Achterbahn des Lebens . . .

Achterbahn des Lebens . . .

 

Vorwort

In diesem Buch wird die Geschichte eines Mannes erzählt, dem als Anfangsmensch die Welt – seine Welt – vertauscht wurde. Ismails Geschichte, als die eines Türkenjungen dem seine Wurzeln abhanden kamen. Er hat mir davon erzählt, damit ich davon schreiben konnte.

Am vierten Tag des Monats April 1956 im türkischen Izmir geboren, war diese Stadt – dieses Land Türkei – die ersten sieben Jahre meines Lebens mein Zuhause. Mein Vater nannte eine Tischlerei sein Eigen – er war Möbelschreinermeister. Meine Mutter und wir Kinder waren sein höchstes Gut – aber lange vor meiner Geburt besaß er schon ein Haus, einen Führerschein und ein Auto. Für einen jungen Mann in der Türkei war so etwas damals keineswegs normal. Er hätte eigentlich glücklich sein müssen. Eigentlich – wenn nicht der Wind aus dem Abendland Verheißung über das Land getragen hätte.

Im fernen Deutschland benötigte man für die wachsende Wirtschaft dringend Arbeitskräfte – man suchte und fand sie im Ausland.

Der verheißungsvolle Ruf: ‚Gastarbeiter sind bei uns willkommen’ erreichte die Menschen auch außerhalb Europas. Obwohl, so ganz außerhalb Europas lag das Land, in dem der Ruf nach den Arbeitskräften meinen Vater erreichte, ja gar nicht. Ein Zipfelchen der Türkei hatte Europa ja noch zu fassen. Man kann auch sagen, die Türkei steckte mit einem kleinen aber gewichtigen Teil ihres Territoriums in der ‚Dame Europa’.

Des kleinen Jungen Vater folgte diesem drängenden Ruf im Jahre 1960 bis nach Deutschland. Er führte ihn auf einen Arbeitsplatz bei der Baufirma Dyckerhoff & Widmann in Aschaffenburg.

Seine Frau und seine drei Kinder ließ er – von der großen Familie wohlbehütet – im osmanischen Reich zurück.

Warum er zu Hause alles hinter sich ließ, hat er nie gesagt. Des Geldes wegen kann es nicht gewesen sein, denn die türkische Lira war zu der Zeit ein genauso harter Knochen, wie die Deutsche Mark – der Wechselkurs stand bei eins zu eins.

 

Das hat sich im Laufe der Jahre freilich drastisch verändert – für einen Euro bekommt man heute (2004) in der Türkei 5 000 000 (fünf Millionen) Lira. Vielleicht lockte ihn die Fremde. Vielleicht lockte ihn auch das Abenteuer – wie einst die streitbaren Vorfahren.

1963 durfte Gastarbeiter Dipcin die fünf Daheimgebliebenen dann zu sich holen. In Deutschland hatte man den Begriff Familienzusammenführung extra dafür konstruiert. Auch wenn viele der Meinung sind, das Wort wäre durch die politische Teilung Deutschlands entstanden.

Familienzusammenführung – die Familie wurde zusammengeführt – von der Heimat entfernte man sie. Die Hoffnung auf eine neue Heimat keimte in den Herzen – es wurde nur eine kümmerliche Pflanze daraus.

Sie sollte nie mehr ganz türkische Blume sein – und niemals ganz deutscher Baum werden.

 

Beim älteren Leser mag dieses Buch so manche Erinnerung an seinen eigenen Weg wachrufen – den jüngeren hilft es vielleicht, die Fehler der Alten nicht zu wiederholen.

 

 

 

Achterbahn des Lebens . . .

 

Seit dem 4. April 1956 sitze ich in der Achterbahn des Lebens – am Anfang noch völlig unbeschwert und glücklich.

Einmal abgesehen von der ersten kurzen Talfahrt im Jahre 1960, als mein Vater das Glatteis Abenteuer Gastarbeiter betrat – als er sich auf den Weg nach Deutschland machte.

Wahrscheinlich steckte er voller Erwartung auf das Unbekannte. Er hatte sicher die Töne des Windes im Kopf, der die Botschaft von Glück und Reichtum mit sich trug, wenn er von Westen wehte.

An uns – meiner Mutter und meinen drei Geschwistern – war die Botschaft ungehört vorbeigezogen.

Die Firma Dyckerhoff & Widmann in Aschaffenburg gab ihm Arbeit und Lohn. Der Möbelschreinermeister Dipcin durfte mit seinen kreativen Händen Dachstühle zimmern – und vielleicht seine innere Erwartung korrigieren.

1962 schlug meine Lebensachterbahn den ersten Haken. Mir wurde schwindelig vor Enttäuschung – mein Vater konnte bei meiner Einschulung nicht dabei sein.

 

Ein Jahr später führte er uns dann an den Ursprung des Windes. Ich hatte mich in Izmir gerade in den Ernst des Lebens eingereiht. Das Lernen machte mir Spaß – ich durfte schon für die Klasse sprechen – die Pfadfinder hatten mich willkommen geheißen – tja, und dann hieß es plötzlich Abschied nehmen.

Die großen Ferien lagen vor mir – das große Glück lag vor mir – Papa kam nach Hause. Vier Wochen herrlicher Urlaubszeit schenkte er uns – und einen Abschied von daheim.

Er nahm uns mit nach Deutschland. Er nahm uns mit in sein Abenteuer.

Die Achterbahn meines Lebens fuhr wieder in eine neue Richtung.

Quer durch fremde Länder ging die Fahrt. Bulgarien, Jugoslawien, Österreich durchquerten wir. Vorbei ging es an fremden Städten. Sofia, Maribor, Nisch, Pirot, Belgrad, Zagreb – ich konnte sie gar nicht so schnell zählen, wie sie vor uns auftauchten, und wieder hinter uns verschwanden.

Auf den österreichischen Bergpässen wähnte ich mich auf dem Gipfel der Welt. Einer Welt, die mit jedem Kilometer ein anderes Gesicht bekam. Mit jedem Kilometer den wir vorwärts kamen keuchte aber auch unser Auto immer heftiger in den schrecklichsten Tönen.

Der österreichisch/deutsche Grenzübergang Spielfeld war das Tor zu unserer neuen Heimat. Bevor wir den endlich passieren konnten, benötigte unser Ford Transit aber noch einen neuen Kühler. Der Autoklempner in dem von Gott verlassenen österreichischen Bergdorf freute sich über die harte D-Mark von den Türken. Papa freute es weniger. War es für ihn doch fast ein Monatslohn von Dyckerhoff & Widmann den er in der Alpenrepublik zurücklassen mußte.

Von da waren es ‚nur noch’ ein paar hundert Kilometer, bis zu unserem neuen Zuhause.

Ein Katzensprung war es gegen die bisherige Fahrt. Drei Tage saßen wir nämlich schon im Auto.

Drei Tage konnten wir uns Bilder malen von der Zukunft. Die Bilder, die dann in Aschaffenburg einen Rahmen bekamen. Die kleine Zweizimmerwohnung in Aschaffenburg-Damm – im Fahrbachweg 11 – die schon voll war, als das Gepäck vom Dachträger abgeschnürt, und der Laderaum ausgepackt war. Mutter füllte nur noch unsere knurrenden Bäuche mit Brot und Limonade – und dann schliefen wir, todmüde wie wir waren, in unser neues Leben hinein.

 

 

Viele Lebensmittel waren aus der Türkei mit uns den Weg gegangen, denn Vater wußte ja, daß es in Deutschland vieles von dem, was wir zu essen gewohnt waren, nicht gab. Vieles von dem, was wir essen durften, war in Deutschland auch noch nicht zu bekommen.

Unser moslemischer Glaube hat da nämlich so seine eigenen Ansichten.

Am nächsten Tag erkundeten wir Aschaffenburg. Vater war unsere Stadtführer. Er kannte sich ja schon einigermaßen aus in diesem deutschen Dorf – wie ich es gegenüber der zweieinhalb Millionenstadt Izmir empfand.

Vor allem frische Lebensmittel kauften wir – darunter auch typisch deutsche, an die wir uns allerdings erst gewöhnen mußten.

Das hatte Papa uns voraus – er war ja schon ein stückweit in die fränkische Lebensart hineingeklettert.

Die Eigentümer unserer Wohnung waren sehr liebe Menschen. Ohne daß wir bemerkten wie es geschah, standen wir schon nach kurzer Zeit in einer Reihe mit ihnen.

Vier Familien wohnten außer uns noch im gleichen Haus. Vierzehn Häuser zählte ich im Fahrbachweg – sechs unten, und acht den Hang hinauf.

 

Der Sohn und die Schwiegertochter unserer Hauseltern hießen Ulrike und Albert, und die Enkelkinder im Hause Udo, Hans-Werner und Christa.

 

Alberts Schwester Margot mit ihrem Mann Karl wohnten ein paar Häuser entfernt – im unteren Fahrbachweg. Ihr Zuhause trug die Hausnummer 1. Auch da gab es Enkelkinder – Walter, Edeltraud und Helga. Und wir waren mittendrin. So ein Gemeinschaftsgefühl habe ich später oft vermisst.

Für uns waren sie vom ersten Tage Oma, Opa, Tanten und Onkel. Das war ein schönes Glück, denn meine Verwandten in Izmir waren ja in unerreichbare Ferne gerückt.

Onkel Karl war ein richtiger Bauer – mit Kühen, Schweinen und Ziegen im Stall. Das war schon etwas Heimatliches – bloß einen Esel – einen Esel wie es ihn bei meiner Großmutter gab, den vermisste ich.

Die Sprache war allerdings ein Hindernis. Die deutsche Sprache umgab uns wie eine Mauer, die aber bei uns Kindern jeden Tag etwas an Höhe verlor. Viele Worte wurden durch Zeichen mit Händen und Füßen ersetzt. Das klappte wunderbar – besonders im Umgang mit den anderen Kindern.

Nach einer Woche Erkundungsfreiheit im neuen Land, stand wie eine große Bedrohung die Schule vor der Tür.

Papa hatte uns gleich nach unserer Ankunft angemeldet. Uns – weil, mein Bruder war inzwischen auch sechs Jahre alt geworden. Wir mußten lernen.

 

Wenn es nach mir gegangen wäre – ich hätte die deutsche Sprache lieber beim Spielen mit den anderen Kindern gelernt. Aber wer fragt schon einen kleinen Jungen danach.

Ein abgelegener Weg führte zur Schule – ohne Straßenlaternen und ohne Busverbindung.

Drei Kilometer hin und drei Kilometer zurück. Die ersten Tage nahm uns Papas Auto das Laufen ab.

Da ich kein Deutsch konnte, fand ich mich mit meinem jüngeren Bruder in der ersten Klasse wieder. Was sollte ich da? Die erste Klasse hatte ich doch schon in Izmir hinter mich gebracht.

Der erste Schultag wurde ein langer Tag. Da saßen wir nun – wir kleinen Türken – und konnten nichts von dem verstehen, was der Lehrer sagte. Ich hätte doch so gerne schon alles verstanden. Aber das dauerte noch etwas.

So ein wenig verletzter Kleinejungenstolz stachelte mich an. Es dauerte nicht lange, und mein Vater wurde meinetwegen zum Lehrer gebeten.

Nicht weil ich etwas ausgefressen hatte, wie Papa sofort dachte – nein, ich kam vorzeitig in die zweite Klasse. Meine gekränkte Ehre war wieder hergestellt – ich hatte ja gewußt, daß man mich zu Unrecht zu den ABC Schützen gesteckt hatte.

Und stolz war der Papa auf mich, wenn ich für ihn und Mama schon als Dolmetscher fungierte.

Das Klingelzeichen für den Unterrichtsschluß erschien mir am ersten Tage wie Engelssingen. Papa wollte uns abholen – das hatte er am Morgen versprochen. Wir standen vor der Schule, und kein Papa war da.

Die anderen Kinder hatten sich schon in alle Richtungen davongemacht – wir waren die einzigen Schüler aus dem Fahrbachweg.

Uns blieb nur das Warten – und warten – und warten. Mit jeder Minute, in der Papa nicht kam, ging die Hoffnung ein kleines Stück weiter von uns weg.

Als ‚Großer’ fasste ich den Entschluß, auf eigene Faust mit meinem Bruder nach Hause zu laufen. Schließlich wußte ich wo’s lang ging. Wir waren doch auch hergekommen. Viermal sind mein Bruder und ich gestartet – und viermal kamen wir wieder vor der Schule an.

 

Ein Hoffnungsschimmer erhellte plötzlich unsere tiefe Verzweiflung.

Auf der gegenüberliegenden Strassenseite liefen lange blonde Haare mit einem Mädchenkopf.

Das mußte Christa aus unserem Hause sein. Das war die Rettung.

Nichts wie hin – „Christa, Christa“ gerufen – und Pech gehabt. Nichts war mit Christa. Lange blonde Mädchenhaare gab es hier genauso häufig, wie bei uns daheim in Izmir lange dunkle.

Ich war um eine Erfahrung reicher. Den Rockzipfel der vermeintlichen Christa hatte ich noch gar nicht losgelassen, da hielt ein Auto neben uns. Es war Papa, der dem erschrockenen Mädchen erklärte, daß ich sie wohl verwechselt hätte.

Sie kann mir nicht böse gewesen sein, denn sie lächelte mich an, und schaute sich noch ein paar Mal zu uns um. Als wir in Papas Auto saßen, kullerten bei mir die Tränen – noch niemals vorher war ich so froh gewesen, meinen Vater zu sehen.

Er hatte uns nicht vergessen – er hatte sich nur unseren Schulschluss falsch gemerkt.

Den Trost für unser schreckliches Erleben bekamen wir daheim von unserer Mama.

Eine Woche wurden wir noch kutschiert – dann saß der Papa wieder fest bei Dyckerhoff & Widmann auf den Dächern – und der Schulweg saß genauso fest in unseren Köpfen.

