Verwehte Zeit …

 

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Verwehte Zeit …

Solcherart Ausfälle gibt es in der Rückschau über meiner Mutter Mann nicht zu berichten. Er war vom Wesen her einfach ein anderer Typ Mensch. Er war absoluter Herrscher – ja, so in der Art werde ich ihm gerecht. Er war ein absoluter Herrscher, ein riesengroßes Arschloch und ein Feigling ohnegleichen, der diese Eigenschaften blendend gut durch seine norddeutsch seemännische Erscheinung und durch eine an den Tag gelegte Jovialität (nur) Nachbarn, Freunden und Bekannten gegenüber hervorragend zu kaschieren, zu verbergen verstand.

Alle Behördengänge, alle Arbeiten in Haus und Hof, alle mit der Erziehung der Kinder vertünzelten Pflichten zu erfüllen – all das lastete auf meiner Mutters Schultern.

Das jeweilige „Lieblingskind“ dann „vorziehen“ und „verziehen“ … DAS ließ er sich nicht nehmen – das machte er persönlich. Bruder Hinrich war als Erstgeborener und Stammhalter natürlich über Jahre der ganze Stolz des Vaters. Er wurde von der Stunde seiner Geburt an vom Papa mit allem, was der Markt und die Vaterideen hergaben, überhäuft. Es musste für ihn immer alles größer, besser und teurer sein, als es dasjenige war, was die anderen Eltern im Dorf ihren Kindern zukommen lassen konnten. Das schaffte von Anbeginn an böses Blut – zuerst zwischen den Kindern und dann zwischen den Familien. Ein typisches, ein bezeichnendes Beispiel dafür ist ein Geschehnis aus 1938 – damals noch in Ostfriesland, in Eversmeer. Bruder Hinrich besuchte die erste Klasse der Dorfschule – in Punkto Kleidung und Ausstattung mit Schulmitteln und diversen anderen Sachen war er aber auch erster Klasse angesiedelt. Wenn ich das mal an der Einordnung der Eisenbahnabteile festmache, dann reiste er gutgepolstert 1. Klasse während sich die anderen Kinder mit den Bänken der 3. oder auch der Holzklasse begnügen mussten.

Er trug nur Anzüge aus feinstem englischem Tuch, die meine Mutter auf Weisung des Erzeugers für ihn, den Sohnemann, nach Maß schneiderte (die Tuche brachte Vater Saylord von seinen Reisen aus Britannien mit), die Schultasche, oder der Ranzen, wie es Anno dunnemals noch geheißen hat, war vom Kürschner aus bestem Rindleder angefertigt – die Schuhe stammten allesamt aus der Werkstatt der Firma Bockstiegel in Aurich, dem damals in Ostfriesland bekanntesten Schuhhaus. Wer bei Bockstiegel schustern ließ, dem tat im Alltag allgemein kein Zahn mehr weh.

Hinrich Martin Eden fuhr, schon als 5jähriger Stepke, täglich als Graf Koks mit dem eigenen Fahrrad zur Schule, während die Nachbarskinder in ärmlicher Kleidung, und mit an den Füßen höchstens Klumpen (Holzschuhe), zur Schule klabastern mussten. Ihre Schultaschen waren zudem aus Pappmachĕ und ihre Bäuche füllte der Hunger.

Dies alles rief bei den anderen natürlich Neid hervor. Die Nachbareltern redeten und tuschelten nur darüber – die Nachbarskinder handelten. So wie Kinder eben sind. Manchmal grausam, aber meist gerecht.

Eines Mittags auf dem Nachhauseweg kam unser Hinrich mitsamt seinem Fahrrad, mitsamt der Boxcalf Schultasche und mitsamt seiner schnieken Staffage ein wenig vom sandigen Wege ab und landete in seiner ganzen Herrlichkeit im angrenzenden Moorgraben. Das war dann erst einmal eine besondere Herrlichkeit – diesmal aber für die feixenden Schulkameraden, denn sie waren es, die mittels eines Stöckchens zwischen die Speichen des Gritznerschen Knabenrades dieses kleine Malheur herbeigeführt hatten. Als der feine Pinkel dann wieder aus dem Schlot heraus auf dem Padd, dem Sandweg, erschien, da war er gar kein feiner Pinkel mehr. Zu Hause war es dann dementsprechend – der Papa war tief betroffen und hoch erzürnt ob dieser grässlichen Schandtat an seinem Goldstück.

