kinn.

Jürgen rettet die Situation, indem er seinem lauten „Moin mitnanner“ ein unbekümmertes: „eine Quarkspeise wollt’ ich mir sowieso grad bestellen“ folgen läßt.

Durch das herzhafte Gelächter, das seine Reaktion bei der Mannschaft auslöst, hat sich im Nullkommanichts die gewittrige Atmosphäre aus der Küche verzogen.

Stattdessen ziehen nach nicht einmal dreißig Minuten schon die ersten Kochschwaden in Richtung Dunstabzug. Mit ihnen verschwinden auch die letzten Sorgenfalten, aus dem Gesicht des schon wieder lachenden Küchenchefs, in den Filteranlagen über den Herden. Ganz gegen das Reglement spendiert der sogar für jeden in der Küche ein kleines Gläschen Schampus.

Als Zugabe, und als kleine Erinnerung an diesen verworrenen Morgen, erhalten die Kochkünstler von Jürgen Köhnen noch ein, wieder völlig neu in das Sortiment der Firma Kochtopf & Co aufgenommenes, Küchengerät – einen handgeschnitzten höl-zernen Kochlöffel. Nach gründlicher Überprüfung aller anderen Funktionen der Kochmaschinen dieser Essensschmiede verabschiedet sich Jürgen Köhnen aus dem ‚Phänomen’, das nun wieder als ‚Ort der Stille’ lautstark für seine warme Küche werben kann.

Nach einem guten Essen bei einem alten Freund nutzt er den Nachmittag für einige in Kürze sowieso fällig werdende Routineüberprüfungen anderer Inselküchen. Dadurch weist sein Arbeitsbericht für die Firma keine Lücken auf, wenn er für die Rückfahrt erst das Schiff am nächsten Morgen nimmt.

Den privaten Abend mit Hein Briester im ‚Lachenden Seehund’ will er sich nämlich nicht entgehen lassen.

Vielleicht ist es auch so, daß er endlich die Mauer zwischen sich und ‚Hein duk di’ einreißen möchte, die er in seiner Jugend als halbfertiger Erwachsener bedenkenlos mit errichtet hatte. Er hadert ein wenig mit sich, daß der Anstoß dazu nun von Hein Briester ausgegangen ist.

 

Dieses ‚mit sich hadern’ treibt ihn am späten Nach-mittag scheinbar ziellos über die Insel. Er sucht die Orte und Plätze auf, die für ihn besonders stark mit seinen Erinnerungen verbunden sind. Er umkreist ein paar Mal den Zeltplatz am Rande des Argonnerwäldchens. Von dem Zeltplatz, so wie er ihn aus seiner Jugend kennt, ist fast nichts geblieben.

Die Anlage hat sich zum modernen Campingplatz gemausert, auf dem der Rastende alles das wiederfindet, vor dem er von zuhause vielleicht gerade Reißaus genommen hat. Versteh noch einer die Menschen. Lagerfeuerromantik und Petroleumlicht ist nicht mehr. Zelte sieht er auch nur noch wenige. Das Areal ist mit Mobilheimen bestückt, in die sich die Gäste einmieten können. Überall blinkern und blenkern bunte Lichterketten zwischen den Wohnwagen, und moderne Grillgeräte verbreiten exotische Gerüche in der Abendluft. Bläuliches flimmern aus den Fensteröffnungen der blechernen Wohnkisten zeigt, daß die Fernseher drinnen laufen.

Überlautes Gedudel aus Musikmaschinen kräuselt sich in seinen Ohren. Er schüttelt sich unwillig, als ob sich das Bild dadurch wandeln würde.

Etwas abseits der Freizeiteinrichtung läßt ihn der Anblick einer kleinen, von niederen Sanddorn-büschen umstandenen Mulde den Schritt verhalten. In der Rinde einer alten Kiefer ist noch schwach, ganz groß und verwachsen, ein Herz mit einem Pfeil und den Buchstaben A + J zu erkennen. Unversehens sitzt er im Sand, und meint Anita neben sich zu fühlen. Er kann sogar ihren Duft riechen.

Es ist genau wie damals – vor vierzig Jahren.

Er hat den Platz wiedergefunden, an dem sie beide ihre ‚Jungfräulichkeit’ verloren.

„Hallo, junger Mann … hallo …!“ Jürgen scheint ganz weit weg zu sein, denn erst beim zweiten Mal reagiert er auf den Ruf der Gestalt in der schlichten Uniform.

„Haben Sie die Schilder nicht gesehen? In den geschützten Gebieten dürfen Sie die Wege …..“ Der Sprecher bricht mitten im Satz ab und steht mit offenem Munde wie ein arabischer Ölgötze auf dem Rand der Senke.

„Mensch …. Jürgen …..Jürgen, Du altes Haus“, bringt er endlich heraus. „Ich bin es … Robby!“

Jürgen, der sich, knatschig über die Störung, unwillig schon halb erhoben hatte, plumpst rückwärts wieder in den Sand, und schaut verstört hoch

Er hätte in diesem Brocken von Kerl seinen Freund aus Jugendtagen niemals wiedererkannt. Zumal der Vollbart und die ungewöhnliche Bekleidung dazu beitragen, den Mann, der jetzt zu ihm in die Kuhle steigt, für einen völlig Fremden zu halten.

Der vor ihm stehende Klotz zieht ihn mit einer Hand in den Stand, um ihn gleich darauf mit der Kraft eines Schraubstockes zu umarmen.

„Mensch Junge … ist das eine Freude, Dich wiederzusehen.“ Jürgen fühlt an seiner Wange so ein bißchen den Bart des Freundes feucht werden.

Als Robby Jürgen loslässt, wischt er sich ungeniert mit der Hand über die Augen.

„Du weißt ja, in manchen Dingen war ich schon immer eine Heulsuse.“  So wie Robby es sagt, klingt es nicht nach einer Entschuldigung für seine Tränen. Es ist einfach die Feststellung einer Tatsache.

Er braucht sich auch nicht zu rechtfertigen – Jürgen spürt nämlich in den Augenwinkeln, daß es ihm selber nicht anders ergeht.

Mit hängenden Armen stehen die beiden Männer sich ein paar Minuten schweigend gegenüber, als ob sie alleine auf der Welt wären, und die Jahre zwischen Damals und Heute einfach aus der Zeit geschnitten sind.

Als die beiden ihre Gefühle wieder eingefangen haben, und den Weg in Richtung Ortsmitte einschlagen, geht es natürlich los mit dem erzählen der jeweiligen Geschichte.

Robby ist damals nach anfänglichen Schwierigkeiten in der neuen Umgebung zwischen den finnischen Seen ganz schnell mehr als heimisch geworden.

War ihm die Einsamkeit in den nordischen Weiten zuerst auch etwas zu groß geraten, dem Gefühl von Alleinsein wuchsen denn doch keine allzu mächtigen Flügel.

Das grau in graue Häuserdickicht und die Trümmer-felder seiner Heimatstadt hatte er schnell vergessen.

Dem Klapperstorch hatte es bei seinem ersten Besuch nämlich so gut bei ihnen gefallen, daß er noch siebenmal in Folge, auf seinem Zug ins Winterquartier, bei ihnen halt machte, um ein neues Kind abzuliefern. Seine Körty hat ihm nach dem ersten noch sieben Mal weiteren Familienzuwachs geschenkt. Da war ganz schnell nix mehr mit zu wenig Gesellschaft.

„Körty hat anfangs immer nur von einem Kind gesprochen, aber als unser Inselkind da war, hat sie schon auf die nächste Geburt hingefiebert. Das Kinderkriegen ist dann bei ihr zu einer liebenswerten  Gewohnheit geworden.“

Robby ist beim denken an die vielen Kleinen rein ins Schwärmen geraten.

Als wenn er Jürgen gegenüber einen Verdacht ausräumen muß, sagt er mit einem verschwörerischen Blitzen in den Augen: „Mir selbst hat aber auch nicht nur die Machart Freude bereitet – die fertigen Produkte erfreuen mich Heut noch ebenso.“

Irgendwie fühlen sich die beiden in ihre Jugendzeit zurückversetzt.

Mittlerweile hat sich Robbys und Körtys Nachwuchs über das weite Finnland ausgebreitet, und schon zwanzig Enkel für die Großfamilie hinzuproduziert.