Unsere Freunde vom Fahrbachweg besuchten leider eine andere Schule, darum mußte Papa uns die erste Woche begleiten.

Die Zeit lief durch die Zeit – hier genauso schnell, wie daheim in Izmir. Wir wußten manchmal nicht, ob unsere Erinnerungen noch türkischen oder schon deutschen Ursprungs waren. Das war uns Kindern aber auch piepegal – es war unser Leben.

Eines Tages kam Onkel Karl mit einem Kuhfuhrwerk vorbei – ein Kuhfuhrwerk! Es war vollgeladen mit Maispflanzen. Ich hörte ihn schon von weitem rufen: „Hüh, Schimmel – hüh.“ Schimmel hatte er die Kuh benannt. Das war auch für mich neu.

 

Daran gab es bei mir im Kopf auch keine türkische Erinnerung. Ochsen vor dem Karren – ja. Bei reicheren Bauern auch schon mal ein Pferd vor dem Wagen – das kannte ich. Aber eine Kuh? Und gemolken wurde Schimmel auch noch. Jeden Morgen und jeden Abend. Die Milch wurde gleich in der Strasse verkauft. Das war praktisch – für alle.

Onkel Karl staunte nicht schlecht, als ich ihn um ein paar Maiskolben bat. Er fragte mich, was ich damit wollte. „Die will ich kochen und essen“ klärte ich ihn auf.

„Na, denn pflück dir man so viele, wie du tragen kannst – aber paß auf, daß du dann keine Milch gibst. Bei Schimmel hilft das nämlich tüchtig“, meinte er spaßig.

Mir ging auf, daß Mais in Deutschland Viehfutter war, während es bei uns in der Türkei zu den Hauptnahrungsmitteln zählte. Später habe ich dann erfahren, daß der erste Versuch der US-Amerikaner, in Deutschland Mais als menschliches Essen einzuführen, daneben gegangen ist. Die pappigen Maisbrote der Amis wollte nämlich keiner. Dieses Backwerk hätten die Menschen in der Türkei ganz sicher auch abgelehnt.

Zur Zeit der Kugelschreiber und Nylonstrumpfwelle – gleich nach dem zweiten Weltkrieg, waren die Menschen in Deutschland in ihren überlieferten Essgewohnheiten noch sehr gefestigt.

Erst Mc Donalds hat es dann geschafft, in Deutschland den guten Geschmack abzuschaffen.

 

Der Sommer in unserer neuen Heimat machte sich so langsam auf die Socken – er räumte das Feld für den Herbst. Der kam dann auf leisen Sohlen durch die Hintertür.

Er färbte die Welt um uns herum mit bunten Blättern – das war nicht viel anders als bei uns zu Hause. Ich dachte immer noch zu Hause, wenn meine Gedanken rückwärts gingen. In der Türkei war der Herbst nur nicht so kalt – er strahlte immer noch viel von der Wärme des Sommers aus.

Dass man in unserer neuen Heimat unter kalt etwas ganz anderes verstand, das zeigte uns einige Wochen später der Winter mit seinen klirrenden Frostnächten. Völlig überrascht wurde ich, als mich eines Morgens vor der Haustür eine weiße Welt empfing.

Über Nacht hatte jemand alles in Watte gehüllt. Schnee, sagte man uns, wäre vom Himmel gefallen. Ich kannte keinen Schnee. In Izmir schneite es nicht – ich hatte es wenigstens noch nicht erlebt.

Da lag es nun auf Strassen, Bäumen, Wiesen und Dächern – dieses weiße Etwas. Das zu Wasser wurde, wenn man es in die Hand nahm. Was machte man damit? Wozu war er gut, der Schnee? Meine Freunde wußten es – Schlittenfahren! Was denn sonst.

„Ismail – komm mit Schlittenfahren“, tönte es von allen Seiten.

„Was ist ein Schlitten?“ fragte ich Udo. Wenn ich etwas nicht wußte fragte ich immer zuerst Udo. Er zeigte mir seinen Rodelschlitten.

Jetzt wußte ich zwar, was ein Schlitten ist – aber haben hatte ich damit noch keinen.

Auch da wußte Udo Rat. Er besaß zwei Schlitten – einen schenkte er mir. Nun war ich kleiner siebenjähriger Türkenjunge schon stolzer Schlittenbesitzer. Mein Papa war schon weit über zwanzig, als er sein erstes Fahrzeug besaß. Deutschland hatte doch etwas Gutes.

 

 

Wie funktionierte dieses Gerät aber? Wie lenkte man es, wie bremste man den Schlitten ab? Udo zeigte mir alles – und dann gingen wir rodeln.

Hinter Onkel Karls Haus wirbelten wir den Hang hinunter – bis weit über die Strasse.

Das war allerdings gefährlich – weil ja auf der Strasse Autos fuhren. Nach zwei Wochen konnte ich so gut rodeln, daß Udo mit mir ins Rauen-Tal ging. Eine halbe Stunde in den Wald hinein gab es eine große Lichtung. Es war eine richtige Hanglage – hoch und steil. Wir waren die ersten Rodler am Berg. Der Pulverschnee stob zum Himmel, daß es eine Lust war.

Wie oft wir nach unten sausten, und mühsam wieder hochkletterten, bis wir eine Bahn gefahren hatten, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur noch, daß es riesigen Spaß gemacht hat. Erst als die Kälte uns in die Hosenbeine kroch, machten wir uns auf den Heimweg.

Die nächsten Tage waren wir nicht mehr allein – alle unsere Freunde gingen mit. Richtige Wettkämpfe veranstalteten wir am Berg. Rodelkönig nannte man mich nach kurzer Zeit.

Das war eine gute Voraussetzung für einen türkischen Dreikäsehoch, den deutschen Winter zu mögen.

 

Das war aber noch nicht alles, was dieses neue – dieses weiße, blinkernde, hartgefrorene Deutschland für mich an Überraschungen bereithielt.

Den Schlitten hatte ich mir zum Diener gemacht. Es war eine Freude, wie er täglich klaglos für mich da war. Besser konnte es einem König doch nicht gehen. Bis mir dann der Kaiser begegnete. Zwei Meter lang und in ein strahlendes Blau gewandet.

Udo zeigte mir voller Freude seine neuen Laufbretter – Skier nannte er sie. Blau waren sie, majestätisch glänzend. Wie Kaiser nun mal eben daherkommen.

Der Weihnachtsmann – so erzählte er mir stolz – hätte sie bei ihm abgeliefert. Wer war denn nun wieder der Weihnachtsmann, daß er so einfach kaiserliche Skier liefern konnte?

Ich war ja schon so schlau, und trotzdem stürmten immer wieder Dinge auf mich ein, von denen ich nicht die geringste Ahnung hatte.

 

Das Weihnachten und der Weihnachtsmann mit der Religion in unserer neuen Welt zu tun hatte, erklärte mir die Mama am Abend. Was war das für eine schöne Weihnachtsreligion, die den Kindern Geschenke machte. Sogar den Kindern, die nicht dazugehörten. Denn kaum war ich in unserer Wohnung, klingelte es – und Udo stand vor der Tür. In den Händen ein Paar Ski. Zwar nicht in kaiserlichem Blau, aber in einem so königlichen Rot, wie ich es nur von unserer türkischen Fahne her kannte. Verlegen erklärte er meiner Mama, es wären wohl keine neuen Ski – aber sie wären auch vom Weihnachtsmann. Im letzten Jahr zu Weihnachten hätte der ihm die roten Bretter gebracht. Und da jetzt ja ein Paar Neue unterm Weihnachtsbaum gelegen hätten, würde es ihm Freude machen, mir die roten Skier zu schenken. Was sollte ich darauf sagen? Ich konnte nichts sagen – ich habe meinen Freund Udo einfach umarmt, und ganz fest gedrückt.

Irgendwie waren meine Wangen ein wenig feucht, aber Udo meinte, das läge wohl an den Schneeflocken, die er von draußen mit herein gebracht habe.

Mein Besitz vergrößerte sich – neben dem Schlitten standen nun auch die Skier auf der Habenseite.

Wie würden meine Schulkameraden in Izmir mich bewundern. In solchen Momenten liefen meine Gedan-ken schon noch nach hinten.

Bis sie sich wieder mit der Gegenwart beschäftigen mußten. Die schönen, roten königlichen Laufbretter sollten ja nicht bloß an der Wand stehen.

 

Udo brachte mir bei, wie ich sie handhaben mußte. Die Begriffe, die er mir in den Kopf schob waren für ihn wohl selbstverständliche Verrichtungen – für mich hörten sie sich aber an, wie die Namen böhmischer Dörfer.

Bindungen einstellen, Sohlen wachsen – was hieß das alles? Ich sah nur Lederriemen und holzfarbene Bretterunterseiten. Sein Wissen um diese Zeremonien übertrug er geduldig auf mich.

Da hatte er es mit seinen „Neuen“ einfacher, die „kaiserlichen“ waren schon mit Clipverbindungen ausgerüstet. Er brauchte nur hineinsteigen und lossausen. War es so ein Zipfel Neid, was da aus einem Winkel meiner Seele lugte? Die unbändige Freude über das Geschenk scheuchte diesen Hammel zum Glück gleich wieder in die hintersten Gefilde zurück. Denn – daß man nicht alles haben konnte was man begehrte – das hatte meine Großmutter mir schon beigebracht.

Ich begriff im Handumdrehen, wie man es anstellte – meinte ich – denn wir liefen sofort los. Richtung Rauental.

Laufen – ich konnte mit meinem neuen Fortbewegungs-mittel laufen! Ich fühlte mich wie ein perfekter Skiläufer, der es seinem Freund Udo gleich nachtun wollte, der immer leichtfüßig ein Stück vorausglitt. Wie ein Wesen, das über die Erde schwebte.

Kaum setzte ich aber zum Flug an – bamms – drückte mein Hintern auch schon den weichen Schnee platt. Meine Spur sah aus, als wenn ein Wesen mit riesengroßen Füßen auf dem Waldweg längsgestappt wäre.

Endlich am Rauentalhang angekommen, haben wir den ganzen Nachmittag geübt – wir, denn Udo hat mir unermüdlich geholfen. Ich weiß nicht, wieviel Abdrücke von Ismailhintern abends am Hang zu zählen waren – aber mit jedem Abdruck im Schnee wurde ich geschickter im Umgang mit den Brettern.

Der Winter hat es so lange bei uns im Rauental ausgehalten, bis ich mit den Flitzern umgehen konnte. Die Blumen in den Gärten und am Waldboden wurden bereits ungeduldig. Sie schauten an sonnigen Tagen mit ihren bunten Spitzen schon mal durch die Schneedecke, und fragten schüchtern beim Winter nach, wie lange es denn noch mit dem kleinen Jungen aus der Türkei dauern würde, bis er endlich Skifahren könne..

Er hat sie immer wieder besänftigt – solange, bis ich eines Abends mit lautem Juchhei, und ohne mit meinen Pobacken den Erdboden zu berühren, den Hang hinuntersauste.

Das Glück darüber konnte ich schwerlich für mich behalten. Auf dem Heimweg schenkte ich den Schlitten meinem Bruder – denn ich war ja nun königlicher Skifahrer.

 

Am nächsten morgen war mein Freund – der Winter – stillschweigend zu seiner nächsten Arbeitsstelle weitergezogen. Ich hab’ ihm ganz laut Danke für das neu gelernte hinterhergerufen – und „komm bald wieder zurück“.

Der Frühling war nicht mehr zu bremsen – er mußte ja einiges an Zeit aufholen – die Zeit, die er mir geschenkt hatte.

Der Duft der Blumen konnte nicht warten, bis die Blüten ihre Umhänge ablegten – aus den Knospen heraus überschüttete er uns mit seinen Wohlgerüchen – uns wurde manchesmal schwindelig davon.

 

Jetzt besaßen mein Bruder und ich zwar jeder ein Fortbewegungsmittel, aber beweglich waren wir damit auch nicht – zumindest nicht bis zum nächsten Winter.

Der Frühling forderte wieder unsere Füße. Die trugen uns gut hinter unseren Freunden auf ihren Fahrrädern her – besonders zu den Schuttplätzen in der Umgebung. Drei davon gab es in der Nähe. Das ist Heute auch nicht mehr gut vorstellbar.

Hans-Werner war der Schuttplatzspezialist in unserer Runde. Es gab nichts, von dem er nicht wußte, wo es zu finden war. Er kreiste von einem Schuttplatz zum anderen. Ich wurde sein ständiger Begleiter.

Der große Steinbach Schuttplatz hatte es uns in erster Linie angetan. Irgendwie zog es uns – und besonders mich – immer wieder dahin. Bis ich erfuhr warum. Ein Fahrradreifen winkte mir eines Nachmittags zu.

Zwischen Pappkartons und Geröll schaute er ans Licht. Als ich ihm die Hand zur Begrüßung reichte, merkte ich, daß ein komplettes Fahrrad an ihm hing.

 

Wer hatte mich wohl an diesen Platz geführt? Sollte Allah mich auch hier beobachten?

Radfahren hatte ich schon in der Türkei gelernt.

Mein Glücksfund landete natürlich bei uns zuhause. Hans-Werners Luftpumpe brachte Leben in die platten Reifen. Richtig prall und dick plusterten sie sich auf – und blieben so! Es gab keine Leckstelle, durch die die Luft entweichen konnte.

Lenkstange und Sattel waren schnell auf meine Größe eingestellt – und schon sollte es zur ersten Fahrt losgehen. ‚Sollte’, denn mit Tretkurbeln, die in die gleiche Richtung zeigen, kann man schlecht in die Pedale treten.

Zwar war nicht Holland in Not – aber der kleine Ismail. Was machen kleine Jungen, wenn sie sich in Not befinden? Sie gehen ihre Mama um Hilfe an.