Er sprach drauf zur Mama – in gewohnter Manier: „Sofi – du geist futt na de Öllern, un sörchst dorföör, dat de Jungs van hör Ollen een örnlich Pakk Hau betrekken.“ (Sophie – du gehst sofort zu den Eltern, und sorgst dafür, dass die Bengels von ihren Eltern dafür eine gehörige Tracht Prügel verabreicht bekommen.)

Mama widersprach diesmal dem Herrn überraschenderweise spontan: „Nee, Hermann … dat mutts du all sülven beschikken. Denn ikk weet, wat in de Kinner vöörgeit, wenn see usen Jung, utstaffeert as son Heiopei, jümmers to Gesicht kriecht.“ (Nein, Hermann – DAS musst du schon selber erledigen, denn ich weiß, was in den Kindern vorgeht, wenn sie unseren Jungen wie ein Stenz ausstaffiert zu Gesicht bekommen.)

Der Papa machte sich tatsächlich auf den Weg zu den Eltern der Schulkameraden seines Filius – er wollte wohl nicht total sein Gesicht verlieren – und kehrte als ein begossener Pudel an den heimischen Herd zurück. Die Zurechtweisung der ersten von ihm besuchten Kindereltern hatte es bewirkt.

Sie hatten dem Beschwerdeführer ganz klipp und klar gesagt: „Kiek moal, Noaber – du moakst ut dien Jung een Stenz und staffeerst hüm ut as een Grootmannssöähn. Bi us in d’ Dörp sünd liekers blods aal Aarmlüü Kinner – un du wunnerst di, wenn see dien Jung in d’ Schloot schmieten? Dor sinneer moal över her.“ (Sieh mal, Nachbar – du machst aus deinem Jungen einen Angeber und staffierst ihn aus wie einen Großmanns-Sohn. Bei uns im Dorf gibt es aber nur armer Leute Kinder – da wunderst du dich, wenn sie deinen Sohn in den Graben stoßen? Da denk mal drüber nach.)

Diese für einen ostfriesischen Landarbeiter lange Rede hat meinen Vater denn auch davon abgehalten, auch noch bei anderen Kameradeneltern in der Sache vorstellig zu werden.

Ein anderes Erleben von einige Jährchen weiter – schon in der Voslapper Zeit – ist mir gut in Erinnerung geblieben und gibt einen Wandel in unseres Vaters Sinn wieder. Das vierte Kind unserer Eltern – mein Bruder Hermann – war seinem Erzeuger von seinem ersten Kräher an wie aus dem Gesicht geschnitten und nachgemacht. Wie „geklont“ habe ich später häufig gedacht.

Der Vater war unsagbar stolz auf ‚seine“ grandiose Leistung, ein solches Ebenbild von sich gezeugt zu haben. So verlagerte sich seine Lieblingskindbehandlung merklich auf den Nachgeboren Sprössling gleichen Namens. Zumal sich der Erstgeborene ja auch unaufhaltsam seinem, des Vaters Einfluß entzog, weil er älter wurde, schon in die Tischlerlehre ging und auch sonst seinen eigenen Weg suchte. Die jungen Mädchen im Sprengel, und auch etliche Weiblichkeiten schon älterer Semesterjahrgänge, umschwirrten ihn ständig wie die Motten den Docht einer brennenden Kerze – und haben sich oft an der unsteten Flamme gehörig die Flügel versengt.

Unser Vater hatte von Bord des Schiffes, auf dem er seine Kriegsfahrenszeit verbrachte, für „seinen Hermann“ ein hölzernes Schiffsmodell mitgebracht. Das Ganze war ein Pracht- und Prunkstück, wie es für ein Jungenherz nicht herrlicher hätte sein können. Angesichts eines solchen Geschenkes würden noch heute alle Sohnemannaugen leuchten.