Das Land und seine Bewohner scheinen sehr fruchtbar zu sein

 

Die Landwirtschaft der Großeltern haben Körty und Robby nach deren Tod aufgegeben. Wo der Großvater einst ackerte hat Heute die Natur wieder das Sagen.

Die ertragreiche Fischerei hat sich dagegen im Laufe der Jahre gemausert. Robbys exzellente Kenntnisse in Biologie, die ihn schon auf der Oberschule auszeichneten, haben nicht unwesentlich dazu beigetragen. Robby hatte von jeher goldene Hände im Umgang mit allem, was mit Leben und Natur zusammenhing. Da brauchte die große Kinderschar denn auch niemanden verwundern.

Drei seiner Söhne führen jetzt gemeinsam das Regiment über die ausgedehnten Edelfischzüchtereien, die aus Körtys großelterlichem Betrieb hervorgegangen sind.

„Nachdem ich nicht mehr jeden Tag in allen Ecken nach dem Rechten sehen muß, haben wir uns einen Traum erfüllt – nämlich die Rückkehr an den Ursprung unserer Liebe.“

Ein paar Atemzüge lang schweigt der große Kerl an Jürgens Seite.

„Um ehrlich zu sein – unsere älteste Tochter hat uns so ein bißchen dazu getrieben. Sie wollte den Platz kennenlernen, an dem ihre Eltern sie gezeugt haben. Körty und sie haben, ohne mich zu fragen, einfach alles in die Wege geleitet. “

Er kann sich nicht enthalten, hinterher zu schieben: „Sie haben es aber gut gemacht“.

Robby hat mitbekommen, daß Jürgen ihn schon ein paarmal von der Seite her aufmerksam musterte. Was Wunder aber auch – Urlauber sind in der Regel anders gekleidet.

„Stört Dich etwas an meiner Aufmachung?“ schmunzelt er zu seinem Freund hinüber.

„Nein, nein … nur … Du siehst so… so amtlich aus …“ Jürgen fühlt sich ertappt, und weiß nicht so recht, wie er sich ausdrücken soll. „Na, auf jeden Fall siehst Du nicht aus wie ein gewöhnlicher Kurgast, oder ein verspäteter Flitterwöchner.“

Robby lacht laut auf. „Ich trage meine finnische Uniform. Das ist bei uns die Dienstkleidung der ehrenamtlichen Ranger, zu denen ich gehöre.“

Er erwähnt mit keinem Wort, daß er der Kommodore aller finnischen Ranger ist, und daß sie hier im offiziellen Gästehaus der Kurverwaltung logieren. Angeberei kann er nämlich auch Heute noch nicht leiden.

Es hat sich überraschend so ergeben, daß ich meine  Erfahrungen von Zuhause hier einbringen darf.“

Wie selbstverständlich kommt ihm dieses ‚von Zuhause’ über die Lippen.

Jürgen Köhnen registriert im Moment nicht so recht, was sein Freund ihm erzählt.

Seine Gedanken schweifen immer wieder ab, und eilen in den Abend voraus. Das Treffen mit Hein Briester im ‚lachenden Seehund’ beschäftigt ihn unaufhörlich.

Durch die überraschende Frage seines Freundes nach Anita, und seine Äußerung, „ich habe die ganzen Jahre angenommen, ihr beide seid glück-lich verheiratet“, ist der Gedankenwirrwarr in seinem Kopf nur noch größer geworden.

„Nee … sind wir nicht … konnten wir ja nicht … sie war ja dann nicht mehr da… aber wieso hast Du das geglaubt?“

Jürgen Köhnen stammelt wie ein ertappter Sünder herum, und fühlt sich unversehens in ein dichtes Nebelfeld versetzt.

„Na, alter Junge… weil Anita in dem Sommer doch genauso schwanger von Dir war, wie Körty von mir, als wir uns auf den Weg nach Finnland machten.“

Aus dem dichten Nebelfeld ist plötzlich ein schwar-zer Raum geworden, in dem er mit Pudding in den Knien verzweifelt nach dem Ausgang sucht. „Anita war schwanger ….?  Von miiiir …?“

Verblüffung macht sich in Robbys Gesicht breit.

„Du warst doch ihr erster Mann, wie Du selbst immer stolz gesagt hast … und intensiv genug habt ihr es ja miteinander getrieben. Wir anderen haben Dich so manchesmal beneidet, wenn Du Dich mit der strahlenden Anita in Eure Kuhle verzogen hast. Die Freude die ihr miteinander hattet konn-ten wir ja immer deutlich genug hören.

Diejenigen von uns die nicht so gut dran waren, die hatten dann in ihren Schlafsäcken reichlich mit sich selbst zu tun. Es war oft schon ganz schön lebendig im Zelt.“

Robby schweigt ein Weilchen, bevor er noch erklärend anhängt: „Du hast davon aber ja nie etwas mitbekommen.“

Ungläubig starrt Jürgen bei Robbys Worten den Jugendfreund an. Der starrt genauso ungläubig zurück – „und Du hast nichts davon gewusst, daß Du Deinem Mädchen ein Kind gemacht  hast?“

Ein Kloß scheint in seinem Hals festzusitzen.

„Verdammt noch mal – da schein’ ich ja schön was angerichtet zu haben.“

„Nee, nee – laß man …. laß man gut sein …“ trotzdem lehnt Jürgen sich leicht an des Freundes Schulter.

Der Kopf steht ihm gar nicht mehr nach einem Klönabend im ‚lachenden Seehund’. Er möchte sich jetzt am liebsten irgendwo verkriechen, und sich bis zur Besinnungslosigkeit besaufen. Er hat Hein Briester aber nun einmal zugesagt zu kommen. Vielleicht bringt es ihn auch auf andere Gedanken, wenn wenigstens er ihr schusseliges Verhalten in der Jungmännerzeit ‚Hein duk di’ gegenüber bekennt, und es ausbügelt.

 

In seinem Kopf dreht sich alles wie auf einem Karussell. Es drängt Jürgen, Robby von seiner Verabredung im ‚lachenden Seehund’ zu erzählen, und er ist irgendwie froh darüber, dass sein alter Schulfreund ihm spontan seine Begleitung anbietet. So braucht er sich nachher wenigstens nicht alleine ent-schuldigen – und vielleicht auch nicht einsam seinen Kummer zu ertränken.

Vorher benötigt er aber noch ein bißchen Zeit für sich. Er muß erstmal alleine sein inneres Chaos aufklaren. Ein warmes Schaumbad soll ihm dabei be-hilflich sein.

Mit der Zusage Robbys, ihn in zwei Stunden  von der ‚Strandlust’ abzuholen, verabschieden sich die beiden Freunde.

Bevor sie auseinander gehen, erfährt Jürgen noch, daß Körty und Nora, so haben sie ihr Inselkind damals genannt, für drei Tage nach Holland rüber sind. Sie wollen dort die Gräber ihrer verstorbenen Angehörigen besuchen.

„Ich werd’ Körty gleich erzählen, daß wir uns getroffen haben – in einer halben Stunde ruft sie nämlich an“ ist das letzte, was Jürgen noch von seinem Freund hört, bevor sich die Tür der gemütlichen Pension hinter ihm schließt.

Er hat sogar noch etwas mehr als eine Stunde Zeit fürs Bad, um sich dann rechtzeitig für die Verabredung landfein zu machen.

Während die Wanne sich langsam mit Wasser füllt, legt er sich seine Garderobe schon zurecht.

Besinnlich steigt er in das verlockende Nass, und  genießt es, schwerelos und ohne Regung im Wasser zu liegen.

Wie ein buntes Perlenband laufen die Erinnerungsbilder von rückwärts durch seine Gefühle.

Es ist nicht die Menge an weiblichen Gesichtern die vor ihm auf- und wieder abtauchen. Die Anzahl der Frauen, die in seinem Leben eine Rolle spielten, ist überschaubar geblieben.

Mit dem Ruf ein Frauenheld zu sein, hat er sich nie schmücken können. Weder als schlaksiger junger Bursche noch als gestandenes Mannsbild. Irgendwie war ein Riegel davor, der ihn daran hinderte, durch diese Tür zu gehen.

Plötzlich merkt er, daß ein Gesicht aus der Vergan-genheit immer wieder vor seinem geistigen Auge auftaucht. In seinem Buch der Sehnsucht scheint sich nur noch ein Bild zu befinden, gleich welche Seite er auch aufschlägt.

Alle anderen Gesichter und Erinnerungen sind plötzlich verblasst.