 

 

 

Und Mama half – genau mit zwei Mark für einen neuen Konusbolzen – damit die Pedale nicht mehr beide so traurig nach unten hingen. Zu guterletzt noch ein paar Tropfen Olivenöl aus Mamas Küche an die Kette – und die Karre lief wie geschmiert.

Ich war wieder mobil und glücklich. Ja – glücklich war ich wohl auch. Kinderglück.

So wie die neue Welt für mich mit jedem Tag, den ich mit meinen Freunden auf Achse war, ein Stückchen kleiner wurde, nahmen die Sommertage für mich an Länge zu. Die Sommertage mit 36° im Schatten.

Da fühlte ich mich doch tatsächlich oft nach Izmir zurückversetzt, wenn wir an heißen Tagen bei unseren Großeltern durch die Apfelsinenplantage getollt waren.

Die Sommertage, in denen wir um Aschaffenburg herumstreiften. Die Tage mit Hitze und südlicher Sonne,

an denen ich vergeblich hoffte, dem Spessarträuber zu begegnen. Der Sagengestalt, von der uns Onkel Karl immer erzählte, wenn wir abends auf den Strohballen hockten, nachdem wir ihm im Stall geholfen hatten. Vergönnt war es mir leider nicht.

Vergönnt war mir und meinem Bruder aber etwas anderes. Am Wochenende, wenn Vater nach Hause kam – er war mittlerweile mit seinen Fähigkeiten der Arbeit hinterher gezogen, spürte er wohl das Glück seines großen Sohnes, dem das Fahrrad wieder ein Stück Welt eröffnet hatte. Er sah aber auch die Betrübnis in den Augen des jüngeren Sohnes, der von vielem ausgeschlossen war – eben weil er kein Fahrrad besaß. Das ging ein paar Wochen so, bis eines Samstags mein Fahrrad im Keller bleiben mußte.

 

Heute fahren wir zusammen mit dem Auto in die Stadt, war das einzige, was ich von Papa zu hören bekam, als er diese Anordnung traf. Gefallen hat es mir nicht – das muß ich sagen. Nur, Papa war Papa – und Papas Sagen war Papas Sagen. Bei diesem türkischen Prinzip gab es auch keine Sonderregelung, nur weil wir uns in Aschaffenburg befanden.

Meine innere Verstimmung verflog im Nu, als wir in der Innenstadt mitten in einem Laden voller neuer Fahrräder standen. Papa hatte beschlossen, jedem von uns ein Fahrrad zu kaufen. Selber aussuchen durften wir die Vehikel auch noch.

Mein Bruder und ich stürzten uns auf das gleiche Rad. Ein Rad in strahlendem kaiserlichem Blau. Es war kein Einzelstück – wir hätten beide das gleiche Rad bekommen können. Aber da war Papa mit seiner Vernunft dagegen. Eure Fahrräder müssen voneinander zu unterscheiden sein. Punkt.

Das geschah zur vorbeugenden Verhinderung etwaiger brüderlicher Streitereien. Ich blieb beharrlich bei Blau. Mein Freund Udo besaß kaiserliche blaue Ski – ich wollte dann wenigstens ein kaiserliches blaues Rad mein eigen nennen. Mein Bruder und ich haben diese wichtige Frage ohne gegenseitige Kriegserklärung geregelt.

 

Mein Bruder suchte sich ein königlich rotes Fahrrad aus.

Nun standen wir draußen auf dem Gehsteig mit unseren blitzenden Prunkgestellen. Wir mußten ja wieder heim.

Papa ließ uns aber nicht einfach lossausen, was wir am liebsten getan hätten – er traute unseren Fahrkünsten nämlich noch nicht so recht.

Wie immer fällte er eine salomonische Entscheidung. Ihr beide fahrt mir voraus, damit ich mich überzeugen kann, wie weit es mit eurer Fahrkunst her ist. Natürlich bestanden wir mit Bravour die Prüfung – und hatten für die Zukunft freie Fahrt.

Mensch Deutschland – bist du schön!!!

 

Ich hatte mich ganz schön erfolgreich durch die ersten Etappen meiner Beweglichkeit gehangelt.

Auf unseren Sommerausflügen erwischte mich plötzlich ein Virus. Nicht das ich körperlich erkrankte, nein – ich wurde süchtig nach Musik.

Mein Freund Walter, der Sohn von Onkel Karl – dem Besitzer der Schimmelkuh – kreuzte mit einem Akkordeon auf. Sein Geburtstag hatte ihm dieses edle Teil beschert.

Die Töne, die er damit fabrizierte – ich glaube Musik durfte man das noch nicht nennen – schlugen mich in ihren Bann.

Mutter war entschieden gegen mein Begehren, musizieren zu lernen. Musik machen nur Zigeuner. Wie, als wenn sie es gestern gesagt hätte, klingt mir dieser Satz heute noch in den Ohren. Ich weiß nicht, was in meinen Vater gefahren war – ohne das ich schwierige Überzeugungsarbeit leisten mußte, suchte er mit mir gemeinsam aus dem Quelle-Katalog ein Prachtstück von Musikinstrument aus.

Achtundvierzig Bässe zählte ich an dieser Musikmaschine – und Instrumentenunterricht durfte ich auch noch nehmen.

Papa bezahlte dafür, das mir die grundlegenden Fertigkeiten beigebracht wurden. Nach nicht einmal einer handvoll Jahren Aufenthalt in Deutschland war aus mir schon ein fahrender Musikant geworden.

Dreimal hatte sich das Jahr die Hacken schiefgelaufen – 1966 stand auf jedem Blatt des Kalenders, der bei uns an der Küchenwand hing. Sprechen sprach ich mittlerweile wie ein Aschaffenburger Junge – mit Dialekt und allem drum und dran. Wer mich nicht sehen, sondern bloß hören konnte, vermutete keinen türkischen Hosenmatz hinter den Worten. Wie gerne wäre ich blond gewesen, denn jedesmal, wenn man mich zu Gesicht bekam, war ich wieder das Ausländerkind. Manchmal war mir schon ganz schlimm zumute. Nicht das ich mich schämte, ein türkisches Kind zu sein – aber immer nur Ausländer zu sein war auch nicht das Wahre.

Frisör Philip hütete in seinem Laden in Damm das Monopol für Kinderkopfhaareschneiden. Alle vier Wochen mußten wir bei ihm antreten. Nicht das er uns mit dem Lasso auf der Strasse einfing – die Mühe brauchte er sich nicht zu machen. Unsere Eltern trieben ihm seine Kunden zu. Die paßten schon auf, das unsere Ohren frei blieben – von wegen gut hören. Wenn Meister Philip ab und zu meinem Wunsch nach einer etwas längeren Haarpracht voller Bedenken nachgegeben hatte, stand ich garantiert eine halbe Stunde später wieder bei ihm auf der Matte.

Nachschneiden, fragte er dann nur – und ohne mein Nicken abzuwarten, griff er zur Schermaschine.

Während der Meister sonst immer fröhlich vor sich hin pfiff – beim nachschneiden guckte ihm stets Betrübnis aus den Augen. Es bereitete ihm sichtliches Unwohlsein, aus mir immer wieder einen türkengerechten Jungen zu machen. Ich glaube, er hätte mir gerne ein bißchen Deutschsein gegönnt.

So flog ich immer als Ball zwischen seinem Wohlwollen und meines Vaters Neinsagen hin und her. Vater siegte immer – wo wäre sein türkisches Denken sonst auch gelandet. Nein, nein – Vater war kein Nationalist – beileibe nicht. Der Hauptgrund waren wohl die größeren Abstände zwischen den Frisörbesuchen. Man denke nur an die einsfünfzig, die jedesmal pro Nase fällig waren. Bei diesem türkischen Einheitsschnitt hätten meine Haare ruhig blond sein können – ich wäre immer noch als ein Junge von jenseits des Bosporus erkannt worden. Diese Kleinigkeit Haarschnitt und –farbe hat mir auf meinem Weg in die Gesellschaft oft Hindernisse in den Weg gelegt.

Dazu kamen dann noch die Paragraphen – fein säuberlich in den Gesetzbüchern verpackt. Mit Mustern davon wurden unsere Pässe dekoriert. Wenn ich sage unsere, dann meine ich die Pässe meiner Eltern. Ich bekam meinen ersten eigenen Pass, als ich die Schule erfolgreich hinter mich gebracht hatte.

Solange waren wir auf einem Gruppenbild in Papas und Mamas Papieren untergebracht. Fein säuberlich neben zwei akkuraten amtlichen Stempeln.

Ich habe heute noch das Gefühl in mir, als wenn ich aus dem Foto heraus immer seitlich auf die Buchstaben schielte. So fest sitzt mir der Text im Kopf.

 

Fremdenpass

 

Aufenthaltserlaubnis

für die Bundesrepublik Deutschland

einschl. des Landes Berlin

 

 Selbstständige oder vergleichbare

unselbstständige Erwerbstätigkeit

nicht gestattet

 

stand da unverrückbar und fein säuberlich in blauer Stempelfarbe gedruckt. Eine sogenannte Aufenthalts-berechtigung wurde Gastarbeitern der ersten Generation erst nach fünf nachgewiesenen Beitragsjahren zugunsten der Rentenkasse erteilt. Kinder wurden zwar nicht ausdrücklich in der Vorschrift erwähnt – aber wir schauten ja in den ganzen Jahren aus jedem Pass heraus. Für uns kleinen Schietbüdel galten natürlich die gleichen Bestimmungen. Obwohl – wie sollten wir schon groß selbstständig tätig werden.

Das änderte sich schlagartig, als ich die ersten langen Hosen anbekam.

Ich wurde behördlich von den Eltern abgenabelt – ich mußte eine Aufenthaltsgenehmigung beantragen, und bekam meinen eigenen Paß, Auch wieder schön mit den bekannten Stempeln versehen. Ich mußte mir aber den Platz im Paß – neben den ehernen Verbotseinträgen – nicht mehr mit den anderen teilen.

Ich durfte für die nächsten Jahre ganz alleine nach den Buchstaben plieren.

Wenn ich an die vielen Abstufungen in den Statuten von damals denke, beneide ich noch manchesmal die heutige Generation der Zuwanderer. Mit meinen kurzen Hosen war auch die Kinderschulpflicht in die Tonne gewandert. Die Suche nach einer Lehrstelle trieb mich durch Aschaffenburg. Im Familienrat wurde der Entschluß gefaßt: Ismail wird Werkzeugmacher. Wenn die Familie irgendwann einmal wieder in die Heimat – die Türkei war damals im Denken noch Heimat – also, wenn die Familie einmal wieder nach Hause zurückkehren würde, könnte der Junge wenigstens sein eigenes Werkzeug herstellen. Sehr praktisch!

Hans-Werner erwies sich wieder als mein Pfadfinder. Er war ein Jahr zuvor aus der Schule entlassen worden. Seine gute Nase für Glücksfunde kam mir auch hier zugute.

Die Firma Zenglein in Aschaffenburg, als Hersteller von Messwerkzeugen, bildete ihn aus. Mich brachte er auch dort unter. Meine Ausbildung begann.

Die Firma Zenglein war eine Stiftefirma – das heißt, Herr Zenglein – seines Zeichens Chef des Betriebes – war auch gleichzeitig Meister und Ausbilder.

Gesellen hielt er sich nicht – von wegen der höheren Lohnkosten.

So mußten wir, nachdem unsere Lehrzeit beendet war, auch die Platte putzen – Platz machen für neuen Nachwuchs im Geschäft Zengleins.

 

Dreieinhalb Jahre schützte mich mein Lehrvertrag – genau bis zum 14. Januar 1975.

Von am Anfang 170.- bis auf 280.- DM im vierten Ausbildungsjahr hatten sich meine monatlichen

„Bezüge“ gesteigert. Der Gegenwert für vierzig Wochenstunden im Betrieb. Vier Wochen im Jahr brauchten wir allerdings nicht in der Werkstatt erscheinen. Als die ersten Urlaubswochen anstanden, war ich heilfroh. Heilfroh, mich von dem endlosen feilen, feilen, feilen erholen zu können. Ein Hammer wurde mein erstes Werkstück.

Ich hatte zwar schon viel mit einem Hammer gearbeitet, aber daß ein Hammer soviel Arbeit kostete, bis man ihn einen Hammer nennen konnte, das war auch eine neue Erfahrung. Amboß, Finne, Nut, Stiel – die gesamte Hammergeographie lernte ich kennen. Hammerspezialist war ich nun auch noch.

Weil ich mich als sehr geschickt erwies, erhielt ich gegenüber den anderen Stiften einen Vorteil – ich durfte die Nut für den Hammerstiel an einer Maschine fräsen. An einer Maschine, die aussah, als wäre sie einem Museum entliehen. Ein Monstrum von Bohr- und Fräsapparat, an dem ich kleiner Stöpsel meine Künste versuchte. Die meisten Maschinen in unserem Betrieb besaßen keinen eigenen Motor. In Bewegung gesetzt wurden sie durch Riemen, die von einer zentralen Maschine in alle Richtungen liefen. Eine saugefährliche Angelegenheit. Man durfte ihnen nicht zu nahe kommen, wenn sie singend durch die Gegend schlackerten, um ihren schweren Dienst zu verrichten.

Als ich das erste Mal diese vorväterlichen Einrichtungen zu Gesicht bekam, überfiel mich die Erinnerung an meine erste Dampfmaschine, die meine Großmutter mir noch in der Türkei geschenkt hatte.

