Wassermänner bleiben Wassermänner.

 

Wassermänner bleiben Wassermänner-

eine andere Vater-Sohn- Geschichte.

Wir mußten fort von der Sundischen Wiese, der schmalen Landzunge im Meer,
fort von dem ständigen Raunen der Brandung der See und dem plätschernden
Klatschen am Fischerboot im Bodden, dem dunkel drohenden Moorgehölz
Osterwald, fort von dem Haus ohne Strom und trinkbares Wasser nur aus der
Zisterne, von Irma, unserer Kuh, deren Milch ich mir bei Mutters Melken holte.
Hinter unserer Scheune begann die Heide, sie streckte sich aus bis zu den
Weißen Dünen.
Das Militär wollte mit dem Sturzkampfbomber JU 87 gezielten Bombenabwurf
üben. Die FLAK 8,8 mußte erprobt werden. Die verlassenen Bauernhöfe oder
geschleppte Luftballons waren die Ziele. Miliärisches Sperrgebiet hieß nun mein
Zuhause.
Landeinwärts ging unsere Reise. Nun saßen wir da in Klein Kordshagen. Fremd
das mit Reth gedeckte Haus, die hell leuchtende Glasbirne, wenn Vater einen
Schalter drehte, die eine Wasserpunpe für das ganze Dorf mit klaren Süßwasser,
das Dorf mit den kleinen Deputatarbeiter-Häusern, alles eng beieinander. Und
dann der Gutshof mit den großen Ställen und Scheunen, wahre Hallen. Da gab es
Werkstätten, einen Schmied und eine Stellmacherei. Das Haus der
Gutsherrschaft, fast ein Schloß, auf alle Fälle ein Haus der Herren, ein
Herrenhaus mit dem „Herrn“ und der Frau Oberamtmann der Mutter des
Herrn, unnahbar wie eine Königin. Und an Festtagen gnädig mit ihren Bonbon-
Tüten. Die Erbpächter der „preußisch-staatlichen Domäne“.
Eigentlich hatten wir es mit dem Süß-Wasser aus einer Pumpe und dem
Elekrischen Licht hier viel besser. Die Stadt Stralsund nur vier Kilometer entfernt,
nicht mehr zwölf wie von der Sundsichen Wiese nach Zingst. Was aber sollten wir
in der Stadt? Dieses neue Dorf lag nicht mehr weit abseits, nicht mehr am Ende
der Welt. Sogar die Kleinbahn Barth – Stralsund kam hier vorbei. Der Bahnhof
war keine 200 Meter von unserem neuen Zuhause entfernt, der Bahnhof ein
Regenunterstand mit dem Schild Klein Kordshagen. Dort, wo Wege die
Schienen querten, gab es keine Schranken. Die Lokführer kannten den Weg der
Bahn und kündigten bei jedem Weg ihr Kommen mit mehrfachem Tuten an, auch
wenn der Zug von Krönevitz sich Klein Kordhagen näherte.

Am ersten Nachmittag in der Behausung strömerte ich durch Stallung, Haus,
Klassenraum für Vaters Schule und die Gärten. Da, das Tuten! Ich rief: “ Mudding,
Mudding, komm schnell, schnell ! Wir müssen nach Hause, der Zug, der ruft uns.“

Wenn ich recht bedenke, hatten meine Eltern auch große Probleme mit ihrer
neuen Umgebung. Ich kann mich erinnern, daß mein Vater sein Treiben und Tun
in der Einsamkeit der Moorseen suchte. Er hatte vom „Herrn“ die Erlaubnis
erhalten, dort zu angeln und zu fischen. Und dort hielt er sich auf, wenn die
Arbeit ín der Schule getan war.
In den beiden Sommern 1938 und 1939 war ich viel mit ihm dort unterwegs. Er
hatte in Stralsund eingekauft. Wir werkelten aus langen Bambusstäben, Ringen
und Rollen und Steckverbindungen Angelruten. Die Ringe wurden mit einer
knotenlosen Bindung auf dem Bambus befestigt.