Es zeigt ein Mädchen mit langen blonden Haaren, die wie spielerisch vom Wind über die Seiten geweht werden.

Es ist Anita, wie er sie damals so sehr liebte. Plötzlich weiß er, warum er die vielen lukrativen beruflichen Angebote, die ihn oft dauerhaft ins Ausland geführt hätten, immer wieder abgelehnt hat.

Anita und die Insel haben ihn nie losgelassen. Unsichtbare Bande fesseln ihn seither an die Region.

Im Moment, als ihm das klar wird, meint er Anita neben sich zu fühlen. Er spürt körperlich ihr Bemühen, ihm etwas mitteilen zu wollen.

Mit Dingen wie Esoterik oder Gedankenübertragung hat er sich nie sonderlich abgegeben. In seiner Welt der logischen Technik war für so etwas kein Platz. Was nicht mit dem Rechenschieber berechnet, durch Formeln erklärt, oder sichtbar zu Papier gebracht werden konnte, das hatte er immer ein wenig be-lächelt, wenn andere sich damit beschäftigten.

Zweifel ob der Richtigkeit seines Handelns kriecht angesichts der heftigen unsichtbaren Kontakte in sein Denken, und lässt es in einen unruhigen Schlummer sinken.

 

Ein schreckliches Plärren holt ihn in die Gegenwart zurück. Die Rassel des Telefons auf der Bettkonsole hat angeschlagen.

Ist er doch tatsächlich mit seinen Gedanken an damals in der Badewanne eingeschlafen. Die Größe und Härte seines Penis macht ihm klar, daß das Denken wohl sehr intensiv gewesen sein muß. Als das Telefon erneut anschlägt schreckt er verstört hoch – und stößt heftig mit dem Knie unter den Wanneneinlauf.

„Verdammter Schiet“ entfährt es ihm unwillig, „die könnten sich hier im Hause auch langsam eine gastfreundlichere Technik zulegen.“

 

Unbekleidet und naß wie er ist, hüpft er mit auf- und abwippendem Glied und schmerzendem Knie zum Telefon. Auf sein leicht brummiges: “Was ist denn ….?“ erfährt er von der Empfangsdame, daß an der Rezeption ein Herr Brodersen schon seit einer Viertelstunde ziemlich ungeduldig auf das Erschei-nen eines gewissen Herrn Köhnen warte.

Wahrscheinlich durch seinen etwas schroffen Ton verärgert, säuselt ihre Stimme leicht pikiert aus der Membrane.

Oh Gott – die Uhr im Radiowecker zeigt ihm, daß er doch glatt die Zeit verpennt hat.

Schon wieder freundlicher gestimmt, kann er es sich nicht verkneifen, zu sagen:

„Ich bitte Herrn Brodersen zu mir herauf. Ich bin zwar gerade erst aus der Wanne gestiegen, aber der Herr hat mich schon mal im Adamskostüm gesehen. Er wird also bei meinem Anblick nicht gleich in Ohnmacht fallen.“

Von seiner ‚Traumlatte’ erwähnt er ihr gegenüber lieber nichts. Den dann fälligen Kommentar von ihr will er sich nun doch ersparen

Außerdem weiß er, daß die Gute ja nichts dafür kann, daß er in der Wanne weggeknickt ist, und für den schrecklichen Signalgeber im Telefon kann sie auch nichts. Die Empfangsdame verdient ja schließlich auch nur ihre Brötchen in der mit Mahagoni getäfelten Portierloge an der Eingangstür.

Verteufelt hübsch ist sie übrigens, die stramme Mittvierzigerin, und daß sie ebenso schlagfertig ist, wie ihre weiblichen Rundungen rund sind, beweist sogleich ihre Antwort:

„Da hat der Herr ja ein ausgesprochenes Pech, daß er keine Dame ist.“

Er kann ihr inneres Lachen förmlich sehen. Vielleicht spürt sie sogar seine Erregung. Sie kann es sich aber erlauben, denn eine Weile waren sie beide sich sehr nah gewesen.

Seitdem er Patrizia kannte, hatten sie sich aber nicht mehr miteinander vergnügt. Das wäre einfach zuviel für ihn gewesen.

 

Wenn er ehrlich zu sich ist – ab und an schafft er das schon mal – dann hat er sich diese Erklärung nachträglich selbst für sein angekratztes Ego zurecht-gezimmert. In Wahrheit hatte sie sich nämlich deutlich dagegen verwahrt, für ihn der Ersatzfeuerlöscher für seine Gefühlsbrände zu sein, wenn Patrizia nicht in erreichbarer Nähe war. Sie war nicht eifersüchtig auf die lebenslustige Wirtin, aber ihre Zahnbürste teilte sie sich ja auch nicht mit einer anderen Frau.

Nach einem wunderschönen Champagnerabend im Piquer, der in seiner Erwartung eigentlich in ihrer kleinen schnuckeligen Wohnung in eine prickelnde Liebesnacht übergehen sollte, hatte sie ihn vor der Tür plötzlich aufgefordert zu gehen.

 

Der Satz, mit dem sie ihm das unmissverständlich klarmachte, hängt ihm Heute noch wie ein blitzender Ring in den Ohren.

„Deinen strammen Flitzer mußt Du in Zukunft woanders parken, mein Lieber. Mein Schätzchen ist nämlich nur Einstellplatz für einen soliden Dauermieter.“

Dabei hatte sie sich geschickt aus seiner Umarmung gedreht, und ihm die Tür zu ihrem kleinen Reich vor der Nase zugeschlagen.

Das hatte ihn schon sehr ernüchtert, und ihn eine Zeitlang, während seiner Einsätze auf der Insel, in einem anderen Hotel nächtigen lassen.

Irgendwann später, nach einer zufälligen Begegnung, war dann aus ihrer so abrupt beendeten körperlichen Beziehung, eine Freundschaft ohne erotischen Hintergrund geworden. Ihr Umgang miteinander war nicht mehr vom prickeln eines edlen Champagners geprägt, sondern er war eher zu einem stillem Wasser geworden.

Seitdem wohnt er wieder hier im Hause, wenn die Arbeit ihn auf das Eiland treibt. Wenn sie sich begegnen, dann denkt er allerdings manchmal mit ein wenig Wehmut an den rotlockigen Hügel und die betörenden Lippen zwischen ihren griffigen Schenkeln. Sein ‚Oldtimer’ würde sich in diesem ‚Einstellplatz’ mit Sicherheit immer noch sehr wohl fühlen.

Es ist ihm dann, als wenn er sich an ein schönes Fest erinnert.

 

Obwohl sein Glied inzwischen die Erregung abgelegt hat, trägt er bei Robbys Eintritt ins Zimmer aber doch einen flauschigen Morgenmantel. Die kühle Luft nach dem warmen Badewasser hat ihm nämlich eine Gänsehaut beschert.

Robby würde seinem Freund noch gerne einiges erklären, und gleichzeitig unheimlich viele Fragen loswerden, aber dafür ist nicht mehr die Zeit – in fünf Minuten ist es halb Acht.

Irgendwann im Laufe des Abends wird er das alles zur Bearbeitung wohl noch an die Wand hängen können.

 

Als die beiden mittelalten Herren wie zwei unter-nehmungslustige Abenteurer, an der Portierloge vorbei, durch die Drehtür nach draußen segeln, heftet sich dann doch ein bedeutungsvoller Blick der Empfangsdame wie ein warmer Südwind an ihre Fersen.

 

Nach zehn Minuten haben Jürgen und Robby den Hafenplatz, und damit ihr Ziel erreicht. Beim Eintritt in die Schänke, mit dem leicht verwitterten Seehund an der Fassade, stockt ihnen doch ein wenig der Atem. Es kommt ihnen vor, als ob die Zeit stehen geblieben sei. Der Wirt des ‚Lachenden Seehund’ – es steht noch immer der knorrige Charakterkopf von damals hinter der Theke – hat den lange der Zeit entrückten Charme der Mittfünfziger Jahre in seiner Kneipe bewahrt. Sein Lokal ist dadurch über die Insel hinaus zu einem Kultobjekt geworden. Nicht nur junge Leute kommen an den Wochenenden von den Nachbarinseln und dem Festland extra seinetwegen herüber.

Der Schankraum ist heute Abend wieder einmal rappelvoll. Wenn Hein Briester nicht vorsorglich einen Tisch für sie reserviert hätte, hätten sie – wie damals auch so häufig – mit einem Stehplatz am Tresen vorlieb nehmen müssen.