 

 

 

 

 

 

 

Irgendwann hing mein Hammer an der Wand im Meisterbüro – er war mir so gut gelungen, daß der

Meister ihn jedem zeigte. Als ein Paradestück seiner Ausbildungskunst – wie er dabei zu sagen pflegte. Dem sogleich ein zweites folgen sollte, damit ich nicht aus der Übung käme. Wie Herr Zenglein tiefsinnig bemerkte, als er mir den Auftrag erteilte, ein Windeisen anzufertigen. Natürlich per Hand – und mit der Feile als Werkzeug. Wieder war der Name eines böhmischen Dorfes vor mir aufgetaucht – ein Windeisen? Was war denn das um alles in der Welt? Meister Zenglein gab mir eine Karte in die Hand – Konstruktionsplan nannte er das Stück Papier mit den vielen Strichen und Zahlen. Damit würde ich mich schon zurechtfinden, meinte er. Und wieder war es mein Freund – der Pfadfinder unserer Schuttplatzzeit – Hans-Werner, der mir die Wege durch das Striche- und Zahlengewirr erklärte. Ich muß sagen, der Stolz saß mir in den Knochen, als ich das Prunkstück nach Wochen meinem zufriedenen Meister präsentierte.

Wenn Herr Zenglein auch keine Gesellen bezahlen konnte – seine Lehrlinge durch Lob zu Höchstleistungen anstacheln, das konnte er. Schon wieder war ich ein paar Schritte weiter auf dem Weg zum Werkzeugmacher.

Mit den kalten Handwerkzeugen konnte ich mittlerweile gut umgehen. Die Abteilung Feuer und Schwert wartete auf mich. Die Härterei. Die Bezeichnungen der böhmischen Dörfer meiner kleinen Arbeitswelt schreckten mich auch nicht mehr. Ich fand mich ganz gut in ihnen zurecht.

 

Die Härterei! Die Begriffe hart und weich waren mir von zu Hause – von den Frühstückseiern her geläufig. Hier füllten sie ein ganzes Universum. Sie eierten zwischen Karbidkesseln – in denen Gas erzeugt wurde – Sauerstofflaschen und ölgefüllten Becken hin und her. Es war sozusagen die Giftküche unseres Zauberers. Hier wurden die Produkte alltagsfähig gemacht. Abgehärtet, damit sie im täglichen Kampf von messen und kontrollieren nicht vorzeitig schlapp machten. Die Art und Weise, wie es geschah – war allerdings – salopp ausgedrückt – vorsintflutlich. Aber die Ergebnisse unserer Arbeit besaßen Charakter, wenn sie uns durch die Werkstattür verließen. Die Kunden wußten das zu schätzen.

 

Bis es allerdings soweit war, mußten wir noch unzählige male die Feile ansetzen, den Karbidbrenner anschmeißen, zum erhitzen und vergüten, und uns die Finger wund schleifen für den letzten „Schliff“ – wie Meister Zenglein es nannte, wenn sein scharfes Auge seine prüfend darüberhinfahrenden Fingerspitzen begleitete. Während meiner Zeit in Zengleins Wunderschmiede ist nicht ein einziges Stück Werkzeug von den Käufern reklamiert worden. Aus diesem Grunde gab es bei uns auch wohl keine Beschwerdeabteilung bei den Zengleins. Mein Freund Hans-Werner verließ ein Jahr vor mir unsere kleine Messwerkzeugschusterei.

 

Meine Betrübnis darüber konnte sich aber gleich wieder verkriechen. Er blieb mir erhalten, denn nur ein paar Straßenzüge entfernt empfing man ihn in einem anderen Betrieb mit offenen Armen.

Die Gesellen, die Meister Zenglein geformt hatte, waren in der Umgebung begehrte Werkzeugmacher. Bis ein Jahr später mein Abschied von der Lehre vor der Tür stand, verbrachten wir jeden Tag wenigstens die Mittagszeit gemeinsam. Mein Abschied von Meister Zenglein wog gleich doppelt schwer. War er doch verbunden mit der Schließung des Betriebes.

 

Nicht das jetzt jemand denkt, meine Ausbildung hätte Zenglein & Zenglein zugrunde gerichtet. Nein, nein – die technische Entwicklung hatte seine Fertigungs-methoden lange hinter sich gelassen. Die Konkurrenz aus Fernost setzte den Schlußpunkt. Ich war der letzte Lehrling, den Meister Zenglein berufsfähig machte.

Der Chef klappte seine Bücher zu. Ein Kapitel überlieferter Handwerkskunst war abgeschlossen.

Jetzt mag bitte niemand denken, der Unternehmer Zenglein hätte sich das alles einfach so von der Backe geputzt. Es ging ihm schon nahe, sein Lebenswerk vorzeitig stranden zu sehen. In seinen Vorstellungen sah der Hafen, in dem er vor Anker gehen wollte, sicher auch anders aus. Aber wie es so ist, wenn der Sturm ein Schiff zwingt, den Kurs zu ändern. Und wie ein guter Kapitän auch nach dem Schiffbruch für seine Männer da ist – Meister Zenglein sorgte auch für mich, wie ich nach kurzer Zeit merken sollte,.

 

Der Musik habe ich bis heute die Treue gehalten. Meiner Vernarrtheit in fahrbare Untersätze auch, denn es dauerte keine Ewigkeit, kam Walter auf einem Mofa angerauscht. Für mich war es das Rauschen des Himmels.

Ich stieg in die motorisierte Welt ein. Aus einer Quelle Strassenbiene wurde nicht lange nach überschreiten der Mindestaltersgrenze eine Kreidler-Florett. Eine Kreidler-Florett war für uns Jungen damals etwa so hoch angesiedelt, wie das Kreuz des Südens am nächtlichen Himmelzelt für einsame Bergwanderer.

 

Den Erwerb des Führerscheins der Klasse vier setzte der Gesetzgeber aber voraus. Papa unterstützte mich. Damit durfte ich neben der Kreidler nun auch Trecker fahren. Auf Grund dieser Tatsache half unser Nachbarbauer Papas Zustimmung wohl so ein wenig auf die Sprünge, denn um seinen Traktor brauchte er sich in Zukunft nicht mehr zu kümmern. War das eine Wucht, mit dem Ungetüm von Trecker durch die Gegend zu gondeln. Für uns war es ein unbeschreibliches Vergnügen – für den Bauern eine gehörige Arbeitserleichterung.

Sich auf vier Rädern fortzubewegen, war nach kurzer Zeit für uns zur Normalität geworden – Alltag im Alltag. Aber wie stets in meinem Leben, drängte es mich auch jetzt wieder zu Höherem.

In der Nachbarschaft drehte seit längerer Zeit eine Knutschkugel ihre Runden.

 

 

Knutschkugel, was ist das denn – mag mancher verwundert fragen. Es war eine oder ein BMW-Isetta – ein Automobil (oder war es doch nur die Weiterentwicklung eines Motorrades mit Dach?) – zwar klein, aber fein. Wegen der äußeren runden Form, und wegen des geräumigen Innenraumes, der sich wunderbar für einsame Zweisamkeiten eignete, wurde es auch Knutschkugel genannt. Für fünfzig Mark hatte der Besitzer mir fahrverrücktem Narren das Gefährt überlassen. Bis ich altersmäßig die erforderliche Fahrerlaubnis erwerben konnte, ging noch eine Weile hin, aber ich war mit siebzehn schon Autobesitzer und den anderen Jungen wieder einmal um die berühmte Nasenlänge voraus.

 

Im Atomkraftwerk Hanau-Karlstein war Herr Zenglein nach dem Ende seiner Selbständigkeit in einer guten Position untergekommen. Eine Meisterstelle sicherte ihm seinen Lebensunterhalt. Er befand sich noch nicht in dem Alter, um sich auf seinem Rentenkissen ausruhen zu können. Und soviel Geld lag auch nicht auf der hohen Kante, um sich für den Rest seiner Tage zu pflegen. Also mußte er malochen, bis das die Schwarte krachte – genau wie wir es mußten, die er ausgebildet hatte.

Ich kann es beurteilen, denn ich konnte ihn jeden Tag beobachten. Dank seiner Fürsprache wurde die Reaktor Brennelemente Union – das Kürzel RBU ist wohl bekannter im Lande – auch mein Brötchengeber. Werkzeugmachen stand von da an zwar nicht mehr auf meinem Tageszettel – aber interessant war meine Tätigkeit nicht weniger. Die Qualitätskontrolle in der Brennelemente-Fertigung sah mich durch die Arbeitstage eilen. Klingt eigentlich ganz profan – Brennelemente-Fertigung. Ungefähr so, wie Briketts pressen oder Wachskerzen ziehen. Von dieser Art Arbeit war meine Tätigkeit aber ungefähr soweit entfernt, wie die Sonne von der Erde.

Bei uns füllte man tablettenförmige Uranteile – die ich vorher überprüfte – in Brennrohre, die anschließend verschweißt und zu großen Einheiten verbündelt wurden. Nach der Aktivierung dienten sie als Treibstoff für die Atomreaktoren, in denen so billig Strom erzeugt wurde und wird. Ich habe mich später häufig gefragt, zu welchem Preis das alles geschieht.

 

Natürlich waren wir radioaktiven Strahlen ausgesetzt – die Messgeräte zeigten es uns zu jeder Sekunde, weil wir sie ja am Leibe trugen.

Alle sieben Tage überprüfte ein Sicherheitsingenieur die Gesamtstrahlenmenge, der wir unter der Woche ausgesetzt waren.

So ganz „Ohne“ war meine neue Beschäftigung also nicht, denn grundlos zahlte die Gesellschaft mir jungem Hüpfer nicht 2 000.- DM netto. Damit konnte ich unter Gleichaltrigen schon ganz schön glänzen.

 

Den Schichtdienst im Werk nahm ich dafür gern in Kauf.

Bis mich der Hafer stach – der Hafer in Gestalt von Bernd. Mit Bernd drückte ich jahrelang gemeinsam die Schulbank. Wir waren eigentlich richtig befreundet – so dachte ich wenigstens. Ein Jahr gehörte ich nun zur RBU. Es war mein zweiter Sommer nach der Auslehre, und er war genauso südlich, wie mein erster Sommer in Deutschland – dreizehn Jahre zuvor.

Bernd hatte seine Arbeit geschmissen – die Sonnentage im Schwimmbad gaben ihm mehr. Auf jeden Fall seinen Augen – denn jungen, wohlgeformten Mädchenhintern schielten wir auch schon hinterher.

Uns wuchsen ja schon Haare auf der Brust, und anderswo am Körper.

Wenn Bernd mir in meiner wenigen freien Zeit von seinen Erlebnissen vorschwärmte – das meiste davon entsprang sicher seinem Wunschdenken – befielen mich richtige Verlustängste. Was verpasste ich nicht alles! Mein Jungmännerblut kribbelte, und ich stellte mir die heißesten Geschichten vor.

Ich kündigte bei der RBU.

Kurzentschlossen.

Unser Personalchef fiel aus allen Wolken. Er vermutete als Grund die Heimkehr in die Türkei – oder erwartete sonst eine schwerwiegende Begründung für mein Handeln.

Dass ich mit meiner Entscheidung bei mir selbst nicht einmal auf der sicheren Seite stand, zeigte sich dadurch, daß ich mir irgendeine bescheuerte Begründung einfallen ließ. Ich konnte ihm einfach nicht sagen, daß mich die Sünde lockte – das ich mich für doof hielt, bei RBU zu schuften. Wenn ich ihm das gesagt hätte – er hätte garantiert festgestellt, daß ich tatsächlich so doof war. Nur, seine Begründung dafür, die hätte garantiert anders gelautet, als die meine.

Während ich mir in den Katakomben Strahlen einfing, fing mein Freund Bernd im Strandbad die hübschesten Käfer ein.

 

 

 

 

Abgenommen hat der gescheite Herr Reis mir meine fadenscheinigen Argumente mit Sicherheit nicht, sonst hätte er mich bestimmt nicht so lange bekniet, meine Kündigung zurückzunehmen. Sogar eine Urlaubs-bedenkzeit bot er mir an – aber ich Torfkopp lehnte stur ab. Heute bin ich überzeugt, die Esel in der Türkei waren in ihrem Denken damals klüger.

Sein großes Bedauern über meine Entscheidung, und alle guten Wünsche, gab er mir mit auf den Weg – eingepackt in den Schlusssatz – bei der RBU werden sie nie wieder anfangen können.

Es war ein Prinzip der Firmenleitung.

Herr Reis war ein Personalchef der Sonderklasse – ich habe bis heute keinen ähnlichen kennen gelernt.

Das war mein erster Ausflug in die Arbeitslosigkeit. Gott sei Dank blieb es bei einem Kurztrip – denn ich merkte schnell, daß die Jagdbeute im Strandbad gar nicht so fett war, wie Bernd es in seinen Kreuzmalereien dargestellt hatte. Und meine Ersparnisse bekamen auch ganz schnell die Schwindsucht.

 

Folge 5

 

 Ich bereute zutiefst meine vorschnelle und unüberlegte Entscheidung, und bei den Strahlenproduzenten von der RBU in den Sack gehauen zu haben, aber – die Sache war nicht wieder rückgängig zu machen. Ebenso wenig wie nach einer gewissen Prozedur ein kleiner Judenjunge nie wieder zu einem Nichtjudenjungen werden kann.

Wieder war es unser Schuttplatzspezialist – Pfadfinder Hans-Werner – der für mich den nächsten Glücksfund machte. Auch er war nicht mehr in der Firma, die nach seiner Lehrzeit seine Fähigkeiten benötigt hatte. Nur war er nicht wegen seines kribbelnden Jünglingsblutes von da fort – wie ich balzender Hahn. Er bekam bei seinem neuen Arbeitgeber einfach mehr Lohn – die Maschinenbaufirma Hein zahlte ein verlockend besseres Entgeld. Hydraulische und pneumatische Maschinen waren auf der Werteskala des Marktes höher angesiedelt.

Wie er es denn fertig brachte, weiß ich nicht – auf jeden Fall arrangierte er für mich ein Stelldichein mit seinem neuen Chef persönlich.