Es war ein Modell des legendären Schlachtschiffes „Bismarck“. Es war komplett aus Holz gebaut, einen Meter fünfzig lang und dem Original original nachempfunden. Es war in vielen Freiwachen in der Zimmermannswerkstatt unter den Händen des Schiffszimmermanns an Bord des Kriegsversorgungstankers entstanden, auf dem der Vater seine kriegerische Fahrenszeit verbrachte. Als Gegenleistung für diese Arbeit war während der Bauzeit zweifellos so manche Buddel Genever aus Mutters heimischer Produktion und ungezählte Tuten Tabak im Spind des fleißigen Bordholzwurmes verschwunden.

Eines schönen Sommerabends – Bruder Hinrich tischlerte schon sehr viel für seine „privaten“ Kunden in seiner ‚häuslichen Tischlerwerkstatt’ – gab es lautstarken Zoff in der Bude. Hermann, der seinem älteren Bruder bei der Möbelherstellung schon häufig ein wenig zur Hand ging, (oder gehen musste) wollte mal wieder nicht so, wie der „Werkstattchef“ es von ihm erwartete. Ein Hitzkopfwort gab daraufhin das andere, und am Ende gab es eine zweigeteilte Bismarck.

Es war eine Schiffskatastrophe auf dem Trockenen, sozusagen. Hinrich hatte als letztes Argument seiner Stärke das hölzerne Schlachtschiff kurzerhand mit einer Spannsäge zerlegt. Sägen das konnte er. Au weia! An diesem Abend habe ich zum ersten und einzigen mal gesehen, dass Vater Hermann einem Exemplar seines Nachwuchses mit seinem Hosenriemen eine Tracht Prügel verabreichte. Dieses Jackstückvoll hatte es aber auch in sich, wenn man bedenkt, wie viel Kattun in einem jeden Riemenschlag, der den Achtersten des Halbwüchsigen traf, steckte.

Für des Vaters einstigem Liebling muß es der Zusammenbruch einer Welt gewesen sein, dem dann auch noch ein vierwöchiger Hausarrest angehangen wurde. Auf dessen Einhaltung wurde äußerst rigoros geachtet. Der Missetäter durfte sich zwar in Haus und Hof frei und ungezwungen bewegen, zur Arbeit musste er ja auch – darüber hinaus durfte er aber nicht auch nur einen Schritt das Grundstück verlassen. DAS denke man sich einmal heute.

Ein anderer wohl ebenso einmaliger Vorfall ereignete sich drei Jahre später, eingangs meiner Schulzeit. Ich hatte gerade die ersten Schritte im Bildungsalltag eines Schulanfängers erfolgreich hinter mich gebracht. Es war allgemein so Usus in deutschen Familienhaushalten, das nach dem Schulunterricht zu Mittag gegessen wurde, und daran anschließend die Hausaufgaben zu erledigen waren. In den meisten Familien wurde es jedenfalls so gehandhabt. An diesem Tage war die Schule zeitig aus, das Mittagessen war gelaufen und es drängte mich nach draußen an die Sommerluft. Wir Jungens aus unserer Strassenecke, die wir gemeinsam in einer Klasse die Schulbänke drückten, wir hatten uns zu irgendeinem wichtigen Vorhaben für gleich nach dem Mittagessen verabredet. Wir hatten etwas vor, das in unserer Vorstellung wohl ungeheuer wichtig für uns war. Jedenfalls duldete die Ausführung dessen keinen Aufschub. Da war keine Zeit für erst die Hausaufgaben. Der Danachtag war ja noch genügend lang. So meinte ich.

Nach dem letzten hastigen Bissen schob ich den Teller von mir weg und rutschte mit meinem kleinen Hintern vom Sofa herunter, um unter dem Tisch hindurch schnell nach draußen zu verschwinden.