„Genau noch wie vor vierzig Jahren“. Robby hat diesen Satz nur flüsternd herausgebracht, als wenn ein laut gesprochenes Wort den Zauber um sie her-um zerstören würde.

Als sie sich kurz entschlossen in das Menschenknäuel hineinbewegen, stößt Jürgen nach zwei Schritten um ein Haar mit einer vollen Ladung Gläser zusammen. Der Schankkellner, der den schweren Servierschlitten souverän durch das Gedränge laviert, ist auch noch der gleiche Bediener wie vor vierzig Jahren.

Fritzens große stattliche Gestalt ist mittlerweile nur ein wenig gebeugt von der Last des Alters.

67 ist er zur Jahreswende geworden, wie sie später von ihm erfahren. Er versieht noch täglich seinen Dienst in der verräucherten Kneipe.

Im Moment des Fastzusammenstoßes macht er aber nur große Augen, und bringt ein überraschtes: „Häee… das gibt es doch nicht …“ heraus.

Alzheimer und Demenz scheinen noch weit von ihm entfernt zu sein. Seinem Erstaunensruf folgt nämlich sofort ein freudiges „Robby und Jürgen – die beiden Mädchenverrücktmacher aus Hamburg …“

Auf das Erstaunen der beiden Freunde, nach so langer Zeit wiedererkannt zu werden, sagt er nur lapidar: „Wer könnte Euch schon vergessen …“ um dann im weggehen noch zu ergänzen „übrigen – vor ein paar Jährchen hat sich eine schmucke junge Frau auf der Insel nach einem Jürgen Köhnen erkundigt. Ich kann Euch allerdings nicht sagen wer sie war.“

Sein Personengedächtnis scheint so groß und zuverlässig wie das Rechenzentrum einer Mondfähre – und genauso vollgepackt mit Informationen scheint es auch noch zu sein.

Nachdem das schwankende Tablett wieder ausba-lanciert und auf dem nächsten Tisch in Sicherheit ist gibt es eine herzliche Umarmung.

Fritze hat keine Hemmungen, auf diese, für nord-deutsche Männer eigentlich untypische Art, seine Wiedersehensfreude zu zeigen.

Endlich wieder zu Atem gekommen, fragt Jürgen Fritz nach Hein Briester.

„Wir sind nämlich für halb Acht mit ihm hier verabredet.“

Der Kellner der alten Schule kann es sich nicht verkneifen, demonstrativ einen Seitenblick auf den Regulator an der Buffetwand zu werfen.

Ein Pünktlichkeitsfanatiker war er vor fast einem halben Jahrhundert auch schon. Auch daran hat sich also nichts geändert. Nur sagen sagt er zu den 20 Minuten Verspätung nichts. Dafür spricht sein Blick dann Bände.

„Hein duk di sitzt schon seit einer Stunde im Klubzimmer. Er braucht heute Abend Ruhe, für sich und seinen Gast, hat er mir gesagt.“

Irgendwie tut sein Gesichtsausdruck kund, daß er, Fritz, diesen Wunsch nicht so ganz verstanden hat, da Hein sonst am liebsten zwischen den anderen Gästen am Tresen sitzt, wenn ihn der Fahrplan die Nacht über auf der Insel festhält.

Bis vor ein paar Wochen wäre dann hin und wieder seine Frau dabei gewesen. In der letzten Zeit sei er allerdings stets alleine. Über den Grund dafür habe er aber bisher nichts verlauten lassen.

Man weiß bei dem alten Recken nicht ob ihn seine Unkenntnis, oder das was er weiß nicht alles sagen zu können betrübt. Fritz ist also immer noch Nachrichtenbörse Nummer eins.

Die Kurzinformationen haben sie von dem alten Haudegen schon im Schnelldurchlauf bekommen, bevor er sagt:

„Geht man schon hin, ich bring Euch gleich drei Bier …“  – „und drei doppelte Schlüpferstürmer“ ergänzt Robby noch schnell die Zusage Fritzens auf prompte Lieferung der Getränke.

Sie sehen zwar später auf der Karte, daß es im ‚lachenden Seehund’ kein Getränk mit dieser Bezeichnung mehr gibt, aber Fritz hat ihnen trotzdem den Lieblingsmix ihrer Jugendjahre serviert.

Bei ihm ist er offenbar auch nicht in Vergessenheit geraten.

 

Die beiden sind froh, daß das Stimmengewirr schwächer wird, als sich die schwere Eichentür hinter ihnen schließt.

Die Stühle in dem lang gestreckten Raum sind von älteren Gästen besetzt. Es sind hier fast ebenso viele Leute anwesend, als im vorderen Schankraum, nur das hier niemand steht.

Der Geräuschpegel ist allerdings um einiges niedriger. Nur der Käpten sitzt alleine an einem Ecktisch, und ist intensiv mit seiner kurzen Stummelpfeife beschäftigt. Die Reste auf der Fischplatte vor ihm bedeuten, daß er sich kurz zuvor einen toten Außenbordskameraden, garniert mit Bratkartoffeln, zu Gemüte geführt hat.

Die riesige Musikbox die einst rechts neben der Tür die ganze Wand einnahm ist nicht mehr da. An der Stelle steht jetzt ein originalgetreues Modell des alten Leuchtturms. Sonst hat sich aber auch im Clubzimmer nichts verändert. Sogar das Linoleum auf dem Fußboden, und die Salubratapeten an den Wänden haben die Zeit überdauert.

Während sie noch auf den Ecktisch zugehen, erhebt Hein Briester sich schon von seinem Stuhl, begrüßt Jürgen und Robby mit festem Händedruck, und lädt sie ein, sich zu ihm zu setzen. Auch der Händedruck ist nicht anders geworden. Sie fürchteten als junge Spunde schon, daß er mit der Kraft seiner Pranken ihnen die Finger quetschen würde.

Ihre Hintern haben noch gar nicht recht das Polster der Sitzflächen berührt, da ist auch schon das Geschirr weggeräumt, und die Getränke stehen vor ihnen.

Der alte Fritz ist immer noch schnell wie ein geölter Blitz.

Das frische Bier und der gut gekühlte ‚Schlüpferstürmer’ helfen ihnen ihre leichte Befangenheit abzuschütteln und lassen die ersten Worte zögernd über die weiß gescheuerte Tischplatte schwingen.

Das leichte Geplänkel zwischen den Dreien über dies und das bekommt aber gar keine Gelegenheit erwachsen zu werden.

Hein Briester zeigt Jürgen und Robby, daß Drumherumreden auch nach so langer Zeit immer noch nicht sein Ding ist.

Noch bevor sie sich das zweite Glas Bier zur Brust genommen haben, zieht der Käpten mit der lapidaren Bemerkung: „Ich hab hier etwas für Dich“ einen Umschlag aus seiner Rocktasche, und reicht ihn Jürgen über den Tisch.

Der so angesprochene weiß nicht recht, wie er sich verhalten soll. Was hat Hein Briester da in petto? Er greift zögernd nach dem leicht angeknitterten Papier, und hält den braunen Umschlag wie etwas in seinen Händen, das er gerade irgendwo gefunden hat, und nun überlegt, was er damit anstellen soll.

‚Hein duk di’ beschäftigt sich indes intensiv mit seinem Bierglas. Ein stiller Beobachter könnte fast meinen, der große Kerl da in der Ecke wäre ein Außerirdischer, dem ein Erdling zum ersten Mal so ein durchsichtiges Ding in die Hand gedrückt hätte. Einzig Robby kann vor Neugierde nicht an sich halten.

„Nun zier Dich nicht so, und guck schon rein.“ Dabei stößt er Jürgen leicht mit dem Ellenbogen an, was der aber gar nicht zu bemerken scheint.

Erst als Hein Briester verhalten sagt er hätte nicht bis zum Morgen Zeit, weil er die Nachtfähre zum Festland bringen müsse, öffnet Jürgen mit lahmen Fingern das Kuvert.

Es kommt ihm vor, als wenn jemand von ihm verlangt, er solle mit einem gusseisernen Kanaldeckel Diskuswerfen veranstalten.

Aus einem gefalteten Briefbogen heraus fällt vor ihm, mit dem Rücken nach oben, ein Bild auf den Fußboden.