 

Der gute Ruf der Firma Zenglein wehte wieder einmal wie ein gutes Omen vor mir her. Als ich das Büro des Chefs nach einer kurzen Unterhaltung wieder verließ, gehörte ich schon zur Mitarbeiterschar von Hein’s Maschinen- und Anlagenbau.

So einfach war es zu dieser Zeit – wenn man an einem Tag in einer Firma „in den Sack“ haute, konnte man in den meisten Fällen schon am vorhergehenden Tag wieder anderswo anfangen.

Gegenüber dem heutigen Stellenmarkt war es schon so ein klein wenig wie der Hauch eines Arbeiterparadieses.

Zweimal dreihundertfünfundsechzig Tage sah mich die Zeit bei ihrem Hasten durch dieselbe an der Werkbank bei Hein stehen, dann trieb es mich unaufhaltsam weiter.

Ich begann meinen Vater zu verstehen – ich begann zu begreifen, warum er in der Türkei seine gesicherte Existenz aufgegeben hatte. Der Drang nach Neuem trieb ihn – genau wie mich jetzt. Mein nächstes Abenteuer hatte mit dem kaufmännischen Leben zu tun, und hieß Außendienst.

 

Dem Fahrbachweg in Aschaffenburg hatte ich den Rücken gekehrt – irgendjemand hatte irgendetwas verloren, das fühlte ich. Entweder der Fahrbachweg mich – oder ich den Fahrbachweg. Irgendwann fand ich des Rätsels Lösung, und wußte, daß ich der Verlierer war. Der Grund für meinen Wohnortwechsel war weiblicher Natur – ein Mädchen, oder besser gesagt eine Frau. Allah hatte Amor meinen Weg kreuzen lassen. Der, wohl allen Menschen bekannte Engel mit dem Bogen, hatte einen Pfeil auf mich abgeschossen – und natürlich voll ins Schwarze getroffen.

 

 Meine erste große Liebe schwebte wie eine rosarote Wolke um mich herum, und füllte unsere gemeinsame Wohnung in der Innenstadt von Aschaffenburg mit Bergen von Glück. Dass die Verheißung fünf Jahre älter als ich, und vorher schon einmal verheiratet war, war für mich völlig belanglos. Ein Baby hatte sie durch das Leiden in der beendeten Beziehung verloren – meine Liebe und Zuneigung halfen ihr, die Wunden sich schließen zu lassen.

Im Umfeld meiner neuen Bleibe lernte ich nach kurzer Zeit einen Menschen kennen, der abrupt die Zielrichtung meiner Lebensplanung änderte. Vielleicht war der feine Nadelstreifenanzug mit dem kornblumenblauen Hemd und der Seidenkrawatte die Weiche, die mich auf eine andere Schiene leitete. Peter hieß er, und war plötzlich unser Nachbar im gleichen Wohnblock.

Der Rest seiner Familie – das heißt, seine Frau und die Kinder – wohnte schon länger in der Wohnung neben unserem Liebesnest. Jahrelang galt seine Frau bei den Mitbewohnern als bemitleidenswerte alleinstehende Mutter mit fünf Kindern. Diese Mitleidseinstellung der Leute änderte sich schlagartig, als Peter als Vater aus der Versenkung wieder auftauchte. Peter hatte für sechs Jahre die gesiebte Luft hinter schwedischen Gardinen genossen. Wie er mir später erzählte, war er der Kopf einer ziemlich großen Einbrecherbande gewesen. Stolz zeigte er mir Zeitungsausschnitte mit Berichten über seine „Karriere“. Die Bilanz seines zwielichtigen Geschäftes belief sich auf geschätzt über zwei Millionen D-Mark. Wahrhaftig schon der Umsatz eines kleinen Imperiums. Nichts fehlte auf der Palette des gestohlenen Gutes – von Teppichen über Büromaschinen und elektronischen Geräten bis hin zu Textilien neben Lebens- und Genussmitteln. Die sechs Jahre Knast hatten ihn aber beileibe nicht geläutert – er trauerte nur um die verlorene Zeit.

In meiner Phase als Bierauslieferer traf ich auf Peter. Die süffigen Produkte von Martins Brauerei brachte ich von morgens bis abends unter die Trinker im Lande. Die Angestellten der Gerstensafterzeuger wurden damals noch großzügig behandelt. Zwei Kästen Haustrunk bekamen wir die Woche – ganz schön honorig, und immer die Gefahr in sich bergend, aus den Mitarbeitern Säufer zu machen. Damit ich erst gar nicht in Versuchung kam, veranstaltete ich mit meinen Freimengen kurzerhand wöchentliche Partys. Wodurch mein Taschengeld in ganz schön runde Summen gekleidet wurde. Alle, die einmal probiert hatten, waren versessen auf den billigen Rausch bei mir.

 

 

 

Nachbar Peter lud meine Freundin und mich eines Abends zum Essen ein. Die fünffachen Eltern hatten gehörig eingekauft (auf welche Art das „Einkaufen“ erfolgt war, habe ich mich an dem Tage nicht gefragt – obwohl es ja eigentlich hätte nahe liegen müssen) – vor allem Gerichte aus meiner schon fast vergessenen Heimat. Menschenskinder – wie fühlte ich mich von meinem Nachbarn Peter gebauchpinselt – von so einem weltläufigen Deutschen so glänzend hofiert zu werden! Was tischten die beiden nicht alles für uns auf! Knoblauchwurst, Schafskäse, gefüllte Weinblätter, Oliven, eingelegte Paprikaschoten, original türkisches Fladenbrot und, und, und …! Das Angebot nahm gar kein Ende. Auf die Idee, mich zu fragen, warum der Knastbruder Peter um mich einen solchen Aufwand betrieb – auch dazu kam ich nicht einmal ansatzweise. Irgendwie war ich verblendet – im Stillen, so zu mir selber, sage ich im nach hinein auch wohl, ich war ziemlich blöd. Aber das bitte ich jetzt, nicht weiterzusagen.

Das alles gab es natürlich nicht trocken serviert – türkischer Wein und Raki sorgten in ausreichender Menge dafür, daß uns die mehr als reichhaltigen Speisen nicht im Halse stecken blieben. Peter war nicht bloß ein ausgebuffter Knastologe – Peter war auch ein ausgewachsener Alkoholiker. Und das bestimmt nicht erst seit gestern.

Für mich als „Greenhorn“, das auf jede Streichelbewegung der Menschen in seiner neuen Heimat versessen war, wirkte das Tun Peters überwältigend „cool“ wie man heute wohl amerikanisiert sagt.

Kaum aus dem Gefängnis in die Freiheit entlassen, residierte er schon wieder in einem angemieteten Büro – mit auf Pump gekauften Möbeln – als selbständiger Unternehmer. Seine Idee war für die Zeit, in der die Zeit sich bewegte, einfach genial. In seinem Denken war er der Entwicklung um einiges voraus. Eine, durch Werbung finanzierte, kostenlose Zeitung wollte er herausbringen. Ähnlich den heutigen Stadtteilzeitungen. Die Voraussetzung für die Umsetzung solcher Pläne, war aber damals wie heute einiges Kapital. Auf einen einfachen Nenner gebracht, lautete die Frage: Woher nehmen, wenn wir es schon nicht selber drucken konnten? Wie bewunderte ich Riesenroß meinen neuen Freund ob seiner „genialen“ Einfälle! Er suchte – und fand – durch Zeitungsanzeigen stille Teilhaber mit überschüssigem Moos in der Tasche und der Gier nach mehr Geld im Kopfe.

 

Geblendet von seinem makellosen Auftreten, und angetörnt von seinen gewinnverheißenden Versprechungen, stiegen sie in die neugegründete Firma als Teilhaber ein. Natürlich mit notariell beglaubigten Verträgen. Die aber das Papier nicht wert waren, auf dem die Texte geschrieben standen.

Volle Auftragsbücher für seine angedachte Zeitung lagen auch schon auf dem Bürotisch. Seine Außendiensterfahrung als „Drücker“ und späterhin als Kolonnenführer einer solchen Zeitungsverkäufertruppe kamen ihm dabei zugute.

Zugute kamen ihm denn auch die stattlichen Geldsummen, die werbewillige Kunden vorab bezahlten. Sie kamen seiner Erholungsbedürftigkeit und seinem Geltungsbedürfnis sehr gelegen. Einfach ausgedrückt – er machte sich davon ein feines Leben.

Eine Vorzeigetour nach Ost-Berlin stand als erstes auf dem Programm. In Ostberlin wohnte seine Schwester – man mußte den unterentwickelten SBZ-lern doch den Glanz der Westzonen vor Augen führen – ihnen die Erfolge eines Republikflüchtlings demonstrieren. Peter stammte nämlich aus der „DDR“ – seine Mutter hatte mit ihm über das österreichische Wien Jahre zuvor in den Westen „davon gemacht“ – wie es die Menschen jenseits der Mauer salopp ausdrückten. Seine Mutter hatte familiäre Bindungen in die Wiener Kaffeehausgesellschaft. Peters sprichwörtlicher „Wiäner Schmää“ kam wohl aus dieser genetischen Erbabteilung. So ein wenig verband uns also unsere persönliche Geschichte – Peter und mich. Nur die Gründe waren verschiedenfarbig. Peter folgte seiner Mutter, die vor einem menschenverachtenden System Reißaus genommen hatte – ich mußte meinem Vater in das Land seiner Träume folgen. Der Zielort an dem wir irgendwann ankamen und aufeinandertrafen, war der gleiche – nämlich Aschaffenburg.

Als Chef des neugegründeten Verlagshauses, und als Herausgeber einer Zeitung, die noch gar nicht existierte, machte Peter erst einmal für ein paar Wochen Urlaub. Er wollte reell den Mief des Knastes ablegen – wie er sich ausdrückte. Nach seiner frischgedufteten Rückkehr an den Ort seiner Aktivitäten konnte er auch gleich die Erfolge seiner Kampagne betrachten. Der Kreis der Geldgeber lag flach am Boden. Ruiniert und am Ende. Statt des erhofften Geldsegens aus dem Hintern des Goldesels – den sie in froher Erwartung gefüttert hatten – war ihr Kapital in einem Faß ohne Boden verschwunden. Wie wenn man der Wüste Gobi mit dem Inhalt einer Kleingartengießkanne zu Leibe rückt, in der Hoffnung auf ein grünes Paradies.

Einige der geldgeilen Investoren waren schlicht und ergreifend pleite – sie waren einem Betrüger aufgesessen. Eben Peter. Auf seiner Fahne stand zwar „Robin Hood“ – doch die Idee dieses Raubritters vergangener Tage – den Reichen zu nehmen, den Armen zu geben – hatte er auf seine eigene Art umgedeutet. Reiche gab es viele im Lande – mit ihm als einzigen Armen.

Wie es trügerische Wohlgerüche nun einmal so an sich haben – Peter verduftete ganz schnell. Er verschwand von der Bildfläche seines Wirkens. Wer lebt schon gern zwischen Ruinen. Das ging so schnell, daß selbst ich nicht sehen konnte, in welche Richtung er sich verflüchtigt hatte.

 

Teil 7

 

Wie der Zufall – oder das Schicksal – es fügte, traf ich Peter eines Tages in einem Kaufhaus wieder. Als wenn die Zeit dazwischen gar nicht über uns hinweggezogen war, nahm er mich sofort mit in sein neues Heim. Der Raubritter hatte eine neue Burg gefunden – in einem pleite gegangenen Bäckereibetrieb residierte er jetzt mit seiner Familie. Im Verkaufsraum, der den vorderen Teil der Residenz ausmachte, präsentierte er Bilder, durch die großen Schaufenster gut zu betrachten. Bilder, die unter den Händen seiner Frau entstanden – Hinterglasmalerei. Den künstlerischen Wert konnte ich nicht beurteilen – er entsprach nicht meiner Kultur. Aber Peters Wesen hielt mich immer noch gefangen. In regelmäßigen Abständen zog es mich zu ihm hin. Er hatte mir einen Floh ins Ohr gesetzt – hatte mir eine Frage gestellt, deren Beantwortung mich schon nicht mehr schlafen ließ. Der Verkauf – das an den Mann bringen dieser Objekte.

Ich wäre nicht meiner Großmutter Enkel, hätte ich nicht die Lösung gefunden. Eine Handelsgesellschaft für den Im- und Export von Waren. Peter war begeistert von meiner Idee – und mir schmeichelte seine Begeisterung. Sie schmeichelte mir halbgewachsenen Türkenjungen so sehr, das ich nicht bemerkte, wie luftig und bodenlos sie war. Peter suchte neues Geld – und ich Hammelkopf investierte meine Ersparnisse – 5 000 Mark lagen bei mir auf der hohen Kante. Ich gab nicht nur meinen Profit aus den Freibiergeschäften hin, nein – ich nahm auch noch einen Kredit über die gleiche Summe auf. Das waren zehntausend harte, blitzende, klingende Münzen, von denen ich bis heute nicht eine wiedergesehen habe.

Seine Begeisterung über meine Pläne, billige westliche Produkte mit Profit in der Türkei zu verkaufen, das gleiche mit preiswerten türkischen Erzeugnissen dann in Deutschland zu machen, sorgte wohl für meine Blindheit – machte meinen ansonsten nüchternen Verstand regelrecht besoffen. Plötzlich waren wir Geschäftspartner. Ich war der nichtsahnende, freudestrahlende Nachfolger seiner anderen Opfer. Bevor ich mir aber dessen bewußt wurde, mußte noch einiges Donauwasser den Weg zum Schwarzen Meer nehmen. Wir nahmen jedenfalls gleich darauf die Umsetzung meiner Idee in Angriff. Als erstes mußte ein Gewerbeschein her. Bei Peter gab es da so einige unüberwindliche Hürden, die verhinderten, daß er an so ein Papierchen gelangte. Für mich war es leicht. Auf dem zuständigen Amt ein paar Fragen, ein paar Stempel, ein paar Mark an Gebühren – und ich war frischgebackener Chef einer Im- und Exportfirma.