Wenn mein Vater nicht zu Hause gewesen wäre, dann wäre es mir mit Sicherheit auch geglückt. Er war aber ja nicht ausser Hause – un so har dor furs een Uul sääten (und so hatte da schnell eine Eule gesessen)– ich hatte die Haustür noch gar nicht in Griffweite, da holte mich die Stimme des Mannes meiner Mutter ein: Häst du dien Upgoaven all kloar? (Hast du deine Schulaufgaben fertig?) Meine kleinlaute Antwort konnte ich gar nicht ganz an den großen Mann bringen, denn nach meinem kläglichen: Nee Papa, aber ich …. Ansatz hatte mich ein langer Arm schon wieder in die Wohnküche zurückgeholt. „Eerst ward föör de School läärt, un denn dröffst du villicht noa buten to speelen.“ (erst wird für die Schule gelernt – und dann darfst du vielleicht nach draußen, um zu spielen)

Widerrede war bei uns völlig unmöglich – zumindest die hörbare. Die Faust in der Tasche geballt und in der Seele geflucht, das kannten wir auch wohl – das zog ja keine Strafe nach sich.

Also habe ich mich an den Tisch gesetzt, die Schiefertafel aus der Schultasche gezogen – den Griffel gespitzt, fein säuberlich die holzgerahmte Schieferplatte bemalt – und mich damit vom Zwang des Drinnenbleibenmüssen zu befreien. Der Unmut in meiner verletzten Kinderseele war indes nicht so leicht zu besänftigen. Zudem blieb ein Teil dieses Grollens beim Hinausgehen an der Stubentür hängen und verursachte beim ins Schloßfallen des Türblattes einen deutlich vernehmbaren Knaller.

Die Haustür war nur knapp einen Meter von der Kammertür entfernt – sie war leider trotz der Nähe unerreichbar für mich. Die Erlösung handbreit vor den Augen, erfasste mich eine große Männerhand am Kragen und zog mich unerbittlich an den Ort der Folter zurück.

Die Tafel kam erneut auf den Tisch, und nachdem der an ihrem Rahmen baumelnde feuchte Schwamm sein Vernichtungswerk auf der Schreibfläche vollbracht hatte, landete mit spitzem Griffel geschrieben einhundert Mal der Satz: „Ich muß die Türen leise schließen!“ auf dem eintönigen Tafelschwarz. Zehnmal passte der Satz auf das Schieferrechteck – zehnmal musste ich das Feld wieder fein säuberlich säubern, um das verhängte Strafmaß vollzumachen, denn die Hausaufgaben mussten da ja anschließend auch wieder in Schönschrift erscheinen.

Meine Hoffnung, danach durch die Tür nach draußen der Folter entrinnen zu können, die wurde eine lange Hoffnung. Als krönenden Abschluß der väterlichen Erziehungsmaßnahme bekam ich noch ein hundertmaliges geräuschloses Öffnen und Schließen der Stubentür auferlegt. Seit diesem Tage fällt es mir oft leicht, meinen Groll über irgendetwas im Zaum zu halten – und im Türen fast unhörbar schließen bin ich seitdem wohl so etwas wie ein unangefochtener Weltmeister. So einfach kann man(n) Kindern etwas beibringen.

Wenn das Familienoberhaupt (das er ja im Grunde gar nicht war – er verkörperte es ja nur scheinbar) sich hin und wieder in die Erziehung des Nachwuchses einbrachte, dann geschah es jedes Mal mit einer unerbittlichen Strenge. Unsere Mutter (und nicht nur sie) war stets nur froh, wenn sich ihr Mann an Bord und auf See und später dann in den diversen Lungen-Heilstätten befand.

Eine andere Atmosphäre war in diesen Zeiten im Hause spürbar, fühlbar. Wenn mein Vater im Hause war, dann lag eine undefinierbare Beklemmung über allem was geschah, und über allen Personen die mit ihm den Raum teilten. Ich habe diese Beklemmung immer als Angst empfunden. Ich passte stets höllisch auf, dass ich ja nichts falsch machte, um nicht die Aufmerksamkeit des Vaters auf mich zu ziehen. Heute wünsche ich mir manchmal, es wäre alles nur ein schlechter Traum gewesen, das Damals.©ee

Teilauszug aus verwehte Zeit…

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