Als er sich danach bückt, das Bild aufhebt und umdreht, versinkt im gleichen Moment der Raum um ihn herum in nachtdunkle Schwärze.

Konturenscharf, wie im Okular eines Feldstechers, sieht er nur die beiden Gestalten auf dem Foto.

Ein jungmädchenhaftes Frauengesicht, von wehenden blonden Haaren eingerahmt, lacht ihn an. Auf dem Arm  trägt diese Frau ein kleines Mädchen. Es ist im Grunde ein Gesicht aus zwei Lebensabschnitten. Es sind unverkennbar Mutter und Tochter, denen er direkt in die strahlenden Augen schaut. Das ältere Gesicht scheint in dem Jüngeren wiedergeboren zu sein.

Tonlose Stille wirbelt um die Männer in dem kleinen Raum herum, die plötzlich mit Getöse in sich zusammenbricht, als Hein Briester leise sagt: „Das ist meine Frau –  zwei Jahre nachdem wir geheiratet hatten, und …..“ – er bricht den Satz ab, als wenn er nicht weiterwüsste. Ein tiefer Atemzug ist deutlich zu hören, bevor er ihn vollendet – „die Tochter“.

Hein Briesters gepreßtes ‚die Tochter’ hat Jürgen Köhnen blitzartig die Vergangenheit erhellt.

Auch ohne dass er die Worte auf dem Papier gelesen hat, weiß er plötzlich glasklar, wohin Anita damals in ihrer Not geflüchtet ist, und daß ‚die Tochter’ sei-ne Tochter ist.

Jürgen merkt nicht, daß ihm unaufhörlich Tränen übers Gesicht laufen – er presst nur mit verkrampften Fingern das Bild der Frau mit ihrem Kind an seine Brust.

Seine Glieder zittern, als wenn ein höllischer Sturm an ihnen zerrt.

Das Zittern läßt erst nach, als Hein Briester sich neben ihn setzt, ihn tröstend umarmt, und ihn an sich zieht.

‚Hein duk di’ tut in diesem Augenblick etwas, das unter friesischen Männern wohl eher selten vorkommt – er teilt für jeden sichtbar sein persönliches Leid mit dem Schicksal eines anderen Mannes.

Als wenn jemand Gütiges dafür gesorgt hat, befinden sich die drei Mannsleut in diesen Minuten alleine im Klubzimmer.

Die Zeit scheint für eine Weile den Schritt zu verhalten, denn selbst die leisen Tritte der sonst stetig hastenden Sekunden sind nicht zu vernehmen.

Robby entsteigt als erster dem zeitlosen Kabinett der lastenden Stille.

„Dann ist Anita also damals Deine Frau geworden.“

Es ist wohl keine Frage, sondern eher eine nüchterne Feststellung, die plötzlich wie ein irdener Fels im Raum steht.

Sie ist wie eine rettende Insel im wirrenden Meer der Gefühle für die schiffbrüchigen Gemüter.

Plötzlich haben die Männer wieder festen Grund unter den Füßen.

„Jaaa …“ – wie ein gedehntes Band hängt dieses Ja zwischen den Dreien.

Wie eine Sturmbö bricht das Erkennen über Jürgen herein. Es war seine Schuld. Sie war schwanger – und  er war für sie unerreichbar.

Sie kannte von  Robby ja nur die Adresse von der nichts zurückkam. Jürgen selber hatte ihr aus Furcht vor seiner Großmutter – bei der er ja lebte – nie seine Anschrift genannt. Die Großmutter nahm ihm auch die harmlosesten Kontakte mit Mädchen stets übel. Sie hatte ihren Enkel in der Bombennacht aus dem brennenden Keller gerettet – er war das Einzige, was ihr nach diesem schrecklichen Luftangriff auf Hamburg von ihrer Familie geblieben war. Das sollte ihr kein anderer Mensch wegnehmen. Und er hatte sich ihrem Anspruch stets widerspruchslos gefügt.

„Scheiß Krieg, scheiß Leben“ sagt Jürgen mit rauher Stimme in die schmerzende Stille hinein. Ihm ist gar nicht bewusst geworden, dass er laut gedacht hat.

Wegen seiner damaligen Feigheit kriecht ihm ein galliger Geschmack die Speiseröhre hoch, als Hein endlich weiter spricht.

„Ja, ich habe Anita geheiratet – weil ich sie schon vom ersten Sehen an liebte. Das war lange bevor eure ausgehungerte Großstadtpfadfindertruppe zum ersten Mal in unsere Welt eingefallen ist.“

Er benutzt diese Worte nicht als Vorwurf – sondern Bedauern ist deutlich aus ihnen herauszuhören.

„Mit Euch geschniegelten jungen Kerlen aus der Stadt konnte ich da natürlich nicht mithalten.“

An seinen einfachen Gesten ist zu erkennen, was er damit meint.

„Ihr wart alle auf der höheren Schule …. und ich Döspaddel hatte man mit Ach und Krach die Dorfschule hinter mich gebracht.“

Die Überwindung, die ihm dieses Eingeständnis kos-tet ist greifbar zu spüren.

„Die Jahre im Waisenhaus waren für mich nämlich kein Zuckerschlecken gewesen.“

Die beiden erfahren, dass Heins Eltern noch kurz vor Kriegsende zum Tode verurteilt und hingerichtet wurden. Sie hatten eine entflohene polnische Zwangsarbeiterin zwei Jahre auf ihrem Hof vor den politischen Häschern versteckt gehalten. Haus und Grund waren wegen ihrer ‚Tat’ dem Staat zugefallen und billig einem Parteibonzen aus dem Dorf zugeschoben worden. Hein hatte später mit Hilfe fremder Anwälte lange um eine Entschädigung kämpfen müssen. Die Richter, die über seine Eltern den Todesspruch fällten, standen bei ihrer Urteilsfindung angeblich auf der Seite des Rechts. Hätte einer der beteiligten Richter nicht eingestanden, damals auf Weisung von Oben gehandelt, und mit dem Urteil nur einen Parteibefehl ausgeführt zu haben, dann wären seine Eltern nicht rehabilitiert und er nicht entschädigt worden.

Bitterkeit liegt immer noch in seiner Stimme, als er davon erzählt. Als Schlussstrich unter diese Geschichte herrscht eine Weile Schweigen zwischen den Männern, bevor Hein Briester auf den eigentichen Anlass ihres Treffens zurückkommt.

„Es ist nicht so, dass Anita mich vorher etwa schon mal abgewiesen hatte … nee, nee – ich hatte mich nur nicht getraut mich ihr zu nähern.“

So zögernd wie die Sätze kommen, merkt man, dass der Käpten zum ersten Mal darüber spricht.

„Tja …. und dann war es für mich zu spät, weil ihr plötzlich da wart …“

Hein hat den Kopf gehoben, und blickt Jürgen offen ins Gesicht als er sagt:

„Für Anita  warst Du es ja nur alleine…..“

Warum Jürgen es nur alleine war, lässt er unausgesprochen in der Luft hängen, obwohl Anita versucht hat, es ihm zu erklären.

„Ihr wart wieder weg, und sie brauchte jemand, der ihre Hand hielt. Irgendwann ist es dann passiert. Sie hat sich mir anfangs nur hingegeben, um mir ihre Dankbarkeit zu zeigen – und ich habe es nicht einmal bemerkt.“

„Und Anitas Schwangerschaft ….?“ Robby muß einfach die Speerspitze für seinen verstörten Freund Jürgen sein.

„Sie war so hilflos, als sie mir kurze Zeit später sagte, dass ihre Tage ausgeblieben seien. Dabei bin ich fast verrückt geworden vor Freude. Die sechs Monate bis zur Geburt hätten mich zweifeln lassen müssen – aber ich wollte einfach, dass es mein Kind ist.“

Hein Briesters Stimme ist ganz klein geworden.

Fast unhörbar kommt noch hinterher: „Könnt ihr das nicht verstehen?“

Zumindest Robby bereitet es nicht die geringste Schwierigkeit, dieses Gefühl nachzuempfinden, denn das Fühlen des wachsenden Lebens in Körtys rundlicher werdendem Bauch war ihm selbst während der Schwangerschaften stets als ein großes Glück erschienen.

Bei Jürgen ist es, bedingt durch das fehlende persönliche Erleben, im Moment noch etwas anders. Die Frau, mit der er einmal eine Ehe eingegangen war, hatte kein Kind von ihm bekommen. Vielleicht hatte er es auch nicht gewollt. Die Verbindung hatte nicht lange gehalten.