In Goldbach – ich empfand den Namen als eine Verheißung – residierte ein Jeanshersteller. Wir kauften gleich am nächsten Tag soviel Jeanshosen, wie wir im Kofferraum meines Opel-Rekords verstauen konnten – und dann ab – nein, nicht nach Kassel, sondern in die Türkei, um dort die Baumwollpflückerhosen zu versilbern. Ein Kasten Heyland-Bier und drei Nullsiebenliter Flaschen Jägermeister leisteten den Exporthosen in der Dunkelheit der Gepäckabteilung Gesellschaft, aber nur für die ersten zwanzig Stunden der Reise.

So lange dauerte es nämlich, bis wir in Bulgarien waren, und mehr Zeit benötigte mein Freund auch nicht, um unseren gesamten Alkoholvorrat durch seine Kehle fließen zu lassen.

In Bulgarien bunkerte ich für den Kampftrinker Peter erstmal wieder neue Munition. Sonst wäre er mir bis zum Ziel unserer Reise ausgetrocknet, und hätte an den Grenzkontrollen vor lauter Zittern seinen Paß nicht in den Händen halten können. Gottseidank dauerte es nach der letzten Kontrolle an der türkischen Grenze nur noch knapp eine halbe Stunde bis zu einem mir bekannten Lokal in Edirne.

Edirne – diese wunderschöne, grenznahe Stadt empfing uns Weltenbummler mit offenen Armen, und ihrer echt türkischen Seele. So ein bißchen erschien sie mir wie ein Zuhause, das den verlorenen geglaubten Sohn mit Freuden empfängt. Ich hatte mich schon seit Stunden auf die leckere Kuttelsuppe gefreut, die es in der Gaststätte gab. Meinem Beifahrer war augenscheinlich der Raki wichtiger und willkommener.

Bevor wir weiterfuhren, tankte ich die Schnapsreserven nach, denn bis Izmir war noch ein langer Weg. Freund Peter verbrauchte nämlich mehr Alkohol auf hundert Kilometer, als mein Opel an Benzin benötigte. Izmir stand in weiter Ferne am Horizont geschrieben – ich konnte es siebenhundert Kilometer weit leuchten sehen, denn soweit war es noch bis dahin. Eceabat, Keschan, Gelibolu, Cannakale, Edremit hießen die Meilensteine an diesem langen Weg, an dessen Ende wir endlich Izmir greifen konnten. 3 000 Kilometer lagen hinter uns – 3 000 Kilometer Strasse, die meinen Opel mehr ermüdet hatten als mich. Ich war so frisch wie bei unserer Abreise in Aschaffenburg.

Izmir – mein vertrautes Izmir gab mir eine innige, wohlige Heimatwärme, die mich irgendwo ein wenig traurig stimmte. Das letzte Stück Weg bis zu dem Haus, in dem ich meinen ersten Schrei getan hatte, konnte ich gar nicht schnell genug hinter mich bringen. Die Freude, meine Eltern und Geschwister wiederzusehen, ließ meinen Körper zittern, wie die türkische Erde bei einem Beben. Meine Eltern waren nämlich anfangs der achtziger Jahre wieder in die Türkei gewechselt – vor allem meine Mutter war dem gesellschaftlichen Klima in Deutschland nicht mehr gewachsen gewesen. Bei jedem neuen Anschlag rechtsgerichteter Fuzzis starb sie bald vor Angst um ihre Familie. Väter bestimmen in türkischen Familien zwar die Richtung, dies geschieht in bestimmten Dingen aber selten gegen den Willen ihrer Frauen. In westlichen Vorurteilen wird es meist anders dargestellt. Für mich ist das auch ein Minus bei der Völkerverständigung. Mich hatten meine Eltern schweren Herzens in Deutschland zurückgelassen – sie hatten meine eigene Entscheidung akzeptiert, obwohl mein Vater einen schweren Gang gehen mußte. Er hatte nach alter Tradition in der Heimat schon eine Braut für mich ausgesucht, und ich denke, daß meine Entscheidung für ihn ein Stück Ehrverlust bedeutete. Wichtiger als seine eigene Ehre war ihm aber die Ehre des jungen Mädchens, mit dem ich in Deutschland verlobt war. Wie schwer es für ihn gewesen sein muß, habe ich erst viel später so richtig begriffen. Danke, Papa.

Vor meinem Geburtshaus – das ja nun wieder mein Elternhaus war – erwartete uns mein Vater mit soviel Glück in den Augen, wie ich es bei ihm nie zuvor gesehen hatte. Er hatte sich genau ausgerechnet, wann wir ankommen würden – war praktisch jeden Kilometer auf der Landkarte in Gedanken mit uns gefahren. Er kannte die Strecke von seinen vielen eigenen Fahrten ja aus dem Effeff. Den Moment des Wiedersehens, und den Dank an Allah, daß seinem Sohn auf der langen Reise nichts passiert war, wollte er wohl alleine hinter sich bringen, denn meine Mutter und meine Schwester kamen erst eine Weile nach ihm aus dem Haus. Ihre Wiedersehensfreude war deswegen aber nicht weniger herzlich. Ein guter Tee und schmackhaftes Essen warteten schon auf uns, über das wir sogleich wie hungrige Wölfe herfielen. Mein Vater machte sich währenddessen ans auspacken. Für mich bedeutete es eine völlig neue Erfahrung – meinen Vater für mich das Gepäck tragen zu sehen. Wie groß muß seine Freude gewesen sein, mich wieder bei sich zu haben – und sei es auch nur für eine kurze Zeit. Abends saßen auch meine jüngeren Brüder mit im Kreise – es wurde eine lange Nacht, in der wir uns wohl mehrmals von Pontius nach Pilatus und wieder zurück redeten. Peter hatte sich gleich den türkischen Cognac zum Freund gemacht – Jägermeister war in der Türkei noch unbekannt. Unmengen Tuborg Beer schickte Peter dem Cognac hinterher, damit der sich in seinem Inneren nicht so alleine fühlte. Das gute Frühstück, das meine Mutter am nächsten Morgen für uns zubereitete, ebnete den Weg in den neuen Tag. Peter hat mir später am Tage anvertraut, so gut habe er noch nie gefrühstückt. Stadtkennenlernen stand auf dem Programm – nein, nicht für mich – ich kannte Izmir ja wie meine Westentasche. Meinem Freund Peter mußte ich die Stadt nahe bringen. Der orientalische Bazar, mit seinen Bildern und Gerüchen wie aus Tausendundeiner Nacht, war unsere erste Station. Für Peter schien ein Märchen wahr zu werden – er hatte mein Berichten davon immer so ein wenig für Kindheitsträumereien gehalten – für eine Fata Morgana in der kulturellen Öde des Abendlandes.

40 Grad oberhalb des Gefrierpunktes zeigte der Wärmemesser an – 40 Grad im Schatten! Peters Körperflüssigkeit sauste durch seine weitgeöffneten Poren mit Lichtgeschwindigkeit in die türkische Sommerluft. Beide Hände benötigte er, um den Flüssigkeitsspiegel im Innern auszugleichen.

Nach dem ersten Rundgang über den Bazar flüchteten wir in den nächstbesten Teegarten. Die türkischen Teegärten kann man mit den deutschen Biergärten vergleichen – wenn ein Vergleich überhaupt möglich ist. Der Tee war für mich ein Labsal – das kühle Tuborg-Bier für Peter der Himmel auf Erden. Die Massen, die er verkonsumierte, müssen irgendwo zwischen seinen Lippen und seinem Magen verdunstet sein. Die Mengen Alkohol hätten ihm bei der Hitze eigentlich die Beine wegreißen müssen. Ausgebildete Kampftrinker können tatsächlich eine Menge vertragen. DAS war für mich eine neue Erkenntnis. Wenn bei meinem Freund Peter irgendwann mal eine Blutübertragung nötig wäre – eine Blutbank könnte da dann wohl nicht helfen – eine Schnapsbrennerei wäre wohl eher die richtige Quelle.

Nachdem wir unseren Körperzellen genügend Feuchte zugeführt hatten, starteten wir zur nächsten Runde. Wir klapperten den Bazar nach Exportartikeln ab, in deren Erwerb wir den erhofften Hosenerlös fließen lassen wollten.

Die Kupferbilder, die kupfernen Geschirre – der ganze bunte Krimskrams war so verführerisch billig – unser Warenlager für den Verkauf in Deutschland war in kurzer Zeit gefüllt.

Der Jeanshosenverkauf mußte jetzt nur noch unsere Kasse wieder auffüllen. Mein Optimismus und meine Euphorie hatten mich die Reihenfolge des Handels verwechseln lassen. Nicht eine einzige Hose brachten wir an irgendeinen Männer- bzw. Frauenhintern. Notgedrungen entwickelten wir uns zu Selbstversorgern in punkto Beinkleider. Hosen brauchten wir für die nächsten zehn Jahre nicht mehr zu kaufen. Wir hatten überreichlich davon auf Lager – wir, oder meine Familie und ich zumindest, zogen sie tapfer an. Auch wenn die Größe und Passform nicht immer meinen Maßen entsprach.

Der Sorge, irgendwann mal mit nacktem Achtersteven durch die Weltgeschichte laufen zu müssen, waren wir also für einen längeren Zeitraum enthoben. Meine Familie marschierte in Einheitsjeans gekleidet durch die Zeit.

Bevor diese Erfahrung uns begleitete, begleiteten uns mehrere Kilogramm Lammfleisch, eine große Kiste Tomaten, frisch gebackenes Weißbrot, und was man sonst noch alles für ein zünftiges Grillfest nötig hat, zu einer wunderschönen Badebucht in Altinkum.

Peter wähnte sich in eine Außenstelle des Paradieses versetzt. Zumal sich sein Kontakt mit dem klaren Wasser auf äußerlich beschränkte. Seine inneren Werte konnte er in reichlich dänischem Bier baden – ich hatte im Umkreis alle erreichbaren Tuborg Vorräte für ihn aufgekauft.

Dem türkischen Weinbrand ging er nach einiger negativer Anfangserfahrung vorsorglich tagsüber aus dem Weg – dem war er in der Hitze des Tages trotz seiner knüppelharten Kampftrinkerausbildung nicht gewachsen. Des Abends zog er dafür mit den hochprozentigen Kostbarkeiten umso ausgiebiger ins Gefecht.

Die folgenden sonnenreichen Tage sahen uns auf Besuchstour quer durch die Familie meines Vaters. Großeltern, Onkels und Tanten – keinen Verwandten ließen wir aus – ein solches Tun hätte man mir auch übel angekreidet.

Übel angekreidet hatte es mir allerdings meine Figur. Durch das supergute Essen, mit dem wir überall verwöhnt wurden, nahm ich allmählich die Form einer prall gefüllten Leberwurst an.

Obwohl ich meine ganze große Familie zum fressen gern habe, war ich doch heilfroh, als wir die Reihe der väterlichen Verwandtschaft hinter uns hatten.

Mit körperlichem Übergewicht beladen, aber innerlich befreit, machten wir uns nach ein paar Tagen vergeblicher Hosenverkaufsversuche auf die Socken ins Dorf Sultanhisar im Bezirk Aydin. Etwa 200 Kilometer von Izmir entfernt.

Die mütterlichen Verwandten erwarteten uns. Meiner Großmutters Orangenplantage lockte mich. Die Erinnerung an die Oliven- und Mandelbäume meiner Kinderzeit ließ mich nicht mehr ruhig schlafen. Der Geschmack der goldenen Trauben in Omas Weingarten weckte in mir die süßesten Empfindungen. Während der Besuche bei der Großmutter in unseren Deutschlandjahren war ich ja schon ein erwachender Triebling.

Keine Angst – ich plaudere nicht aus der Schule.

Dem einfachen Dorfleben gehörte immer schon meine Liebe – na ja – nicht nur dem einfachen Dorfleben, sondern in gewissem Maße auch den schönen, die in dem einsamen Dorf lebten. Meiner in Deutschland erworbenen Einstellung zum schönen Geschlecht musste ich während dieser Tage und Wochen notgedrungen in ein ehernes Korsett zwängen.

Auf jeden Fall – meine Oma war rein aus dem Häuschen – so ein bißchen war ich nämlich immer schon ihr erklärter Liebling gewesen.

Leider hatte sie meinen Liebling – ihren Esel – verkauft.

Aber Betrübnis in meinen Augen ließ Großmutter gar nicht erst aufkommen, als sie meinen Wunsch nach einem Eselsritt vernahm. Es dauerte keine fünf Minuten, und sie hatte beim Nachbarn einen Esel losgeeist. Losgeeist – gut gesagt, in der Hitze des türkischen Sommers.

Obwohl ich selbst gerne Reiter gespielt hätte – türkische Gastfreundschaft ist auch mein Lebensgebot – und so stand Freund Peter der Ritt auf dem Langohr zu.

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Dieses Gebot bescherte uns allen einen nicht enden wollenden Lachanfall.

Der Esel konnte mit seinem Einmeterzwanzig Stockmaß ungehindert durch Peters lange Beine laufen. Selbst wenn Peter sich gesetzt hätte – der kleine Esel hätte ihn mit Leichtigkeit getragen. Peter war zwar ein Lulatsch von etwas über zwei Meter Größe – aber er war keineswegs zwei Meter schwer.

Sein ständiger Kampf mit den Prozenten hatte ihn zu einer Bohnenstange werden lassen. Man mußte zweimal aufmerksam hinschauen, um ihn einmal zu sehen.

Wir machten uns auf zur Plantage – der Scheinreiter Peter und ich. Der Weg dahin war schon beschwerlich und lang, aber die Größe der Plantage zeichnete Erschrecken in Peters Gesichtszüge – Erschrecken über die vielen Schritte, die vor uns lagen, wenn wir alles sehen wollten.