Vater kannte den Achterknoten, die Affenfaust, den Ankerknoten mit den
Spulenknoten und den knotenlosen Knoten und bestimmt noch viel mehr. Ich
hielt mit dem Daumen fest, wo Vater binden wollte. Die Rolle wurde zum Schluß
befestigt, sicherlich mit einer Spezialbindung. Die feine Angelschnur wurde
aufgespult.
Vater erklärte mir die unterschiedlichen Haken, solche für Hechte, welche für
Karpfen, Schleie un Aale, die Rotaugen oder Plötze und die Brassen oder auch
Barsche. Das behielt ich mein Leben lang und war mir nützlich, als ich mit meiner
Familie mit Frau und drei Kindern an der großen Au in Dänemark, der Stor-Aa,
mit fünf Ruten angelte.
Solche Profis wie wir beide, der Vater und ich, gingen nicht zum Moorsee und
badeten Würmer.– Netze besorgte Vater sich von Fischern, die im Pütter See
Fische fingen. Sie mußten geflickt werden. Wir hatten 1939 Stellnetze,
Kiemennetze, Waden und Reusen.
Es war schon etwas schwer, zuzugeben, daß wir uns da draußen im Sommer kurz
vor Sonnenaufgang in der Einsamkeit, umgeben von großer , riesengroßer Natur,
wohl fühlten. Die Sundsiche Wiese hatte unsere Seele zu tiefst erfüllt, doch dort
im Moor , auf den schmalen Stegen zwischen den einzelnen Seen waren wir
zwischen Simsen und Seggen, Schilf und Rohrkolben ein Teil der erwachenden
Welt, unserer Welt, in der ich Vater so nah war wie nie wieder in unserem
gemeinsamen Leben. Wenn ich tag-träumend ihn zu mir hole, auch jetzt, da ich
uralt bin, treffen wir uns zwischen den Rufen der Tauben, dem Krächzen der
Rabenvögel und dem Sang des Rohrsängers und dem süßlichen, einmaligen
Geruch der bewachsenen Moore. Ein Sang erklang, Vater sagte nur den Namen
und beide fanden mich und ich behielt sie bei mir. Ich versuchte, den Vogelsang
nachzumachen, der Goldammer so: „Ik-ik- ik sitt up den Naver sien Schüüüüün!“
Oder „Bünn ik nich, bünn ik nich — een schöön Brögaam!“ für den Sang des
Buchfinken.
Die Luft roch nicht mehr salzig, der Geruch wurde von Wasserminze und den
Baldrianbüschen bestimmt. Junge Triebe von Rohr lutschte ich aus, der Saft ist
süßlich. Vater warnte und sagte etwas von Spaltpilzen, was ich nicht verstand.
Keine Möve schrie. Brachvögel und Schnepfen ließen nicht ihr „Düüdelüü–
düüdelüü“  hören. Dafür zog die Wiesenweihe lautlos ihre Bahn. Der Graue Reiher
mit dem geknickten Hals flog seine Runden. Wir störten, es war sein Fischrevier.
Das Hämmern kam aus der Richtung der abgestorbenen Kopfweiden. War der
Specht auf Nahrungssuche? – Abends dann ertönte zu den bestimmten Zeiten im
Jahr das Krötenkonzert. Dazwischen die zirpenden Grillen. Und wenn du angelst,
erreichen dich alle Töne, Gerüche. Du wirst eingehüllt von Klang und Licht.