Er muss seine aus den Fugen geratene Welt erst wieder mühsam reparieren. Er hat schwer damit zu tun, seine Seele in Deckung zu bringen, damit sie im Sperrfeuer seiner eigenen Vorwürfe nicht auf der Strecke bleibt.

Selbst Denken in der einfachsten Form ist ihm im Augenblick verwehrt. Sein Wahrnehmungsvermögen steht wie versteinert zitternd vor einer dunklen Mauer, auf der in riesigen Lettern nur eine Frage brennt: ‚Warum hast Du nicht nach ihr gesucht?’

Im Klubzimmer ist es wieder still geworden. Jürgen glaubt das Knistern der flammenden Buchstaben zu hören.

Hein Briester bricht als erster wieder die Stille.

„Mareike war ja auch über die Jahre meine Tochter …. bis dann vor ein paar Wochen ….“

Er stockt. Man merkt, dass ihm das sprechen schwer fällt. Der Fluß der Worte muß sich erst ein Bett suchen, bevor die Geschichte weiter fließen kann.

„Anita und ich waren mit unserer Tochter glücklich in unserer kleinen Welt …. so habe ich es zumindest immer empfunden. Es war für mich aber mehr ein Glück der geraden Wege.“

Es klingt, als wenn er sich für seine Geradlinigkeit entschuldigen wolle, als er weiterspricht.  

„Ich hab oft gehört, dass es was anderes geben soll – so was Ähnliches wie fliegen über den Wolken, oder Schmetterlinge im Bauch. Das war für mich aber alles zu weit weg ..… zu unwirklich. Ich stand wohl zu fest mit den Füßen im Alltag.“

Als wenn er erst Wörternachschub für sein Erzählen holen muß, schweigt er eine Weile.

Ich wollte vom Kohlenschippen wegkommen. Anita sollte sich nicht ihr Leben lang für meine schwarzen Fingernägel schämen müssen.“

Er schluckt ein paar Mal kräftig, wohl weil er es selber nicht begreifen kann, dass er in dieser Art zu anderen über seine Gefühle spricht.

Ich wollte unserer Tochter nicht ewig mit rissigen Händen übers Haar streichen müssen. Im Kohlenbunker hab ich manche Doppelschicht geackert, um mir die Seefahrtsschule leisten zu können. In meiner knappen Freizeit musste ich dann büffeln. Das Lernen ist mir verdammt schwer gefallen, ihr wisst ja – ich bin im Wissen kein so leichter Flieger. Aber ich wollte um alles in der Welt drei Deck höher – ich wollte auf die Brücke.

Bis ich es endlich geschafft hatte, und Käpten war …. aber welchen Preis habe ich dafür bezahlt.“

Hein hat seine Hände fest ineinander verschränkt – die Knöchel der Finger leuchten hell im schummerigen Licht des niedrigen Raumes.

„Wenn Anita mich brauchte, war ich meistens nicht da. Käpten werden war für mich vorrangig.

Dabei habe ich dann gar nicht mehr bemerkt, dass mein Ziel ihr immer weniger bedeutete. Ihr wäre es wichtiger gewesen, mich öfter zu Hause zu haben – bei sich und ‚unserer Tochter’.“

Selbst bei dem kleinen Licht sieht man es in Hein Briesters Augenwinkeln feucht schimmern.

Die Männer ihm gegenüber sagen kein Wort. Robby traut sich nicht, eine Frage dazwischen zu stellen, und Jürgen ist mit seinen Gedanken anscheinend ganz weit weg.

Hein Briester fällt es offensichtlich schwer, die nächsten Sätze zu formulieren.

„Vor sechs Wochen hat sie dann einen Schlußstrich gezogen. Die Vergangenheit hätte sie eingeholt, und sie könne das alles nicht mehr ertragen, wie sie mir sagte. Bis dahin hatte ich mir nie Gedanken darüber gemacht. Es lief doch alles seinen gewohnten Gang.“

Greifbar ist zu spüren, dass er noch immer nicht so ganz begriffen hat, was seine Frau zu diesem Schritt bewegte.

„Es sollte eigentlich ein schöner Tag für uns alle werden, auf den ich mich schon lange gefreut hatte. Es war eine Feier vorgesehen – mit allem Drum und Dran.“

Seine Armbewegungen machen das Ausmaß der geplanten Festlichkeit deutlich.  

Einen Monat zuvor war unser erstes Enkelkind geboren. Wir hatten schon gar nicht mehr daran geglaubt, noch Großeltern zu werden. Mareike ist schließlich keine junge Deern mehr. An dem festgesetzten Tag wurde Rebecca dann zwar getauft, die anschließende Feier fand aber ohne uns statt.“

Mit zitternden Händen zieht er ein Bild aus seiner Brusttasche, und legt es vor sich auf die Tischplatte. Es zeigt ein Baby mit blonden Locken in einem wunderschönen roséfarbenen Taufkleid. Von dem Geschehen um sich herum schien es allerdings nicht so sehr begeistert zu sein. Die geballten Händchen, und die zugekniffenen Äuglein brachten es mehr als deutlich zum Ausdruck.

In den Gesichtern der beiden Taufpaten und des alten Pastors ist dagegen reine Freude zu erkennen.

„Da war noch alles in Ordnung.“ Mit dieser Bemerkung schiebt der Käpten zögernd das Bild über die blank gescheuerte Tischplatte.

„In dem Moment, als wir aus der Kirche hinaus ins Freie traten, stoppte gerade ein gelber Kastenwagen auf dem Parkplatz vor ‚Schröders guter Stube’.“

Hein Briester schneuzt sich umständlich die Nase. Er tut es wohl um Zeit zu gewinnen. Zeit, die er in Wirklichkeit schon lange verloren hat.

„Der Fahrer steuerte nach dem aussteigen zielstrebig auf die Gaststättentür zu, während meine Frau sagte, ihr sei nicht gut. Ich habe es auf die Aufregung, und die drückende Luft in der Kirche geschoben.“

Er wischt fahrig mit seinen großen Händen auf der blanken Tischplatte imaginäre Stäubchen beiseite.

„Sie hatte den Fahrer sofort erkannt, wie sie mir später sagte. Sie wusste so vieles über Dich, daß mir klar geworden ist – sie war im Grunde ihres Herzens gar nicht mit mir verbunden – sie war immer Deine Frau geblieben.“

Nach einem schmerzlichen Seufzer, der fast wie ein Stöhnen durch den Raum weht, kommt fast unhörbar hinterher: „Sie hat immer nach Dir gesucht – und als sie Dich endlich gefunden hatte, hat sie Dich nie mehr aus den Augen verloren.“

 

In Jürgen Köhnens Kopf formt sich das Bild einer feierlichen Gesellschaft, die er vor sechs Wochen aus der Kirche gegenüber ‚Schröders guter Stube’ kommen sah.

Patrizia hatte ihm anschließend von einem Taufgottesdienst für das Kind einer Familie aus dem Nachbardorf erzählt.

Der Opa arbeite als Käpten bei der Reederei. Die Tochter wäre irgendwo in der Krummhörn verheiratet, aber da die Großeltern und Eltern hier schon getauft und getraut worden seien, sollte das Enkelkind auch hier getauft werden. Zumal es noch immer der gleiche Pastor gewesen sei, der allerdings eine Woche nach der Taufe im Alter von sechsundachtzig Jahren während des Gottesdienstes auf der Kanzel seiner Kirche einen Herzschlag erlitt.

Patrizia hätte ihm noch eine ganze Menge mehr dazu erzählen können, wenn sie gewollt hätte. Ihr verstorbener Ehemann war einige Zeit unter Hein Briesters Kommando gefahren. Jürgen hatte aber nicht weiter nachgefragt. Warum hätte er es auch tun sollen.

Jetzt wird ihm wird schlagartig bewusst, was das für ihn bedeutet. Er war seiner Liebe und seinem Leben zum anfassen nahe gewesen – und er hatte nicht die geringste Ahnung davon gehabt.

„Warum hat sie nur nie etwas gesagt, wenn sie doch wusste, wo ich war?“

An Jürgen Köhnens Stimme hört man ein elendiges Gefühl kratzen.