Gemildert wurden seine Qualgedanken durch den Anblick der Zitrusfrüchte, die an den Bäumen hingen. Die Erntezeit war längst vorüber, aber Großmutter ließ für uns Familienbesucher immer Apfelsinen, Mandarinen, Zitronen und Limetten zum selber pflücken, über die Erntezeit hinaus, hängen.

Auch wenn keine Prozente den Geschmack abrundeten – Peter tat es mir nach, und langte kräftig zu. Es hat ihm sichtlich geschmeckt – und nüchtern blieb er auch.

Dieser Tag ist als einer der schönsten Tage meiner Türkeiaufenthalte in meiner Erinnerung lebendig geblieben.

Zum abendlichen Abschluss hat Peter dann einen ganzen Teegarten trocken getrunken – und nicht nur die Tuborg Vorräte – nein, sogar das türkische Efes- und Tekel-Bier mußte dran glauben.

Der Nachmittag auf der weitläufigen Plantage hatte ihm doch sehr zugesetzt – seine Knochen klöterten förmlich in der Pelle. Bei jedem seiner Schritte flogen, aufgeschreckt durch das ungewohnte Geräusch, die Vögel aus den Bäumen am Wegesrand.

Der Teegarten in der Nachbarschaft meines Elternhauses brachte ihm endlich die Erlösung – er konnte seine ausgetrockneten Körperzellen wieder auffüllen. Das tat er dann auch temperamentvoll.

Ich hab’ bis dahin nicht gewußt, daß in eine Bohnenstange soviel Bier hineinpaßt.

In den nächsten Tagen schonte ich Peters Kraftreserven – mit dem Auto erkundeten wir die umliegenden Ortschaften.

In Denizli brachten die weißen Sintersteine meinen Freund erneut aus der Fassung. So riesige Berge aus schneeweißem Wattestein gingen über seinen Horizont. Den Ursprung erklärte ich ihm auf unserer Wanderung durch diese Zauberwelt. Es sind die Kalkrückstände des heißen Wassers, das durch die vulkanischen Spalten aus dem Berg austritt.

Nach vier Wochen – länger konnten wir unsere „Geschäftsreise“ nicht ausdehnen – traten wir schweren Herzens die Heimreise an. Es war ja nun schon meine -zigte Reise zwischen dem Morgen- und dem Abendland – aber es bedeutete für mich immer wieder ein neues Abenteuer.

In diesem Falle noch ein besonderes – die Alkoholika für meinen Freund hatten mich mehr Geld gekostet, wie alles andere Lebensnotwendige zusammen genommen.

Mit der Ware, die wir in der Türkei, in der Hoffnung auf großen Gewinn, als „Importartikel“ erstanden hatten, haben wir daheim mehr oder weniger die Regale in unseren „Geschäftsräumen“ geschmückt. Irgendwie war alles nicht so gut gelaufen. Man kann auch sagen: Es war ein riesiger Flop mit schönen bunten Bändern.

Neue Aktivitäten standen an – der bevorstehende Winter mit der Adventszeit- und dem ihr folgenden Weihnachtsfest, ließ uns zu künstlichen Kränzen, ebensolchen Tannenbäumchen und Christbaumschmuck greifen.

Nicht für unseren eigenen Bedarf – nein, Handel wollten wir damit treiben. Groß angelegt und lukrativ sollte die Geschichte natürlich auch sein. Ruckzuck hatten wir uns mit entsprechender Ware eingedeckt – und hofften auf die anrollende Welle kauflustiger Menschen. Leider war es uns auch dieses mal nicht vergönnt, uns in blanken Talern zu tummeln – es wurde wieder einmal ein Bad in unseren Ladenhütern, als die sich unsere Geschenkartikel leider neuerlich entpuppten.

Woran lag es nur, dass wir mit unseren grandiosen Geschäftsideen ständig auf dem Bauch landeten? Waren unsere Flügel nicht kräftig genug – oder flatterten wir einfach in zu dünner Luft herum? Oder hatten wir einfach keine Ahnung vom Fliegen? Es war wohl von allem etwas.

Wir schlitterten mehr schlecht als recht durch die kalte Jahreszeit – mit schmaler Kost und wenig Kohle.

Statt Fett anzusetzen, bekam mein Kapital die Schwindsucht. Die Hustenanfälle meiner Geldbörse zerrissen mir häufig die Brieftasche.

Der nahende Frühling, mit den sprießenden Knospen in der Natur, erweckte auch meine Ideenschmiede zu neuem Leben.

Kleintransporte und Umzüge müßte man machen – dafür war doch garantiert ein Markt vorhanden. Der Teufel müßte doch zwei Klumpfüße haben, wenn wir damit nicht eine Lücke entdeckt hatten.

Die Anschaffungen für die Geschäftsgründung hielten sich in Grenzen. Büromöbel besaßen wir – Kleinlaster als Transportfahrzeug konnte man sich an jeder Ecke gegen geringe Gebühr mieten – DAS mußte doch gewinnbringend einschlagen. Wenn die Einschläge groß genug waren, würden wir uns einen eigenen Fuhrpark zulegen. Wir brauchten aber nicht einmal nach der Adresse einer Autovermietung suchen – nicht ein einziger Auftrag fand den Weg in unser Kontor. Es lag wohl mit daran, daß wir keine Hinweisschilder aufgestellt hatten – oder ganz einfach daran, daß der Teufel tatsächlich zwei Klumpfüße besaß.

Ich erkannte es nicht – wahrscheinlich aus einer Mischung aus Vertrauensseligkeit und zuwenig Lebenserfahrung heraus. Der zweite Klumpfuß des Teufels stand nämlich unter dem Schreibtisch in unserem Büro. Es war die Kiste mit leeren Schnapsflaschen, deren hochprozentiger Inhalt sich zwischen den Knochen meines Freundes Peter tummelte, und sich da sichtlich wohlfühlte.

Statt Werbung für unser junges Unternehmen zu machen, fühlte er lieber der Schnapsreklame der Spirituosenhersteller auf den Zahn. Im Sessel hinter dem Schreibtisch konnte er in aller Ruhe den Wahrheitsgehalt der Alkoholikawerbung testen.

In der Produktauswahl war er unparteisch und uner-bittlich – er ließ keine Marke aus. Seine Palette reichte von Edelbränden bis zum Kellertreppenkorn der Marke „Schuhauszieher“.

Wenn Peter im Arbeitsverhältnis gestanden hätte – sein täglicher Stundenzettel wäre vor lauter Überstunden aus den Nähten geplatzt.

Meine erste große Liebe war mit unseren Wild-wasserfahrten auch den Bach runter gegangen. Heute verstehe ich mein Mädchen – und würde sicherlich manches anders angehen.

Unsere finanzielle Grundlage war äußerst schwach geworden – sie schrie förmlich nach frischem Geld.

Peter war auf seiner Suche nach neuen Quellen der Verdienstmöglichkeiten fündig geworden. Was sich dabei in seinem Netz verfangen hatte präsentierte er mir als goldene Zukunft – als Ei des Kolumbus sozusagen. Für ihn kam das, was er da gefangen hatte, aus Altersgründen leider nicht mehr in Frage.

Erfolgreicher Außendienstmitarbeiter wäre er in seinen jüngeren Jahren lange genug gewesen – meinte er.

Nun eröffnete sich mir die Möglichkeit, bis in die Unendlichkeit auf leichte Art Pinunsen zu scheffeln. Peter hatte mir mein „Clondike“ – mein Goldader gezeigt. Ich brauchte nur zu schürfen. Ich fühlte mich plötzlich in die Zeit der Wildwestromanhelden meiner Jugendjahre versetzt – ich fühlte mich als Goldgräber. Die verlockende Aussicht auf schnellen Reichtum hinderte mich wieder einmal am klaren Denken.

Ich stimmte seinem, Peters Vorschlag mit Freuden zu. Wenn ich damals von seiner Absicht und seiner „Vorarbeit“ auch nur die geringste Ahnung gehabt hätte – mit genauso großer Freude hätte ich meinen „Freund und Gönner“ Peter nach Strich und Faden verprügelt – glaube ich.

Der Lumpsack hatte mich doch tatsächlich im Vorfeld für zehntausend Mark bar auf die Kralle an den Chef einer ‚Drückerkolonne’ verkauft. Er besaß aus seiner aktiven Zeit immer noch exzellente Verbindungen zu diesen halbseidenen Windhunden der Zeitschriftenwerberbranche. Ich war buchstäblich als „Erwerbsquelle“ von einem „Zuhälter“ an den anderen verschachert worden. Etwas anderes sind diese Typen nicht. DAS kann ich heute sagen.

Unter „Verlagswerbung“ konnte ich mir überhaupt noch nichts rechtes vorstellen. Der in Deutschland landläufige Begriff ‚Klinkenputzen’ für diese „Tätigkeit“ ging mir erst sehr viel später ein.

Um seiner ‚Vermittlungsprovision’ auch sicher zu sein, lernte er mich ein paar Wochen lang an – er weihte mich in die Geheimnisse des ‚Leute rumkriegen’ ein. Erst danach entließ er mich in des Teufels Hinterzimmer – als das ich die Verlagswerbung K. in Darmstadt im nachhinein empfunden habe.

Die Spinne im Netz – den Chef der Agentur – kannte ich schon aus den ‚Vorverhandlungen’ – aus den Dreiergesprächen zwischen Peter, mir und ihm.

 ‚Vorverhandlungen’ – den Glauben ließ man mir – der Chef des Ladens wollte wohl eher seinen ‚guten Kauf’ bestätigt wissen. Risikofaktoren in Gestalt von unsicheren Kantonisten geht man auch in diesem Metier tunlichst aus dem Wege. Es drehte sich in den Protzgesprächen nämlich nur um Abrechnungsprovisionen für eingefahrene Zeitschriftenabos.

Durch das Niedrigwasser, oder besser der anhaltenden Dürreperiode in meiner Kasse war es mir eigentlich gleichgültig, womit ich mein Geld verdiente. Nur ein bestimmtes Ehrverhalten habe ich mir nie abkaufen lassen. Zum Beispiel stammte keiner der Namen auf meinen Abo-Scheinen von den Grabsteinen schon Verstorbener auf irgendwelchen Friedhöfen, oder keines meiner Kolonnenmitglieder mußte wegen zu geringen Umsatzes hungern oder dursten.

Im Gegensatz zu den meisten meiner „Drückerkollegen“ bewahrte mich meine körperliche Überlegenheit vor Repressalien und Misshandlungen der Kolonnenführer. Meine Fähigkeiten als Ringer – ich war hessischer Landesmeister im Freistilringen gewesen – ersparte mir so manche ‚Ochsentour’ im Aboschreiben. Ich brauchte nicht bis spät abends von Tür zu Tür zu dackeln, um mein Pensum zu erfüllen. Neun Scheine – ohne die man sich normalerweise nicht im Quartier blicken lassen durfte – waren schon knüppelhart. Für die weniger begabten ‚armen Schweine’ unter meinen Kollegen bedeutete das oft ein achtzehn Stunden Tag.

Ich war von alledem befreit – weil ich ja zum lernen dabei war. Das glaubte ich damals zumindest selbst-gefällig. Eher war es wohl der Respekt der Unterbosse vor meiner körperlichen Überlegenheit.

Natürlich hat meine Fähigkeit, die Kunden von der unbedingten Notwendigkeit eines für sie völlig überflüssigen Zeitschriftenabos zu überzeugen, zu meiner besseren Stellung in der Gruppe beigetragen – sicherlich – aber allein das war es bestimmt nicht.

Die Berichte in den Zeitungen, über meine Erfolge als Ringer in der Bundesliga, haben mich bestimmt vor vielem Hässlichen beschützt. Ich stieg dank meiner Verkaufstalente ganz schnell in der Hierarchie auf.

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 Knapp ein Vierteljahr nach meinem Debüt bekam ich von der obersten Heeresleitung den Lohn – ich wurde zum Kolonnenführer ernannt. Übrigens war ich der jüngste Leiter in der Vertriebs-Geschichte des Hauses K. in Darmstadt.

 ‚Klinkenputzen’ gehörte für mich von dem Zeitpunkt an der Vergangenheit an. Die Auftragsausbeute der anderen Drücker einzusammeln und zu kontrollieren, das war plötzlich meine Aufgabe. I

ch hatte noch nie zuvor so viele Friedhofsadressen zu Gesicht bekommen.

‚Friedhofsadressen’ nannten wir die Scheine, auf denen erfolglose Werber einfach die Namen von schon Verstorben eingesetzt hatten, um die geforderte Norm zu erfüllen.

Da ich das Gewerbe von einer anderen Warte aus betrachtete – ja sogar für Schwächere einsprang, um deren Soll zu erfüllen – nahm ich in kurzer Zeit eine Sonderstellung unter den Kolonnenführern ein.

Mein Ruf reichte von Nord nach Süd – wer mich von den einfachen Drückern kannte, wäre am liebsten in meiner Kolonne tätig gewesen. Dann hätte ich aber wohl mit einem ganzen Eisenbahnzug durch die Lande reisen müssen.

Mein Traum vom Reichtum nahm Formen an – am deutlichsten zeigte er sich in der Form von Spiel- oder auch Roulettetischen.

Mein Chef führte mich großzügig in die Welt der ‚beschlipsten’ Zocker ein. ‚Beschlipst’ deswegen, weil in den Spielhöllen für Reiche eine bestimmte Kleiderordnung beachtet werden musste.

Die Casinos in Wiesbaden und Aachen waren immer häufiger unsere Wochenendziele. Ich machte die Erfahrung, daß Roulettekessel ganz schön gefräßig sein können. Der allwöchentliche, leichtverdiente Nachschub an Provisionstalern ließ mich da aber nicht groß drüber nachdenken. Zumal ich nach einem gelungenen Spielabend von meinem Chef einen „Orden“ bekam.

Für meine Verdienste um die Firma verehrte er mir einen „ROLEX“ Zeitmesser – sechstausend Mark verlangte jeder Juwelier dafür.