Später sollte ich ein Buch lesen: Die Welt ist Klang. Hier war sie es. Die Kraft
kommt aus der Stille, sagt Joachim Ernst Berendt, hier wächst das Bewußtsein.
Die Stille ist ein besonderes Erlebnis des Hörens, es ist der Dauersang über
Vaters Moor im Sommer 1939 mit seinem einmaligen Duft nach Leben.
Einmal geschah es. Mitten hinein ins Träumen und Meditieren, wie es heute
genannt und nach CDs oder DVDs und Räucherstäbchen praktiziert werden kann,
da mitten hinein sauste Vaters  „Tucke“, hochdeutsch „Pose“, auf und davon und
das in hoher Geschwindigkeit, wie von einem Flitzbogen geschossen. Die
Angelschnur sirrte von der Rolle bis zum Ende. Die Schnur spannte sich und sang
wie die Saite auf einer Geige. Sie konnte jeden Augenblick reißen. Doch dann wurde das Zerren ruhiger, es gab kein ruckartiges Reißen mehr.

Vater wußte, daß da ein außerordentlich großer Fisch an den Haken gegangen
war. Vorsitig drehte er die Rolle und holte Schnur ein. Das ging ein paar
Zentimeter, dann gab es wieder einen Ruck. Er mußte viel Geduld aufbringen,
einige Zentimeter Schnur herein auf die Rolle, dann Schnur zurück. Hastige
Aufgeregtheit darf nicht aufkommen. Es hat gedauert, das Kräftemessen
zwischen Kreatur und Mensch.

Und dann kam das Ende: Der Fang war ganz dicht heran geholt, er sprang dann
auch schon einmal aus dem Wasser heraus. Aber was war das? Es blenkerte
nicht silbern wie bei einem Hecht, wenn er dir die Breitseite zeigt, auch nicht
golden wie bei einem Wildkarpfen. Da erschien etwas Dunkles, Langes bei den
verzweifelten Sprüngen. Noch ein starker Schwung der Rute und der Fang lag auf
dem schmalen Steg, aber nur ein, zwei Sekunden, dann schlängelte sich das
dunkle, lange unheimliche Wesen Richtung rettendes Wasser. Schnell mußte
Vater den Rest der Angelschnur einholen und zufassen. Solch ein Ungetüm hatte
ich noch nie gesehen. Ich rief „Eine Schlange! Eine Schlange! „- und lief davon.
Der Moorboden unter meinen Füßen wippte.

Angler und Jäger übertreiben, sie reden Angler-und Jägerlatein. Das aber ist
gewißlich wahr: Der Aal, der Vater da an die Angel geraten war, hatte eine Länge
von über einem Meter, eher etwas länger. Oder doch ein bißchen kürzer? So dick
wie mein Kinderarm aber war er alle Mal.
Und dann kam es zu meiner großen Tat. Vater band den Aal hinter den Kiemen
mit einem Ende Angelschnur fest. „So,“ sagte er, „nun bringst du den Aal nach
Hause und wirfst ihn in die Regentonne.“

Omanoman, da hatte ich aber was zu verantworten.- Ich wickelte das andere Ende der Schnur, an der der Aal befestigt war, mir fest um die Hand. So fest, daß das Blut fast abgeschnürt war. Ich machte mich auf den Weg. Tragen konnte ich ihn nicht, ich schleppte ihn, erschlängelte sich.Wir mußten beide über einen Graben. Er platschte mitten hinein und glitt hin und her wie in einem Tanz. Das Bild des freien Aals stellte mich auf eine harte Probe.
Laß ich ihn frei oder reißt du ihn wieder aus seinem Element heraus? Die Pflicht
bekam Oberhand. Der große Fang kam in die Regentonne. Mein Leblang wurde
ich das Problem nicht los: Zurück mit dem gefangenen Fisch in sein Element oder
auf den Speiseplan. Ich war zeitlebens kein guter Angler.

Wenige Wochen später wurde Vaters 500er BMW vom Militär requiriert, er wohl
zwei Tage später zu den Soldaten eingezogen. Wir sahen uns erst sieben Jahre
später wieder.
Es hat nie wieder einen Vater-Sommer gegeben.

Ich hoffe, mein Sohn ist am Priel in Sonderho auf Fano beim Schollenangeln auch mir, seinem Vater begegnet.©R.W.

Rudi Witzke

 

 

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