„Zu Anfang wusste sie es ja nicht. Sie wusste nicht einmal wo Du wohnst. Robby hat ihr zwar Deine Anschrift gegeben, bevor er mit seiner Freundin die Insel verließ. Sie hat Dir auch unzählige Briefe geschrieben. Auf keinen davon hat sie aber je eine Antwort  bekommen.

Du hast ja nicht nach ihr gesucht, als sie aus Angst vor dem Schimpf ein uneheliches Kind zu bekommen, von der Insel geflüchtet ist. Sie hat auf Dich gewartet, solange es ging. Als eure Gruppe im Jahr darauf zum letzten Mal auf die Insel kam, war sie dann schon mit mir verheiratet. Ein uneheliches Kind hätten ihre Eltern ihr nämlich niemals verziehen.“

Es ist Jürgen zumute, als ob jedes einzelne von Hein Briesters Worten ihm die Haut in Streifen vom Körper schneidet. Wenn seine Großmutter jetzt noch lebte, wüsste er nicht was er ihr antun würde. Plötzlich hat alles andere, was sie für ihn in ihrem Leben getan hat, seine Bedeutung verloren. Ihm ist zumute, als wäre er nur noch mit Galle gefüllt.

„Als Du dann irgendwann später regelmäßig hier auftauchtest, hat sie weiterhin geschwiegen. Sie wollte mich nicht ebenso verletzen, wie es mit ihr geschehen war.“

Die Menge Schicksal, die heute Abend hier ans Licht kommt, füllt den kleinen Klubraum im ‚lachenden Seehund’ bis in den hintersten Winkel. Im Laternenlicht sieht es aus, als wenn selbst der steinerne Seehund an der Wand zu Tränen gerührt ist.

„Naja – und Marlene weiß ja auch nicht anders, als daß ich ihr Vater bin.“

Bei den letzten Worten versagt dem hünenhaften Mann die Stimme. Als er sich wieder ein wenig gefangen hat, fährt er fort: „Unserer Tochter das alles erklären zu müssen – davor hatte Anita die ganzen Jahre eine Heidenangst.“

Es ist Jürgen Köhnen, als ob die Angst, die Anita deswegen verspürt hat, ihm durch alle Poren unter die Haut kriecht.

Robby, der seinen Arm fest um die Schultern des Freundes gelegt hat, wünscht sich in diesem Moment einerseits innerlich weit, weit weg von dem ganzen Geschehen – andererseits hat er in den letzten Stunden etwas getan was ihn zum untrennbaren Teil des Geschehen macht. Er hat auf eigene Faust, mit tatkräftiger Unterstützung seiner halbamtlichen Kon-takte, die Drähte spielen lassen, und Verbindung mit Hein Briesters Frau aufgenommen. Es hat ihn nicht ruhen lassen, daß gerade er es war, der nach so vielen Jahren seinen alten Schulfreund der Unwissenheit entriß. Anita ließ ihm gar keine Zeit mehr, noch etwas zu sagen, als er die Einladung ihres Mannes an Jürgen zu einem abendlichen Treffen im ‚lachenden Seehund’ erwähnte. Als wenn sie auf diese Entwicklung gewartet hätte, hörte er nur noch von ihr: „Ich komme sofort zur Insel rüber.“ Und schon hatte sie den Hörer aufgelegt.

Deshalb ist ihm jetzt ein bisschen mulmig zumute. Aus eben diesem Grund  hat er sich nach den letzten Worten von Hein Briester ein paar Schritte in den Hintergrund verzogen.

 

Im Raume spürt man, daß die Zeit zögert weiter-zulaufen, als warte sie auf eine Entscheidung der Männer in welche Richtung sie sich begeben soll.

Die Zeit hat aber offenbar gar nicht das Tun der Männer im Auge, sondern das Schicksal hat sie bewogen innezuhalten. Bevor nämlich am Tisch in der Ecke auch nur ein neues Wort die Gegenwart berührt, hat sich die Tür zur Gaststube unhörbar geöffnet und wieder geschlossen – obwohl ihre Scharniere sonst bei jeder Bewegung in eigenwilliger Tonfolge knarren. Es ist jemand eingetreten.

Langsam bewegen sich zwei Gestalten auf die Ecke zu, und stehen einen Atemzug später wie eine Geist-erscheinung vor den Männern, die bei ihrem Anblick wie erstarrt auf den Stühlen hocken.

Es sind Mutter und Tochter – es sind Anita und Marlene, die plötzlich wie ein Bild aus dem Nebel der Vergangenheit die Gegenwart füllen.

Anita hat der verfahrenen Situation nach Robbys Anruf nicht mehr länger neue Nahrung geben, und sich ihrer Tochter offenbaren wollen.

„Marlene …“ Anitas Stimme schwankte wie ein kleines Boot in aufgewühlter See – „ich muß Dir etwas erzählen.“

Mit fahrigen Bewegungen suchte sie vergeblich nach einem Taschentuch. „Es gibt da etwas, von dem Du endlich wissen …“

Während Marlene mit ihrem Taschentuch der Mutter die Tränen von den Wangen tupfte, verschloß sie ihr gleichzeitig mit dem Zeigefinger  den Mund.

„Ich weiß, Mami… ich weiß … Du musst jetzt nichts sagen… ich weiß es schon lange ….“ Ihre Worte schwammen auf einer Woge von Zärtlichkeit. „Laß uns später reden – jetzt müssen wir handeln, damit Deine zwei Männer und meine beiden Väter sich nicht die Köpfe einschlagen. Denn dann hätten wir alle nichts mehr vom Leben.“

 

Wortlos umarmte sie ihre Mutter. Ohne noch irgendetwas zu reden, wurde sie gleich darauf aktiv. Fünf Minuten später saßen die beiden Frauen in einem herbeigerufenen Taxi. Marlene ließ den nahe gelegenen Flugplatz ansteuern, auf dem ihr Mann als Betriebsleiter den Laden in Schwung hielt. Auf dem Flugfeld verlangte niemand eine großartige Erklärung von ihr, als sie darum bat, mit ihrer Mutter nach Heyersand geflogen zu werden.

Jeder der Anwesenden spürte wohl, daß etwas Ungewöhnliches geschehen war. Obwohl es schon kurz vor Feierabend war machte einer der Piloten sofort seine Maschine startklar.

Nach knapp einer Viertelstunde verschwand der kleine Kurierflieger, mit den Überraschungsgästen an Bord, im bereits dunkel werdenden Blau des Himmels. Bei der Landung auf Heyersand gab es auch keine Verzögerung. Irgendwer hatte sogar schon ein Taxi für sie bereitstellen lassen, dessen Fahrer abfahrbereit mit dem Wagen neben der Piste auf sie wartete, und so stehen die beiden Frauen jetzt im Klubraum der Hafenkneipe ‚zum lachenden See-hund’ ihrem Schicksal gegenüber – einem Schicksal, dessen Irrwege in diesem Moment nur zwei der Anwesenden in seinem ganzen Ausmaß erkennen.

Jürgen Köhnen droht das Herz zu zerspringen.

Vor ihm steht seine große Liebe der vergangenen Jugendtage – fürsorglich gestützt von unverkennbar ihrer – von seiner Tochter. Vor ihm steht aber auch leibhaftig die Frau der lange vergessen geglaubten Nacht in dem Emder Hotel.

Jetzt glaubt er zu wissen, warum sie bei ihrer Begegnung im Hotel unwiderstehlich zueinander hingezogen wurden. Er ahnt nicht, daß seine Tochter ihn an dem Abend eigentlich ‚vernichten’ wollte.

Als ihre Blicke sich treffen wird sich Jürgen Köhnen schlagartig der Tatsache bewusst, daß er um ein Haar mit seiner eigenen Tochter geschlafen hätte. Es ist ihm, als ob der Himmel einstürzt und alles um ihn herum in endlose Schwärze versinkt.

Anders Marlene. Sie verhält sich so, als wenn sie und Jürgen Köhnen sich noch niemals begegnet sind. Keine Regung von ihr verrät was zwischen ihnen geschehen ist. Den Aufruhr der Gefühle in ihrem Inneren hält sie an strammer Leine.

 

Marlene hatte lange vor der Emder Begegnung mit Jürgen Köhnen gewusst, daß ihre Mutter ein Geheimnis mit sich herumtrug, über das sie mit nie-mandem reden konnte.