Ich schwebte in dem Moment im siebenunddreißigsten Kolonnenführerhimmel. Und genau da wollte mein gerissener Chef mich offenbar auch hinhaben – es war ihm gelungen – zumindest für eine geraume Weile.

Nach weiteren vier Wochen in meiner Führungsstellung – in der ich mit einem Kleinbus aus der Wolfsburger Autoschmiede meine Kolonne in die Einsatzgebiete kutschierte – stand mir als gönnerhafte Gabe meines Chefs ein nagelneuer Opel-Ascona zur Verfügung.

Gegen den Chevrolet-Camaro des Bosses war selbst dieses Benzinkutsche aber nur der berühmte Spatz in der Hand, mit dem ich mich zufrieden geben musste, während er die Taube auf dem Dach verspeiste.

Wenn ich heute so zurückschaue, kann ich nicht mehr verstehen, warum ich die Allüren meines Chefs nachahmte. Auf jeden Fall fuhr ich in meinem Ascona dem Fußvolk, das sich auf den Plätzen im VW-Bus drängelte, voraus. An den ausgemachten Treffpunkten mußte sich jeder beim Statthalter im Ascona – der ich nun ja war – seine Weisungen abholen. Die Kontrolle der Mitarbeiter wurde dadurch immer effektiver. Erfolglosigkeit eines ‚Drückers’ bemerkte man sofort.

Wir logierten immer in Gemeinschaftsquartieren – so konnte man am besten Querschlägern in der Mannschaft ausweichen oder besser noch vorbeugen.

Eines Abends saß ich alleine im Fernsehzimmer der Gruppenunterkunft. Die Mitternacht hatte sich schon aus dem Staub gemacht. Trotzdem fand ich noch keinen Schlaf. Ein Kriminalfilm vertrieb mir die Langeweile, als ich plötzlich Wärme an meiner Seite spürte. Es war eine Wärme der ganz besonderen Art – Wärme, wie sie nur von einem verführerischen weiblichen Körper ausgeht.

Brigitte – ein Mitglied unserer Truppe – heizte mir ein. Seit Wochen hatte mein kleiner Prinz in der Hose nicht mehr gejubelt – jetzt tränten ihm plötzlich vor soviel naher Weiblichkeit die Augen.

Brigitte hatte nur einen Hauch von Nachthemd über ihre süßen Verlockungen gestreift. Die schimmernden Kugeln der Brüste, der flache Bauch und die sanfte Erhebung des Hügels der Venus schienen durch den Stoff und machten meine Sinne betrunken.

Seit Monaten hatte ich an keinem Honigtopf mehr genascht – in dieser Nacht bekam ich reichlich Gelegenheit meinen Hunger auf Süßes zu stillen.

Brigittes Lustzentrum war anscheinend genauso ausgehungert wie das Meine. Morgens hingen wir daher ziemlich groggy in den Seilen. So intensive und lang andauernde Nahkämpfe waren für mich eine ganz neue und ungewohnte Erfahrung.

Unser nächtliches Kampfgetümmel hatte das ganze Logis mobil gemacht. Brigittes Lustschreie waren überall gehört worden. Uns fragen, ob wir gut geschlafen hätten, brauchte uns am Morgen keiner. Diese Schlachten wiederholten wir beide nun regelmäßig – Brigitte war für längere Zeit ‚mein Mädchen’.

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Der Stuttgarter Raum war abgegrast – das Futter stand nur noch spärlich in der Gegend. Wiesbaden war unser nächstes Etappenziel. Ein ganzes Hotel in Wiesbaden-Sonnenberg wurde allein für unsere Gruppe angemietet. Roman, mein Lehrmeister und Chef, war ein guter Pfadfinder. Er kannte jeden Winkel und jede Hütte, bevor er uns von der Leine ließ.

Nachdem wir uns einquartiert hatten, konnte Boss Roman sich ohne Kopfzerbrechen wieder seinen anderweitigen Interessen widmen – ich hatte die Kolonne fest für ihn im Griff. Mein Umsatz lag inzwischen schon beachtlich über seinem eigenen. Die Wiesbadener Croupiers bekamen wohltuend es zu spüren – und wußten das zu schätzen.

Mit Wiesbaden war Aschaffenburg in greifbare Nähe gerückt – der Ort meiner zweiten Kindheitshälfte. Die 80 Kilometer waren für mich nicht mehr als ein Katzen-sprung.

Die Wochenenden nutzte ich, um meiner Brigitte Aschaffenburg zu zeigen – und natürlich auch, um meinem alten Freund Peter Brigitte zu zeigen.

Meine alten Freunde im Fahrbachweg zu besuchen, um ihnen von meiner ‚Karriere’ zu berichten und meine Eroberung vorzuführen – dazu fehlte mir seltsamerweise der Mut.

Verprügelt habe ich Peter auch bei diesem Wiedersehen nicht – mein Zorn auf ihn war verraucht. Sein Gaunerstück hatte mir ja nicht geschadet. Ganz im Gegenteil – ich war nicht nur ein erfolgreicher ‚Geschäftsmann’ geworden – dank seiner Kabinettstückchen – nein, ich hatte ja dadurch auch Brigitte kennengelernt und die höchsten Grade der Lust erfahren. Es war einer der schönsten Abschnitte auf der Achterbahnfahrt meines Lebens.

Einen kleinen Denkzettel mußte ich meinem alten Freund und Kupferstecher dann aber doch verpassen – das konnte ich mir nicht verkneifen. Ich hätte sonst wohl Magengeschwüre bekommen.

Seine Abfindung, die er für mich bekommen hatte – wie er sich vorsichtig zurückhaltend ausdrückte – war natürlich lange schon den Weg alles Vergänglichen gegangen.

Ich lud den längst wieder mittellosen Peter in das feinste Restaurant der Stadt ein. Ohne vorher einen Portemonnaie-Walzer aufzuführen, ließ ich den befrackten Ober die Speisen- und Getränkekarte rauf und runter servieren.

Peter tat sich keinen Zwang an – genüßlich tränkte er seine ausgetrockneten Eingeweide mit den edelsten Sachen. Immer schön langsam, damit es auch wirkte. Auf halbem Wege verabschiedeten wir uns – ließen Peter sozusagen halbaufgerichtet im Kulinarentempel zurück.

Seine Nerven fingen gerade an, einigermaßen normal zu reagieren – da entzog ich ihm den Stoff. Er bekam zu spüren, wie es einem so ergehen kann.

Im Restaurant konnte er nicht bleiben – und an den Verkaufsbuden draussen gab es auch nichts ohne bare Münze. „Ohne Moos nichts los“ – hörte ich einmal einen Büdchenbetreiber zu Peter sagen. Zwar sagte der gute Mann das mit lächelndem Gesicht, aber so knochenhart und trocken wie ein sechs Monate altes Kommißbrot.

Vielleicht hat Peter da mal ein wenig an die Spielchen gedacht, die er mit mir getrieben hatte.

In mir waren tausend kleine Teufel der Befriedigung am tanzen. Dreimal habe ich diese Neckerei mit ihm getrieben – von da an schlich er immer erst einmal witternd um meine Einladungen herum – wie ein hungriger Steppenwolf – stets auf das schnappen einer Fußangel gefaßt. Mein gekränktes Ego hatte sich auf jeden Fall wieder aufgerichtet.

Unsere Wiesbadenzeit hatte sehr viel Substanz. Mainz, Ludwigshafen, Rüdesheim – alle umliegenden Städte und Dörfer pflügten wir intensiv durch. Wie ein Kamm mit fünfzehn enggestellten Zähnen zogen wir Strich für Strich durch die Landschaft. In drei Monaten glätteten wir ein Gebiet von gut zweihundert Kilometern Durchmesser mit äußerst guten Erfolgen. Jeder von uns – auch die Infanterie – genoß in dieser Zeit so eine Art Fettlebe.

Irgendwann war aber auch diese Weide abgegrast – wir mußten uns neue Futterplätze suchen.

In Kürten-Dürscheid wurden wir fündig. Eine Reiterhazienda wurde unser Basislager. Es war ein Hotel oberhalb eines Hanges. Roman wählte es wegen seines Nebenhauses aus, das er komplett anmietete.

In geschlossener Gesellschaft, und unter einem Dach befindlich, war die Zugriffigkeit auf die Mannschaft besser. Es verringerte erheblich die Gefahr, daß jemand von den Geknechteten aus der Reihe tanzte. Ich muß es heute eingestehen – unter Romans Regie ging es nicht immer nur christlich zu. Er wußte seine Vorteile immer zu wahren und diese im Falle eines Falles auch wohl brachial durchzusetzen.

Das Bergische Land hatte es mir auf den ersten Blick angetan. Von Bergisch-Gladbach nach Köln konnte man schon beinahe hinspucken – und Köln hatte etwas Besonderes an sich, das muß ich schon sagen!

Unser Größenwahn trieb Blüten – das Leben im Reichtum bekam Methode. Noch keine dreimal hatte Romans Hintern die original altenglische Klobrille in seinem neuen Domizil geküßt, da saß er schon mit seinen vier Buchstaben auf dem Rücken eines eigenen Pferdes. Einem Zigeunerbaron gebührt schließlich der allmorgendliche Ausritt in die Ländereien.

Die besaß der Drückerfürst zwar nicht in Kürten – und auch nicht anderswo – aber wie gesagt: es gehört sich eben so. Damit er bei seinen Ausritten in die Weiten der bergischen Wälder wenigstens einen Bewunderer an seiner Seite wußte, brachte er mich dazu, mir auch eine Haflingerstute anzulachen.

Pro Huf mußte ich fünfhundert Märker auf den Tisch der Hazienda am Fuße des Hügels blättern. Ein stolzer Preis für achthundert Pfund Pferdefleisch mit braunem Fell, blondem Schweif und ebensolcher Mähne ausgestattet.

Romans Herrschergeschenk an mich als seinen Vasallen war ein wunderschöner handgearbeiteter Cowboy-Sattel – den ich mir selber beim vornehmsten Kölner Reitausstatter aussuchen durfte. Und wie es sich für zünftige Rindertreiber gehört – ein riesengroßes Steak gab es jeden Abend am Lagerfeuer.

 

 

 

In der Anfangszeit meiner Reiterlaufbahn konnte ich allerdings diese Köstlichkeiten am Lagerfeuer nicht so recht genießen. Ich mußte meine blauen Flecke und Verrenkungen pflegen, die meine Spidi mir schenkte, wenn sie aus vollem Galopp abbremste, und mich mit Effet in hohem Bogen in die bergische Feierabendlandschaft beförderte. Sie hat mir ganz schön Respekt beigebracht. In den höchsten Tönen konnte man mich oft piepsen hören.

Wieder war es Roman, der in dieser Situation Rat wußte. „Du blamierst noch die ganze Innung“, sagte er zu mir, „wenn Du nicht endlich sattelfest wirst. Ich besorge Dir eine Kandare.“

Eine Kandare musste also her – und wieder wurde mir ein Begriff vor die Füße gelegt, mit dem ich nichts anzufangen wußte. Als ich dann allerdings begriff, was so ein Ding war – und wie es funktionierte – ich hätte den Kauf am liebsten rückgängig gemacht.

Roman ließ aber nicht locker. „Entweder du machst deine Spidi damit gefügig“ – so sein Argument – „oder du schenkst dir das Reiten, und läßt das Pferd auf der Weide laufen.“

Na, ja – das wollte ich auch nicht. Geschmeckt hat es mir trotzdem nicht – ich habe jedesmal mitgelitten. Gottseidank war meine Spidi ein Schnell-Lerner. Das Quälmittel Kandare konnte ich nach ein paar Tagen in der Versenkung verschwinden lassen.

Roman mußte einen Narren an mir gefressen haben – seine Geschenke an mich erweckten bei mir zumindest den Eindruck. Er staffierte mich mit allem aus, was seiner Meinung nach ein ‚Gentleman’ benötigte.

Die Geschenkorgie gipfelte in einer kompletten Cowboy-Ausrüstung. Nichts fehlte daran – sogar ein Revolver mit Patronengurt und Holster war dabei.

Unseren Showauftritten auf der Reiterhazienda stand nun nichts mehr im Wege. Jedes Wochenende tobten wir uns auf diese Art aus. Die anderen Gäste und Besucher waren von unseren Vorführungen stets begeistert. Ich bedaure heute noch, daß wir unsere Pferde aus Zeitmangel die Woche über nicht selber füttern und pflegen konnten, aber irgendwie mußten wir ja das Moos für unsere Sperenzchen herbeischaffen.

250,- Märker die Woche mußten wir allein an Pensionsgeld für die Pferde berappen. Wenn wir mit unserem Spökes an den freien Tagen nicht soviel Leben auf die Hazienda gezogen hätten – der Preis wäre noch ungleich höher ausgefallen. So besorgten wir auf diese Art auch das Geschäft des Hoteliers.

Eine Westernstadt war auf unser betreiben hin entstanden – so ganz nach dem Vorbild der Neueweltpioniere. Es fehlte an nichts – Schmiede – Mietstall – Sheriffoffice mit Jail – einen Saloon – sogar einen „Boothill“, einen Friedhof hatten wir angelegt. Die Opfer der Schießereien und Schlägereien im „Saloon“ mußten ja zeitgemäß verbuddelt werden. Sogar ein ‚Etablissement’ konnten die Hobbycowboys bei uns finden – die Rolle der ‚käuflichen Damen’ spielten mit Begeisterung die jungen Mädchen, die in den Stallungen die Pferde pflegten. Das geschah natürlich alles in Ehren – womit ich aber nicht ausschließen will, daß hin und wieder auf den Matratzen in den Kabinetten richtig und in Echt gejodelt wurde. Selbst die frommste Stute kann ja schließlich nicht immer nur auf Pappe kauen.©ee

 

 

 

 

 

 

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