Marlene fand irgendwann – als sie Mitte der zwanzig war – Teile eines Briefes, in dem ihre Mutter noch als lediges Mädchen einen gewissen Jürgen in Hamburg an ihre gemeinsame Zeit auf Heyersand erinnerte, und von ihrer Schwangerschaft berichtete. Hinter den Zeilen spürte sie Liebe, Schmerz und Verzweiflung toben. Dadurch wurde ihre Neugier geweckt. Sie wollte mehr darüber wissen. Beim Vergleich der familiären Daten wurde ihr ganz schnell klar, daß der Mann ihrer Mutter wohl nur ihr ‚Papiervater’ war. Diese Erkenntnis traf sie wie ein Keulenschlag. Wie sollte sie damit umgehen? Er war für sie doch immer ihr geliebter Papa gewesen.

Sie versuchte in ihrem jugendlichen Ungestüm natürlich ihrer Mutter gegenüber das Thema direkt anzugehen. Schließlich betraf es auch ihr Leben.

Alles versteckte Fragen und Bohren brachte ihr aber nichts, wie sie sich nach kurzer Zeit eingestehen mußte. Sie merkte, daß ihre Mutter nur damit begann, eine Mauer um sich herum zu errichten. Ihr Vater schien offenbar nicht zu bemerken, daß sich seine Frau auch von ihm immer weiter entfernte. Das konnte sie nicht zulassen. Von da an verbot sie es sich, jedesmal wenn es sie drängte, ihrer Mutter gegenüber auch nur die kleinste Andeutung in diese Richtung zu machen.

Marlene verhielt sich fortan bei ihrer Suche so, daß ihre geliebte Mutter nichts davon bemerkte. Sie machte Menschen auf der Insel ausfindig, die sich noch gut an die Hamburger Pfadfinder erinnerten. Unter anderen auch Fritz, den Kellner vom lachenden Seehund. Steinchen um Steinchen trug sie zusammen, und mit jedem Stückchen Mosaik wurde das Bild deutlicher. Bis sich eines Sonntagmorgens der Nebel um sie herum lichtete.

An den Wochenenden, an denen Marlene zuhause war, begleitete sie ihre Mutter oft zum Markt des Nachbardorfes, oder besuchte mit ihr gemeinsam den Gottesdienst in der etwas weiter entfernten Kirche.

Es war ihr in der Vergangenheit schon des Öfteren aufgefallen, daß ihre Mutter scheinbar völlig unmotiviert plötzlich stehen blieb und wie abwesend irgendwohin schaute.

Wenn sie versuchte mit ihren Augen dem Blick der Mutter zu folgen fiel ihr stets ein gelber Kastenwagen auf, der immer wie zufällig im Sichtfeld stand. Nach einiger Zeit wurde ihr klar – das konnte kein Zufall sein.

Vielleicht fand sie hinter diesem Firmenfahrzeug das im Südholsteinischen zugelassen war eine Erklärung für das seltsame Gebaren ihrer Mutter.

Sie hatte fortan jedesmal ihre kleine Kamera schussbereit in der Tasche. Die ersten Aufnahmen verrieten ihr die Bezeichnung und den Sitz des Unter-nehmens. Ein Gesicht tauchte außerdem auf allen Fotos auf – es bewegte sich entweder in unmittelbarer Nähe oder es befand sich im Führerhaus hinter dem Lenkrad. Es war anscheinend jedesmal derselbe Mann mit diesem Fahrzeug unterwegs. Ein Anruf beim Halter des Wagens, bei der Firma ‚Kochtopf & Co’ – in dessen Verlauf sie sich als potenzielle Kundin ausgab – lieferte ihr weitere Informationen. Unter anderem erfuhr sie auch den Namen des für ihre Region zuständigen Mitarbeiters. Jürgen Köhnen hieß er. Er war von Beruf Elektro-ingenieur und wohnte in Quickborn. Die Kundenbetreuer der Firma ‚Kochtopf & Co’ seien durchweg hoch qualifiziert, sagte die nette Dame ihr noch. Darum könne sie Herrn Köhnen in Bezug auf ihre Küchenerneuerung auch ihr uneingeschränktes Vertrauen schenken. Man würde gern einen Termin für sie vormerken. Sie könne vorher aber auch die Einrichtung einer neuen Küche in einem Emder Hotel als Referenzobjekt in Augenschein nehmen.

Dann würde sie gleich Gelegenheit haben mit ihrem zukünftigen Ansprechpartner zu reden, der nähme nämlich in Vertretung des erkrankten Emder Kollegen dort die Einweisung vor.

Das war für ihre Vergeltung die Chance. Blitz-schnell reifte in ihr der Entschluss diesem Mann die Schmach, die er ihrer Mutter angetan hatte, heim-zuzahlen.

Sie ließ sich zum Abschluß des Gespräches von der netten Telefonistin  noch Termin und Anschrift für die Besichtigung geben und bedankte sich für das aufschlussreiche Gespräch.

In Henstedt unweit Hamburgs sah man daraufhin schon den Auftrag für eine weitere Großkücheneinrichtung winken.

Ein paar Tage vor dem Termin stattete sie der Emder Herberge in ihrer Eigenschaft als Journalistin einen informativen Besuch ab. Bereitwillig führte eine der  Hausdamen sie durch den Betrieb, und wurde nicht müde auf all ihre Fragen erschöpfend zu antworten. Der Direktor des Hauses schätzte sich außer-ordentlich glücklich eine kritische Zeitungsschreiberin dermaßen von der Güte seines Hauses überzeugt zu haben, daß diese spontan für das Wochenende für sich eine Suite reservieren ließ.

Wenn der Gute geahnt hätte welcher Art Ei ihm die Dame ins Nest zu legen beabsichtigte, hätte er sich sicherlich gewünscht, sie nie kennengelernt zu haben.

Am selben Tag noch kaufte sie in einem Modegeschäft für sich Garderobe, die der distinguierten Kleidung der Hotelangestellten täuschend ähnlich war.

Eine kleine Veränderung der Frisur und eine goldgefasste Perlmuttbrosche am Revers würden auf das erste Sehen bei jedem Gast den Eindruck einer Mit-arbeiterin des Hauses erwecken.

Jetzt mußte ihr nur noch das Glück hold sein. Sie war sich ganz sicher – ihr Plan würde gelingen. Sie hatte sich alles perfekt zurechtgelegt.

Bei einer ‚zufälligen’ Begegnung auf dem Hotelflur wollte sie den ‚Kerl’ dazu bringen ihr auf ihr Zimmer zu folgen, um ihn im geeigneten Moment als ‚Vergewaltiger’ bloß zu stellen. Sie spielte diese Szene immer wieder in Gedanken durch und genoss im Voraus das Gefühl, das an ihrer Mutter began-gene Unrecht gerächt zu haben.

Ein Risiko für sie selbst kam ihr dabei gar nicht in den Sinn.

An dem Abend lief alles so wie sie es geplant hatte. Sie war nicht sie selbst, sie war nur der Racheengel – bis zu dem Augenblick, als sie den ‚Kerl’ berührte dem sie es heimzahlen wollte.

Da war er für sie plötzlich nur noch der Mann, den ihre Mutter nie aufgehört hatte zu lieben. Schlagartig wurde ihr bewusst, daß das was sie gerade tun wollte am schlimmsten ihre Mutter treffen würde.

Sie konnte nur noch weinen und ihn fortschicken.

Es war als ob das Schicksal ihr die Fäden aus der Hand genommen hatte, um sie vor etwas nicht wieder gutzumachendem zu bewahren.

Robby hat sich beim Eintreten der beiden Frauen in die hinterste Ecke des Klubzimmers verzogen. Er spürt, daß er diesem sich schließenden Kreis nur im Wege sein würde. Regungslos stehen die Betroffenen in enger Umarmung mitten im Raum. Vierfaches Leid verschmilzt in diesen Minuten zu einer starken Gemeinschaft.

Nachdem sich der erste Sturm der Gefühle sich ein wenig gelegt hat, hat Robby von Fritz einen Riesenpott nachtschwarzen Kaffee auffahren lassen.

Geredet wird in dieser zeitlich begrenzten Runde nicht viel. Unnütze Worte würden den neuen Anfang holpern lassen. Das stille gleiten der Gefühle und das schüchterne tasten der Hände zueinanderhin sagen im Moment alles was gesagt werden muß.

Es ist als ob viele kleine Bäche der Betrübnis sich zu einem wachsenden Strom der Erleichterung vereinen, der irgendwann in das große Meer des Lebens mündet.©ee

 

Ewald Eden

 

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